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Cleaner von silverbird
Inhalt:

Lord Dwayne Carington ist der Anführer einer Vampirgruppe, die sich die Cleaner nennen. Ihr Wirkungskreis ist in New York. Er uns eine Mitstreiter bekämpfen die Sekhmet. Eine uralte Vampirrasse mit unbezähmbaren Blutdurst, die zudem aus purer Lust tötet.

 


Fandom(s): Originale Pairing(s): Dwayne Carington
Story-Genre: Abenteuer, Drama, Hurt/Comfort
Länge der Story: Mehrteiler
Story-Typ: Hetero - M/F, Slash - M/M
Warnungen: Keine
Challenges:
Serie: Keine
Kapitel: 13 Story vollendet: Ja Anzahl der Wörter: 37875 Wörter Gelesen: 20388 Mal Datum der Veröffentlichung: 27.08.10 Letztes Update: 08.01.11
Kommentar:

 

Alle Charaktere und Elemente sind mein Eigentum und dürfen ohne meine Erlaubnis nicht weiterverwendet werden. Es besteht keinerlei Bezug zu realen Personen, sollte es Ähnlichkeiten geben waren diese nicht beabsichtigt.

Zur Hilfestellung findet ihr Hier ein paar Hintergrundinformationen.

Storypic: Silentthunder

Betas: Silentthunder und Lorias

 

 

 

1. Kapitel - Ankunft von silverbird

2. Kapitel - Travis von silverbird

3. Kapitel - Das Ritual von silverbird

4. Kapitel - Martha und Paul von silverbird

5. Kapitel - Erkenntnisse von silverbird

6. Kapitel - Eine verhängnisvolle Kugel von silverbird

7. Kapitel - Der Jäger von silverbird

8. Kapitel - Jace von silverbird

9. Kapitel - Nico von silverbird

10. Kapitel - Die Arena von silverbird

11. Kapitel - Showtime von silverbird

12. Kapitel - Magnetismus von silverbird

13. Kapitel Die Abreise von silverbird

Kapitel - Ankunft von silverbird
  

 

„Nun bin ich hier, wo ich niemals sein wollte, mit einer Aufgabe, die ich nie übernehmen wollte. New York, der Big Apple, die Stadt, die niemals schläft. Fein. Ich hasse meinen Job. Beide Jobs, um genau zu sein. Als ob wir mit unseren Job als Cleaner nicht schon genug zu tun hätten, muss ich auch noch ein Antiquitätengeschäft führen, wofür ich wirklich keine Zeit habe. Was mich zu meinem nächsten Problem bringt. Ich habe nicht genug Leute. Für das Geschäft ist das kein Problem. Darum wird sich eigentlich ohnehin Travis kümmern, aber ohne Zweifel brauchen wir mehr Cleaner. Aaran ist bisher mein einziger Mitstreiter und das reicht für diese große Stadt bei weitem nicht.“

„Hätten Mylord die Güte uns zur Hand zu gehen? Oder anders ausgedrückt. Schwing deinen verdammten Arsch herunter, Dwayne. Ich habe keine Lust, alleine den Packesel zu spielen.“

„Aaran“, rief Dwayne erfreut, stand auf und lief zur Treppe. „Da bist du ja endlich“, begrüßte er den Freund, der ihm schwer bepackt entgegenkam.

„Aye. Live, in Farbe und eben angekommen“, entgegnete der blonde Hüne, dessen graue Augen vergnüglich blitzten. „Ich habe meinen Kram dabei und das, was du von zu Hause haben wolltest. Und ich wette um deine beste Flasche Glenfiddich, dass ich mein Zeug schneller abgeladen habe als du deines.“

„Seit 200 Jahren der gleiche Kindskopf“, murmelte Dwayne und schnappte sich zwei Kartons von dem Lastwagen, der in der Einfahrt stand. Dann rannte er Aaran im Blitztempo hinterher. Schließlich konnte er es nicht zulassen, dass irgendeiner schneller war als er.

Nachdem sie alle Kartons ausgeladen und vorläufig in der Halle abgestellt hatten, saßen die beiden Freunde in Dwaynes großem Arbeitszimmer auf der weichen, kognakfarbigen Ledergarnitur.

„In einer Woche kommen Martha und Paul. Sie bringen noch weiteres Personal mit. Das Haus ist zu groß, um den Beiden die ganze Arbeit alleine aufzuhalsen. Martha und Paul sind meine guten Geister. Du wirst sie mögen, schon alleine wegen Marthas Kochkünste.“

„Essen“, Aaran klopfte sich auf den Bauch. „Ich brauche echt bald was. Aber noch halte ich es aus, denn ich hatte unterwegs einen hübschen Snack. Ne Rothaarige. Ich liebe Autostopperinnen. Übrigens, Indigo müsste bald eintreffen und wenn wir noch andere rekrutieren können, ist die Bude bald voll“, überlegte Aaran.

Aaran redete wieder einmal ohne Punkt und Komma und Dwayne runzelte die Stirn. „Wer ist Indigo?“

„Unser erster Rekrut. Perfekt für...“

Ein lautes Fluchen, gefolgt von einem Poltern unterbrach das Gespräch der Beiden. Zugleich zogen sie ihre Glocks und eilten kampfbereit zur Treppe.

„Das ist die mieseste Camouflage, die ich je gesehen habe.“

Dwayne starrte mit großen Augen auf die schlanke Gestalt, die mitten in seiner Halle stand. Was er sah, war eine Frau, oder besser gesagt eine Vampirin. Fast 1 Meter 80 groß, langes, schwarzes, seidiges Haar mit lila Strähnen, und genau dieser Farbton wiederholte sich in ihren Augen. Sie trug ein schwarzes Seidenshirt, helle Jeans und eine Lederjacke. Ihre Füße steckten in hohen Jeansstiefel. Neben ihren Beinen standen ein riesiger Koffer und eine Laptoptasche.

Was Dwayne nicht bemerkte war, dass er von Indigo indessen ebenso genau gemustert wurde. 'Geborene Vampire sind zwar generell gut aussehend, aber dieser Lord schlägt die meisten. Ich schätze mal, er ist über eins neunzig. Tolle Haare, könnten für meinen Geschmack länger sein. So viele verschiedene Brauntöne, habe ich in der Art noch nie gesehen und es ist nicht gefärbt, dafür habe ich einen Blick. Und die Augen. Ungewöhnlich. Türkis mit braunen Sprenkeln. Aber trotz der aristokratischen Nase nicht mein Typ', schloss Indigo ihre gedankliche Analyse ab.

Aaran holte Dwayne sowie auch Indigo aus ihren Gedanken. „Dann ist es ja gut, dass du endlich da bist, um dich darum zu kümmern“, sagte er lachend, lief die Treppe hinunter und umarmte die Freundin herzlich. Dann wandte sich Aaran zu Dwayne. „Das ist Indigo, wie du dir vermutlich denken kannst. Indigo, unser Lord. Dwayne Carington“, stellte er die Beiden einander vor.

Indigo neigte kurz den Kopf und Dwayne ging auf sie zu. Du bist eine Frau“, sagte er und bemerkte sogleich, dass diese Aussage nicht gerade geistreich klang.

„Ich weiß“, entgegnete sie lächelnd, woraufhin auch Dwayne lächeln musste. „Sorry, es kam für mich nur unerwartet, da Aaran das nicht erwähnt hatte.“

Indigos Augenbrauen schnellten in die Höhe. „Ist das ein Problem? Ich dachte, in diesem Zeitalter sind wir endlich raus aus diesem Schemadenken.“

„Ich war in diesem Zeitalter nie drinnen“, erklärte Dwayne und sie erkannte in seinen Augen, dass er die Wahrheit sagte.

Indigo nickte zufrieden. „Gut, dann hätten wir das geklärt.“

„Haben wir“, stimmte Dwayne zu. „Da Aaran dich empfohlen hat, bist du willkommen. Er behauptet übrigens, du bist ein technisches Genie.“

„Die Beste“, erwiderte Indigo selbstsicher.

„Dann hoffe ich, du bist so gut wie dein Ego.“

Indigo grinste. „Besser. Und was ich so sehen konnte, braucht ihr mich dringend. Worum es genau geht, hat mir Aaran nicht gesagt. Er erwähnte nur noch, dass es was mit den Cleanern zu tun hat.“

Dwayne hob seine Augenbrauen und schaute Aaran an, der zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, wenn sie erst mal hier ist, wirst du ihr die Details schon verklickern, Mylord.“

„Hör auf mich so zu nennen“, knurrte Dwayne. Dann wandte er sich dann an Indigo. „Gehen wir ins Arbeitszimmer. Ich habe einige Fragen an dich, die entscheidend dafür sind, ob du den Job bekommst.“

Nachdem sie auf der schweren Ledergarnitur Platz genommen und Aaran jedem das Glas mit Whisky gefüllt hatte, fragte Dwayne: „Wie genau bist du über die Cleaner informiert?“

Indigo antwortete ruhig. „Mein Vater hat von den Cleanern erzählt und wie der Bund entstanden ist. Vor einigen Jahrhunderten wurde unsere Art fast ausgerottet und es ist unbestritten, dass es unsere eigene Schuld war. Hätten unsere Vorfahren nur so viel Blut von den Menschen getrunken, wie sie brauchten, anstatt sie zu töten, wären wir wahrscheinlich nie entdeckt worden. Aber durch ihre Kräfte hielten sie sich für unbesiegbar und den Menschen weit überlegen. Ein Fehler, der vielen unserer Art das Leben kostete. Denn die Menschen hatten mit der Zeit erkannt, was wir waren und wie man uns vernichten konnte. Feuer, oder wenn wir den Kopf verlieren.

Und so griffen sie zum Schwert statt zur Schlinge und die Frauen wurden dem Feuer übergeben. Die Hexenverbrennung ist nur eines der Beispiele der Jagd nach uns.

Es sind auch viele unschuldige Menschen durch diesen Verfolgungswahn gestorben und das hätte verhindert werden können, wenn sich unsere Vorfahren anders verhalten hätten. Das erkannten sie dann auch und fassten den Beschluss ihrerseits keine Menschen mehr zu töten. Um dieses Gesetz zu sichern, wurde der Bund der Cleaner gegründet. Diesem Bund beitreten zu dürfen war für jeden Vampir eine Ehre und nur wer besondere Voraussetzungen hatte, wurde ausgewählt.

Dazu musste man zumindest;

1.    ein geborener Vampir sein

2.    ein Lord, oder dessen Nachkomme sein und

3.    seinen Blutdurst im Griff haben.

 

Dwayne nickte. „Das ist unsere Geschichte, doch sie sagt nichts über die Aufgaben der Cleaner aus. Dazu muss ich weiter ausholen.“

 

„Oder auch nicht. Wir Cleaner sorgen dafür, dass unsere Gesetze eingehalten werden. Anders ausgedrückt, wer nicht pariert, krepiert“, warf Aaran grinsend ein.

 

„Toller Slogan“, bemerkte Indigo trocken und nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas.

 

Dwayne schnaubte ungehalten. „Wir sind keine Killertruppe, Aaran.“

 

Aaran zuckte mit den Schultern. „Irgendwie schon.“

„Nun ja, das ist nicht ganz zu widerlegen. Aber darüber reden wir später.“ Dwayne wandte sich wieder Indigo zu. „Bisher waren die Cleaner Nomaden. Die abtrünnigen Vampire, wir nennen sie Sekhmet, das ist der Name des Gottes, von dem sie angeblich abstammen sollen. Er wandelte auf Erden und nährte sich auf grausamste Weise vom Blut der Menschen. So wird zumindest in den alten Schriften berichtet und das ist auch ein Teil der Geschichte der Cleaner. Doch dazu ein anderes Mal mehr. Jedenfalls, diese Sekhmet werden immer mehr, daher hat der Ältestenrat beschlossen in allen großen Städten dieser Welt Fixstationen einzurichten. Ich übernehme New York und suche deswegen passende Mitstreiter mit unterschiedlichem Können. Deswegen brauche ich auch jemanden der sich hauptsächlich um die Camouflage und den ganzen technischen Kram kümmert. Doch das ist nicht alles. Derjenige sollte auch draußen, auf den Strassen, einsetzbar sein und die dazu nötige Kampferfahrung haben“, erklärte Dwayne.

 

Indigo richtete sich kerzengerade auf und entgegnete aufgeregt. „Ich würde fast alles tun, um dem Bund anzugehören und ich erfülle alle Voraussetzungen. Technisch bin ich wie gesagt ein Ass und kann auch problemlos eine bessere, nein, perfekte Camouflage um das Haus legen. Ich bin ein geborener Vampir und im Griff habe ich mich auch. Außerdem habe ich vier Brüder. Wenn ich da nicht gelernt hätte sie umzuhauen, wäre ich aus unserem Shelter nie rausgekommen. Frag Aaran, ich habe ihn schon öfter von den Beinen gefegt. Wenn du mir nicht glaubst, kann ich dir gerne eine Demonstration.....“

 

Dwayne unterbrach sie lachend. „Schon gut, ich glaube dir. Andernfalls hätte dich Aaran gar nicht erst angeworben.“ Doch dann wurde Dwaynes Gesichtsausdruck ernst. „Allerdings macht mir dein Enthusiasmus Sorgen. Ich hoffe, du bist dir bewusst, was auf dich zukommt.“

 

„Mylord, mir ist völlig klar, dass ein Cleaner zu sein kein Job ist, sondern eine Berufung und du kannst mit meinem vollen Einsatz rechnen.“ Indigo sagte das sehr ernsthaft und für Dwayne absolut glaubhaft. Daher nickte er. „Gut, diese Einstellung erwarte ich von allen meinen Kriegern“, antwortete er und schaute dabei auch Aaran streng an. „Hey, ich bin Highlander und somit von Geburt an ein loyaler Kämpfer. Einer der Besten, möchte ich betonen.“

 

„Ich weiß, Aaran scheint eine gute Wahl getroffen  zu haben“, entgegnete Dwayne und schlug Aaran freundschaftlich auf die Schulter.

 

Dwayne stand auf. „Dann sind wir uns einig. In drei Tagen werde ich das Ritual vollziehen.“

 

„Ritual?“ Indigo schaute Aaran fragend an, doch der zuckte nur mit den Schultern. „Sicher irgendetwas Kindisches mit Blut. Es geht ja immer um Blut.“

 

„Du bist mein Freund, Aaran, trotzdem dulde ich es nicht, dass du abfällig über das Ritual sprichst. Es bedeutet mehr als nur zum Bund zu gehören. Sei dir dessen bewusst“, rügte Dwayne seinen Freud.

 

Aaran hob beschwichtigend die Hände. „Schon klar. Das heißt, eigentlich ist gar nichts klar. Das ist ja das Unheimliche. Ich weiß von den Cleanern, dem Bund und so weiter, aber alle Cleaner die ich kenne, einschließlich du, Mylord“, sagte er tadelnd,“ haben anscheinend ein Schweigegelübde abgelegt. Keiner sagt was, wenn man fragt.“

 

„Das ist eine der Regeln des Bundes. Stell dich darauf ein, diesbezüglich deine Klappe zu halten“, verlangte Dwayne schmunzelnd. Aaran trug sein Herz auf der Zunge, aber Dwayne kannte ihn lange und gut genug, um zu wissen, dass auf ihn 100 Prozent Verlass war. Auch was seine Verschwiegenheit anbelangte, wenn es um wichtige Dinge ging.

 

„Was? Noch mehr Regeln? Kriegen wir da so ein Handbuch zum auswendig lernen, das wir dann essen müssen, damit es der Feind nicht in die Hände kriegt? Apropos essen. Ich halte es nicht aus, bis deine guten Geister kommen. Noch jemand Pizza?“ Aaran schaute Indigo und Dwayne fragend an, doch die schüttelten die Köpfe.

 

„Du kannst dir eine aus der Stadt mitnehmen. Das Haus ist faktisch leer, daher gibt es vieles, das wir besorgen müssen“, sagte Dwayne. „doch zuerst sucht euch euer Zimmer aus und macht euch eine Liste, was ihr so braucht. Alles. Mobiliar, das ihr ersetzen wollt  und so weiter. Indigo, du kümmerst dich um die Technik, die wir brauchen. Aaran, du bestückst den Trainingsraum. Nachdem ihr euer Zimmer gefunden habt, treffen wir uns hier wieder und besichtigen das Haus, um die nötigen Listen zu erstellen.“

 

Aaran salutierte und grinste. „Zu Befehl, Mylord.“

 

Als Dwayne ungehalten schnaubte, ging Aaran lachend davon. Indigo folgte ihm und Dwayne seufzte, während er sich den verspannten Nacken rieb. Er war müde, aber zum Schlafen war keine Zeit. Erst war es wichtig, dass die Camouflage verstärkt wurde. Darum würde er sich, trotz Indigos Angebot, selbst kümmern, bevor sie das Haus verließen. Es würde bestimmt eine Woche dauern, bis das Haus fertig eingerichtet war, aber die technischen Sicherheitsvorrichtungen wollte Dwayne aber spätestens morgen fertig haben. Wenn Indigo so gut war, wie sie behauptete, würde das klappen und das Haus war sicher.

 

Doch ihnen lief die Zeit davon. New York hatte sich zu einer Hochburg für die Sekhmet

entwickelt, denen dringend Einhalt geboten werden musste, bevor die Menschen bemerkten, dass es nicht nur sie, sondern auch andere Vampire gab. 'Viele andersartige Wesen gibt', berichtigte sich Dwayne und dachte daran, dass eine größere Gruppe Lykanthropen am Rande der Stadt lebten. 'Und früher oder später werden wir aufeinander treffen. Ihre Spezies und meine können sich nicht riechen und ich hoffe, es kommt nicht auch noch mit ihnen zu einer Eskalation. Aber darüber kann ich mir Gedanken machen, wenn es soweit ist. Jetzt muss ich mich um andere Dinge kümmern.' Dwayne begann Notizen auf verschiedene Zettel zu schreiben und kaum war er fertig, betraten Indigo und Aaran das Arbeitszimmer.

 

„Die Zimmer sind nicht schlecht und großteils eingerichtet, wobei ich einiges raus schmeißen werde, das ist dir doch klar. Gar nicht mein Stil. Ich dachte, du kennst mich besser“, beschwerte sich Aaran sofort.

 

„Ich habe das Haus mit Inventar übernommen. Es ist zwar schon älter, wie ihr sicher bemerkt habt, aber sehr solide gebaut. Ideal für unsere Zwecke. Dennoch muss es modernisiert werden und ihr könnt eure Bereiche natürlich so abändern, wie ihr es wollt. Machen wir nun den Rundgang, damit ihr euch ein Gesamtbild machen könnt. Ich bin auch erst kurz vor euch eingetroffen und habe mich nur kurz umgesehen. Allerdings scheint alles den Bildern und Informationen zu entsprechen, die ich per Mail bekommen habe. Zumindest, was die oberirdischen Stockwerke betrifft“, erklärte Dwayne, während er den Aufzug betrat. „Zwei Stockwerke sind unterirdisch. In einem von ihnen befindet sich unter anderem ein Schutzbunker. Vielleicht können wir ihn für irgendetwas verwenden.“ Dwayne zuckte mit den Schultern. Der Lift hielt und sie stiegen aus.

 

Indigo runzelte die Stirn. „Das ist Felsgestein“, sagte sie und glitt mit den Fingern über raue Seitenwand.

 

„Ja, offenbar wurden die zwei Stockwerke aus dem Fels geschlagen. Die erste Etage ist eine Garage. Wir sind jetzt in der Zweiten.“ Dwayne ging den Flur entlang und öffnete eine Flügeltüre. Ein runder Raum war zu sehen, dessen Wände mit Blattsilber ausgekleidet waren. Dicke Teppiche bedeckten das edle Parkett und ein schwerer runder Holztisch stand in der Mitte das Saales, umsäumt von hohen Stühlen.

 

„Was ist denn das? Arthurs Rittersaal, oder was?“, wollte Aaran wissen und trat ein. Interessiert ging er auf die Bücherregale zu, die einen Teil der Wände füllten.

 

„Keine Ahnung, wozu dieser Raum diente. Über die unteren Stockwerke gibt es keinerlei Informationen. Irgendwann sollten wir das erforschen. Kommt, sehen wir uns die anderen Räume noch an“, forderte Dwayne.

 

In diesem untersten Stockwerk befand sich noch ein sehr großer, quadratischer Raum, der sich als Trainingsraum anbot, da sich gleich daneben drei Bäder befanden. Das nächste Zimmer beanspruchte Indigo für sich. Der ideale Raum für die Computeranlagen und anderes technisches Zeug, befand sie.

 

Die anderen Räume waren unspektakulär und so beendeten sie ihre Besichtigung und landeten wieder im Arbeitszimmer.

 

„Hier“, Dwayne reichte die Zettel weiter. „Bei diesen Adressen bekommt ihr alles, was wir so brauchen. Sind alles Leute von uns, aber lasst trotzdem nichts liefern. Wir holen alles selbst ab. Je weniger Leute von diesem Haus wissen, desto besser.“

 

Die beiden nickten und Dwayne stand auf und wandte sich an Indigo. „Geld spielt keine Rolle. Nimm von allem das Beste, das es derzeit auf dem Markt gibt.“

 

„Das hätte ich ohnehin getan. Ich arbeite nicht mit altem Schrott“, erklärte sie unumwunden.

 

Dwayne ging nicht weiter darauf ein. Erst wollte er sehen, ob sie wirklich so gut arbeitete, wie sie behauptete. „Gut, erledigt jetzt eure Aufträge und nehmt den Lieferwagen. Wenn ihr fertig seid, dann kommt zu der Adresse, die als letztes auf eurem Zettel steht.“

 

Nachdem Indigo und Aaran das Grundstück verlassen hatten, fuhr Dwayne mit dem Fahrstuhl hinunter in die Garage. Lautlos öffnete sich die Lifttür und Dwayne betrachtete grinsend seinen Fuhrpark.

 

~ C ~

 

Über der Tür des Antiquitätengeschäfts hing eine silberne Tafel, in die ein einfaches, schwarzes ~ C ~ eingestanzt war. Es stand für Carington und Dwayne betrachtete den Buchstaben, während ihm kurz die Entstehungsgeschichte durch den Kopf ging.

Die Caringtons waren schon seit jeher Sammler von Kunstgegenständen gewesen. In Zeiten der Verfolgung und der diversen Kriege hatte so manches wertvolles Stück das Überleben des Clans gesichert. Menschen waren zum Glück bestechlich. Das galt damals genauso wie heute.

Dwayne wandte den Blick zur Tür. „Nun, dann sollte ich wohl mal reingehen“, murmelte er und drückte die Klinke hinunter.

 

 

 

 

 

 

 

 

  
Kapitel - Travis von silverbird
Dwayne betrat das Geschäft und sah, dass Travis mit einer Kundin beschäftigt war. Da er nicht stören wollte, schaute er sich kurz um und ging dann auf einen alten Sekretär zu und betrachtete dort die verschiedenen kleinen Kostbarkeiten, die darauf ausgearbeitet waren. Seine Familie handelte schon seit Jahrhunderten mit antiken Kostbarkeiten und er rief sich in Erinnerung, wie es überhaupt dazu gekommen war.

Begonnen hatte es mit der Sammelleidenschaft einer der Vorfahren Dwaynes in der Zeit der Kreuzzüge. Dieser Vampir und Kreuzritter, legte den Grundstein des Vermögens des Clans, das über die Jahrhunderte geschickt vermehrt wurde.

Inzwischen hatte der Carington - Clan in einigen Städten der Erde ihre Antiquitätengeschäfte, doch sie bleiben stets klein und exklusiv. Denn ihren inzwischen enormen Reichtum verdankte der Carington - Clan auch anderen Geschäften, Immobilien und Beteiligungen an luxuriösen Hotelketten.

Trotzdem, ~ C ~ war etwas, das nur den Caringtons seit vielen Jahrhunderten gehörte und es nahm daher eine besondere Stellung in der Familie ein. Ein Grund, wieso auch nur Familienmitglieder oder besondere Freunde diese Geschäfte leiteten. 'So wie Travis', dachte Dwayne, als der Geschäftsführer auch schon an ihn herantrat.

„Guten Abend, Mylord. Sehr erfreut, Sie zu sehen", wurde er auch schon begrüßt. Dwayne gab den Gruß lächelnd zurück und nachdem sie ein paar Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht hatten, bat Travis Dwayne in das kleine Büro hinter dem Verkaufsraum. Mit der Aussage bald zurück zu sein, da er noch eine weitere geschäftliche Abwicklung zu tätigen habe, ließ er Dwayne mit seinen Gedanken und einem guten Glas alten Whisky alleine.

Travis, Engländer und einer der wenigen gewandelten Vampire, die das Vertrauen und die Freundschaft der Caringtons genossen, hatte sich freiwillig wandeln lassen. Von seiner großen Liebe, Vera, einer geborenen Vampirin, die sich ebenso heftig in ihn verliebt hatte, wie er sich in sie. Damals vor 300 Jahren war das verpönt. Man amüsierte sich mit Sterblichen, saugte sie aus und wandelte auch hin und wieder einen, um die Streitkräfte seines Clans aufzustocken. Aber ein geborener Vampir ging keine Bindung mit diesen niedrigen Kreaturen ein. Niemals.

Von der Familie verstoßen, suchte Vera Zuflucht bei ihren entfernten Verwandten, den Caringtons. Obwohl Dwaynes Vater, Landon Carington, die Tat seiner Cousine missbilligte, gewährte er ihr und ihrem Mann Obdach und Schutz. Er sollte es nicht bereuen, denn Travis erwies sich nicht nur als fürsorglicher und liebevoller Ehemann, der Vera jeden Wunsch von den Augen ablas, Travis bereicherte mit seinem Wissen und Können auch erheblich die Kassen der Caringtons.

150 Jahre lebten Vera und Travis glücklich im Shelter der Caringtons, bis es einem Fanatiker gelang, Vera ob ihres „Verbrechens" zu töten. Es hatte Jahre gedauert, bis Travis den Mörder seiner Frau aufgespürt hatte und man munkelte, dass es einige Wochen gedauert hatte, bis Travis ihm erlaubte, zu sterben.

Dwayne wusste, dass Travis noch immer um seine große Liebe sie trauerte und keine andere Frau auch nur ansah. Für ihn gab es nur noch seine Arbeit und die Treue zu den Caringtons.

Travis leitete schon seit 15 Jahren die New Yorker Filiale und von ihm kam auch die Information über die vermehrten Angriffe der Vampire auf die Menschen. Travis war es auch gewesen, der Dwayne das Haus empfohlen hatte, in dem er von nun an leben würde. Beide kannten sich schon aus der Zeit, als Dwayne das erste Mal in London studiert hatte. Zu dieser Zeit leitete Travis die Londoner Filiale.

Dwayne hatte das Studentenleben geliebt und es über 200 Jahre in den verschiedensten Städten der Erde immer wieder betrieben, oder es getrieben, wie es sein Vater tadelnd genannt hatte. Dwaynes Vater hatte zwar nichts dagegen, wenn seine Söhne sich ein paar hundert Jahre austobten, doch Dwayne hatte derart über die Stränge geschlagen, dass es dem Oberhaupt des Carrington Clans zu viel wurde. Er stellte Dwayne vor die Wahl, entweder ins Shelter zurückzukehren, um sich dort für die Aufgaben des künftigen Clanführers vor zu bereiten, oder sich in Travis Hände zu begeben, der ihn in die Geschäfte der Caringtons einweihen und auch sonst ausbilden sollte. Dwayne wählte Travis und somit den leichteren Weg, das dachte er zumindest. Denn was konnte schon so schwierig daran sein, alten Kram zu verhökern. So etwas konnte er locker nebenbei machen und somit weiterhin seinem Spaß haben.

Ein großer Irrtum, wie sich herausstellte, denn Travis war viel mehr als nur ein Kunsthändler und Dwayne bereute seine Entscheidung oft in den folgenden Jahren seiner Ausbildung. Heute wusste er, man sollte 400 Jahre alte, gewandelte Vampire auf keinen Fall unterschätzen und schon gar nicht, wenn sie mit seinem Vater befreundet waren. Inzwischen liebte Dwayne Travis wie einen Bruder und holte sich immer wieder einmal seinen Rat.

„Wie geht es dir, Travis?", wollte Dwayne wissen, als sich der Kunsthändler wieder zu ihm gesellte.

„Danke der Nachfrage, Mylord, die Geschäfte laufen zufriedenstellend."

„Eigentlich wollte ich wissen, wie es dir geht, aber im Grunde ist das dasselbe. Aber ein Versuch war's wert", grinste Dwayne.

Travis hob nur die Augenbraue und ging nicht weiter darauf ein, sondern fragte: „Entspricht das Haus Ihren Vorstellungen?"

Dwayne nickte. „Wir müssen noch einige Verbesserungen vornehmen, aber es handelt sich nur um Kleinigkeiten. Sollte sich in ein paar Tagen erledigt haben. Übrigens, ich möchte dir ein Zimmer im Haus anbieten. Wo es ist, weißt du. Die Sicherheitscodes gebe ich dir über die sichere Leitung durch, sobald ich sie von Indigo habe." Dwayne informierte Travis darüber, wer seine beiden ersten Mitstreiter waren.

„Mr. Trehurne. Er ist er Ihrem Ruf gefolgt. Nichts anderes habe ich von ihm erwartet. Auch wenn ich es missbillige, wie respektlos er sich Ihnen gegenüber benimmt, einen besseren Kämpfer an Ihrer Seite könnten Sie nicht haben", bemerkte Travis und Dwayne nickte. „Auf ihn kann ich mich 100 Prozent verlassen. Aber auch, wenn du ihn Mr. Trehurne nennst, wirst du seine Manieren nicht verbessern können", fügte er lachend hinzu.

„Mr. Trehurne ist erst 200 Jahre alt, also besteht durchaus noch Hoffnung", gab Travis zurück und Dwayne konnte nicht sagen, ob sein Mentor einen Scherz gemacht hatte, oder ob es ihm ernst war. Da Travis aber so gut wie nie scherzte, nahm Dwayne eher das Zweite an.

„Bei Aaran ist Hopfen und Malz verloren, wie man so schön sagt. Aber jede Truppe braucht so seinen Clown", erklärte Dwayne und hob verwundert die Augenbrauen, als er ein winziges Schmunzeln in Travis Gesicht entdecken konnte.

„Nun, was das Zimmer anbelangt. Ich danke für das Angebot, doch ich bin mit den Räumlichkeiten hier durchaus zufrieden. Aber nun sollten wir zu Dringlicherem kommen." Travis ging zu einem antiken Schreibtisch und drückte an dessen Außenseite einen kleinen geheimen Schalter. Eine verborgene Lade sprang auf und Travis nahm einen Stick heraus, den er Dwayne reichte.

„Darauf finden Sie alle meine Aufzeichnungen. Sie enthalten Berichte der Presse über ungeklärte Morde oder verschwundene Personen, die meiner Meinung nach auf Vampirtätigkeiten zurückzuführen sind. Ebenso einige Namen, die zum Kreis der Verdächtigen gehören. Vor knapp sechs Monaten haben diese Vorfälle begonnen. Für weitere Fragen stehe ich selbstverständlich zur Verfügung. Außerdem finden Sie auf diesem Datenträger alle Informationen über Mrs. Indigo und zwei Anwärter, die der Bund für würdig erachtet. Ich denke, das ist alles, Mylord."

Travis gab Dwayne den Stick und der runzelte die Stirn. „Woher wusstest du von Indigo?"

„Mrs. Indigos Vater bat darum, seine Tochter abzuweisen. Doch das liegt nicht in den Belangen des Bundes", erklärte Travis knapp und Dwayne wusste, für Travis war dieses Thema abgeschlossen.

Offenbar war damit auch ihre Zusammenkunft beendet, denn Travis begab sich zur Tür und Dwayne erhob sich daraufhin. „Danke, Travis. Übrigens auch, was das Geschäft anbelangt. Im Grunde brauchst du mich überhaupt nicht. Eigentlich brauchst du niemanden", murmelte Dwayne irgendwie traurig darüber. Dann straffte er die Schultern. „Also, warum wird meine Anwesenheit gewünscht?"

„Hat Ihr Vater Sie nicht informiert?", fragte Travis verwundert.

Dwayne schüttelte den Kopf. „Er und Mutter sind in Italien. Zwei aus dem alten Adel gehen die ewige Verbindung ein. Nun ja, Mutter steht auf diese Zeremonien und Vater auf italienisches Essen und den Wein. Also war es ein guter Grund, sie zu begleiten. Jedenfalls haben wir nur telefoniert. Er hat mir knappe Anweisungen gegeben und erklärt, alles andere erfahre ich von dir. Sonst hätte er ja länger mit mir reden müssen. Wobei, wirklich reden tun wir miteinander ohnehin nicht. Er ordnet an, ich gehorche, oder brülle zurück. Je nachdem."

Travis wusste natürlich von dem gespannten Verhältnis zwischen Dwayne und seinem Vater, doch er kannte auch dessen Beweggründe. „Auch wenn er es nicht zeigt, Ihr Vater liebt Sie, Mylord."

„Na klar, darum behandelt er mich ja auch wie den letzten seiner Lakaien, weil er mich so sehr liebt und natürlich auch respektiert", entgegnete Dwayne sarkastisch.

„Sie sind derjenige, der nach ihm den Clan anführen wird. Da ist es nur verständlich, dass er viel von Ihnen erwartet. Und Sie haben es ihm nicht immer leicht gemacht", gab Travis zu bedenken.

„Wie auch immer, er wird nie mit mir zufrieden sein. Vermutlich hat er mich deswegen zu den Cleanern abgeschoben. Aber lassen wir das, es führt zu nichts. Kommen wir wieder auf den Punkt."

Doch damit schien Travis nicht einverstanden zu sein. Er gab sogar einen sehr ungehaltenen Ton von sich, was Dwayne wunderte. Doch als er seinen Mentor anblickte, hatte der sich bereits wieder unter Kontrolle und sagte ruhig: „Sie wurden sehr gut ausgebildet, sind der hervorragendste Kämpfer, der mir je begegnet ist. Ein ausgezeichneter Stratege und Sie haben Führungsqualitäten."

„Hört, hört", warf Dwayne spottend ein, fühlte jedoch Stolz in sich aufsteigen.

Als ihn Travis strafender Blick traf, senkte Dwayne den Blick, was Travis schmunzelnd registrierte und fortfuhr. „Und obwohl Sie alle Informationen über den Bund im Zuge Ihrer Ausbildung bekommen haben und zu einem ihrer Führer erkoren wurden, scheint es Ihnen nicht bewusst zu sein, was es wirklich bedeutet, zu dieser Elite zu gehören. Sie wissen doch, der Bund der Cleaner, ist die oberste Instanz unter den Vampiren. Niemand steht über ihnen, auch kein Clanführer. Diese Elite der Cleaner sind die Besten der Besten. Ihr Schutz ist es, der es unserer Spezies ermöglicht, weiterhin unerkannt und in Frieden so zu leben, wie wir es möchten."

Travis holte tief Luft und Dwayne verdrehte die Augen. Er hatte diesen Vortrag schon so oft gehört, dass er jedes Wort mitsprechen hätte können und war sich deren Bedeutung durchaus bewusst. Doch er hütete sich davor Travis zu unterbrechen und der rezitierte auch schon weiter. „Darum ist das Auswahlverfahren auch besonders streng. Und deswegen gibt es auch nur wenige, die der Bund als würdig erachtet, die Cleaner zu führen. Denn wenn die Cleaner versagen und wir entdeckt werden, würden uns die Menschen erbarmungslos jagen. Mit ihrer heutigen Technik, wie zum Beispiel die Wärmekameras, würden sie uns sofort erkennen. Schließlich ist unser Blut um ein paar Grad kälter als ihres und der Tod wäre noch das Beste, was uns passieren könnte. Ich will mir gar nicht vorstellen, was sie in ihren Laboren mit uns anstellen würden."

Travis seufzte tief und Dwayne nützte die Gelegenheit, um seinen Mentor zu unterbrechen. „Du hast völlig Recht und damit es nicht soweit kommt, werde ich mich jetzt wieder auf den Weg machen. Ich melde mich wieder."

Das „nein", von Travis stoppte Dwayne jedoch. „Ich erwarte, dass Sie mindestens drei Mal die Woche hier auftauchen. Offiziell sind Sie der Besitzer dieser ~ C ~ Filiale und müssen sich sehen lassen. Die Fassade muss aufrecht erhalten bleiben. Denn auch wenn einige Cleaner in unserer Gesellschaft bekannt sind, so legen wir Wert darauf, dass sie so geheim wie nur möglich bleiben. Das dient zur Sicherheit von uns allen."

Dwayne seufzte. „Toll, schlafen kann ich dann ja, wenn ich tot bin. Ganz tot meine ich."

„Meiden Sie große Feuer und alles aus Eisen oder Kupfer, vor allem, wenn es in Ihr Herz eindringen könnte, dann werden Sie ewig leben. Und überlegen Sie genau, wem Sie vertrauen. Es gibt überall Verräter, auch in unserem Volk", warnte Travis eindringlich.

„Ich versuche es", entgegnete Dwayne und dachte. 'Aber noch so ein Vortrag und ich such mir um 12 Uhr Mittags einen schönen, sonnigen Strand.'

„Sie werden mehr tun, als es nur zu versuchen." Das war ein klarer Befehl und Dwayne nickte, ging zur Tür und öffnete sie.

„Bevor Sie gehen, Mylord. Als zu Sprache kam, wer New York leiten sollte, war es Ihr Vater, der über Ihre Führungsqualitäten in den höchsten Tönen sprach und dem Rat erklärte: Ich wiederhole seine Worte: „Auf diesem Planeten werdet ihr keinen besseren als meinen Sohn finden. Also seid froh und dankbar, wenn ihr ihn bekommt."

Ein paar Sekunden stand Dwayne stocksteif da, dann drehte er sich zu Travis um, nickte ihm lächelnd zu und verließ das Geschäft.

Auf dem Weg zurück dachte er an seinen Vater. Vielleicht hatte er seinen alten Herrn doch falsch eingeschätzt, dennoch war sich Dwayne da nicht sicher.

~ C ~

„Ich bin für die Technik zuständig. Für jede Art von Technik, die in diesem Haus verwendet wird. Also nimm es oder lass es", hörte Dwayne Indigo sagen, als er die Halle betrat.

„Worum geht es?", wollte Dwayne wissen und bekam daraufhin von Indigo ein Handy in die Hand gedrückt. „Nummern von uns sind eingespeichert. Es hat alles, was wir brauchen, natürlich auch GPS, damit ich euch im Notfall orten kann."

„Und es ist potthässlich", beschwerte sich Aaran sofort und hielt Dwayne sein Handy demonstrativ unter die Nase.

„Was soll's denn sein? Hello Kitty oder vielleicht Harry Potter, Shrek, die Sims?", spottete Indigo.

„Ich muss wohl von einem Junkie genascht haben, als ich die wahnwitzige Idee hatte, dich anzuheuern. Ich will zumindest ein ipohne. Klar?"

„Instabil und nicht bruchsicher. Außerdem habe ich keine Lust, mich mit dieser Software herum zu ärgern. Wenn du was zum Spielen brauchst, kauf dir einen Gameboy. Und jetzt hilf mir den verdammten Laster auszuladen. Ich will die Anlagen endlich aufbauen."

„Wie konnte ich nur vergessen, was für eine Despotin du bist. Du bist entlassen. Ich kann sie doch rausschmeißen?", fragte Aaran und schaute Dwayne hoffnungsvoll an.

Der schüttelte den Kopf. „Das kann nur der Boss und zu deiner Erinnerung, der bin ich. Jetzt geh und bring das Zeug rein. Ich will das Haus so rasch wie möglich sicher haben."

Aaran maulte irgendetwas Unverständliches, trollte sich aber nach draußen.

Während er und Indigo die Kartons abluden und dann begannen die Anlagen zu installieren, begab sich Dwayne in sein privates Zimmer, zog sich aus und betrat das Badezimmer, um zu duschen. Als er damit fertig war, betrachtete er sich im Spiegel. Seine Finger glitten über seinen Bauch. Das in sich verschlungene Muster, das sich um seinen Bauchnabel rankte, war nicht zu sehen, aber er konnte es dennoch spüren. „Teil meines Schicksals", murmelte Dwayne, weiter über die Linien fahrend. Doch er hatte sich entschieden, also war es sinnlos, noch lange darüber nachzudenken. Deshalb wandte er sich ab und zog sich rasch seine Trainingshose und ein Shirt über, bevor er den bodenlangen Spiegel wie eine Schranktür aufklappte, den dahinter liegenden Raum betrat und die geheime Tür hinter sich wieder schloss.

Der Raum in dem er sich nun befand, war spartanisch eingerichtet und enthielt nur ein Bett, einen Schreibtisch und ein Regal, in dem ein paar Bücher, alte, blaue, fast undurchsichtige Glasgefäße, ein paar Flaschen und ein Ständer mit Phiolen standen.

Dwayne setzte sich hinter den Schreibtisch und fuhr den Laptop hoch, der darauf stand und steckte den Datenträger an. Keine Minute später las er interessiert die Informationen, die Travis zusammen getragen hatte.

Kapitel - Das Ritual von silverbird

Zwei Tage später befanden sich die drei Cleaner in ihrem neuen Überwachungsraum. Indigo saß in einem Rollsessel, vor sich eine Tastatur Marke Eigenbau. Ihre Finger flogen über die Tasten, während sie Dwayne und Aaran bat, ihr Augenmerk auf die Bildschirme zu richten, die vor ihnen an der Wand montiert waren. Zu sehen waren nicht nur das Haus, sondern auch das Grundstück und jeder Winkel davon.

„Auch an den beiden Zufahrten, vor und hinter dem Haus, sind Überwachungskameras angebracht. Alle Türen sind mit Sicherheitsschlössern versehen. Die Codes findet ihr auf euren Laptops." Indigo deutete auf den Tisch zu ihrer Linken, auf dem 5 Laptops lagen. Auf zwei von ihnen klebte ein Post-it-Zettel mit dem jeweiligen Namen von Dwayne und Aaran.

„Ich komme mir vor wie in der Schule. Die Frau Lehrerin teilt Block und Bleistift aus. Jede Wette, bald lässt sie uns auch noch einen Test schreiben", maulte Aaran und Indigo grinste, bevor sie kryptisch sagte: „Du wirst mir noch danken, dass ich deinen Laptop gekennzeichnet habe."

„Ich bin schon froh, dass du kein Smilie draufgepappt hast", gab Aaran grummelnd zurück.

„Was sonst noch?", fragte Dwayne, der zum Ende kommen wollte, da er noch alles für die Initiation von Indigo und Aaran vorzubereiten hatte.

Indigo nickte und fuhr sogleich fort. „Die Camouflage habe ich noch mal verstärkt, obwohl deine vermutlich ausgereicht hätte. Aber schließlich ist es mein Job, die Sicherheitsvorkehrungen so gut wie möglich zu machen. Jedenfalls, der Zaun steht auch unter Strom. Nur schwach, wir wollen ja keinen umbringen. Aber sollte trotzdem jemand dem Grundstück zu nahe kommen, sorgt der Zaun für zusätzlichen Schutz. Obwohl, die Camouflage zeigt nur ein freies, dreckiges und sumpfiges Feld. Es wird kaum jemanden reizen, da hineinzugehen."

Dwayne nickte zufrieden. „Sehr gute Arbeit, Indigo. Du hast nicht zu viel versprochen."

„Hey, ich habe den Trainingsraum eingerichtet. Ganz alleine habe ich das ganze schwere Zeug geschleppt", beschwerte sich Aaran sogleich.

„Schön, dann hast du somit deine erste Trainingseinheit schon hinter dir und darfst morgen pausieren", erwiderte Dwayne unbeeindruckt.

Aaran machte eine tiefe Verbeugung. „Oh welch Freude. Meinen ewigen Dank, Mylord und du kannst mich mal. Ich fahre jetzt in die Stadt und überlege, ob ich jemals wiederkomme."

Dwayne grinste. „Geh in die Parkebene, du Spinner. Schlüssel hängen auf dem Bord neben der Aufzugtür. Du hast freie Wahl. Aber benimm dich, wir dürfen nicht auffallen."

Aarans Augen wurden groß, dann grinste er und stürmte wortlos und voller Neugierde davon. So wie er Dwayne kannte, standen sicher besondere Autos in der Garage.

„Das muss man also tun, damit er die Klappe hält", murmelte Indigo und widmete sich wieder ihrem Computer.

„Du magst ihn", stellte Dwayne lächelnd fest.

„Manchmal, aber meistens geht er mir einfach nur auf die Nerven", entgegnete die Vampirin brummig, ohne von ihrer Arbeit auszuschauen.

Dwayne konnte Indigo verstehen. Schließlich ging es ihm bei Aaran hin und wieder auch so, daher beschloss er das Thema zu wechseln. „Wenn du noch keine Nahrung zu dir genommen hast, solltest du das tun. Das Ritual ist anstrengend und wird dich Kraft kosten. Du kannst dich allerdings auch aus dem Kühlschrank bedienen. Dort sind immer ein paar Blutkonserven gelagert. Blutgruppen stehen drauf."

Dwayne verschwieg ihr natürlich, dass er seine endgültige Entscheidung, sie in seinen Kreis aufzunehmen, erst getroffen hatte, nachdem er ihr bisheriges Leben durchleuchtet hatte. Er war sehr zufrieden mit den Bildern gewesen, die er gesehen hatte. Es war eine seiner besonderen Gaben, in den Augen der Personen dessen Vergangenheit zu sehen und Indigo hatte nicht gelogen, mit dem, was sie erzählt hatte. Travis Informationen über sie hatte Dwayne daher nur kurz überflogen.

„Ich muss in einer Stunde ohnehin noch einmal los, um noch ein paar Sachen zu besorgen. Dann erledige ich das, denn frisch ist es mir schon lieber", sagte Indigo und holte somit Dwayne aus seinen Gedanken.

„Gut. Mach das. Und auch für dich gilt; such dir den Wagen aus, der dir gefällt."

Dwayne nickte ihr zu und verließ den Raum. Sein Hunger war geweckt und... irgendwas fehlte sonst. In der Halle teletransportierte er sich in eine dunkle Gasse der Stadt. New York war ihm vertraut. Er hatte in seinen Lehrjahren mit den Cleanern, als diese noch Nomaden gewesen waren, des Öfteren diese Stadt aufgesucht und wusste daher auch, wo es am Leichtesten war, Opfer zu finden. Als er zwei Straßen weiter um die Ecke bog, sah er auch schon sein Opfer.

~ C ~

Dwayne leckte über die Wunde des Mannes und lehnte ihn dann an die Mauer. Er suggerierte ihm ein, müde zu sein und sofort nach Hause gehen zu wollen.

„Diese Nacht werden deine Huren vor dir Ruhe haben", murmelte Dwayne und ohne einen weiteren Blick auf den Zuhälter zu verschwenden, ging Dwayne davon. In einem Deli, das für seine besonders hochwertigen Delikatessen bekannt war, kaufte Dwayne eine große Menge Köstlichkeiten ein. Mit zwei großen Tüten verließ er den Laden, um wieder einen einsamen Platz aufzusuchen, damit er sich wieder nach Hause teletransportierten konnte. Gerade als Dwayne den Prozess durchführen wollte, fiel im ein ungewöhnlicher Geruch auf. Zum einen war es Blut, aber da war noch etwas, etwas, das er schon lange nicht gerochen hatte. 220 Jahre schon nicht mehr, um genau zu sein.

Vorsichtig, um kein Geräusch zu machen, stellte Dwayne seine Tüten ab und schaute sich aufmerksam um. Noch vor ganz kurzer Zeit waren hier zwei Personen gewesen. Ein Vampir und ein Lykanthrop. Auch wenn die beiden Spezies inzwischen keine Feinde mehr waren, so mieden sie sich doch gegenseitig. Wieso also hatten sie sich getroffen und offenbar auch miteinander gekämpft?

~ C ~

Dwayne hatte jeden Quadratzentimeter der Gasse abgesucht, aber außer ein paar Blutspuren an eine der Mauern nichts gefunden. Er machte sich Sorgen. Es würde schon schwierig genug sein die Abtrünnigen aufzuspüren, da konnte er erneute feindliche Kämpfe mit den Lykanthropen nicht auch noch gebrauchen. Zudem stellte sich die Frage, was trieb einen Lykanthrop in die Stadt und warum war es überhaupt zu einem Kampf gekommen?

Fragen, mit denen er sich sicher noch auseinander setzen musste. Doch das musste warten. Vorrangig war jetzt das Ritual, nachdem Indigo und Aaran gestärkt werden mußten, da sie völlig ausgehungert sein würden. Anschließend brauchten sie ausgiebigen Schlaf. Daher packte Dwayne die gekauften Waren in den Kühlschrank seiner kleinen Küchenzeile und überprüfte die Blutbeutel, die er immer als Notration aufbewahrte, bevor er festliche Kleidung zurechtlegte.

Nach einer kurzen Dusche begab er sich in den geheimen Raum hinter seinem Badezimmerspiegel. Dort nahm er eine alte, blaue Glasschale aus dem Regal und aus der Schreibtischschublade eine Phiole in der sich eine farblose Flüssigkeit befand. Desweiteren ein Säckchen, das mit besonderen Kristallen gefüllt war. Die Schale säuberte er peinlich genau, stellte sie in eine mit schwarzem Samt ausgelegte Schatulle und legte die Phiole, sowie die Steine dazu. Dann schloss er den Deckel und griff nach einem alten, abgegriffenen Buch, um sich den Vorgang des Rituals noch einmal genau durchzulesen.

Eine halbe Stunde später spürte Dwayne, es war so weit. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand im Zenit erreicht. Die Zeit, um das Ritual durchzuführen, war gekommen. Er begab sich in den Festsaal und legte dort zwei weiche Matten an einer der Wände aus. Über den alten Barocktisch legte er eine blutrote Brokatdecke, die mit alten Symbolen bestickt war. Die gravierten Kerzenhalter waren aus Silber und stammten ebenfalls aus dem Besitz seiner Familie und waren für besondere Rituale bestimmt. Nachdem Dwayne auch die Glasschale dazugestellt hatte, überprüfte er das Gesamtbild und war zufrieden.

~ C ~

Indigo trug ein wunderschönes, weißes Seidenkleid und kostbaren Goldschmuck, der im Kerzenlicht edel schimmerte.

'Eine atemberaubende Schönheit und sicher hat sie schon so manches Herz gebrochen', dachte Dwayne, als sie die die runde Halle betrat, die er von nun an für besondere Ereignisse benutzen würde.

Dann fiel sein Blick auf Aaran. Auch er trug sein Festgewand. Der Tartan seines Kilts wies mit seinem grünen - schwarzen Karomuster auf Aarans Clan hin. Dazu hatte er ein blütenweißes Hemd und eine dunkelgrüne Weste angezogen und war ganz Highlander. Stolz und mit hoch erhobenem Haupt schritt er neben Indigo in den Saal.

Dwayne freute sich, dass den beiden die Wichtigkeit dieses Rituals offensichtlich bewusst war und sie sich so festlich gekleidet hatten. „Kommt bitte näher", bat er und da sie seiner Aufforderung folgten, verlangte er: „Indigo, stell dich bitte in den Steinkreis zu meiner rechten und Aaran, du zu meiner linken Seite."

Als auch das geschehen war, sagte Dwayne: „Nun steht ihr vor der Entscheidung, ob ihr das Ritual mit allen Konsequenzen durchführen wollt. Wie ihr wisst, darf ich euch nicht sagen, was euch erwartet. Nur dass es nicht angenehm sein wird, darf ich euch verraten. Daher überlegt es euch jetzt, ob ihr diese Bindung eingehen wollt, denn sie ist für immer."

Als die beiden zustimmend nickten, hob Dwayne den Dolch in seiner Hand und drehte sich Indigo zu.

Sie wusste sofort, was Dwayne von ihr erwartete. Sie schob den Ärmel ihres Kleides hoch und hielt dem Lord den Arm hin. Dwayne machte einen kleinen Schnitt  in die Haut an ihrem Handgelenk und ließ das Blut in die Schale fließen.

Dann fügte er fünf Tropfen aus der Phiole hinzu und reichte die Schale an Indigo weiter. „Trink das und sprich mir nach: Meine Integrität gehört nur dir und dem Bund der Cleaner. Mein Schutz denen, die ihn benötigen. Mit dem Zeichen nehme ich den Schmerz in mich auf. Mit dem Schmerz nehme ich die neue Kraft, und das damit verbundene Erkennen in mich auf. Diesen Bund besiegle ich mit meinem Blut."

Indigo trank alles aus und sprach die Worte.

Gleich darauf wiederholte Aaran das Ritual und als er damit fertig war, schaute er Dwayne fragend an. „Das war alles? Kein Blitz, Donner,...irgendwas?"

„Doch. Schmerz", entgegnete Dwayne trocken, „und es wäre besser, wenn ihr euch hinsetzt."

Indigo schaute Dwayne skeptisch an, doch sein Gesichtsausdruck bewog sie dazu, sich in dem Steinkreis niederzulassen. Aaran hingegen blieb stehen. „Lächerlich. Wer könnte mir so viel Schmerzen zufügen, dass ich in die Knie gehe?"

„Nicht wer. Was! Und glaub mir, es kann", entgegnete Dwayne und bevor Aaran antworten konnte, durchzuckte ihn ein wahnsinniges Brennen auf der linken Brustseite und er sank stöhnend auf die Knie.

Auch Indigo krümmte sich zusammen. Ihre linke Hüfte brannte und der Schmerz breitete sich bis zum Knie aus. Sie fürchtete zu verbrennen und Tränen traten ihr in die Augen. Sie umklammerte ihr Bein, mit der sinnlosen Hoffnung, sich so Linderung zu verschaffen. Die Schmerzen wurden sogar noch stärker und sie hörte Dwayne kaum, als er sagte: „Sorgt dafür, dass ihr den Kreis nicht verlasst, das ist wichtig. Ich habe noch zu tun und komme später wieder."

Aaran keuchte. „Bist du irre jetzt abzuhauen?"

„Ich hole nur ein paar Dinge, die ihr später braucht und die euch gut tun werden. Ich bin gleich zurück. Es tut mir Leid. Ich kann euch leider nicht helfen, da müsst ihr leider ganz alleine durch. Aber es ist bald vorbei", tröstete Dwayne mitfühlend.

„Dein Leben ist es, das bald vorbei ist. Wenn ich das überstehe", Aaran versagte vor Schmerz die Stimme und er brauchte eine Minute um weiter zusprechen," dann...bist...du...tot."

Schmerzlaute von Indigo unterbrachen den Disput zwischen den beiden Männern. Sie keuchte und rang nach Luft, bis es ihr gelang zu sprechen. „Hör...auf...zu...jammern", stieß sie hervor. „Das ist ja beschämend." Indigo schloss die Augen und stöhnte leise, als eine weitere Schmerzwelle sie überrollte.

Dwayne wusste, was die Zwei durchmachten, schließlich hatte auch er das Ritual selbst durchstehen müssen. Doch wenn es vorbei war, würden sie verstärkte Kräfte haben, die sie für ihren Kampf dringend brauchten. Doch das war noch nicht alles. Sie würden, mit ein bisschen Glück...

„Wie lange noch? Verdammt Dwayne.....ich..." Aaran stieß einen unmenschlichen Schrei aus und gleich darauf auch Indigo. Dann sackten sie in sich zusammen und verloren das Bewusstsein.

„Bei mir hat es länger gedauert", brummte Dwayne und fand das irgendwie ungerecht. Doch er vermutete, es lag daran, dass er der Ranghöchste in dieser Hierarchie war. Nicht gerade tröstend, aber nun mal eine Tatsache und weiter darüber nachzudenken brachte nichts. Er beschloss daher, es zu nehmen, wie es war und ging zu Indigo, hob sie auf seine Arme und bettete sie auf eine der Matten. Dasselbe machte er mit Aaran.

Als die Beiden erwachten, war der Schmerz weg, doch dafür hatten sie wahnsinnigen Durst. Ihre Fangzähne waren vollkommen ausgefahren und das taten sie nur, wenn der Durst sie völlig übermannte, was bisher noch nie vorgekommen war. Die Bestürzung darüber wich der Gier nach Blut und fast zeitgleich sprangen sie von ihren Matten auf, wild um sich blickend, auf der Suche nach einem Opfer.

„Aaran! Indigo!" Als Dwayne mit leiser, eigentümlicher Stimme ihre Namen rief, hatte er ihre Aufmerksamkeit und unter seinem Blick zuckten sie zusammen. In seinen Augen tanzten Flammen. Etwas, das selbst Aaran noch nie bei seinem Freund gesehen hatte. Dwayne sah damit richtig unheimlich aus. Dazu kam seine bedrohliche Körperhaltung, die die beiden warnte, jetzt bloß nicht auf den Gedanken zu kommen, hinauszustürmen und ihren Hunger zu stillen.

Indigo war von dem Anblick Dwaynes tief beeindruckt und Aaran wurde erst in dem Augenblick so richtig bewusst, dass sein Freund mit Recht den Titel des Lords trug und sie keinen besseren Anführer hätten haben können. Und dann tat Aaran etwas, was er selbst nie für möglich gehalten hatte. Er ging auf Dwayne zu, beugte sein Knie, senkte sein Haupt und sagte nur ein Wort: „Mylord."

Dwayne lächelte, legte Aaran die Hand auf die Schulter und erwiderte: „Erhebe dich Aaran, Bedillion Trehurn, mein erster Mitstreiter und Freund." 

Indigo ehrte Dwayne auf gleiche Weise und auch für sie fand er die passenden Worte, bevor er die Beiden bat, am Tisch Platz zu nehmen. Erst jetzt bemerkten sie, wie reich gedeckt er war.

„Ihr müsst essen und vor allem viel Blut zu euch nehmen. Das Ritual hat euch mehr Kraft gekostet, als ihr vielleicht denkt", erklärte Dwayne und deutete auf die sechs großen Thermoskannen, von denen je drei vor Indigo und Aaran standen.

Ohne weitere Worte stürzten sich die Beiden auf dessen Inhalt und gossen ihre Gläser voll. Erst als sie je zwei Kannen geleert hatten, machten sie sich über die Delikatessen her und verputzen sie bis zum letzten Rest.

„ Aaran, Bedillion Trehurn. Mann, kein Wunder, dass du mir das verschwiegen hast. Was für ein Name. Aaran, Bedillion Trehurn. Also ich möchte nicht Aaran, Bedillion Trehurn heißen", kicherte Indigo, nachdem sie endlich satt war und auch keinen Blutdurst mehr verspürte.

Aaran knurrte Indigo an. „Sag es nur noch einmal und ich schmeiße dich aus unserem Verein. Als dein erster Krieger kann ich das doch jetzt, Dwayne?"

Der schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, die Regeln haben sich dadurch nicht geändert."

„Umbringen?", wollte Aaran hoffnungsvoll wissen.

Wieder schüttelte Dwayne den Kopf. „Noch schlimmer. Dann müsste ich dich dem Tribunal übergeben. Aber wenn es dich tröstet, sie lassen den Delinquenten meistens wählen zwischen Feuer und Schwert."

„Okay, das ist nicht wirklich eine Option. Also gut, dann werde ich dir das Leben halt zur Hölle machen, Prinzessin", sagte Aaran an Indigo gewandt und grinste.

Indigo runzelte die Stirn. „Als ob du das könntest. Aber ich schlage dir einen Deal vor. Du nennst mich nicht mehr Prinzessin und ich verzichte auf A. B. Trehurn."

„Wenn du mich jetzt nicht wieder so genannt hättest, hätte ich mich vielleicht überreden lassen, Prinzessin", entgegnete Aaran und gähnte herzhaft.

Auch Indigo konnte plötzlich kaum noch die Augen offen halten, trotzdem wollte sie gerade etwas erwidern, als Dwayne ihr das Wort abschnitt. „Der Kindergarten ist ab sofort geschlossen. Ihr könnt das daher in frühestens zwei Tagen klären. Jetzt werdet ihr schlafen und zwar lange. Geht jetzt, ich habe keine Lust euch zu tragen."

„Das liegt nur an der Mittagssonne. Du weißt ja, dass wir da schwächer sind, als so mancher  Mensch. Und dazu noch diese unerklärlichen Schmerzen, wofür ich noch eine Erklärung haben will und..."

„Aaran, halt einfach mal den Mund und tu, was ich dir sage", unterbrach der Lord seinen Freund und nötigte ihn aufzustehen.

Vor Müdigkeit keiner Antwort mehr fähig schleppte Aaran sich aus dem Saal und stolperte auf den Aufzug zu. Dwayne stützte inzwischen Indigo, die im Halbschlaf neben ihm herwankte.

~ C ~

Dwayne stand am Fenster und beobachtete, wie die Sonne unterging. Aaran und Indigo würden die nächsten zwei bis drei Tage schlafen. Daher würde er alleine in New Yorks Straßen unterwegs sein. Es wurde höchste Zeit, dass er mit seiner Arbeit begann. Travis Bericht war alarmierend und weit reichender, als Dwayne gedacht hatte. Selbst in dieser großen Stadt würde es mit der Zeit auffallen, wenn immer wieder Leichen auftauchten, denen das Blut fehlte und die merkwürdige Wunden an irgendeinem Körperteil vorwiesen.

Entgegen der Annahme der Menschen, tranken Vampire nicht nur ausschließlich von der Halsschlagader. Jeder bevorzugte eine andere Arterie und davon gab es eine Menge im menschlichen Körper. Die meisten Vampire jagten ihre Opfer auch gerne, bevor sie sie anzapften. Denn dann war der Sauerstoffgehalt im Blut höher, etwas, das viele Vampire wegen des Geschmacks sehr schätzten. Von der Anreicherung des Adrenalins gar nicht zu reden. Dwayne kannte alle diese Unterschiede, bis hin zu den Drogen, die er über so manchen Menschen in seiner Sturm und Drang Zeit konsumiert hatte. Doch dass alles konnte man auch haben, ohne seine Quelle zu töten.

„Deswegen wird es Zeit, dass ich mich auf die Suche mache. Die Zeit drängt", murmelte Dwayne, steckte sein Schwert in die Scheide zwischen seinen Schulterblättern und zog die lange Lederjacke darüber. Dann steckte er noch seine Glocks in die Halfter und lief zum Aufzug, der ihn in die Garage brachte. Heute hatte er Lust darauf zu fahren und seine Wahl fiel auf den schwarzen 5er BMW.

In der Stadt angekommen, stellte Dwayne den Wagen in einem Parkhaus ab, sah sich um und nachdem er niemanden entdecken oder riechen konnte, teletransportierte er sich ins Hafenviertel. In dieser Gegend wurden, laut Bund, die meisten Opfer gefunden. Travis erwähnte in seinem Bericht, dass die meisten Opfer weggeschafft werden konnten, bevor sie von den Menschen entdeckt wurden. Wer dafür verantwortlich war, hatte Travis aber nicht vermerkt. Das war etwas, das Dwayne ihn noch fragen würde. Doch jetzt forderte ein starker Blutgeruch seine Aufmerksamkeit. Gleichzeitig begann sein Mal am Bauch zu kribbeln. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich ein Sekhmet in der Nähe befand.

Sich im Schatten der Container bewegend, schlich er auf den immer stärker werdenden Duft zu. Als er das Ende eines der Container erreichte und um dessen Ecke blickte, sah er zwei Vampire, die sich an einem Menschen labten. Einer hatte sich in der Achselhöhle verbissen und der andere die Oberschenkelarterie aufgerissen.

Dwayne zückte sein Schwert und stürmte auf die Beiden zu. Mit einem einzigen gezielten Schlag köpfte er den Ersten. Erst als feiner Staub über den Menschen rieselte, ließ der zweite Vampir von seinem Opfer ab. Erschrocken schrie er auf, als er seinen Henker erblickte, doch bevor er auch nur zur Flucht ansetzen konnte, rollte sein Kopf über den dreckigen Asphalt und zerfiel Sekunden später. Das Gute an den Sekhmet war, wenn man sie köpfte, zerfielen sie zu Staub. Auch Sonnenlicht vertrugen sie im Gegensatz zu den geborenen Vampiren nicht lange und verbrannten in der hellen Mittagssonne. Doch wenn man ihnen andere Stichwunden zufügte, bluteten sie zwar, doch es beeinträchtigte sie in ihrer Kampfstärke kaum. Nur Kugeln aus Stahl oder Kupfer, die ihr Herz trafen, lähmten sie, töteten sie aber nicht.

Sofort beugte sich Dwayne über den Menschen, um nach seinen Wunden zu sehen. Die beiden Vampire hatten offensichtlich erst mit ihrem Mahl begonnen, als er ihnen dazwischen funkte. Dennoch waren die Wunden groß genug, um dem Mann gefährlich zu werden. Deswegen versiegelte Dwayne die Wunden, so gut es ging, mit seinem Speichel. Dann holte er sein Handy heraus und rief den Notruf. Kaum war das erledigt, hob er den Mann auf seine Arme und lief mit ihm zwei Gassen weiter, zu der Adresse, die er dem Notruf genannt hatte. Dort legte er den Mann ab und wartete. Wenig später hörte er auch schon die Sirene des Rettungsdienstes. Trotzdem beobachtete Dwayne aus seinem sicheren Versteck, wie der Mann erst vor Ort versorgt und dann in den Rettungswagen transportiert wurde. Erst dann ging er an den Tatort zurück um etwaige Spuren zu beseitigen. Als er die Stelle fast erreicht hatte, roch er es wieder. Diesen eigentümlichen Duft von Vampir und Lykanthrop. Dwayne holte seine Beretta aus dem Halfter und schaute vorsichtig um die Ecke des Containers.

Kapitel - Martha und Paul von silverbird

Dwayne sah gerade noch, wie eine Gestalt zwischen den Containern verschwand. Er hetzte ihr nach, doch die Gestalt schien es zu bemerken. Behände sprang sie auf einen der Container und setzte dort ihre Flucht fort. Dwayne folgte ihr von einem Container auf den nächsten. Doch die Person war immer ein kleines bisschen schneller. Dwayne knurrte wütend, blieb kurz stehen und fasste das nächste Ziel der flüchtenden Person ins Auge. Dann teletransportierte er sich dort hin. Doch genau in diesem Augenblick hatte die Person zum Sprung angesetzt und prallte auf ihn. Er verlor das Gleichgewicht, stürzte und wurde von der Gestalt überrannt.

Blitzschnell sprang Dwayne wieder auf die Beine und wollte die Verfolgung erneut aufnehmen, als er plötzlich spürte, wie sein Mal auf dem Bauch zu kribbeln anfing. „Feind", manifestierte es sich sofort in Dwaynes Kopf. Dieser Bruchteil einer Sekunde, in der er deswegen zögerte, genügte. Sein Gegner entkam. Dwayne war wütend auf sich. Das hätte ihm nicht passieren dürfen. Schließlich hatte er einige Jahre mit den Nomaden gejagt, daher war ihm das kribbelnde Warnsignal seines Males wohl vertraut.

„Irgendwann krieg ich dich", knurrte Dwayne in die Richtung, in die sein Feind verschwunden war. Dann machte er sich notgedrungen auf den Rückweg.

Noch bevor er die Stelle wieder erreichte, an der seine Jagd begonnen hatte, meldete sich sein Mal erneut. Fast zugleich hörte er das verzweifelte Schreien einer Frau. Er bewegte sich mit der Geschwindigkeit, die den Vampiren eigen war und Sekundenbruchteile später blickte er vom Dach eines Containers auf das erwartete Szenario.

Eine Frau kauerte wimmernd in einer Ecke. Der Sekhmet ging langsam und mit gebleckten Zähnen auf sie zu. Speichel troff aus seinem Mund und seine Augen glühten. Gerade als er sich auf sein Opfer stürzen wollte, tauchte Dwayne hinter ihm auf. Er packte den Vampir und schleuderte ihn gegen eine Wand. „Du bist nicht der Jäger", stammelte der Sekhmet, bevor Dwaynes Schwert ihm den Kopf abtrennte. Dem Lord blieb keine Zeit über diese Worte nachzudenken, denn das Mädchen hatte alles beobachtet und schrie seither ununterbrochen.

Rasch lief Dwayne zu ihr und redete mit hypnotischer Stimme auf sie ein, bemächtigte sich ihres Geistes, löschte ihre Gedanken von den letzten Geschehnissen und suggerierte ihr neue ein. Sie lächelte ihn gleich darauf an und ging eilig davon.

Von der Spitze eines Kranes aus wurde Dwayne bei seinem Tun beobachtet. „Es stimmt also. Die Cleaner haben in New York Quartier bezogen. Wie auch immer, für mich ändert das nichts."

~ C ~

 Frisch geduscht, barfuss und nur mit einer bequemen alten Jeans bekleidet, durchforstete Dwayne den Datenträger, den er von Travis bekommen hatte. Seit der Vampir den Jäger erwähnt hatte, ging er Dwayne nicht mehr aus dem Kopf und so durchsuchte er die Dateien. „Nichts von einem Jäger. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Travis noch nie von ihm gehört hat."

Dwayne griff nach seinem Handy. Nach einem kurzen Gruß kam er auch gleich zum Punkt. „Was weißt du über den Jäger?"

Travis schwieg kurz, bevor er wissen wollte: „Wie kommst du auf diese Frage?"

Dwayne erzählte von den Ereignissen der Nacht und Travis antwortete: „Der Jäger ist ein Gerücht, das sich hartnäckig hält. Man weiß nichts über ihn. Jedenfalls wird behauptet, dass er die Sekhmet jagt. Aber niemand hat ihn je gesehen, oder ihn beim Jagen beobachtet."

„Irgendetwas muss aber an diesem Gerücht dran sein, sonst hätte der Sekhmet den Jäger nicht erwähnt. Wie auch immer. Sollte es ihn geben, werde ich sicher irgendwann auf ihn treffen." Dwayne beendete das Gespräch und beschloss ein paar Stunden zu schlafen, als sein Handy läutete.

Schon am Klingelton erkannte er, wer ihn anrief. „Paul. Alles in Ordnung?"

„Durchaus, Mylord. Doch der Grund meines Anrufes ist folgender. Wir befinden uns kurz vor New York, da wir die von Ihnen gewünschten Aufgaben schon eher erledigen konnten. Nun bitte ich um weitere Anweisungen."

Dwayne grinste. Paul. Er und seine Frau Martha waren die guten Geister in seinem Haus in den Bergen gewesen und als Dwayne sie fragte, ob sie mit ihm kommen wollten, sagten sie nach einigem Zögern zu.

 „Wo seid ihr genau? Ich hole euch in fünf Minuten ab", erklärte Dwayne und schlüpfte rasch in Hemd und Schuhe, während Paul ihm Auskunft gab.

Dwayne teletransportierte sich in die von Paul angegebene Straße und wurde von seinem Butler auch schon formvollendet begrüßt. Niemand, der Paul sah, würde vermuten, dass er einem Zwergenvolk angehörte. Paul war zwar nicht wirklich groß und auch von gedrungener Gestalt, doch so wie sich die meisten einen Zwerg vorstellten, sah er überhaupt nicht aus. Auch Martha entsprach nicht diesem vorgefertigten Bild. Sie war freundlich, temperamentvoll und ihre hellbraunen Locken wippten, wenn sie durchs Haus wuselte. Trotz ihres Alters von 850 Jahren, sahen sie wie knapp 50 aus, was an ihren Zwergen Genen lag.

Dwayne hatte Martha vor 140 Jahren das Leben gerettet. Aus Dankbarkeit boten sie dem Lord auf Lebenszeit ihre Dienste an. Dwayne lehnte ab, erklärte, dass er nur seine Pflicht erfüllt hatte, doch weder sie noch ihr Mann ließen locker. So kam es, dass Dwayne bald darauf ein Haus in einer abgeschiedenen Gegend besaß und dazu zwei Zwerge, die sich darum kümmerten.

„Hier ist es, fahr einfach in den Sumpf", forderte Dwayne Paul auf, der den Befehl ohne zu fragen ausführte. Schließlich wusste er über die Camouflage lange genug Bescheid.

„Ich bin sehr froh, dass ihr da seid", bemerkte Dwayne, bevor sie ausstiegen und auf Pauls Gesicht erschien ein erfreutes Lächeln.

„Wir haben Sie auch vermisst, Mylord, und da Sie Ihr Haus ja behalten wollen, gab es nicht viel zu tun", entgegnete Martha. Verlässliches Personal hat Paul auch gefunden. Sie treffen in ein paar Tagen ein. Alle aus der Familie, also müssen Sie sich keine Sorgen machen."

Dwayne war dankbar für die Umsicht seiner Zwergenfreunde und sagte das auch, doch die Beiden taten das als selbstverständlich ab, wie es ihre Art war.

Gleich nachdem der Wagen ausgeräumt war, machte sich Martha daran, Kühlschrank und Speisekammer zu durchforsten. „Wie ich es mir gedacht habe, ohne mich würden alle in diesem Haus verhungern. Gut, dass ich genügend Vorrat mitgebracht habe", murmelte sie und begann auch schon zu werkeln.

Dwayne machte Paul inzwischen mit dem Haus vertraut und erzählte von den vorläufigen Mitbewohnern. Nachdem alles besprochen war, zog Dwayne sich in sein Zimmer zurück. Er war müde und brauchte nun endlich ein paar Stunden Schlaf.

~ C ~

Indigo erwachte, fühlte sich frisch, ausgeruht und stärker als je zuvor. Voller Elan sprang sie aus dem Bett und bemerkte, dass sie völlig angezogen war. Dann fiel ihr ein, warum. Das Ritual, die Schmerzen, die plötzliche Müdigkeit. Der Lord hatte sie in ihr Zimmer gebracht und sie war offenbar sofort eingeschlafen. „Offensichtlich ein Gentleman der alten Schule. Okay, er ist alt. Zumindest im Vergleich zu mir. Aber jetzt muss ich an die Arbeit, denn habe ich noch ein paar Fragen an den Lord. Nein, erst duschen, ich sehe ja grauenhaft aus", stellte sie nach einem Blick in den Spiegel erschrocken fest.

~ C ~

Aaran eilte die Treppe hinab, stoppte abrupt, schnüffelte und schaute sich um. „Definitiv kein Burger Laden", stellte er fest, nachdem er sich kurz umgeschaut hatte und eilte dann dem Duft nach, der ihn in die Küche führte. Er stieß die Schwingtür auf und starrte auf den Teller, der auf dem großen Küchentisch stand.

„Burger. Ich wusste es", rief er freudig aus, während ihm das Wasser im Mund zusammen lief.

„Richtig, junger Mann, und wenn Sie Mr. Trehurne sind, dann langen Sie zu. Lord Carington hat Sie schon angekündigt und mich vor Ihrem gesunden Appetit gewarnt."

Das ließ sich Aaran nicht zweimal sagen. Er griff sogleich nach einem Burger und biss genüsslich hinein. „Sie müssen Martha sein. Nennen Sie mich bitte Aaran. Und würden Sie mich heiraten?", fragte er mit einem gekonnten Augenaufschlag, bevor er nach dem nächsten Burger griff.

Die Zwergin lachte laut auf. „Der Antrag kommt um ein paar hundert Jahre zu spät, junger Mann."

„Mist. Bestechlich?", wollte er kauend wissen.

Wieder lachte Martha laut auf. „Nicht nötig, ich füttere Sie auch so und die Menschen denken ja immer noch, ihr Vampire ernährt euch nur von Blut, weil ihr nicht schmecken könnt."

Aaran verdrehte die Augen. „Klar, und wir haben keinen Herzschlag, zerfallen in der Sonne zu Staub und sind gegen Knoblauch allergisch. Menschen sind eine eigenartige Spezies. Sie vertrauen auf die so genannte Wissenschaft, die nach ihrer Meinung alles erklärt, trotzdem halten sie an diesen alten Mythen hartnäckig fest."

Aaran schüttelte verständnislos den Kopf, bevor er weiter fuhr. „Kein Herzschlag, - kein Blutkreislauf. Was sagt uns das?"

„Keine Gehirntätigkeit?", mutmaßte Martha und Aaran nickte. „Genau. Ein Vampir ohne Hirn könnte daher auch kein Blut trinken. Wie denn auch? Er wäre dann ein vollkommener Idiot, der nicht einmal wüsste, was Blut ist. Völliger Schwachsinn also. Das Gleiche ist die Sache mit unseren Sinnen. Selbst die Menschen sind sich sicher, dass wir Blut schon von weitem riechen können und in der Nacht sehen wie eine Eule. Und wieso sollen wir nichts schmecken können? Aber es ist gut für uns, dass die Menschen noch immer so denken."

„Aber ihr habt auch Schwächen", gab Martha zu bedenken und füllte Aarans Teller erneut.

Der seufzte missmutig, schlug sich auf den Bauch und zwinkerte Martha zu. „Aye. Ich muss aufpassen, dass ich nicht fett werde."

Da sie nur die Augenbraue hob, ergänzte er schnell. „Ich trainiere jeden Tag mehrere Stunden, daher kann ich viel essen. Was heißt kann, ich muss. Schließlich sind wir am Tag nur so stark wie Menschen, daher müssen wir gut durchtrainiert sein. Was wiederum bedeutet, wir brauchen Menschennahrung."

„Zwergennahrung auch?", fragte Martha freundlich, drehte sich zu Aaran um und bevor er sich versah, steckte ein großes Fleischmesser neben seinem Kopf in der Holzverschalung.

Mit großen Augen schaute Aaran erst das Messer, dann Martha an. Danach hob er abwehrend die Hände. „Keine Zwerge. Zwerge sind tabu. Nein. Zwerge nicht. Hübsche, kochende Zwerge schon gar nicht. Niemals."

Wieder musste Martha herzlich lachen. „Gut, das hätten wir geklärt. Kuchen?"

Aaran lachte ebenfalls, zog das Messer aus der Wand und reichte es Martha. „Ein großes Stück bitte."

~ C ~

Als Dwayne aus seinem Zimmer kam und die Treppe hinunter lief, fiel ihm sofort die Veränderung auf. Die Halle war geputzt und ein schöner Blumenstrauß stand auf der Kommode. Ein ähnliches Bild bot sich ihm, als er das Speisezimmer betrat. 'Gut, dass Martha und Paul bereit waren hierher zu kommen', dachte der Lord. 'Mein Haus in Colorado werde ich kaum noch benutzen können, seit ich hier meine Aufgabe habe, also hätten die Beiden nichts zu tun. Eine Katastrophe für Zwerge und, ohne ihre Anwesenheit hier, auch für uns.‘

Dwayne kannte dieses Volk inzwischen ziemlich gut und wusste, dass sie ohne Arbeit nicht sein konnten. Nun, hier würde dieser Fall nicht eintreten. Im Gegenteil, sie würden sogar Helfer brauchen, die sie unterstützten.

„Wo hast du bloß dieses Prachtstück von einer Köchin aufgetrieben?", fragte Aaran, der gerade den Raum betrat und sich den Rest eines Kuchenstücks in den Mund stopfte.

„In den Bergen Colorados und wenn du dir weiter alles in den Mund stopfst, schicke ich dich zehn Stunden aufs Laufband", entgegnete Dwayne trocken.

Aaran winkte lässig ab. „Ach was, ich jogge einfach in die Stadt, dann sind alle Kalorien wieder abgebaut. Wann geht's denn überhaupt los?"

„Ich würde sagen, du kannst schon mal loslaufen. Ich warte noch auf Indigo. Wir treffen uns dann am Hafen."

~ C ~

Dwayne fuhr den Wagen in einen der Container, den er Tags zuvor angemietet hatte, damit es keiner sah, als auch schon Aaron auftauchte und die beiden angrinste. „Auch schon da?"

„Du kennst also den Hafen, sonst hättest du dich nicht hierher teletransportieren können", bemerkte Dwayne und grinste zurück. Er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass er niemals so eine weite Strecke laufen würde.

„Aye", nickte Aaran immer noch grinsend, doch plötzlich wurde seine Miene ernst. „Aber als ich ankam, ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich hatte an der Schulter so ein leichtes Brennen und zwar an der Stelle, von der der Schmerz bei dem Ritual ausging."

„Mich hat es ohnehin gewundert, dass ihr mir wegen der Schmerzen keine Fragen nach dem Ritual gestellt habt", entgegnete Dwayne.

Indigo zuckte mit den Schultern. „Die Schmerzen waren auszuhalten. Und es war eine kleine Menge Flüssigkeit in der Schale, bevor du mein Blut dazugetan hast. Das habe ich genau gesehen, das wird für den Schmerz verantwortlich gewesen sein. Aber da ich jetzt schneller bin als je zuvor, hat es auch was Gutes. Eigentlich sind alle meine Sinne jetzt um einiges besser. Daher habe ich keinen Grund mich zu beschweren, im Gegenteil."

„Aye, ist bei mir genauso und ich denke, dieses Brennen ist die Vorankündigung für die nächste Stufe. Dann kann ich bald fliegen und durch Wände gehen und so weiter", entgegnete Aaran überzeugt.

„Hm...wieso habe ich das dann nicht gespürt? Das ist ungerecht. Ich will auch neue Kräfte haben und..."

Dwaynes schallendes Gelächter stoppte die Unterhaltung der Beiden und sie schauten ihren Lord verwundert an.

„Krieg dich wieder ein, verdammt", knurrte Aaran, der sich zu Recht ausgelacht fühlte. „Schließlich ist es deine Schuld, dass wir nicht wissen, was mit uns passiert."

Dwayne hatte sich schnell wieder in der Gewalt, da er wusste, dass es stimmte, was Aaran sagte. „Ihr habt nicht gefragt und ich habe nichts gesagt weil ich euch zeigen wollte, was es mit euren verbesserten Wahrnehmungen auf sich hat. Darum sind wir heute hier. Trotzdem denke ich, es ist besser, euch aufzuklären. Auch wenn es euch enttäuscht, ihr werdet weder fliegen, noch sonstige Dinge tun können, die ihr nicht vor dem Ritual konntet. Aber das mit den wesentlich verbesserten Sinnen stimmt. Ebenso, dass ihr euch jetzt schneller bewegen könnt, als je zuvor. Sogar so schnell, dass es das menschliche Auge nicht wahrnimmt. Stärker seid ihr jetzt auch. Was das leichte Brennen betrifft, von dem du, Aaran, gesprochen hast. Es ist eine Art Detektor. Sollte sich ein Sekhmet in einem Umkreis von ungefähr 500 Metern befinden, spürt ihr das mit diesem Brennen. Bei jedem Cleaner tritt es an einer anderen Stelle des Körpers auf. Warum das so ist wissen wir nicht, aber es hat mit der Tinktur zu tun, die in euer Blut gemischt wurde. Ihr erinnert euch, wo die Schmerzen begonnen haben, als ihr die Mischung getrunken habt?"

Die Beiden nickten zustimmend und Dwayne erklärte weiter. „Das ist die Stelle, die euch von nun an immer warnen wird, wenn ein Sekhmet in eurer Nähe ist. Außerdem könnt ihr das Mal fühlen, wenn ihr mit den Fingerspitzen darüber gleitet, da auch euer Tastsinn ausgeprägter ist. Allerdings bleibt es unsichtbar. Es hat noch eine weitere Funktion, wobei ich da nur..."

Ein Brennen auf seinem Bauch, veranlasste Dwayne dazu, seine Rede abzubrechen und als er Indigo und Aaran anschaute, nickten sie ihm stumm zu. Sie hatten es also auch gespürt. Wortlos öffnete Dwayne den Kofferraum des Autos, nahm sein Schwert heraus und steckte es in den Halfter auf seinem Rücken. Auch Indigo und Aaran bedienten sich und so bewaffnet folgten sie den Handzeichen ihres Lords, der ihnen anzeigte, sich aufzuteilen.

Das Gefühl auf seinem Bauch war diesmal ziemlich stark, daher wusste Dwayne, dass es sich um eine größere Gruppe Sekhmets handeln musste.

Sich immer im Schatten bewegend folgte er einfach dem Brennen, das ihn leitete, und bald sah er sieben Personen, die sich an den Fenstern und der einen Tür eines Hafengebäudes verteilten hatten, aus dem gedämpfte Musik drang.

„Mist. Offenbar wollen sie eine Blutorgie feiern", brummte Dwayne. „Von diesen Kreaturen gibt es viel mehr, als Travis ahnt. Höchste Zeit, sie zu dezimieren."

Entschlossen schlich er näher, bemerkte, dass sich Aaran von Norden und Indigo von Westen heran schlichen und als einer der Sekhmet eines der Oberlichter aufstemmen wollte, war es Aaran, der ihn stoppte. Aber noch bevor der Highlander mit seinem Gegner fertig war, stürmten die anderen heran.

Indigo stürzte sich ins Kampfgetümmel und im Bruchteil einer Sekunde war auch Dwayne zur Stelle.

Die langen Krallen des Sekhmet verfehlten Indigo nur um wenige Zentimeter. Geschickt drehte sie sich um die eigene Achse, ging in die Knie und rammte dem Vampir ihr Schwert in den Bauch. Er klappte zusammen und das war genau die Stellung, die Indigo brauchte, um dem blutrünstigen Dämon den Kopf abzuschlagen. Gerade als sie sich erleichtert aufrichtete, durchzuckte ein wilder Schmerz ihren Rücken, der ihr einen Schrei entlockte. Einer der Sekhmet hatte sich herangeschlichen, während sie mit dem anderen beschäftigt gewesen war und seine Krallen über ihren Rücken gezogen.

Aaran hörte Indigo aufschreien, trennte seinem Feind den Kopf von den Schultern und stürmte dann auf sie zu, um ihr zu helfen.

Dwayne musste sich inzwischen mit gleich drei Gegnern auseinander setzen, sodass er nicht einmal Zeit hatte, sich nach seinen Mitstreitern umzusehen. Aber wenigstens kam ihm seine Kampferfahrung zugute und bald rollte ein weiterer Kopf.

Gleich darauf sah Dwayne aus den Augenwinkeln eine krallenbesetzte Hand auf ihn zu sausen. Er ließ sich fallen, rollte zur Seite, als sein Mal wieder zu kribbeln anfing.

„Shit", fluchte er, „da kommen noch mehr." Doch als er sich wieder aufrappelte, sah er, dass ein weiterer Sekhmet seinen Kopf verlor. Der Mann, der dafür verantwortlich war, stand kurz still, dann drehte er sich weg und rannte davon. Doch sein Anblick hatte sich  tief in Dwaynes Gehirn eingebrannt.

Kapitel - Erkenntnisse von silverbird

Dwayne, alles okay?", rief Aaran und eilte auch schon auf seinen Lord zu. Dwayne wandte den Blick von der Stelle ab, wo der Fremde verschwunden war und schaute zu seinen Freunden.

„Bei mir schon, wie steht's bei euch?"

„Indigo hat es erwischt."

„Ist nur ein Kratzer", erklärte Indigo und zeigte den beiden kurz ihren Rücken, auf dem einige, tiefe Kratzer zu sehen waren. Dwayne inspizierte die Wunde trotz Indigos Protest.

 „Ja, nicht schlimm. Machen wir, dass wir weg kommen, bevor die Menschen aus der Halle rennen. Um Spuren brauchen wir uns nicht zu kümmern. Das Blut der Sekhmet verdampft bei den ersten Sonnenstrahlen."

Die Rückfahrt verlief stiller, als Dwayne erwartet hatte. Selbst Aaran redete kaum ein Wort.

„Sie sind hier aggressiver als zu Hause", bemerkte Aaran, als sie mit dem Lift in das obere Stockwerk fuhren.

„Ihre Krallen sind auch länger... und die Zähne. Sie haben vier Fangzähne", warf Indigo, so emotionslos wie sie konnte, ein.

Der Aufzug hielt und Dwayne trat zur Seite, um Indigo hinaus zu lassen. „Martha soll sich um deine Wunde kümmern. Wir treffen uns in einer Stunde im Speisezimmer." Der Lord wartete eine Antwort gar nicht erst ab, sondern drückte auf den Knopf, damit der Lift ihn und Aaran in den ersten Stock beförderte.

Die kurze Fahrt verlief wieder schweigend, und als sie auf den Flur hinaustraten, nickten sich die beiden nur kurz zu, bevor sie ihre Zimmer aufsuchten.

~ C ~

Dwayne warf seine Kleider auf den Boden und stieg dann unter die Dusche. Das heiße Wasser wusch zwar Dreck und Blut von seinem Körper, aber die Vorwürfe, die er sich machte, konnte es nicht weg spülen. 'Ich hätte sie vorbereiten müssen. Besonders Indigo. Ich hätte besser hinsehen müssen, als ich die Bilder ihrer Vergangenheit aufgerufen habe.'

Dwayne warf sich vor, seine Gabe, die Vergangenheit der Leute zu sehen, zu ungenau benutzt zu haben. Er hatte seine Mitstreiterin gegen einen Sekhmet kämpfen gesehen und sie hatte souverän gewonnen. Ihre Bewegungen waren mühelos und sicher gewesen.

„Doch sie hatte nur einen Gegner und ihre Brüder waren in der Nähe, um gegebenenfalls einzugreifen. Ich habe nur auf ihren Kampf geachtet und alles andere außer Acht gelassen. Wenn ihr etwas passiert wäre, wäre das meine Schuld gewesen", flüsterte Dwayne geschockt.

Diese Erkenntnis brachte den Lord dazu, gründlich darüber nachzudenken, was es wirklich bedeutete, der Boss dieser Cleaner Einheit zu sein.

~ C ~

„Deine Wunde gut versorgt, Indigo?", wollte Dwayne wissen, während er sich an die Stirnseite des Tisches setzte.

„Wie gesagt, ist nur ein Kratzer. Martha hat ihn gut versorgt und morgen ist sicher nichts mehr davon zu sehen."

„Gut, doch du wirst trotzdem in nächster Zeit nicht mehr auf Jagd gehen", erklärte Dwayne.

„Wieso nicht? Ich habe zwei von den Kerlen erwischt. Okay, ich gebe zu, es war mein Fehler, dass ich den Sekhmet hinter mir nicht bemerkt habe, aber..."

„Nein!", unterbrach Dwayne sie schneidend. „Es war mein Fehler. Ich hätte dich gar nicht erst mitnehmen dürfen. Dir fehlt es an Erfahrung und das hätte ich erkennen müssen. Daher bleibt es dabei, du kommst nicht mit."

„Das ist nicht fair, Mylord. Ich kann kämpfen. Ich will kämpfen. Deswegen bin ich doch schließlich hergekommen."

„Das finde ich auch", mischte sich Aaran ein. „Sie hat sich verdammt gut geschlagen und das weißt du."

Dwayne schaute seinen Freund an und es dauerte eine Weile, bis er das Wort an ihn richtete. „Wir sind schon seit einiger Zeit sehr gut befreundet, Aaran, und deine Freundschaft ist mir wichtig. Doch nun bin ich mehr als dein Freund. Ich bin auch dein Boss. Ich entscheide wer, wann und wo eingesetzt wird und das ist nicht verhandelbar. Wenn du damit nicht klar kommst, werde ich dich einer anderen Cleaner Einheit zuteilen."

Aaran schnaubte ungehalten und sprang wütend auf. „So läuft das jetzt also. Wenn ich dir nicht nach dem Mund rede, schmeißt du mich raus? Das kannst du dir sparen, ich gehe freiwillig. Auf so einen Mist habe ich echt keinen Bock. Soviel zu Freundschaften, auf die ich wirklich verzichten kann."

Aaran wollte davon stürmen, als Dwayne mit scharfer Stimme knurrte: „Keiner geht hier. Setz. Dich. SOFORT!"

Zu Aarans eigenem Erstaunen folgte er dem Befehl seines Anführers auf der Stelle, maulte jedoch leise vor sich hin.

Dwayne atmete ein paar Mal tief durch, um sich zu beruhigen, dann sagte er: „Ihr habt beide gut gekämpft, doch die heutige Nacht hat mir gezeigt, dass wir einiges ändern müssen. Ich will euch nicht verlieren, versteht ihr?" Noch bevor einer der Beiden antworten konnte, fuhr der Lord fort. „Daher erster Punkt; Training. Von heute an werden wir jeden Tag mindestens drei Stunden dafür aufwenden, wobei ich dir, Aaran, die Aufgabe übertrage, unsere zukünftigen Mitstreiter an der Kandare zu halten. Bis dahin werden wir gemeinsam trainieren und dir, Indigo, zeigen, worauf du besonders achten musst. Selbst Aaran und ich sind dieser anderen Art Sekhmet noch nicht begegnet. Außerdem ist es auch für dich wichtig, auf die Warnungen deines Mals zu hören. Schließlich warst du all die Jahre eine Art freier Mitarbeiter. Wobei ich dir deine Kampferfahrung keineswegs abspreche, aber auch du hast die Weihe zum Cleaner zugleich mit Indigo erfahren. Du stimmst mir in allen diesen Punkten doch zu, mein Freund?"

Aaran musste unweigerlich grinsen. Dwayne hatte seine Worte sehr geschickt gewählt und so ihm, Aaran, das Fahrwasser genommen. „Aye", stimmte er daher zu. Wir müssen mit unserer Gabe erst genauer vertraut werden und was die Sekhmet betrifft, Zähne und Klauen sind mindestens doppelt so lange. Nur wieso sagst du, dass dir so einer auch noch nicht begegnet ist? Du bist doch schon vor ein paar Tagen auf einen getroffen."

„Schon, aber der war normal. Wobei ich mit normal meine, nicht so einer wie diese Super- Sekhmets, auf die wir gemeinsam gestoßen sind. Aus irgendeinem Grund haben sich anscheinend einige von ihnen verändert und das ist gar nicht gut. Wie und warum? Keine Ahnung. Vielleicht kriegen wir das noch heraus. Wichtiger ist es aber, dass wir sie stoppen. Wodurch ich gleich zu Punkt Zwei komme. Wir brauchen unbedingt noch mindestens zwei Cleaner. Alleine schon das Hafengebiet ist offenbar von Sekhmets verseucht. Was sich in der restlichen Stadt abspielt, wissen wir nicht mal. Jetzt kommen du und deine Computerfähigkeiten ins Spiel, Indigo. Ich möchte, dass du einen Vampir aufspürst, den ich für unsere Truppe in Betracht ziehe. Er ist seit 10 Jahren verschwunden, aber ich bin ziemlich sicher, dass er noch lebt. Ich gebe dir später alle Informationen, die ich habe."

Indigo nickte. „Ich finde ihn. Jeder hinterlässt so seine Spuren."

„Nico nicht", seufzte Dwayne. „Aber vielleicht hast du ja Glück."

„Nico Rayhl?", fragte Aaran Stirn runzelnd. „Der ist doch bei dem Anschlag auf das Shelter seines Clans umgekommen."

Dwayne schüttelte den Kopf. „Er hat als Einziger überlebt."

„Er war eine Legende, oder ist eine, wenn du sagst, er lebt noch. Wo hast du ihn kennen gelernt?"

„Colorado", antwortete Dwayne einsilbig.

„Du warst in seinem Shelter? Wow. Ich habe gehört, dass die Rayhls niemals jemanden in ihr Shelter eingeladen haben. Angeblich hat nicht einmal der Bund gewusst, wo es genau liegt und du warst dort?"

„Nein, ich habe ihn erst später kennen gelernt", erklärte Dwayne, verschwieg aber, dass er damals, nach dem Anschlag, Nico zufällig gefunden hatte. Blut überströmt und mit  tiefen Wunden, hatte Dwayne den Vampir bei einen seiner Streifzüge durch die Wälder Colorados entdeckt, mit zu sich nach Hause genommen und mit Marthas Hilfe gesund gepflegt. Zwei Monate hatte es gedauert, bis Nico wieder völlig hergestellt war, zumindest körperlich. Dwayne hatte immer noch die Worte Nicos im Ohr, der sagte, bevor er das Haus verließ: „Du hast mich zum Leben verurteilt. Das war ein Fehler."

Bis heute wusste Dwayne nicht, ob das eine Drohung gewesen war. Nun, er würde es herausfinden, sollten sie Nico finden.

Aaran riss den Lord aus seinen Gedanken. „Nachher? Dann lebt er also wirklich noch und wenn es stimmt, was man über ihn erzählt, wäre er der perfekte Mann für uns."

Dwayne ging auf diese Bemerkung nicht ein, sondern fuhr fort: „Dritter Punkt. Waffen. Wendet euch an Paul. Er ist ein wahrer Meister und wird euch die Waffe schmieden, die genau auf euch zugeschnitten sind."

~ C ~

Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit Training und Jagd, wobei, wie von Dwayne angeordnet, Indigo nicht mit nach draußen ging und nach den ersten Lektionen, die sie von Dwayne erhielt, verstand sie auch, wieso der Lord darauf bestand. Er trainierte weniger ihre Kampfkunst, sondern mehr ihre Sinne, denn die waren ihr eigentliches Handicap, wie sie glaubte. Doch sie irrte sich. Es lag nicht nur an ihrer Wahrnehmung.

Paul schaute ihnen beim Training zu und bat Indigo, den Lord mit den verschiedensten Schwertern anzugreifen. Der Zwerg beobachtete die Beiden eine gute Stunde, sowie er es bei Aaran und Dwayne ein paar Stunden zuvor gemacht hatte. Dann nickte er zufrieden und ging davon.

„Was bedeutet das jetzt?", wollte Indigo Stirn runzelnd wissen und starrte auf die Tür, hinter der Paul verschwunden war.

„Er weiß jetzt, welche Waffen die besten für dich sind. Paul wird sie bald fertig haben und wenn sie sich so anfühlt, als wäre sie dein verlängerter Arm, gehen wir alle gemeinsam auf die Jagd." Dwayne steckte sein Kurzschwert in die Scheide auf dem Rücken. „Schluss für heute. Wir trainieren weiter, wenn du deine Waffe hast", sagte er an Indigo gewandt. Aaran war gut genug, um mit seiner alten Waffe zu kämpfen. Außerdem konnte es gut sein, dass Paul Aarans Schwert für passend befand und daher kein neues anfertigte.

„Okay, wenn was ist, ich bin im Überwachungsraum. Mal sehen, ob mein Programm schon was über diesen Nico ausgespuckt hat", entgegnete sie und lief davon.

Dwayne schüttelte den Kopf, sammelte die Schwerter auf, um sie in die Halterungen an der Wand zu verstauen und murmelte währenddessen: „Würden wir so einen Saustall in ihrem geheiligten Computerraum hinterlassen, würde sie uns den Kopf abreißen."

Nach einer raschen Dusche stieg er in seine Kampfkleidung und bewaffnete sich. Wie jede Nacht, würden er und Aaran auch heute auf Jagd gehen, doch dieses Mal hatte Dwayne etwas Besonderes geplant.

Da er wusste, wo er Aaran finden würde, lief er die Treppe hinab und von dort direkt in die Küche. Wie erwartet saß Dwaynes Kampfgefährte an dem großen Holztisch und schaufelte Haggis in sich hinein, das Martha offenbar extra für ihn gemacht hatte.

Als Aaran Dwayne bemerkte, zog er rasch die Vorlegeplatte zu sich. „Alles meins, damit das klar ist", erklärte er grinsend, um gleich darauf den Teller seinem Lord zuzuschieben. „Das musst du kosten."

Dwayne schüttelte den Kopf. „Ich esse später. Wir treffen uns in zehn Minuten in der Garage. Und bring zwei Stahlseile mit." Schon war der Lord verschwunden.

Aaran erhob sich sofort, nahm aber noch einen großen Bissen, bevor er Martha sein Bedauern aussprach und seine Waffen holte. Kurz darauf ließ er sich neben Dwayne in den Van fallen. „Heute machen wir also mal was anderes", stellte er fest. „Was ist der Plan?"

„Wir besorgen Indigo etwas zum Spielen", entgegnete Dwayne grinsend.

~ C ~

„Das sind Sai - Gabeln", erkannte Indigo überrascht und drehte die Waffen Stirn runzelnd in den Händen.

„Allerdings, Mrs. Indigo", erwiderte Paul mit undurchdringlicher Miene.

„Damit kann ich nicht kämpfen. Die sind...zu kurz, zu dünn zu...damit kann ich nicht kämpfen", erklärte Indigo noch einmal und diesmal mit Nachdruck.

„Doch. Sie sind perfekt für Sie", widersprach Paul.

Indigo wandte sich an Dwayne. „Ich kam gut mit meinem Schwert zurecht. Sehr gut. Seit über 100 Jahren. Warum verlangst du jetzt, dass ich mich mit diesen...Messern rumplagen muss? Die sind ja gerade mal so lange wie die Klauen der Sekhmet. Außerdem bin ich Linkshändler", fügte sie trotzig hinzu, obwohl sie wusste, dass das völlig irrelevant war.

Indigo war sauer. Sie hatte erwartet, ein cooles Schwert zu bekommen. Eines, das wirklich zu ihr passte. Nicht solche...Zahnstocher.

„Wenn Paul sagt, sie sind richtig für dich, dann sind sie es auch. Vertraue ihm", verlangte der Lord.

Indigo seufzte, als sie bemerkte, wie kränkend ihre Worte für Paul sein mussten. Auch wenn sie sich sicher war, dass die Sai in ihrem Zimmer verstauben würden, so wollte sie den Butler und Waffenschmied nicht noch mehr beleidigen. Daher wandte sie sich Paul zu und rang sich ein Lächeln ab. „Danke, sie sind sehr schön gearbeitet." Und das stimmte sogar. Die Messer waren scharf wie eine Rasierklinge, trugen entlang der Klinge Verzierungen und das besonders behandelte Leder des Schaftes schmiegte sich perfekt in ihre Hand.

„Wenn Sie dem Knauf genauere Aufmerksamkeit schenken wollen", fordere Paul, und Indigo betrachtete das glänzende Teil.

Indigo!"

Die Kreolin reagierte auf den scharfen Warnruf sofort. Sie fuhr herum, ging in die Knie und kreuzte gleichzeitig ihre Sai und streckte sie abwehrend nach vorne. Sie tat das instinktiv und als das Schwert auf sie nieder sauste, blieb es zwischen den Klingen der Sai hängen.

„Wie ich schon sagte. Perfekt." Auf Pauls Gesicht erschien andeutungsweise ein Lächeln und er verließ den Trainingsraum.

Und plötzlich fühlten sich die Sai nicht nur gut, sondern perfekt in Indigos Händen an. Dwayne lächelte und nahm sein Schwert zurück. „Du solltest heute noch üben. Morgen Abend wird sich zeigen, ob du bereit bist."

„Ich bin bereit", erwiderte Indigo selbstsicher und warf ein Sai zielsicher auf eine der Holzpuppen, die zu Trainingszwecken an einer der Wände stand. Das Sai steckte mitten in der Stirn und sie lächelte zufrieden.

~ C ~

Indigo stand in der Mitte des Trainingsraums. Wie schon Tags zuvor, hatte Dwayne ihr die Augen verbunden. Sie sollte sich nur auf ihre Sinne verlassen. Konzentriert lauschte sie auf Geräusche, als plötzlich ihr Mal zu prickeln anfing. Sofort gingen alle Alarmglocken in ihr an. „Wie kann das sein?", fragte sie irritiert. Sie waren hier im sicheren Haus, es war unmöglich, dass sich ein Sekhmet hier befand.

„Verlass dich auf deinen Instinkt. Immer", hörte sie Dwayne plötzlich sagen und Aaran fügte lachend an. „Und sei lieb zu unserem Geschenk."

„Worauf du dich..." ein tiefes, gefährliches Knurren brachte Indigo dazu, den Satz nicht zu beenden. Dwayne hatte dem Sekhmet die Stahlseile abgenommen, was den Dämon zum Knurren brachte, während er sich, seiner Meinung nach, das leichteste Opfer suchte.

Dwayne und Aaran verhielten sich vollkommen still, während sie beobachteten, wie der Sekhmet auf Indigo zu schlich. Und die Kreolin hatte in den paar Tagen viel gelernt. Sie verließ sich auf das Mal, das sie spüren ließ, wie der Sekhmet immer näher kam. Das erneute Knurren des Dämons veränderte sich, Indigo wusste, er griff an, sie hob die Sai, drehte sich genau im richtigen Moment und schlitzte den Sekhmet diagonal auf.

Ein dumpfer Schlag folgte, als der Dämon zu Boden ging. Er röchelte noch ein paar Mal, dann war es still und Indigo nahm die Augenbinde ab.

„Perfekt gekillt", stellte Aaran fest. „Und jetzt mach die Sauerei weg. Ich kann so etwas in meinem Trainingszentrum nicht leiden", fügte er grinsend hinzu.

Es war klar, dass Indigo das nicht hinnahm und wie üblich begannen sich die zwei zu streiten, bis es Dwayne zu bunt wurde. „Schluss jetzt. Ihr macht das zusammen. Wenn ihr fertig seid, kommt ins Arbeitszimmer. Ich habe euch noch wegen des Mals etwas zu sagen."

Dwayne wartete eine Erwiderung gar nicht erst ab, sondern verließ schnellen Schrittes den Raum, um jeder weiteren Diskussion zu entgehen. Zudem hatte er sie neugierig gemacht, daher wusste er, sie würden schnell arbeiten.

Als die Beiden nach kurzer Zeit bei ihm auftauchten, saß er gemütlich auf dem schweren Lederstuhl, ein Glas Whisky in der Hand. „Bedient euch, wenn ihr wollt", forderte er seine Mitstreiter auf und zeigte auf Flasche und Gläser auf dem Bestelltisch. Indigo schüttelte den Kopf und nahm auf der Couch gegenüber des Lords Platz. Aaran holte sich erst zu trinken und setzte sich dann ebenfalls. Jetzt konnte er sich endlich beschweren und motzte Dwayne an. „Du hättest ruhig helfen können."

„Sehe ich nicht so. Schließlich habe ich das Spielzeug für Indigo eingefangen."

„Nicht du, wir, möchte ich fest halten."

„Richtig, ich erinnere mich. Du hast an der Mauer gelehnt und mir Anweisungen gegeben. Ach ja und das Seil hast du mir gereicht, nachdem ich ihn bewusstlos geschlagen hatte", entgegnete Dwayne.

„Und ich hab den Sekhmet nach Hause getragen."

„Du hast ihn in den Kofferraum des Wagens geschmissen. Das waren höchstens drei Meter, also gib nicht so an."

Als Aaran nur grinsend mit den Schultern zuckte, lachte Indigo laut auf. „Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, ist verrückt. Das scheint Aarans Wahlspruch zu sein."

„Hey." Mit einem beleidigtem Gesichtsausdruck lehnte Aaran sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was? Stimmt doch", erwiderte sie, doch bevor die beiden wieder mit ihrem verbalen Schlagabtausch anfangen konnten, stellte Dwayne sein Whiskyglas geräuschvoll auf den Tisch und beide zuckten betroffen zusammen, wie der Lord befriedigt fest stellte. „Lasst die Kindereien. Ich will euch noch etwas über das Mal sagen", begann er.

Kapitel - Eine verhängnisvolle Kugel von silverbird
Erwartungsvoll schauten Indigo und Aaran den Lord an und nachdem er ihre volle Aufmerksamkeit hatte, erklärte er: „Wie ihr bereits wisst, warnt euch das Mal vor den Sekhmet, verleiht euch größere Kraft und hat eure Sinne verstärkt. Es gibt aber noch etwas, das ihr über euer Mal wissen solltet."

„Doch fliegen, ich wusste es", warf Aaran ein und Dwayne seufzte genervt. „Hör doch endlich auf mit diesem Mist. Mach den Pilotenschein, wenn du unbedingt fliegen willst."

„Du bist eine echte Nervensäge, Aaran", meldete sich nun Indigo wütend zu Wort. „Jetzt sei endlich still, sonst erfahren wir nie, was es mit dem Mal sonst noch auf sich hat."

Aaran hob abwehrend die Hände. „Schon gut, kein Grund gleich grob zu werden. Teletransportieren ist auch cool. Und es geht auch schneller. Vergessen wir das Fliegen. Vorläufig. Also, was kann ich noch mit dem Ding?"

„Es zeigt dir etwas", erklärte Dwayne lächelnd.

Aaran schnaubte und verdrehte die Augen. „Du gehst mir echt auf den Geist mit deiner Geheimnistuerei. Jetzt rede endlich Klartext."

„Ich selbst habe es noch nicht erlebt, aber mir wurde gesagt, dass das Mal auch so eine Art Partnerdetektor ist", erklärte Dwayne, woraufhin ihn seine Mitstreiter entgeistert anschauten.

„WAS?" Aaran war offensichtlich geschockt, denn er sprang auf und tigerte ziellos durch den Raum, um diese Offenbarung erst mal zu verdauen.

Indigo hingegen blieb völlig ruhig und Dwayne fragte sich, ob es nicht besser wäre, wenn sie auch so wie Aaran reagieren würde, doch da schimpfte Aaran schon weiter. „Ist das dein Ernst? Willst du damit sagen, ab jetzt bestimmt das verdammte Mal, mit wem ich in die Kiste hüpfen darf? Und du nennst dich Freund? Machst mich zum Sklaven dieses...dieses Dings, das mir alle Freiheiten nimmt. Jetzt bin ich froh, dass ich nicht fliegen kann, so kann ich mich wenigstens vom Dach stürzen."

Aaran holte fassungslos nach Luft. Das nützte Dwayne aus und sagte trocken. „Du würdest ohnehin überleben, also bringt es nichts."

„Du bist ein hinterhältiger Bastard. Du hättest uns sagen müssen, was auf uns zukommt. Uns die Entscheidung selbst überlassen müssen. Habe ich Recht, Indigo?" Er schaute zu der Freundin, die ein nachdenkliches Gesicht machte, ihr Glas plötzlich abstellte und Aaran anschaute. „Nein, hast du nicht. Es war unsere Entscheidung, Aaran. Keiner hat uns dazu gezwungen. Wir haben zugestimmt, alles, was mit dem Ritual zusammenhängt, anzunehmen. Dwayne trifft keine Schuld. Er hat uns zwei Mal eindringlich gefragt, ob wir bereit dazu sind. Er konnte uns vorher nicht sagen, welche Konsequenzen es haben würde. Nur Cleaner dürfen diese Geheimnisse wissen. So ist es doch, oder?"

Dwayne hatte nicht erwartet, gerade von dieser emanzipierten Frau Unterstützung zu erhalten. Er nickte ihr zu und sie erwiderte diese Geste, dann verschränkte er die Arme vor der Brust und wandte sich an Aaran. „Nenne mich nie wieder Bastard."

In Dwaynes Blick und dessen gefährlich ruhiger Stimme erkannte Aaran, dass er zu weit gegangen war. Sie waren zwar Freunde, aber Dwayne war auch der Lord und Anführer der Cleaner, was auch bedeutete, dass man ihm einen gewissen Respekt entgegen zu bringen hatte. Und plötzlich verstand Aaran das auch. Andere Cleaner würden sich ihnen anschließen und wenn Dwayne seinen Status nicht von vorne herein klar machte, würden sie die Achtung vor ihrem Anführer verlieren. Das konnte fatale Folgen haben.

„Sorry, Mylord", entschuldigte sich Aaran daher zerknirscht. „Ist wohl mit mir durchgegangen. Wird nicht wieder vorkommen und das mit dem Partner kriege ich schon irgendwie geregelt."

„Entschuldigung angenommen. Und was den möglichen Partner betrifft. Ob du auf ihn triffst, ist nicht gesagt, denn das kommt nicht sehr häufig vor, wie mir gesagt wurde. Selbst wenn, es ist immer noch deine Entscheidung, ob du darauf eingehen willst, oder nicht. Es ist also nicht verpflichtend und du kannst auch nach wie vor Sex haben, mit wem du willst. Das Mal wird dich nicht daran hindern, falls du das befürchtet hast. Also keine Impotenz wegen des Mals", erklärte Dwayne und Aaran stieß erleichtert die Luft aus und seine Panik legte sich. Er wollte sich nicht binden. Nicht jetzt und auch nicht später und schon gar nicht, weil ein blödes Mal es ihm befahl, wie er erst dachte. Aaran liebte Frauen, viele Frauen, alle Arten von Frauen und das sollte auch so bleiben. Für immer, daher erwiderte er: „Okay, dann ist es mir egal." 

„Himmel, der Mann denkt echt nur mit den unteren Regionen", murmelte Indigo Kopf schüttelnd.

„Wundert mich nicht, dass du das sagst. Das einzige Verhältnis, das du hast, ist mit deinem Computer."

„Ach, halt die Klappe, Aaran. Was weißt du schon? Erzähl weiter, Dwayne", forderte sie den Lord auf.

Der nickte. „Mir wurde von einigen Cleanern erzählt, die auf diese Weise ihren Partner gefunden hatten, dass man sofort weiß, er, sie, ist die oder der Eine. Man fühlt sich endlich komplett. Und alles, was man möchte, ist, seinen Partner glücklich zu machen."

„Klingt schön", bemerkte Indigo, leise seufzend.

„Klingt anstrengend", sagte Aaran. „Den Rest meines Lebens mit einer Partnerin? Wenn ich mir vorstelle, dass ich noch mindestens 1000 Jahre lebe... Ätzend. Gut, dass ich die Wahl habe. Daher werde ich in diesem Fall nicht auf das Mal hören und weiterhin meinen Spaß haben." Aaran grinste zufrieden, setzte sich und füllte sein Glas.

Noch bevor er einen Schluck nehmen konnte, bohrte sich Indigos Finger in seine Brust. „Du bist das unsensibelste Wesen, das mir je untergekommen ist. Ich hoffe sehr, dass du nie auf deinen Lebenspartner triffst, denn DAS wäre ätzend und zwar für sie. Und wenn du sie triffst, werde ich alles tun, damit du sie nicht in deine Fänge kriegst. Alles Schlechte, das ich über dich weiß, werde ich ihr brühwarm erzählen, sodass sie rennt, so schnell sie kann und zwar von dir weg."

Aaran grinste weiterhin. „Neidisch?"

„Auf dich Gefühlskrüppel? Nein, wirklich nicht. Ich habe nichts gegen One Night Stands, wenn es mal passt, aber auf lange Sicht hin will ich mehr", entgegnete sie gelassen und setzte sich wieder.

„Hach ja, Frühstück im Bett und Rosenblätter. Liebling hin und Liebling her. Das ist ja sooo romantisch", spottete Aaran und machte ein Geräusch, als würde ihm das Essen hochkommen. „Sind wir doch realistisch. Wir sind Krieger, jetzt sogar Cleaner. Weiter weg von - eitel Wonne - Sonnenschein, geht es gar nicht. Außerdem haben wir bei unserem Job für so einen Blödsinn überhaupt keine Zeit. Apropos Zeit, bis zu unserer heutigen Jagd hab ich noch welche. Das reicht locker für einen kleinen, köstlichen Snack und wenn sie hübsch ist, wer weiß----." Aaran grinste verwegen, zwinkerte Indigo zu, die genervt die Augen verdrehte. Dann stand er auf, versprach Dwayne pünktlich zurück zu sein und eilte aus dem Raum.

„Denkst du, wir können so wie sie werden?", fragte Indigo, nachdem Aaran verschwunden war.

„Wie wer?", wollte Dwayne wissen.

„Die Sekhmet."

„Was? Nein, wie kommst du nur auf so etwas?"

„Ich habe über sie nachgedacht. Einiges im Internet recherchiert, nachdem du von ihnen erzählt hast und in den alten Schriften. Die Legende sagt, Sekhmet, er, sie, wie auch immer, über das Geschlecht ist man sich nicht einig, wurde von Gott Re auf die Erde geschickt, um Menschen, die Böses getan hatten, zu vernichten. Sekhmet tat es, indem er oder sie ihr Blut bis zum letzten Tropfen austrank und wurde so süchtig, dass er oder sie nicht mehr aufhören konnte. Keiner der Götter konnte ihn oder sie stoppen und die Vernichtung der Menschen drohte. In alten Schriften heißt es, das Sekhmet einige Menschen verschonte, indem er oder sie ihnen etwas Blut ließ und sie von seinem oder ihrem Blut nährte. So entstanden die ersten gewandelten Vampire. Bevor er oder sie sich eine Armee heranzüchten konnte, gebar eine Tochter Re's drei Kinder. Das waren die ersten, geborenen Vampire, aus denen die Cleaner hervorgingen, um die Kinder des oder der Sekhmet zu bekämpfen."

„Das sind Legenden, Indigo. Die gibt es in jeder Kultur und bei jeder Rasse, denn viele von uns, egal welche Rasse, brauchen etwas, eine höhere Macht, Gott, was auch immer, um an etwas festhalten zu können, um Dinge, die sie nicht verstehen oder erklären können, diesen Göttern zuzuschreiben. Denk an die Entstehungsgeschichte von Adam und Eva. Von einem Gott erschaffen und für die ganze Menschheit verantwortlich. Auch etwas, woran zum Beispiel viele Menschen glauben, obwohl zwei Menschen wohl kaum eine ganze Rasse, noch dazu von unterschiedlicher Hautfarbe, hervorbringen können. Natürlich kann es sein, dass in all den Legenden ein Fünkchen Wahrheit steckt, aber ich denke eher, dass wir letztendlich alle ein Produkt der Evolution sind. Jede Rasse hat sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt. Und wenn wir uns die Tiere in ihrer Vielfalt als Beispiel nehmen, wieso soll es das nicht auch bei höher entwickelten Wesen geben?"

„Keine schlechte Theorie und wenn ich darüber nachdenke, kann ich damit noch am ehesten etwas anfangen. Es liefert zumindest eine halbwegs logische Erklärung. Auch wieso es mehr Menschen als uns andere Wesen gibt, könnte man damit erklären, dass bei uns Vampiren, den Zwergen, Elfen, Werwölfen und all den anderen kleinen, von Menschen inzwischen vergessenen Rassen, die Fortpflanzung schwieriger ist. Deswegen sind wir auch trotz unserer Vielfalt eine Minderheit gegenüber den Menschen."

„Und was anders ist als die große Masse, wird verfolgt. So ist das nun mal. Dazu kommt, dass wir Eigenschaften und einen Lebensstil haben, der den Menschen suspekt ist. Was völlig absurd ist, wenn man bedenkt, wie sie die Tiere behandeln, die ihnen als Nahrung dienen. Im Vergleich zu uns geborenen Vampiren sind sie die Barbaren und nicht wir. Aber darüber könnte man ewig diskutieren. Außerdem müssen wir zugeben, auch nicht mit allen Wesen, die im sogenannten Untergrund leben, klarzukommen. Wir und die Werwölfe sind ein gutes Beispiel. Doch eines kann ich dir versichern, zu einem Sekhmet wirst du nie mutieren. Das ist schon Gentechnisch nicht möglich. Also mach dir darüber keine Sorgen. Sie können Menschen verwandeln, aber keine geborenen Vampire."

Indigo seufzte erleichtert und stand auf. „Danke, das beruhigt mich wirklich. Auch deine Ansichten waren interessant für mich. Stoff, über den ich nachdenken kann, während ich weiter nach Nico suche. Er ist wie ein Phantom. Kaum habe ich eine Spur, ist sie auch schon wieder weg. Der Mann nervt mich. Aber ich erwische ihn, darauf kannst du wetten." Die Kreolin nickte Dwayne zu, dann machte sie sich auf den Weg in ihren Computerraum.

Dwayne trank sein Glas leer, dann beschloss er sich von Martha ein bisschen verwöhnen zu lassen, bevor sie auf Jagd gehen würden.

~ C ~

Jedes Mal, wenn sie den Hafen oder andere Straßen nach Sekhmet durchsuchten, hielt Dwayne automatisch nach dem Mann Ausschau, mit dem er bisher zwei Mal zusammengetroffen war und den er nicht aus den Kopf verbannen konnte.

Auch diese Nacht war es nicht anders. Aufmerksam beobachtete Dwayne die Umgebung. Er hatte intensiv nachgedacht und war inzwischen ganz sicher, dieser Mann war dieser mysteriöse Jäger. Es konnte gar nicht anders sein. Er war der Einzige, auf den sie auf allen ihren Streifzügen je getroffen waren, der offensichtlich Sekhmet jagte. Irritierend für Dwayne jedoch war, dass sein Mal auf den Jäger reagiert hatte. Wieso wurde er als Feind angezeigt, wenn er doch die gleichen Ziele verfolgte, wie er, Dwayne selbst? Ein Rätsel, das der Lord unbedingt lösen wollte. 'Ich werde ihn trotzdem töten müssen', dachte Dwayne und der Gedanke behagte ihm gar nicht. Dennoch, sein Mal irrte sich niemals und es war klüger, darauf zu hören.

„Noch mal zum Hafen", verlangte Aaran und riss somit Dwayne aus seinen Gedanken, der zustimmend nickte. „Wir haben noch gute drei Stunden Zeit und mit Glück stoßen wir in den Docks noch auf einen oder zwei."

Dwayne und Aaran hatten ihre Patrouille am Hafen begonnen, waren dort auf zwei Sekhmet gestoßen und hatten dann entschieden auch noch durch den Central Park zu streifen. Auch dort war es ihnen gelungen, ein junges Mädchen vor drei Sekhmet zu retten. Keine schlechte Quote, doch die Nacht war noch jung genug, um weiter zu machen.

Daher teletransportierten sich die Zwei vor den Container, in dem sie das Auto abgestellt hatten und machten sich von dort aus zu Fuß auf den Weg zu den nahe liegenden Docks. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie jemanden schreien hörten.

Beide Cleaner zogen ihre Glocks und stürmten los. Sie erreichten das Tor eines Trockendocks, hinter dem erneut Schreie zu hören waren. Das hohe Tor war kein Hindernis. Mit einem Satz sprangen die Beiden hinüber und schlichen um den Segler, der zur Reparatur dort gelagert war. Der nächste, verzweifelte Schrei ließ die Beiden erkennen, dass sie zwar am richtigen Ort, aber in der falschen Richtung suchten und so schauten beide nach oben. An der Rahe gefesselt hing ein Sekhmet und wurde von einem Mann mit einem Messer gefoltert.

'Der Jäger', schoss es Dwayne durch den Kopf, als ein Schuss die Stille zerriss. Ein tiefes Knurren ertönte und mit ausgebreiteten Armen fiel der Jäger in die Tiefe.

Aaran grunzte zufrieden, während er die Waffe weg steckte und auf das Schiff sprang.

Nach einer Schrecksekunde, die Dwayne sich nicht erklären konnte, folgte er seinem Freund. „Erledige den Sekhmet, ich sehe nach dem anderen", ordnete Dwayne an.

Aaran nickte, doch das bemerkte der Lord nicht mehr, denn er kniete sich bereits neben den Jäger nieder. Dwayne wollte ihn anfassen um zu sehen, ob er noch lebt, als sein Mal ungewöhnlich heftig reagierte. „Das kann doch nicht sein, oder?" Fassungslos starrte Dwayne den Jäger an.

Kapitel - Der Jäger von silverbird
Aaran kam angerannt. Sein Schwert noch immer in der Hand, beugte er sich neben Dwayne über den bewusstlosen Mann. „Mist, ich habe einen Zivilisten erschossen. Das wollte ich nicht. Ehrlich. Ich dachte, das ist auch ein Sekhmet, der irgendein Strafritual durchführt. Wie hätte ich wissen sollen, dass...."

„Er lebt noch, also sei still und hilf mir lieber, ihn nach Hause zu bringen", herrschte Dwayne seinen Freund an.

„Du willst ihn zu uns nach Hause mitnehmen? Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein. Wir wissen nicht, wer er ist und..."

Unwirsch schnitt Dwayne ihm das Wort ab. „Er ist ein Werwolf, unter dem Sekhmet Blut riecht man es kaum. Jedenfalls sollten wir alles tun, damit er überlebt, denn sonst kriegen wir arge Probleme mit seinem Rudel, wenn sie dahinter kommen, dass wir unsere Finger im Spiel hatten. Etwas, das wir wirklich nicht gebrauchen können."

„Was mischt er sich auch in unsere Arbeit ein?", maulte Aaran leise, teletransportierte sich aber sofort auf das Grundstück. Während er in die Garage lief, meldete sich sein schlechtes Gewissen. Er hatte gehandelt ohne nachzudenken und daher stimmte er Dwayne jetzt doch zu. Sie hatten die Pflicht, den Mann zu retten.

Dreißig Minuten später hielt der Van mit quietschenden Reifen vor dem Trockendock.

Dwayne hatte den Fremden bereits vor das Tor gebracht und Aaran fragte sich, wie es ihm gelungen war, das hohe Tor mit dem Mann auf seinen Armen zu überwinden. Doch um Fragen zu stellen, war später noch Zeit. Erst galt es, den Fremden so rasch wie möglich zu versorgen. Rasch öffnete Aaran daher die hintere Autotür und Dwayne legte den Mann auf den Rücksitz. Er setzte sich daneben und Aaran brauste auch schon los.

„Während ich hierher gefahren bin, habe ich Martha angerufen. Sie wartet schon auf uns", erklärte er, doch Dwayne hörte ihm nicht wirklich zu.

Er war zu sehr damit beschäftigt den Jäger zu betrachten. Er hatte ein markantes Kinn und eine gerade Nase, die man als griechisch - römisch bezeichnen konnte. Die Haut war gut gebräunt, glatt und makellos. Als Dwayne den Mund des Jägers betrachtete, unterdrückte er das Bedürfnis, über die vollen Lippen zu streichen. Sie waren blass, fast so wie die Haut, die inzwischen so aussah, als hätte sie alle Bräune verloren. Dwayne wusste, dass es an dem Blutverlust lag und er presste seine Hand auf die Schusswunde auf der rechten Seite der Brust des Jägers. Der Lord hatte dort einen notdürftigen Verband mit seinem Hemd angelegt, das inzwischen Blut durchtränkt war. „Halt durch, Junge. Gleich sind wir zu Hause und können dich ordentlich versorgen", flüsterte Dwayne und versuchte das Gefühl auf seinem Bauch zu ignorieren, das sich verstärkt hatte, seit er dem Jäger so nahe gekommen war.

Aaran bremste so abrupt, dass Dwayne den Jäger automatisch an den Schultern packte, damit er nicht vom Sitz fiel. Sogleich wurde das Mal wärmer. 'Jeder entscheidet und bestimmt selbst', sagte Dwayne sich drei Mal in Gedanken vor, als Aaran auch schon die Tür auf riss und seinem Lord half, den Jäger aus dem Wagen zu hieven.

Fünf Minuten später lag er im Bett eines der leeren Zimmer und Martha versorgte seine Schusswunde, die sich schon etwas geschlossen hatte.

„Kein Mensch", erkannte Martha, die gerade die Kugel aus der Wunde holte.

Aaran schüttelte den Kopf. „Werwolf. Was mich allerdings wundert, dass er immer noch bewusstlos ist. Eine normale Kugel dürfte ihm nicht so viel ausmachen."

„Es muss der Sturz gewesen sein. Durch die Verletzung in der Brust konnte er sich beim Sturz nicht abfangen und ist mit dem Kopf auf den Schiffsplanken aufgeschlagen." Dwayne hob den Kopf des Jägers vorsichtig an und so konnte man sehen, dass der Hinterkopf blutverschmiert war. Die Platzwunde war aber inzwischen fast gänzlich geschlossen.

Dwayne machte sich Sorgen. Das hatte selbstverständlich nichts damit zu tun, dass sein Mal auf den Jäger auf diese spezielle Weise reagierte. Natürlich nicht. Es lag daran, dass es einen Zusammenstoß mit dem Clan der Lykantrophen geben würde, sollte der Werwolf nicht überleben.

Der Jäger stöhnte plötzlich und seine Augenlider flatterten kurz, bevor er sie ganz öffnete und Dwayne stockte kurz der Atem, so intensiv war das Grün dieser Augen, dessen Lider sich gleich wieder schlossen.

„Keine Sorge, Mylord. Er wird wieder", bemerkte Martha, die das Verbandsende mit einem Pflaster verklebte, bevor sie eine Hand auf die Stirn und die andere auf die Brust des Jägers legte. Die nächste halbe Stunde erfüllte das Summen von Marthas Stimme den Raum und weder Dwayne noch Aaran wagten es, einen Ton von sich zu geben.

Als die Heilerin verstummte, schlug der Jäger unvermittelt die Augen auf. Mit einem Blick erfasste er die ihm fremde Umgebung, knurrte drohend und wollte sich aus dem Bett rollen, als auch schon Dwayne neben ihm stand und ihn an den Schultern zurück auf die Matratze drückte. Fasziniert von den leuchtend grünen Augen brauchte er einen Moment, bis er sprechen konnte. Dann räusperte er sich kurz. „Ganz ruhig, mein Junge. Du bist verletzt und musst dich schonen." Dwayne sagte es leise und mit beruhigender Vampirstimme, doch das schien den Jäger nicht zu beeindrucken, denn er erwiderte: „Erstens bin ich nicht dein Junge. Verstanden? Und Zweitens, versuch dieses Vampirgesülze erst gar nicht. Das funktioniert bei mir nicht. So, und nachdem wir das geklärt habe, will ich raus hier."

„Klar, damit du uns deine Hundemeute auf den Hals hetzen kannst", knurrte Aaran unfreundlich.

Der Jäger konterte spottend: „Angst, Blutsauger? Vielleicht hättest du erst denken und dann schießen sollen."

Überrascht schaute Aaran den Jäger an. „Woher...?"

Noch bevor der Jäger antworten konnte, erklärte Dwayne. „Er kann es riechen. Du weißt schon, die Verbrennungsrückstände beim Abfeuern einer..."

„Vielen Dank. Mylord. Jetzt kann ich mich gleich den Wölfen zum Fraß vorwerfen, nachdem du mich verraten hast."

„Pass auf, was du sagst", wies Dwayne den Cleaner zurecht. „Geht jetzt, du auch, Martha. Bitte", wandte er sich freundlich an die Heilerin und erklärte auch warum. „Ich will alleine mit dem Lykanthropen reden."

Martha nickte ihm verstehend zu und als sich die Tür hinter den Beiden schloss, ließ Dwayne die Schultern des Jägers los und ging auf Abstand, bevor er sagte: „Was passiert ist, war nicht geplant. Wir haben einfach nicht damit gerechnet, soweit von eurem Revier weg auf einen von euch zu treffen. Es tut mir Leid, was passiert ist. Wir wollen keinen Konflikt mit euch. Aber die Jagd auf die Sekhmet ist unsere Angelegenheit. Daher bist du nicht ganz unschuldig an den Geschehnissen. In Zukunft ist es daher besser, ihr haltet euch da raus."

Der Jäger richtete sich im Bett etwas auf und erklärte bestimmt. „Das werde ich sicher nicht tun. Ich habe mit diesen Monstern eine Rechnung offen und keiner wird mich daran hindern, sie zu begleichen, auch ihr Cleaner nicht."

Dwayne hob verwundert die Augenbrauen. „Woher weißt du von den Cleanern?"

„Wir sind uns schon aufeinander getroffen. Erinnerst du dich nicht? Auf den Containern", erwiderte der Jäger grinsend.

'ER war das also', dachte Dwayne. 'Der starke Blutgeruch des Sekhmet, den er getötet hat, hat seinen Eigengeruch übertönt, deswegen war ich mir nicht sicher. Aber jetzt, wo ich seinen ganz besonderen, eigentümlichen Duft kenne, werde ich es immer wissen, wenn er in der Nähe ist und kann somit verhindern, dass er noch einmal verletzt wird. Was denke ich da? Er ist nicht mein...nein, ich bin nicht für ihn verantwortlich. Nun gut, ich kann ein Auge auf ihn haben. Sicherheitshalber. Unsinn. Er ist ein Lykanthrop. Eine genauso stolze Spezies, wie wir es sind, daher würde er es mir übel nehmen, wenn er bemerkt, dass ich mich als sein Beschützer aufspiele. Das kann ich gut verstehen. Ginge mir nicht anders. Also halte ich mich zurück. Dennoch sollten wir die Reviersituation klären und ich will wissen, wieso er von uns weiß.'

„Das beantwortet nicht meine Frage. Woher weißt du von den Cleanern?", wollte Dwayne erneut wissen.

Der Jäger setzte seine Füße auf den Boden und stand langsam auf. „"Von meinem Rudel, oder genauer gesagt, von einem Cleaner, der eine Weile bei uns gelebt hat."

„Was?" Perplex schaute Dwayne den Jäger an. „Kaum zu glauben. Wer ist das gewesen?"

„Ich könnte es dir sagen, aber danach müsste ich dich töten", entgegnete der Jäger grinsend, schloss aber dann kurz die Augen und hielt sich am Bettpfosten fest. Er schwankte bedenklich, da ihm offensichtlich schwindlig war.

Sofort war Dwayne bei ihm und fasste ihn stützend an den Schultern. „Besser du setzt dich wieder. Du musst dich stärken. Ich hole dir etwas." Dwayne wartete, bis sich der Jäger auf das Bett nieder gelassen hatte, dann ging er zur Tür. „Übrigens, den Film habe ich auch gesehen. Aber bei deinem Zustand besteht keine Gefahr für mich."

Noch bevor der Jäger etwas erwidern konnte, hatte der Lord das Zimmer verlassen.

Der Verletzte seufzte. „Arroganter Blutsauger, kennt die gleichen Filme wie ich", murmelte er verärgert darüber, dass der Vampir das Filmzitat sogleich verstanden hatte. „Wie auch immer. Ich muss hier raus, und das rasch. Wird aber nicht einfach werden. Ich muss mir einen Plan überlegen. Wobei ich gar nicht erst in der Situation wäre, wenn dieser vertrottelte Blutsauger nicht auf mich geschossen hätte. So blöd kann echt nur ein Vampir sein. Wozu hat er seine Sinne? Keinem von uns wäre so etwas passiert. Wir hätten richtig getroffen." Der Jäger grinste fies und griff sich an die Wunde, die kaum noch weh tat. „Eigenartig, wie schnell es heilt, aber gut für mich. So kann ich gleich Morgen überprüfen, ob es stimmt, was der Sekhmet verraten hat. Ja, ich bin gut im Foltern. Zum Glück sind die Cleaner erst aufgetaucht, nachdem ich mit diesem Monster fast fertig war. Daher spare ich es mir, ihnen mit meinem Clan zu drohen. Außerdem könnte sich das zu einem Eigentor entwickeln, wenn Mangus erfährt, was ich treibe. Oder noch schlimmer, wenn Marema dahinter kommt. Sie ist im Stande und legt mich heute noch übers Knie." Der Jäger seufzte lautlos. Mangus und Marema waren seine Großeltern und er liebte sie, aber ihre ständige Einmischung ging ihm manchmal auf die Nerven. „Besser sie wissen nichts, zumindest vorläufig. Ich muss ohnehin überprüfen, ob mich der Sekhmet nicht doch angelogen hat, was ich allerdings nicht glaube. Doch eines nach dem anderen. Jetzt schlage ich mir erst mal den Bauch voll, denn er hat Recht, ich brauche Kraft. Mal sehen, was die Blutsauger so anzubieten haben."

Der Jäger fühlte sich zwar schon wieder recht gut, doch eine Flucht würde trotzdem schwierig werden. Selbst, wenn er unverletzt gewesen wäre. Die Shelter der Vampire waren von der Außenwelt völlig abgeschottet. Sie waren Meister der Camouflage und wenn sie nicht wollten, kam man weder rein noch raus, falls man das Haus überhaupt fand. Das wusste der Jäger von dem Cleaner, der zwei Jahre bei ihnen gelebt hatte und der inzwischen ein Freund seines Clans war. „Aber raus kommt man überall leichter als rein", sagte er sich zuversichtlich und lehnte sich im Bett zurück. Kaum hatte er es sich bequem gemacht, wurde auch schon die Tür geöffnet. Ein großes Tablett balancierend trat der Lord ein und stellte es auf das Bett.

Dem Jäger lief das Wasser im Mund zusammen, beim Anblick der vielen Köstlichkeiten, „Wow. Du musst ein sehr schlechtes Gewissen haben", bemerkte der Jäger und fing sofort an zu essen.

„Nein. Ich habe nur eine ausgezeichnete Köchin", gab Dwayne zurück.

„Unbestritten", stimmte der Jäger zwischen zwei Bissen zu und leerte nach und nach das Tablett.

Dwayne schaute ihm zu. Registrierte jede noch so kleine Bewegung. Beobachtete, wie der Jäger eine blauschwarze Strähne zurück strich, die aus dem Lederband gerutscht war, mit der er sein schulterlanges Haar im Nacken zusammengefasst hatte und wünschte sich, es wären seine Finger, die durch diese schwarze Seide glitten. Doch das würde nie passieren. Vampire und Lykanthropen waren zwar keine direkten Feinde mehr, aber Freunde würden sie niemals werden und schon gar nicht das, was Dwaynes Mal signalisierte. Ausgeschlossen. Das sein Herz derselben Meinung wie sein Mal zu sein schien, ignorierte der Lord einfach. Das war eine Sache der Vernunft.

Der Jäger schob das Tablett von sich. „Richte deiner Köchin meine Anerkennung aus. Sie hat den Rest eurer Schuld getilgt. So wie ihr mich behandelt habt, glaube ich, dass es keine Absicht von deinem Cleaner war, daher möchte ich jetzt gehen."

Dwayne antwortete nicht sofort und überlegte. Dieser Unfall hätte einen Konflikt mit den Lykanthropen auslösen können, doch der Jäger schien einsichtig zu sein und ebenfalls auf keinen Streit mit den Vampiren aus zu sein. Daher nickte Dwayne zustimmend. „Ich bin froh, dass du das so siehst. Trotzdem wirst du verstehen, dass ich dich nicht so einfach gehen lassen kann. Wir schützen unsere Shelter genauso wie ihr eure Caves. Gestatte daher, dass ich dich in einem unserer sicheren Wagen an einen Ort deiner Wahl bringe."

„Einverstanden. Am Besten gleich, wenn es recht ist", entgegnete der Jäger und erhob sich erneut aus dem Bett.

Dwayne bemerkte erleichtert, dass der Jäger nun wesentlich sicherer auf seinen Beinen stand. „Warte hier, ich bin in einer Minute zurück", verlangte er und so war es auch. Als er wieder kam, hielt er ein neues T-Shirt in der Hand, das noch in der Original Verpackung steckte und reichte es dem Jäger. „Wenn du noch duschen willst, das Badezimmer ist gleich..."

Der Jäger schüttelte den Kopf. Er wollte den Aufenthalt hier so kurz wie möglich halten, denn diesen Vampir musste er meiden, das sagte ihm sein Kopf deutlich, auch wenn sein Herz etwas ganz anderes sagte. „Mach ich zu Hause."

„Okay. Gehen wir. Allerdings muss ich dir die Augen verbinden. Ich kann nicht erlauben, dass du mehr siehst als unbedingt notwendig."

„Du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich das zulasse. Auf keinen Fall", erwiderte der Jäger aufgebracht und schaute Dwayne grimmig an.

Der seufzte, nicht nur weil er diese Reaktion nachvollziehen konnte, sondern weil es nun doch kompliziert werden würde. Dazu kam, dass sein Mal ständig dieses warme, prickelnde Gefühl von sich gab, was Dwayne schon ganz nervös machte, daher antwortete er ungehalten. „Mir ist klar, dass dir das nicht gefällt, aber ehrlich gesagt, es ist mir egal. Der Schutz meiner Leute ist mir zu wichtig, um das Risiko einzugehen. Wenn du das nicht akzeptieren kannst, muss ich dich bewusstlos schlagen und dich halt dann raus bringen. Deine Entscheidung."

Fassungslos schaute der Jäger Dwayne an, dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Ihr Bluts...ich meine Vampire, glaubt wirklich, die Größten zu sein. Aber glaube es ruhig, gegen mich hättest du keine Chance."

Dwayne schaute nach wie vor grimmig drein und erwiderte: „Auch wenn ich keinen Ärger mit euch Lykanthropen will, können wir es gerne darauf ankommen lassen. Also wenn du denkst, mich schlagen zu können, nur zu."

„Ich wusste es", entgegnete der Jäger abfällig. „Letztendlich kommt eure wahre Natur immer zum Vorschein. Wer nicht tut, was ihr wollt, wird bedroht. Typisch Vampir."

Dwayne Augen fingen plötzlich an zu glühen. „Du weißt gar nichts von unserer Rasse, daher ist es sinnlos noch weiter zu diskutieren. Aber vielleicht denkst du mal darüber nach, was du an meiner Stelle tun würdest, wenn die Situation umgekehrt wäre und du dein Cave schützen wolltest."

Der Jäger schaute Dwayne ein paar Augenblicke an, dann seufzte er. „Okay, her mit der blöden Augenbinde."

Dwayne sparte sich Bemerkungen wie, gute Entscheidung, - oder, endlich bist du vernünftig geworden. Er wusste, das würde die Diskussion nur erneut entfachen. Daher zog er wortlos einen dunkelgrauen Schal aus der Tasche und verband dem Jäger die Augen.

Beide sprachen kein Wort, während Dwayne seine Hand auf die Schulter des Jägers legte, ihn zum Aufzug führte und ihm dann in der Garage ins Auto half.

Bis auf die Anweisung des Jägers an Dwayne, ihn zum Hudson River zu fahren, schwiegen sie.

Dreißig Minuten später waren sie an dem Punkt, zu dem der Jäger wollte. Er nahm die Augenbinde ab und stieg aus.

Bleib auf deiner Seite des Flusses, Wolf", verlangte Dwayne, der ebenfalls ausgestiegen war.

„Vergiss es, Vampir. Ich sagte dir doch, ich habe mit diesen Monstern noch eine Rechnung offen. Man sieht sich, wie ich befürchte", sagte der Jäger und verschwand zwischen den Bäumen am Flussufer.

Dwayne schaute ihm nicht nach, sondern stieg wieder in den Wagen und fuhr sofort los.

Der Jäger kam hinter dem Baum hervor, hinter dem er gewartet hatte und starrte dem Wagen nach, bis in der Ferne die Rücklichter verschwanden. „Wenn die Umstände anders wären", murmelte er, schüttelte denn Kopf und wandte sich dem Fluss zu. Dann zog er die Luft durch die Nase, registrierte so, dass sich niemand in der Nähe befand.

Während er los lief, verwandelte er sich und verschwand als großer, schwarzer Schatten zwischen den Bäumen.

Dwayne lenkte sein Fahrzeug auf den nächsten Rastplatz, schaltete den Motor ab und starrte durch die Windschutzscheibe, ohne etwas zu sehen. Die Erkenntnis, die sein Mal ihm übermittelt hatte, konnte und wollte er nicht glauben. Es war zu absurd. Nicht weil der Jäger ein Mann war. Dwayne hatte schon immer Männer bevorzugt. Das Absurde war, es handelte sich um einen Lykanthropen. „Was, bitte schön, hat sich dieses blöde Mal nur dabei gedacht?", fragte Dwayne laut und lachte gleich darauf freudlos. „Ich drehe langsam durch. Es kann natürlich nicht denken und handelt nach...nach was eigentlich? Instinkt? Wie auch immer, es irrt sich in diesem Fall. Anders kann es nicht sein. Ein Vampir und ein Lykanthrop", Dwayne schüttelte den Kopf, „absolut undenkbar. Zwei dominante Wesen, das würde nie funktionieren. Abgesehen davon, weder seine noch meine Rasse würde das akzeptieren und der schwer ausgehandelte Friede wäre gefährdet. Dieses Risiko werde ich nicht eingehen. Ich trage Verantwortung. Es gibt also gute Argumente keinen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. Und, dass er mich offenbar nicht leiden kann, erleichtert die Sache noch. Gut, Thema abgehackt."

Da Dwayne jedoch ganz bestimmte, tiefgrüne Augen nicht aus dem Kopf bekam, beschloss er sich mit dem abzulenken, was immer half. Frisches, warmes Menschenblut. Er stieg aus, schloss den Wagen ab und strebte dem nahe gelegenem Diner zu.

Kapitel - Jace von silverbird
Dwayne hatte sich an einem jungen Mann gestärkt. Doch nicht einmal dazu hatte er richtig Lust gehabt und sich daher nur kurz genährt und nur soviel Blut genommen, wie er unbedingt brauchte.

Die Wärme seines Mals hatte sich in ein Gefühl der Leere verwandelt, mit dem Dwayne nicht umgehen konnte. Doch er hoffte, dass sich das änderte, sobald er Jagd auf die Sekhmet machte. „Sicher wäre es auch hilfreich, den Jäger endlich aus dem Kopf zu kriegen", murmelte er und beschloss, endlich jagen zu gehen. Die beste Möglichkeit, sich abzulenken.

Keine 20 Minuten später parkte er den Wagen in dem Mietcontainer. „Ich hätte ihn fragen sollen, wie er heißt. Ich kann ihn doch nicht immer nur Jäger nennen. Oder sage ich, wenn wir zufällig aufeinander treffen: „Hey Wolf, habe ich dir nicht gesagt, du sollst dich von unserem Revier fernhalten?" Dwayne verdrehte die Augen, musste dann aber grinsen. „Oder ich sage: „Na Wölfchen, wieder mal in einer Gegend, in der du nichts zu suchen hast?" Sicher killt er mich, wenn ich ihn so nenne, zumindest würde er es versuchen. Er ist ein guter Kämpfer und auf keinen Fall zu unterschätzen. Und er ist ein Lykanthrop. Das ist das, woran ich denken sollte, anstatt mir blödsinnige Namen für ihn auszudenken."

Dwayne war frustriert, wütend auf die Sekhmet, auf seinen Job, auf sich und auch gleich auf die ganze Welt. In diesem Zustand zog er sein Schwert und brüllte in die Nacht. „Wo seid ihr, ihr verfluchten Monster, wenn man euch braucht?"

Dwayne bemerkte nicht, dass er beobachtet wurde, während er die Docks entlang ging, auf der Suche nach den Feinden.

~ C ~

Jace betrachtete die kleine Narbe, die von der Kugel übrig geblieben war. Der Cleaner hatte ihm erzählt, dass die Frau, Martha, die er im Shelter gesehen hatte, dafür verantwortlich war, dass es ihm schon wieder so gut ging. 'Die Heilerin der Cleaner ist wirklich gut', dachte der Jäger. 'Normaler Weise hätte es drei bis vier Tage gedauert, damit die Narbe so klein wird.'

Jace stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Sein Blick fiel auf das T-Shirt, das er von dem Lord bekommen hatte und überlegte, ob er es mit den anderen Kleidungsstücken, die wegen der Blutspuren nicht mehr zu gebrauchen waren, wegwerfen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Das Shirt war neu und von ausgezeichneter Qualität- 'Nur weil es von Dwayne ist, muss ich es nicht gleich entsorgen. Es riecht nicht mal nach ihm', brummte Jace und wusste, dass es gerade das war, was ihn störte. Dwayne roch für Jace fantastisch, das konnte und wollte er nicht leugnen.

Dennoch waren diese Gedanken absurd. Nicht nur, weil Dwayne ein reinblütiger Vampir war, sondern auch der Anführer der Cleaner. Soweit Jace wusste, blieben sie ausschließlich unter sich.

Jace schüttelte den Kopf über die irrsinnigen Gedanken, die er da hatte, und beschloss damit sofort auf zu hören.

Er hatte ein Ziel.

Eine Aufgabe.

Eine Bestimmung, die er erfüllen wollte. Nein. Musste! Und das war, den Mörder seiner Eltern zu finden und ihren Tod zu rächen. Nur aus diesem Grund hatte er seine Familie verlassen und lebte jetzt hier in New York unter den Menschen. Es gab zwar ein Cave in dieser Stadt, doch Jace hatte, als er hierher kam, keinen Kontakt zu dem Rudelführer aufgenommen. Wozu auch? Es war sein Kreuzzug, in den er keinen anderen hineinziehen wollte.

Deswegen hatte er sich eine kleine Wohnung gemietet, die weit weg von dem Cave der New Yorker Wölfe lag, um jeden Kontakt mit ihnen zu vermeiden.

Allerdings fühlte er sich in diesen Mauern überhaupt nicht wohl. Er vermisste die Bewegungsfreiheit, die er gewohnt war, seine Familie und seinen ganzen Clan, der ihn behandelte, als wäre er genau so wie sie.

Besonders Marema, seine Großmutter, fehlte ihm, die ihn bedingungslos liebte, sich um ihn sorgte und jeden zweiten Tag Mails an ihn schickte, seit er den Cave verlassen hatte. Sie schrieb ihm von den Vorkommnissen zu Hause, fragte ihn über New York aus und drohte in jeder Mail damit, ihn an den Ohren nach Hause zu schleifen, sollte er sich nicht mindestens einmal die Woche bei ihr melden.

Sie war nicht einverstanden mit seinem Rachefeldzug und schon gar nicht, dass er alleine auf diese Mission gegangen war. Und Jace konnte aus ihren Mails herauslesen, dass sie auf Mangus, seinen Großvater, immer noch böse war, weil er seinem Enkel die Wahrheit über den Tod seiner Eltern gesagt hatte.

Jace erinnerte sich ganz genau an das Gespräch mit seinem Großvater. Es war kurz nach seinem Übergang vom Jugendlichen zum Mann gewesen. Jace hatte den schmerzhaften Prozess noch nicht richtig verdaut gehabt, als Mangus seinen Enkel aufgefordert hatte, ihn zu begleiten.

Zwei Stunden waren sie durch den Wald gelaufen, bis sie eine kleine Lichtung erreicht hatten, auf deren Mitte zwei Bäume standen, dessen Stämme in ungewöhnlicher Form umeinander geschlungen waren, wie, wenn sie sich umarmen würden.

„Hier ruhen deine Eltern", hatte Mangus erklärt. „Ich habe diese Bäume gepflanzt, nachdem wir sie in die Erde gebettet haben. Damals waren die jungen Stämme noch biegsam und so konnte ich ihnen die Form geben, die sie jetzt haben."

Jace war tief bewegt gewesen. Nicht über die Grabstätte, obwohl er erkannte, wie ehrenvoll und mit wie viel Liebe dieser Platz ausgewählt und gepflegt wurde, sondern weil er sehen konnte, wie sehr sein Großvater noch immer litt, seinen Sohn verloren zu haben. Und offensichtlich hatte er auch seine Schwiegertochter gemocht, denn sonst hätte er die beiden Liebenden nicht auf diese Weise bestattet.

Jace wusste natürlich, dass seine Mutter keine Lykanthropin gewesen war, dennoch hatte man sie im Clan willkommen geheißen, denn einer von ihnen liebte sie von ganzem Herzen. Auch Jace, der Mischling, wurde behandelt wie einer von ihnen. Es wurde nie ein Unterschied gemacht. Das war typisch für die Wölfe. Wenn sie jemanden ins Herz schlossen, dann gehörte er zur Familie und hatte die gleichen Rechte und Pflichten wie jeder andere des Clans. Jace hatte eine schöne Kindheit und Jugend gehabt, doch an diesem Tag, als sein Großvater ihn an das Grab seiner Eltern geführt hatte, veränderte sich sein Leben total, denn Mangus erzählte ihm, was vor 28 Jahren geschehen war und erweckte somit in seinem Enkel den Wunsch nach Rache.

~ C ~

Dwayne kehrte mit selbstsicheren Schritten in sein Shelter zurück. Seine Kleidung hing zwar in Fetzen an seinem Körper und er stank nach Sekhmetblut, aber er fühlte sich besser. Er hatte drei dieser Biester erledigt, seinen ganzen Zorn freigesetzt, von dem er eigentlich nicht wirklich wusste, woher er kam. Doch der Kampf hatte ihm gut getan. 'Eine heiße Dusche und ich bin wieder der Alte', dachte er überzeugt und begab sich von der Garage direkt in seine Wohnung. Sein Mal hatte bei der Jagd gute Dienste geleistet und das Gefühl der Leere war seitdem verschwunden. Das war gut und er beschloss, sich nie wieder von undefinierbaren Gefühlen ablenken zu lassen. Es war wichtig, einen klaren Kopf zu behalten. Schließlich trug er eine große Verantwortung. Nicht nur für seine Leute, sondern auch für die Menschen New Yorks.

Dwayne warf seine kaputte Kleidung in den Mülleimer, duschte rasch und lief dann über die Treppe hinunter in Indigos Kommandozentrale. Als er eintrat, sah er, dass Aaran der Kreolin einen Kuss auf die Wange drückte.

„Gibt es etwas, das ich wissen sollte?", wollte Dwayne wissen und schaute die Beiden fragend an.

„Ja, dein Freund ist nicht der Hellste", erklärte die Kreolin schmunzelnd.

Zu Dwaynes Verwunderung kam von Aaran keine flapsige Entgegnung. Er grinste über das ganze Gesicht und sagte stattdessen: „Alles Show. Sie liebt mich und ich kann es beweisen."

„Ach ja?" Dwaynes Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Offenbar war etwas zwischen den Beiden passiert, das der Lord nicht mitbekommen hatte. Doch schon winkte Indigo ab. „Träum weiter, Schotte. Alles nur, damit du mir nicht auf den Geist gehst."

„Okay, Schluss mit der Rätselstunde. Was ist hier los?", verlangte Dwayne zu wissen.

„Hör nicht auf sie, sie liebt mich, denn sie hat mir die vier neuesten Spiele, die es erst seit kurzem auf dem Markt gibt, auf meinen Laptop geladen. Wenn das nicht Liebe ist!", erklärte Aaran, noch immer grinsend.

Indigo ging darauf nicht ein, denn sie wusste, dann würde diese Diskussion noch endlos dauern. Stattdessen sagte sie an Dwayne gewandt. „Wobei er schon längst hätte spielen können, aber er hat mich angemotzt, weil ich eure Laptops gekennzeichnet habe. Darum habe ich ihm auch nicht gesagt, dass ich es tat, damit er den Richtigen erwischt, mit den Spielen drauf. Sonst hätte er ihn nicht erst heute eingeschaltet."

„Das war hinterhältig, aber ich vergebe dir. Jetzt habe ich zu tun, Leute, also wenn nichts anliegt?" Aarans Blick fiel auf den Lord und der schüttelte den Kopf. Gleich darauf war Aaran verschwunden.

Dwayne setzte sich auf einen der Stühle. „Spiele?"

Indigo nickte. „Er liebt diese „Hau - drauf, schiess - ab" Sachen. Damit kann er sich Tage lang beschäftigen und geht somit mir nicht auf die Nerven."

„Kluge Taktik", bemerkte der Lord lachend.

„Er ist kindisch, unreif und scheint seine Pubertät nie abgelegt zu haben. Aber er hat schon recht, ich liebe ihn. Er ist wie der Bruder, den ich niemals hatte und wenn es darauf ankommt, kann ich mich 100 Prozent auf ihn verlassen. Ich vertraue ihm völlig und das in vielerlei Hinsicht", erwiderte Indigo ernsthaft.

„Besser hätte ich ihn auch nicht beschreiben können", stimmte Dwayne zu. „Außerdem braucht jede Truppe ihren Clown."

Beide mussten daraufhin lachen und das tat Dwayne gut.

Doch dann wurde Indigo wieder ernst. „Über Nicos Aufenthalt habe ich leider noch immer nichts rausfinden können. Er wurde von meinen Vampirkontakten in drei verschiedenen Bundesstaaten gesehen, aber er ist nirgends lange geblieben. In der letzten Meldung, die ich bekam, hieß es, er wäre hier, in New York, gesichtet worden, aber das ist auch schon drei Monate her."

„Er will nicht gefunden werden. Das habe ich befürchtet. Bleib bitte dran, vielleicht haben wir ja Glück. Aber vergiss nicht zu schlafen und zu essen", mahnte er sie noch zwinkernd, stand auf und verließ den Raum, um in die Küche zu gehen.

Martha war nicht da und so bediente sich Dwayne selbst aus dem Kühlschrank. Er häufte sich den Teller mit Fleisch, Reis und Gemüse voll. Dann stellte er ihn in die Mikrowelle. Während er auf das 'Ping' wartete, überlegte er, Travis anzurufen und ihn wegen Nico zu befragen. Doch dann verwarf er den Gedanken wieder. Travis und auch der Bund waren auf Nico nicht gut zu sprechen und wären sicher dagegen, dass Dwayne ihn in seine Truppe holen wollte. „Meine Entscheidung", brummte der Lord. „Wenn ich ihn finde und ihn dazu überreden kann bei mir einzusteigen, werde ich mich weder von Travis, noch von dem Rat davon abhalten lassen."

Die Mikrowelle meldete sich und Dwayne nahm den Teller heraus. Er stellte ihn auf den Tisch, holte sich Besteck und setzte sich. Während er einsam den Teller leerte, beschloss er, dass sich die Cleaner in Zukunft jeden Abend zum Essen treffen würden. Dwayne hielt es für notwendig, ein paar feste Regeln einzuführen und das gemeinsame Essen würde die Erste sein.

Auch für Martha würde es eine Erleichterung sein. Schließlich konnte man ihr nicht zumuten, ständig frisch gekochtes Essen im Kühlschrank zu haben, nur weil jeder auftauchte, wann immer er wollte.

„Bei aller Liebe, Mylord, aber so geht das nicht. Jeder kommt hier, wann er will und jetzt habe ich nichts Warmes für Sie zu Essen. Wenn Sie mir gesagt hätten, dass Sie kommen, hätte ich Ihnen etwas richten können. Ich will doch, dass Sie alles frisch und warm ..."

„Danke, Martha, lieb von dir. Gerade habe ich mir darüber Gedanken gemacht, Martha, und du hast völlig Recht", unterbrach Dwayne die Zwergin. „Du kannst und sollst auch nicht ständig in der Küche sein. Ab Morgen Abend werden wir um 20 Uhr das Hauptessen im Speisezimmer einnehmen. Zu den anderen Zeiten soll sich jeder selbst bedienen."

Martha seufzte erleichtert und holte einen Schokoladenkuchen aus der Speisekammer, von dem sie ein großes Stück abschnitt. „Das wäre mir sehr Recht, Mylord", entgegnete sie, während sie das Kuchenstück auf einen Teller legte und vor Dwayne hinstellte. „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mache nichts lieber als kochen, das wissen Sie, aber wenn ich nicht ständig in der Küche sein muss, kann ich mich auch um andere Dinge kümmern. Ich bin ja auch eure Heilerin und will Tinkturen und Salben herstellen. Aus meinen eigenen, gezogenen Kräutern und Wurzeln, denn dieses gekaufte Zeug taugt überhaupt nichts."

„Ich bin sehr froh über deine Hilfe und dass du nach New York mitgekommen bist. Mir ist durchaus klar, dass die Entscheidung für dich und Paul nicht einfach war. Bestimmt fehlen euch die Wälder eurer Heimat."

„Das will ich gar nicht bestreiten. Aber hier ist es auch schön. Das Grundstück ist groß, mit schönen, alten Bäumen, die viel Wissen mit mir teilen. Der Boden ist sehr gut. Meine Kräuter gedeihen prächtig. Nein, es ist nicht schlecht hier. Das findet auch Paul und die Einkaufsmöglichkeiten in dieser Stadt, man kriegt hier alles, wirklich alles."

Dwayne sah wie Marthas Augen vor Begeisterung leuchteten und er wollte gar nicht wissen, wie viel glänzenden Tand sie schon in ihrer Wohnung gehortet hat. Zwerge liebten glänzende Dinge, doch sie sammelten nur Sachen von Wert. Vorzugsweise aus Gold oder Silber, wie Dwayne wusste, und er beschloss, ihr und Paul etwas Schönes aus seinem Geschäft mitzubringen, wenn er Travis aufsuchte. Das würde demnächst der Fall sein, denn sein Mentor erwartete, dass er sich hin und wieder blicken ließ.

„Es freut mich das zu hören. Also muss ich nicht befürchten, das ihr zurück wollt?" Dwayne schaute die Zwergin lächelnd an, sehr wohl wissend, wie ihre Antwort lauten würde und so war es dann auch. Sie schüttelte vehement den Kopf und verneinte bestimmt.

Dwayne drückte Martha daraufhin kurz, dann verabschiedete er sich, um noch ein paar Stunden zu schlafen.

~ C ~

Jace war zu nervös gewesen, um auf die Dunkelheit zu warten und daher eine Stunde vorher los gezogen. Er war ziemlich sicher, dass der Sekhmet die Wahrheit gesagt hatte. Jace konnte sehr gut mit dem Messer umgehen und hatte bisher immer die richtigen Antworten bekommen, wenn er es benutzte. Aus diesem Grund war er auch hier in New York gelandet, durch eine Information, die er seinem Messer zu verdanken hatte. Jetzt war er auf dem Weg nach New Jersey, um das Gebäude, das der Sekhmet ihm genannt hat, zu überprüfen.

Jace stieg aus dem Taxi, das ihn nach Jersey gebracht hatte, zahlte und lief die paar Blocks zu dem Haus, in dem er den Mörder seiner Eltern zu finden hoffte. Es handelte sich offenbar um einen Club, der sich Arena nannte. Zumindest hatte der Sekhmet das behauptet und Jace begab sich auf die Straßenseite gegenüber des besagten Hauses. Er stellte sich dort in einen Hauseingang und beobachtete das Gebäude, doch es tat sich einfach nichts. Niemand ging hinein, keiner kam heraus und auch keines der Fenster war beleuchtet. Gegen Mitternacht wurde es Jace zu dumm. Er überquerte die Straße, stieg die paar Stufen zur Eingangstür hoch und griff nach der Klinke, um sie hinunter zu drücken.

„Abgesperrt", knurrte er frustriert. „Dieses elende Monster hat mich angelogen. Verflucht noch mal. Jetzt bin ich wieder ganz am Anfang."

Jace war knapp davor seine Wut hinaus zu brüllen und beherrschte sich nur mit Mühe, nicht wenigstens gegen die Tür zu treten, denn das wäre wirklich kindisch gewesen.

Gerade als er die Stufen wieder hinunter gehen wollte, bemerkte er eine Bewegung in der Gasse, rechts des Hauses. Mit einem Satz sprang Jace von der Treppe, rannte um die Ecke und stellte fest, dass er sich nicht geirrt hatte. Ein paar Meter vor ihm lief ein Sekhmet die Gasse entlang.

Jace setzte zu einem Spurt an, als ihn ein heftiger Schlag auf den Kopf stoppte. Er fiel auf die Knie und versuchte sich um zudrehen, als er einen Baseballschläger auf sich zu kommen sah. Vom ersten Schlag noch ganz benommen, gelang es ihm nicht, den zweiten abzuwehren und so traf es ihn mit voller Wucht.

~ C ~

Mangus saß auf einem umgestürzten Baumstamm und dachte über seinen Enkel Jace nach. So lange war er nun schon fort und der Clanführer befürchtete, ihn nie wieder zu sehen. Er dachte zurück an die Zeit, als sein Junge durch die Wälder streifte. Lautlos und geschmeidig war er in seiner tierischen Gestalt durch die Schatten gelaufen und jede Deckung nützend, hatte er Hirsche gejagt und auch erfolgreich erlegt. Jace war der Stärkste und Geschickteste des Rudels. Wahrscheinlich lag es daran, dass er kein reiner Werwolf war und sich die Stärken seiner Eltern in ihm vereinten.

Doch nun hatten sie schon seit sechs Tagen nichts von Jace gehört und nicht nur Mangus machte sich große Sorgen. Marema ging es viel schlimmer, und so sehr Mangus sie liebte, er hatte ihre Vorwürfe nicht mehr ertragen und die Flucht ergriffen. Nun saß er hier im Wald und ihn plagte das schlechte Gewissen, dass er seine Frau in ihrem Kummer alleine gelassen hatte. Andererseits brauchte er dringend etwas Abstand, um in Ruhe nachdenken zu können. Er musste etwas unternehmen, soviel war klar. Nur was? Hals über Kopf nach New York zu reisen war sinnlos, denn es war nicht einmal sicher, dass Jace sich noch dort aufhielt. Und selbst wenn, sie wussten nicht, wo er wohnte, das hatte er ihnen verschwiegen, um seine Familie davon abzuhalten, unaufgefordert bei ihm aufzutauchen.

Mangus war zornig auf seinen Enkel und dessen Rücksichtslosigkeit, vor allem seiner Großmutter gegenüber, die genug gelitten hatte, als sie ihren Sohn, Jaces Vater, und zugleich auch ihre Schwiegertochter und ihren Bruder bei diesem grausamen Überfall vor 28 Jahren verloren hatte.

Jetzt war auch ihr Enkel verschollen und Mangus befürchtete, dass Marema es nicht überleben würde, sollte auch Jace etwas zustoßen.

Mangus Faust krachte auf den Baumstamm neben sich und er brüllte vor Wut.

„Es ist nicht deine Schuld, Lieber." Marema legte sanft ihre Hand auf seine Schulter und schaute ihn verständnisvoll an.

Doch Mangus schüttelte den Kopf. „Wenn ich ihm nie etwas gesagt hätte..."

„Dann hätte er es von jemand anderen erfahren", wurde er von seiner Frau unterbrochen.

„Ich hätte ihn nicht gehen lassen dürfen", widersprach Mangus erneut.

„Wir reden hier von Jace. Keiner hätte ihn aufhalten können. Und sag jetzt nicht, du hättest ihn begleiten sollen. Er hätte es nicht erlaubt. Du bist der Anführer unseres Clans und für dein Rudel verantwortlich. Da kannst du es nicht monatelang ohne deinen Schutz lassen. Mal ganz davon abgesehen, dass nach einiger Zeit die Kämpfe um deinen Rang stattfinden würden. Nein. Das wäre nicht richtig gewesen."

„Es war mein Sohn, der getötet wurde", schrie Mangus ungehalten.

„Er war auch mein Sohn und auch meinen Bruder haben sie umgebracht", schrie Marema zurück. „Wir haben alle Sekhmet damals ausgerottet, im ganzen Staat und trotzdem ist der entkommen, der für alles verantwortlich war, weil es so hatte sein sollen. Wir hatten unsere Rache, Mangus. Dieses Monster, das uns entkommen ist, gehört Jace. Ich weiß nicht warum, aber es hat einen Grund, davon bin ich fest überzeugt. Doch jetzt braucht er unsere Hilfe, das fühle ich. Daher Schluss mit den Selbstvorwürfen. Es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen. Zeit, einen Freund um Hilfe zu bitten." Marema hielt ihrem Mann das Handy hin und Mangus starrte auf den Namen, den Marema vorgelegt hatte.

„Du bist eine kluge Frau", brummte er bewundernd und sie lächelte, während er die Wahltaste drückte.

Als sich der Teilnehmer am anderen Ende der Leitung meldete, kam Mangus gleich zur Sache und berichtete was sich zugetragen hatte.

Kurz war es still, dann bekam Mangus zur Antwort: „Ich habe Jace noch vor ein paar Tagen gesehen. Kann sein, dass er gefunden hat, was er sucht, denn ich bin diesem Dämon ebenfalls auf der Spur und er treibt sein Unwesen seit einiger Zeit hier in New York. Doch er hat inzwischen viele Sekhmet erschaffen. Alleine kann ich Jace da nicht rausholen. Aber ich kenne da jemanden, mit dessen Hilfe ich es könnte."

 

Kapitel - Nico von silverbird
Gleich nachdem Nico das Gespräch mit Mangus beendet hatte, goss er sich ein Glas Cognac ein und nahm erstmal einen großen Schluck. Dann setzte er sich auf das Bett seines spartanisch eingerichteten Zimmers und seufzte tief. „War ja zu erwarten, dass der Junge Mist baut. Ihm kleben ja noch die Eierschalen hinter den Ohren. Ich hätte auf ihn aufpassen sollen, verdammt. Nur weil er so verflucht gut kämpft und einen Sekhmet nach dem anderen killt, habe ich angenommen, sie erwischen ihn nicht. Haben sie aber vermutlich doch und jetzt haben wir den Salat."

Nico fluchte noch eine Weile vor sich hin und schaute dabei aus dem Fenster, wartend darauf, dass es endlich dunkel wurde.

Als die Dämmerung endlich herein brach, bewaffnete er sich und verließ das kleine Hotel in der Nähe des Hafens, in dem er seit drei Monaten wohnte. Zu den Docks war es nicht weit und zehn Minuten später bezog er Stellung zwischen zwei Containern. „Bei meinem Glück taucht er ausgerechnet heute nicht auf", grummelte Nico und nahm eine Schachtel Zigarillos aus seiner Jackentasche. Er steckte sich eine an und inhalierte den Rauch. Der feine Duft stieg ihm in die Nase und beruhigte ihn ein wenig. Er hatte sich das Rauchen in Frankreich angewöhnt, ebenso wie den Cognac, den er inzwischen dem Whisky vorzog. Als er noch bei den Nomaden - Cleanern war, war Europa ihr Aufgabengebiet gewesen. Dort, wo vor über 1000 Jahren alles angefangen hatte, und in Frankreich, mit seiner Landschaft und Kultur, hatte es Nico am Besten gefallen. Aber all das war lange her und viel war inzwischen geschehen, was er nicht verdrängen konnte und das sein Leben drastisch verändert, ihn zum Einzelgänger gemacht hatte. Zwar hatte er ein paar Mal versucht das zu ändern, aber letztendlich hatte er es nirgends lange ausgehalten. Obwohl ihn alle Clans, selbst Mangus Schemanu und seine Wölfe, freundlich bei sich aufgenommen hatten, war er immer nach ein paar Monaten weiter gezogen.

Nico warf seine inzwischen aufgerauchte Zigarillo auf den Boden und trat sie mit dem Absatz seines Stiefels aus. Sein Mal am Unterarm meldete sich und er trat tiefer in den Schatten. Kurz darauf beobachtete er, wie ein Sekhmet sich an zwei Dockarbeiter heranschlich, die schwatzend den Pier entlang gingen und nicht bemerkten, in welcher Gefahr sie schwebten.

„Wird Zeit, dass du auftauchst, sonst habe ich wieder die ganze Arbeit", murmelte Nico und zog schon mal sein Schwert aus der Rückenscheide. Gerade wollte er sich seufzend aus seinem Versteck begeben, als ein Schatten hinter dem Sekhmet erschien und ihm, ohne lange zu fackeln, den Kopf von den Schultern trennte.

Nico beobachtete das ihm altbekannte Spiel, wie sich erst die Haut, dann die Muskeln und letztendlich die Knochen des Dämons auflösten und zu Staub zerfielen. Die zwei Dockarbeiter gingen schwatzend ihrer Wege und hatten von der ganzen Aktion nichts bemerkt.

„Du bist gut darin, deine Spuren zu verwischen", hörte Nico hinter sich plötzlich eine Stimme, die er zum Glück sofort erkannte. Dennoch war er überrascht, dass es Dwayne gelungen war, sich so nah an ihn heranzuschleichen, obwohl er eigentlich hätte wissen müssen, wie geschickt der Lord agieren konnte.

„Und du bist immer noch gut darin, mich zu täuschen", entgegnete Nico und drehte sich um.

„Du hast mich gesucht? Das trifft sich gut, ich dich auch."

„Okay, dann sollten wir uns unterhalten. Gehen wir." Ohne darauf zu achten, ob Nico ihm folgte, marschierte Dwayne los, auf den Container zu, in dem er sonst den Wagen stehen hatte. Diesmal war er jedoch leer, da sich Dwayne und Aaran zum Hafen teletransportiert hatten.

Aaran lehnte lässig an der Wand und grinste den Beiden entgegen. „Na? Sind wir gut?", sagte er an Nico gewandt, der in dem Augenblick wusste, dass Aaran ihn mit der Vernichtung des Sekhmet abgelenkt hatte, während Dwayne sich von hinten an ihn, Nico, angeschlichen hatte.

„Aaran Betillion Trehurne. Noch grün hinter den Ohren, trotzdem einer der besten Schwertkämpfer unter den Vampiren. Dein Ruf eilt dir voraus, junger Cleaner", bemerkte Nico wertschätzend, während er den Container betrat.

„Ich nehme den Teil mit dem besten Schwertkämpfer und das mit dem Ruf. Du kennst mich also, aber mit wem habe ich das Vergnügen? Dwayne hat mir natürlich mal wieder nichts gesagt, nur seine Anweisungen gegeben und weg war er", beschwerte Aaran sich sogleich.

„Kannst mich Nico nennen", bekam Aaran zur Antwort. Dessen Augen wurden groß. „Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt. Die Nadel im Heuhaufen."

Nico zog die Augenbrauen zusammen. „Muss ich das verstehen?" fragte er an Dwayne gewandt.

„Wie ich schon erwähnt habe, wir haben dich gesucht. Ich will dich in meiner Truppe haben", kam Dwayne gleich auf den Punkt.

Nico schüttelte den Kopf. „Es hat sich nichts geändert. Ich schließe mich den Cleanern nicht mehr an."

Dwayne ging auf diese Ablehnung nicht ein, das Thema wollte er sich für später aufheben. Außerdem musste er ohnehin erst herausfinden, ob Nico überhaupt noch zu den alten Werten stand. Daher bemerkte er nur: „Du bist aber nicht ohne Grund hier."

„Stimmt. Es geht um einen Freund. Er wird vermisst. Ich muss ihn finden und brauche eure Hilfe."

„Um wen geht es und wie soll unsere Hilfe aussehen?"

„Du hast ihn wie lange nicht gesehen? Hundert Jahre? Oder noch länger? Solltest du da nicht mehr Fragen stellen?", warf Aaran misstrauisch ein.

'Er hat natürlich recht, aber sollte Nico Böses im Schilde führen, wird er es wohl kaum verraten, also werde ich erstmal abwarten', dachte der Lord, bevor er laut sagte: „Nico mag nicht mehr zu einer Truppe gehören, doch er wird immer Cleaner bleiben und auch so handeln. Daher werden wir ihm die Hilfe geben, um die er bittet." Dwayne schaute Nico an, dessen Gesicht völlig ausdruckslos war. „Es geht um Jace, vom Clan der Schemanu - Wölfe. Er wird vermisst und ich glaube, ich weiß wo er zu finden ist. Aber alleine kann ich ihn da nicht rausholen."

„Rettet jetzt jeder Vampir Wölfe oder was?", brummte Aaran leise, doch Dwayne hatte ihn gehört und entgegnete vorwurfsvoll: „Nein. Manche schießen sie auch an."

„Das kriege ich jetzt wohl die nächsten hundert Jahre zu hören", bemerkte Aaran seufzend und Dwayne stimmte zu. „Allerdings. Doch jetzt sei endlich still, damit Nico uns alles erzählen kann. Wenn du ein Lokal hier irgendwo in der Nähe kennst, könnten wir..."

„Nein", unterbrach Nico. „Ich will nicht, dass irgendjemand etwas von unserem Gespräch mitbekommt und sei es nur zufällig. Wir reden hier. Die Vorgeschichte ist derzeit nicht relevant, daher komme ich gleich zum Wesentlichen. Jace vom Clan der Schemanu - Wölfen ist verschwunden und der Clanführer hat mich gebeten ihn zu suchen."

„Seit wann bittet ein Werwolf einen Vampir Angelegenheiten, die dessen Rudel betreffen, zu erledigen?", wollte Dwayne wissen.

„Mangus ist ein Freund und es sind Sekhmet im Spiel", gab Nico zurück.

„Das sind einleuchtende Argumente. Du hast einen Anhaltspunkt?"

Nico nickte, bevor er Dwayne antwortete. „Es gibt einen Anführer unter den Sekhmet, der Geld damit verdient, und zwar viel Geld, indem er Werwölfe, Vampire und andere, nicht menschliche Wesen, von seinen Leuten einfangen lässt, um sie in der sogenannten Arena gegeneinander kämpfen zu lassen. Bis zum Tod einer der Beiden, versteht sich."

„Okay, worauf warten wir noch? Gehen wir hin und hauen diesen Wolf raus." Aaran begann sogleich seine Waffen zu überprüfen, doch Nico schüttelte den Kopf. „So einfach ist das nicht, Grünschnabel. Ich weiß nicht, wo diese Arena ist. Sie wechseln ständig den Standort. Und selbst wenn ich es wüsste. Wir drei reichen nicht aus, um diesen Laden einfach so zu stürmen."

„Nenn mich nicht Grünschnabel, nur weil du ein paar hundert Jahre älter bist", knurrte Aaran erbost und es machte den Anschein, als würde er auf Nico losgehen wollen.

Doch der lehnte nach wie vor entspannt an der Wand und entgegnete schmunzelnd. „1300, um genau zu sein, Mister Trehurne."

Aaran hob erstaunt die Augenbrauen und pfiff leise. „Das ist ganz schön alt."

„Danke", erwiderte Nico leise lachend.

„Das ist jetzt falsch rüber gekommen", beeilte Aaran sich zu sagen. „Ich meinte damit, du hast sicher viel erlebt und ich kann eine Menge von dir lernen, daher wäre es cool, wenn du dich uns anschließen würdest. Überleg es dir, aber nenn mich um Himmels Willen weder Trehurne noch Grünschnabel. Das wäre Wasser auf Indigos Mühlen." Aaran verdrehte die Augen und seufzte tief.

Dwayne hatte bisher nichts gesagt, nur zugehört und im Kopf schon angefangen, Pläne zu machen, als Nico ihn ansprach. „Du hast dir da ein cleveres Bürschchen geholt."

„Bürschchen? Das war's jetzt! Ich fordere dich zum Kampf", verlangte Aaran aufgebracht und zog sein Schwert.

Doch Nico klopfte ihm nur beruhigend auf die Schulter. „Ich versohle dir den Hintern später, Jungchen, sobald wir Jace da rausgeholt haben. Versprochen."

Aaran schnaubte, doch bevor er etwas erwidern konnte rief Dwayne scharf: „Schluss jetzt. Alle Beide!"

Aaran steckte wortlos sein Schwert weder weg. Er wusste, wenn Dwayne so ein Gesicht machte und diesen Ton anschlug wie jetzt, war es besser sich ganz ruhig zu verhalten.

Nico hob nur ganz minimal die Augenbrauen und dachte. 'Der Rat hat gut gewählt, Dwayne ist der geborene Anführer. Sogar ich würde ihn als solchen akzeptieren, wenn ich der Truppe angehören wollte, was ich aber nicht tue.'

Vollkommen ruhig wandte sich Dwayne Nico zu, entschlossen, seinen Standpunkt klarzumachen. „Du tauchst hier auf, Nico, und erwartest unsere Hilfe, obwohl du dich von unserem Volk abgewandt hast. Du setzt dich plötzlich für deine ärgsten Feinde, nach den Sekhmet, den Wölfen ein, was mir an und für sich schon mehr als suspekt ist. Aber gut, die Cleaner haben sich verpflichtet, jedem gegen die Sekhmet zu helfen. Doch du kannst uns weder sagen, wo wir ansetzen könnten, noch hast du sonst irgendwelche brauchbaren Informationen, außer dieser Behauptung, mit diesen entführten Leuten. Das ist alles sehr fadenscheinig. Du musst mir schon mehr liefern, damit ich dir glaube, was nicht heißt, dass ich dir traue."

'Ja, er ist definitiv der Richtige für diesen Job', dachte Nico erneut, bevor er laut entgegnete: „Das verstehe ich. Es gibt schließlich immer wieder Vampire, die sich auf die andere Seite schlagen, weil sie denken, mächtiger und reicher zu werden, als sie meist ohnehin schon sind. Doch zu denen gehöre ich nicht. Auch meine Einstellung zu den Wölfen hat sich inzwischen geändert. Ich habe sie besser kennen gelernt. Außerdem bin ich mit Jace auf besondere Weise verbunden. Das ist der Grund, wieso ich mich an dich gewandt habe. Ich muss den Jungen so schnell wie möglich finden, denn ich könnte es nicht ertragen, wenn er auch noch umkommt."

Dwayne sah Schmerz und echte Verzweiflung in Nicos Augen, doch bevor er in dessen Vergangenheit schauen konnte, fuhr Nico einen mentalen Schild hoch, der es Dwayne nicht erlaubte, Einsicht zu nehmen.

'Er kennt meine Gabe', dachte Dwayne frustriert, 'aber sein Schmerz ist echt. Dieser Jace bedeutet ihm sehr viel. Sein Geliebter vielleicht? So mancher Vampir ist beiden Geschlechtern zugetan, also könnte es gut sein. Wie auch immer, das geht mich nichts an.'

„Okay", sagte Dwayne. „Dann sag mir alles, was du weißt, dann werde ich entscheiden, ob wir dir helfen."

„Das verstehe ich", entgegnete Nico. „Mir ist auch klar, dass es dir schwer fällt, mir zu glauben, denn ich kann nichts von all dem beweisen, was ich wegen dieser Arena gesagt habe. Der Vampir, der mir davon erzählte, ist jetzt irgendwo in Oregon. Er war hier in New York gewesen, um zu studieren. Eines Nachts haben ihn die Sekhmet verschleppt. Er ist ein einfacher Vampir und hat vom Kämpfen keine Ahnung, daher hat ihn sein Gegner auch gleich in der ersten Runde ausgeschaltet. Die Sekhmet dachten wohl, er sei tot, daher hatten sie ihn auf dem Dach einer Lagerhalle liegen gelassen, in der Annahme, die Mittagssonne würde den Rest erledigen.

Dass ich ihn gefunden hatte, war reiner Zufall. Ich war kurz nach Morgengrauen noch unterwegs und habe sein Blut gerochen. Wie auch immer. Als er gesund war, ist er gleich zurück nach Hause.

Er konnte mir nicht sagen, wo die Arena ist, da sie ständig den Standort wechseln. Das wusste er von den anderen Mitgefangenen. Es gibt allerdings ein Haus in New Jersey, wo sie die Frischlinge ein paar Tage gefangen halten, bis sie weiter transportiert werden."

Dwayne war noch immer misstrauisch, daher fragte er: „Hat der Vampir, den du gerettet hast, auch einen Namen?"

„Samuel Bliskin", antwortete Nico sofort. Er würde alles tun, um Dwayne zu überzeugen, denn Nico wusste, selbst wenn er Jace finden würde, um ihn zu befreien, brauchte er die Cleaner auf seiner Seite.

Dwayne nickte. „Gut, wir treffen uns morgen Abend, dann teile ich dir meine Entscheidung mit."

„Wir könnten uns in meinem Hotel treffen", bot Nico an, um seinen guten Willen zu zeigen.

Dwayne schaute Nico prüfend an, dann stimmte er zu und ließ sich die Adresse geben.

Die Drei verließen den Container und Nico sagte noch. „Du bist Jace schon einmal begegnet. Ich habe beobachtet, wie ihr vor ein paar Tagen auf einem der Containern aufeinander getroffen seid."

Nach diesen Worten teletransportierte sich der Cleaner.

„Der Jäger? Das ist Jace? Den werden wir wohl nie mehr los", bemerkte Aaran Kopf schüttelnd.

„Nach Hause", war alles, was Dwayne erwiderte, doch er folgte Aaran nicht gleich, als der sich teletransportierte, sondern starrte eine Weile vor sich hin. 'Jace ist der Jäger. Ich muss sagen, das ist eine Überraschung. Jace, das kommt von Jason, der mit dem goldenen Vlies. Ob seine Eltern den Namen deswegen ausgesucht haben? Könnte sein, dass sein Fell so weich ist und mit goldenen Fäden durchzogen, genauso wie sein Haar?'

Dwayne schüttelte diese Gedanken ab. „Ich weiß es nicht und es interessiert mich auch nicht. Was immer mir mein Mal auch sagen wollte, es hat nichts damit zu tun, dass ich mit Jace verbunden bin, denn sonst hätte ich spüren müssen, dass er in Gefahr ist, oder?" Dwayne schnaubte frustriert. „Ich weiß es nicht, darum habe ich mich nie gekümmert und das werde ich jetzt auch nicht tun, weil es irrelevant ist. Erstens, was immer mir das Mal sagen wollte, es ist nicht das, was ich dachte. Zweitens, offensichtlich gehört Jace zu Nico. Daher werde ich ihnen helfen und das war es dann."

Dwayne folgte Aaran und wenig später standen sie in Indigos Kommandozentrale.

Aaran hatte sie schon über das Wichtigste informiert und sie war bereits auf der Suche nach Samuel Bliskin.

Und Indigo bewies, wie gut sie war. Fünfzehn Minuten später hatte sie die Adresse und die geheime Telefonnummer des Vampirs.

Gleich darauf rief Dwayne an, erklärte, worum es ging und fand alle Angaben Nicos bestätigt.

„Er hat die Wahrheit gesagt, also werden wir ihm helfen", teilte der Lord seinen Freunden mit. „Es geht ja auch nicht nur darum, den Jäger dort heraus zu holen, sondern auch die ganzen anderen Wesen. Gleichzeitig vernichten wir die Sekhmet, als Bonus sozusagen. Für meinen Plan brauche ich ein paar Dinge. Daher müsst ihr mir einiges besorgen", verlangte Dwayne.

~ C ~

Mangus hatte seine Frau natürlich nicht davon abhalten können ihn zu begleiten, daher landeten sie am nächsten Nachmittag in Begleitung zwei weiterer Werwölfe auf dem JFK Flughafen in New York und wurden wenig später von Nico begrüßt. „Ich habe euch Zimmer in dem Hotel gebucht, in dem ich wohne", erklärte er, während sie zu Nicos Leihwagen gingen.

Der Cleaner hatte extra einen Van gewählt, das einzige Fahrzeug, in das sie alle rein passten ohne aneinander zu kleben.

Kaum saßen alle im Wagen, erzählte Nico von dem Treffen mit den Cleanern.

„Du denkst, wir brauchen sie?", fragte Odan, einer der Wölfe, der zusammen mit Baker für den Schutz Maremas zuständig war.

„Ja, und das nicht nur, weil sie ausgezeichnete Kämpfer sind, das seid ihr auch. Was mich bewog, mich an den Lord zu wenden, ist, dass er auch ein großartiger Stratege ist. Wie ich ihn kenne, wird er uns einen perfekten Plan vorlegen, wenn wir ihn morgen treffen."

„Du kennst ihn gut?", wollte Mangus wissen und der Cleaner nickte. „Könnte man sagen. Wir haben eine Zeit lang zusammen gearbeitet, als ich noch bei den Nomaden war und unser Anführer war immer gut beraten, wenn er auf Dwayne gehört hat."

„Mir ist es egal, wer uns hilft, Hauptsache, ich bekomme meinen Enkel wieder", meldete sich Marema besorgt zu Wort.

„Wir werden alles tun, was wir können."

„Ich weiß", entgegnete sie und lächelte Nico zaghaft an.

~ C ~

Noch bevor sie den Raum betreten hatten, machte das Mal Indigo auf die Anwesenheit der Wölfe aufmerksam. Sie wusste das deswegen so genau, weil es sich anders anfühlte, als wenn sie auf Sekhmet trafen.

Nico stellte die Wölfe vor, und Dwayne seine Vampire. Als Indigo an der Reihe war, trafen sich ihre und Nicos Blicke und Indigo hörte auf zu atmen. Ihr Mal sendete warme Strahlen durch ihren Körper und ihr Gehirn signalisierte ihr; Mein.

Doch Nico hatte sich schon wieder abgewandt und er trat einen Schritt zurück, näher an die Wölfe.

Sein Hotelzimmer war vollkommen ausgefüllt, seitdem die Cleaner eingetreten waren. Nur Dwayne war noch größer und hatte breitere Schultern als Odan und Baker, die offensichtlich genauso beeindruckt von dem Lord waren, wie alle anderen in dem Raum. Das lag nicht nur an seiner Erscheinung, sondern auch an dem Plan, den er gerade erläutert hatte.

„Dann hoffen wir, dass alles klappt", sagte Dwayne, hob die Hand zum Gruß und verließ den Raum.

„Habt ihr festliche Kleidung dabei?", wollte Indigo von den Wölfen wissen, die allesamt den Kopf schüttelten. Sie schaute auch noch Nico an, doch der erwiderte ihren Blick, zu ihrem Bedauern, nicht. 'Verständlich', dachte sie, 'er macht sich Sorgen um diesen Wolf. Und auch ich sollte mich um meine Arbeit kümmern. Alles andere wird sich ergeben, oder auch nicht.'

Entschlossen, sich ganz ihrer Aufgabe zu widmen, sagte sie daher: „Okay, dann müssen wir etwas besorgen. Du gehst mit ihnen, Aaran, ich muss Dwayne im Auge behalten."

Aaran maulte zwar ein bisschen, forderte aber dann die Wölfe auf, ihm zu folgen. Nico schloss sich ebenfalls an. Hauptsächlich, um wegzukommen. Weg von dieser Frau, die Gefühle in ihm weckte, die er nicht nur noch nie hatte, sondern auch nicht haben wollte und nie zulassen würde. Da passte es auch gut, dass Aaran seinen Schutz brauchte. Schließlich kannte er das lose Mundwerk des Cleaners, und Odan, sowie Baker hatten nicht die Spur von Humor. Außerdem hatten sie zu Vampiren ein sehr gespaltenes Verhältnis.

Auch wenn Mangus seine Leute gut im Griff hatte, Nico wollte nicht, dass durch ein Missverständnis die Mission gefährdet wurde.

                  

Kapitel - Die Arena von silverbird
Dwayne hatte sich nach New Jersey teletransportiert und schlenderte eine dunkle, schmale Gasse entlang, an dessen Ende sich ein Lokal, das „Ice", befand. Indigos Recherchen hatten ergeben, dass die meisten als vermisst gemeldeten Personen zuvor in diesem Lokal gewesen waren, oder auf dem Weg dorthin. Ob da ein Zusammenhang bestand, war schwer zu sagen, da sich auch das Haus in diesem Viertel befand, welches Nico ausgekundschaftet hatte und von dem er glaubte, dass es mit der Arena zu tun hätte.

Doch das herauszufinden, mussten sie sich für später aufheben. Erst mal galt es Jace zu befreien. „Jace." Dwayne sagte diesen Namen ein paar Mal leise vor sich hin und stellte sich den Mann hinter dem Namen vor. Dwayne wünschte sich, Jace wenigstens ein Mal lächeln zu sehen, bevor er mit Nico gehen würde. „Nico. Er hat seine Krise also überwunden. Sicher war Jace der Grund und nun lebt der Cleaner bei den Wölfen. Als Indigo seine Spur verfolgte, war er vermutlich auf der Suche nach Jace gewesen."

„Wie kommt der alte Esel dazu, sich an einen jungen Wolf ran zumachen? Er ist bestimmt 1000 Jahre älter. Okay, man sieht es ihm nicht an. Keinem von uns sieht man das Alter an. Logisch. Aber trotzdem, Nico ist schon einiges älter als ich, aber ich bin auch um ein paar Hundert Jahre älter als Jace. Verdammt."

Diese zuvor verdrängte Erkenntnis, passte Dwayne gar nicht und er war richtig froh, dass sich gerade jetzt sein Mal meldete, mindestens zwei Sekhmet ankündigte und ihn somit aus seinen unsinnigen Gedanken holte.

Dwayne hatte seine Waffen zu Hause gelassen. Erstens brauchte er sie bei dieser Aktion nicht und besonders sein Schwert war ihm zu wertvoll, um es an einen Sekhmet zu verlieren.

Er registrierte, wie sich die Sekhmet lautlos an ihn heran schlichen und so ging er eine Spur langsamer. Da die Sekhmet einen Cleaner nicht von einem normalen Vampir unterscheiden konnten, lief Dwayne auch nicht Gefahr, erkannt zu werden und einen Augenblick später hatten sie ihn auch schon eingeholt. Dwayne musste sich sehr zurückhalten, um die zwei Monster nicht auf der Stelle anzugreifen, doch als ein Baseballschläger auf ihn nieder sauste, drehte er sich zumindest so geschickt, dass er seinen Kopf nur streifte.

'Offensichtlich liegen wir richtig', dachte Dwayne, während er sich fallen ließ und bewusstlos stellte. Die beiden Sekhmet packten ihn an Händen und Füßen und schleiften ihn rasch in eine Seitengasse. Von dort ging es weiter durch eine Tür und einen langen Flur, bis sie Dwayne offenbar in einen Keller schleiften. Eine schwere Metalltür wurde geöffnet und Dwayne flog über eine Treppe nach unten. Dann wurde die Tür wieder geschlossen.

Dwayne wartete noch einen Augenblick und lauschte, als sein Mal zu kribbeln anfing und er sofort wusste, wer anwesend war. „Hallo Jäger", sagte er und richtete sich auf.

„Hey Lord. Lustig, dass sie dich auch erwischt haben", kam es von Jace zurück.

Dwayne richtete sich auf und schaute in die Ecke, aus der die Stimme gekommen war. „Erwischen lassen", korrigierte er, „ich bin gekommen, um dich zu retten."

„Klasse, dann lass uns gehen", forderte Jace den Lord grinsend auf und der erwiderte ebenso grinsend. „Nur nicht hetzen, alles zu seiner Zeit."

„Das sagst du nur, weil es besser klingt, als zugeben zu müssen, von den Sekhmet ausgetrickst worden zu sein", entgegnete Jace und lachte leise.

Dwayne stand auf und setzte sich neben Jace. „Ich soll dich übrigens von Nico und deinen Großeltern grüßen."

Diese Worte wischten Jace das Grinsen aus dem Gesicht und er stöhnte gequält auf. „Nicht auch das noch. Sag jetzt nicht, sie sind in New York. Bitte sag es nicht."

Nun war es Dwayne, der leise lachte. „Okay, ich sag's nicht."

Jace stöhnte erneut und verdrehte die Augen. „Wann kapieren sie endlich, dass ich erwachsen bin und meine Dinge selbst regle? Das ist wirklich peinlich."

„Das, was du da von dir gibst ist peinlich", konterte Dwayne ungehalten. „Du hast eine Familie, die sich um dich sorgt, Freunde, die sich um dich kümmern. Ein Mann sollte Hilfe annehmen, wenn er sie braucht. Das ist erwachsen."

Jace richtete sich auf, beugte sich zu Dwayne und der sah, wie seine Augen tiefgrün funkelten.

'Wow', war alles, was der Lord denken konnte und sein Mal sandte gleichzeitig warme Strahlen durch seinen ganzen Körper. Dieses Gefühl brachte ihn wieder zur Besinnung. 'Nein. Nein. Nein. Du irrst dich, verflucht', sandte er dem Mal gedanklich zu. Doch dieses blöde Ding wurde nur noch wärmer und Dwayne schloss kurz die Augen, um sich darauf zu konzentrieren, dieses Gefühl auszublenden. Leider war das nicht so einfach, aber zum Glück herrschte Jace ihn wütend an, was den Lord wenigstens ablenkte. „Jetzt hör mir mal gut zu. Ich bin 28 Jahre alt und weiß sehr wohl, was ich tue."

'Ein Kind. Ich bin drauf und dran mich in ein Kind...gütiger Himmel. Nein, da ist ja Nico. Vergiss das nie, Dwayne. Niemals! Dann kriegst du das auch geregelt.' Diese Gedanken halfen Dwayne sich wieder zu konzentrieren und er entgegnete spottend, weil ihm das half, den Abstand zu wahren: „Klar, wenn man so alt ist, weiß man natürlich genau, was man tut. Es war also pure Absicht, dass du hier gelandet bist."

Jace betrachtete Dwayne abschätzend von oben bis unten. „So viel älter als ich kannst du nicht sein, daher spar dir deine blöden Sprüche."

Dwayne musste lachen. „Du hast Recht, die paar Jährchen fallen kaum ins Gewicht."

Jace fiel plötzlich wieder ein, das er hier mit einem Vampir herum diskutierte. Bei dieser Spezies hatte das Alter eine andere Bedeutung. „Wie alt?", fragte er daher neugierig.

„Unwichtig, wir haben Besseres zu tun, als darüber zu reden", wiegelte Dwayne ab und fand sich selbst lächerlich. Vampire, besonders Cleaner, waren im Grunde stolz darauf, trotz ihrer Kämpfe gegen die Sekhmet so lange überleben. Wieso stellte er sich jetzt so kindisch an?

„Älter als Nico?"

Der entrüstete Blick Dwaynes traf Jace und der lachte leise. „Also nicht. Nun sag schon."

„Bei allen Erdgeistern. Ist das zu fassen? Wir sitzen hier in diesem Loch und alles, was dich interessiert, ist das Alter eines Vampirs? In den 800 Jahren, die ich auf dem Buckel habe, ist mir so etwas noch nie unter gekommen. Verliebte sind wirklich nicht ganz dicht. Wir werden vermutlich bald tot sein, also lassen Sie den Jungen nicht blöd sterben, Lord."

„Kalman?" Dwayne erhob sich rasch und ging auf die Ecke zu, aus der die Stimme gekommen war.

„Genau der, Mylord", antwortete der Zwerg, kam auf Dwayne zu und umarmte ihn freundschaftlich. Dwayne tat es ihm gleich, obwohl er den alten Freund wegen seiner Bemerkungen am liebsten erwürgt hätte.

„Was machst du denn hier?", fragte Dwayne, nachdem sie sich wieder getrennt hatten.

„Nun, ich hatte gerade nichts zu tun und dachte mir, lass dich von den Blutmonstern fangen und kämpf ein bisschen um dein Leben", entgegnete Kalman und grinste.

Dwayne grinste ebenfalls. „Du weißt, was ich meine."

Der Zwerg nickte. „Ich wollte zu meiner Schwester. Dieses schusselige Frauenzimmer hat mir gemailt, dass sie zuwenig Yska - Pulver mitgenommen hat. Dabei hätte sie sich doch denken können, dass ihr andauernd mit Verletzungen daher kommt. Na, wie auch immer. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und mir New York anzusehen und natürlich einkaufen. Da ich dachte, so eilig wird es mit dem Pulver schon nicht sein, wollte ich zuvor noch in dieses Lokal, von dem man sagt, dort gibt es noch echten Met und man trifft die interessantesten Typen. Doch statt Met bekam ich eines über die Rübe und da bin ich nun. Allerdings trifft man auch hier die interessantesten Typen. Aber ohne Met macht es gar keinen Spaß."

„Du wolltest ins Ice?", fragte Dwayne mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Aha, daher weht der Wind", erkannte Kalman sofort.

„Das vermuten wir zumindest. Eine von meinen Leuten hat heraus gefunden, dass die meisten Entführungen in der Nähe dieses Lokals statt gefunden haben. Kann aber auch daran liegen, dass die Sekhmet wissen, wer dort verkehrt."

„Kann mich mal jemand aufklären?", rief Jace, der die Unterhaltung der Beiden wohl verfolgt hatte, doch erst verdauen musste, was der Zwerg über diese Sache mit dem Verliebt sein von sich gegeben hatte. Jetzt hatte er sich wieder soweit im Griff, daher begab er sich zu den Beiden und schaute sie abwechselnd und fragend an.

Dwayne antwortete mit einer Gegenfrage. „Wo haben sie dich denn erwischt?"

„Nicht vor diesem besagten Lokal, das kenne ich nicht einmal. Ich bin einem Hinweis gefolgt, der mich zu einem Haus führt, das Arena heißt. Zumindest steht das auf dem Schild neben der Tür."

Dwayne nickte zustimmend. „Das ist genau die Gegend, in dem auch das Ice ist. Also kommt es hin. Wir observieren das Lokal, nachdem wir hier raus sind."

„Genau. Du holst uns ja hier raus", entgegnete Jace spottend.

„Worauf du deinen sü...worauf du wetten kannst", erwiderte Dwayne und war froh, noch die Kurve gekriegt zu haben, da er ursprünglich süßen Arsch hatte sagen wollen.

„Wie ist Ihr Plan, Mylord?", wollte Kalman sehr leise wissen und Dwayne winkte die beiden in eine leere Ecke des Raumes, denn inzwischen hatten sich die neun anderen Gefangenen neugierig genähert und Dwayne wollte natürlich nicht, dass Leute, die er nicht kannte, von seinem Fluchtplan erfuhren. Immerhin war es möglich, dass sie verraten wurden. Sei es, weil sich ein Spion unter ihnen befand, oder dass sich einer erhoffte, durch Informationen freigelassen zu werden.

Die Drei drängten sich also in die Ecke und Dwayne erläuterte. „Ich trage einen Sender. GPS, wenn ihr so wollt. Mit dem können unsere Leute mich orten."

Der Zwerg schüttelte den Kopf. „Das können Sie vergessen. Wenn man von hier weggebracht wird, muss man seine Kleider gegen andere tauschen. Glauben sie mir, in dem Fummel, in den sie einen stecken, kann keiner einen Sender verstecken."

„Das dachte ich mir schon, daher, nicht in den Kleidern", gab Dwayne zwinkernd zurück.

Doch der Zwerg schüttelte wieder den Kopf. „Dann Schuhe. Auch sinnlos, wir müssen Barfuss antreten."

„Ich habe mir den Sender unter die Haut nähen lassen", klärte Dwayne die beiden grinsend auf. „Der beste Platz, dachte ich mir."

„Was?" Jace lachte leise. „Du bist ja verrückt, aber genial. Scheint als würden wir doch hier raus kommen."

„Darauf kannst du..."

„....meinen süßen Arsch verwetten. Ich weiß", unterbrach Jace Dwayne grinsend und der war erst mal sprachlos.

~ C ~

Am nächsten Tag im Hotel.

„Okay, ich weiß wo der Lord ist, aber wir wissen nicht, ob der Jäger bei ihm ist."

„Jace, er heißt Jace Schamanu", unterbrach Odan, die Cleanerin, belehrend.

„Gut, dann halt Jace Schamanu", entgegnete Indigo, genervt davon, sich mit solchen Kleinlichkeiten abgeben zu müssen. Doch Dwayne und der Mission zu Liebe hielt sie sich zurück. Sie hatte jetzt echt andere Sorgen. Zudem gab ihr Mal keine Ruhe, sobald Nico in ihrer Nähe war, was sie ganz nervös machte. Auf gute Art nervös, wie sie zugeben musste und sie brauchte das Mal überhaupt nicht, um diesen Vampir mehr als toll zu finden. Er war einfach umwerfend. Schön. Kraftvoll. Hinreißend. Düster. Sexy - düster. Es gab keine passenden Worte, um ihn zu beschreiben.

Indigo riskierte einen schnellen Blick unter gesenkten Wimpern auf den Mann ihrer Begierde und seufzte leise. Dann riss sie sich zusammen und kam wieder auf das Thema. „Also, wir wissen nicht ob...Jace, bei ihm ist und halten uns daher genau an den Plan des Lords. Er nimmt an, dass alle Gefangenen bei der nächsten Show in der Arena sein werden. Wo das sein wird, wissen wir nicht, aber das sagt uns das GPS. Die nächste Show ist morgen Abend. Da wir keine offiziellen Eintrittskarten haben, werden wir auch über den Ort nicht verständigt. Wie ich herausfinden konnte, wird es üblicher Weise so gehandhabt, dass man per Post die Tickets bekommt und einen Zettel, an dem der Ort und die Zeit steht. Wie vorsintflutlich. Aber clever. Wenn es per Mail oder SMS wäre, könnte ich es knacken, aber so müssen wir uns auf das GPS verlassen. Aaaber, ich habe die Tickets." Indigo grinste zufrieden. „Ein Hoch auf Photoshop und auf mich, weil ich echt gut bin. Danke für den Applaus", murmelte sie missmutig, weil weder von den Wölfen noch von Nico eine Reaktion kam. Daher verteilte sie die Tickets und erklärte weiter. „Seid morgen Abend bereit. In Abendkleidung bitte. Da ich herausfinden konnte, dass die Veranstaltung immer um 24 Uhr anfängt, werden wir euch um 23 Uhr abholen. Ach ja, und keine Waffen. Die haben Metalldetektoren. Paul bastelt gerade an welchen, die die Detektoren überlisten. Hoffentlich. Alles klar soweit?"

Sie schaute in die Runde und erntete zustimmendes Nicken. „Gut, dann bis Morgen", sagte sie zum Abschied und verließ das Hotelzimmer. Vor der Tür stieß sie die Luft aus. 'Kein Wunder, dass wir mit den Wölfen nicht können. Humorlose Langweiler', dachte sie und wollte gerade gehen, als sie hörte, wie einer der Wölfe, sie wusste nicht welcher, sagte: „Diese Vampirin ist ganz schön eingebildet."

„Nun ja, sie hat aber auch wirklich was auf dem Kasten", erkannte Indigo Nicos Stimme.

Der Wolf sagte darauf: „Unbestritten. Dieser Lord hat ein Spitzenteam. Gut, dass du dich an ihn gewandt hast. Nur wozu dieser Aaran gut ist, weiß ich nicht."

„Warte, bis du ihn kämpfen siehst, dann weißt du es", entgegnete Nico und Indigo grinste. 'Geht doch', dachte sie und lief los.

~ C ~

Insgesamt waren es elf Personen, die in diesem Keller gefangen waren. Acht Vampire, zwei Werwölfe und der Zwerg Kalman.

Als der nächste Abend anbrach, öffnete sich die schwere Eisentür und ein paar vermummte, schwer bewaffnete Gestalten befahlen den Gefangenen ihnen zu folgen, wobei sie die Gefangenen in die Mitte nahmen.

Sie wurden durch einen schmalen, endlos scheinenden Flur geführt und Jace sprach aus, was Dwayne dachte. „Geschickt angelegt. Der Gang ist so schmal, dass gerade zwei Leute nebeneinander Platz haben. So hat man keine Chance anzugreifen, weil man sich da nicht rühren kann."

„Keine Sorge. Du bekommst schon noch die Gelegenheit, um dein Leben zu kämpfen", entgegnete Dwayne trocken und Jace, der neben ihm ging, warf ihm einen leidenden Blick zu. „Das macht mir auch keine Sorgen, schlimm, richtig schlimm wird es erst, wenn ich überlebe."

„Dein Großvater?"

„Schlimmer, meine Großmutter", erklärte Jace, tief auf seufzend.

Dwayne lachte und bekam gleich darauf einen Gewehrkolben ins Kreuz geschlagen. „Ruhe", wurde er angeschnauzt und der Lord beschloss sich daran zu halten, um nicht aufzufallen, denn das war unbedingt zu vermeiden.

Fast zehn Minuten später landeten sie in einer Kammer, in der an einer Wand Haken eingeschlagen waren. Darunter befand sich eine lange Bank, auf der breitere Lederstücke verteilt waren.

„Wow, eine Designergarderobe. Vornehm geht die Welt zugrunde", spottete Jace und handelte sich auch gleich einen derben Kolbenschlag ein. „Maul halten und umziehen", befahl einer der Wächter.

Kalman ging sogleich auf die Garderobe zu, begann sich zu entkleiden und die anderen folgten seinem Beispiel.

Nur Jace hob den Lederfleck erst mal in die Höhe und richtete dann seine Worte an den Zwerg. „Ist es das, was ich glaube, das es ist?"

Kalman nickte. „Die Leute wollen das ganze Programm. Schließlich zahlen sie viel Geld für viel nackte Haut und brutale Kämpfer. Wenn dann letztendlich noch einer um sein Leben bettelt, ist es ein gelungener Abend gewesen", erklärte der Zwerg bitter.

„Pervers", murmelte Jace, fügte sich dann aber in sein Schicksal und zog sich um.

Nur mit seinem knappen Lendenschurz bekleidet sah er einfach atemberaubend sexy aus, stellte Dwayne fest, während er an seinem Lederteil herumzupfte, in der irrigen Annahme, sich auf diese Weise mehr bedecken zu können.

Was er nicht wusste war, dass Jace fast dieselben Gedanken hatte, oder viel mehr nur ein Gedanke durch sein Hirn schoss, während er Dwayne unter halb geschlossenen Lidern betrachtete. 'WOW.'

~ C ~

Dwaynes Sender zeigte ab 22 Uhr permanent den gleichen Standort an und Indio stellte fest, dass es in Brick City war, New Jersey, Containerhafen.

„Sie wählen immer einen Ort am Hafen. Wieso?" Indigo starrte auf den Bildschirm, auf dem die letzten Standorte als Punkte markiert waren. „Das muss einen Grund haben. Aber das müssen wir später herausfinden, jetzt müssen wir dringend los." Sie übertrug die Daten rasch auf ihre speziell hergestellte Uhr und lief dann in ihr Zimmer, um sich fertig zu machen.

Als Indigo ein paar Minuten nach Mitternacht aus dem Wagen stieg, stockte Nico der Atem. Sein Hirn setzte aus, die Umgebung verschwand plötzlich und er sah nur noch sie. Doch damit nicht genug. Indigo kam auf ihn zu und hakte sich unter. Nicos Knie gaben nach und reflexartig hielt er sich am Autodach fest. 'Das. Ist. Nicht. Gut.', schoss es Nico durch den Kopf, doch als Indigo ihn anlächelte und mit sich zog, konnte er sich gar nichts Besseres vorstellen, als ihre Hand in seiner Armbeuge zu spüren. Willenlos folgte er ihr, half ihr galant über den Steg und erst, als sie das Oberdeck entlang liefen, fiel ihm auf, dass sie auf ein Schiff gegangen waren. In dem Augenblick begann sein Gehirn endlich wieder zu arbeiten, zumindest teilweise, denn er überlegte Stirn runzelnd: „Wir sind hier, weil? Jace, genau. JACE! Bei allen Göttern, wie konnte mir das entfallen?' Entsetzt über sich selbst, löste er sich von Indigo, entfernte sich ein paar Schritte, atmete tief durch und schloss kurz die Augen. 'Krieg dich wieder ein, Nico, verdammt. Du hast die Kontrolle über dich, also erinnere dich daran, lass dich nicht mehr ablenken und erledige deine Aufgabe.'

Er rekonstruierte schnell, was er unterbewusst von den letzten Minuten gespeichert hatte. Bevor sie die Gangway betreten konnten, mussten sie einen Metalldetektor passieren und ihre Tickets wurden kontrolliert. Indigo hatte ganze Arbeit geleistet, denn danach waren sie freundlich an Bord gebeten worden. Er und Indigo waren voran gegangen. Die anderen hatten sich unter die restlichen Besucher gemischt, da sie so weniger auffielen. Nun waren sie alle an Bord.

„Was ist los, Nico? Geht es dir nicht gut? Dein Verhalten fällt auf", flüsterte sie ihm zu und hakte sich wieder unter.

Gefasst lächelte er Indigo an. „Tut mir Leid. Ich war in Gedanken, aber jetzt bin ich wieder ganz da."

Indigo lächelte ebenfalls und schaute Nico in die Augen. Nur mit Mühe gelang es ihm, sich nicht in ihren wundervoll schimmernden Augen zu verlieren und er atmete erleichtert aus, als Mangus neben ihm zischte: „Wollt ihr hier Wurzeln schlagen? Los, geht endlich weiter. Wir fallen schon auf."

Beide zuckten zusammen und wurden sich schlagartig ihrer Mission bewusst. Indigo löste ihren Arm von Nicos. Sie wusste, nur wenn sie den Körperkontakt unterbrach, konnte sie vernünftig denken und handeln.

Daher begannen sie sich über die bevorstehende Show zu unterhalten und schauten sich  unauffällig um, während sie über das Deck schlenderten und registrierten, dass sie sich auf einem großen Frachtschiff befanden. Alle Besucher waren festlich gekleidet. Die Frauen trugen Designerkleider und teuren Schmuck. Die Männer protzige Uhren und so mancher von ihnen einen Diamantring am kleinen Finger.

„Dekadente Leute, die einen besonderen Kick suchen. Widerlich", knurrte Nico und Indigo nicke zustimmend. Dann schaute sie auf ihre Uhr. „Dwayne ist direkt unter uns", flüsterte sie.

Kapitel - Showtime von silverbird

Das Frachtschiff, auf dem sie sich befanden, füllte sich mehr und mehr und man konnte die Vorfreude der Anwesenden praktisch spüren. Alles wollten nur das eine: Einen Kampf sehen, der sie nicht berührte, sondern nur anspornte. „Okay, ich sag's den anderen", erwiderte Nico, trennte sich von Indigo und gab erst den Wölfen, dann Aaran Bescheid.

„Gut. Ich hoffe ehrlich, dass Jace auch dort unten ist und nicht..." Aaran schaute Nico besorgt an, doch der erwiderte nichts darauf. Er weigerte sich Aarans Worte überhaupt erst zu Ende zu denken. Jace lebte. Fertig und aus.

Aaran erkannte, wie große Sorgen sich Nico um den Jäger machte, daher sagte er, um den ehemalig aktiven Cleaner abzulenken. „Noch mal zu diesem Ding, das Paul fabriziert hat und Waffe nennt. Jedes hat nur vier Schuss und maximal acht Meter Reichweite. Erinnere deine Freunde bitte noch einmal daran."

Nico nickte wieder nur und ging davon. Wie Aaran sehen konnte, erst auf die Wölfe zu und dann wieder zurück zu Indigo.

Aaran umfasste die Waffe in seiner Hosentasche. Es handelte sich um eine kleine, umgebaute Stabtaschenlampe und war auch ähnlich zu bedienen, nur dass, wenn man sie einschaltete, ein Laserstrahl, statt des sonst üblichen Lichtes erschien.

„Paul ist offenbar Starwars Fan und spielt gern mit Laserschwertern. Wer hätte das gedacht? Okay, das Ding, das Paul da fabriziert hat, schaut zwar ein bisschen peinlich aus, aber egal, wenn's funktioniert, spiele ich gerne den Luke Skywalker." Aaran begann seinen Rundgang wieder aufzunehmen, baggerte eine hübsche Brünette an, und schlenderte ein paar Minuten später, sich mit ihr unterhaltend, über das Deck. Sie war schon einige Male hier gewesen und Aaran erfuhr, wie das ganze Spektakel ablief. Aaran ließ sich nicht anmerken, wie angewidert er von all dem war. Aber wenn es ihnen gelang den Lord und den Jäger zu befreien, würde er nicht nur dieser strohdummen Menschenfrau an seiner Seite den Hals umdrehen, das war sicher.

Ohne auf das Geplapper der jungen Frau zu achten, schaute Aaran sich unauffällig um. Sie hatten die Backbordseite erreicht und der Cleaner bemerkte eine Treppe, die nach unten führte. Zwei Männer, dessen Gesicht und Körper in Kutten verhüllt waren, hielten dort Wache.

Aaran roch, dass es sich um Vampire handelte. Aber nicht um Sekhmet, da sein Mal keine Meldung machte. 'Gut für uns', dachte der Cleaner und widmete sich wieder ganz seiner Begleiterin. Flirtend führte er sie wieder an ihren Ausgangspunkt zurück, entschuldigte sich und versprach, gleich wieder zu kommen. Dann begab er sich zu den Wölfen, um weiterzugeben, was er entdeckt hatte.

~ C ~

Die Gefangenen waren auf ein Schiff gebracht worden und Kalman erklärte ihnen den Ablauf, der bald folgen würde. „Überall, wo wir uns bewegt haben und bewegen werden, sind engmaschige Gitter mit einer Speziallegierung eingelassen. Wegen der Vampire, damit sie sich nicht teletransportieren können. Daher finden die Kämpfe auch immer in einem großen Gitterkäfig statt. Bevor es losgeht, werden wir wie Vieh vorgeführt und angepriesen. Jeder kämpft gegen jeden und die Gäste", Kalman zog das Wort spottend in die Länge, „können ihren Favoriten ersteigern. Das Höchstgebot, das für jeden Kämpfer erreicht wird, ist zugleich der niedrigste Wetteinsatz, der geboten werden muss. Erst kämpfen wir ohne Waffen. Dann beginnt ein neues Spiel und die Gäste können für den Kämpfer, auf den sie wetten, Waffen ersteigern. Wodurch, um die Spannung zu erhöhen, bald jeder von uns eine Waffe bekommen wird. Da fließen astronomische Summen, kann ich euch sagen, weil zusätzlich zum Steigern, auch noch Wetten abgeschlossen werden können. Doch derjenige, dessen ersteigerter Kämpfer gewinnt, hat einen wesentlich höheren Gewinn zu erwarten, daher wird viel und hoch gesteigert."

„Und vermutlich streicht der Veranstalter dieses Spektakels mindestens die Hälfte davon ein und verdient sich eine goldene Nase", knurrte Dwayne wütend.

„Und geht dabei im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen, zu denen ich jetzt bald gehören werde, ohne auch nur einen Schlag angebracht zu haben, weil ich vorher erfroren bin. Hier ist es saukalt." Jace wickelte sich die Arme um die Schultern. „Wir sind schon mindestens zwei gefühlte Stunden auf diesem verdammten Schiff und es stinkt wie auf einem versifften Fischkutter", beschwerte er sich grummelnd.

„Weil es einer ist. Fischkutter meine ich. Und wir sind im Kühlraum", erklärte Kalman.

Dwayne schnaubte abfällig, weil er die Taktik der oder des Veranstalters durchschaute. „Wenn wir durch gefroren sind, bewegen wir uns langsamer. Zumindest die erste Zeit, bis sich die Muskeln durch die Bewegung erwärmen. In der Zeit treiben sie die Wetten das erste Mal in die Höhe."

„Gut erkannt", stimmte Kalman zu und begann im Stand zu hüpfen, um sich aufzuwärmen.

„Wenn ich hier rauskomme, werde ich jeden killen, der mir unter kommt und keinen Unterschied zwischen Sekhmet und den Leuten machen, die sich daran aufgeilen, wie sich Wesen wie wir gegenseitig umbringen", knurrte Jace grimmig und die beiden anderen Wölfe, die sich inzwischen an Jace gedrängt hatten, um sich, wie es bei Wölfen üblich war, gegenseitig zu wärmen, stimmten in Jaces Knurren ein.

Dwayne beobachtete das Verhalten der Wölfe verständnislos und mit ungewollter Eifersucht. Wieso ließ Jace es zu, dass sich völlig Fremde an ihn schmiegten? Er, Dwayne, sollte es sein, an den sich Jace lehnte und Dwayne wollte es sein, der schützend seine Arme um ihn legte. Doch die Vernunft hielt Dwayne davon ab, die Wölfe von Jace wegzustoßen und seinen Anspruch geltend zu machen, denn er hatte keinen Anspruch auf Jace, den hatte höchstens Nico.

„Sie werden bald kommen. Macht euch bereit." Kalman atmete tief durch und Dwayne bemerkte, dass der Zwerg bei Weitem nicht so gelassen war, wie er tat.

Drei der Vampire, die unter den Gefangenen waren, liefen plötzlich auf den Lord zu, sahen ihn mit großen Augen an und einer erklärte panisch: „Wir...wollen nicht sterben. Ich bin Anwalt und meine Freunde sind in der Verwaltung. Wir haben keine Ahnung vom Kämpfen. Bitte, wir..."

Dwayne schaute dem jungen Vampir in die Augen und erkannte, als er sich kurz dessen Leben anschaute, dass er die Wahrheit sagte. 'Erst 120 Jahre alt. Ereignislose, aber schöne Kindheit. Abendstudium, regelt die Rechtsangelegenheiten seines Clans und ist in die Stadt gekommen, um für sein Mädchen einen Verlobungsring zu kaufen, bei ...Travis, wie ich sehen kann.' Dwayne scannte schnell die anderen und auch da sah er, dass sie ein normales Leben führten.

„Ganz ruhig, Leute. Alles wird gut", redete Dwayne mit seiner beruhigenden Stimme auf die Drei ein. Der Lord wusste, dass seine hypnotischen Kräfte bei jungen Vampiren durchaus ihre Wirkung taten. „Hört mir gut zu. Ihr geht zwischen mir, Kalman und Jace, wenn wir in die Arena gehen. Haltet die Köpfe gesenkt und lasst die Schultern nach vorne fallen. Okay?" Er lächelte sie nacheinander an, die Vampire lächelten zaghaft zurück und nahmen sofort die verlangte Haltung ein.

„Sehr gut, genau so macht ihr es, wenn wir hinaus getrieben werden. Jetzt wartet hier", verlangte Dwayne und wandte sich an Jace. „Ich glaube nicht, dass wir hier einen Verräter unter uns haben. Daher rede bitte mit den Wölfen und unterrichte sie von unserem Plan."

Jace nickte und Dwayne begab sich zu den restlichen Vampiren, die sich aufgeregt unterhielten. Da sie nicht wussten, wie viel Zeit sie noch zur Verfügung hatten, bis sie in die Arena geholt wurden, fasste sich Dwayne kurz. Er erklärte worum es ging und erfuhr, dass sie sich ohnehin für den Kampf entschieden hatten und auch einiges an Kampferfahrung hatten. Somit waren sie acht Krieger hier unten und die sieben, die an Deck auf ihren Einsatz warteten. 'Keine schlechte Quote', dachte Dwayne und begab sich wieder zu Jace und Kalman, die zwischen den drei Vampiren standen, die nach wie vor mit gesenktem Kopf dastanden.

„Gute Idee", bemerkte Jace. „Mit der Haltung wirken sie unattraktiv auf die Meute. Keiner setzt auf Verlierer."

„Müsste klappen. Dieser Abschaum will zwar Blut sehen, aber sie wollen auch gewinnen, daher werden sie zuerst zwei von uns ersteigern. Hoffen wir, dass unsere Leute auftauchen, bevor sie die Jünglinge in die Arena schmeißen."

Dwayne schaute Jace an und schmunzelte. „Du bist im Schnitt hundert Jahre jünger als sie."

Jace zuckte mit den Schultern und grinste. „Da sieht man es wieder. Alter bedeutet gar nichts."

Gerade als der Lord etwas erwidern wollte, hörte er jemanden rufen: „Dwayne, Jace. Hier her."

An der Käfigtüre, über die sie hereingeführt worden waren, stand Nico und die beiden Gerufenen eilten auf ihn zu, während Kalman sich um die drei Vampire kümmerte.

„Ich bin echt froh dich zu sehen, Junge", flüsterte der abgesprungene Cleaner und man konnte ihm ansehen, wie erleichtert er war, Jace lebend vor sich stehen zu sehen.

Jace griff durch das Gitter und berührte Nico leicht an der Schulter, dann erwiderte er grinsend: „Irgendwas musste ich mir ja einfallen lassen, damit du dich mal blicken lässt."

Nico lachte leise. „Verrückt genug bist du."

Dwayne, dem diese Vertrautheit gar nicht passte, fuhr dazwischen. „Wir haben keine Zeit für Smalltalk. Was tust du hier? Wenn dich jemand sieht, ist der Plan im Eimer."

„Keine Sorge, nur eine kleine Planänderung. Wir haben die zwei Wachen oben ausgetauscht. Jetzt haben Odan und Baker den Job und ich hole euch jetzt hier raus."

„Nein", erwiderten Dwayne und Jace synchron. Nico zog die Augenbrauen hoch und schaute die beiden nacheinander an.

Jace grinste und der Lord erklärte: „Alle hier sind bereit zu kämpfen, bis auf diese Drei." Dwayne winkte die drei Vampire zu sich heran und sie liefen sofort zu ihm. „Bring sie raus. Sobald sie an Deck sind, können sie sich nach Hause teletransportieren. Wir anderen werden dieser Meute da oben eine gute Show liefern. Das lenkt sie erstens von euch ab und zweitens, werden sie so schneller Waffen in den Käfig werfen, die wir gut gebrauchen können."

Nico überlegte kurz, dann nickte er zustimmend. „Okay, da hast du recht. Da oben sind mindestens zwölf Sekhmet und das sind nur die, die wir sehen konnten. Bestimmt sind noch so einige unter Deck. Also, es gibt drei Gittertüren zu diesem Käfig. Zwei hier unten, wie ihr ja gesehen habt und eine oben, in der Mitte. Sobald der Großteil von euch bewaffnet ist, schieße ich die oben auf."

Nico zog seine Laserwaffe aus der Tasche und richtete den Strahl auf das Schloss an der Tür, vor der er stand. Der feine rote Lichtstrahl trennte das Schloss exakt und Dwayne schob die drei Vampire durch die Tür.

„Beeilt euch, wir haben kaum noch Zeit", drängte Kalman. Nico handelte sofort und jagte die drei Vampire die Treppe hoch. „Übrigens, nettes Outfit", rief er noch, bevor er den Vampiren folgte.

Er hörte aber noch, wie Dwayne und Jace ihm zugleich hinterher riefen: „Halt bloß die Klappe, Nico."

Knapp fünf Minuten später öffneten sich die Gittertüre an der gegenüberliegenden Seite und die zwei Kapuzenmänner erschienen. Dann lief alles so ab, wie Kalman prophezeit hatte.

Die Gefangenen hatten sich auf einen Haufen zusammengerottet, sodass die Kapuzenmänner nicht bemerkten, dass die drei Vampire fehlten.

„Ihr kämpft gegeneinander. Jeder gegen jeden. Also kämpft gut, denn nur einer von euch wird diese Arena verlassen. Der Beste. Verstanden? Wer sich weigert zu kämpfen, wird erschossen. Also seid gewarnt. Und jetzt raus mit euch", befahl ein Kapuzenmann den Gefangenen und trat zur Seite, damit sie die Arena betreten konnten.

Wie zuvor ausgemacht legten sie einen Auftritt hin, der jedem Gladiator Ehre gemacht hätte und die Gäste johlten vor Begeisterung.

„Fangt an. Möge der Beste gewinnen", tönte es über einen Lautsprecher und Jace verdrehte die Augen. „Möge der Beste gewinnen?", äffte er die Stimme spottend nach. „Ich komme mir vor wie in einem schlechten Gladiatorfilm. Kann der Trottel nicht irgendetwas Cooles sagen? Aber nein, alles was ihm einfällt, ist dieser blöde Spruch."

„Wenn du dich besser fühlst, können wir ja mit,- Ave, morituri te salutant-, antworten", entgegnete Dwayne schmunzelnd.

Jace schnaubte verächtlich: „Du bist auch nicht einfallsreicher als die da oben."

Kaum hatte Jace das gesagt, griff er Dwayne auch schon an und verpasste ihm einen Kinnhaken, dass der zurück stolperte. „Es soll doch echt aussehen", erklärte er grinsend, nachdem Dwayne ihn entgeistert ansah.

„Du willst echt, du kriegst echt", knurrte der Lord und stürmte auf Jace zu.

Der Schlagabtausch war heftig und sie blieben sich gegenseitig nichts schuldig, aber es machte ihnen offensichtlich Spaß.

Auch die anderen Gefangenen legten sich mächtig ins Zeug und die Menge jubelte begeistert. Es dauerte daher auch nicht lange, bis die ersten Schwerter in die Arena geworfen wurden.

~ C ~

Aaran und Indigo hielten sich in der Nähe der Brücke auf und turtelten heftig miteinander. Sollte sie jemand beobachten, so würde er annehmen, die zwei hätten sich nur deswegen von der Menge abgesondert, um sich näher kommen zu können.

Baker und Odan bewachten nach wie vor die Treppe und bisher war ihre Tarnung noch aufrecht.

Mangus, Marema und Nico standen ganz vorne an der Absperrung und beobachteten das Geschehen in der Arena, wobei Nico immer wieder einen kurzen Blick auf die beiden Turteltauben warf. Das Gefühl, das sich dabei in ihm ausbreitete, behagte ihm gar nicht und er musste all seine Beherrschung aufbieten, um nicht auf Aaran zuzustürmen, um ihm den Kopf abzureißen. Mindestens.

„Wenn die Zwei so weiter machen, können wir sie nur noch als Leichen hier rausholen", grummelte Marema, die hinunter in die Arena starrte und mit ihren Worten Nico aus seinen Gedanken holte.

„Keine Sorge, Liebes, die Beiden wissen, was sie tun und Jace hält das aus", versuchte Mangus seine Frau zu beruhigen, was ihm nicht so ganz gelang, denn sie entgegnete grimmig: „Kein Grund für den Vampir so heftig zuzuschlagen. Den knöpfe ich mir vor, wenn das vorbei ist."

Nico lachte leise. „Dann wäre es für Dwayne besser, dort unten zu bleiben."

„Sehe ich auch so", bemerkte Mangus und selbst Marema musste daraufhin lachen.

Das nächste Ereignis ließ die Drei jedoch sofort verstummen und sie warfen sich bedeutsame Blicke zu, als sie bemerkten, dass Waffen in die Arena geworfen worden waren. Nico schaute rasch zu Aaran und Indigo, die trotz ihres Spieles den alten Cleaner nie aus den Augen gelassen hatten, wie der zufrieden bemerkte. Er nickte ihnen kurz zu und Aaran erwiderte diese Geste. Nico wechselte daraufhin seine Position um ein paar Meter, und richtete seine Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen in der Arena zu.

~ C ~

Jace und Dwayne rollten zugleich über den Boden und ergatterten die ersten Schwerter. Als sie wieder auf die Beine kamen und ihre Klingen das erste Mal aufeinander trafen, schauten sie sich an und beide grinsten. Es machte ihnen wirklich Spaß, sich miteinander zu messen, dennoch gingen sie mit den Schwertern wesentlich vorsichtiger um als zuvor mit ihren Fäusten.

'Wenn das hier vorbei ist' dachte Jace und parierte einen Schlag Dwaynes, 'nehme ich mir, was mir gehört.'

Dwayne wehrte den nächsten Hieb ab, fasste Jace am Arm und zog ihn ganz nahe an sich heran. „Es ist gleich soweit. Nico wird jeden Moment das Gittertor oben öffnen. Gib mir nach meinem nächsten Angriff eine Sekunde", flüsterte er und stieß Jace von sich. Der ließ sich fallen, hob aber gleichzeitig das Schwert und fing so den fingierten Schlag des Lords ab. Er hielt ihn so einen Augenblick in Position, damit Dwayne einen Blick nach oben werfen konnte.

Nico nickte ihm kurz zu und einen Sekundenbruchteil später durchtrennte ein Laserstrahl das Schloss am oberen Gitterkäfig. Das quadratische Teil klappte hinunter und Dwayne rief den Kämpfern zu: „Jetzt!"

Sofort hörten die Kämpfe auf. Jace, die übrigen Wölfe und Kalman, der Zwerg, rannten zurück in die Kammer und dort durch das Tor, das Nico vor dem Beginn des Spektakels geöffnet hatte. Gleichzeitig teletransportierten sich die Vampire durch die obere Öffnung.

Chaos brach unter den Gästen aus. Schreiend und in Panik rannten sie davon, auf die Treppe zu, die vom Schiff führte.

Odan und Baker hatten ihre Kutten abgeworfen und kamen angerannt, die Wölfe und Kalman folgten ihnen dicht auf den Fersen. Zwischen den flüchtenden Leuten tauchten plötzlich Sekhmet auf, die sich mit ihren Krallen rücksichtslos einen Weg durch die Menge bahnten. Wer nicht ausweichen konnte, fiel ihren Krallen zum Opfer.

Die Lichter auf dem Schiff fielen plötzlich aus und nur die Lampen am Pier erleuchteten schwach die gespenstische Szene.

Aaran verbrauchte alle vier seiner Strahlen bei Sekhmet, die von der Brücke stürmten. Jede Schuss war ein Treffer und trennte fein säuberlich die Köpfe ab.

Indigo warf ihm ihre Laser Waffe zu. Sie hatte nur einen Schuss verbraucht, indem sie einem Angreifer in die Brust geschossen hatte, der sie angreifen wollte. Zu ihrem Erstaunen verbrannte der Sekhmet gleich darauf und reaktionsschnell hatte sie sich sein Schwert gegriffen. Dennoch, Schusswaffen waren Aarans Spezialität. Sie mochte Schwerter lieber, auch wenn sie jetzt gerne ihre Sai's gehabt hätte. Paul hatte vollkommen recht gehabt. Das waren ihre Waffen. Aber jetzt musste es halt auch dieses Schwert tun.

Die Wölfe Marema, Mangus, Odan und Paker hatten ebenfalls ihre Schüsse verbraucht, ihre Ziele eliminiert und deren Schwerter angeeignet.

Inzwischen waren nur noch Dwaynes Leute, die ehemaligen Gefangenen und ihre Feinde an Bord. Zwar waren die Sekhmet noch immer in der Überzahl, doch ihre Reihen lichteten sich zusehends.

Jace sah, wie einer der Vampire fiel, der mit ihm gefangen gewesen war und stürzte sich auf den Sekhmet, der sich über den Vampir beugte. Aber Jace kam zu spät. Der Sekhmet hatte ihm schon das Schwert tief in die Brust gerammt und Jace blieb nur noch die Genugtuung dem Sekhmet den Kopf abzutrennen.

Dwayne hatte gerade einen Sekhmet erledigt und sah sich kurz nach einem weiteren Gegner um, als er bemerkte, dass sich auf der Brücke jemand bewegte. Im trüben Licht der Lampen des Piers erkannte Dwayne eine Gestalt, die ein Gewehr im Anschlag hielt und auf Jace zielte. Dwayne handelte ohne zu denken, teletransportierte sich und stand den Bruchteil einer Sekunde vor dem Wolf, als ihn auch schon zwei Kugeln trafen.

Der Lord taumelte zwei Schritte zurück, dann fiel er auf die Knie. Er hörte noch, wie Jace panisch seinen Namen schrie, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Kapitel - Magnetismus von silverbird

Jace kniete neben Dwayne und bekam überhaupt nicht mit, was rund um ihn passierte. Auf dem Schiff war die Hölle los, er hörte Stimmen, die seinen Namen schrieen, doch er hatte keine Zeit, sich umzusehen. Er presste seine Hände auf die zwei Schusslöcher in Dwaynes blutverschmierte Brust und redete unablässig auf den Lord ein.

Plötzlich berührte jemand Jace an der Schulter. Er knurrte bösartig, wandte blitzschnell den Kopf und der Wolf in ihm trat hervor.

„Ganz ruhig, Jace, ich bin's nur, Nico."

Jaces Blick klärte sich, die Haare bildeten sich wieder zurück und er schaute den Freund hilflos an.

„Komm, ich helfe dir", sagte Nico sanft. „Bringen wir ihn nach Hause."

Jace war froh, dass ihm jemand sagte, was er tun sollte. Doch noch, bevor Nico Hand an Dwayne legen konnte, hob Jace ihn schon auf seine Arme.

Obwohl im Moment kein Sekhmet mehr zu sehen war, waren sie plötzlich von den Wölfen umringt, die einen Schutzkreis um sie bildeten, während sie rasch von Bord eilten. Aaran hatte schon die Tür ihres Wagens geöffnet und Jace kletterte, ohne Dwayne aus seinen Armen zu entlassen, etwas umständlich in den Fond.

Sie hatten die meisten Sekhmet vernichtet, trotzdem war Eile geboten. Erstens wussten sie nicht, ob nicht weitere Sekhmet auftauchen würden und zweitens musste Dwayne rasch versorgt werden. Sein Glück war gewesen, dass es sich um Silberkugeln gehandelt hatte. Ein Material, das Vampire nicht töten konnte. Dennoch war er noch nicht außer Gefahr, denn die Kugeln steckten tief und er blutete heftig. Wenn er weiterhin so viel Blut verlor, würde er austrocknen und dadurch sterben.

Aaran hatte beschlossen, die vier Wölfe, Kalman und Nico in ihr Shelter mitzunehmen. Dwayne würde ihm zwar vermutlich den Kopf abreißen, aber Aaran hatte während des Kampfes beschlossen, Nico und seinen Freunden zu vertrauen. Dass Aaran die Wölfe nun mit anderen Augen sah, lag daran, dass sie, obwohl sie wegen Jace gekommen waren, auch immer wieder Indigo, oder ihm, Aaran, den Rücken gedeckt hatten. Bessere Kämpfer an ihrer Seite hätten sie sich gar nicht wünschen können. Daher forderte er sie alle auf, sich irgendwie in den Wagen zu schichten.

Kaum waren alle im Auto, fuhr Aaran auch schon los. Während er den Hafen verließ und durch die Stadt fuhr, dachte er an die fremden Vampire, die ihren toten Freund gerade nach Hause brachten. Sie hatten sich gut geschlagen und genauso wie die fremden Wölfe, waren sie nicht verschwunden, ohne sich für ihre Befreiung zu bedanken.

Aaran hätte sich gewünscht, sie hätten den Vampir retten können, aber wenn man bedachte, welchen Kampf sie hinter sich hatten, waren die Verluste gering gewesen. Ein Toter, ein Schwerverletzter waren das Schlimmste. Odan hatte eine Fleischwunde am Arm, Mangus eine von der Hüfte bis zum Knie und zwei der Wölfe, die zu den Gefangenen gehört hatten, waren mit geringen Krallenspuren der Sekhmet davon gekommen. Alle anderen hatten geringe Verletzungen davon getragen, die vermutlich noch nicht mal behandelt werden mussten.

Dreißig Minuten später fuhr Aaran in die Garage. Nachdem alle ausgestiegen waren, hatte Jace genug Platz, um mit Dwayne aus dem Wagen zu klettern. Nach wie vor ließ er keinen an Dwayne heran, daher lief Aaran voraus, um den Lift zu holen.

Kaum hatte Jace mit Dwayne den Aufzug betreten, drückte Aaran auf den Knopf, um die Beiden in den zweiten Stock zu schicken. Als die restliche Gruppe fünf Minuten später folgte, erwartete sie schon Indigo, die sich inzwischen ins Shelter teletransportiert und Martha informiert hatte. Daher war auch schon alles vorbereitet, sodass die Wölfe auf ihre Zimmer gebracht wurden, in denen sie alles vorfinden würden, was sie brauchten.

Indigo hatte noch keine Zeit gehabt sich umzuziehen und so trug sie noch immer ihr Kleid, das ihr allerdings in Fetzen am Körper hing und mehr von ihrem Körper zeigte als verbarg. Doch um frische Kleidung konnte sie sich später kümmern. Jetzt hatte sie anderes zu tun. Wobei ihre erste Priorität war, zu sehen, ob Nico in Ordnung war. Weder auf dem Schiff noch nachdem sie es verlassen hatten, war dafür Zeit gewesen. Die Kreolin wusste zwar, dass nur der Lord ernsthaft verletzt worden war, aber dennoch, sie musste sich selbst überzeugen, ob Nico wohlauf war.

Kaum war er aus dem Aufzug gestiegen, musterte Indigo ihn auch schon von oben bis unten und stellte erleichtert fest, dass er nur ein paar Kratzer hatte, die schon begannen zu heilen.

Als sie bemerkte, dass auch Nico sie betrachtete, schaute sie schnell weg und begann ein  Gespräch mit Aaran, wobei sie nicht wirklich klärten, wie es weiter gehen sollte.

Nico konnte inzwischen die Augen von Indigo nicht abwenden. Natürlich schaute er zuerst, ob sie unverletzt war, doch nachdem er keine Verletzungen entdecken konnte, glitt sein Blick über den atemberaubenden Körper der Kreolin. Ihre Haut war wie Milchkaffee und das zerfetzte Kleid zeigte sehr viel Haut. Zu viel Haut, stellte Nico fest, da ihm dieser Anblick das Atmen erschwerte. Während er die schlanken, endlos scheinenden Beine betrachtete, dann den biegsamen Leib bis zu dem eleganten Schwung ihres Nackens, der nur zu sehen war, weil Indigo ihr Haar, aus gegebenen Anlass, hoch gesteckt hatte. Einige Strähnen hatten sich gelöst und die glänzenden Locken umspielten ihr Gesicht. Nicos Mund verzog sich zu einem verhaltenen Lächeln. 'Im Licht schimmert ihr Haar ähnlich wie...' Als ihm in den Sinn kam, an wen ihn das erinnerte, wurde ihm plötzlich kalt, und das lag nicht am Mangel seiner Kleidung. Er wandte den Blick von Indigo ab und sein Gesichtsausdruck zeigte plötzlich wieder die für ihn typische Maske der Gleichgültigkeit. Er vernahm wieder die Stimmen von Aaran und Indigo, die er zuvor ausgeblendet hatte, und bemerkte auch den Diener, der offensichtlich darauf wartete, Nico zu seinem Zimmer bringen zu dürfen. 

Nico nickte dem Diener zu und der verstand sofort und eilte voraus. Ohne einen weiteren Blick auf Indigo zu werfen, folgte er dem Diener. Indigo lächelte und schaute Nico nach. ‚Dieses Kleid, beziehungsweise Fetzen, werde ich auf jeden Fall behalten. Ich habe gesehen, wie er darauf abfährt.'

~ C ~

Jace wich Dwayne nicht von der Seite. Der Lord war inzwischen wach und Martha versuchte gerade die zweite Kugel aus seiner Brust zu holen, was ihr nicht gelingen wollte.

„Wo hast du den diesen alten Krempel von Instrumenten her? Von Pare'?", schimpfte Jace der bemerkte, dass Dwayne zusammen zuckte.

Martha schnaubte ungehalten. „Sie werden es nicht glauben, aber ich habe seit dem 16. Jahrhundert etwas dazu gelernt. Es ist nur so, dass das verflixte Ding ... oh, hab es." Die Heilerin zog die Kugel heraus und ließ sie auf die Gaze fallen, die neben dem Bett auf einem sterilen Tablett lag. Durch das Bohren in der Wunde blutete sie wieder stärker. Martha streute aus einer dickbauchigen Glasflasche ein undefinierbares Pulver drauf und legte einen festen Verband an.

„Fertig. Sorgen Sie dafür, dass er sich nicht bewegt. Auf dem Tisch stehen zwei Thermosflaschen. Sorgen Sie dafür, dass....."

Jace unterbrach die Heilerin. „Alles klar. Aufpassen. Pflegen. Füttern. Wird gemacht."

Martha schaute Jace prüfend an, dann lachte sie leise. „Na dann viel Spaß. Ich beneide Sie nicht um diesen Job." Sie packte ihre Utensilien zusammen und verließ das Zimmer, um sich um die anderen Verletzten zu kümmern.

„Wurde auch Zeit. Sie ist wirklich eine gute Seele, aber man wird sie nicht los, wenn man mal ein bisschen angeschlagen ist ", bemerkte Dwayne und wollte sich aufrichten. Doch Jace drückte ihn sanft, aber energisch zurück.

„Ein bisschen angeschlagen? Du musst hohes Fieber haben, wenn du so einen Unsinn redest. Du hast zwei Kugeln abgefangen. Was war denn das für eine hirnverbrannte Aktion, dich vor diese Flinte zu schmeißen? Was, wenn die Kugeln aus einer für Vampire tödlichen Legierung gewesen wären? DU WÄRST TOT!", brüllte Jace unbeherrscht. Die Sorge um Dwayne hatte ihn völlig fertig gemacht und er atmete ein paar Mal tief durch, um seine Fassung wieder zu erlangen, bevor er Dwayne wieder anschaute und drohend verlangte. „Also wage es ja nicht, auch nur einen Finger zu rühren, ohne das ich es dir erlaube."

Dwayne zog erstaunt die Augenbrauen hoch, dann entgegnete er verwundert. „Was regst du dich so auf? Ich habe eigentlich schon ein bisschen Dankbarkeit erwartet, schließlich habe ich die Silberkugeln für dich eingefangen, die dich getötet hätten, wie ich anmerken möchte."

„Quatsch. Als ob du gewusst hättest, dass sie aus Silber sind. Außerdem wäre das egal gewesen. Was ich meine: Tu das nie wieder! Wieso hast du es überhaupt getan?", schob Jace noch hinterdrein und schaute Dwayne intensiv in die Augen.

Der wich dessen Blick aus und strich unentwegt unsichtbare Falten seiner Decke glatt. „Wie ich schon sagte, Silberkugeln..."

„Warum, Dwayne?", fragte Jace leise, setzte sich auf das Bett, nahm das Gesicht des Verwundeten in beide Hände und zwang ihn so, ihm direkt ins Gesicht zu sehen.

Der Lord schluckte schwer, sagte aber kein Wort. Was hätte er auch sagen sollen, ohne sich zu verraten? Er konnte Jace nicht gestehen, dass er sich in ihn verliebt hatte. In den Mann, der zu einem anderen gehörte. Und dass er, obwohl das so war, alles tun würde, um Jace zu beschützen. Dass er gerne die Kugeln eingefangen hatte, nur um diesen einen ganz besonderen Mann unversehrt zu sehen. Natürlich hatte er nicht gewusst, aus welchem Material die Kugeln waren, aber das hatte keine Rolle gespielt. Es wäre ein guter Tod gewesen. Für Jace zu sterben hätte sich gelohnt. Jace war es wert, alles zu geben, was Dwayne hatte. Auch sein Leben.

Diese Erkenntnis erschreckte Dwayne gleichermaßen, wie es ihn erleichterte. Vielleicht hatte genau das passieren müssen, dass er endlich vor sich selbst zugab, dass dieser atemberaubende Wolf der Eine war, der für immer in seinem Herzen sein und bleiben würde. 'Doch es wird immer nur ein unerfüllter Traum bleiben. Nie werde ich diese wundervollen Lippen küssen dürfen, seinen prachtvollen Körper erkunden und ihn zum Stöhnen und Schreien bringen, um anschließend  erschöpft und befriedigt mit ihm  zusammen einzuschlafen. Den er gehört zu einem anderen.'

Die schmerzhafte Sehnsucht nach Jace und die Erkenntnis, dass sich nie erfüllen würde, was er sich so sehr wünschte, schnürte Dwayne die Kehle zu und er stöhnte leise.

Sofort ließ Jace ihn los und sagte besorgt. „Wir klären das später. Du hast Schmerzen. Soll ich Martha holen? Nein", entschied er dann. „Sicher liegt das an dem Blutverlust. Füttern wir dich erst mal."

Jace erhob sich und begab sich zum Tisch und Dwayne stieß erleichtert die Luft aus. Er würde trinken und sich dann schlafend stellen, dann würde Jace keine Fragen stellen können, die er, Dwayne, nicht beantworten konnte und wollte.

Dwayne hatte sich bereits aufgesetzt, als Jace zum Bett zurückkam. Gehorsam trank der Lord einen Becher nach dem anderen leer und er fühlte sich bald darauf schon besser.

Doch als er sich wieder ins Kissen zurück sinken lassen wollte, hielt Jace ihn auf. „Warte einen Moment", verlangte er, zog das Kissen hoch und lehnte es an die Rückwand des Bettes.

Dwayne runzelte die Stirn. Was hatte der Junge vor? Er würde doch nicht zu ihm ins Bett kommen wollen? Wölfe brauchten Nähe und Berührungen, das wusste Dwayne, aber wieso ging Jace dann nicht zu Nico? 'Natürlich', erkannte Dwayne. 'Er fühlt sich mir verpflichtet, weil ich ihm das Leben gerettet habe. Doch das ist kein Grund, gleich zu mir ins Bett zu steigen. Und er hat noch immer nur diesen Lendenschurz um. Himmel, weiß er überhaupt, was er mir damit antut? Sicher nicht.'

Gerade wollte Dwayne protestieren, als Jace sich auch schon hinter ihn setzte und Dwayne einfach an seine Brust zog. „Du brauchst Wärme und ich gebe sie dir. Schlaf jetzt", ordnete Jace an, drückte Dwaynes Kopf an seine Brust und zog die Decke über ihn, sodass nur noch der Kopf heraus schaute.

'Das geht nicht. Ich darf das nicht zulassen', dachte Dwayne. Doch es fühlte sich so unbeschreiblich gut an, an dieser starken, breiten Brust zu liegen und schützende Arme um sich zu spüren.

Starke Arme.

Jaces Arme.

Und Dwayne war so müde. Sicher, weil die Sonne gerade den höchsten Stand erreicht hatte. Da war er immer besonders müde. Seine tote Zeit sozusagen, daher war es verständlich, dass er sich gegen den Wolf nicht wehren konnte. Das war der einzige Grund, wieso er sich nicht dagegen sträubte, dass Jace ihm durch die Haare strich und ihm einen Kuss auf die Stirn drückte. In den Mittagsstunden war er schwach, wie ein Mensch, und dazu seine Verletzung. Wie hätte er da einen großen, starken Wolf abwehren können? Unmöglich. Mit dieser lahmen Ausrede schmiegte Dwayne sein Gesicht an Jaces Brust, zog dessen unvergleichlichen, wunderbaren Duft ein, seufzte zufrieden und schlief ein.

Jace grinste etwas dümmlich vor sich hin und genoss den herrlichen Männerkörper in seinen Armen. Jaces Entscheidung stand fest. Dwayne gehörte zu ihm. Es würde nicht einfach sein, dass dem Vampir klar zu machen, aber Jace war sich sicher, Dwayne wollte es auch. Warum machte er es nur so kompliziert? 'Egal. Ich werde ihm schon zeigen, wo es lang geht', dachte Jace und grinste. 'Allerdings werde ich vorher duschen. Hätte ich ja gleich gemacht, nachdem wir hier her gekommen sind, aber dann hätte ich Dwayne alleine lassen müssen. Unmöglich, das ist ja wohl klar.'

~ C ~

Indigo hatte rasch geduscht und sich umgezogen. Nicht zu sexy, damit es nicht auffiel, aber dennoch sehr figurbetont.

Mangus wollte eine Videoschaltung zu seinem Clan. „Aber nur über eine sichere Leitung. „Wenn das nicht machbar ist, verzichte ich. Das Risiko, das mein Cave entdeckt wird, werde ich auf keinen Fall eingehen", ahmte Indio Mangus Stimme spottend nach. „Was denkt der Wolf, wen er vor sich hat? Ich bin Mrs. Sichere Leitung höchstpersönlich. Jede Wette, dass keiner in seiner Höhle an mich herankommt, aber der Oberwolf spuckt große Töne. Typisch für diese Fellträger."

Aaran würde Mangus und Marema zur ihr in den Computerraum bringen, sobald ihre Verletzungen versorgt waren und Indigo hoffte, dass Nico ebenfalls kommen würde. Sie überprüfte ihr Aussehen im Computerbildschirm und tippte nervös auf den Tasten herum, während sie wartete.

Nico war nicht mit gekommen. Indigo konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen. 'Diese blöden Vampire sind alle gleich. Schmachten einen mit sehnsuchtvollen Augen an und dann...nichts. Ich hasse ihn', dachte Indigo wütend und klopfte fester als nötig auf die Tasten.

„Alles in Ordnung mit dir?", wollte Aaran wissen, legte der Kreolin die Hand auf die Schulter und schaute sie besorgt an.

„Sicher", murmelte sie nur und stellte die Verbindung her.

Mangus versicherte seinem Stellvertreter, dass sie unversehrt waren, Jace gefunden hatten und sie alle am nächsten Tag zurückkehren würden. Indigo hörte nicht, was noch weiter gesprochen wurde. Ihre Gedanken waren bei Nico und sie traf eine Entscheidung. „Wenn sie fertig sind, kappst du hier die Verbindung", erklärte sie Aaran und zeigte auf einen Knopf. Ohne eine Antwort abzuwarten, lief sie aus dem Raum.

~ C ~

Nico klopfte an Dwaynes Zimmertür und wurde aufgefordert einzutreten. Er hob kurz die Augenbrauen bei dem Anblick, der sich ihm bot, verlor aber kein Wort darüber. „Ich bleibe bei ihm, wenn du duschen willst", sagte er stattdessen leise.

Jace schaute Dwayne an. Er schlief ruhig und es ging ihm offensichtlich schon viel besser. Jace nickte daher zustimmend und versuchte sich vorsichtig von Dwayne zu lösen. Der grummelte plötzlich und schloss im Schlaf seine Arme fester um Jace.

„Oder auch nicht", bemerkte Nico grinsend. „Passt auf euch auf und viel Glück dabei, das deinen Großeltern beizubringen. Wenn etwas ist, meine Nummer hast du." Nico nickte Jace noch einmal zu, dann verließ er rasch das Zimmer.

„Ja, das wird lustig", murmelte Jace hinterher, doch dann schmiegte Dwayne seinen Kopf fester an Jaces Brust und seufzte leise und er beschloss, sich mit dem Problem Großeltern später zu befassen und mit Nico. 'Der Trottel glaubt doch nicht ernsthaft entkommen zu können', dachte Jace, zog die Decke zurecht und schloss die Augen.

~ C ~

Martha war in ihrem Element. Der duftende Braten lag bereits auf der Platte und auch die Schüsseln waren gut gefüllt. Martha wies ihr Personal an, die Speisen aufzutragen und wachte mit strengem Blick darüber, dass alles perfekt ablief.

Dwayne ging es schon wieder gut genug, um mit seinen Freunden und seinen Gästen am Tisch zu sitzen und es sich schmecken zu lassen. Die Wölfe und auch Aaran langten ordentlich zu und lobten immer wieder Marthas Kochkünste.

Indigo jedoch stocherte nur in ihrem Essen herum und auch Jace aß nicht mit der Begeisterung, die er sonst an den Tag legte, denn seine Gedanken kreisten um die letzte Stunde. Er war aufgewacht und Dwayne war nicht da gewesen. Erst hatte Jace gedacht der Lord sei unter der Dusche, doch auch im Badezimmer hatte er ihn nicht gefunden.

Daher hatte sich Jace auf die Suche nach Dwayne machen wollen, doch als er das Zimmer verließ, wartete schon ein Diener vor der Tür, der ihn auf Anweisung des Lords auf das Zimmer bringen sollte, das für Jace hergerichtet worden war. Verwirrt folgte Jace dem Diener, der ihn in das Stockwerk brachte, in dem die Gäste untergebracht waren.

Frische Kleidung lag auf dem Bett bereit, wie Jace registrierte. Er ging automatisch ins Badezimmer und überlegte, was das eigenartige Verhalten des Lords zu bedeuten hatte. Eines war für Jace sicher, Dwayne mochte ihn, mehr als das. „Kann sein, dass er es nicht zugeben will, aber sein Unterbewusstsein hat ihn verraten. Ich rede mit ihm. Schließlich sind wir erwachsene Männer und werden daher wohl im Stande sein zu klären, wie wir zu einander stehen."

Doch bisher hatte er noch keine Zeit gefunden, mit dem Lord zu sprechen, da ein Diener ihn zum Essen abgeholt hatte. Nun wartete Jace darauf, dass die Tafel endlich aufgehoben wurde, doch das würde leider noch dauern, denn sein Großvater unterhielt sich angeregt mit Dwayne und es war kein Ende abzusehen. Aaran, Baker und Odan betrieben Waffenkunde, wobei ihre Meinungen offensichtlich auseinander gingen und Jace seufzte genervt.

Kapitel Die Abreise von silverbird
Das Abendessen zog sich um immer mehr in die Länge, es wurde ausgelassen gefeiert und Als Martha und die Diener letztendlich auch noch Kaffee, alten Single Malt und Kuchen auftrugen, war Jace knapp davor durchzudrehen, während Dwayne ganz entspannt dasaß und offenbar nicht daran dachte, das Mahl endlich zu beenden.

Nach einer weiteren endlos scheinenden Stunde erhob sich Dwayne und Jace atmete erleichtert auf. Was auch immer sein Gespräch mit dem Lord ergeben würde, es musste geführt werden und er war bereit. Mehr als das. Daher stand er ebenfalls auf, doch plötzlich legte seine Großmutter die Hand auf seine. „Ich will mit dir reden Junge", sagte sie leise, aber eindringlich.

„Nicht jetzt Granny, ich muss dringend..."

„Sofort." Maremas Blick und Stimme duldete keinen Widerstand und Jace wusste, wenn er es sich mit seiner Großmutter nicht verscherzen wollte, folgte er ihrer Aufforderung besser.

„Also gut", seufzte er. „Auf die zehn Minuten kommt es auch nicht mehr an. Gehen wir in mein Zimmer?"

Marema nickte und erhob sich, nickte ihrem Mann kurz zu, der offenbar verstand und sich bei seinem Gastgeber entschuldigte und aufstand.

„Aus. Schluss. Nein. Das reicht", rief Jace plötzlich, der die Taktik seiner Großeltern durchschaut hatte. Er würde sich jetzt nicht in irgendein Kämmerchen führen lassen, um sich eine Standpauke abzuholen. Nicht bevor er nicht wenigstens vorher mit Dwayne gesprochen hatte. „Ich weiß, was ihr vorhabt und ich will das nicht. Ich habe euch lieb, sehr sogar, aber ich bin inzwischen alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Oder wenigstens erst zu klären, ob es überhaupt etwas gibt, was zu entscheiden ist. Sollte ich es wissen, dann können wir reden. Bitte", fügte Jace noch hinzu und sah seine Großeltern um Verständnis bittend an. Als die Beiden zögernd nickten, packte Jace Dwayne vorne am Jackett. „Gut, dann werden wir zwei uns jetzt mal unterhalten."

Ohne auf Dwaynes Protest zu achten zog Jace den Lord aus dem Raum, schloss die Tür hinter sich, ließ Dwayne los und schaute sich suchend um. „Wo sind wir ungestört? Ah ja, am besten bei dir." Er marschierte los, doch als Dwayne nicht folgte, schaute er zurück, lächelte und fragte:„Kommst du?"

Dwayne hätte später nicht sagen können, was ihn bewogen hatte, Jace ohne Vorbehalte zu folgen. Vielleicht war es sein Lächeln gewesen, oder weil er ihn so bestimmt aus dem Esszimmer gezerrt hatte. Was er mit Sicherheit wusste, es hatte sich gelohnt.

Als Dwayne hinter Jace das Zimmer betrat, begann der unruhig hin und her zu laufen, bis es Dwayne zu dumm wurde und er sich in den Weg stellte. „Was ist los Jace? Es ist wegen Nico, stimmt's? Ja, das habe ich befürchtet. Es tut mir so Leid. Ich hätte dir nicht erlauben dürfen auf mich... aufzupassen. Es ist meine Schuld. In meinem Alter hätte ich mich anders verhalten müssen. Ich weiß Nico ist irgendwann in mein Zimmer gekommen und hat uns gesehen. Zusammen, im Bett. Ich hätte etwas sagen, es ihm erklären müssen, aber ich war nicht so richtig da. Und nun ist er gegangen. Ohne dich. Es tut mir sehr, sehr Leid. Ich werde ihn suchen und ihm erklären, dass..."

„Halt", verlangte Jace, dessen Stirn sich nach jedem Satz von Dwayne mehr in Falten gelegt hatte, doch dann waren seine Augenbrauen nach oben geschossen, als er langsam verstand was Dwayne da von sich gab. Nur glauben konnte er es nicht. „Du denkst Nico ist mein..."

„Freund", wurde er von Dwayne unterbrochen, der ziemlich unglücklich aussah. „Ja, ich weiß es und es tut mir leid."

Jace konnte ein Grinsen kaum unterdrücken. „Was tut dir leid, dass er mein Freund ist?"

„Ja. Ich meine natürlich nein." Dwayne seufzte tief auf. „Hör mal, Jace. Ich verspreche, dass du den Mann kriegst, den du liebst."

Okay, ich nehme dich beim Wort", entgegnete Jace und das Lächeln, das auf seinem Gesicht erschien, zog Dwayne das Herz schmerzhaft zusammen.

Er wünschte sich einen kurzen Augenblick, dass dieses Lächeln ihm galt. 'Aber es geht nicht um mich, sondern um das Glück dieses wundervollen Wolfes, der alles Glück verdient hat', rief er sich gedanklich zur Ordnung, bevor er laut sagte: „Verlass dich darauf, ich werde Nico finden, ihm alles erklären und dann könnt ihr miteinander glücklich werden."

Jace runzelte die Stirn. „Mit Nico? Bist du noch zu retten? Ich treibe es doch nicht mit Verwandten."

„Wie, Verwandten? Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Du hast mir doch das Versprechen abgenommen, dass ich dir den Mann, den du liebst..."

„Ja genau der", unterbrach ihn Jace. „Ich habe mit ihm das Bett geteilt, und glaub mir, das habe ich nur getan, weil er der Eine ist. Natürlich habe ich Nico gern, so wie man seinen Onkel halt liebt. Also was meinst du, kannst du dein Versprechen erfüllen, oder soll ich dich davon entbinden?"

Dwaynes Augenbrauen schossen in die Höhe. ‚Onkel. Nico ist der Onkel von Jace und nicht...und das Versprechen bezieht sich auf...' Dwayne begriff langsam was Jace ihm gerade begreiflich machte und ein unbeschreibliches Gefühl breitete sich in seinem Inneren aus, das auch sein Mal erfasste und in Stahlen auf seinen ganzen Körper überging.

Jace war klar, dass Dwayne alle Informationen, die er gerade bekommen hatte, erst verarbeiten musste. Dazu kam, dass Jace mit seiner rätselhaften Freundesgeschichte nicht gerade eine klare Aussage getätigt hatte. Wahrscheinlich war es so verwirrend, dass Dwayne überhaupt der Durchblick fehlte. Aber Jace hatte schlicht und einfach Angst gehabt. Angst davor, dass Dwayne doch nicht das für ihn empfand, was er sich erhoffte. Daher war er überrascht, als Dwayne plötzlich vor ihm stand und ihn fest in die Arme zog. „Keine Chance, ich stehe zu meinem Wort", sagte er entschieden und küsste Jace innig.

Jace stöhnte erleichtert auf, erwiderte den Kuss mit der gleichen Intensität und drängte sich enger an Dwayne. Nur noch von ihren Gefühlen beherrscht, zerrten sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib, stolperten zum Bett und fielen darauf nieder. Jace rollte Dwayne auf den Rücken und begann küssend und streichelnd dessen Körper zu erforschen. Er küsste und leckte über Dwaynes Brust, ging immer tiefer, bis er am Bauchnabel angekommen war. Als er dort Küsse verteilte, stöhnte Dwayne auf und bäumte sich dem Wolf entgegen. Sein Mal sandte seine Strahlen über den ganzen Körper aus und es hatte sich noch nie so fantastisch angefühlt. „Wow, das ist wunderschön", bemerkte Jace plötzlich und hielt in seinem Tun inne.

Dwayne hob den Kopf und schaute den Wolf fragend an. „Was meinst du?"

„Dein Tattoo. Ich habe noch nie so ein prachtvolles gesehen", entgegnete Jace und schaute in Dwaynes erstaunte Augen, der verwundert fragte: „Du kannst es sehen?"

„Aber sicher. Es ist außergewöhnlich, so wie du." Jace begann das Mal wieder mit Küssen zu bedecken.

„Er kann es sehen? Wieso? Nicht mal ich kann das. Es ist weil..."Ah." Dwayne konnte nicht mehr denken, er wurde von seinen Gefühlen überwältigt. Und das was Jace anschließend noch mit ihm machte, stellte das Gefühl, das sein Mal ausgesendet hatte bei Weitem in den Schatten.

~ C ~

„Acht Uhr, es ist acht Uhr Früh. Jace, wir müssen aufstehen. Sofort." Dwayne rüttelte an der Schulter seines Geliebten und als der ihn verschlafen anschaute, erklärte er. „Wir haben verschlafen. Deine Wölfe. Ihr Flug, er geht um neun Uhr."

„Shit. Das gibt Ärger. Mächtigen Ärger!" Jace sprang aus dem Bett und fuhr in seine Kleider.

Dwayne tat es ihm eilig nach. „Sie wollten mit uns reden. Wir haben darauf vergessen, weil wie dir ganze Nacht..."

„Genau. Und es war...unbeschreiblich", entgegnete Jace grinsend.

„Du sagst es, mein kleiner Wolf, du sagst es", flüsterte Dwayne und küsste Jace rasch.

„Über das reden wir noch", bemerkte Jace und zog sich rasch fertig an.

„Es gibt einiges, über das wir reden sollten. Später, wenn wir mit deinen Großeltern gesprochen haben."

„Wenn wir dann noch leben. Aber vielleicht haben wir Glück und sie sind schon am Flughafen. Ach vergiss es. Reines Wunschdenken. Also auf in den Kampf." Jace öffnete die Tür und die Beiden liefen die Treppe hinunter, während Dwayne sagte: „Ich verstehe nicht, wieso du solche Angst vor deinen Großeltern hast. Ich habe mich mit Mangus unterhalten. Er hat vernünftige Ansichten und schien mir auch sehr aufgeschlossen."

„Das ist nicht das Problem. Es ist...kompliziert." Noch bevor Jace weitere Erklärungen abgeben konnte, hatten sie die Halle erreicht und standen plötzlich den vier Wölfen gegenüber.

„Beeile dich, Jace. Wir verpassen sonst den Flug." Mangus schaute seinen Enkel streng an, doch der schüttelte den Kopf. „Tut mir Leid, aber ich komme nicht mit."

„Doch das wirst du! Wir haben dir erlaubt nach New York zu gehen, um den Mörder deiner Eltern zu jagen. Das Ergebnis war, dass du fast umgekommen bist. Dieses Risiko werde ich nicht noch einmal eingehen. Komm jetzt", verlangte Mangus ungehalten.

„Ich bleibe." Jace verschränkte die Arme vor der Brust, um seine Entscheidung zu verdeutlichen, fühlte sich jedoch wie ein Kleines Kind, dass seine Wünsche durchdrücken wollte.

„Hören Sie, Mr. Schamanu, Jace und..."

„Sie halten sich da raus. Das geht nur die Familie etwas an", wurde Dwayne von dem Leitwolf zurechtgewiesen, doch der widersprach. „Das sehe ich anders."

Noch bevor Mangus etwas entgegnen konnte, mischte Marema sich ein. „Wir nehmen den nächsten Flug und sollten uns jetzt alle beruhigen. Lord Carington, wo können wir uns in Ruhe unterhalten?"

Dwayne führte die kleine Gruppe in sein Arbeitszimmer und bot ihnen Platz an, was Mangus verweigerte. „Setz dich Mangus", verlangte Marema und ihr Ton duldete keinen Widerspruch.

Der Leitwolf grummelte zwar, folgte aber ihrer Aufforderung.

„Wir haben zusammen gekämpft, also können wir auch beim Du bleiben", erklärte Marema an Dwayne gewandt. Der nickte und sie fuhr fort. „Du musst wissen, wir haben unseren Sohn und unsere Schwiegertochter vor vielen Jahren bei einem Überfall der Sekhmet verloren und alles was wir noch haben ist Jace. Ihn auch noch zu verlieren würden wir nicht verkraften."

Dwayne wollte darauf etwas erwidern, doch sie ließ es nicht zu. „Erspare mir die Floskel, dass ihm nichts geschehen wird, weil du auf ihn aufpasst. Ich weiß, wozu die Sekhmet im Stande sind. Mir... uns", sie schaute zu ihrem Mann, der nach wie vor wütend vor sich hin starrte, „ist klar, dass wir dich nicht einsperren können, Jace. Wir denken nur, du bist sicherer bei deinem Clan. Darum möchten wir, dass du mit nach Hause kommst."

„Das wird er nicht", meldete sich Mangus plötzlich zu Wort. „Und es liegt nicht nur an dem Vampir."

„Ach tut es nicht?" Dwayne hob fragend die Augenbrauen und schaute den Leitwolf direkt an.

Mangus schüttelte den Kopf und wandte sich dann seinem Enkel zu. „Du bist erwachsen. Auch wenn ich das verdrängen wollte, es ist so! Und als ich dich auf dem Schiff habe kämpfen sehen, wurde mir das bestätigt. Es wird Zeit, dass zu akzeptieren und dich deiner eigenen Wege gehen zu lassen. Ich weiß, dass du nie zur Ruhe kommen wirst, bevor du die Mörder deiner Eltern nicht gefasst hast und das verstehe ich. Aber musstest du dich ausgerechnet in einen Vampir verlieben? Noch dazu in einen Cleaner? Ist dir klar, was das bedeutet? Und wie soll das weitergehen? Cleaner sind eine eigene Spezies der Vampire. Nicht nur schneller und stärker, sie dulden auch keinen in ihrem Clan, der kein Cleaner ist. Das ist ihr Gesetz. Mich wundert, dass sie uns überhaupt in ihr Shelter mitgenommen haben."

„Falls du es vergessen hast, ich bin anwesend", meldete sich Dwayne zu Wort, weil Mangus so geredet hatte, als wäre er nicht da. „Und weil ihr zu Jace gehört, werde ich euch einiges erzählen, was noch nicht mal der Rat weiß, weil es in meinen Kompetenzen liegt und nicht in ihren. Als Anführer der Cleaner New Yorks entscheide ich, wer in meine Truppe aufgenommen wird und wer nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Es geht nicht mehr um Vampir gegen Wolf. Wölfe gegen Zwerge und so weiter. Wir wissen doch beide, jede Spezies auf dieser Erde hat gute und böse Wesen in ihren Völkern und genau darum sollte es gehen. Gut, gegen Böse. In meinem Haus leben Vampire und Zwerge, wieso  nicht auch ein Wolf? Wir verfolgen die gleichen Ziele. Wir haben in unserem Kampf bewiesen, dass wir gut zusammen arbeiten, als wir unseren gemeinsamen Feind bekämpft haben. Was spricht dagegen, dass wir das auch weiterhin tun?"

Mangus und Marema wechselten einen Blick und beiden lehnten sich entspannt zurück. Dann erwiderte der Leitwolf. „Nun, das sind völlig neue Aspekte. Damit könnte ich mich durchaus anfreunden. Wobei ich aber nicht sagen kann, ob auch die anderen Clans dazu bereit sind. Wölfe und Vampire sind zwar keine direkten Feinde mehr, aber wir können uns auch nicht als Freunde bezeichnen."

„So ganz trifft das nicht zu", warf Jace ein und schaute Dwayne liebevoll an, der den Blick erwiderte.

„Du bist nicht objektiv, Jace, daher zählt deine Meinung nicht", wies Mangus seinen Enkel zurecht.

„Doch, das tut sie. Du unterschätzt Jace. Er mag jung sein, aber er kämpft besser als so manch einer der Alten. Und von seiner Einstellung können wir alle lernen."

Mangus winkte ab. „Du bist ebenfalls voreingenommen, Dwayne."

„Du offensichtlich auch", konterte der Lord.

„Hört auf", rief Jace plötzlich. „Ihr benehmt euch ja wie Kinder. Und mir werft ihr meine Jugend vor. Zumindest du, Großvater. Ich sag euch jetzt wie das läuft. Ihr alle fliegt mit der nächsten Maschine nach Hause. Unsere Leute sind auf euren Schutz angewiesen. Ich bleibe hier, zumindest so lange, bis ich den gefunden habe, weswegen ich nach New York gekommen bin. Ich gehöre zu Dwayne. Das ist einfach so und wir beide wissen das. Aber ich habe eine Aufgabe, die ich erfüllen werde, egal wohin sie mich führt. Erst dann werde ich darüber nachdenken, wie es weiter geht."

„Finde ich gut."

Jace schaute Dwayne erstaunt an. „Tust du?" Gerade von ihm hatte er den meisten Widerstand erwartet.

„Sicher. Ich würde nicht anders handeln, wenn ich an deiner Stelle wäre und ich werde dich unterstützen, wo immer ich kann."

Jace lächelte seinen Freund an. „Ich wusste, dass du mich verstehst. Was ist mit euch?", wandte sich Jace an seine Großeltern.

„Du meldest dich jede Woche! Verstanden? Und ich erwarte, dass du zu jedem unserer Feste kommst. Diese Einladung gilt auch für dich und deine Leute, Dwayne. Mangus, wir gehen."

„Aber Marema wir können jetzt noch nicht gehen. Wir...."

Marema gab ihrem Mann einen raschen Kuss und erklärte lächelnd. „Man muss Kinder loslassen, damit sie zurückkommen. Du hast selbst gesagt, er ist jetzt erwachsen."

Mangus schaute ihr tief in die Augen, dann lächelte er auch. „Du hast Recht und bist eine kluge Frau."

Es klopfte an der Tür und gleich darauf erschien Indigo. „Euer Flug geht um zehn Uhr dreißig. Ist das okay für euch, oder soll ich noch mal umbuchen?"

„Nein, danke, wir nehmen die Maschine. Sagst du bitte Baker und Odan Bescheid?"

Indigo nickte, verschwand und die vier Personen im Raum standen auf. „Ich hole unsere Sachen. Treffen wir uns in der Halle", sagte Mangus und verließ das Zimmer ebenfalls.

Marema ging auf Jace zu und nahm ihn fest in die Arme. „Ich sage jetzt das übliche, also verdreh nicht die Augen. Pass auf dich auf, mein Junge. Ich hab dich lieb."

„Ich dich auch", flüsterte Jace gerührt  und drückte sie auch.

Dwayne war inzwischen auf den Flur hinausgegangen, um die Beiden nicht zu stören. Es war besser gelaufen, als er gedacht hatte und darüber war Dwayne sehr erleichtert. Dazu kam natürlich, dass sein Herz voller Glück war. Jace würde bleiben, zumindest eine Weile. Mehr konnte er nicht erwarten.

Marema stand plötzlich vor Dwayne. „Du hast dein Leben für meinen Jungen riskiert, einen besseren Mann an seiner Seite kann ich mir nicht wünschen." Sie umarmte auch ihn kurz und lief dann zur Treppe.

~ C ~

Alle hatten sich in der Halle versammelt um die Wölfe zu verabschieden. Aaran hatte offensichtlich neue Freunde gefunden, denn er, Baker und Odan unterhielten sich angeregt, während Indigo Marema die Flugtickets gab. Die Wölfin bedankte sich lächelnd und steckte Indigo einen Zettel zu, den die Kreolin verwundert einsteckte. Sie würde später sehen, was die Wölfin ihr so geheim mitteilen wollte.

Paul stand bereit, um die Wölfe zum Flughafen zu fahren und noch einmal gab es jede Menge Umarmungen. Dann waren die Wölfe weg.

„Es ist Tag. Ist das nicht deine Schlafenszeit?" wollte Jace von Dwayne wissen.

„Völlig richtig" stimmte Dwayne zu. „Daher sollte ich ins Bett gehen. Schließlich muss ich heute Abend ausgeruht sein, wenn wir wieder auf Jagd gehen."

„Genau, ich muss auch ausgeruht sein, daher gehe ich am besten mit."

„Bitte erspart mir das und geht einfach", verlangte Aaran genervt und als die beiden blitzschnell die Treppe hochliefen, drehte sich Aaran zu Indigo. „Besser wir gehen heute alleine auf Streife. Die Zwei werden alles Mögliche sein, nur nicht ausgeschlafen. Indigo schmunzelte und Aaran gähnte ungeniert. „Diese Wölfe sind total cool, sag ich dir. Wir haben die ganze Nacht gezockt. Wie auch immer, ich hau mich in meine Koje. Bis später dann." Aaran gähnte noch einmal ausgiebig und ging davon.

Indigo wartete bis er weg war, dann griff sie in ihre Hosentasche und holte den Zettel heraus, den sie von Marema bekommen hatte, worauf stand: Nicos Telefonnummer und GPS Daten. Für ein Computergenie wie dich, dürfte es eine Kleinigkeit sein, seinen Aufenthaltsort herauszufinden.

Indigo lächelte. „Was für eine kluge Frau."

Ende!

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