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Summer Love von Prue
Inhalt:

Saint-John Grave und Eliot Thomas Burgh arbeiten beide bei der Polizei. Was es mit ihrer schwierigen Beziehnung auf sich hat, erzählt diese Geschichte.


Fandom(s): Originale Pairing(s): Saint-John Grave/Eliot Thomas Burgh
Story-Genre: Allgemeine Story, Drama, Hurt/Comfort, Krimi
Lšnge der Story: Mehrteiler
Story-Typ: Slash - M/M
Warnungen: Keine
Challenges:
Serie: Keine
Kapitel: 4 Story vollendet: Ja Anzahl der Wörter: 10625 Wörter Gelesen: 1645 Mal Datum der Veröffentlichung: 11.11.12 Letztes Update: 11.11.12
Kommentar:

Storypic: SilentThunder

Anmerkung der Autorin: Alle Charaktere und Elemente gehören mir und dürfen ohne meine Erlaubnis nicht weiterverwendet werden.

Es besteht keinerlei Bezug zu realen Personen, sollte es Ähnlichkeiten geben waren diese nicht beabsichtigt.

Beitrag zu silverbirds Adventkalender 2011

 

1. Kapitel 1 von Prue

2. Kapitel 2 von Prue

3. Kapitel 3 von Prue

4. Kapitel 4 von Prue

Kapitel 1 von Prue
  

Der Tag, an dem ich Saint-John Grave wieder sehen würde, war ein glasklarer, frostiger Tag im Dezember. Die Heizung des Polizeiwagens lief auf Hochtouren und langsam wärmten sich unsere durchfrorenen Glieder auf.

„Scheiß Demo", fluchte Rose, meine langjährige Partnerin. „Ich bin total durchgefroren!"

„Und ich erst! Im Gegensatz zu dir besitze ich keine wärmende Schicht", frotzelte ich, während ich mit der linken Hand das Lenkrad hielt und die rechte gegen die Lüftung in der Mittelkonsole hielt. Rose war eine korpulente Mittfünfzigerin. Wir waren schon seit Jahren gemeinsam auf Streife, verstanden uns sehr gut und sie wusste, dass ich es im Spaß meinte.

Sie grinste breit. „Ein bisschen mehr würde dir nicht schaden, Tarzan."

Wir waren auf dem Rückweg von einem Einsatz bei einer Demo, die nach friedlichem Beginn aus dem Ruder gelaufen war. Zuerst stundenlanges Stehen in eisiger Kälte, dann Straßenschlacht mit völlig Ausgeflippten. 205 Festnahmen, drei gebrochene Arme, mehrere blaue Augen, Gehirnerschütterungen und unzählige blaue Flecken auf beiden Seiten. Rose und ich hatten zum Glück nichts abbekommen.

Als das Funkgerät knackte, sackten wir beide in uns zusammen. Manchmal hört man schon am Knacken, dass es keine gute Nachricht sein wird. Großeinsatz in Downtown, Banküberfall mit Geiselnahme, alle verfügbaren Einheiten hatten sich sofort hinzubegeben. Feierabend ade. Wir waren nicht in unmittelbarer Nähe. Trotz Blaulicht würden bestimmt 15 Minuten benötigen, je nachdem wie verstopft die Innenstadt war. Der Verkehr kollabierte sicher bereits auf Grund der zu vermutenden Straßensperren.

Ich seufzte.

„Wegen dem Einsatz oder wegen der Tatsache, dass du dort ganz sicher Saint-John begegnen wirst?"

„Wegen beidem. Aber mehr wegen Saint-John." Ich war ehrlich. Rose war nicht nur Job-Partnerin, sie war mir auch eine treue Freundin.

Saint-John und ich arbeiteten zwar auf der gleichen Dienststelle, doch er war Captain und ich nur ein einfacher Officer. Und da er nicht mein direkter Vorgesetzter war, war es ein Leichtes, ihm aus dem Weg zu gehen. Mein Schichtdienst tat sein Übriges dazu.

„Elliot, tu dir selbst einen Gefallen und vergiss den Kerl. Saint-John nimmt nichts und niemanden ernst. Es ist besser so."

Saint-John war der Held auf dem Revier. Ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Seine Geschichten, als er noch als Officer auf der Straße Dienst schob, waren geradezu legendär. Ihm gelang alles. Er war ein Casanova, stand auf Männer und Frauen, hatte zahlreiche Bettgeschichten. Aber er gehörte zu der Sorte Kerl, bei dem man so was toll fand. Niemand wagte es auch nur ein negatives Wort über ihn zu verlieren. Zumindest laut. Gebrochene Herzen und verletzte Nebenbuhler hatte Saint-John sicherlich einige hinterlassen.

Bis zu dem Sommerfest vor einem halben Jahr kannte ich Saint-John nur vom Sehen. Hier und da mal ein Zunicken in der Kantine. Mehr nicht. Bis zu besagtem Sommerfest, wir saßen in einer lustigen Runde, das Bier schmeckte, wir lachten ziemlich viel. Je später die Stunde, desto kleiner wurde die Gesellschaft und als der nächste Morgen graute, lösten wir die Runde auf.

„Ich würde dich Samstag gerne zum Essen einladen", sagte Saint-John, als ich an meinem Wagen angekommen war und mich gerade mit einem lässigen Gruß verabschieden wollte. Er lächelte. Seine dunkelbraunen Augen funkelten in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne.

Meine Müdigkeit war wie wegblasen. Ich lächelte zurück. Überrascht, aber nicht abgeneigt. Ganz im Gegenteil. Am Samstagnachmittag schickte er mir eine SMS, in der er um Anzug und Krawatte bat. Den restlichen Nachmittag konnte ich kaum noch stillsitzen. Aufgeregt tigerte ich in der Wohnung auf und ab.

„Pass auf!", kreischte Rose neben mir und ich war wieder in der Gegenwart. Trat hart auf die Bremse. Ein Autofahrer hatte uns trotz Blaulicht und Martinshorn weder gesehen noch gehört und war auf unsere Spur gezogen. Ich hupte empört. Das Auto machte einen Schlenker zurück auf seine Spur.

„Lern mal Autofahren!", brüllte Rose, als ich wieder Gas gebend an dem Auto vorbei sauste.

Meine Gedanken jedoch waren schon wieder weit weg. Der wundervolle Abend. Das Restaurant, das Essen, alles war fantastisch gewesen. Wir verstanden uns prima und im Nachhinein musste ich mir eingestehen, dass ich mir schon an dem Abend in Saint-John verliebt hatte. Saint-John hielt sich jedoch vornehm zurück. Kein Annäherungsversuch. Aber es war dennoch klar, dass es sich nicht um ein Essen unter Kumpeln handelte. Er war einfach unerwartet höflich. Was ich schätzte. Plumpe Anmache erlebte man einfach viel zu oft. In dieser Woche gingen wir jeden Abend aus. Saint-John verkehrte in ausgesprochen ausgesuchten Lokalen, nahm mich in Szene-Discos. Ich genoss die Woche, aber meine innere Spannung stieg. Noch immer hielt sich Saint-John zurück. Bald würde ich auf die Mittagsschicht wechseln und danach hatte ich die bescheuerte Zwischenschicht, so dass ich mich nicht ohne weiteres mit Saint-John würde verabreden können. Ich bekam regelrecht Angst, dass wir in einer Art undefiniertem Zwischenzustand verharren würden.

„Saint-John ist ein Windhund, Elliot! Der hatte doch schon was mit dem halben Revier!" Rose erriet meine Gedanken. Sie wiederholte sich. Ich musste nicht extra erwähnen, dass sie keine hohe Meinung von Saint-John hatte.

„Saint-John hat auch eine andere Seite." Ich sprach stockend, da ich mich auf den immer dichter werdenden Verkehr konzentrieren musste. „Er liest abends gerne auf der Couch, er mag alle Bücher, die ich auch mag, es..."

„Junge." Ross berührte mich kurz sachte am Arm. „Lass gut sein. Egal wie. Es ist aus. Du musst drüber wegkommen."

Sie hatte Recht. Rose hatte schlicht und ergreifend Recht. Es war vorbei. Nach knapp vier Monaten hatte Saint-John mit mir Schluss gemacht. Ich biss mir auf die Lippen. Ich beneidete Rose. Sie und ihr Mann Alfred hatten mit knackigen achtzehn Jahren geheiratet, hatten zehn Kinder, von denen zwei mittlerweile selbst Kinder hatten. Alfred hatte mit dreißig Jahren einen schweren Autounfall, seitdem war er in Rente und betreute die Kinder, während Rose in Vollzeit arbeitete. Sie waren glücklich.

„Du findest jemanden." Manchmal war ich wirklich der Überzeugung, dass Rose Gedankenlesen konnte. „Du musst dich jetzt mal selbst am Schopf packen und dich aus deinem Emotionssumpf rausziehen, okay?"

Ich nickte, wenn auch nicht mit großer Überzeugung. Wir waren da. Umkurvten die erste Absperrung und parkten direkt hinter zahlreichen anderen Dienstwagen. Ich stieß die Tür auf. Minus zehn Grad fraßen sich sofort in die Gesichtshaut. „Scheiße ist das kalt!" Mein Atem gefror in der kalten Luft. Im Kofferraum holten wir unsere gerade erst abgelegten Schusswesten hervor, legten sie wieder an und trabten dann die Straße entlang nach unten. Die Front der Bank war umrundet von einer Kette aus Streifenwagen. Hinter geöffneten Türen kauerten die Cops. Die Waffen waren gezogen. Es roch nach abgefeuerter Munition. Es hatte eindeutig einen Schusswechsel gegeben. Wir schlugen einen Sicherheitsbogen.

„Hey!" Sergeant Miller, unser direkter Vorgesetzter, winkte uns zu sich. Gebückt liefen wir zu dem Wagen.

„Banküberfall. Die Täter sind gewaltbereit und haben Geiseln genommen. Eben wurde geschossen."

„Wer hat das Kommando?", fragte ich und meinte damit, wer den Einsatz leitete.

„Der Indianer."

‚Der Indianer‘ war natürlich nur ein Spitzname. Der Indianer war etwa in meinen Alter. Seine Mutter war eine echte Navajo-Indianerin, sein Vater war in der Lokalpolitik eine Größe. Dem er ganz offensichtlich seine steile Karriere verdankte. Allerdings hatte ich niemals den Eindruck, der Indianer wäre zu schnell befördert worden. Er machte einen guten Job und eigentlich mochte ich ihn beziehungsweise sein Auftreten. Persönlich kannte ich ihn nicht. Eigentlich mochte ich ihn, bis ich ihn als jungen Kerl auf einem Foto mit Saint-John entdecke. Der Indianer war tatsächlich mit Anfang zwanzig zwei Jahre mit Saint-John zusammen gewesen. Zwei Jahre. Saint-Johns längste Beziehung. Und schon lange vorbei. Dennoch versetzte mir die Vorstellung, dass mein Ex-Freund so lange mit ihm zusammen war, einen Stich.

Ich blickte mich um. Hinter uns, abgeschirmt durch einen kastenförmigen Einsatzwagen erkannte ich den Indianer, Captain Lilly Vernice und zwei andere Captains die ich nur vom Sehen kannte. Und Saint-John. Sie diskutierten. Mein Blick blieb an Saint-John hängen, obwohl er den unförmigen Polizei-Parka trug, glaubte ich, seine gute Figur deutlich zu erkennen. Die breiten Schultern, die muskulöse Brust, seine durch Hanteltraining gestärkten Arme.

Ich kann mich noch genau an den ersten Kuss erinnern. Als wäre es gestern gewesen. Die Woche mit der Frühschicht war vorbei und ich hatte Mittagsschicht. Meine Laune war im Keller. Immer wieder hielt ich das Handy in der Hand, um Saint-John anzurufen. Ganz ehrlich? Ich traute mich nicht. Was wenn ich für ihn nur ein Zeitvertreib gewesen war? Und dann doch nicht sein Fall gewesen war? Ich wollte nicht gefühlsduselig erscheinen. Rose erklärte mich nach zwei Tagen, in der ich ihr immer wieder mein Leid geklagt hatte, für verrückt. Und dann kam der Mittwoch. Genaugenommen war es schon Donnerstag. Müde von der Schicht zurück wollte ich mir nur noch schnell ein Bier aus dem Kühlschrank holen, als es an der Tür klingelte. Bestimmt die Nachbarin, die mir ein tagsüber angenommenes Paket bringen wollte. Sie war schon um die achtzig, schlief meistens schlecht und klingelte durchaus öfters so spät oder so früh. Wie man es sehen wollte.

Aber es war Saint-John.

„Hey", entfuhr es mir verblüfft.

Saint-John schloss ohne Umschweife zu mir auf, schob mich mit seinem Körper aus dem Türrahmen zurück in die Wohnung. Lässig kickte er mit der Ferse die Tür ins Schloss. Betörend roch er nach seinem herben Parfum.

„Ich habe dich vermisst, Elliot."

Ganz fest packte mich Saint-John im Nacken und zog mich zu sich heran. Mir entwich ein leises Seufzen. Seine rauen Fingerkuppen prickelten auf meiner Haut. Schmetterlinge, Herzrasen, als sich seine Lippen auf die meinen senkten. Saint-John küsste verdammt gut. „Übung macht den Meister", würde Rose bissig sagen, aber das zählte in diesen Moment nicht. Es gab nur mich und Saint-John. Meine Hände gruben sich in seinen Rücken und zogen ihn noch näher heran. Ich wollte ihn mit jeder Faser meines Körpers fühlen.

„Wurde jemand verletzt?", fragte Rose den Sergeant und holte mich so in die Gegenwart zurück.

„Nein. Es wurde zweimal wahllos in die Menge geschossen. Als eine Art Warnung vielleicht?" Der Sergeant zuckte die Achseln. „Wir wissen nicht, wie viele Menschen aus der Bank noch nicht drin sind und wie viele die Typen als Geiseln genommen haben." Während Miller sprach, verlagerte er sein Gewicht von einem auf das andere Bein. Er fror. Wie alle hier. Mit der Dunkelheit wurde die Kälte immer grimmiger. Die Weihnachtsbeleuchtung, die die Straße überspannte, sorgte für Licht. Aber der Rahmen passte nicht. Weihnachtsgefühle waren hier falsch. Zusammengekauert hinter dem Streifenwagen beobachtete ich Saint-John und die anderen. Sie diskutierten noch immer. Saint-John wirkte lässig. So wie er eben immer wirkte. Cool. Die Gruppe wurde größer, zwei Anzugträger kamen hinzu. Der Indianer begrüßte sie mit kurzem Handschlag. Ich kannte sie nicht. Vermutlich irgendwelche Schlauköpfe, die ausnahmsweise mal das Büro verlassen hatten.

Meine Augen hafteten auf Saint-John. Verrückt. Ein lebensgefährlicher Einsatz und ich ertrank in einer Mischung aus Trennungsschmerz und Selbstmitleid. Ich bin kein wehleidiger Typ, der sich am liebsten selbst leidtut. Ich war schlicht und ergreifend nicht über Saint-John hinweg. Jetzt bereute ich es, die Konfrontation im Büro vermieden zu haben. Vielleicht hätte sich schon eine gewisse, bittere Routine eingestellt. Fehlende Konzentration würde ich heute vielleicht mit meinem Leben bezahlen. Ich ballte die Hände zu Fäusten, schmerzhaft riss die von der Kälte gequälte Haut über den Knöcheln auf. Egal. Ich wandte mich ab und beobachtete die Bank. Eine breite Freitreppe führte zur gläsernen Eingangsfront. Alles dunkel. Fensterläden und Vorhänge waren soweit vorhanden geschlossen. Kein Licht dahinter.

In diesem Moment ging im dritten Stock in einem Büro Licht an. Nur einen Moment. Man sah gerade noch wie sich die Gardine bewegte. 

„Runter!", brüllten der Sergeant und ich fast gleichzeitig.


Kapitel 2 von Prue

Schüsse knallten, Glas klirrte, Metall verformte sich. Wir pressten uns geduckt gegen den Wagen. Zweifaches Stoßen verriet, dass der Wagen getroffen wurde.

Wieder Stille, wieder der scharfe Geruch abgefeuerter Munition.

„Rose?"

„Alles klar!"

Mein zweiter Blick galt Saint-John. Blickkontakt. Trotz der Entfernung. Mein Herz stockte für einen winzigen Moment, ich schnappte nach Luft. Dann blickte ich zu Miller. Auch er war unverletzt. Jetzt laute Rufe, jede Menge Polizisten rannten geduckt hin und her.

„Die Sergeants zum Indianer", rief plötzlich jemand und Miller verschwand, zuerst auch geduckt, dann aufwärts gehend. Die Gruppe an dem Einsatzwagen wurde größer. Es war eindeutig, dass ein kontroverser Vorschlag diskutiert wurde.

„Nichts Gutes", murmelte Rose, die die Gruppe ebenfalls beobachtete.

Der Indianer beendete die Diskussion mit einer energischen Handbewegung. Kurz darauf war Miller wieder bei mir. „Mitkommen", sagte er nur. Fragend blickte ich zu Rose und zuckte die Achseln.

Ich würde nicht behaupten, dass der Indianer gut aussah. Die Augen standen zu eng beieinander, die Hakennase war eindeutig zu groß. Er erinnerte mich an einen Adler im Sturzflug. Aber er strahlte Ruhe aus. Würde. Man respektierte ihn nicht wegen seines Dienstgrades, sondern wegen seiner Fähigkeiten. Wie nicht anders zu erwarten, hatte er einen Plan, wie die Lage in den Griff zu bekommen war. Die Gruppe um ihn herum war mittlerweile ziemlich groß. Ein paar Jungs von der Emergency Service Unit kannte ich.

Der Indianer hob einen Bauplan des Gebäudes in die Höhe, zwei Captains nahmen ihm den Plan ab und hielten ihn gegen den Van, so dass wir alle mehr oder weniger gut drauf blicken konnten. Ein gigantischer Weihnachtsbaum im benachbarten Schaufenster lieferte tatsächlich halbwegs genügend Licht.

„Wir gehen mit zwei Gruppen rein", erklärte der Indianer sachlich und ohne Umschweife. „Die eine von rechts, die andere von links. Die Tiefgarage hat einen Zugang hinter dem Gebäudekomplex. Dort ist euer Eingang. Die Ausfahrt ist rechts von dem Gebäude, die Einfahrt links. Eine Gruppe - eine Seite. Ihr haltet euch bei der Aus- beziehungsweise Einfahrt dicht an die Gebäudewand, durch die umlaufende Überdachung seid ihr geschützt. Es ist unmöglich diesen Bereich vom Gebäude aus einzusehen."

„Oh du fröhliche", murmelte einer neben mir.

Mit dem Finger markierte der Indianer den Weg auf der Karte. Saint-John stand an der Seite, hörte zu, die Hände in den Jackentaschen vergraben. Bilder in meinem Kopf. Saint-John auf der Couch in meinem Wohnzimmer. Beim Essen in einem der Restaurants, als wir über einen lustigen Zwischenfall auf der Arbeit lachten. Saint-John nackt unter Dusche.

Ich zwang mich, mich auf den Indianer zu konzentrieren.

„Die erste echte Hürde ist der Eingangsbereich. Die Schalterhalle ist offen, gut zu einzusehen, gerade von der Galerie der darüber liegenden Stockwerke. Direkt an der ersten Tür rein, dicht an der Wand halten. Ihr habt Rauchgranaten dabei, falls etwas schiefläuft. Wenn ihr die erste Bürotür auf den Seiten erreicht, habt ihr wieder Deckung. Die Büros haben untereinander alle Verbindungstüren. So bewegt ihr euch  weiter. Alles weitere seht ihr dann. Okay?"

Wir nickten.

„Warum wir vom Streifendienst?", fragte ich und meinte damit mich und drei andere Police Officers. „Und nicht nur die Service Unit?"

„Ein Teil der Jungs steht im Stau.", antwortete der Indianer.

„Und ihr vier seid gut in Form, laut euren Vorgesetzten. Durchtrainiert und sicher mit der Waffe", ergänzte Captain Lily Vernice. Ich mochte sie nicht. Ihr Blick erinnerte an eiskaltes Gletscherwasser. Ich konnte mich nicht erinnern, sie jemals mit einem Lachen gesehen zu haben. Noch nicht einmal lächelnd.

„Saint-John Grave führt die Gruppe Blau, die auf der rechten Seite reingeht. Lily Vernice, Grün, geht linke Seite rein", sprach der Indianer weiter. „Ausrüstung die Straße runter."

Wir waren entlassen. Weiter unten in der Straße parkte ein weiterer Van. Auf dem Weg dorthin tauchte plötzlich Saint-John neben mir auf. „Gefährlicher Job", sagte er. Ich blickte stur geradeaus.

„Das ist der Job", entgegnete ich. Mein Brustkorb spannte über meinem Herz. Schmerz. Saint-Johns tiefe Stimme. Wie feine Messerspitzen in meinen Innereien.

Saint-Johns Loft war sensationell. Nachdem wir uns in den zwei Wochen nach dem ersten Kuss nur bei mir getroffen hatten, war ich am Abend meines freien Tag endlich mal bei ihm. Ich trat ein und war sofort gefangen von der Aussicht. Die Sonne versank blutrot am Horizont und zu meinen Füßen erwachte das New Yorker Lichtermeer.

„Wow!", entfuhr es mir begeistert.

„Wunderschön, nicht wahr?" Saint-John schlang hinter mir stehend die Arme um mich.

„Es wirklich wundervoll, Johnny!"

Er küsste mich in den Nacken. „Ich stehe gerne hier am Fenster. Es ist, als stünde ich über den Dingen."

Ich nickte. „Darf ich dich was fragen?"

Wieder küsste mich Saint-John in den Nacken. „Ich kann es mir denken.... Meine Eltern besaßen mehrere Druckereien. Als mein Vater fünfzig wurde, haben sie die Druckereien für ziemlich viel Geld verkauft."

Ich wusste, dass Saint-Johns Eltern etwa vor 15 Jahren bei einem Zugunglück gestorben waren. Also fragte nicht weiter. Aber ich griff nach Saint-Johns Hand und drückte sie sanft.

„Ich liebe dich, Elliot." Er hauchte mir einen Kuss in den Nacken.

„Ich liebe dich, Johnny."

Ich hörte, dass er lächelte. „Ich mag den Namen Johnny nicht."

„Ich weiß. Ich nenn dich trotzdem so." Wieder seine Lippen in meinem Nacken. Seine Arme schlossen sich fester um mich.

Das Lichtermeer wie tausend Sterne, nur für uns gemacht.

Ich seufzte. Saint-John lief immer noch neben mir her, als erwarte er eine weitere Reaktion.

„Lass gut sein", sagte ich ohne aufzublicken. Auch wenn ich Rose gegenüber zu Selbstmitleid neigte, hieß das noch lange nicht, dass sich mein Verstand völlig verabschiedet hatte. „Wir haben hier, um einen Job zu machen."

Ich starrte weiterhin stur geradeaus, vermied es bewusst, meinen Ex-Freund anzublicken. Man muss es sich nicht noch schwerer machen. Und schon hatten wir zu den anderen aufgeschlossen. Fragende Blicke. Natürlich hatten viele mitbekommen, dass ich und Saint-John zusammen gewesen waren. Und natürlich hatten sie sich die Mäuler zerrissen, als ich verlassen worden war. Und natürlich waren die zwanzig Meter, die Saint-John und ich nebeneinander hergelaufen waren, interessanter als der Einsatz. In diesem Moment war ich froh, dass ich die meisten, die dabei waren, noch nie zuvor gesehen hatte.

Wir wurden ausgerüstet. Verkabelt mit Funk, zusätzliche Waffen, Helme, ich bekam eine leichtere Schutzweste verpasst. Dann teilte uns Lily Vernice in die beiden Gruppen ein. Zufall also, dass ich zu Saint-Johns Kommando gehörte.

Nach ausgiebigen Funktest ging es dann endlich los. Ein Mannschaftsbus fuhr uns zu der Rückseite der Bank. Da wir den direkten Weg nicht nehmen konnten, dauerte die Fahrt eine ganze Weile. Niemand sprach ein Wort. Die Jungs vom Sonderkommando legten eine gewisse Lässigkeit an den Tag. Ich beneidete die Jungs, die schließlich speziell für solche Einsätze ausgebildet waren. Wie sich deren Kollegen wohl fühlten, schweiften meine Gedanken ab, die im Stau standen, während sich die anderen auf den Weg in einen gefährlichen Einsatz machten?

Der erste Teil des Einsatzes war tatsächlich einfach. Die Notausgangstür der Tiefgarage lag in einem schäbigen Garagenhinterhof. Unmöglich diesen Teil von dem Bankgebäude einzusehen. Die Tür, die nur von innen zu öffnen war, war schnell aufgebrochen. Die Stromverbindung der Tiefgarage war gekappt, die Kameras konnten uns nicht erfassen. Dennoch rückten wir vorsichtig vor, suchten Deckung hinter den parkenden Autos. An der Einfahrt der Tiefgarage pressten wir uns fest an die Betonwand. Schlüpften dann direkt an die Hauswand. Der Sims, der uns Sichtschutz bot, war nicht breit, wir mussten uns seitlich an der Wand entlang hangeln. Unter den Bürofenstern robbten wir hindurch. Saint-John gab dem Indianer immer wieder leise in das Mikrofon geflüstert den Zwischenstand durch, wir konnten mithören.

An der Hausecke blieb Saint-John stehen. „Wir sind jetzt an der Hauswand."

„Nichts zu sehen.", gab der Indianer durch. „Weiter!"

Wir glitten um die Hausecke und direkt die große Freitreppe zu der gläsernen Türfront nach oben. Ich ging dicht hinter Saint-John, manchmal berührten sich unsere Arme. Mit ausgestrecktem Arm hielt ich wie die anderen meine Waffe, die Mündung auf den Boden gerichtet. Mein Pulsschlag erhöhte sich. Die Tür, die Schalterhalle. Der gefährlichste Teil.

Gegenüber tauchte Lily Vernice mit ihrer Gruppe auf. Mein Pulsschlag erhöhte sich. Nur noch wenige Momente bevor wir reingehen würden. Es gibt Einsätze, bei denen man sich sicher ist, dass man heil raus kommt. Wie heute Morgen bei der Demo. Es war chaotisch und mitten in der Massenschlägerei ziemlich brenzelig gewesen, aber ich nie einen Moment das Gefühl gehabt, es nicht zu schaffen. Dann gibt es Einsätze, bei denen ist man nervös. Gleich von an das Gefühl, dass es knapp werden könnte. Aber dann geht es eben doch gut. Das hier, das war ein Einsatz, von dem ich wusste, dass etwas geschehen würde. Die Sache würde ihr eigenes Ende haben und ich war mir ganz und gar nicht sicher, ob ich das Ende miterleben würde.

Kapitel 3 von Prue

In meiner Wohnung war es quälend heiß. Die Sonne führte seit Wochen ebenso wie die momentane Kälte ein unerbittliches Regime. Durch die geöffneten Fenster drang nur heiße Luft und der Lärm der Straße. Ich war hundemüde. Eine Woche Nachtschicht inklusive zwei Tage Doppelschicht. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Es war zu hell, zu heiß, zu laut.

Ich hörte wie die Tür ging. Vor einigen Tagen hatte ich Saint-John einen Schlüssel zu meiner Wohnung gegeben. Ich war zu matt, um zu reagieren und blieb auf dem Bett liegen.

„Hey, aufstehen!" Gutgelaunt stand er im Türrahmen zu meinem Schlafzimmer. Sein enganliegendes schwarzes T-Shirt spannte ein wenig über der breiten Brust.

Ich blieb regungslos auf dem Bauch liegen und blinzelte ihn verschlafen an. „Hey... ich bin alle... aufstehen ist völlig unmöglich."

„Sommer, Sonne! Wir fahren in die Hamptons. An den Strand!" Ganz unvermittelt warf er mir irgendwas Kaltes auf den Rücken. Mit einem Aufschrei fuhr ich hoch. „Wuah!! Verdammt! Was ist das?!" Eine Packung Eis-Konfekt purzelte aufs Bett.

„Siehst du! Und schon bist du wach!"

„Dir ist klar, dass ich mich rächen werde?" Ich öffnete die kleine Schachtel und nahm einen Eis-Konfekt-Würfel heraus. „Was willst du in den Hamptons?"

„Bummeln, gutes Abendessen, Sex am Strand."

„Ich habs nicht so mit Strand...", antwortete ich.

„Dann eben ohne Strand", Saint-John zog sich näherkommend sein T-Shirt über den Kopf. Anzüglich lächelnd schubste er mich ein wenig zurück und kniete sich  mit aufrechtem Oberkörper über mich. Ich lächelte zurück, küsste ihn zart auf den Bauchnabel, kitzelte ihn mit meiner Zunge. Dann öffnete ich betont langsam den Gürtel. Ein leises Seufzen entwich Saint-Johns Lippen, als ich die Knopfleiste öffnete und dabei wie zufällig sein steifes Glied streifte. Rasch streifte ich Hose und Boxershorts ein Stück weit nach unten, gerade soweit, dass mein Mund freien Zugang hatte.

Der letzte Rest Eis-Konfekt in meinem Mund schmolz, als ich lustvoll am Penis meines Freundes knabberte. Saint-Johns Hände fuhren durch meine Haare, berührten meine Wangen, griffen aber nicht ein in mein Tun. Abwechselnd saugte ich mal stärker, mal schwächer, umspielte mit der Zunge die empfindliche Spitze. Saint-John stöhnte im Rhythmus meines Spiels. Dann zog er entzog er sich mir langsam und sank mit mir gemeinsam der Länge nach auf die Matratze. Mit einer schnellen Bewegung hatte ich meine Boxershorts ausgezogen und er tat es mir gleich. Schweiß perlte auf seiner Brust. Mit den Fingern verwischte ich die Tropfen. Ich wollte mich umdrehen, doch Saint-John hielt mich zurück.

„Nein...", flüsterte er leise. „Nimm du mich."

Wir hatten ziemlich schnell zu einer Art experimentierfreudigen Routine gefunden, deren wichtigster Bestandteil eigentlich eine festgelegte Rollenverteilung war. Beim Akt war ich der Passive. Ich zögerte.

„Ich wünsche es mir..." Saint-John drehte sich um.

„Okay", hauchte ich und angelte nach den Kondomen auf dem Nachttisch. Ich ging langsam vor, war mir nicht sicher, ob es Saint-John gewohnt war. Ganz vorsichtig drang ich in ihn ein. Ich spürte, dass er die Luft anhielt. Ich hielt inne, wartete, bis er sich daran gewöhnte und weiter atmete. Zugleich genoss ich die Enge, die sich um meinen Schaft schloss. Ganz sanft schob ich mich weiter in ihn hinein. Ich traf die richtige Stelle, denn jetzt stöhnte er leise auf. Vorsichtig bewegte ich mich vor und zurück, zuerst nur minimal, dann schneller, immer schneller. Ich lockerte dann meinen Griff um seine Hüfte, beugte mich etwas vor und begann seinen Schwanz zu massieren. Saint-Johns lautes Stöhnen feuerte mich nur noch mehr an und kurz darauf überkam mich die Welle des Orgasmus. Fest pumpte ich noch einmal auf und ab und mit einem Zucken ergoss sich Saint-John nur kurz nach mir in meine Hand.

Schwer keuchend zog ich gierig nach Luft. Zu wenig Sauerstoff in der heißen Schwüle des Tages. Schweißgebadet zog ich mich aus Saint-John zurück und rollte mich seitlich aufs Bett. Saint-John ließ sich neben mich aufs Laken fallen. Seine Haare klebten auf der Stirn. Er befreite mich von dem Kondom und packte es in eines Taschentücher, die auf dem Nachttisch aus einem Spender ragten.

Ich war zu sehr außer Atem, um irgendwas zu sagen.

„Duschen und ab an den Strand!"

Ich grummelte nur irgendwas zwischen zwei Atemzügen.

„Sommer in den Hamptons! Winter auf der Berghütte deines Vaters!"

„Meinst du das im Ernst?", fragte ich jetzt keuchend.

Saint-John setzte sich auf. „Klar", sagte er und küsste mich auf die Lippen.

Ich holte tief Luft. Kniff kurz die Augen zu. Ich war wieder in der Gegenwart. In der Kälte am Eingang der Bank mit einem Sonderkommando. Und jeden Moment würde der Indianer den Befehl zum Reingehen geben.

„Go!"

Fast synchron stießen Saint-John und gegenüber Lily Vernice die Glastüren auf. Wie gegenseitige Spiegelbilder drangen wir in die Schalterhalle vor. Draußen würden die anderen nun versuchen, die Geiselnehmer zu erreichen. Ablenkungsmanöver. Unsere Schritte klapperten unangenehm laut auf den grauen Marmorfliesen. Geradeaus ging es zu den verwaisten Schaltern, die in edlem Holz und mit goldenen Verzierungen glänzten.

Wir orientierten uns nach rechts zu den Büros hin. Übergroße Blumenkübel mit allerlei Grünzeug boten immerhin etwas Schutz. In diesem Moment knallte ein Schuss. Ich warf mich sofort auf den Boden, rutschte zu einem der Kübel. Saint-John tat es mir gleich. Wieder Schüsse. Ich war mir sicher, unsere Polizeiwaffen herauszuhören. Dann Schreie. Schmerzerfüllt. Der Schusswechsel riss nicht ab. Durch das Mikro hörte ich Lily Vernices Stimme.

„Oben auf der Galerie! Sie haben uns entdeckt!"

Immer wieder Schüsse. Aber alles auf der Gegenseite. Der Rest unserer Truppe war nicht nachgerückt. Saint-John und ich waren die einzigen auf der rechten Seite. Ganz sicher verdankten wir diesem Umstand, dass wir nicht entdeckt worden waren.

„Wir haben zwei Verletzte! Wir brauchen Feuerschutz!" Lily Vernices Stimme im Ohr.

Einerseits wäre es ein leichtes von meiner Position aus Feuerschutz zu gewähren, andererseits würde ich uns dadurch verraten. Saint-John dachte sicher das gleiche, er rührte sich nicht.

Zweimal jetzt das typische Bloppen, das ertönt, wenn eine Rauchgranate abgeschossen wird.

„Rückzug!", hörte ich den Indianer durch das Mikrofon. „Sofort zurück!"

Dicker Rauch erfüllte in Sekundenschnelle die Schalterhalle. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und zurück zur Tür rennen. Ein schneller Blick zu Saint-John. Ich konnte ihn zur schemenhaft ausmachen, er rannte nicht zum Ausgang, sondern zur ersten Bürotür. Keine Zeit, um zu überlegen. Ich sprintete ihm hinterher.

Saint-John erschrak, als ich kurz nach ihm durch die Tür kam. Seine Hand zuckte zur Waffe, aber er erkannte mich und reagierte nicht weiter. Das Büro war nicht groß. Zwei Schreibtische standen an der Stirnseite aneinander geschoben vor dem Fenster. Ein Adventskranz stand auf einem Rollcontainer, der eigentlich unter den Schreibtisch gehört und jetzt vorgezogen war wie eine Art Schranke. Saint-John  hatte die Ohrstöpsel ausgezogen und zog jetzt das Kabel aus dem Übertragungsgerät.

„Was soll das?", fragte ich. Ich flüsterte. „Der Indianer hat die Aktion abgebrochen!"

Saint-John machte einen Schritt auf mich und zog mit einem Ruck mein Mikrofonkabel aus dem Gerät am Gürtel. „Das gleiche kann ich dich fragen", sagte er. Sein Tonfall eine Mischung aus Abweisung und sich ertappt fühlen.

„Ich bin dir gefolgt."

„Dann hättest du eben besser mal auf den Indianer gehört!", zischte Saint-John, er wollte noch etwas sagen, aber ich war schneller. „Ich will eine Antwort! Hier kannst du mich nicht einfach rauswerfen wie aus deinem Leben!"

Saint-John zuckte wie von einem Peitschenhieb getroffen zusammen. „Ich wollte dich niemals aus meinen Leben rauswerfen!"

„Klar. Genauso hast du es rübergebracht", erwiderte ich mit ein gehörigen Portion Bitterkeit. Die noch lange nicht richtig verheilte Wunde platzte wieder auf.

„Ich..." Trotz der Dunkelheit konnte ich sehen, wie Saint-Johns Gesichtszüge weich wurden. Er seufzte, blickte nach unten. „Ich hoffe, dass wir wieder zusammenkommen."

„Was?" Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut zu brüllen. Die Worte sollten Glücksgefühle in mir auslösen, aber dem war nicht so. Sie trafen mich mitten in die tiefe Wunde. „Du hast mich eiskalt abserviert! Ohne Erklärung! Noch nicht mal ein Erklärungsversuch! Weißt du, Saint-John, ich kann eine Affäre von einer Beziehung unterscheiden. Ich hab dich für einen Kerl gehalten, der mit offenen Karten spielt. Du hast mir gesagt, dass du mich liebst, du hast von der Weihnachtszeit gesprochen, vom Winter, in dem wir zur Hütte meines Vaters wollten. Das impliziert eine Beziehung!"

„Nein... ich." Saint-John machte ein paar Schritte zurück, dann stütze er sich schwer auf den Bürostuhl. Es war nicht der richtige Ort und schon gar nicht der richtige Zeitpunkt für dieses Gespräch. Aber jetzt waren wir mittendrin. „Ich wollte dir nie wehtun!"

„Das hast du aber! Du hast mir furchtbar wehgetan. Und es tut immer noch weh!" Ich presste die Lippen zu einem Strich zusammen.

„Ich hoffe wirklich, dass wir wieder zusammen kommen." Saint-John senkte die Stimme, aus dem Flüstern wurde ein Wispern.

„Hast du das nicht verstanden? Du hast mich ohne Erklärung abserviert und jetzt hoffst du, dass wir wieder zusammen kommen? Macht dir das etwa Spaß?"

Entsetzt blickte Saint-John auf. „Nein! Nein! Eliot! Du bist alles für mich, bitte versteh mich..."

„Nein. Ich verstehe gar nichts."

Saint-John schien einen Moment zu überlegen, ob jetzt und hier der richtige Zeitpunkt war. Aber jetzt gab es einfach kein Zurück mehr.

„Weißt du, Eliot, ich war nicht auf der Suche nach der großen Liebe. Ich war für mich und ich war zufrieden. Hin und wieder eine Affäre, One-Night-Stands... mehr brauchte ich nicht. Aber dann habe ich dich auf dem Sommerfest kennengelernt. Wir lachten über die gleichen Witze, rollten an den gleichen Stellen mit den Augen. Es war ein toller Abend und ich wollte dich unbedingt wiedersehen. Auf einmal war alles anders. Kein schneller Sex... doch auch." Über Saint-Johns Gesicht huschte ein kurzes Lächeln. Meine Lippen lockerten sich ein wenig. „Ich wollte dich zuerst kennenlernen. Mit dir was unternehmen. Abends bei einem Rotwein den ganzen Polizeischeiß bequatschen."

Saint-John holte tief Luft: „Ich hab mich in dich verliebt, Eliot. Schon gleich in der ersten Woche. Und die folgenden Wochen waren fantastisch. Aber dann bekam ich plötzlich Panik. Ich weiß nicht, warum oder woher. Auf einmal konnte ich mir ein Leben ohne dich kaum mehr vorstellen und ich bekam Angst, dass ich nicht mehr ich bin. Dass ich mich verloren hatte. Ich war plötzlich abhängig. So was wie Bindungsangst. Aber mit dir Schluss zu machen war das Falsche. Du fehlst mir. Du fehlst mir so sehr, dass es wehtut. Ich habe mich völlig idiotisch verhalten. Ich liebe dich."

„Und wann wolltest du mir das sagen?", fragte ich. Wie lange waren getrennt? Zwei Monate und dreizehn Tage.

„Du hast mir immer wieder erzählt, dass du den Winter liebst. Ich wollte dich einladen, in die Rocky Mountains..."

„Du magst den Winter nicht..."

„Aber du magst den Winter! Sommer in den Hamptons, Winter im Schnee! Versprochen ist versprochen!"

Ich sagte nichts. Ja, da waren die Worte, die ich eigentlich hatte hören wollen. Von denen ich geträumt hatte, die ich mir erhofft hatte. Aber jetzt konnte ich sie nicht genießen. Schmerz. Die Wunde war viel tiefer, als ich mir selbst eingestanden hatte. Wie ein scharfes Desinfektionsmittel tropften Saint-Johns ehrliche Worte in die offene Wunde. Sie wollten Gutes tun, aber sie brannten wie Feuer.

„Bitte, nimm mich zurück!" Fast ein Flehen.

„Ich... ich..." Ich versuchte etwas zu sagen. Ja, ich wollte ihm sagen, dass ich ihn liebte, dass ich nur ihn wollte. Aber es ging nicht. Die Wunde blutete in mein Inneres und mir war, als käme nur Blut über meine Lippen. „Johnny...ich..."

Saint-John holte tief Luft. Ich war froh, ihn in der Dunkelheit nicht genau sehen zu können. Ich hätte den Blick seiner warmen, dunkelbraunen Augen vielleicht nicht ertragen.

„Du hast Johnny gesagt", stellte er fest und ich glaubte, Hoffnung herauszuhören. Ja. Johnny. Für die anderen war er Saint-John. Für mich Johnny. In diesem Moment ein Geräusch aus dem Nachbarbüro! Wir reagierten sofort. Saint-John wich nach hinten zur Wand, zog dabei die Waffe. Ich zog ebenfalls meine Waffe, nickte Saint-John zu und riss die Tür auf. Nichts. Das Büro lag im Dunkel. Wir behielten die Waffe dennoch schussbereit.

Ich hatte eine Ahnung. Ein beliebtes Versteck, Erfahrung aus zahlreichen Razzien und Hausdurchsuchungen. Ich bückte mich und blickte zwischen Schreibtischplatte und Sichtblende. „NYPD! Kommen Sie heraus", rief ich leise. Beide richteten wir die Waffe auf den Schreibtisch.

„Nicht schießen!" Eine weibliche Stimme.

„Kommen Sie langsam heraus!" Wir blieben vorsichtig.

Der Bürostuhl bewegte sich zuerst. Eine junge Frau kam zum Vorschein, zuerst auf Knien, dann stand sie auf. Ängstlich hob sie die Hände auf halber Höhe. Wir senkten die Waffen.

„NYPD", wiederholte ich. „Vor uns brauchen sie keine Angst zu haben."

„Ich will hier heraus." Ihre Stimme klang brüchig.

„Sobald wie möglich. Aber es wird noch etwas dauern. Können Sie uns sagen, was genau passiert ist?"

„Keine Ahnung." Sie schniefte ein paar Mal. „Ich war hier... ich hab nach ein paar Unterlagen gesucht. Dann hörte ich den Alarm. Dann Schüsse. Ich bin unter den Schreibtisch und habe mich nicht gerührt." Sie zitterte. Sanft griff ich nach ihrem Arm. „Kommen Sie. Sie können leider noch nicht raus. Bleiben Sie im Büro nebenan. Unter dem Schreibtisch war ein gutes Versteck. Dort verstecken Sie sich auch nebenan. Sie bleiben dort, bis wir Sie holen, okay?"

Sie nickte.

„Bis wir Sie holen", wiederholte Saint-John. „Wenn Sie versuchen zu flüchten, werden Sie in der Schalterhalle sterben." Er versuchte ihr Angst zu machen, damit sie keinen Fluchtversuch unternahm. Zitternd nickte sie mehrfach nacheinander. Ich führte sie ins Nachbarbüro und vergewisserte mich, dass sie sich wieder versteckte. Wieder zurück schloss ich die Tür hinter mir. Saint-John und ich waren wieder alleine.

„Du hast mir sehr wehgetan, Saint-John." Ich nannte ihn ganz bewusst so. „Ich kann das jetzt nicht beantworten. Nicht hier. Nicht jetzt. Aber deshalb sind wir auch nicht hier. Meine eigentliche Frage hast du nicht beantwortet: Warum bist du nicht zurück?"

„Es war ungünstig..." Saint-John ignorierte meine ersten Sätze. Ob dem Themenwechsel fühlte ich eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung.

„Da war nichts ungünstig! Die andere Seite war unter Beschuss! Der Qualm war ziemlich dicht..."

„Du hast dich auch nicht zurückgezogen", unterbrach er  mich. Ein schwacher Versuch.

„Du hast mich irritiert, ich bin dir nachgegangen!" Leichte Verärgerung schwang in meiner Stimme mit. Saint-John hörte es heraus und gab zumindest teils nach. „Ich muss hier etwas holen..."

„Etwas holen? Jetzt? Hier?"

Saint-John drehte sich von mir weg. Ich hörte ihn tief Luft holen.

„Was ist los?" Zuerst zögerte ich, aber legte ich meine Hand auf seine Schulter. Ich hatte einfach das Gefühl, dass dies jetzt richtig war.

„Du weißt doch, dass der Indianer und ich vor langen Zeit mal befreundet waren..."

Das wusste ich.

„Nach der High-School. Wir hingen damals nach dem Abschluss ziemlich oft auf dem Firmengelände der einen Druckerei rum. Meine Eltern lebten quasi dort und das Gelände war riesig. Ideal um sich zu verstecken und.... egal...  Auf jeden Fall fanden wir in einer stillgelegten Werkshalle eines Tages in einer einem Regal eine kleine Box. Sie war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Wir waren neugierig, brachen die Box auf. Und fanden Druckplatten darin."

Saint-John machte eine bedeutungsvolle Pause.

„Was für Druckplatten?"

„Falschgeld, Eliot. Die lagen einfach so rum. Keine Ahnung wieso. Vielleicht wurde die Box einfach dort vergessen und man dachte, es sei ein sicheres Versteck. Der Indianer und ich begannen daraufhin, den Betrieb zu beobachten. Es war einfach, wir gehörten ja dazu und keiner störte sich an unserer Anwesenheit. Wir sind ziemlich schnell dahinter gekommen, dass es quasi einen Betrieb im Betrieb gab. Meine Eltern haben Falschgeld gedruckt!"

Das war nun wirklich eine heftige Nachricht, aber Anbetracht der Umstände fehlte mir der Zusammenhang dem Jetzt und Hier.

„Meine Eltern waren reich, die Eltern des Indianers noch reicher. Aber unsere Eltern waren der Meinung, dass wir lernen müssten mit Geld umzugehen und wir hatten daher fast nie Kohle. Wir wollten aber auch mal so richtig einen drauf machen. Wir haben dann Henley, den Vorarbeiter angesprochen. Er hat uns einen Job als Kurierfahrer für die Geldpakete verschafft."

„Okay...."

„Meine Eltern wussten von nichts. Sie wären ganz sicher ausgeflippt. Nach einem knappen Jahr haben wir die Sache eingestellt. Wir haben einfach gemerkt, was für einen Scheiß wir da machen. Henley hat dafür gesorgt, dass wir ohne Probleme rauskamen. Na ja, ein paar Jahre später haben meine Eltern verkauft und waren schon kurz darauf tot..."

„Deswegen?", fragte ich und hielt unwillkürlich kurz die Luft an.

„Dachte ich zuerst auch. Aber mittlerweile bin ich mir sicher, dass es wirklich ein Unfall war. Ich hab ewig gebraucht, bis ich mit dem Papierkram befasst habe und da ist mir ein Vertrag mit dieser Bank über die Anmietung eines Schließfaches in die Hände gefallen. Ich hab nachgesehen; die Druckplatten liegen in dem Fach! Keine Ahnung wieso und weshalb!?"

„Warum hast du die Druckplatten nicht unseren Kollegen gegeben?"

„Verdammt, Eliot. Was hätte ich denn sagen sollen?"

„Die Wahrheit? Das liegt ja schon Jahre zurück und deine Eltern leben nicht mehr. Du hättest ja nicht erwähnen müssen, dass du Kurier gefahren bist."

„Dann hätte ich die Platten gleich abgegeben müssen und nicht jetzt, 15 Jahre später... Außerdem was ist, wenn dieser Henley geschnappt wird? Er wird sich erinnern, dass der Indianer und ich Kurierfahrer waren!"  Saint-John wischte sich kurz mit beiden Händen übers Gesicht. „Hör zu, Eliot. Wenn da irgendwas rauskommt, wenn es Schwierigkeiten gibt, dann bin ich der Sündenbock. Der Indianer wird dafür sorgen. Unsere Freundschaft ist lang her und im Zweifelsfall hat er keine Freunde."

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dies die Sache schon eher umschrieb. Da hing mehr dran, als die bloße Tatsache der Existenz dieser Druckplatten.

„Und jetzt willst du die Druckplatten holen? Warum?"

„Wenn die Typen den Tresor leermachen, dann wird ganz sicher eine Inventarliste des Tresors erstellt. Ich weiß nicht, ob jemand in der Bank offiziell oder inoffiziell weiß, was drin ist. Es ist einfach besser, wenn das Fach leer ist..."

Jetzt konnte ich seine Sorge immerhin nachvollziehen. Dennoch sah Saint-John meiner Meinung nach die Sache zu kompliziert. Aber mir war anderseits durchaus klar, dass ich hier nur die Schnellfassung erhalten hatte, vielleicht steckte doch mehr dahinter, als er jetzt erzählt hatte. Für mich klang die Sache nach einer Jugendsünde. Saint-John war ein guter Cop. Ein verdammt guter. Er sollte nicht an einer so lange zurückliegenden blöden Geschichte scheitern.

„Ich helfe dir", sagte ich entschlossen.

„Das musst du nicht..."

„Fällt dir was Besseres ein?" Ich grinste.

„Ehrlich gesagt? Nein." Wir zogen unsere Waffen, fest entschlossen uns Büro für Büro vorzukämpfen. In guter, alter Polizeimanier durchquerten wir die verwaisten Büros.

„Wie viele waren es hintereinander?", fragte Saint-John und hielt einen Moment inne.

„An der Längsseite sieben", antwortete ich. Nach hinter größer werdend. Dann Knick nach links. Hinter die Schalterhalle quasi...."

„Gut eingeprägt in der Kürze der Zeit." Saint-John grinste.

„Ich bin Officer! Ich bin derjenige, der immer vorausgeht bei so einem Quatsch", erwiderte ich im gespielten Ernst. Es war natürlich übertrieben, bei derartigen Einsätzen waren wir normalerweise nicht an vorderster Front. Aber bei zahlreichen Hausdurchsuchungen und Razzien, die je nach Gegend mindestens genauso gefährlich waren.

„Dann noch ein Büro, bevor es links weitergeht", stellte Saint-John wieder ernst geworden fest. Ich nickte und hob meine Waffe an. In diesem Moment hörten wir Stimmen. Ich zuckte sofort zurück, verbarg in einer Nische zwischen zwei Aktenschränken, Saint-John presste sich wie vorhin mit dem Rücken an die Wand neben der Tür.

„Da ist niemand", hörten wir eine männliche Stimme.

„Ich bin mir sicher, was gehört zu haben. Verdammt nochmal", antwortete eine weitere männliche Stimme.

Schritte. Sie bewegten sich auf die Verbindungstür zu. Saint-John richtete sich ein wenig auf, bereit sofort zuzuschlagen, sobald die Tür aufgehen würde. Es war zu dunkel in dem Büro um mehr als seine Umrisse auszumachen. Aber wie er so da wartete, so angespannt, so konzentriert, so unglaublich männlich, wusste ich, dass ich immer auf ihn stehen würde. Er würde mir immer gefallen, immer der Typ sein, bei dessen Anblick mir nur schmutzige Sachen durch den Kopf gehen würden. Aber liebte ich ihn noch? Vertraute ich ihm noch? Die Wunde ätzte. Ich versuchte, mich ausschließlich auf den Moment zu konzentrieren.

Es war eine schwül-warme Nacht. Nach leckerer Pasta bei Saint-Johns Lieblingsitaliener schlenderten wir den Boulevard entlang. Irgendwann würden wir ein Taxi nehmen müssen, wollten wir in dieser Nacht noch in Saint-Johns Loft ankommen. Aber im Moment genossen wir die Zweisamkeit auf der menschenleeren Straße. Nur dann und wann fuhr ein Auto vorbei. Saint-John legte den Arm um meine Schultern. Es war einfach nur schön. Die zwei jugendlichen Straßengangster tauchten plötzlich aus dem Nichts heraus auf und versperrten uns den Weg.

„Die Brieftaschen!", zischte der eine und offenbarte im Schein der Neonreklame ein bemitleidenswert ungepflegtes Gebiss.

Saint-John nahm den Arm von meinen Schultern. „Macht euch nicht unglücklich, Jungs." Saint-John lächelte kalt und hart.

Die Tür ging auf, ich war wieder zurück in der Gegenwart. Saint-John reagierte blitzschnell, er stellte dem Verbrecher ein Bein und direkt, kaum dass der Typ taumelte, schlug er ihm die Waffe gegen die Schläfe. Der Typ war ohnmächtig, bevor er auf dem Boden aufschlug. Der zweite, ein großgewachsener bulliger Kerl wollte reagieren, aber ich schnellte vor. „Keine Bewegung. Und keinen Mucks!", rief ich nur so laut wie unbedingt nötig. Der Kerl hielt eine Maschinenpistole im Anschlag, doch er entschied sich die Waffe sinken zu lassen.

„Die Waffe auf den Boden legen! Mit dem Fuß hierher kicken." Er gehorchte. Saint-John hob die Waffe auf und mit einer plötzlichen, auch für mich unerwarteten Bewegung knallte er auch diesem Kerl die Waffe gegen die Schläfe. Saint-John fing ihn auf und bremste so den Fall. Bewundernd betrachtete ich die beiden ohnmächtigen Verbrecher. „Das sah gekonnt aus", lobte ich meinen Ex-Freund. Ich grinste dabei und er hörte es heraus.

„Solltest du doch wissen, seit dem Vorfall auf dem Boulevard."

„Ja, sollte ich wissen...", murmelte ich. Sollte, hätte, könnte. Er hätte nicht Schluss machen sollen. Bitterkeit. Nicht so.

Wir zogen die beiden Männer aus der Tür ins Büro hinein und ketteten sie mit Handschellen an die Heizung. Das Rohr sah stabil aus. Vorsichtshalber überprüfte ich die Vitalzeichen. Auf Schwierigkeiten wegen unterlassener Hilfeleistung oder so was in der Art bei Verbrechern hatte ich keine Lust.

Uns war beiden klar, dass jetzt Eile geboten war. Über kurz oder lang würde man die beiden vermissen. Und dann würde ein anderer sie suchen gehen. Und sie vielleicht finden und Alarm schlagen. Rasch durchquerten wir das nächste Büro, dann nach links in die Büros hinter der Schalterhalle. Im nächsten Büro hörten wir dann Stimmen und Schritte. Diese Verbindungstür hatten kein Sicherheitsschloss und somit auch keinen Zylinder. Mit einem inneren Grinsen beugte ich mich herab und linste durchs Schlüsselloch. Saint-John stellte sich neben mich, die Waffe noch immer schussbereit im Anschlag. An der gegenüberliegenden Wand kauerten drei Geisel. Eine Frau in einer roten Bluse mit grauem Rock, ihre langen braunen Haare hingen ihr zerzaust ins Gesicht. Ein übergewichtiger, relativ junger Mann saß neben ihr mit angezogenen Beinen. Sein Blick folgte ausdruckslos dem auf und ab patrouillierenden Bankräuber. Mit schweren Schritten durchquerte der immer wieder mein Blickfeld. Die dritte Person konnte ich nicht richtig erkennen, er war von einem der Schreibtische halb verdeckt.

„Wo bleiben die anderen", hörte ich eine dunkle Stimme. „Das dauert scheiße-lang."

„Das dauert eben.", antwortete eine zweite Stimme. Diese Stimme war deutlich höher, womöglich sogar eine Frauenstimme.

„Hoffentlich dreht er nicht wieder durch. Die ständige Schießerei nervt."

Ich streckte den rechten Arm seitlich aus und zeigte Saint-John zwei Finger an. Mindestens zwei Bankräuber.

Jetzt eine dritte Stimme, männlich, ziemlich leise. Ich konnte nicht verstehen, was er sagte. Ich zeigte Saint-John eine drei an.

„Und?", fragte ich meinen Ex-Freund leise, als meinen Posten an der Tür verlassen hatte.

„Ich gehe da rein." Saint-John flüsterte kaum hörbar und kam ganz nah an mich heran. Ich roch sein Rasierwasser. Ich roch ihn. Dieser herbe Duft nach Saint-John. „Du musst nicht..."

„Hey", murmelte ich zurück, „Gefahr in Verzug! Schließlich haben die Geiseln. Ich werde dich ganz sicher nicht alleine da rein marschieren lassen..." Ich wusste, dass es leichtsinnig war. Keine Rückendeckung. Und nur eine magere Schlüssellochinfo.

‚Ich liebe dich‘, lag mir auf der Zunge, aber es kam nicht raus. Nicht jetzt, nicht hier in dem dunklen Büro mit einer kugelsicheren Weste über der Polizeikluft und einer Waffe in der Hand. Und außerdem wollte ich das nicht vorschnell nur wegen einer Situation sagen. Aber da war auch wieder dieses komische Gefühl, dieses Gefühl, dass diese Sache nicht gut ausgehen würde. Aber es war keine Zeit mehr. Keine Zeit mehr, um nachzudenken. Saint-John riss die Tür auf. Die drei Geiselnehmer zuckten zusammen, hoben sofort die Waffen an, aber ich war schneller. Zweimal schoss ich. Zweimal hörte ich einen Aufschrei, die Waffen knallten zu Boden, die beiden Männer taumelten. Die dritte Person war tatsächlich eine Frau, schwerbewaffnet. Ein Schuss schoss an mir vorbei und schlug in die Wand. Ich spürte die feinen Betonsplitter im Nacken. Dann traf Saint-Johns Schuss sie, die Wucht riss sie von den Beinen. Hinterrücks knallte sie gegen einen Schrank und rutschte daran zu Boden.

Den vierten Mann hatte ich nicht gesehen. Er musste neben an der Tür gelehnt haben, war jetzt vorgeschnellt und schoss sofort. Der erste Schuss traf mich an der rechten Schulter. Die Weste hielt stand, aber die Wucht des Aufpralls raubte mir den Atem. Ich konnte mich nicht auf den Beinen halten und noch bevor ich auf dem Boden aufschlug, traf mich der zweite Schuss. Und sofort spürte ich den Schmerz. Wie ein glühend heißes Schwert durchdrang mich die Kugel irgendwo am Hals.

Die Halsschlagader!

Meine Hand fuhr blitzschnell zum Hals. Blut. Die Halsschlagader! Fest presste ich meine Hand auf die Wunde. Der Schmerz war nebensächlich. Blut quoll zwischen meinen Fingern hindurch.

„Eliot!" Saint-John war da. „Eliot!"

Ich löste die Hand von der Wunde, setzte mich ein wenig auf, Saint-John versuchte mich zu stützen. Seine Hand, die sich unter meine Achsel schob, tat gut. Seine Hand, die mich so oft berührt hatte und doch erschien es jetzt zu wenig. Zu wenig für ein ganzes Leben.

„Es ist zu wenig", keuchte ich. „Zu wenig Blut."

Zu wenig Blut für eine Verletzung der Halsschlagader.

Kapitel 4 von Prue

Die Frau mit der roten Bluse tauchte plötzlich vor mir auf und hielt mir mit zitternder Hand einen gefalteten Schal hin. Saint-John nahm den Schal und drückte ihn mir auf die Wunde.

„Die Waffen", murmelte ich und übernahm das Draufdrücken selbst. Meine Hand streifte die seine. Saint-John sprang notgedrungen wieder auf die Beine, sammelte die Waffen der getöteten Verbrecher ein und leerte vorsichtshalber die Magazine. Überzeugte sich nebenbei, dass die Geiseln nicht verletzt waren.

„Wissen Sie, ob noch mehr Geiseln genommen wurden?", fragte ich die Frau in der roten Bluse. Sie war am Boden neben mir sitzengeblieben. Sie wirkte halbwegs stabil.

„Sie haben den Direktor mit nach unten in den Tresorraum genommen und einer seiner Assistenten...."

„Sind noch viele Angestellte im Gebäude, wissen Sie das?"

Sie wischte sich mit beiden Händen durchs Gesicht und strich sich die zerzausten Haare aus dem Gesicht. Sie schniefte. „Ich weiß nicht. Aber heute war nur Minimalbesetzung. Die meisten sind auf einer Schulung und die meisten Sachbearbeiter gehen freitags früher...." Sie kämpfte jetzt mit den Tränen. Ich fragte nicht weiter, wollte nicht ihre halbwegs gute Verfassung ruinieren.

Mit einem Ächzen stand ich auf, stützte mich dabei an der Wand ab. Saint-John war sofort zur Stelle, packte mich unter der gesunden Schulter und zog mich vollends in die Höhe.

„Wir müssen los", presste ich hervor. Die Schmerzen raubten mir fast die Luft zum Atmen. Strahlten heiß und durchdringend bis in die Fingerspitzen. Für einen winzigen Moment wurde mir schwarz vor Augen. Schwindel. Ich wankte. Saint-John hielt mich.

„Bist du verrückt?"

„Wir können froh sein, dass sie die Schießerei nicht gehört wurde. Wir sollten los und die Typen im Tresorraum überraschen."

Energisch biss ich die Zähne zusammen, verdrängte mit Willen und Adrenalin den Schwindel. Saint-John hielt mich noch immer. Ein wenig zu lang, ein wenig zu fest.

„Genau da wolltest du doch hin?"

„Nicht so", flüsterte er. Ich bemerkte das feine Zittern seiner Lippen.

„Zu spät." Ich biss die Zähne zusammen, befreite mich mit einem Ruck von seinem Griff. Wie ein heißes Schwert der Schmerz. Ich spürte, dass das Blut mein Hemd durchnässte.

„Solange das Adrenalin wirkt, sollten wir los."

Entschlossen umfasste ich meine Waffe fester. Was blieb Saint-John anderes übrig? Wir halfen den anderen Geiseln auf die Beine und baten sie durch die Büros ganz nach vorne zu gehen, wo sich die andere Kollegin versteckte. Wir schärften auch ihnen ein, keinesfalls die Schalterhalle zu durchqueren. Dann öffneten wir vorsichtig die Tür zur Schalterhalle. Wir waren jetzt auf der Rückseite der Schalterhalle. Handtaschen standen noch unter den Schaltern, Papiere lagen durcheinander gewirbelt auf den Marmorfliesen. Totale Stille. Wir hielten uns dicht an der Wand, damit wir von der Galerie aus nicht gesehen werden konnten. Die Bürowand endete quasi in der Mitte der Schalterhalle. Eine breite Treppe führte nach unten. Das Gitter am Treppenende stand offen. Saint-John und ich nickten uns noch einmal zu, dann schritten wir dicht am Geländer die Treppe nach unten hinab. Wir kamen in der Mitte eines langen Flures an. Rechts war wieder ein Gitter. Es war verschlossen. Das Gitter zur linken stand offen. Weiter vorne rechts fiel Licht durch eine geöffnete Tür in den ansonsten dunklen Flur. Lediglich alle paar Meter brannte ein kleines, funzeliges Notlicht. Wir blieben wieder dicht an der Wand und schlichen uns an, bemüht keine Geräusche auf den glatt polierten Marmorboden zu verursachen. Es war keine normale Türöffnung. Es war die dicke Stahltür eines begehbaren Panzerschranks. Die Tür ging nach innen auf und gab uns so ein wenig Sichtschutz. Ich ging in die Hocke, um ebenfalls in den Raum blicken zu können.

Jemand in einem schwarzen Anzug lag auf dem Boden, das Gesicht zu uns gewandt. Die toten Augen starrten uns an. Der Bankdirektor. Er hatte seine Kooperationsbereitschaft mit dem Leben bezahlt. Direkt hinter ihm konnten wir Teile eines großen Metalltisches sehen. Darauf standen zwei große, schwarze Taschen. Immer wieder tauchten die Bankräuber auf, packten manchen Inhalt der Schließfächer in die Taschen, anderen Inhalt warfen sie achtlos auf den Tisch. Sie nahmen nur das mit, was sie für wertvoll erachteten. Obwohl sie vieles einsteckten, wurde ich den Eindruck nicht los, dass etwas gesucht wurde und alles andere nur Beigabe war. Die Druckplatten? Wirklich so ein Aufwand für mittlerweile ziemlich alte Druckplatten? Ich glaubte es nicht. Die suchten etwas anderes. Vielleicht ein besonders wertvolles Schmuckstück oder irgendwelche wichtigen Papiere oder sonst irgendwas. Irgendwas, an das jemand nur so herankommen konnte.

In diesem Moment fiel ein Schuss. Ich warf mich zu Boden. Saint-John presste sich mit dem Rücken an die Wand. Nur knapp neben ihm schlug die Kugel in die Wand. Unbemerkt hatten sich in dem dunklen Flur zwei weitere Verbrecher genähert. Pures Glück, dass wir verfehlt worden waren, so wie wir da standen, waren wir ein gutes Ziel. Wir schossen sofort zurück. Saint-John in den Flur, ich in den Tresorraum, aus dem natürlich die zwei Männer gestürzt kamen. Mehrere Kugeln zischten nur knapp an mir vorbei.

„In den Tresorraum!", rief Saint-John und wir stürzten in Raum. Ein Aufschrei, ich wirbelte herum, Saint-John fiel mir regelrecht entgegen. Jemand an der Tür, noch ein Schuss. Saint-John zuckte erneut getroffen in meinen Armen zusammen, ich stürzte unter seinem Gewicht nach hinten auf den Rücken.

Johnny!

Er rührte sich nicht, reglos begrub mich sein Körper unter sich. Der Kerl an der Tür lud die Waffe nach und hob zum nächsten Schuss an. Wir würden hier sterben. Wir beide. Jetzt und hier. Mein Leben zog nicht an mir vorbei. Die Gewissheit des Todes erfüllte mich mit einer Art seltsamen Passivität. Meine Hände krallten sich an Saint-John fest. 

Und wieder fiel ein Schuss. Ohne eine weitere Bewegung sank der Verbrecher tödlich getroffen vor mir zusammen. Irgendjemand hatte den Kerl erschossen. Wer? Egal. Nur Saint-John zählte! Hektisch und ohne Rücksicht auf meine eigene Verletzung kroch ich unter Saint-Johns Körper hervor. Eine gigantische Blutlache breitete sich immer größer werdend unter meinem Ex-Freund aus. Blut quoll aus einer Verletzung Saint-Johns linken Arm. Aber noch viel mehr Blut schoss jedoch aus seinem Oberschenkel und mir war klar, dass die Schlagader getroffen war.

„Johnny!" Die Passivität war wie weggeblasen. Ich musste die Blutung stoppen. Aber wie?

„Hier!" Plötzlich war Lily Vernice neben mir. Sie sank auf die Knie, zog sich dabei ihren Gürtel von der Taille und hielt ihn mir hin. Es war einer dieser modernen, überlangen geflochtenen Gürtel, bei denen man das Ende wiederum mit einer Schlaufe lässig durch den Gürtelriemen zieht. Ich riss ihr den Gürtel aus den Händen, umwickelte Saint-Johns Oberschenkel. Mit einem Ruck zog ich zu und schrie vor Schmerzen auf. Irgendwas knirschte in der Schulter und tat unglaublich weh. Ich musste nachlassen.

„Zusammen!" Lily Vernice packte mit an. Wieder dieses Knirschen in der Schulter. Ich versuchte die Zähne zusammenzubeißen und brach benommen zusammen.

Filmriss.

Rose hatte mir dann Tage später Bericht erstattet. Dass ich mich benommen an Saint-John gekrallt hatte. Mit Gewalt mussten mich die nun herbeigerufenen Kollegen von ihm trennen. Noch in der Schalterhalle wurde Saint-John auf der Krankenbahre zum ersten Mal wiederbelebt. Das zweite Mal im Krankenwagen. Irgendwann auf der Fahrt ins Krankenhaus war ich ohnmächtig geworden. Und erwachte erst vier Stunden später nach einer erfolgreichen Operation wieder. Die Kugel hatte schräg das Schlüsselbein durchschlagen, hatte die  Schulterpfanne gestreift und war dort steckengeblieben. Rose war bei mir, als ich aufwachte. Erleichterung zeichnete sich auf ihrem rundlichen, müde wirkenden Gesicht ab.

„Hey Rose!", flüsterte ich.

„Hey, Tarzan!" Sie lächelte mich sanft an und küsste mich auf die Stirn.

„Was ist mit Saint-John?", fragte ich sofort. Sorgenfalten auf ihrem Gesicht. „Was ist..." Ich schnappte nach Luft und musste husten.

„Er lebt. Saint-John lebt", beeilte sich Rose zu sagen. Ich beruhigte mich, schloss unglaublich erschöpft die Augen und schlief wieder ein. Als ich das zweite Mal wach wurde, waren meine Eltern und mein Bruder da, lösten Rose am Krankenbett ab. Ich lächelte, als ich wach wurde, fragte wieder nach Saint-John, aber die Antwort hörte ich schon nicht mehr. In der Nacht bekam ich Fieber, die Wunde hatte sich entzündet. Fünf Tage lang kämpfte ich, befand mich teils im Delirium, rief nach Saint-John und beruhigte mich erst, als mein Vater mir versprach, an dessen Bett zu wachen. Die zweite Operation an Saint-Johns Bein verlief zwar gut, aber Saint-John war sehr schwach und die Ärzte entschieden sich für ein künstliches Koma. Ich durfte trotz der besser werdenden Entzündung nicht zu ihm. Verständlich, aber es brachte mich fast um den Verstand. Mein Vater allerdings hielt Wort und kümmerte sich geradezu rührend um ihn.

„Da ist eine Frau, die dich unbedingt sehen will." Meine Mutter betrat fragend mein Krankenzimmer. Sehr viele Kollegen nahmen Anteil, aber ich bisher hatte ich keinen persönlich empfangen. Für eine Horde Besucher fühlte ich mich noch lange nicht stark genug. „Sie besteht drauf."

„Wer ist es denn?"

„‘Captain Vernice‘, sagt sie."

Ich wollte Captain Vernice nicht treffen, aber sie bestand tatsächlich darauf und sie hatte mir das Leben gerettet, also willigte ich ein, sie in dem kleinen Aufenthaltsraum im Flur zu treffen. Das Zimmer war mir irgendwie zu persönlich. Ich quälte mich in eine Jogginghose, meine Mutter drapierte den Morgenmantel so gut wie nur irgendwie möglich um meine Schultern. Jeder Schritt fühlte sich wie ein Erdbeben an und ich war nach den wenigen Metern zu dem Aufenthaltsraum schon völlig erschöpft.

Lily Vernice stand am Fenster und blickte hinaus in die noch schneelose Winterlandschaft. Sie trug schwarze Lederstiefel mit unglaublich hohen Absätzen, die sie viel größer erscheinen ließen, als sie tatsächlich war. Der Saum ihres grauen Mantels reichte bis fast zu den Knöcheln und so konnte ich nicht sagen, ob sie Jacke oder Hose trug. Die Hände hatte sie tief in den Taschen vergraben.

„Captain Vernice", begrüßte ich sie und der Captain drehte sich zu mir um.

„Officer Burgh", sagte sie ohne die Miene zu verziehen. Lily Vernice, die Frau die niemals lachte.

„Sie werden irgendwann zu ihrem Alleingang befragt werden", sagte sie. Ihre kalten, grünen Augen ruhten auf mir.

„Ja, werde ich." Der Schmerz in der Schulter strahlte nach wie vor heiß glühend bis in den kleinen Finger. Nur mühevoll konnte ich mich auf Lily Vernice konzentrieren.

„Zurück war nicht möglich. Sie haben sich einfach weiter durchgekämpft."

Verwirrt blickte ich sie an. Und dann begriff ich, sie war ebenfalls im Alleingang unterwegs gewesen. Zögernd nickte ich. Sie zog die Hände aus den Manteltaschen. Lily Vernice trug feine Lederhandschuhe, die sicherlich sehr teuer gewesen waren. Aus ihrer schwarzen Handtasche holte sie ein in Zeitungspapier eingeschlagenes Päckchen hervor. Mir war sofort klar, um was es sich handelte.  

Verblüffung breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Warum?"

„Es ist nicht wegen Ihnen und auch nicht wegen Saint-John."

„Wegen dem Indianer?" Ich presste die Zähne vor Schmerzen zusammen. Der eigentlich kurze Gang zu dem Aufenthaltsraum war definitiv zu viel gewesen.

Sie wich aus. „Andere haben auch Freunde."

Sie steckte das Päckchen wieder ein. „Gute Besserung, Officer Burgh. Und frohe Weihnachten." Sie lächelte nicht, noch nicht mal eine Andeutung.

„Frohe Weihnachten. Und vielen Dank übrigens noch", beeilte ich mich zu sagen.

Keine Antwort. Mit festen Schritten verließ sie das Zimmer. Ihre Schuhe klackerten laut auf dem Krankenhausflur, dann hörte ich die Stationstür.

Ich trat zum Fenster und lehnte mich dagegen. Der Weg zurück ins Zimmer schien unüberwindbar. Jetzt tauchte Lily Vernice draußen vorm Krankenhaus auf. Ihre langen, braunen Haare wippten im Rhythmus ihrer Schritte. Bei der langen Mülltonnenreihe am Rande des Parkplatzes hielt sie an, hob einen der Deckel an, holte wieder das Päckchen hervor und warf es hinein. Dann drehte sie sich um, blickte nach oben, als wüsste sie, dass ich sie beobachtete. Sie hob die Hand zu einem kurzen Gruß. Eine Art von persönlicher Geste und zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass Lily Vernice irgend etwas Persönliches von sich preisgegeben hatte. Obwohl man bei dieser Geste nicht wirklich von preisgeben sprechen konnte. Lily Vernice, die Frau, die niemals lachte und die ich nicht verstand, mit der ich nie würde warmwerden können - so dachte ich damals. Wenn mir an diesem Tag jemand erzählt hätte, dass mich einige Jahre später eine innige Freundschaft mit Lily Vernice verbinden würde, hätte ich ihn laut ausgelacht.

Ich war heilfroh, als meine Mutter mit sorgenvollem Blick erschien und mich stützend ins Zimmer zurückführte.

Nur wenige Tage später wurde Saint-John aus dem künstlichen Koma zurückgeholt. Ich durfte nicht dabei sein, meine Entzündungswerte waren noch zu hoch. Zu gefährlich für Saint-John und so harrte ich in meinem Bett aus. Meine Eltern wachten auf meine Bitte hin an seinem Bett und brachten mir am Nachmittag die Nachricht, dass es ihm soweit gut ginge. Er war ansprechbar und orientiert. Ich war unglaublich erleichtert. Zwei Tage vor Weihnachten durfte ich dann endlich zu ihm.

„Hey", begrüßte ich ihn mit sanfter Stimme.

Saint-John wirkte schmal und blass. Die tiefen Ringe unter den Augen zeigten, dass er einen harten Kampf hinter sich hatte. „Hey." Seine volle Stimme klang ungewohnt leise. Aber er sprach dennoch klar und deutlich. Die vielen Schläuche und Geräte um ihn herum jagten mir Angst ein. Ich setze mich auf den Stuhl neben seinen Bett und ergriff mit meinem gesunden Arm seine Hand.

„Es tut mir leid, es tut mir wirklich leid, Eliot."

Wenn man etwas zu verlieren droht, wirklich zu verlieren droht, weiß man plötzlich, was es einem bedeutet und ob man in der Lage ist, gewisse Dinge zu akzeptieren, zukünftig damit zu leben. „Ich liebe dich, Johnny. Du musst gesund werden. Um alles andere mach dir jetzt keine Gedanken. Das können wir irgendwann klären, wir haben viel Zeit."

Saint-John erwiderte erleichtert mein Lächeln.

24. Dezember, 20:13 Uhr. Müde setzte ich mich auf das leere Nachbarbett in Saint-Johns Zimmer. In der Ecke stand ein kleiner, künstlicher Weihnachtsbaum, den meine Mutter besorgt hatte. Wir hatten gemeinsam leckeres Krankenhausessen gegessen, zumindest hatten wir uns eingeredet, dass es lecker war. Meine Mutter hatte danach ein paar Weihnachtslieder gesungen, die mein Bruder mit der Blockflöte begleitet hatte. Ein Ritual seit meiner Kindheit.

Auf den Nachttischen stapelten sich zahlreiche Weihnachtskarten von Kollegen, viele liebe Grüße, meine Mutter hatte uns allerdings noch Ruhe verordnet und hatte nur Rose durchgelassen.

Wir hatten das Beste aus dem Abend rausgeholt.

„Danke, dass du meine Eltern in deiner Wohnung wohnen lässt." Saint-Johns Wohnung lag nur einen Steinwurfweit vom Krankenhaus entfernt, während meine Wohnung über eine Wegstunde entfernt lag.

„Kein Problem. Ich bin unheimlich froh, dass deine Eltern da sind..." Saint-John hatte keine nähere Verwandtschaft. „... und mich so eingeschlossen haben."

„Es wird der Tag kommen, an dem du dir die Fürsorge meiner Mutter zum Teufel wünschst." Ich grinste.

„Sie wohnen dann ja wieder zu Hause. Weit genug weg." Saint-John grinste zurück.

„Eliot." Er klang jetzt sehr ernst. „Ich liebe dich. Ich hätte dich niemals verlassen dürfen, das war der größte Fehler, den ich hatte machen können. Ich möchte nie mehr ohne dich sein."

Saint-John blickte mich unverwandt an. Noch immer tat die Wunde in meinem Innern weh und wir würden darüber sprechen müssen. Wir würden über die Druckplatten und Lily Vernices Auftritt sprechen müssen. Eine gewaltige Hypothek. Im Moment jedoch war ich nur allzu gerne bereit, das Gespräch zu verschieben. Ich wollte Saint-John. Ich wollte weiterhin mit ihm zusammen sein, egal was gewesen war oder was sein würde. Wir würden alles klären. Irgendwann.

Umständlich stand ich von dem Bett auf, mein Arm war mit Schlaufe und Schiene am Körper fixiert, um die Schulter ruhigzustellen. Unter der Bettdecke zog Saint-John währenddessen ein kleines, dunkelblaues Kästchen hervor. Mein Herz stockte, ich schluckte trocken.  Saint-John klappte es auf. Ein schmaler, goldener Ring.

„Johnny", flüsterte ich unwillkürlich ganz leise.

Saint-John nahm den Ring heraus, ich hob die Hand und er schob mir den Ring an den Ringfinger. Fasziniert betrachtete ich den schmalen Reif. „Der Ring ist wunderschön. Wo... Wie..."

„Dein Vater, zahlreiche Kataloge und meine Kreditkarte sind ein super Team..." Saint-John winkte mich heran. Ich beugte mich vor. Mit seiner rechten Hand umfasste er fest meinen Nacken und zog mich noch näher heran. „Für immer, Eliot Thomas Burgh", sagte er und küsste mich. Zuerst sanft, fast schon vorsichtig erkundigte seine Zunge meinen Mund. Dann verstärkte er den Druck, drückte mich fester heran und intensivierte den Kuss. Ich stöhnte in seinen Mund. Und wäre gerne weiter gegangen, aber derartige Aktionen würden wohl noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.

„Für immer", antwortete ich, als er keuchend seinen Griff lockerte.

Draußen wandelte sich der Schneeregen in dicke Schneeflocken.

The End

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