File 2: stories/18/699.txtFile 2: stories/18/700.txtFile 2: stories/18/701.txt
Missed von Prue
Inhalt:

Ein junger Mann wacht eines Tages auf weiss weder wo, noch wer er ist. Was ist passiert, dass er sein Gedächtnis verloren hat?


Fandom(s): Buffy the Vampire Slayer / Angel the Series Pairing(s): Spike/Lindsey
Story-Genre: Abenteuer, Allgemeine Story, Alternatives Universum
Lšnge der Story: Mehrteiler
Story-Typ: Slash - M/M
Warnungen: Keine
Challenges:
Serie: Keine
Kapitel: 3 Story vollendet: Ja Anzahl der Wörter: 6994 Wörter Gelesen: 1219 Mal Datum der Veröffentlichung: 21.09.12 Letztes Update: 21.09.12
Kommentar:

Beitrag zum Adventkalender 2010

Storypic: SilentThunder

Vielen Dank euch Beiden.

~silverbird

1. Kapitel 1 von Prue

2. Kapitel 2 von Prue

3. Kapitel 3 von Prue

Kapitel 1 von Prue

 

 

Blut. An meinen Händen. Auf dem Boden. Überall. Ich starre meine Hände an. Auch sie sind rot. Die Waffe liegt längst am Boden. Sein toter Körper ebenfalls. Ich bemerke, dass ich zittere. Meine Lunge verlangt nach Luft. Gierig mache ich einen Atemzug. Habe ich nicht geatmet? Oder kommt es mir so vor? Plötzlich dreht sich alles. Schweiß bricht mir aus. Mein Herz rast. Ich renne. Ich renne. Immer schneller und schneller...

Ruckartig wache ich auf. Wo bin ich? Mein Oberkörper schnellt nach oben. Ich bin in einem kleinen Zimmer. Durch das offene Fenster fällt das Licht der Neonreklame gegenüber. Wo bin ich? Mein Herz hämmert hart gegen meinen Brustkorb. Ich wische mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Verdammt, wo bin ich? Meine rechte Hand fährt tastend zum Nachttisch, findet den Schalter der Lampe. Die Lampe auf dem alten, ziemlich abgewetzten Nachttisch schafft es kaum, den Raum zu erhellen. Auf dem Boden liegen zahlreiche Pappteller und Tüten, teils mit alten Essensresten. Mir fällt die schlechte Luft in dem Raum auf. Es ist stickig, als wäre wochenlang nicht gelüftet worden. Wo war ich? Ich klappe die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Mit meinen Füßen stoße ich eine Bierflasche um, die mit einem Klacken die nächste leere Flasche umwirft. Beide rollen sie ein Stück, bis sie an einer zerknüllten Papptüte hängen bleiben. Angewidert wende ich mich von dem Schauspiel ab. Ich blicke an mir herunter, ich trage Boxershorts und ein altes T-Shirt, auf dem zahlreiche Flecken sind. Vermutlich Essensreste. Plötzlich schüttelt es mich, ich ekle mich. Wieso bin ich hier? Warum? Ich reiße mir regelrecht das T-Shirt von Leib und werfe es auf das schmale Bett, als könne ich mich damit von diesem schmuddeligen Zimmer befreien. Was ist nur los?

Ich bin in einem Hotel. Das wird mir klar, als ich - sorgfältig auf den Boden achtend - das kleine Badezimmer entdecke. Nur eine Birne ohne Schirm erhellt den kleinen Raum. Das Bad ist uralt, dunkle Ränder zieren die Armaturen, zwischen den Fliesen hat sich brauner Schimmel breitgemacht. Es riecht nach Urin. Mit zittrigen Händen schließe ich die Tür wieder. Am liebsten wäre ich ratlos und verzweifelt gegen die mit Kratzern und Stoßflecken übersäte Tür gesunken, aber ich wage es nicht. Zu schmutzig, zu eklig.

Wurde ich irgendwie unter Drogen gesetzt und hierher verschleppt? Aber wer sollte mir das antun wollen? War es vielleicht beim Ausgehen passiert? Bin ich Opfer einer dieser Verrückten geworden, die wildfremden Menschen Drogen in den Cocktail mischten? So muss es gewesen sein. Obwohl ich das Gefühl habe, die Lösung gefunden zu haben, stellt sich kein Hochgefühl ein. Ich wische mir mit beiden Händen durchs Gesicht, spüre den kalten Schweiß auf meiner Stirn. Mir geht es dreckig. Mein Puls rast, ich zittere und in meinen Kopf beginnt es zu hämmern. Als ich die Hände sinken lasse, fällt mein Blick durch das Fenster. Es schneit.

Sommer. Es war Sommer. 

Ich trete näher an das ziemlich trübe Fenster heran. Die Neonreklame gegenüber ist nicht das einzige Licht. Die ganze Straßenzeile ist erhellt von dem Funkeln vieler Lichterketten. Weihnachtsbeleuchtung. Es schneit. Weihnachten naht.

Sommer! Es war Sommer. In meiner letzten Erinnerung ist es Sommer. Erdrückend heiß. Ich kann mich erinnern, dass ich fürchterlich geschwitzt habe, als ich ... was? Ich weiß nicht. Erschrocken und verängstigt taumele ich rückwärts. Was ... was ist nur los? Ich trete auf irgendwas Matschiges, rutsche aus. Wild mit dem Armen rudernd knalle ich zu Boden, lande unsanft auf ein paar Cola-Dosen, mit den Füßen stoße ich wieder einige Bierflaschen um. Eine war noch halbvoll, das Bier blubbert schaumig auf den abgetretenen Teppich. Sofort nimmt meine Nase den schalen Biergeruch wahr und ich erbreche mich ohne Vorwarnung. Ich kriege kaum Luft, ringe nach Atem. Ein wenig Schleim folgt noch, dann ist es vorüber. Ich keuche, schwitze und will nach Hause. Ich muss mich beherrschen, um nicht in Tränen auszubrechen.

Ich will aufstehen, kann aber nicht. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding. Aus meinen Armen ist jegliche Kraft gewichen. Also bleibe ich am Boden liegen inmitten der Essensreste, der leeren Flaschen und neben meinem Erbrochenen. Sommer! Sommer! Sommer!, hämmert es jetzt in meinem Kopf, begleitet von dem dumpfen Brummen des Kopfschmerzes. Krampfhaft versuche ich, mich genau zu erinnern. Ich sehe die Sonne, spüre die Hitze, ich schwitze. Und dann nichts mehr. Einfach Schwärze. Mein Name? Weiß ich. Name meiner Eltern? Noch da. Mädchenname meiner Mutter? Meine Adresse? High School? Universität? Ich weiß alles. Ich bin Anwalt, habe schnell Karriere gemacht und arbeite im besten Büro der Stadt, wenn nicht sogar des Landes. So schlimm kann das also alles nicht sein. Vielleicht spielt mir nur mein Gedächtnis einen Streich. Vielleicht war gestern eines dieser Firmenfeste und ich bin abgestürzt. Nicht ganz mein Stil, aber so was kommt vor. Der Gedanke beruhigt mich. Langsam setze ich mich auf. Mein Kopf dröhnt noch immer, aber es wird besser. Alles wird besser werden. Die Sache wird sich klären.

Mit einem Ruck stehe ich auf, bemerke, dass ich nicht nur uralte Pizza am Fuß habe, sondern auch stinke, als hätte ich mich wochenlang nicht geduscht. Obwohl mich die dreckige Dusche anekelt, entscheide ich mich, zu duschen. Ich schwenke vorher die Duschtasse mit der Brause aus, dann zieh ich mich aus und stelle mich direkt in die Dusche. Verblüfft bemerke ich meine wohltrainierten Arme. Ich bin ziemlich sportlich und gehe viel ins Fitnessstudio, aber diese Arme sind mir neu. Das warme Wasser, das in diesem Moment über meinen Körper läuft, verscheucht jedoch alle Überlegungen und es gelingt mir für einen Moment, nur das warme Nass zu genießen. Shampoo und Duschgel gibt es keines, so drehe ich die Dusche ab und angele mir das Handtuch vom Bügel, das frisch zu sein scheint. Tatsächlich schaffe ich es, auf spitzen Füßen durch das Badezimmer hinaus, in den zugemüllten Raum hin zum Schrank. Angewidert betrachte ich wieder das Chaos. Eigentlich sieht es so aus, als hätte hier jemand einige Wochen gehaust ... Ich verdränge den Gedanken. Jetzt nur nicht überlegen, einfach anziehen und nach Hause. Dann wird sich schon alles aufklären. Mit einem Ruck öffne ich den Wandschrank und erstarre. Ein großer, trüber Spiegel hängt an der Innenseite der Tür. Die Ecken sind abgebrochen, an den Rändern ist der Spiegel blind. Aber er erfüllt noch seinen Zweck und zeigt mich mir. Ich bin verdammt gut trainiert. Insgesamt. Ich sehe aus, als hätte ich ein intensives Krafttraining absolviert. Mit großen Augen bleibe ich an den Tattoos auf meiner Schulter hängen. Irgendwelche Schriftzeichen, Symbole. Sieht irgendwie fernöstlich aus.

Du warst länger weg als nur ein paar Stunden!, hämmert es zuerst leise, dann immer lauter in meinem Gehirn.

„Scheiße", murmele ich und schlage die Hände vors Gesicht. Aber nur einen Moment, dann lasse ich die Hände sinken. Ich bin Anwalt, ein ziemlich guter sogar, habe Karriere gemacht. Mein Job ist es, Verbrecher zu verteidigen. Und dadurch bin ich schon mehr als einmal in verdammt gefährliche Situationen geraten. Ich muss jetzt die Nerven bewahren. Mich anziehen, zusehen, dass ich nach Hause komme und dann werde ich weitersehen. Dieser Plan übt eine ungeheuer beruhigende Wirkung aus, ich inspiziere den Schrank. Die meisten Fächer sind leer, aber in einem finde ich saubere Unterwäsche, Socken, dunkle Jeans und einen grauen Kapuzensweater. Als ich den Sweater als letztes herausziehe, fällt mir eine Smith & Wesson in die Hände. Erschrocken gelingt es mir, die Waffe aufzufangen. Kalt ruht der Stahl in meinen Händen. Ich kenne mich aus mit Waffen. Diese hier ist geladen und schussbereit. Verdammt. Warum um alles in der Welt habe ich eine geladene Waffe im Schrank? Nun, ich werde es herausfinden. Ich denke an meinen Plan und es hilft wieder. Eins nach dem anderen. Alles wird sich finden. Energisch beiße ich die Zähne zusammen, schlüpfte in die Klamotten und klemmte mir die Waffe in den Hosenbund. Der weite Sweater verdeckte sie. So gerüstet, brauche ich nur noch Schuhe und finde unter dem Bett ein paar ausgelatschte Sneakers. Der Fund befremdet mich. Ich habe keine Sneakers mehr getragen, seit ich den High School Sport hinter mir gelassen habe und dass ist schon eine ganze Zeitlang her. Aber auch jetzt schließe ich weiterführende Überlegungen kategorisch aus. Sie würden nur in Ratlosigkeit und Verzweiflung, vielleicht auch einer Panik enden. Und ich brauche meinen Verstand, wenn ich der Sache auf den Grund gehen will.

Der Hotelflur liegt im Halbdunkel, die altersschwache Flurbeleuchtung schafft es kaum, auch nur für eine halbwegs akzeptable Beleuchtung zu sorgen. Hinter den meisten Türen höre ich eindeutige Geräusche. Ich bin im vierten Stock, nehme die Treppe nach unten. Zwei spärlich bekleidete Mädchen begegnen mir, sie kichern und rufen mir was zu. Aber ich reagiere nicht.

An der Rezeption steht zwar ein angeschalteter PC, aber es ist niemand zu sehen. Ich habe sowieso nicht vor, mich irgendwie abzumelden und laufe einfach weiter, hinaus auf die Straße. Es schneit noch immer. Hinter verschiedenen Fenstern blicken Weihnachtsmänner, Lichterbögen und Sterne. Weihnachten. Die Kälte fährt mir unangenehm durch den Sweater, ich bin viel zu dünn angezogen. Es sind zum Glück nur wenige Schritte bis zur nächsten U-Bahn und ein paar Minuten später weiß ich, wo ich bin. Ein beruhigendes Gefühl. Ich brauche über eine Stunde, um nach Hause zu gelangen. Mangels Geld kann ich mir kein Taxi leisten und muss den letzten Kilometer zu Fuß gehen. Ich wohne in einer ziemlich guten Wohngegend. Der Bungalow, den ich vor zwei Jahren gemietet habe, liegt am Ende einer ruhigen Straße. Ein kleiner Zaun umgibt das Grundstück. Dicker Schnee bedeckt den Vorgarten. Und obwohl ich nicht viel von den Bäumen und Sträuchern sehe, habe ich das Gefühl, dass der Garten in den letzten Wochen nicht sonderlich gepflegt wurde. Die Äste sind ungleich lang, die Hecken nicht akkurat begradigt. Die Rollläden sind alle geschlossen.

Da ich die ganze letzte Stunde erfolgreich jede Überlegung beiseitegeschoben habe, mache ich mir auch jetzt keine weiteren Gedanken. Drinnen im Haus wird sich alles klären. Ganz sicher. Also gehe ich um das Haus herum; der Schlüssel liegt wie eh und je zwischen zwei Ziersteinen, die zur Balkoneinfassung gehören. Er passt zur Hintertür. Die Luft drinnen ist stickig, es muffelt abgestanden. Unbewusst trete ich langsam ein. Komme mir irgendwie fremd vor, obwohl alles so ist, wie ich es in Erinnerung hatte. Mit einem Klacken fällt die Tür hinter mir zu. Meine Hand sucht den Schalter für die Rollläden. Ich finde ihn, drücke darauf und die Läden heben sich mit einem leisen elektrischen Brummen. Langsam gehe ich durch das Wohnzimmer. Es wirkt aufgeräumt wie immer. Die große Wanduhr mit Edelstahlelementen steht still und zeigt 12:45 Uhr. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Mit dem Fingern berühre ich den Fernseher. Eine dicke Staubschicht. Fast schon fluchtartig renne ich aus dem Wohnzimmer, durch den schmalen Flur in die Küche. Der Rollladen rastet mit einem kurzen Quietschen ein. Die Luft ist genauso stickig wie im Wohnzimmer. Auf der Anrichte Staub. Mir wird klar, und ich kann den Gedanken nicht mehr unterdrücken, dass ich schon ewig nicht mehr hier.

Ja, es war Sommer... Sommer! Mit diesem Gedanken sacke ich verzweifelt rücklings gegen den Küchenschrank. Ich lasse mich langsam nach unten rutschen. In diesem Moment schlägt eine Kugel über mir ein. Sie bricht durch die Tür des Küchenschranks, Gläser zerbersten im Innern. Ich zucke zusammen und werfe mich auf dem Boden. Meine Reaktion erfolgt völlig automatisch, als ich hätte die Situation schon mehrmals erlebt oder in Gedanken genau durchgespielt. Sofort robbe ich zur Tür, ziehe dabei die Smith & Wesson aus dem Hosenbund. Von der Küche komme ich ins Esszimmer, in den Flur und in eine Abstellkammer. Ich weiß, dass ich durchs kleine Fenster der Abstellkammer hindurch passe, aber ich weiß nicht, was mich im Freien erwartet. Zu gefährlich. Also robbe ich durch die Tür ins Esszimmer, achte dabei darauf, kein Geräusch zu machen. Sachte drücke ich mich an der Wand entlang zur Flurtür. Falls jemand in das Haus eindringt, muss er durch den Flur kommen, idealerweise kennt er den Grundriss Hauses nicht und vermutet mich noch immer in der Küche. Vorsichtig luge ich um die Ecke. Nichts. Meine Halsschlagader pocht im Rhythmus meines hämmernden Herzens. Ich packe die Waffe fester, werfe nochmal einen Blick in den Flur. Immer noch nichts. Dreimal hole ich tief Luft, dann renne ich in den Flur, suche Schutz hinter der Garderobe, kurze Pause, ein Blick. Ich presche zur kleinen Kommode, die mir nur dürftig Deckung bietet, von dort aus bin ich schnell an der Haustür. Presse mich auch dort zuerst gegen die Wand, versuche verdächtige Geräusche auszumachen. In diesem Moment reißt ein dunkel gekleideter Kerl die Tür auf. Er hält genau wie ich eine Pistole in der Hand.

Reflexartig hole ich aus und schlage ihm meine Waffe gegen die Schläfe. Mein Gegner hat mit diesen Angriff nicht gerechnet, er taumelt zur Seite. Ich schlage nochmal zu und er bricht zusammen. Regungslos bleibt er liegen. Erst jetzt bemerke ich, dass ich zwar zittere, aber mehr von der Anspannung als vor Angst oder Unsicherheit. Die Sache ging verdammt routiniert über die Bühne. Verdammt ... ich wische mir mit dem Rücken der rechten Hand, in der ich noch immer die Waffe halte, über das Gesicht. Dann entwaffne ich den Kerl, taste auch Jacke und Hosenbund ab. 

Mit schnellen Schritten verlasse ich mein Anwesen. Der Schnee knirscht unter meinen Füssen. Ich renne. Immer schneller. Spüre nicht die Kälte, die sich durch meine dünne Bekleidung frisst. Dort wo die Seitenstraße die Hauptstraße kreuzt, ist ein Polizeirevier. Die haben zwar meist nur mit Falschparkern und abendlicher Lärmbelästigung zu tun, aber Polizei ist Polizei. Endlich erreiche ich den langgezogenen Bungalow. Nach Luft schnappend halte ich inne, bemerke sofort die Kälte, die mit kalten Fingern nach mir greift. Ganz unwillkürlich stütze ich mich an der Wand ab. Irgendwie hat die kalte Steinwand was Beruhigendes. Als sich mein Atem beruhigt und ich vor Kälte mittlerweile schlotternd in das Revier hineingehen will, fällt mein Blick auf das Plakat das von innen gegen das große Fenster geklebt ist.

Mein Konterfei blickt mich an. Ich werde gesucht.

Kapitel 2 von Prue

Mich überfällt plötzlich eine große Erschöpfung. Vor Kälte zitternd lehne ich mich gegen die Wand des Gebäudes und sinke innerlich regelrecht in mich zusammen. Irgendwas, von dem ich keine Ahnung habe, ist mit mir geschehen. Ich werde gejagt und offensichtlich tatsächlich auch polizeilich gesucht. Es ist mir auf einmal alles egal, ich werde einfach reingehen und mich stellen. Dann wird man mir schon sagen, was mit mir los ist.

„Da bist du ja endlich", höre ich plötzlich eine Stimme und mir wird bewusst, dass ich die Augen geschlossen habe. Jemand packt mich am Arm und reißt mich mit. Noch bevor ich richtig registriere, was mit mir geschieht, sitze ich in einem schicken, dunkelblauen Auto.

„Wolltest du da erfrieren? Oder warten bis dich Manners Leute finden?"

„He?" Ich blicke zur Seite. Ein blonder Mann sitzt am Steuer und startet den Wagen. Nach einem lässigen Schulterblick fädelt er sich in den Verkehr ein. Er trägt einen dicken Daunenparka, dennoch dreht er jetzt an der Heizung, richtet die Düsen auf mich.

„Danke", murmele ich und halte meine klammen Fingern vor die rechte und linke Heizungsdüse, aus denen die warme Luft dringt.

„Verflucht, was war los?", fragt der Mann am Steuer. Er ist blond, wirkt athletisch und schmal, sofern ich das bei der dicken Jacke beurteilen kann. Mir fallen die hohen Wangenknochen auf, die seinem Gesicht etwas aristokratisches geben. Wenn da nicht die großen dunklen Schatten unter seinen Augen wären. Er sieht abgekämpft und müde aus.

Ich zucke abwartend mit den Schultern. Bin mir nicht sicher, ob ich was sagen soll.

„Ich hab dich überall gesucht!"

„Ach ja?"

Er schaut mich mit schneller Kopfbewegung kurz von der Seite aus an. Dann muss er sich wieder auf die Straße konzentrieren.

„Mir ist nichts anderes eingefallen, dachte wenn ich dich zur Fahndung ausschreibe, ist meine Chance, dich zu finden größer."

„Zur Fahndung?", ich weiß was er meint, aber ich verstehe die Zusammenhänge einfach nicht.

Wieder schaut er mich von der Seite an. „Du kannst dich nicht erinnern?"

„Scheint so", murmele ich. So langsam kehrt Leben in meinen durchgefrorenen Körper zurück. Und damit auch die Kopfschmerzen. Übel ist mir auch. Und keine Ahnung habe ich sowieso. Mir kommt fast schon unheimlich vor, wie schnell man sich an einen Zustand gewöhnen kann. Der Blonde neben mir will mir nichts tun, sonst hätte er das längst schon getan. Ich brauche keine Angst zu haben. Komischerweise scheint mich die Anwesenheit des Blonden sogar zu beruhigen. Es tut gut, dass er da ist. Warum auch immer.

„Wir werden verfolgt", sagt der Blonde jetzt, er deutet mit einem kurzen Blick Richtung Rückspiegel. „Der schwarze Geländewagen folgt uns." Ich sehe den Geländewagen im Außenspiegel. Die Scheiben sind schwarz getönt, ich kann keine Personen erkennen.

„Scheiße", murmele ich unwillkürlich und für einen Moment scheint meine Erinnerung greifbar. Wie ein Wort, das man krampfhaft sucht. So nah und doch kommt man nicht darauf. Ich schnappe nach Luft, als könne ich mich so meiner Erinnerung nähern. Es gelingt nicht. Sie ist weg und ich bleibe zurück auf einem Beifahrersitz neben einem fremden Mann. Der verstörende Moment schlägt in Panik um.

„Was ist hier verdammt noch mal los?", schreie ich und schlage dabei mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett. Der Blonde neben mir zuckt erschrocken zusammen.

„Du erinnerst dich wirklich an gar nichts?"

„Nein, verdammt!"

„Scheiße", flucht er jetzt. „Wir haben es befürchtet!"

Für einen Moment muss sich der Blonde wieder auf den Verkehr konzentrieren. Ein BMW hat sich rücksichtslos vor uns auf die Spur gequetscht.

„Du bist...", er will nun mit einer Erklärung ansetzen und ich blicke gespannt auf seine Lippen. In diesem Moment ist der schwarze Wagen neben uns und schert in unsere Richtung aus. Hart rammt er uns in die Seite. Ich schreie auf, der Blonde sagt nichts, versucht gegen zu lenken. Wir stoßen mit anderen Autos zusammen, schleudern über eine rote Ampel auf die Kreuzung. Bremsen quietschen, Hupen ertönen, Blech verbiegt sich quietschend. Die Airbags gehen auf, ich spüre einen brennenden Schmerz im Hals und im Gesicht.

„Bist du verletzt?", höre ich die Stimme des Blonden.

„Ich ... nein", ich bin verwirrt, hänge im Gurt. Mein Hals tut verdammt noch mal ganz schön weh. Ein Schleudertrauma? Aber gebrochen scheint nichts.

„Raus hier", schreit mein Begleiter, rüttelt mich aktivierend.

„Wieso?"

„Deshalb!", er zeigt, während er aussteigt nach draußen. Zwischen all den Menschen die erschrocken und verwirrt aus ihren Autos klettern, fallen zwei schwarz gekleidete Männer auf. Sie halten beide Maschinengewehre in der Hand. Es interessiert sie überhaupt nicht, dass sie von zahlreichen potentiellen Zeugen gesehen werden.

„Verflucht", da ist sie wieder, diese automatische Reaktion. Schnell schnalle ich mich ab, öffne die Tür und rutsche gebückt aus dem Wagen. Im Schutz des Wagens laufe ich nach hinten, folge dem Blonden, der schon im Schutz der Heckpartie kauert. „Da rüber zu dem Kaufhaus!", gibt er den Ton an und ich nicke.

Wir rennen los, ich rempele eine Frau an, die mir etwas hinterher ruft. Dann fallen Schüsse. Schreie, eine Panik bricht aus. Wir rennen weiter.

Damals. Ich bin gerannt. Weg gerannt mit Blut an den Händen. Nur war es Sommer. Nicht Winter. Hitze. Grelle Sonne. Nicht so wie hier, wo sich der grauende Morgen hinter dicken Wolken versteckt.

Das Kaufhaus hat geöffnet und wir rennen hinein. Ein Schuss kracht in die Eingangstür, während ich nur zusammenzucke, aber weiterrenne ohne mein Tempo zu verlangsamen oder mich gar umzusehen. Jetzt schreien die Gaffer, die sich hinter den Scheiben des Kaufhauses den Unfall auf der Straße angesehen haben, laut auf. Wieder ein Stimmengewirr wie auf der Straße. Wir rennen geduckt zwischen den Kleiderständern zur hinteren Tür ins Treppenhaus. Die schwere metallene Tür klappt hinter uns zu und schluckt den Lärm.

Der Blonde hält inne. „Bist du verletzt?", fragt er. Ein besorgter Blick trifft mich. Der intensive Blick aus seinen blauen Augen verwirrt mich noch zusätzlich.

„Keine Ahnung", murmele ich. Der Blonde will weiter, aber ich halte ihn auf. „Ich will sofort wissen was hier los ist!"

„Später!"

„Sofort!", ich packe ihn fest an der Schulter.

Nach einem kurzen Zögern nickt er. „Okay. Die kurze oder die lange Fassung?"

„Schätze für die lange haben wir keine Zeit ..." Ein Lächeln huscht über das Gesicht meines Gegenübers. Mir wird klar, dass er mich gut kennt.

„Du bist Kronzeuge gegen Manners."

„Gegen meinen Boss?", völlig entgeistert blicke ich den Blonden an.

Ich bin Anwalt, angestellt bei Wolfram & Hart. Mein direkter Vorgesetzter ist Holland Manners. Ich gehöre zu der Sorte von Anwälten, die nicht gern gesehen wird. Die keinen guten Ruf haben. Ich vertrete Verbrecher. Nicht die Kleinkriminellen. Richtig dicke Fische. Mafiamitglieder, Drogenbosse, Auftragskiller.

In diesem Moment geht die Tür auf. Einer unserer Verfolger stürmt herein, er rechnet nicht damit, dass wir uns noch direkt hinter der Tür befinden. Instinktiv hebe ich schnell angewinkelt den Arm und der Kerl rennt mit dem Hals in meinen Ellbogen. Die Wucht des Stoßes lässt ihn taumeln, röchelnde Geräusche verraten, dass er nach Atemluft ringt.

„Wenigstens bist du noch in Form" Der Blonde grinst, setzt nach und verpasst dem fallenden Verfolger einen Kinnhaken. Aber der Kerl gibt nicht so schnell auf, noch im Fallen zieht er einen Revolver. Aber der Blonde ist schneller, ein Schuss fällt und der Kerl sinkt tot zu Boden. Blut rinnt aus der Wunde, verfärbt den hellen Boden aus Linoleum rot. Ich starre auf das Blut.

Scheiße!", ich sinke zu Boden, fasse ungläubig an den toten Körper. Blut. Ich habe nicht gewusst, dass in einem Menschen so viel Blut ist und wie schnell es aus einer so kleinen Schusswunde quellen kann. „Sie enttäuschen mich", höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir. Mein Boss muss sich irgendwo versteckt haben, ist jetzt hervor gekommen. Obwohl er nur da steht in der gleißenden Sonne wirkt er drohend. Ich springe auf, bekomme Angst. Renne davon, stolpere durch eine schicke Wohnung, die ich aber gar nicht wirklich wahrnehme, nach draußen.

„Weg hier!", der Blonde reißt mich aus meinen Gedanken, er packt mich am Arm und zerrt mich weiter. Durch eine Hintertür kommen wir auf eine Nebenstraße, hören das Blaulicht, kümmern uns nicht darum. Wir gehen zügig, aber nicht schnell. Als wüssten wir, wohin wir wollen und wann wir da sein müssen, aber dennoch nicht so, als hätten wir es eilig. Ich habe noch immer keine Jacke und merke wieder die Kälte die durch meine zu dünne Kleidung dringt. Wenigstens fallen wir nicht auf. Mein Nacken schmerzt höllisch, aber ich sage kein Wort. Neugierig wandert mein Blick zu dem Blonden, ich bemerkte einen scharfen Schnitt an seinem Hals. Blut rinnt langsam heraus und verschwindet im Kragen seiner Jacke.

„Du blutest am Hals, William."

„Dann weißt du also noch meinen Namen."

„Nein...", ich bleibe stehen. „Das war... ich weiß nicht. Ich weiß eigentlich überhaupt nichts!" Mit Wucht packe ich den Blonden und schleudere ihn gegen die graue Front eines heruntergekommenen Elektrogeschäfts. In dieser Gegend bleiben die Passanten bei so was nicht stehen. Aber sie werfen neugierige Blicke herüber.

„Wir sollten nicht auffallen", presst William hervor, denn ich drücke meinen Unterarm fest gegen seien Brustkorb und nagele ich so regelrecht an der Wand fest. Er wehrt sich nicht. In mir ist plötzlich eine unglaubliche Wut. Ich will wissen, was los ist. Warum ich gejagt werde, warum ich von der Polizei gesucht werde und warum ich gegen meinen Boss aussagen soll. Ich will wissen, was passiert ist.

„Ist mir scheißegal! Ich will jetzt und hier Antworten!"

William rührt sich nicht. Ich drücke fester.

„Sofort!"

William bleibt noch immer ruhig. Dann plötzlich packt er meinen Arm, drückt mich blitzschnell und mit großer Kraft weg und dreht mir den Arm auf den Rücken. Erschrocken ziehe ich fest Luft ein. Aber er lässt los. „Werd nicht frech, okay?"

Ich antwortete nicht, reibe mir stattdessen den Nacken.

„Schmerzen?", die Stimme des Blonden klingt ehrlich besorgt. Ich nicke zögernd. Mir wird fast ein wenig schwindelig dabei.

Jetzt tastet auch er seinen Hals ab. „Und du?", frage ich.

Er schüttelte den Kopf. „Nicht schlimm. Vermutlich von ner Glasscherbe, als der Typ gegen die Eingangstür geschossen hat... Gehen wir da rein." William deutet auf ein kleines, in die Jahre gekommenes Kaffeehaus. Das einzige Lokal in unmittelbarer Nähe.

Drinnen ist es warm und gemütlich. Dunkles Holz, die Stühle sind mit rotem Samt bezogen. Alles ist schon alt und müsste dringend renoviert werden. Aber irgendwie macht das den Charme des kleinen Kaffeehauses aus. Ein Überbleibsel aus Zeiten in denen die Gegend noch zu den besseren gehörte. Als wir Platz nehmen, spüre ich plötzlich meinen leeren Magen. Ich habe einen Bärenhunger.

„Was dagegen, wenn ich was esse?"

„Mach nur."

William bestellt sich ein Bier. Ich bestelle mir ein kontinentales Frühstück. William grinst.

„Was dagegen?", raunze ich ihn ziemlich grob an und füge direkt hinzu. „Und jetzt will ich wissen, was hier eigentlich los ist! Raus mit der Sprache!"

Kapitel 3 von Prue

Die Wärme in dem Kaffeehaus, gepaart mit der urigen Atmosphäre, entspannt mich.

„An was erinnerst du dich?", fragt mich William während er sein Bier in Empfang nimmt, das die Kellnerin mit einem angewiderten Blick überreicht. Sie findet es offensichtlich viel zu früh für ein Bier.

„Woah.. eklig, wie kannst du nur um diese Uhrzeit ein Bier trinken?" Angewidert rümpfe ich die Nase. Ich meine es zwar ernst, aber ich reagiere bewusst so übertrieben, um den Blonden zu necken.

„Warum nicht? Wieso stört dich das?" Er ist plötzlich ganz nah vor mir. Spannung liegt in der Luft. Ich schlucke hart.

„Träumst du?" William schnippt vor meiner Nase mit den Fingern. Ich zucke erschrocken zusammen und bin wieder an dem Tisch in dem Kaffeehaus, aber ich gehe nicht auf seine Frage ein.

„Also was ist los?", frage ich stattdessen.

„Kannst du dich an den Mallone-Fall?" Mallone-Fall. Nie gehört. Und doch zieht sich mein Magen zusammen. Sollte ich den Fall kennen? Reagiert mein Unterbewusstsein. Ich schüttele den Kopf.

„Du hast Mallone verteidigt. Üble Sache. Eigentlich ..."

„Eigentlich", fahre ich völlig mechanisch fort. „Hatten wir keine Chance. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Zeugin..."

Wortfetzen. Gesichter. Die Zeugin. Ein junges Mädchen von sechszehn Jahren. Selbstsicher, aufgeweckt. Mallone. Ein gutaussehender Mittvierziger, verheiratet mit einer körperlich schwer behinderten Frau, die er liebevoll versorgte. Vater von vier Kindern. Und Auftragsmörder der Mafia. So kalt wie ein Gletschersee nach der Schneeschmelze. Er hatte zwei Gesichter. Das Familiengesicht, wie ich es nannte, und das Jobgesicht, das mehr einer eisigen Fratze glich.

Die Kellnerin bringt das Frühstück, ich bin so in Gedanken, dass ich den Orangensaft umstoße. Obwohl es nicht ihre Schuld ist, entschuldigt sich die Kellnerin wortreich. Ich nehme es zwar wahr, höre die Worte aber nicht, registriere nur, wie William mit einer Serviette die orangefarbene Pfütze auf dem Tisch trocknet.

William blickt mich hoffnungsvoll an. „Du erinnerst dich?"

Ich reagiere nicht. Ja, die Zeugin - eines Tages war sie tot. Überfahren. Fahrerflucht. Alkoholisiert sei sie gewesen. In diesem Alter. Hatte das junge Mädchen überhaupt eine glaubwürdige Zeugin dargestellt?

„Du hast sie überfahren!" Angewidert blicke ich den großen Mann mit den dunklen Haaren und den noch dunkleren Augen an. Ich sehe nur ihn. Sonst nichts. Alles andere ist weg. Nur er ist da.

„Na und?" Der Dunkle zuckt mit den Schultern. Die Gleichgültigkeit erschüttert mich. Ich kann glaubhafte Zeugen demontieren. Ich kann wahrheitsgemäße Aussagen in zweifelhaftes Licht ziehen. Ich kann auch Menschen Angst einjagen. Aber ich überfahre keine Kinder.

In mir gibt es eine Grenze, die mein Gegenüber nicht hat.

Als hätte William meine Gedanken erraten, sagt er: „Angel. Dein Ex-Freund hat die Zeugin in Manners Auftrag umgebracht."

Ich bemerke die seltsame Betonung des Wortes „Ex-Freund". Ich beginne zu essen. Meine Hände belegen einfach das Brötchen mit Wurst und Gurke. Eigentlich halte ich mich ganz gut, finde ich. Aber das täuscht wohl, denn William wird neben mir immer unruhiger.

„Wir fahren ins nächstbeste Krankenhaus."

„Nein", meine Antwort erfolgt mechanisch.

„Du hast eine Amnesie ... das muss untersucht werden ...", höre ich William.

„Nein, nein", wieder schüttele ich den Kopf. Langsam, so langsam wie sich meine Erinnerung aus dem Dunkel quält.

Ich hatte das nicht hinnehmen können, nicht abtun können. Nur ein Mal hatte ich das Mädchen in einer Verhandlung befragen dürfen. Ich hatte sie bewundert. Sie war nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, aber sie sagte aus. Sie hatte keine Angst. Und bezahlte ihre Furchtlosigkeit mit dem Leben.

„Was war danach? Als ich bei euch war?" Mir ist klar, dass der Blonde beim FBI ist. Dazu brauche ich nicht unbedingt meine Erinnerung.

„Du hast uns telefonisch kontaktiert. Ein Kollege war zuerst deine Kontaktperson. Du hast Manners...."

„... ausspioniert." Da ist sie, die Erinnerung, zumindest dieser Teil davon. Wie helle Blasen tauchen Erinnerungsfetzen auf, nicht zusammenhängend, aber wenigstens lassen sie einen Zusammenhang herleiten.

Wütend und enttäuscht war ich. Hatte spät abends, als alle schon gegangen waren die Tür zu Manners Büro mit einem Diedrich geöffnet und den Raum durchsucht und genug gefunden. Hatte alles abfotografiert und ans FBI geschickt.

Danach wieder Dunkelheit. Wie mir Manners auf die Schliche kam, weiß ich nicht mehr. Ich war irgendwie weg. Mit ihm. Mit dem Blonden neben mir. Wo? Weiß ich nicht mehr.

Gleißende Sonne. Der Schweiß steht mir auf der Stirn. Ich stehe auf der Terrasse des Apartments, in dem ich untergekommen bin. Zwischen Korbstühlen und Kübelpflanzen. Plötzlich ist er da - Angel. Keine Ahnung wie er mich gefunden hat, aber das ist auch sein Job. Seine starre Miene jagt mir einen Schauer über den Rücken. Ich weiß, er wird mich umbringen, aber das ist mir egal. Wir haben uns geliebt. Ich habe ihn geliebt. Ich kann mich noch genau erinnern, als ich ihn das erste Mal sah. So verdammt gutaussehend in seinem schwarzen Anzug. Und immer an Manners Seite. Auf einer Weihnachtsfeier sind wir ins Gespräch gekommen. Naja, das Gespräch war einseitig. Angel redete nie viel.

Ich schmunzele unbewusst.

Wir waren noch am selben Abend einen Stock tiefer in einem Büro gelandet. Und es blieb nicht bei diesem Abend. Wir wurden ein Paar. Ein Gefühl, als wär ich am Ziel meiner Träume. Erfolgreicher Anwalt, viel Geld, schickes Haus und fester Freund.

„Ich war so enttäuscht..."

„Enttäuscht?" William beugt sich vor, um besser hören zu können. Ich habe leise gesprochen. „Wir sollten dich in ein Krankenhaus bringen."

„Ich brauche kein Krankenhaus."

„Du siehst nicht besonders gut aus und ich habe keine Ahnung, wie sich so eine Amnesie auswirkt."

Endlich beiße ich in das Brötchen, das ich die ganze Zeit in der Hand halte. „Ich habe keine Amnesie", ich bin mir plötzlich sicher. „Ich habe einen Blackout."

Einen Blackout, weil ich an jenem Tag Angel erschossen habe. Er hätte mich getötet, ich habe mich nur gewehrt. Macht es nicht besser. Weggerannt bin ich. Ich bin mir nicht sicher, ob Manners auch da war, oder ob ich nur glaube, dass er da war, weil er die Wurzel des Übels zu sein scheint. Ist egal. Ich war weggerannt. Und hatte mich verkrochen. Irgendwo in einer Absteige. Vielleicht nicht gleich, das weiß ich nicht, aber irgendwann zwischen Sommer und heute.

Ich versinke wieder in Gedanken. Was war gewesen zwischen Sommer und jetzt? Nur grauer Nebel, da unvermittelt ...

„Es stört mich beim Küssen...", die Worte kommen einfach so über meine Lippen.

„Was?" William beugt sich wieder vor. Seine blauen Augen sind durchdringend.

Ich werde rot, blicke verlegen zur Tür.

„Es stört mich beim Küssen, wenn du morgens schon Bier trinkst."

Meine Augen fixieren die Tür. Und das Schlimmste was eigentlich noch kommen kann, passiert. Die Tür geht auf. Ein Mann im grauen Anzug tritt ein, begleitet von vier Bodyguards. Einer gehört zu den beiden Männern aus dem Wagen, der uns gerammt hat.

„Scheiße! Runter!", flüstere ich gepresst. William reagiert sofort und duckt sich, wir rutschen unter den Tisch.

„Das ist Manners Bruder!", raunze ich dem Blonden zu.

„Manners hat keinen Bruder!"

„Keinen echten Bruder. Die Frau seines Vaters starb als Manners noch ein Kind war. Das ist der Sohn der Lebensgefährtin des Vaters. Sie wuchsen wie Brüder auf."

„Woher weißt du das?", William robbt vorsichtig vor und lugt um das Tischbein. Wir sind gut geschützt, durch eine Blumenbank, so können wir im Moment nicht entdeckt werden.

„Firmengeschichte. Jeder weiß das. Er heißt John Wolfram."

„Wie Wolfram & Hart?"

„Ist sein Uropa oder sowas."

„Scheiße", flucht jetzt auch der Blonde. Die Vierergruppe hat sich an einen Tisch gesetzt. Unser Verfolger berichtet Wolfram. Jetzt kommt die Kellnerin aus der Küche, sie blickt zum Glück nicht in unsere Richtung und bemerkt so unser Fehlen nicht.

„Hinten raus", William zeigt mit dem Kinn auf die Tür. Ich nicke. Langsam gleiten wir wieder nach oben zurück auf unsere Stühle, mit dem Rücken zur Gruppe, stehen auf und gehen zur Tür. Hinter uns regt sich nichts, alles bleibt ruhig. Erleichtert atme ich durch, als die Tür hinter uns zuklappt. Wir stehen in einem schmalen Flur mit abgewetzten Fliesen und Wänden, die dringend einen neuen Anstrich benötigen. Nach rechts geht es zu den Toiletten, nach links unten führt eine Treppe. Der Flur passt besser in dieses Viertel als das gediegene Kaffeehaus. William schlägt den Weg nach rechts.

„Warte", ich halte ihn an der Schulter auf. „Ich kriegs nicht ganz zusammen ... Ich habe Manners an euch ausgeliefert und dann meinen Freund erschossen ...?"

William beißt sich kurz auf die Lippen, er wirkt genervt. „Wir sollten hier erst mal verschwinden ...", dann spricht er aber doch weiter. „Es sind keine Beweise, eher Hinweise. Hängt alles von deiner Aussage ab. Manners hat seinen besten Mann auf dich angesetzt ... das FBI hat Personenschutz für dich organisiert. Okay? Der Rest kannst du dir ja denken."

Er betont den letzten Satz irgendwie komisch und blickt bewusst an mir vorbei. Ich verstehe plötzlich warum. „Hatten wir was miteinander?", frage ich einfach frei heraus.

Keine Antwort von William, stattdessen läuft er los. „War es was Ernstes?", ich eile ihm hinterher. Er bleibt stehen, ist jetzt wirklich genervt und wohl auch peinlich berührt.

„Keine Ahnung, okay? Du warst mies drauf und wir waren auf der Flucht."

Wir sind in diesem Moment beide auf uns selbst konzentriert. Achten nicht darauf, dass die Tür aufgeht und ein Mann den Gang Richtung Toiletten auf uns zukommt. Nur wenige Sekunden in denen die Aufmerksamkeit fehlt und in denen ein Schuss fällt. William reagiert noch, stößt mich weg. Ich falle und reiße den Blonden mit nach unten. Der ist wirklich schnell und hat auch schon seine Waffe gezogen und seinerseits auf den Mann im dunkeln Anzug geschossen. Er trifft ihn in der Brust.

„Los da rein!", William zieht mich hoch und wir stolpern in die Damentoiletten. Zunächst ist da ein Vorraum mit Waschbecken, dessen Armaturen dicke Trauerränder haben. Alles wirkt ungepflegt und ziemlich abstoßend. Drei Kabinen gehen nach hinten weg. Kein Fenster, kein Fluchtweg. In der Ecke steht altes, sicher selten genutztes Putzzeug und allerlei Gerümpel. Immerhin stehen dort ein paar alte Stühle, die ich aufeinandergestapelt unter die Türklinge klemmen kann.

„Ziemlich wackelig, hält nicht lange", presst William gequält hervor. Er ist bleich, Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn.

„Du wurdest getroffen!", entfährt es mir entsetzt. William linke Hand krampft sich um seine rechte Schulter, Blut quillt zwischen den Fingern hervor. Mit der rechten Hand stützt sich der Blonde auf dem Waschbecken ab. „Geht gleich wieder."

Auf dem Flur sind Stimmen zu hören.

Ich hoffe, dass sie zunächst davon ausgehen, dass wir uns nicht ausgerechnet in die Damentoilette geflüchtet haben.

„Zeig mal", ich schiebe Williams linke Hand von der Schulter, öffne die oberen Knöpfe des roten Hemdes auf und schiebe es so zur Seite, dass ich die Schusswunde sehen kann. Sie blutet, aber nicht so stark wie ich befürchtet habe.

„Die Kugel muss drinstecken", murmele ich. „Das ist erst mal gut, dann ist die Gefahr geringer, dass du verblutest."

„Wie beruhigend, Doc", antwortet der Blonde ironisch. Ich rieche sein After Shave und obwohl es keine konkrete Erinnerung weckt, ist mir der Duft vertraut, löst ein wohliges Gefühl in mir aus. In diesem Moment wird die Klinke heruntergedrückt. Wir halten beide die Luft an. Die Tür geht ein wenig auf, dann klemmt der Stuhl. Natürlich wird das registriert.

„Hey! Hierher, die Tür ist zu, aber nicht abgeschlossen!", hören wir eine Stimme.

„Verbarrikadiert?", antwortet eine andere Stimme. Ich frage mich, ob eigentlich niemand den Schuss vorhin gehört hat. Und außerdem liegt eine Leiche auf dem Flur. Jetzt rüttelt jemand an der Tür. Sie wird nicht lange standhalten. Ich ziehe meine Waffe, die noch immer unter dem Sweater im Hosenbund steckt. Wir positionieren uns rechts und links neben der Tür.

Wieder rüttelt es heftig an der Tür. Der Stuhl rutscht weg, die Tür springt auf. Ein Überraschungsmoment, der uns nützt. Während zwei Männer herein stolpern, kann ich bereits Schwung holen und dem ersten mit voller Wucht die Waffe ins Gesicht schlagen. William setzt nach, seine Schlagkraft ist auch mit links ziemlich beeindruckend. Mit einem Aufschrei geht der erste der Angreifer zu Boden. Der zweite hat einen Moment länger Zeit die Situation zu erfassen, er stürzt sich auf mich, packt mich am Unterarm, drückt so die Waffe weg und versucht, mich zu Fall zu bringen. Ich bin überrascht über mich selbst, wie gut ich im Nahkampf bin. Anscheinend habe ich in den letzten Wochen oder Monaten viel trainiert. Ich ringe meinen Gegner nieder, kann ihn zu Fall bringen. Aus den Augenwinkeln sehe ich jedoch, wie der andere am Boden ein Messer zieht. Ich will noch rufen, aber ich bin zu langsam. Der Kerl streckt sich um rammt William sein Messer in den Oberschenkel. Mit einem Aufschrei geht William nun zu Boden.

„Genug!" Erschrocken fahre ich herum, lasse von meinem Gegner ab. John Wolfram steht in der Tür. Eine Waffe schussbereit erhoben. „Ist das deine Art, dich bei meinem Bruder zu bedanken?"

Wir kennen uns nicht persönlich. Natürlich weiß er mittlerweile, wer ich bin und dass ich weiß, wer er ist, ist eigentlich selbstverständlich.

„Warum bist du wieder aufgetaucht? Du wärst besser in der Versenkung geblieben!?"

William windet sich am Boden. Das Messer steckt noch in der Wunde.

„Er muss ins Krankenhaus!"

„Liegt an dir." John Wolfram lächelt kalt. Ich bin für den Moment mit der Situation überfordert. Es ist Absicht, dass das Messer noch steckt. Der Kerl hat die Schlagader getroffen, wenn sie das Messer heraus ziehen, wird William verbluten. Williams Atem wird flacher, während meine ohnehin schon wirren Gedanken Achterbahn fahren.

„Ich kann mich sowieso an nichts erinnern", sage ich dann. Mir bleibt keine andere Wahl und außerdem ist das sogar eine ziemlich wahrheitsgemäße Antwort.  

„Will ich hoffen." John Wolfram lässt die Waffe sinken, nickt einem seiner Männer, die sich beide wieder aufgerichtet haben, zu. Der zieht ein Handy aus der Tasche und wählt den Notruf.

„Manners hat dich immer gemocht. Ich weiß, dass er deinen Tod bedauern würde. Aber ich verspreche dir, wenn du dich nicht an unsere kleine Übereinkunft hältst, bringe ich dich und deinen blonden Beschützer um. Wir werden euch finden."

Ich nicke.

Sie verschwinden lautlos und blitzschnell, sammeln zuvor ihren toten Kollegen auf und schleifen ihn aus der rückwärtigen Tür. Zurück bleibe ich mit William, allein in dem schmutzigen Bad nach einem völlig chaotischen Tag. Die Kopfschmerzen sind auf einmal wieder da, mir wird übel und ich muss mich auf die dreckverkrusteten Fließen übergeben.

‚Macht den Fließen auch nichts mehr aus‘, geht mir durch den Kopf. An was für komische Sachen man doch in einem solchen Moment denkt. Dann will ich mich um William kümmern, schaffe es aber nicht, mich zu hin zu bewegen. Mir wird schwarz vor Augen, ich spüre nicht einmal mehr wie ich auf dem Boden aufschlage.

 

Epilog

Heute ist die Verhandlung. Sie wird ergebnislos abgebrochen werden. Wie ich inzwischen weiß, taugen die Unterlagen ohne meine belastende Aussage nichts. Große Teile meiner Erinnerung sind wiedergekommen und mit ihr auch der Schmerz. Der Schmerz, meinen Arbeitsplatz verloren zu haben. Meine Eltern haben kaum Geld, ich habe mich in der Stadt durchgeboxt, mir mein Studium hart erarbeitet. Der Job bei Wolfram & Hart war die Belohnung meiner Mühen gewesen. Meinen Freund habe ich in Notwehr erschossen. Dieser Schmerz sitzt tiefer als alles andere, höhlt mich von Minute zu Minute immer mehr aus. Ich blicke aus dem Fenster des Krankenhauses. Es schneit schon wieder. Morgen ist Weihnachten. Wenn ich mich richtig erinnere, hatten Angel und ich im Frühjahr davon gesprochen, dass er mich zum Fest nach Hause begleitet. Das klang so normal. So verdammt normal. Und dabei war ein eiskalter Killer, der mich ermordet hätte. Hätte er es wirklich getan? War ich nur schneller gewesen, weil er gezögert hatte?

Mein Handy klingelt. Es ist eigentlich verboten im Krankenhaus, aber ich habe es angemacht, warum auch immer. Die Nummer kenne ich nicht, aber ich gehe ran. „Ja?"

Es klopft, fast gleichzeitig geht die Tür auf. William hinkt hinein, lehnt sich an die Wand, um das Bein zu entlasten.

„Ich kann jetzt nicht sprechen", sage ich. „Aber ich danke Ihnen für das Angebot."

Ich drücke die rote Taste. Das Gespräch ist beendet.

„Darfst du schon aufstehen?", frage ich.

„Ist eh egal. War eh alles umsonst."

„Ich kann mich nicht erinnern", beharre ich und zucke die Achseln.

William verzieht verächtlich die Mundwinkel. „Du bist ein schlechter Lügner. Und ich dachte, morgen, an Weihnachten, wäre alles vorbei."

„Ist es auch."

„Nein", William schüttelt den Kopf. „Die Jagd auf Manners geht von vorne los."

Ich halte inne. Es ist irgendwie seltsam, ihm gegenüber zu stehen. Ich bin froh, dass ich vorgebe, mich weiterhin an nichts erinnern zu können. Ich kann mich ganz genau an die einsamen Nächte erinnern.

„Tut mir leid." Ich meine es ehrlich.

Jetzt zuckt William mit den Achseln, er öffnet die Tür zum Gehen, dreht sich jedoch noch einmal um. „Und der Anruf eben?"

„Familie", lüge ich. William geht einfach nach draußen. Das Klicken mit dem die Tür ins Schloss schnappt, klingt kalt und abweisend. William hat eine ziemlich gute Intuition. Er weiß, dass das Manners war, der sich bedankt hat, dass ich einen Rückzieher gemacht habe. Der mir meine alte Stelle angeboten hat. Mir ist bewusst, dass mich Manners so im Auge behalten will. Ich weiß zu viel. Aber für mich ist einfach nur eine Chance, nochmal anzufangen. Ein Geschenk von mir an mich.

‚Frohe Weihnachten‘, murmele ich gedankenverloren und wünsche es auch William. So verwerflich meine Entscheidung auch sein mag, immerhin hängt Williams Leben davon ab.

Ende!

Diese Geschichte wurde archiviert am http://www.eternallovers.de/efiction/viewstory.php?sid=175