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Changes von silverbird
Inhalt:

Doc Aldin Hensen betreut Menschen mit einem Trauma. Die Meisten von ihnen sind Soldaten. Ein Neuankömmling kommt aber aus einem anderen Grund auf Hensons Farm.


Fandom(s): Originale Pairing(s): Dean Wilson/Sam Hensen
Story-Genre: Abenteuer, Allgemeine Story, Krimi, Romanze
Lšnge der Story: Mehrteiler
Story-Typ: Slash - M/M
Warnungen: Keine
Challenges:
Serie: Changes
Kapitel: 18 Story vollendet: Ja Anzahl der Wörter: 38569 Wörter Gelesen: 25768 Mal Datum der Veröffentlichung: 02.07.12 Letztes Update: 04.11.12
Kommentar:

Alle Charaktere und Elemente sind mein Eigentum und dürfen ohne meine Erlaubnis nicht weiterverwendet werden. Es besteht keinerlei Bezug zu realen Personen, sollte es Ähnlichkeiten geben waren diese nicht beabsichtigt.

 

Storypic: SilentThunder

Beta: SilentThunder

1. Kapitel 1 von silverbird

2. Kapitel 2 von silverbird

3. Kapitel 3 von silverbird

4. Kapitel 4 von silverbird

5. Kapitel 5 von silverbird

6. Kapitel 6 von silverbird

7. Kapitel 7 von silverbird

8. Kapitel 8 von silverbird

9. Kapitel 9 von silverbird

10. Kapitel 10 von silverbird

11. Kapitel 11 von silverbird

12. Kapitel 12 von silverbird

13. Kapitel 13 von silverbird

14. Kapitel 14 von silverbird

15. Kapitel 15 von silverbird

16. Kapitel 16 von silverbird

17. Kapitel 17 von silverbird

18. Kapitel 18 von silverbird

Kapitel 1 von silverbird

 

 

„Es ist nur für zwei bis drei Tage, Sam. Er wird keine Schwierigkeiten machen. Das Apartment über der Garage ist gerichtet, der Kühlschrank ist gefüllt und wenn du dich besser fühlst, dann soll er dort bleiben, bis ich wieder zurück bin", versuchte Mr. Hensen seinen Sohn zu beschwichtigen, während er hektisch den Koffer in den Wagen stopfte und sich schnell hinter das Steuer setzte.

Sam seufzte ergeben. Wieso mußte seine Schwester auch ausgerechnet jetzt ihr Kind bekommen. Zwei Wochen vor dem geplanten Termin. Klar, daß seine Eltern nach ihrer Tochter, Kate, sehen und Sams Mutter ihr zur Seite stehen wollte. Schließlich war es Kates erstes Kind. Dennoch, manchmal nervte Sam der Job seines Vaters. Vor allem im Moment, wo er selbst gerade zu Hause angekommen war und sich jetzt um einen Neuankömmling kümmern mußte.

Okay, wenn er ehrlich war bewunderte er, was sein Vater machte. Er hatte eine Reha gegründet und half Menschen mit psychischen Störungen, die Probleme damit hatten, sich im normalen Leben zu Recht zu finden. Großteils handelte es sich um Soldaten, die mit ihrem Trauma nicht alleine fertig wurden.

So gesehen, waren Sam und seine Schwestern unter Soldaten aufgewachsen. Denn schon seit er ein kleines Kind gewesen war, betrieben seine Eltern dieses Projekt. Dennoch zeigten sie ihren Kindern immer, daß sie an erster Stelle standen. Vielleicht war das jetzt auch der Grund gewesen, wieso Sam nach dem Collage wieder auf die Farm zurückgekehrt war. Nein, nicht nur deswegen. Je älter er wurde, umso mehr bewunderte er die Arbeit seiner Eltern. Jetzt, mit 24 Jahren hatte er erkannt, daß er auch noch viel von ihnen lernen konnte. Außerdem hatte er festgestellt, daß ihm das hektische Leben in der Stadt auf Dauer nicht gefiel und was genau er mit seinem Leben anfangen wollte, wußte er auch noch nicht genau. Aber hier war der Platz wo er es herausfinden würde, da war er sich sicher. Daher würde er erstmal seine Eltern in allen Belangen unterstützen, dazu gehörte eben auch, sich mit dem neuen „Gast" auseinander zu setzen.

„Okay Dad, ich komm schon klar. Gib mir nur noch eine kurze Info was es mit dem Kerl auf sich hat und worauf ich achten muß", bat Sam noch rasch, da sein Vater schon den Motor startete.

„Ich kann dir leider gar nichts sagen. Ich weiß noch nicht einmal seinen Namen. Paul wollte mir die Unterlagen faxen, aber es gibt schon seit einer Woche irgendein Problem mit der Leitung. Ich hoffe aber, daß sie bald wieder funktioniert. Es tut mir leid, Sam. Du hast dir deine Rückkehr nach Hause sicher anders vorgestellt. Ich mache es wieder gut. Versprochen", rief  Sams Mutter hin und her gerissen, bei ihrem eben erst zurück gekommenen Sohn bleiben zu wollen, aber auch ihrer Tochter in ihrer schweren Stunde beizustehen.

„Mach dir keine Gedanken, Mom. Ich habe vor länger zu bleiben. Gib Kate einen Kuß von mir und meiner kleinen Nichte auch, sobald sie auf der Welt ist. Sag ihr, ich komme bald, um sie selbst zu begutachten."

„Woher weißt du, daß es ein Mädchen wird?", wollte sein Vater verwundert wissen.

Sam lächelte verschmitzt, sagte aber nichts.

„Sie hat es dir gesagt. Du hast mit deiner Schwester telefoniert", mutmaßte Aldin sofort, doch bevor er näher darauf eingehen konnte, wurde er von seiner Frau gedrängt endlich los zu fahren.

Sam sah dem Wagen nach, bis er nicht mehr zu sehen war, dann wandte er sich um und ging zum Haus, das er über einen Seiteneingang betrat. Seine Eltern hatten zwei Wohneinheiten angebaut, als ihre Kinder erwachsen geworden waren, da sie die Meinung vertraten, daß ihre Kinder ab einem gewissen Alter nicht nur das Recht darauf hatten selbst bestimmend zu leben, sondern so auch lernten, eigenverantwortlich einen Haushalt zu führen. Dennoch war es Tradition, daß sich die Familie zumindest einmal im Tag um den Tisch im Haupthaus einfand, um gemeinsam zu essen.

Obwohl sie eine Haushaltshilfe beschäftigten, kochte seine Mutter das Hauptessen so gut wie immer selbst. Außer sie war wie jetzt unterwegs. In diesem Augenblick fragte sich Sam, wo Anna, die gute Seele des Hauses, überhaupt abgeblieben war. Sie stand sonst immer vor dem Haus, um zu winken, wenn seine Eltern wegfuhren. Sam beschloß seine Schwester später nach Anna zu fragen und stieg die Stufen hoch.

Sein Apartment lag am äußersten Ende des Hauses und bestand aus einem Schlafzimmer, einer kleinen Küche die in den Eß, - Wohnraum mündete, einem ziemlich großen Badezimmer, in der es sowohl eine Dusche, wie auch eine Eckbadewanne gab. Vom Wohnzimmer aus konnte man auf eine kleine Terrasse gelangen, die mit einem Tisch und vier Stühlen ausgestattet war. Sam war gerade dabei seine Bücher in das Regal zu räumen, als seine kleine Schwester Tessa die Tür aufriß, auf ihren Bruder zurannte und ihn stürmisch umarmte.

„Da bist du ja endlich. Ich habe die halbe Nacht auf dich gewartet. Okay, nicht die halbe Nacht. Mom hat mich um 23 Uhr ins Bett geschickt, wegen der Schule heute." Tessa verdrehte die Augen und Sam lachte, während er sie erst hochhob, fest an sich drückte und sie dann abstellte. Dann betrachtete er sie von oben bis unten. Hey, du bist erwachsen geworden und hübscher als je zuvor. Das ist gar nicht gut", seufzte er und machte ein trauriges Gesicht.

Tessa lachte, weil sie genau wußte, was Sam mit seiner Aussage bezweckte. „Keine Angst, du wirst immer mein Lieblingsbruder bleiben."

„Kunststück, ich bin ja auch dein Einziger", bemerkte Sam lachend und Tessa grinste.

„Da hast du auch wieder recht. Trotzdem mußt du dir keine Sorgen machen. Noch nicht, denn die Jungs in unserer Schule kann man voll vergessen. Das sind ja alles noch Kinder." Sie seufzte hörbar und Sam mußte sich ein Schmunzeln verkneifen. Gleichzeitig war er froh, daß ihr noch keiner über den Weg gelaufen war. Doch lange würde es vermutlich nicht mehr dauern, denn Tessa war 15 Jahre alt. Trotzdem erwiderte er: „Was ist denn aus diesem Kevin geworden, mit dem ich dich bei meinem letzten Besuch auf dem Stadtfest gesehen habe?"

Tessa stemmte beleidigt die Hände in die Hüften. „Wofür hältst du mich? Ich dachte, du würdest mir mehr Geschmack zutrauen. Ich habe ihm nur Nachhilfe gegeben. Mach ich übrigens immer noch. Er ist nicht der Hellste, mußt du wissen." Sie verdrehte die Augen erneut und Sam lachte herzlich, dann drückte er sie noch mal kurz, aber fest an sich.

„Ich hab dich lieb, Tess, und drehe jedem den Hals um der dir weh tut. Klar?"

„Ja toll. Das hat Dad auch gesagt. Was im Klartext bedeutet, daß ich unter Dauerüberwachung stehe. Wie meine Chancen da stehen einen tollen Jungen kennen zu lernen ist von vorne herein klar", brummte sie seufzend.

Sam gab ihr einen raschen Kuß auf die Stirn, dann zwinkerte er ihr zu. „Tja, wenn du so clever bist wie deine Schwester....." den Rest ließ er offen, aber mehr mußte er auch nicht sagen, denn Tessa grinste verständig. „Danke für den Tipp und wenn du mir später noch deinen Spezialtoast machst, helfe ich dir deine Bücher einzuräumen. Deal?"

„Deal", stimmte Sam und fragte dann nach Anna.

„Mom hat sie zu ihrer Schwester geschickt, damit sie sich ein bisschen erholt. Anna will es nicht zugeben, aber es wird ihr inzwischen zu viel. Sie ist ja nicht mehr die Jüngste und schafft die Arbeit mit dem großen Haus kaum noch. Aber sie gehört inzwischen zur Familie und es würde ihr das Herz brechen, wenn wir sie in Ruhestand schicken würden. Daher hat Mom es so gedreht, daß sie Anna beauftragt hat eine weitere Hilfe zu suchen, mit dem Argument, daß sie planen noch ein paar Patienten aufzunehmen und Pete ja nicht mehr der Jüngste sei und Unterstützung brauche. Anna aber im Haus unentbehrlich sei. Du bist auch wieder da und Kate wird mit ihrem Kind hoffentlich auch öfter zu Besuch kommen. Daher brauchen sie eine Kraft die überall einsetzbar ist und auch Anna unterstützen kann, wenn so viele Leute im Haus sind", berichtete Tessa grinsend.

Sam grinste ebenfalls. „Wir haben eine kluge Mutter und ehrlich gesagt ich würde Anna sehr vermissen. Sie ist für uns eigentlich so was wie eine Granny." Tessa nickte nur dazu, dann trollte sie sich in ihr Zimmer, mit dem Argument, dringend telefonieren zu müssen.

~*~

Zwei Stunden später stand Sam am Herd in der Küche seiner Eltern und stellte seiner Schwester bereits den zweiten Toast hin.

„Ich bin schon gespannt auf den Neuen", verkündete Tessa ein paar Minuten später und schob sich das letzte Stück Toast in den Mund.

„Halte dich bitte fern von ihm und lass ihn nicht ins Haus. Ich möchte nicht..."

„Ja, ja. Ich kenne die Regeln", unterbrach seine Schwester ihn genervt.

Doch Sam schaute sie ernst an. „Nimm diese Warnungen nicht auf die leichte Schulter, Theresa. Du hast selbst schon erlebt wie manche der Leute ausgeflippt sind, die Vater angeschleppt hat. Auch wenn er nur leichtere Fälle bei uns aufnimmt, weiß man bei solchen Leuten nie. Also halte dich bitte strickt an die Regeln."

„Ich verspreche es", stimmte sie ernst zu. Wenn ihr Bruder sie Theresa nannte, was nur vorkam, wenn er nachdrücklich seinen Standpunkt klar machte, war es besser, ihn nicht zu verärgern. Daher sagte sie vorerst nichts und stand auf, um ihren Teller in den Geschirrspüler zu räumen. Nachdem sie das erledigt hatte, erklärte sie noch. „Ich muß leider noch Hausaufgaben machen. Rufst du mich, wenn der Neue kommt? Ich will nur gucken", erklärte sie rasch.

Sam seufzte tief. Er liebte seine kleine Schwester, aber sie konnte eine echte Nervensäge sein. „Mal sehen und jetzt mach, daß du nach Oben kommst", verlangte er lächelnd und sie trollte sich sofort.

Tessa hatte ihr Zimmer natürlich noch im Hauptteil des Hauses und während Sam die Küche wieder in Ordnung brachte, überlegte er, was er mit dem restlichen Tag anfangen sollte. Er beschloß nach draußen zu gehen und nachzusehen, ob es neue Pferde auf der Koppel gab. Gerade als er sich auf den Weg machte, hielt ein schwarzer Suv auf dem Vorplatz. Ein Mann stieg aus und schaute sich in Ruhe um.

Sam kannte ihn nicht und vermutete, daß es sich um den neuen Schützling seines Vaters handelte. Er war ungefähr in seinem Alter, vielleicht auch ein paar Jahre älter, aber um cirka zehn Zentimeter kleiner als er selbst, da er mit seinen 1 Meter 95 aber ohnehin so gut wie jeden überragte. Sam checkte die Gesamterscheinung des Neuen weiter ab. Er trug eine ausgeblichene Jeans und eine abgewetzte, schwarze Lederjacke. Sein Haar war kurz geschnitten und die Gesichtszüge markant. Er konnte nicht bestreiten, daß der Mann gut aussah und er mußte sofort an seine Schwester denken. Er nahm sich vor, besonders gut auf sie aufzupassen, denn dieser Mann hatte etwas an sich, das Sam nicht benennen konnte.

Aber sein Bauchgefühl sendete Signale aus und Sam wußte, auf dieses Gefühl konnte er sich immer verlassen. Trotzdem, er war von seinen Eltern dazu erzogen worden jedem Menschen eine Chance zu geben. Daran würde er sich halten und versuchen keine Vorurteile zuzulassen. Wobei er ohnehin nicht behaupten konnte, dass sein Bauch ein negatives Gefühl signalisierte.  

Plötzlich fiel der Blick des Fremden auf Sam und er schlenderte auf ihn zu. „Ich suche Doc Hensen", sagte er mit einer tiefen Stimme, die in Sams Bauch ein unerklärbares Kribbeln verursachte. Er brauchte daher fast eine Minute bis er antworten konnte.

„Mein Vater mußte unerwarteter Weise für ein paar Tage weg, daher wirst du warten müssen, bis er zurück ist. Ich nehme an du bist hier, um an dem Programm teilzunehmen?"

Der Fremde nickte nur und Sam erklärte daraufhin: „Okay. Dann werde ich dir gleich dein Zimmer zeigen. Fahr deinen Wagen bitte zu den anderen dort drüben." Sam zeigte zu einem Gebäude das schräg an das Wohnhaus anschloß. Daneben standen einige Fahrzeuge unter einem langen Carport. Der Fremde nickte erneut und ging zurück zu seinem Auto. Nachdem er eingeparkt hatte, nahm er zwei Taschen aus dem Kofferraum und folgte Sam, der auf eine kleine Tür zuging, die neben drei großen Rolltoren angebracht war.

Sie traten ein und durchschritten einen großen Raum, in dem diverse Fahrzeuge standen. Sam steuerte auf eine Eisentreppe zu, die nach oben führte. Nachdem die Beiden sie erklommen hatten, bleib Sam vor einer Tür stehen, nahm einen Schlüssel von einem Haken neben der Tür. „Hier wirst du während deines Aufenthaltes wohnen", erklärte er, sperrte die Tür auf und trat ein. Er legte den Schlüssel auf das kleine Bord neben der Tür und drehte sich zu dem Neuen um, der ihm wortlos gefolgt war. „Ich heiße übrigens Sam und du?", fragte Sam neugierig.

„Ich nicht", bekam er zur Antwort. „Und mach die Tür hinter dir zu, wenn du raus gehst."

Sam war derart perplex, dass er wortlos gehorchte. Erst als er die Treppe hinunterging, wurde ihm so richtig bewußt, daß der Neue ihn faktisch auf unhöflichste Weise raus geschmissen hatte und er schimpfte fassungslos vor sich hin. Es stand außer Frage, mit dem Typen würden sie alle noch ihre Schwierigkeiten haben. Sams Vorsätze dem Kerl Vorurteilsfrei zu begegnen löste sich in Luft auf.

~*~

Kaum hatte sich die Tür hinter dem Fremden geschlossen, stellte er seine Tasche auf das Bett, setzte sich daneben und atmete erstmal tief durch. „Okay, das war kein guter Start. Wenn mein Plan funktionieren soll, muß ich das wohl anders angehen", entschied er seufzend. Dann rollte er seine verspannten Schultern, schloß müde kurz die Augen, bevor er die Tasche öffnete und frische Kleidung, sowie Verbandszeug heraus nahm. Erst dann schaute er sich im Zimmer um. Mit einem Blick erfaßte er die karge Einrichtung und stellte auch fest, daß das Fenster nach Osten ausgerichtet war, was bedeutete, daß ihn die Sonne früh wecken würde. „Schöner Mist", murmelte er, denn Schlafen war im Moment seine erste Option. Schließlich war er 48 Stunden durchgehend wach gewesen und dementsprechend müde. Aber da er ohnehin nie mehr als vier maximal fünf Stunden schlief, war es eigentlich egal in welche Himmelsrichtung das Fenster zeigte.

Dennoch seufzend setzte er sich erneut auf das Bett und zuckte auch sogleich zusammen, weil ein stechender Schmerz durch seinen unteren Rücken fuhr. Gewohnt Schmerzen zu ignorieren, fing er sich sogleich, stand auf und humpelte zur Tür. Dort nahm den Schlüssel von dem Bord und sperrte sein derzeitiges Reich erstmal ab. Erst dann griff er nach der frischen Wäsche und dem Verbandszeug und ging auf die Tür zu, hinter der er das Badezimmer vermutete. Dort zog er seine Hose und das T-Shirt aus und verdrehte sich so gut es ging um die Verletzung zu behandeln.

Der Mull, mit dem er die Wunde abgedeckt hatte, ließ sich nicht ablösen. Daher riß er ihn mit einem Ruck ab. Durch den Schmerz gab einen zischenden Laut von sich, dann betrachtete er so gut es ging die nun frisch blutende Wunde, die sich kurz oberhalb seines Gesäßmuskels befand. Sie hatte sich entzündet und sah übel aus. Trotzdem, es hätte schlimmer ausgehen können.

Sie hatten ihn zu Dritt angegriffen. Während er die ersten Zwei außer Gefecht setzte, war der Dritte war mit dem Messer auf ihn los gegangen. Durch eine rasche Drehung hatte er soweit ausweichen können, daß ihm die Stichwaffe nicht in den Rücken gerammt wurde und er „nur" mit einer tieferen Fleischwunde davon gekommen war.

 „Duschen, neu verbinden und dann wird es schon wieder", redete er sich zu, zog sich vollständig aus und stieg in die Duschkabine.

~*~

Sam war inzwischen ins Haus zurückgekehrt und beschloß seine Schwester über die Ankunft des Neuen zu informieren und sie noch einmal eindringlich zu warnen. Auch wenn Sam aus Erfahrung wußte, daß die Leute die neu bei ihnen ankamen, sich generell abweisend benahmen, so strahlte dieser Kerl etwas aus, das Sam nicht benennen konnte. Dabei war es noch immer kein ungutes, oder unheimliches Gefühl, das ihn beschlich, wenn er an den Neuen dachte. Dennoch, er war gefährlich. Das stand für Sam außer Frage. Nur die Art der Gefährlichkeit konnte er nicht einordnen.

Er erreichte Tessas Zimmer und klopfte. Nachdem sie ihn aufgefordert hatte einzutreten, betrat er den Raum und schaute sich neugierig um. „Hey, da hat sich ja einiges getan, seit ich das letzte Mal hier war", fiel ihm auf.

„War Zeit für ein neues Styling. Schließlich bin ich kein Kind mehr", behauptete sie und schob Mr. Moon, einen nachtblauen Plüschmond, der neben ihr auf dem Schreibtisch lag, rasch auf den Boden.

„Verstehe", entgegnete Sam ohne eine Mine zu verziehen, obwohl er genau bemerkt hatte, welches Schicksal Mr. Moon gerade ereilt hatte. „Der Neue ist angekommen", erzählte er und setzet sich auf das Bett.

Sofort hatte er Tessas Aufmerksamkeit. „Wie sieht er aus? Wie alt ist er? Und wie ist er überhaupt so? Jeff und dieses Pickelgesicht Olsen sind echte Blödmänner. Ach ja, du kennst sie ja nicht. Na jedenfalls sind sie seit drei Monaten hier. Also waren sie bis jetzt die Neuen. Aber jetzt haben wir ja einen neuen Neuen. Na wie auch immer, was die Blödmänner betrifft. Vater sagt, sie machen sich gut, aber ich kann sie nicht leiden."

In Sam schlugen sofort alle Alarmglocken an. „Wie meinst du das?"

„Kein Grund sich gleich Sorgen zu machen", winkte Tessa ab, die sofort bemerkte, daß Sam beunruhigt war. „Sie versuchen immer witzig zu sein, sind aber einfach nur blöd. Wenn du mich fragst, haben sie die geistige Leistungsfähigkeit eines Blecheimers. Ich gehe ihnen aus dem Weg, weil mir einfach schlecht wird, wenn einer von ihnen den Mund aufmacht. Daher hoffe ich echt, der Neue ist anders. Also erzähl schon", forderte sie und schaute ihren Bruder gespannt an.

Kapitel 2 von silverbird

Sam hatte die spärlichen Informationen an seine Schwester weitergegeben. Natürlich war sie über das Wenige entsprechend enttäuscht, doch Tessa wurde rasch abgelenkt, weil ihr Handy klingelte. Ihre beste Freundin rief an und somit war Sam in dem Zimmer nicht mehr erwünscht, was er schmunzelnd hinnahm. Daher begab er sich in sein Apartment und räumte noch ein paar Gegenstände weg. Währenddessen dachte er an den unhöflichen Neuen. Da stand seinem Vater eine schwere Aufgabe bevor, da war Sam sich sicher. Da er aber vor hatte eine Zeit lang zu bleiben, würde er ebenfalls immer wieder mit diesen Leuten konfrontiert werden. Inzwischen war er aber richtig wütend auf den Neuen und auch auf sich selbst, weil er sich so hatte abfertigen lassen. Diesen Fehler würde er korrigieren und zwar gleich am nächsten Morgen. Dem Neuen mußte von Anfang an klargemacht werden, wer hier das Sagen hatte und auch, dass es Regeln gab, die strikt einzuhalten waren.

Wie es sich Sam am Tag zuvor vorgenommen hatte, machte er sich morgens auf den Weg zu den Garagen. Kurz bevor er zur Tür gelangte, wurde sie aufgestoßen und der Neue trat ins Freie. „Hey, ich wollte gerade zu dir", erklärte er, blieb vor Sam stehen und räusperte sich. „Also wegen gestern. Sorry, daß ich so unfreundlich war. Lange Fahrt. Schon ewig nicht mehr geschlafen. Na wie auch immer. Ich bin Dean. Hoffe, wir kommen gut miteinander aus." Er streckte Sam die Hand entgegen und lächelte entwaffnend.

Sam hätte später nicht sagen können ob es das Lächeln, die versöhnliche Geste, oder die faszinierenden grünen Augen waren, daß es ihm plötzlich unmöglich machte so zu agieren wie er es vorgehabt hatte. Jedenfalls ergriff er Deans Hand und schüttelte sie. „Okay, du scheinst es ehrlich zu meinen. Also Schwamm drüber. Du bist früh aufgestanden. Frühstück gibt's erst in eine Stunde, daher kann ich dir inzwischen die Farm zeigen. Für welche Arbeiten du eingeteilt wirst, sagt dir mein Vater. Kommt darauf an was du so kannst und ob es etwas ist, das hier auf der Farm gebraucht wird. Ich war selbst die letzten paar Jahre nur selten hier, aber ich glaube nicht, daß Vater sein System inzwischen geändert hat. Aber wie gesagt, das besprichst du mit meinem Vater. Fangen wir mir der Besichtigungstour an."

Gerade als sie losgehen wollten, wurde Sam von seiner Schwester gerufen und das mit ziemlich ungehaltener Stimme. Besorgt wandte sich Sam um und lief mit raschen Schritten auf das Haupthaus zu. Tessa hatte sich aus dem Fenster gelehnt und als ihr Bruder sich näherte, schimpfte sie ungehalten. „Dieser blöde, alte Krempel. Nichts funktioniert in diesem Haus. Jetzt ist auch noch der Drucker hinüber. Dabei müßte ich was für mein Projekt ausdrucken. Kannst du mir sagen, was ich jetzt machen soll? Ich muß in einer Stunde los und wenn ich meine Arbeit nicht abliefern kann, macht mich Mrs. Callin zur Schnecke."

 „Tut mit leid, Schwesterchen. Ich verstehe von diesen Geräten auch nicht viel."

„Ich kenn mich mit solchen Dingern aus und könnte mir den Drucker anschauen", meldete sich Dean zu Wort und erst dadurch bemerkte Sam, das der Neue ihm gefolgt war.

Sam überlegte, was er tun sollte. Es war eine verzwickte Situation. Einerseits wollte er Dean nicht im Haus haben, aber andererseits wollte er auch seiner Schwester helfen. Schließlich kannte er Mrs. Callin noch aus seiner eigenen Schulzeit und dieser alte Drachen konnte einen wirklich fertig machen. Trotzdem schüttelte er den Kopf, als er sich zu Dean umdrehte. „Das ist keine so gute Idee. Ich...."

„Sam! Laß ihn bitte helfen. Du weißt wie Mrs. Callin sein kann", rief Tessa und da sie echt verzweifelt klang, beschloß Sam seufzend nachzugeben. „Okay, dann komm mit. Vielleicht kriegst du das Ding wirklich zum Laufen." Er führte Dean ins Haus. Dort begaben sie sich ins Büro, wo Tessa schon stand und auf den Drucker deutete. „Er tut nichts außer blöd zu blinken. Dabei ist er neu. Sicher ist das Fax schuld. Das geht auch nicht und der Computer spinnt natürlich ebenfalls. Keine Ahnung was da los ist", grummelte sie grantig und verschränkte die Arme vor der Brust.

Dean kommentierte das nicht und schaute sich stattdessen das Gerät an. Kurz darauf bemerkte er: „Liegt bestimmt am PC. Ich schau ihn mir gleich an und ebenso alle Zuleitungen. Mal sehen, woran es letztendlich liegt. Ich habe Werkzeug dafür dabei und hole es schnell aus meinem Wagen." Daraufhin eilte er davon, bevor Sam etwas erwidern konnte.

Im Nu war Dean zurück, einen Stromprüfschraubendreher in der Hand, mit dem er auch sogleich die Spannung der Steckdose überprüfte. Er schüttelte den Kopf, da auch dort offenbar alles in Ordnung war und wandte sich dann dem Computer zu, um sich an diesem Gerät zu schaffen zu machen. Gleich darauf erklärte er: „Ihr habt ein Verbindungsproblem. Ich muß mir mal die Leitungen anschauen, wenn es recht ist?"

Dabei schaute er Sam fragend an. Der überlegte kurz, dann nickte er zögernd. „Mein Vater sagte mir schon, dass es ein Problem mit der Leitung gibt. Ich weiß allerdings weder wo die Leitungen verlaufen, noch wo der Schaltkasten dafür ist", gab er zu.

Dean winkte ab und erklärte locker. „Kein Problem. Das finde ich schon." Er verließ das Haus und begab sich an dessen Rückseite. Dort sah er sich aufmerksam um, bevor er die kleine Metalltür entriegelte, hinter der sich die Telefonschaltungen befanden. Er entfernte zwei Klammern, die an einem kleinen Kästchen befestigt waren und steckte sie in seine Jackentasche. Dann steckte zwei lose Kabel wieder an ihrem Platz in der Schaltung, schraubte sie fest und schloß den Deckel. Natürlich wußte niemand, daß er schon eine Woche zuvor hier auf der Farm gewesen war, um die Telefon und Computerverbindung für seine Zwecke zu präparieren, weil das alles zu seinem Plan gehörte.

‚Okay. Die Auswertung mach ich später und gleichzeitig habe ich mir Zutritt ins Haus verschafft. Der nächste Schritt ist gemacht. Jetzt schaue ich mich dort mal um, und in den nächsten Tagen kommen die anderen Gebäude dran. Mit etwas Glück finde ich bald was ich suche und bin rasch wieder weg', dachte er und erreichte ein paar Minuten später wieder den Haupteingang, trat durch die Tür und rief: „Da bin ich wieder."

Dean winkte demonstrativ mit dem Leatherman Werkzeug und machte sich dann am Computer zu schaffen. Er tat so, als ändere er ein paar Einstellungen und wandte sich dann an das Mädchen. „Lag an der Leitung. Ich habe den PC jetzt auch noch konfiguriert. Jetzt müßte er wieder funktionieren", erklärte er und trat zur Seite, um ihr Platz zu machen. Tessa startete gleich einen Versuch und strahlte Dean an, weil alles anstandslos funktionierte.

„Der Computer braucht ein Update und ein vernünftiger Virenschutz sollte auch drauf", bemerkte Dean ruhig zu Sam. „Wenn du willst, kann ich mir noch das Faxgerät ansehen", bot er noch an.

Auch diesmal überlegte Sam, kam aber zu dem Schluß, daß es nichts schaden konnte. Eher das Gegenteil. ‚Denn wenn Dean das hinkriegt, und davon gehe ich aus nachdem was ich jetzt gesehen habe, und dann bekomme ich Informationen über ihn, die mich brennend interessieren, wie ich zugeben muß. In dem Kerl steckt offenbar mehr als ich angenommen habe', dachte Sam und so stimmte er zu. Er deutete zu dem Fax, das auf einer langen Anrichte links vom Schreibtisch stand. „Einen Versuch ist es wert."

„Das Fax geht schon längere Zeit nicht", warf Tessa Schulter zuckend ein. „Monty, das ist der Mann, der in unserer Gegend diesen ganzen technischen Kram repariert, ist im Krankenhaus und wird auch noch eine Weile dort bleiben. Herzinfarkt", erklärte sie Sam. „Er ist halt schon alt", fügte sie noch lakonisch hinzu.

„E ist doch erst 43, oder?", fragte Sam Stirn runzelnd nach.

Tessa zuckte erneut mit den Schultern. „Eben. Alt. Sag ich ja."

Dean lachte plötzlich leise, bevor er an Sam gewandt meinte. „In ihrem Alter sind alle Leute über 30 uralt."

„Scheint so und wenn ich darüber nachdenke, habe ich mit 15 auch so gedacht. Wird bei dir nicht anders gewesen sein", entgegnete Sam, während er beobachtete, wie Dean sein Leatherman Werkzeug erneut aus seiner Hosentasche nahm und begann das Faxgerät aufzuschrauben. Antwort gab er ihm keine, deswegen vermutete Sam, daß Dean sich nur auf seine Arbeit konzentrierte.

So war es aber nicht. Dean hatte ihn sehr wohl gehört. Aber was hätte er antworten sollen? Daß er das was andere Kindheit und Jugend nannten, völlig anders erlebt hatte als andere und daher auch keine Gedanken an solch marginale Dinge verschwendet hatte? Nein, denn das würde eventuell Fragen aufwerfen, dessen Antworten keinen etwas angingen.

„Da ist eine Klemme abgegangen die zwei Kabel verbindet, Ich hab sicher noch ein paar im Wagen. Bin gleich zurück", sagte er stattdessen und war auch schon verschwunden.

„Wow, der sieht ja wie ein Model aus", behauptete Tessa schwärmerisch und Sam zog mißmutig die Augenbrauen zusammen. „Denk nicht mal dran, kleine Schwester", sagte er warnend. „Wenn du schon solche Gedenken hegst, dann halte dich gefälligst an Jungs in deinem Alter. Wir haben strenge Regeln und..."

„Jaaaaaa, ich weiß", unterbrach ihn Tessa, seufzte und verdrehte die Augen. „Also nerv nicht. Ich guck ja nur, und Tatsache ist nun mal, daß er klasse aussieht. Das wird man wohl noch bemerken dürfen", entgegnete sie eingeschnappt.

Im Geiste stimmte Sam ihr natürlich zu. Der Kerl sah wirklich umwerfend gut aus. Aber das würde er ihr ganz sicher nicht sagen und wenn die Umstände andres gewesen wären, ja dann....aber so. Sam seufzte lautlos und griff, um sich abzulenken, nach den Blättern, die Tessa eben ausgedruckt hatte.

~*~

Dean hielt die zwei Klemmen in die Höhe um sie zeigen und ging dann vor dem Fax in die Hocke, um gleich darauf zischend einen Schmerzenslaut von sich zu geben, während er rasch wieder aufstand und leise fluchte.

„Was ist?", wollte Sam erschrocken wissen, dem natürlich nicht entgangen war, daß der Neue offenbar Schmerzen hatte.

Der winkte auch sogleich ab. „Nichts Besonderes. Nur eine Verletzung am Rücken, an die ich gerade nicht gedacht habe, sonst hätte ich mich anders bewegt."

„Oh. Ein Unfall?"

„Neugierig bist du wohl gar nicht", brummte Dean sichtlich genervt und ging diesmal vorsichtiger in die Knie und vermied es so, daß sich die Rückenmuskeln zu stark spannten.

„Nein bin ich nicht. Das nennt man Mitgefühl, falls du das Wort überhaupt kennst", gab Sam bissig zurück.

Dean lachte sarkastisch auf. „Ja klar. Mitgefühl. Erzähl nicht so einen Mist. Du kennst mich noch nicht mal ein paar Stunden."

„Seit wann muß man dafür jemanden länger kennen? Aber lassen wir das. Es führt zu nichts. Ich werde keine Fragen mehr stellen, keine Sorge."

„Dann wäre das ja geklärt", gab Dean emotionslos zurück und wechselte auch gleich das Thema. „An der Klemme alleine liegt es nicht. Ich schau mir mal die Zuleitung an, die durchs Haus zum Telefonkasten führen und die mit dem Fax verbundenen Telefone, wenn recht ist."

„Viel Hoffnung hab ich zwar nicht, daß du es hinkriegst. Aber von mir aus versuch es weiter. Du hast 30 Minuten", erklärte Sam bestimmt und wartete bis Dean das Arbeitszimmer verließ. Da er sich blöd vorkam, den Neuen auf Schritt und Tritt zu folgen, ging Sam in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Er nahm sich aber vor Dean genau anzusehen, wenn er zurückkam, um fest zu stellen, ob der etwas von den Gegenständen im Haus eingesteckt hatte.

Dean inspizierte jeden Raum genau, während er so tat, als würde er die Leitungen und Telefonapparate überprüfen. Fünfzehn Minuten später hatte er alles gesehen was ihn interessierte und so begab er sich wieder nach unten, hantierte am Faxgerät herum und stellt es richtig ein. Dann rief er nach Sam, der ihm mit einem „Hier" antwortete, woraufhin Dean der Stimme folgte und in der Küche landete.

Sam schob eine Tasse über den Tresen auf Dean zu, doch bevor der dazu etwas sagen konnte, erklärte Sam auch schon. „Das ist bloß Kaffee. Ohne Hintergedanken. Ohne Mitgefühl und auch kein Bestechungsversuch."

Dean mußte unweigerlich lachen. Der Kerl war einfach tough und hatte ein derart gewinnendes Wesen, daß man ihm schwer widerstehen konnte. Dabei glaubte Dean, daß ihm das nicht mal bewußt war und selbst wenn, Dean war sowieso völlig immun. Keiner hatte ihn bisher knacken können und so würde es auch bleiben. Das hatte er schon vor vielen Jahren entschieden, oder lernen müssen. Kam ganz darauf an wie man es betrachtete. Trotzdem verstand er es, seine Ressourcen geschickt zu nutzen, wenn es seinen Plänen dienlich war. Auch das hatte er in seiner Ausbildung gelernt. Daher gehörte es dazu, ein paar unbedeutende Details von sich Preis zu geben. „Sie waren zu dritt. Einer hatte ein Messer, aber ich habe sie trotzdem platt gemacht. Ende der Geschichte", berichtete er daher in knappen Worten und nahm einen Schluck aus der Tasse. Dabei schaute er Sam an und der hatte genauso reagiert, wie er erwartet hatte. Sein Gesicht war vor Schock gezeichnet. „Soldaten sind nicht überall beliebt", fügte Dean deswegen noch erklärend hinzu.

Sams Hals war plötzlich staubtrocken. Er räusperte sich und nahm hastig einen Schluck Kaffe, bevor er wissen wollte. „Wie...wieso hast du sie angegriffen?"

„Nicht ich sie. Sie mich. Wie schon gesagt. Soldaten sind nicht überall beliebt."

„Du bist nach wie vor in der Armee?" Sam war sichtlich verwundert und Dean war fasziniert wie man die Emotionen in Sams Gesicht lesen konnte. Der war ziemlich erleichtert darüber, daß der Neue offensichtlich auf der Seite der Guten stand.

Dean schüttelte den Kopf. „Nicht mehr. Ich muß nicht mehr zurück, wenn ich hier fertig bin. Aber das steht alles in den Papieren, die euch zugeschickt worden sind. ‚In den gefälschten Papieren', schob Dean gedanklich hinterher.

„Sind noch nicht da. Das Fax, du erinnerst dich?", entgegnete Sam erklärend.

Dean grinste schelmisch. „Ah ja, nun, das hat sich inzwischen ja erledigt."

„Allerdings. Doch jetzt muß ich los. Ich bringe dich noch schnell zum Vorarbeiter. Du kannst dann die anderen beim Frühstück kennen lernen. Bin in einer Stunde wieder zurück."

~*~

Eine Stunde später schlenderte Dean die Stallungen entlang. Er hatte die acht anderen Männer kennen gelernt. Einer davon der Vorarbeiter mit Namen Keith Pering. Dean konnte er nach so kurzer Zeit noch nicht so recht einordnen. Von den sieben anderen waren fünf der Männer Soldaten gewesen. Dean hatte das mit einem Blick erkannt. Wobei das für ihn einfach gewesen war. Schließlich hatte er selbst eine ganze Weile diesem Verein angehört. Doch wie auch immer. Er würde sich bei allen Leuten auf dieser Ranch beliebt machen, oder noch besser. Unentbehrlich. Um sein Ziel zu erreichen, war das genau der richtige Plan.

Kapitel 3 von silverbird

Nachdem Sam seine Schwester in der Schule abgeliefert hatte, schlenderte er durch die Straßen der kleinen Stadt. Sie hatte sich nach seinem letzen Besuch kaum verändert. Nur sein absoluter Lieblingsladen fehlte, und das machte ihn traurig. Er hatte nicht nur als kleiner Junge jede freie Minute dort verbracht, sondern auch später, in seinen Ferien dort gearbeitet.

Der „Tageskurier" war sein zweites Zuhause gewesen und Mr. Jeff Colding hatte ihm alles beigebracht, was man zur Herstellung einer Zeitung wissen mußte. Sam war von diesem Metier so fasziniert gewesen, daß er beschlossen hatte, Journalismus zu studieren. Und Mr. Colding hatte ihm einen Job versprochen, sobald er mit seinem Studium fertig sein würde.

Aber Mr. Colding war vor einem Jahr gestorben und Sam vermißte ihn sehr. Nicht nur den Herausgeber an sich, sondern auch den Menschen, der hinter der Zeitung stand. Sein Wissen, seine Güte und sein skurriler Humor. Aber auch sein Mut und seine Unbestechlichkeit waren es, das ihn zu Sams Vorbild machte. Jeff scherte sich nicht darum, ob es einer höher gestellten Persönlichkeit der Stadt paßte was er schrieb und druckte. Er hielt sich immer an die Fakten und die Wahrheit. Aber all das war jetzt Vergangenheit und interessierte nur noch wenige Leute, so wie Sam. Jeff war tot. Gestorben bei einem simplen Autounfall, verursacht durch eine nasse Fahrbahn und ein paar Whiskey zu viel, wie es im Polizeibericht hieß. So hatte es Sams Vater ihm erzählt, der es wiederum vom alten Sheriff wußte. Sam stand noch eine Weile vor dem verlassenen Gebäude und starrte auf die stark verstaubte Gittertür. ‚Was wird mit dem Laden wohl passieren?' fragte er sich und dann formte sich eine Idee in seinem Kopf.

~*~

Dean war nach seinem Rundgang plötzlich sehr müde geworden. Außerdem schmerzte seine Wunde stärker und so beschloß er, sich ein paar Stunden hinzulegen. Noch hatte er Zeit und ein bißchen Schlaf würde ihm gut tun. Schließlich hatte er heute Nacht noch einiges vor. Zudem mußte er so schnell wie möglich das Vertrauen der Hensens gewinnen. Die Tochter und der Sohn waren kein Problem, da war Dean sich sicher. Mit seinen technischen Tricks hatte er schon die ersten Weichen gestellt.

Bei Doktor Hensen? Nun das war auch kein Thema. Dean hatte sich gut über diese Familie informiert. Sie hatten eine hohe Erfolgsquote. Über 80 Prozent ihrer „Schützlinge" schafften den Weg in ein normales Leben. Das bedeutete, sie waren mehr als gut in dem was sie taten. Aber Dean mußte sich keine Sorgen machen, daß er nicht aufflog. Selbst wenn es anders gewesen wäre, dank seiner Ausbildung, hätte er das problemlos hingekriegt. Zudem, das was er hier zu tun gedachte, war ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was er bisher schon alles gemacht hatte. Und mit etwas Glück, würde noch nicht mal jemand getötet werden.

~*~

Sam trug seine Einkäufe ins Haus und begab sich dann auf die Suche nach dem Neuen. Nachdem er ihn nirgends auf dem Gelände finden konnte und auch Keith, der Vorarbeiter, nicht wusste wo er war, beschloß Sam es in dessen Unterkunft zu versuchen. Er stieg die Treppe hoch und klopfte an die Tür. Keine Minute später wurde sie geöffnet und Sam schaute in das verschlafene Gesicht des Neuankömmlings. „Sorry, ich wollte dich nicht wecken."

„Hast du aber. Was gibt's?", fragte Dean kurz angebunden und blieb unter dem Türstock stehen. Somit verwehrte er Sam einzutreten, was der mit zusammen gezogenen Augenbrauen registrierte. Doch bevor er sich dazu äußern konnte, fiel ihm auf, daß Dean ziemlich blaß war und das, obwohl ihm der Schweiß auf der Stirn stand. „Dir geht es nicht gut", stellte Sam fest, doch Dean schüttelte den Kopf. „Ach was, ich brauch nur ein paar Stunden Schlaf und alles ist wieder paletti."

„Blödsinn", widersprach Sam. „Mach mir nichts vor. Ich habe fast 20 Jahre in einem Arzthaushalt gelebt, da erkenne ich, wenn jemand krank ist. Hast du Fieber?" Sam griff nach Deans Stirn, doch der wich hastig ein paar Schritte zurück. Dadurch stieß er mit seinem verletzen Bein an die Kommode hinter sich. Er zuckte zusammen und stieß einen zischenden Laut aus.

„Deine Verletzung", mutmaßte Sam sofort, während er in die kleine Diele trat.

„Das wird schon. Ist ja nur ein Kratzer", wiegelte Dean ab, doch seine Stimme klang gepreßt, wie Sam bemerkte, und er entgegnete bestimmt: „Deine Stimme sagt was anderes. Ich schau mir das besser mal an."

Doch das wollte Dean auf keinen Fall. Das fehlte noch, daß dieser Kerl ihn mit seinen großen, wohlgeformten Händen betatschte. Noch dazu an einer Stelle, an der er sich von niemanden anfassen ließ. Deswegen sagte er heftiger als er eigentlich beabsichtigte: „Nein. Nicht nötig!"

Sam verdrehte die Augen und beschloß, den Neuen ein bißchen zu provozieren, um so sein Ziel zu erreichen. „Meine Güte. Jetzt stell dich nicht so an. Ich dachte du warst Soldat. Diese Kerle halten doch angeblich was aus."

Dean unterdrückte den Wunsch auf Sam zuzuspringen und ihm die Hände um den Hals zu legen. Niemand der seine gerade Nase behalten wollte, nannte ihn einen Feigling. Doch er hatte zwei Gründe sich zurückzuhalten. Erstens durchschaute er Sams Taktik sehr wohl und zweitens konnte er es sich nicht leisten, hier irgendjemanden zusammen zu schlagen. Schon gar nicht den Sohn von dem Chef dieser Reha, wenn er wollte, dass sein Plan aufging. Deshalb war es das Beste, er würde diese Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Normaler Weise wandte er niemanden den Rücken zu, aber soweit er sich über Sam informiert hatte, ging von ihm keine Gefahr aus, daher beschloß er das Risiko einzugehen und seufzte ergeben. „Stur ist wohl dein zweiter Vorname. Also gut, dann tu was du nicht lassen kannst. Schau es dir halt an."

Dean ging langsam zum Bett und legte sich vorsichtig auf den Bauch. Während er den Kopf zur Seite drehte und auf das Kissen legte, glitt er mit seiner Hand unauffällig darunter. Dort umschlossen seine Finger die Waffe, die er dort versteckt hatte. Auch wenn sich Sams Akte harmlos las, man konnte trotzdem nie wissen und auf Sympathien gab Dean nichts.

Bei dem was er tat hatte er schon zu viele Leute getroffen die ausgezeichnete Schauspieler waren. Dennoch hoffte Dean, daß Sam nicht einer dieser Schauspieler war, denn dann mußte er ihn womöglich doch noch erschießen. Es konnte aber auch gut sein, daß Dean ihn aus reinem Reflex erschoß, denn bei diesen riesigen Pranken die er besaß, konnten nicht anders als grob sein, da konnte es durchaus passieren, das...

Dean schloß die Augen und preßte sein Gesicht in das Kissen und... erstarrte am ganzen Körper, als er Sams Finger hauchzart auf seinem Rücken, oder viel mehr knapp an seinem Hintern spürte, der damit begann vorsichtig den Verband zu lösen.

Dean hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht mit diesem ihm völlig unbekannten Gefühl. Er konnte es absolut nicht einordnen und er konnte sich nicht erinnern jemals so vorsichtig behandelt worden zu sein. Eine Gänsehaut überzog plötzlich seinen ganzen Körper und bevor er darüber nachdenken, oder es einordnen konnte, was da gerade passierte, zog Sam seine Hände zurück. Seine Stimme klang kratzig als er sagte: „Das sieht übel aus und sollte genäht werden."

„Ich weiß, aber ich komm an diese Stelle nicht ran", kommentierte Dean und richtete sich auf.

„Bleib liegen", verlangte Sam und drückte Dean sanft wieder auf das Bett. „Ich könnte das machen, aber ich weiß nicht, ob meine Mutter den Schlüssel für den Medizinschrank noch an der üblichen Stelle hat. Dort hat sie das Betäubungszeug drin."

„Für so einen Kratzer brauch ich doch keine Betäubung", knurrte Dean entrüstet. „Näh es zusammen und fertig. Nähzeug ist in meiner Tasche. Moment, ich hol es." Dean rollte sich aus dem Bett und drückte Sam eine Minute später in die Hand. Dean stelle er sich vor ihn hin. Er wollte während dieser Prozedur auf keinen Fall hilflos daliegen.

Sam überlegte kurz, dann nickte er. Es waren höchstens vier Stiche, das würde er hinkriegen. Das Einzige was ihm Sorgen machte, war es ohne Betäubung machen zu müssen. Allerdings schien Dean nicht zimperlich und war offenbar schon öfter verletzt worden, wie Sam an zwei größere Narben auf Deans Rücken erkennen konnte. Daher stimmte er zu. „Okay. Ich hole Vaters Spezialsalbe und frisches Verbandszeug. Tabletten wären auch gut."

Dean grummelte nur irgendetwas Unverständliches und als er hörte, wie Sam die Tür hinter sich schloß, stieß er erleichtert die Luft aus. Er hatte sich nicht umgedreht, als er das Zuschlagen der Tür hörte, denn seine Hose spannte verdächtig. „Verflucht noch mal. Was ist das denn? ", murmelte er konfus.

Sam lehnte unterdessen mit geschlossenen Augen vor der Tür an der Wand und versuchte sein wild klopfendes Herz unter Kontrolle zu bringen. „Und ich Idiot dränge mich auch noch auf. Aber wer konnte ahnen wie sexy der Kerl ist? Es gibt keine Bezeichnung für diesen Hintern. Knackig trifft es nicht mal annähernd und wie ist es möglich, daß ein Kerl so eine zarte Haut hat, die sich auch noch über so perfekte Muskeln spannt. Und das war nur die Rückenansicht. Ich will gar nicht wissen wie die Vorderseite aussieht und anfühlt. Okay, das ist eine schamlose Lüge. Und wie ich es wissen will. Und das ist... falsch. Völlig und absolut falsch. Weil... er ist ein Patient meines Vaters. Das heißt Finger weg. Okay, ich muß ihn noch verarzten, aber dann... Nie. Wieder. Anfassen. Nie. Wieder. Anfassen." Sam murmelte diese Mantra den ganzen Weg zum Haus und wieder zurück vor sich hin, bis er wieder vor Deans Tür stand. Dann atmete er tief durch und trat ein.

Als Dean die Tür hörte, drehte er sich sofort um, denn auch wenn er mit niemand anderem als Sam gerechnet hatte. Vorsicht ist besser als Nachsicht, war seine Devise.

„Okay, leg dich hin", verlangte Sam kurz angebunden und wieder kostete es Dean einiges an Überwindung, um dieser Aufforderung nachzukommen, auch wenn er inzwischen sicher war, daß ihm keine Gefahr drohte. Trotzdem, die Anspannung blieb. Doch als Sam mit dem Nähern fertig war, behutsam die Salbe auftrug  und den Verband anlegte und dabei so vorsichtig mit ihm umging, gelang es ihm nur mit Mühe, wohlige Laute zu unterdrücken, die sich in seine Kehle drängten. Zwei Minuten später brachte Sam den letzen Verbandsklebestreifen mit zitternden Fingern an und dann passierte es.

Ohne nachzudenken rief er „fertig" und gab Dean einen Klaps auf den Hintern. Beide Männer erstarrten vor Schreck. Sam wegen dem was er getan hatte, und Dean, weil es sich einfach nur geil angefühlt hatte. Und das schockierte ihn zutiefst. Doch noch mehr erschreckte es ihn, daß er überhaupt nicht reagiert hatte. Kein: „Wie konntest du es wagen. Ich niete dich um. Dein letztes Stündlein hat geschlagen. Jetzt machst du Bekanntschaft mit meiner Faust. Nein. Nichts von alldem passierte. Er lag einfach nur wie erstarrt da, während Sam in Panik aufsprang, „Sorry, es tut mir so leid", murmelte und fluchtartig das Zimmer verließ.

Das riß Dean endlich aus seinem Trance ähnlichem Zustand und er setze sich langsam auf. Verwirrt schüttelte er den Kopf, doch das half ihm nicht wirklich seine Verwirrung abzuschütteln. Das lag aber nicht daran, daß Sam ihn angemacht hatte, sondern an seinem eigenen, für ihn völlig unverständlichen Verhalten. Er hatte sich noch niemanden so ungeschützt ausgeliefert. Nicht einmal beim Sex, und davon er reichlich gehabt, hatte er jemals seinem Bettgenossen den Rücken zugedreht. Selbstredend hatte er auch nie eine Nacht schlafend mit jemanden im Bett verbracht. Alles unter Kontrolle zu haben war für Dean überlebenswichtig und sich jemanden auszuliefern, auf welche Weise auch immer, vollkommen undenkbar. Dennoch war es passiert und das bei einem Mann den er gerade mal ein paar Stunden kannte. Diese unfaßbare Tatsache machte Dean schwer zu schaffen und so stand er umständlich auf und versperrte erstmal die Tür.

Als er zum Bett zurückkehrte, bemerkte er einen Blister mit Tabletten auf der Decke, den Sam dort offenbar fallen gelassen hatte.

~*~

Sam war inzwischen in seine Wohnung gelaufen und tigerte nun in seinem Wohnzimmer hin und her, während er sich die Haare raufte. „Bin ich völlig verrückt geworden? Was ist nur in mich gefahren? Es ist nicht nur peinlich, sondern auch unverzeihlich was ich getan habe. Wie konnte ich nur? Dabei wollte ich mich nur um seine Wunde kümmern nichts weiter und dann...auf einmal, keine Ahnung wie, ist plötzlich meine Hand auf seinem Hintern. Auf seinem verdammt sexy Hintern. Aber das ist keine Entschuldigung und so was habe ich auch in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht." Sam stöhnte verzweifelt auf. „Wie komme ich da jetzt bloß wieder raus, ohne daß er mir den Kopf abreißt?"

Sam wußte nicht, was er machen sollte und auch wenn er sich selbst einen Feigling schimpfte, verließ er seine Wohnung nicht, bis es Zeit wurde seine Schwester abzuholen.

~*~

Dean beobachtete von seinem Fenster aus, wie Sam wegfuhr. Das Apartment in dem er untergebracht war, hatte zwei Fenster. Das ermöglichte Dean nicht nur das Haupthaus zu beobachten, sondern auch das langgestreckte Personalgebäude. „Perfekt, mein Grabscher ist gerade weggefahren. Wo er wohl hinfährt?", überlegte er und sofort spürte er wieder zarte Finger auf seiner Haut. Er erschauderte sofort und im selben Augenblick rief er sich zur Ordnung. „Denk nicht an ihn, verdammt, du hast Wichtigeres zu tun. Okay, wo war ich?" Dean hatte Mühe seine Gedanken zu ordnen, aber dann gelang es ihm doch. „Ah ja, und wie ich heute Morgen mitbekommen habe, hat der Vorarbeiter die Leute zum reparieren der Zäune auf der Nordweide eingeteilt. Ich habe daher mindestens eine Stunde Zeit. Los an die Arbeit und nicht ablenken lassen." Dean zog sich eine Trainingshose an. Das war für seine Wunde angenehmer als eine enge Jeans. Dann schlüpfte er in ein T-Shirt und in Sportschuhe, bevor er sein Apartment verließ und sich ins Personalhaus schlich.

Kapitel 4 von silverbird

„Was, verdammt, machst du hier, Jungchen?", hörte Dean plötzlich eine Stimme hinter sich. Er erstarrte kurzzeitig erschrocken, dann drehte er sich langsam, aber sprungbereit um. Vor ihm stand ein alter dürrer Mann, eine fleckige Schürze um die knochigen Hüften geschwungen und ein Beil in der linken Hand. Dean erfaßte sofort, wer da vor ihm stand und er reagierte dementsprechend, indem er den alten Mann entschuldigend anlächelte.

„Sorry, Mister. Ich bin auf der Suche nach etwas zu Futtern. Ich habe echt tierischen Hunger."

„Kein Grund hier herum zu schnüffeln", entgegnete der Alte streng, doch als Dean schuldig den Kopf senkte, lenkte er schnell ein. „Bist wohl neu hier und kennst die Regeln noch nicht. Na dann komm mal mit, ich hau dir was in die Pfanne." Er winkte Dean, ihm zu folgen und bald darauf saß der an einem langen Tisch, während der Alte, der sich als Pete vorgestellt hatte, ein paar Eier und Speck in die Pfanne warf. Dazu schnitt er ein großes Stück frisches Brot ab und keine fünf Minuten später ließ es sich Dean schmecken.

Er sparte nicht mit Lob, was ihm noch einen Apfelkuchen einbrachte, den er ebenfalls, genüßliche Laute von sich gebend, verschlang. „Wie lange sind Sie schon hier, Pete?", fragte Dean, obwohl er es wußte. Er hatte sich gut vorbereitet und wußte so gut wie alles über das Stammpersonal auf dieser Farm. Jetzt konnte er wieder ein Gesicht seinen Informationen zuteilen. ‚Nur über den Vorarbeiter habe ich kaum etwas in Erfahrung bringen können. Das ist verdächtig und ihn werde ich genauer unter der Lupe nehmen müssen‘, dachte Dean, bevor Pete wieder seine Aufmerksamkeit erweckte, denn er  stellte zwei Tassen auf den Tisch, schob ihm eine zu und setzte sich dann ihm  gegenüber. Dean bemerkte, wie sich der Koch über zwei schwarz gefärbte Finger rieb, bevor er zur Tasse griff und einen großen Schluck nahm.

„Wie lange? Laß mich mal nachdenken, Jungchen", entgegnete er und legte seine Stirn nachdenklich in Falten, bevor er erklärte: „Im Sommer sind es 20 Jahre. Du meine Güte, wie die Zeit vergeht. Wirklich und wahrhaftig 20 Jahre. Bin mit dem Doc hergekommen. Der alte Hensen, der Vater von unserem Doc", fügte Pete erklärend hinzu, „hatte eine der größten Pferdezuchten in der ganzen Gegend. Doch schon ein paar Jahre bevor er starb lief die Farm nicht mehr so recht und als er schließlich das Zeitliche segnete, und der Doc sich entschloß, die Farm zu übernehmen, wußte er, er müsse etwas ändern, wenn er sie halten will. Da er seinen erlernten Beruf nicht aufgeben wollte und die Farm auch nicht, hat er, clever wie er ist, beides miteinander verbunden. Weswegen immer du auch hier bist, du hast es gut getroffen", führte Pete langwierig aus, wie es oft bei alten Menschen üblich war.

„Ja, schon alleine wegen des großartigen Essens", entgegnete Dean grinsend und nahm seinen Schluck aus seiner Tasse.

„Hör auf, mir zu schmeicheln, das zieht bei mir nicht. Noch ein Stück Apfelkuchen?", fragte er gleich darauf und als Dean begeistert nickte, strahlte der alte Koch, seine Worte Lügen strafend, übers ganze Gesicht.

~*~

Während der Fahrt überlegte Sam die ganze Zeit wie er Dean begegnen sollte, wenn sie wieder aufeinander trafen. Letztendlich kam er zu dem Schluß, daß es das Beste sein würde, wenn er so tat, als wäre nichts passiert. Ehrlich gesagt, was war denn auch schon groß geschehen? „Okay, ich brauche mir gar nichts vormachen. Ich hab seinen Hintern angetatscht. Das ist nicht nur unschicklich, das... unschicklich? Ja klar, das Wort verwende ich, wenn ich mich erneut entschuldige. Das kommt sicher gut. Entweder er bekommt einen Lachkrampf oder haut mir eine rein. Beides wäre allzu verständlich."

Sam stöhnte verzweifelt auf. „Kaum zwei Tage wieder zu Hause und ich trete mit beiden Beinen voll ins Fettnäpfchen. Wäre ich bloß weggeblieben", murmelte er seufzend. Seine Aufmerksamkeit wurde jedoch gefordert, weil er vor der Schule ankam und dankbar für die Ablenkung, dirigierte er den Wagen in eine freie Parklücke. Tessa würde ihn vollquatschen und dann würde er wenigstens eine halbe Stunde nicht an Dean denken müssen. Nicht an die betörend grünen Augen. Nicht an den muskulösen Körper. Nicht an die weiche Haut unter seinen Fingerspitzen und auch nicht an diesen knackigen, einladenden Hintern. „Oh Gott. Nicht schon wieder. Raus aus meinem Kopf", jammerte Sam, schloß die Augen und legte seinen Kopf auf das Lenkrad.

Die Autotür wurde plötzlich aufgerissen und Sam schreckte hoch. „Geht's dir nicht gut?", fragte seine Schwester besorgt, ohne ihn erst zu begrüßen. Dann warf sie ihre Tasche auf den Rücksitz und stieg ein.

„Nur ein weinig Kopfschmerzen", log Sam, richtete sich auf und startete den Motor. Auf einmal kam ihm eine Idee und er sagte: „Was hältst du davon, wenn wir zum Italiener gehen? Ich hätte Lust auf eine Pasta und Salat."

„Hey cool. Ich will Pizza. Los, gib Gas", forderte seine Schwester Freude strahlend und schnallte sich an.

~*~

Tessa schaute sich neugierig um, konnte Dean aber nirgends entdecken. Enttäuscht zog sie einen Flunsch und bemerkte nicht, daß Sam erleichtert aufatmete. Sein Plan, so lange wie möglich der Farm fern zu bleiben, hatte also funktioniert. Heute würde er Dean nicht mehr begegnen. Gerade als er aus dem Auto aussteigen wollte, klingelte sein Handy. Rasch holte er es aus der Tasche und erkannte am Display, daß sein Vater anrief. Schnell nahm er das Gespräch entgegen und noch bevor er sich melden konnte, rief sein Vater schon. „Unserer Familie wurde ein gesundes, wunderhübsches Mädchen geschenkt."

„Wußte ich", entgegnete Sam lachend, „und das ist wunderbar. Geht's meiner großen Schwester auch gut?", wollte er dann auch noch wissen.

„Ja, sie ist natürlich erschöpft, aber glücklich. John auch, trotz der zerquetschten Hand. Aber da mußte er durch, so wie wir alle. Nachdem deine Mutter dich geboren hatte, mußte ich meine Hand in Gips legen, so hat sie zugedrückt bei den Wehen. Kein Wunder, du warst aber auch ein Brocken." Aldin lachte kurz auf. Dann erkundigte er sich wie es Tessa gehe und ob mit dem Neuen alles klar laufen würde. Beides bestätigte Sam positiv. Was hätte er wegen Dean auch sonst sagen solle? Aldin Hensen versprach, am nächsten Tag gegen Abend zurückzukommen und so beendeten sie das Gespräch.

Tessa war inzwischen ganz hibbelig geworden und verlangte von ihrem Bruder, daß er endlich erzählen sollte, was ihr Vater gesagt hatte. „Von nun an darfst du dich Tante nennen", erklärte Sam daraufhin grinsend und sie fiel ihm jubelnd um den Hals.

„Mädchen oder Junge?", wollte sie wissen, nachdem sie ihrem Bruder losgelassen hatte.

„Mädchen und nein, du darfst den Namen nicht aussuchen. Aber Kate hat sicher nichts gegen Vorschläge einzuwenden", erklärte Sam, während sie ins Haus gingen.

„Cool, ich mach eine Liste und maile sie ihr nachher. Und zur Feier des Tages lade ich dich auf einen Milchshake ein. Ich mache inzwischen die besten Shakes der ganzen Familie", erklärte sie stolz und rannte voraus in die Küche. Als Sam ebenfalls die Küche betrat, stand seine Schwester schon am Kühlschrank und holte diverse Zutaten heraus.

„Ich mach uns Schoko-Banane. Du wirst sehen, das ist soo lecker."

Sam lächelte über ihren Enthusiasmus und als sie einige Minuten später die Shakes fertig hatte, saßen sich die Geschwister gegenüber und sogen genüsslich an den Strohhalmen.

„Unschlagbar. Du darfst von jetzt an nicht nur Tante, sonder auch Königin der Schoko-Bananenmilchshakes nennen", tat Sam lobend kund und zwinkerte seiner Schwester lachend zu.

~*~

Dean hatte sich den restlichen Tag gründlich auf der Farm umgesehen. Seine letzte Station war die Werkstatt gewesen. Er hatte zwar auch dort nicht gefunden, was er suchte, aber er hatte in der hinteren Ecke unter Planen zwei alte Autos entdeckt, die man fraglos als Oldtimer bezeichnen konnte. Beide waren in einem recht desolaten Zustand, dennoch, oder gerade deswegen, reizte es Dean, sich der Wagen anzunehmen.

Infolgedessen schlenderte er auf das Haupthaus zu, um darüber mit Sam zu reden. Was sich vormittags zwischen ihnen ereignet hatte, würde Dean nicht erwähnen. Wozu auch? Es war unerheblich, denn im Grunde hatte es sich nur um eine spontane Aktion gehandelt wie um zu bekunden: „Verband ist drauf, du bist fertig."

So sah Dean das einfach und damit war er mit dem Thema durch. Und wenn er Sam darauf nicht ansprach, würde auch der kein Wort darüber verlieren, davon war er überzeugt.

Beim Haus angekommen, drückte er auf die Klingel und es dauerte nur einen kurzen Moment, bis er Sam gegenüber stand, dessen Augen sich erschrocken weiteten, bevor er verlegen Deans Blick auswich. Um zu vermeiden, daß Sam herumzustottern begann, ergriff er gleich das Wort. „Hey. Ich habe in eurer Werkstatt zwei alte Autos gesehen und wollte wissen, ob ich daran ein bißchen herumschrauben dürfte?"

Sam hatte sich von Deans unerwartetem Auftauchen noch nicht erholt, noch erwartet, so eine Frage gestellt zu bekommen. Daher schaute er sein Gegenüber perplex an. „Was? Autos? Herumschrauben?"

Dean mußte sich sehr beherrschen, um nicht zu grinsen. Doch das Wort hinreißend, das ihm durch den Kopf schoß, schob er rasch wieder weg. ‚Männer sind cool und von mir aus auch sexy, aber keines Falls hinreißend oder noch schlimmer, süß. Das ist ja absurd‘, dache er, bevor ihm wieder einfiel, weswegen er hier stand. Und damit er sich nicht noch mehr mit solchen Gedanken beschäftigte, entgegnete er spöttisch. „Dann erkläre ich es mal für das einfache Volk: Autos, das sind Blechteile auf vier Rädern, mit denen man sich fortbewegen kann, sofern sie unter anderem, einen funktionierenden Motor haben, der in den meisten Fällen vorne im Wagen angebracht ist und..."

„Danke, jetzt weiß ich endlich wozu diese Karren da sind, die in unserem Hof stehen", wurde er von Sam unterbrochen, der die Augen verdrehte. Dann mußte er allerdings lachen. Dean stimmte mit ein und so nahm Sam erleichtert an, daß sein Fauxpas vergessen, oder zumindest nicht erwähnenswert für den Neuen war.

„Okay", erwiderte Sam, nachdem sich beide beruhigt hatten. „Ich weiß im Moment nicht, welche Autos du meinst, aber gehen wir mal rüber in die Werkstatt und du zeigst sie mir."

Dean nickte zustimmend und ein paar Minuten später zog er eine der Planen von einem der Wagen ab, und ein alter, schwarzer Pic Up kam zum Vorschein.

„Mit dem würde ich gerne anfangen", erklärte er und seine Augen glänzten, wie Sam bemerkte, der ihn aus den Augenwinkeln beobachtete, und er war hingerissen von diesem Leuchten und der ganz besonderen Farbe. Das war auch der Grund, wieso er nicht gleich antwortete.

„Also, was sagst du, Sam?", wollte Dean daher wissen.

Der zuckte ertappt zusammen und strich sich verlegen durch die Haare. „Ähm...ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mein Vater mit dir vorhat. Arbeitstechnisch, meine ich. Aber ich denke, bis er wieder da ist, kannst du dich gerne mit diesem...Schrotthaufen befassen und das später mit ihm klären. Ich verstehe allerdings nicht, wieso du diese sinnlose Arbeit machen willst."

„Erstens, nenn ihn nicht Schrotthaufen. Das ist ein Klassiker. Klar? Und das erklärt auch, wieso es nicht sinnlos ist."

„Wie auch immer". Sam zuckte mit den Schultern. „Sie stehen schon seit Ewigkeiten in dieser Ecke und gehörten meinem Großvater, soweit ich weiß. Aber mein Vater wird schon nichts dagegen haben, wenn du daran herumbastelst und wenn doch, wird er es dir morgen schon sagen."

„Okay, dann habe ich erstmal was zu tun, bis er zurückkommt", entgegnete Dean zufrieden und öffnete gleich die Motorhaube.

„Du bist wohl kein Mensch, der Ruhe geben kann?", wollte Sam schmunzelnd wissen.

Deans Antwort dauerte etwas, er schien über die Frage nachdenken zu müssen. Dann sagte er zögerlich. „War nie eine Option. Mein... Vater fand es wichtig, immer in... Bewegung zu bleiben." Dean erwähnte natürlich nicht, wie er von seinem Vater gedrillt worden war und daß er schon mit 14 Jahren die ersten Aufträge ausführen mußte. Das ging niemanden etwas an und selbst er schob diese Erlebnisse seiner Jugend ganz weit weg, sobald eine Erinnerung daran aufkeimen wollte.

„Dein Vater, er ist..."

„Tot", unterbrach Dean Sam sogleich unfreundlich. „Ist schon ein paar Jahre her und ich will nicht darüber reden."

„Tut mir Leid. Ich wollte nicht neugierig sein", entschuldigte sich Sam kleinlaut und als Dean aufgrund der veränderten Stimmlage seines Gegenübers aufschaute, sah er in zwei sehr schöne braune Augen, die um Vergebung bettelten.

Dean unterdrückte ein Seufzen und dachte: ‚Shit, dieser Blick ist ja kaum auszuhalten. Ob er weiß, was er damit anrichten kann? Vermutlich schon. Aber wie auch immer, wenn ich nicht durch eine so harte Schule gegangen wäre, würde er mich mit diesem Blick zu so gut wie allem kriegen. Nur gut, daß ich immun bin.'

 

„Vergiss es. Laß uns einfach nicht mehr darüber reden", entgegnete Dean und schenkte Sam ein versöhnliches Lächeln, das der auch sogleich erwiderte. Es waren nur Sekunden, die sie sich in die Augen blickten, doch das genügte, daß bei beiden das Herz heftig zu klopfen anfing und sich ein aufregendes Magenkribbeln bemerkbar machte. Dean war der Erste der sich losriß und völlig sinnlos um den alten Wagen herumging. Als er bemerkte was er tat, blieb er abrupt stehen und räusperte sich. „Ähm, nun... also dann leg ich mal Hand an."

„Ja. Handanlegen ist immer gut", gab Sam zurück und erschrak, weil ihm diesbezüglich gewisse Bilder durch den Kopf schossen. „Am Wagen... weil... ähm, also ich geh dann, auch Hand anlegen... ähm... ich gehe jetzt", tat er murmelnd kund und verließ fluchtartig die Werkstätte, dankbar dafür, daß das dämmrige Licht seine geröteten Wangen verbarg.

Dean schaue ihm mit hochgezogenen Augenbrauen hinterher. Dann schüttelte er den Kopf. „Ein bißchen durch den Wind der Junge. Trotzdem, oder gerade deswegen bringt er mich irgendwie durcheinander und das verstehe ich nicht. Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich fast behaupten... Nein!" Sein Vater hatte ihm beigebracht, was im Leben wichtig war und Gefühle gehörten nicht dazu. Solche schon gar nicht. ‚Sie verhinderten klares, rationales Denken und sind unproduktiv. All das kannst du dir in deinem Job nicht leisten. Vergiss das niemals, Dean. Gegen Sex ist nichts einzuwenden. Jeder Mann braucht das hin und wieder. Aber auf mehr solltest du dich nicht einlassen. Das bringt nur Probleme', hörte Dean in seinen Gedanken den Vater sagen.

Er starrte vor sich hin, die Worte es Vaters deutlich im Kopf, und das erste Mal in seinem Leben erlaubte er es sich kurz anzuzweifeln, was sein Vater ihm diesbezüglich eingetrichtert hatte. Doch dann schüttelte er entschlossen den Kopf. Er war aus einem bestimmten Grund hier und auch einem Sam Hensen würde es nicht gelingen, ihn davon abzulenken.

Trotzdem konnte er nicht verhindern, daß sich Sam wieder in seine Gedanken schlich. Auch sein konfuses Gestotter fiel Dean wieder ein, wobei ihm plötzlich bewußt wurde, wie man diese Worte des Handanlegens interpretieren konnte. Ob Sam auch so gedacht hatte? Auf Deans Gesicht erschien plötzlich ein versautes Grinsen.

Kapitel 5 von silverbird

 Sam hatte die Werkstatt im Laufschritt verlassen und stand nun an der Koppel und schaute auf das friedliche Bild der grasenden Pferde. Er hatte kein eigenes Pferd mehr. Seines war während seines Studiums gestorben und da er nicht wußte, ob er jemals dauerhaft auf die Farm zurückkehren würde, hatte er nicht in Erwägung gezogen, sich ein neues Pferd zuzulegen. Wenn er reiten wollte, konnte er fast jedes benutzen, außer dem von seinem Vater oder seiner Schwester natürlich. Ihre Pferde waren tabu, so wie damals seines.

Er schwelgte kurz in der Vergangenheit, oder vielmehr er versuchte es, doch dann tauchte Jensen wieder vor seinem geistigen Auge auf und wieder wurden seine Wangen heiß, wenn er daran dachte, was für eine Peinlichkeit er von sich gegeben hatte. „Ich werde dann auch Hand anlegen." Sam verdrehte die Augen. „Und der erste Preis sich zum Oberidioten gemacht zu haben, geht an... Trommelwirbel... Samuel Henson. Applaus. Applaus!"

Er verdrehte die Augen und seufzte tief. „Ich kann Dean nie mehr unter die Augen treten. Ich habe echt ein Händchen dafür mich lächerlich zu machen. Der Kerl macht mich aber auch ganz wuschig. Das ist mir bisher noch nie passiert und dabei kenne ich ihn erst ein paar Stunden. Abgesehen davon ist er ein Schützling von Vater und auch wenn ich davon absehe, was ich nie tun würde, mein Vater würde mir echt die Hölle heiß machen. Wie sehr, darüber will ich erst gar nicht nachdenken. Aber auch wenn das nicht so wäre, wer sagt mir, daß Dean auf Männer steht?

Ahh, ich weiß wie ich es rauskriege. Ich frag ihn einfach, weil ich mich ja noch nicht genug zum Deppen gemacht habe", beantwortete Sam seine Frage sarkastisch selbst. Ein weiteres Mal seufzte er tief, dann beschloß, er sich zusammen zu reißen und von nun an Dean genauso zu behandeln, wie die anderen Leute die im Reha - Programm seines Vaters waren. „Freundlich, aber distanziert. Ja, genau so mache ich das. Ich krieg das hin. Wäre ja gelacht", brummte er fest entschlossen und ging ins Haus.

*~*

Dean hatte sich einen Stift und einen Schreibblock aus seinem Zimmer geholt und notierte sich immer wieder ein Ersatzteil, daß er für den Wagen brauchen würde. Natürlich wußte er, daß es wenig Sinn machte, sich mit dem Wagen zu befassen. Er würde nicht lange genug hier sein, um das Auto jemals zu reparieren, denn alleine schon die Bestandteile aufzutreiben konnte Monate kosten. Aber wenn Dr. Henson ihm erlaubte, hier in seiner Freizeit zu arbeiten, konnte er den Kontakt zu den anderen auf ein Minimum beschränken. So unsichtbar wie möglich zu bleiben war wichtig für seinen Job.

Obwohl, eigentlich war das nicht mehr relevant, denn sein Vater, der ihn zu dieser Art zu arbeiten genötigt hatte, war tot. Dean konnte also einfach aufhören, doch er konnte nichts anderes, und wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann liebte er es. Er setze sich auf die Ladefläche des Pic Ups, starrte vor sich hin und überlegte. „Stimmt schon, ich mag, was ich tue. Aber ich bin jetzt 28 Jahre alt. Irgendwie erwarte ich mir mehr von meinem Leben als so lange herum zu vagabundieren, bis ich, wie mein Vater, mit einer Kugel im Kopf ende."

Dean lachte plötzlich bitter auf und schüttelte den Kopf. „Was soll das? Ich und seßhaft? In irgendeinem Kaff? Um was zu tun? An Autos rumschrauben? Den Rest meines Lebens? Lächerlich, das ist ein Hobby, mehr nicht und im Grunde brauche ich den Nervenkitzel. Die Gefahr. Das atemlose Gefühl, wenn mir das Adrenalin durch die Adern schießt. Also kann ich das gleich vergessen. Außerdem, alleine kann ich überall sein, denn so verquert wie ich bin, gibt es niemanden, der mich lieben könnte. Außerdem ist Liebe ohnehin nur ein leerer Wahn."

Dass sich im selben Augenblick ein lächelndes Gesicht in seinen Kopf drängte und ihm braune Augen mit einem warmen Blick bedachten, erschreckte Dean dermaßen, daß er panisch nach Luft schnappte. „Nein, ich bin niemand den man lieben kann. Nicht nachdem, was ich schon alles getan habe", murmelte er bestimmt, ignorierte den ziehenden Schmerz, der sich in seiner Brust ausbreiten wollte und sprang von der Ladefläche. Er griff zu einem Hammer und drosch auf eine der verrosteten Bremsscheiben ein, damit sie sich löste. Dieses laute Geräusch würde hoffentlich die Stimme in seinem Kopf übertönen.

*~*

Als Doktor Aldin Henson am nächsten Morgen seinen Wagen vor seinem Haus anhielt, war es noch still auf seiner Farm. Doch das wunderte ihn nicht weiter. Schließlich war es erst fünf Uhr früh und alle Bewohner schliefen noch. Aldin stieg aus und streckte sich durch. Er war fast die ganze Nacht gefahren, weil er seine Kinder nicht zu lange mit dem Neuen hatte alleine lassen wollen. Auch wenn er wußte, daß Sam sich durchaus wehren konnte, hatte Aldins Gewissen es nicht zugelassen, noch länger bei seiner älteren Tochter zu bleiben. Er streckte sich noch mal, dann begab er sich zum Kofferraum seines Wagens, um seine Tasche herauszunehmen, als Pete plötzlich vor ihm stand. Erschrocken zuckte Aldin zusammen. „Pete, mein Freund, irgendwann bescherst du mir noch einen Herzinfarkt mit deiner Anschleicherei", behauptete er und lächelte.

Der Alte grinste ihn listig an und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich muß doch meinem Spitznamen gerecht werden. Aber jetzt erzähl schon. Zu was darf ich dir gratulieren, Großvater? Junge oder Mädchen?"

„Es ist ein Mädchen und nenn mich bloß nie wieder Großvater. Pete, der Kater, hat dann nämlich ein weiteres seiner neun Leben verwirkt", entgegnete Aldin lachend, indem er auf Petes Spitznamen anspielte.

„Da du mir zwei davon gerettet hast, hast du jedes Recht, mir eines zu nehmen. Aber jetzt komm mit. Ich habe frischen Kaffee aufgebrüht und Muffins gibt's auch. Sind gerade fertig aufgetaut. Sophia hat sie mir gegeben, bevor sie zu ihrer Schwester gefahren ist und da hab ich sie vor einer Stunde aus dem Tiefkühler genommen. Ich dachte mir schon, daß du heute in aller Frühe auftauchen wirst."

Aldin nickte lächelnd und folgte seinem alten Kumpel in dessen Küche. Kaum hatte er Platz genommen, stellte der ihm schon eine Tasse dampfenden Kaffee hin, sowie einen Teller mit dem Gebäck. Dann setzte er sich Aldin gegenüber. Der holte sein Handy aus der Tasche und schob es zu Pete hinüber, erst dann nahm er einen Schluck von dem Kaffee. Pete nahm das Handy und öffnete das Fotoalbum, da er gleich gewußt hatte, was diese Geste seines Freundes zu bedeuten hatte.

Lächelnd schaute er sich die Bilder von dem neuen Hensonkind an, die dort zu finden waren, während Aldin, ebenfalls lächelnd, über Pete und ihre langjährige Freundschaft nachdachte.

Sie waren zusammen im Krieg gewesen und er hatte Pete zwei Mal das Leben gerettet. Beide Male war Pete schwer verletzt gewesen und niemand hatte noch erwartet, daß er überleben würde. Doch er war zäh und das hatte ihm in der Truppe den Namen Pete, die Katze eingebracht. Dass noch mehr dahinter steckte, wußten nur wenige. Einer davon war Aldin. Doch wie auch immer. Nachdem sie abgemustert hatten, bot Aldin Pete an, mit ihm zu kommen. Sein Freund war Koch in der Armee gewesen und Aldin erklärte ihm, daß er ihn gut gebrauchen könnte, wenn er seinen Plan mit der Reha durchführen würde.

~*~

Dean hatte seine gewohnten vier Stunden geschlafen und stand nun am Fenster. So konnte er beobachten, wie ein Wagen auf den Hof fuhr und ein Mann mittleren Alters ausstieg. Pete gesellte sich dazu und begrüßte den Mann sehr freundschaftlich. „Das muß Dr. Henson sein", vermutete Dean ganz richtig. „Dann werde ich wohl bald bei ihm aufsalutieren. Aber sicher erst in ein paar Stunden. Also kann ich inzwischen die Daten auswerten."

Dean holte seinen Laptop aus der Tasche, stellte ihn auf den Tisch und fuhr ihn hoch. Dann nahm er das Kästchen, das er aus dem Schaltkasten am Haus entfernt hatte, schloß es mit einem Kabel an den Laptop und nachdem er ein paar Tasten betätigt hatte, wurden Daten auf dem Bildschirm sichtbar. Telefonnummern reihten sich aneinander, aber auch andere Aufzeichnungen. „Okay, das hab ich gleich entschlüsselt und sortiert. Hoffentlich kommt was dabei raus", murmelte er und beschloß, die Zeit der Übertragung zu nutzen und sich Kaffee zu kochen.

~*~

Als Aldins Kinder in die Küche kamen, fanden sie ihren Vater vor, der gerade den letzten von ihm gebackenen Pfannkuchen auf einen Teller stapelte. Noch bevor er irgendetwas sagen konnte, wurde er von Tessa und Sam freudig begrüßt und von seiner Tochter umarmt. Dann gab er seinen Bericht über das neue Familienmitglied ab und zeigte ihnen die Fotos, die er mit seinem Handy geschossen hatte. Nachdem sie ihre kleine Nichte ausreichend bewundert hatten, berichtete Sam noch kurz von dem Neuen. Auch das Dean die technischen Geräte repariert hatte und sich für die alten Autos in der Werkstatt interessierte.

Sein Vater nickte zufrieden. „Da haben wir jetzt offensichtlich jemanden, der sich um unsere sämtlichen Geräte kümmern kann. Sehr praktisch. Mal sehen, was sein Lebenslauf so hergibt."

„Ehrlich gesagt war ich knapp dran die Faxe auszudrucken und ein bißchen zu schnüffeln. Hab's aber nicht gemacht", erklärte Sam schnell, als er den strengen Blick seines Vaters bemerkte.

„Gut, denn das hätte ich dir übel genommen."

Sam nickte verständig. „Ich weiß. Berufsgeheimnis. Daher würde ich nie..."

„Das weiß ich Junge. Auf dich war und ist immer Verlass. Wenn es anders wäre, hätte ich deine Mutter nicht begleitet. Danke übrigens, daß du dich um alles so gut gekümmert hast. Besonders um Theresa." Aldin schaute seinen Sohn liebevoll an und klopfte ihm freundlich auf die Schulter. Sam lächelte zurück und dachte wie so oft, was für ein Glück er doch mit seinen Eltern hatte, die ihn liebten wie er war und akzeptierten, wie er leben wollte.

„Ich käme auch ganz gut alleine zurecht, aber das glaubt mir ja keiner", unterbrach Tessa den innigen Moment zwischen Vater und Sohn. Zudem verzog sie schmollend das Gesicht.

„Natürlich würdest du das, aber du weißt, was ich meine. Es geht mir um deinen Schutz", entgegnete ihr Vater eindringlich, beugte sich dann zu ihr hinüber und nahm sie fest in den Arm. „Ich hab dich sehr, sehr lieb und es wäre schrecklich für mich, wenn dir etwas passiert." Tessa erwiderte die Umarmung ihres Vaters sofort und lächelte versöhnt, während sie ihm ins Ohr flüsterte. „Ich hab dich auch lieb Daddy."

~*~

Tessa mußte 20 Minuten später zur Schule und Sam bot an, sie zu fahren, worüber seine Schwester sehr froh war, entkam sie so dem Schulbus. Aldin war das sehr recht, da er sehr müde war und sich ein paar Stunden hinlegen wollte. Das wiederum paßte Sam sehr gut, denn er hatte vor in der Stadt ein paar Erkundigungen einzuziehen, die vielleicht seine Zukunft verändern würde.

Nachdem Sam seine Schwester vor der Schule abgesetzt hatte, parkte er den Wagen vor einem Wohnungsmaklerbüro. Sam hatte im Internet recherchiert und herausgefunden, daß dieses Büro für den Verkauf der verlassenen Redaktion zuständig war. Daher hatte er telefonisch einen Termin vereinbart. Er war sich zwar ziemlich sicher, sich das Haus nicht leisten zu können, aber er wollte zumindest wissen, was es kosten würde und es wenigstens noch einmal von innen sehen.

Kaum war er in das Büro eingetreten, wurde er auch schon freundlich von einer aufgetakelten Frau mittleren Alters begrüßt, die sich als Mrs. Perkins vorstellte. Nachdem Sam ihr erklärt hatte, für welches Objekt er sich interessierte, runzelte sie erst nachdenklich die Stirn, doch dann lächelte sie erkennend. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht sofort wusste, welches Gebäude sie meinen. Wir haben zwar miteinander telefoniert, aber an dem Tag war so viel los, daß ich mir nur den Termin notiert habe. Jedenfalls, soweit ich weiß, steht Haus schon lange leer. Mehr kann ich auf Anhieb..." während sie sich erklärte, eilte sie zu einem Aktenschrank und kramte darin herum. „Ahh, da ist es ja", bemerkte sie, drehte sich zu Sam herum und bat ihn, Platz zu nehmen. Dann setzte sie sich ihm gegenüber hin und öffnete den Ordner. „Mr. Colding hatte keine Verwandten, daher ging das Objekt in den Besitz der Stadt über, die es jedoch nicht verkaufen konnte, da niemand Interesse bekundete. Obwohl der Preis wirklich nicht hoch ist. Natürlich müßte das Haus entrümpelt werden und es ist einiges zu renovieren, aber die Baustruktur ist gut und das ist schon mal ein großes Plus. Darf ich fragen, wieso sie sich gerade für dieses Haus interessieren?" Mrs. Perkins schaute Sam neugierig an.

Sam, der nicht die Absicht hatte einer Fremden persönliche Informationen zu geben, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und erwiderte: „Es ist mir aufgefallen, als ich zufällig daran vorbei kam und daher möchte ich es mir unverbindlich ansehen, damit ich entscheiden kann, ob es für meine Zwecke passend ist."

„Welchem Zweck wollen sie das Gebäude denn zuführen?", wurde er sogleich gefragt und die neugierige Maklerin wurde Sam immer unsympathischer. Dennoch rang er sich ein Lächeln ab, das jedoch ziemlich arrogant ausfiel, bevor er antwortete: „Ich denke nicht, daß das für einen Kauf relevant ist. Aber ich müßte mir das Haus ohnehin erst gründlich ansehen, bevor ich einen Kauf überhaupt in Erwägung ziehe. Da ich auch noch andere Objekte ins Auge gefaßt habe, möchte ich einen Besichtigungstermin machen. Also, wann kann ich das Haus ansehen?"

Mrs. Perkins versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie von dem jungen Mann, der ihr selbstsicher gegenüber saß, beeindruckt war. Er wußte offenbar genau was er wollte, und auch wie man es bekam. Da hieß es vorsichtig zu sein, um den Kunden nicht zu vergraulen, denn sie glaubte ihm durchaus, daß er sich mehrere Häuser ansehen würde, bevor er sich entschied. Das tat logischer Weise schließlich jeder. Also mußte sie es geschickt angehen, damit ihr ihre Provision nicht durch die Lappen ging. „Leider liegen die Unterlagen und die Schlüssel noch bei der Stadtgemeinde, aber ich werde mich sofort um alles kümmern", sagte sie daher zu Sam und lächelte ihm freundlich zu, bevor sie beflissen fragte: „Darf ich sie anrufen, um einen Termin zu vereinbaren, sobald ich alles habe, damit Sie das Haus besichtigen können?"

Sam nickte zustimmend und bemühte sich, seine Enttäuschung zu verbergen. Dann verabschiedete er sich und schlenderte zurück zu seinem Wagen. Er hatte eigentlich gehofft, das alte Redaktionshaus gleich besichtigen zu können und nun mußte er warten. Vermutlich sogar ein paar Tage. Aber das war leider nicht zu ändern. Deswegen würde er auch seinem Vater noch nichts davon erzählen. Bevor er nichts Konkretes wußte, machte das ohnehin keinen Sinn. Zudem mußte auch die Finanzierung überlegt werden, sollte es überhaupt erschwinglich sein. Einer der schwersten Hürden, die es zu überwinden gab. „Mal sehen, was ich im Höchstfall zusammen kratzen kann, dann rede ich mit Vater", murmelte Sam entschlossen und stieg ein.

~*~

Ein paar Stunden später setzte sich Aldin frisch geduscht hinter seinen Schreibtisch. Er hatte geschlafen und fühlte sich gut und ausgeruht. Er stellte das Fax an und druckte aus, was er an Unterlagen von seinem neuen Schützling bekommen hatte. Dann begann er zu lesen. Als er damit fertig war, legte er die Papiere in eine Mappe, die er mit Dean Wilson beschriftete, und griff nach seinem Handy. Dort suchte im Telefonregister eine Nummer heraus, die er anwählte. „Hier spricht Doktor Hensen", meldete er sich. „Ich würde Sie jetzt gerne in meinem Büro sehen. Gleich, wenn das möglich wäre?", bat er freundlich.

„Klar, Doc. Geben sie mir fünf Minuten, dann bin ich da", gab Dean zur Antwort und legte auf.

Aldin war schon sehr gespannt auf den jungen Mann, den ihm sein Freund Bill Sutton sehr ans Herz gelegt hatte. Noch bevor er über das Gespräch mit Bill nachdenken konnte, klopfte es kurz an seiner Tür. Nachdem Aldin „herein" gerufen hatte, stand er auf und umrundete den Tisch, um seinem neuen Besucher entgegen zu kommen, der gerade eintrat. „Es freut mich sie kennen zu lernen, Mister Wilson. Bitte, nehmen sie Platz", bat er ihn.

Wortlos folgte Dean der Aufforderung und nachdem sich die beiden Männer gegenüber saßen, fragte Hensen: „Wie geht es Ihnen? Schon ein bißchen eingelebt?"

„Das nicht, aber ich habe Pete kennen gelernt. Ich mag seine Küche", erklärte Dean grinsend.

Der Doc lachte leise. „Ja, gutes Essen ist wichtig. Aber wollen wir uns über Ihre Probleme unterhalten?"

Dean nickte, dachte aber: ‚Eigentlich nicht, doch was soll's. Also auf zur Märchenstunde.'

Kapitel 6 von silverbird

Als Sam nach Hause kam, hörte er Stimmen im Arbeitszimmer. Auch wenn er durch die gepolsterte Tür nicht hören konnte was gesprochen wurde, so erkannte doch die Stimme seines Vaters und die von Dean, was sofort ein warmes Kribbeln in seinem Bauch auslöste. Sam seufzte lautlos, wobei er nicht sagen konnte, ob er es aus Frust tat, oder weil sich diese besondere Wärme einfach nur gut anfühlte. Er wäre am Liebsten im Flur stehen geblieben, nur um weiter dieser Stimme zu lauschen. Doch die Gefahr ertappt zu werden war einfach zu groß und so lief er nach oben in seine Wohnung.

Dort angekommen begab er sich gleich ins Bad. Ihm war ungewohnt heiß und er wollte sich Wasser ins Gesicht spritzen. Während er das Wasser aufdrehte, warf er einen Blick in den Spiegel. Ein junger Mann mit leuchtenden blaugrünen Augen schaute ihm entgegen. Das war ja noch normal, aber was Sam stutzig machte, war das verblödete Grinsen in dessen Gesicht. Er starrte sein Spiegelbild noch eine Weile an und murmelte währenddessen: „Fliegende Wesen im Bauch, weggetretener Gesichtsausdruck und das alles wegen einer Stimme?" Als ihn die Erkenntnis traf, wurden seine Augen groß. „Sam du Idiot, du hast dich verliebt und es spricht gegen deine Intelligenz, daß du es erst jetzt bemerkst. Dabei hättest du es spätestens dann erkennen müssen, als du ihm auf den Hintern geschlagen hast."

Sam verdrehte die Augen. „Na super. Jetzt rede ich mit mir selbst im Spiegel auf eine völlig verrückte Weise." Sam riß sich von seinem Spiegelbild los und klatschte sich nun endlich kaltes Wasser ins Gesicht. Es half ihm soweit, daß er zumindest wieder etwas rationaler denken konnte und während er sich auf seinen Schreibtischstuhl setzte, versuchte er sich klar zu machen: „Das geht nicht und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens, Dean hat nicht die geringsten Anzeichen gezeigt, ebenfalls an mir interessiert zu sein. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er überhaupt auf Männer steht. Zweitens, selbst wenn, er ist Vaters Patient und hat daher auch irgendeinen Dachschaden. Keinen schlimmen. Er ist nicht gefährlich oder so, nichtsdestotrotz hat er ein psychisches Problem, sonst wäre er nicht hier. Deswegen hat er sicher andere Sorgen."

Sam schloß die Augen und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, während er erneut seufzte: „Das ändert alles nichts daran, was ich fühle, und hilft mir daher nicht wirklich weiter. Ich muß mich irgendwie ablenken, sonst bin ich der nächste Kandidat für Vaters Couch", befürchtete Sam und schaute sich um. Sein Blick fiel auf seinen PC und rasch schaltete er ihn ein. Er würde einfach nach allem suchen, was mit dem Redaktionshaus zu tun hatte. Da ihn das wirklich interessierte, müßte es als Ablenkung reichen.

~*~

Der Doc bemerkte, daß Dean in Gedanken war. „Ich gebe Ihnen gerne ein paar Minuten. Kaffee?", bot er fragend an und Dean nickte zustimmend. Aldin stand wortlos auf und verließ den Raum, um in die Küche zu gehen. Dort angekommen, schaltete er die Kaffeemaschine ein und während sie warm lief, dachte er an ein Telefonat, das er vor einiger Zeit geführt hatte und folgender Maßen abgelaufen war:

Rückblende

„Hallo Aldin, hier spricht Bill Sutton", hörte der Doc seine langjährigen Freund ins Telefon rufen und mußte schmunzeln. Bill Sutton vergaß jedes Mal, daß Aldin ohnehin auf seinem Handydisplay sehen konnte, wer anrief. Dennoch wies Adin ihn nicht darauf hin, sondern entgegnete: „Hey, Bill, altes Haus. Ich nehme an, du rufst wegen unseres jährlichen Angelausflugs an. Nächste Woche ist es wieder soweit."

Bill Sutton seufzte leise. „Schön wäre es, aber den müssen wir diesmal wohl verschieben."

Der Doc richtete sich erschrocken aus seiner bequemen Position in seinem Stuhl auf. „Du klingst sehr ernst. Was ist passiert? Bist du womöglich ernsthaft krank?"

„Nein, nein, um mich brauchst du dir keine Sorgen machen. Bei uns ist nur mal wieder der Teufel los und daher kann ich mich vorläufig nicht mal für ein Wochenende loseisen. Aber ich rufe nicht nur deswegen an. Ich will dich auch um einen Gefallen bitten."

„Natürlich. Da mußt du mich gar nicht erst bitten. Das weißt du. Also, was kann ich für dich tun?", bot Aldin an, noch bevor Bill überhaupt sagen konnte, um was es ging. Sutton war ein guter Freund und Kamerad. Er, Aldin, Pete und Jesse, der aber vor einiger Zeit ums Leben gekommen war, waren eine eingeschworene Gruppe im Krieg gewesen und sie hatten sich mehr als einmal gegenseitig das Leben gerettet. Auch heute noch würde einer für den anderen in jeder Situation da sein. Das stand außer Frage.

„Es geht um Jesses Sohn. Er hat Probleme und ich bin der Ansicht, daß du mit deinem Programm der Richtige wärst, um ihm zu helfen", erklärte Bill knapp.

„Ich wußte zwar, daß Jesse einen Sohn hatte, aber mehr auch nicht. Er hat ja nach dem Tod seiner Frau zu uns allen den Kontakt abgebrochen. Oder hat er ihn zu dir wieder aufgenommen?", wollte Aldin wissen.

„Nein, ich habe auch erst nach seinem Tod von dem Jungen erfahren. Jesse war in einer ganz anderen Abteilung als ich. Da hatten wir noch nicht mal beruflich etwas miteinander zu tun und er hat auch weiterhin jeden privaten Kontakt unterlassen. Doch um zum Punkt zu kommen. Sein Sohn war unter anderem im Afganisgtan Krieg, hat dort einiges erleben müssen und laut der üblichen Gutachten, die gemacht werden, wenn einer der Jungs zurückkommt, hat er arge Probleme sich gesellschaftlich wieder einzufügen. Ich glaube allerdings, daß auch Jesse einiges dazu beigetragen hat, daß sich der Junge so absondert. Er heißt übrigens Dean. Na, jedenfalls möchte ich, daß du dich seiner annimmst. Noch was, laß ihm bitte Zeit. Egal wie lange er braucht, dränge ihn bitte nicht. Natürlich bist du der Psychologe und ich will mich da auch nicht weiter einmischen, aber Dean liegt mir am Herzen. Er hatte es nie leicht und ich sorge dafür, daß alle deine Kosten vollkommen gedeckt werden."

„Nur weil du ein Freund bist, sehe ich das jetzt nicht als Beleidigung an. Du weißt, daß es selbstverständlich für mich ist, mich um den jungen Mann zu kümmern, und das nicht nur wegen Jesse. Also, wann wird er hier eintreffen?"

Rückblende - Ende

Aldin schossen Bilder durch den Kopf. Er und seine Freunde im Kampf, oder wenn sie sich besinnungslos tranken, um die grausamen Bilder des Krieges zu vertreiben. „Das ist alles schon so lange her", murmelte er und seufzte. Dann stellte er entschlossen die Kaffeetassen, Milch und Zucker auf ein Tablett und ging damit wieder zurück in sein Büro. Dort plazierte er alles auf dem Tisch. „Bedienen Sie sich", forderte er Dean auf, der dankend nach einer Tasse griff und weder Milch noch Zucker hinzufügte, wie Aldin bemerkte.

„Erzählen Sie ein bißchen was von sich, Dean", bat er, während er einen Schluck von seinem Kaffee nahm.

Dean trank erstmal und entgegnete dann knapp: „Steht alles in den Akten, Doc."

Der nickte verständig. „Ja, die Fakten sind mir bekannt. Das abgeschlossene Technikstudium zum Beispiel. Ein Beruf der sehr viele Möglichkeiten bietet. Was hat Sie daher eigentlich bewogen nach Afghanistan zu gehen?"

„Die brauchten dort Techniker", antwortete Dean trocken.

„Also nicht für Präsident und Vaterland?", fragte Aldin nach.

‚Vater trifft es‘, dachte Dean bevor er ruhig entgegnete: „Unterstellen Sie mir, unpatriotisch zu sein?"

„Himmel nein. Mitnichten. Mich interessieren nur Ihre Beweggründe. Ich war ebenfalls im Krieg, dachte, ich bin es meinem Land schuldig. Doch die Ernüchterung kam schnell", berichtete der Doc. Die Taktik, etwas von sich zu erzählen funktionierte so gut wie immer, wußte er. Es baute Vertrauen auf, denn vielen Menschen fiel es leichter etwas von sich Preis zu geben, wenn auch andere das taten. Auch Gruppentherapien funktionierten auf diese Weise, weswegen Aldin großen Wert auf diese Form der Behandlung legte.

„Das klingt aber nicht sehr patriotisch, Doc", behauptete Dean und schmunzelte.

‚Okay, er steigt nicht darauf ein. Bei ihm muß ich anders vorgehen‘, dachte Aldin, bevor er nach dem Block und dem Stift vor sich griff und verteidigend antwortete: „Ich liebe mein Land, aber ich heiße nicht alles gut, was die Regierung treibt."

Dean nickte zustimmend. „Sehe ich auch so. Man lernt ja dazu und muß selbst entscheiden, welchen Weg man einschlägt. Sie haben sich also nach dem Krieg entschlossen den Bekloppten ... ähm ... geistig Kriegsgeschädigten wieder auf die Sprünge zu helfen, weil Sie gesehen haben, was dieser Wahnsinn anrichtet."

Nun war es Aldin der nickte. „Stimmt, ich kümmere mich um die Folgen, da ich die Ursache nicht verhindern kann. Was haben Sie für Zukunftspläne?"

Dean lehnte sich in seinem Stuhl zurück und zuckte mit den Schultern. „Mal sehen was sich ergibt, wenn ich hier raus bin."

„Das ist kein Gefängnis", erklärte Aldin milde.

„Ich weiß, aber trotzdem. Man wird eingestuft, als hätte man einen Sockenschuss."

Aldin schüttelte über diesen Ausdruck lächelnd den Kopf, dann dementierte er. „Sie wissen, daß das nicht stimmt. Wie schlafen Sie?", wechselte er rasch das Thema in der Hoffnung eine unüberlegte, spontane und dadurch auch wahre Antwort zu erhalten.

„Meistens auf dem Bauch. Manchmal auch in Seitenlage", kam jedoch die trockene Antwort.

Aldin lachte leise und schaute Dean direkt in die Augen. „Ich werde wohl präzisere Fragen stellen müssen. Also wie lange schlafen Sie auf 24 Stunden gerechnet?"

Dean zuckte erneut mit den Schultern. „Vier bis fünf."

„Haben Sie Albträume?"

„Nein."

Aldin machte sich eine weitere Notiz, hob minimal eine Augenbraue und Dean wußte, der Doc glaubte ihm nicht. Deswegen fügte er leichthin hinzu. „Aber ich träume hin und wieder von großen Tieren, mit denen ich in einen Käfig gesperrt bin, aus dem ich nicht rauskomme. Dann wieder von einer großen Stadt voller Menschen, doch ich kann zu keinem Kontakt aufnehmen. Alles unsinniges Zeug."

Diese Aussagen brachten den Doc dazu, gedanklich seine Schlüsse zu ziehen. ‚Gut langsam kommen wir weiter. Typisch burn out Syndrom.'

 

Dean schaute inzwischen mit unbeweglichem Gesicht zu, wie der Doc seine Notizen machte und dachte. ‚So, jetzt hat der gute Doc gleich mal was zu tun und kann sich mit meinen angeblichen burn out Syndrom auseinandersetzen. Nicht nur er versteht was von Psychologie und obwohl mir der Doc sympathisch ist, in meinem Kopf hat er nichts verloren.'

„Schön", sagte Aldin plötzlich. „Das reicht erst mal für die erste Sitzung. Nun gebe ich ihnen ein paar Erklärungen, wie das hier bei uns abläuft. Also. Normaler Weise nehme ich acht Leute bei mir auf. Genauso viele Zimmer sind drüben im Nebenhaus. Hin und wieder wird eine Person zusätzlich aufgenommen, so wie in Ihrem Fall. Der bewohnt dann die Wohnung über der Werkstatt. Sie können natürlich auch drüben bei den anderen wohnen, wenn Sie das lieber wollen und einer der anderen Patienten tauscht mit Ihnen. Aber ich dachte, es ist für Sie, als Neuzugang, angenehmer so. Im anderen Gebäude hat zwar jedes Zimmer ein eigenes Bad, doch es gibt nur eine Gemeinschaftsküche."

„Danke Doc. Das ist mir so auf jeden Fall lieber. Ich werde den Kontakt zu den anderen ohnehin haben. Das bleibt ja nicht aus."

„Das soll es auch nicht. Einmal in der Woche haben wir eine Gruppensitzung. In der kann jeder über seine Fortschritte, Wünsche, Träume, Ängste, oder was immer er loswerden will, reden. Zwei Mal die Woche sind Einzelsitzungen bei mir zu absolvieren. Außerdem hat jeder Patient bestimmte Aufgaben auf der Farm zu erfüllen, die von Mister Pering, das ist mein Vorarbeiter, verteilt werden. Weiters bekommt jeder ein Pferd, um das er sich kümmern muß. Pferde sind sehr sensibel und fördern so den sozialen Kontakt. Ein Problem, das vielen Kriegsveteranen zu schaffen macht."

„Habe ich nicht, daher brauche ich auch kein Pferd", wehrte Dean vehement ab.

Aldin verbiß sich ein Schmunzeln zu dem Kommentar, äußerte sich aber nicht direkt dazu, sondern sagte: „Nun, dann müssen wir eine andere Aufgabe für Sie finden. Wie wäre es damit. Mein Sohn hat mir erzählt, Sie interessieren sich für die alten Autos, die in der Werkstatt stehen?"

Ein kurzes Leuchten war in Deans Augen zu erkennen, daß er schnell abdeckte, indem er seine Augenlider senkte, bevor er zustimmte. „Stimmt, daran könnte ich arbeiten, während ich hier bin. Hat ja im weitesten Sinne auch mit Pferden zu tun."

„Wenn man es auf diese Weise betrachtet, dann stimme ich ihnen zu", entgegnete Aldin lächelnd. „Nun gut, dann werde ich Mister Pering mitteilen, daß sie anderweitig beschäftigt werden."

Aldin erhob sich und Dean tat es ihm gleich, als der Doc ihn aufforderte: „Kommen Sie bitte mit, ich stelle Sie auch gleich den andern vor." 

Während sie über den Hof schlenderten, erzählte Dean: „Pete kenne ich bereits. Ein guter Mann."

„Und ein guter alter Freund", ergänzte Aldin.

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Sie kennen sich schon lange, hat mir Bill erzählt."

Aldin registrierte natürlich sofort, daß Dean sehr wohl Bill erwähnte, aber kein Wort über seinen Vater fallen ließ. ‚Da gibt es mehr als nur ein Kriegstrauma aufzuarbeiten‘, dachte Aldin. Doch das werden wir Schritt für Schritt machen. Erstmal soll er sich hier richtig einleben und wohlfühlen.'

Aldin wollte gerade etwas wegen Bill sagen, doch Dean redete schon weiter. Aber er wechselte das Thema in eine Richtung, die Aldin aufhorchen ließ, weil Dean fragte: „Wie sehen Sie eigentlich diese Genie und Wahnsinn Sache?"

Die Neugierde des Docs war natürlich sofort geweckt. „Sie meinen, zwischen Genie und Wahnsinn ist oft nur ein schmaler Grat. Sie haben sich offenbar Gedanken darüber gemacht?"

„Man denkt an viele Dinge, wenn man alleine unterwegs ist", gab Dean lakonisch zurück, während er mit den Schultern zuckte.

‚Er ist gefährdeter als es den Anschein hat. Gut, daß Bill ihn hergeschickt hat. Dean hat dringend Hilfe nötig, denn offenbar hält er sich für wahnsinnig‘, mutmaßte Aldin sogleich, bevor er fragte: „Sie machen sich Sorgen auf die Seite des Wahnsinns abzurutschen?"

Dean grinste und schüttelte den Kopf. „Mir wurde gesagt, ich gehöre der anderen Kategorie an. Aber wer weiß? Vielleicht finden Sie etwas ganz anderes heraus."

Kapitel 7 von silverbird

Nachdem Dean den andren Reha-Patienten und dem Vorarbeiter vorgestellt worden war, gingen er, der Doc und Keith Pering in dessen kleines Büro, wo der ihnen Platz anbot.

„Wie sich herausgestellt hat, versteht Mr. Wilkins einiges von Fahrzeugen. Daher habe ich ihn vorläufig dazu eingeteilt, eines meiner alten Autos zu reparieren. Sonst bleibt alles wie üblich", kam Aldin gleich zur Sache.

Keith runzelte nachdenklich die Stirn, erwiderte dann aber: „Ganz wie Sie meinen, Doktor. Aber morgen treiben wir die Wildpferde in das neue Naturschutzgebiet, da könnte ich jeden Mann gebrauchen. Jerry und Phil sind noch nie auf einem Pferd gesessen, daher kann ich mit ihnen nichts anfangen. Sie bleiben in der Zwischenzeit hier und versorgen die Tiere auf der Farm. Ich wäre schon froh, noch ein oder zwei Männer zu haben. Die Pferde werden zwar nicht allzu schwer zu lenken sein, aber die Herde ist nicht gerade klein."

„Wenn es für Sie okay ist, Doc, bin ich dabei", warf Dean plötzlich ein, weswegen Aldin ihn nachdenklich anschaute, die Aussage aber nicht kommentierte. Erst wollte sein Patient nichts mit Pferden zu tun haben und nun wollte er sogar bei einem Treiben mitmachen. Ein weiteres typisches Zeichen bei Männern, die es bisher immer nur gewohnt waren, Befehlen zu gehorchen. Auf einmal konnten sie eigene Entscheidungen treffen und wußten daher nicht recht, in welche Richtung sie gehen sollten. Aber es war gut, daß Dean den Kontakt mit den andern nun doch früher und intensiver aufnehmen wollte.

Daher nickte Aldin zustimmend. „Nein, ich habe nichts dagegen. Ich befürworte es sogar. Sollte mein Sohn keine anderen Pläne haben, wird er auch mitkommen. Ein paar Tage in der Natur werden ihm gut tun, nachdem er so lange in der Welt aus Beton gelebt hat."

„Fein, dann wäre das geklärt. Wenn das alles ist, Sir, würde ich jetzt gerne die Vorbereitungen für das Treiben treffen. Die Koppeln für die Pausen sind zwar schon alle eingerichtet, aber es gibt trotzdem noch einiges zu erledigen."

„Natürlich Mr. Pering. Dann wollen wir sie nicht mehr länger aufhalten", entgegnete Aldin freundlich. Er erhob sich und Dean folgte seinem Beispiel. Gerade als sie den Raum verlassen wollten, wandte Pering sein Wort noch einmal an Dean. „Was ich noch wissen muß, Mr. Wilson. Ich hoffe, Sie können ordentlich reiten und verstehen was vom Viehtreiben? Denn ich habe weder die Zeit noch Lust mich mit einem Anfänger herumzuschlagen."

„Sie werden keinen Grund zu Klagen haben", antwortete Dean ruhig. Er konnte Perings Standpunkt gut nachvollziehen. Daher sah er in dessen Worten auch keine Beleidigung.

Pering schaute Dean in die Augen und der blickte offen zurück. Der Vorarbeiter nickte plötzlich, lächelte sogar minimal. „Okay, Wilson, dann sehen wir uns Morgen. Fünf Uhr früh." Dean nickte zustimmend, dann verließ er hinter Aldin den Raum.

Pering schaute zu, wie die Tür geschlossen wurde. Er konnte Menschen sehr gut einschätzen und im Bezug auf Wilson war er sich sicher, das war ein Mann, den er gerne in seiner Truppe hatte.  

~*~

Aldin und Dean betraten den Gemeinschaftsraum gerade in dem Augenblick, als Pete dabei die Teller zu füllen. Er forderte den Doc und Dean auf sich zu setzen, die sich dankend auf die freien Stühle zwischen den anderen Männern setzen. Es gab einen kräftigen Eintopf mit ausreichend Fleisch und besonders Dean langte kräftig zu.

„Bin gespannt, ob der Neue so gut arbeiten kann wie er isst", murrte einer der Männer am Tisch und Dean, der das natürlich gehört hatte, erwiderte grinsend: „Jede Wette, du kannst weder bei dem Einen noch dem Anderen mit mir mithalten."

„Die Wette gilt", kam es von dem Mann, der Dean, um den Deal zu besiegeln, die Hand hinhielt. Ohne zu zögern schlug Dean ein, während er seinen Kontrahenten musterte. Er war eine Spur größer als der Agent selbst, aber wesentlich kräftiger, um nicht zu sagen dick. Freundliche Augen zierten sein rundes Gesicht und die kurzen, schwarzen Haare standen in allen Richtungen ab. Der Kerl ist okay, stellte Dean erkennend fest und die beiden Männer grinsten sich an.

Nachdem sie gegessen hatten, verließen Aldin und Dean die Küche, um sich noch die Autos, die Dean gedachte zu reparieren, anzusehen. Als sie vor den Fahrzeugen standen, bemerkte Aldin seufzend: „Keine Ahnung wieso ich sie noch nicht entsorgt habe. Es liegt wohl daran, dass sie meinem Vater gehörten. Denn wenn ich mir diese Wracks ansehe, ist meine ärztliche Meinung; holen wir einen Priester, damit er ihnen die letzte Ölung verpasst."

Auf Grund dieser Aussage musste Dean laut auflachen, bevor er, noch immer glucksend, erwiderte: „Nicht nötig, Doc. Das Ölen übernehme ich, und noch mehr. Denn wenn Sie bereit sind ein bisschen was zu investieren, mach ich Schmuckstücke daraus. Das kann ich Ihnen versichern."

„Wenn es keine Unsummen sind, habe ich nichts dagegen. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass das jemals wieder vorzeigbare Autos werden, bin ich durchaus bereit, Ihnen in dieser Hinsicht zu vertrauen."

„Können Sie, und was die Kosten anlangt, das meiste kann ich gebraucht auftreiben. Sobald wir von dieser Pferdetour zurück sind, fange ich an."

Damit war alles besprochen und die Wege der beiden Männer trennten sich.

~*~

Sam traf nachmittags mit seinem Vater in der Küche zusammen, der sich gerade ein Sandwich machte. „Hast du dich schon wieder eingelebt?", wollte der wissen.

Sam nickte. „Es ist schön wieder zu Hause zu sein. Mir hat die Weite gefehlt. Das Gefühl von Freiheit hat man in der Stadt nicht."

„Kann ich gut verstehen. Doch man weiß vieles erst zu schätzen, wenn man es nicht hat. Aber auch das weiß man erst, wenn man die Dinge aus anderen Perspektiven kennen lernt. Daher war dein Studium nicht völlig umsonst", bemerkte Sams Vater und zwinkerte ihm zu.

Sam seufzte leise. Auch wenn sein Vater nie etwas gegen seine Wahl gesagt hatte, hätte er es trotzdem gerne gesehen, wenn sein Sohn ein medizinisches Fach gewählt hätte. Daher beschloß er, das bisher totgeschwiegene Thema nun endlich aufzuarbeiten. „Dad, ich weiß, du hättest gerne einen weiteren Mediziner in der Familie gehabt, aber ich bin nun mal für diesen Beruf... "

„Wie kommst du nur auf solche unsinnige Gedanken?", wurde er von seinem Vater unterbrochen, der ihn erstaunt anschaute.

Stirn runzelnd erwiderte Sam seinen Blick. „Ich dachte immer, weil Mom Chirurgin ist und du..."

Sein Vater legte ihm liebevoll die Hand auf die Schulter und stoppte mit dieser Geste seinen Sohn erneut, bevor er erwiderte: „Junge, es ist dein Leben und du sollst genau das machen, was du machen willst. Einen Beruf auszuüben, den man nicht leiden kann, kann die Hölle sein, denn schließlich arbeitet man ein paar Jahrzehnte. Nein, weder ich noch deine Mutter hatten je irgendwelche beruflichen Wünsche für unsere Kinder, außer, daß sie mit dem zufrieden sind, was sie machen. Natürlich hätte es mir gefallen, wenn du dir nicht ausgerechnet Publizistik ausgesucht hättest."

„Aber du hast doch gerade gesagt, es ist für dich nicht relevant welches Studium wir machen", entgegnete Sam konfus.

„Stimmt schon. Aber wir sind eine kleine Stadt, die dir in beruflicher Hinsicht nichts zu bieten hat. Also wirst du nicht bleiben. Ja, ja, ich bin ein alter, sentimentaler Mann, der seine Kinder in seiner Nähe haben möchte. Nimm mich einfach nicht ernst", erklärte Aldin, verdrehte die Augen und lachte.

Sam lächelte zwar zurück, doch sein Vater erkannte sofort, daß seine Augen ernst, fast traurig ausschauten, als er sagte: „Ich bin sicher, Kate wird dich mit deiner Enkeltochter schon sehr bald besuchen kommen."

„Sam, es ist mir egal, daß du nie Kinder haben wirst. Ich habe zwei Töchter, die mir bestimmt so einige Enkelkinder schenken werden. Du hast festgestellt, daß dir Männer besser gefallen als Frauen und das ist völlig in Ordnung für mich. Ebenso für Mom. Ich dachte, du bist nun endlich soweit, um mir das zu glauben. Wir lieben dich genauso wie du bist und wenn du einen Partner findest, der der Eine für dich ist, dann ist er bei uns herzlich willkommen."

Sam mußte schlucken und gleichzeitig die Tränen niederkämpfen, die in ihm aufstiegen. Unfähig sofort zu sprechen umarmte er seinen Vater und drückte ihn kurz, während er flüsterte: „Danke Dad."

„Nicht dafür, Sohn. Kaffee?", fragte er gleich darauf, um seine eigene Rührung zu verbergen.

Sam nickte heftig. „Auf jeden Fall! Und hat Sophie zufällig ein paar Stücke von ihrem Käsekuchen eingefroren, bevor sie weggefahren ist? Ich könnte jetzt echt etwas Süßes vertragen."

Keine fünf Minuten später saßen Vater und Sohn am Küchentisch bei Kuchen und Kaffee und Aldin bat Sam darum, beim Treiben der Wildpferde zu helfen. Selbstverständlich stimmte Sam zu, doch als sein Vater ihm erzählte, daß Dean mitreiten würde und der Doc zusätzlich noch von der der Wette zwischen Dean und Ben berichtete, protestierte Sam. „Keine so gute Idee. Abgesehen davon, daß Dean eine Verletzung am Rücken hat, wenn er und Ben jetzt, kurz vor dem Treiben ein Wettessen veranstalten, kann ich mir vorstellen, was sich morgen abspielt. Die Beiden kotzen dann sicher um die Wette."

Aldin mußte lachen, als er Sams angewidertes Gesicht sah. Doch dann wurden seine Gesichtszüge wieder ernst und er fragte besorgt: „Verletzung? Was für eine Verletzung?"

Sam berichtete davon und auch, daß er die Wunde versorgt hatte. Schon als kleiner Junge war Sam sehr interessiert an der Arbeit seiner Mutter gewesen. Er hatte immer helfen wollen, wenn sie eine Wunde nähte oder anderweitig versorgte. Damals war er ganz sicher gewesen, einmal so wie seine Mutter Chirurg zu werden. Als er jedoch dann in die Schule kam und dabei täglich an dem kleinen Kiosk vorbei kam, der jeden Morgen mit neuen Tageszeitungen aus aller Welt beliefert wurde, wurde sein Interesse in diese Richtung gelenkt. Trotzdem lernte er nach wie vor von seiner Mutter und assistierte ihr auch immer, wenn es nötig war.

Auf Grund dessen bekam er nun von Aldin auch den Auftrag, sich um Dean während der zweitägigen Tour durchs Gelände zu kümmern und ihn gegebenenfalls zu bremsen, sollte das nötig sein.

„Das wird Dean aber nicht gefallen", behauptete Sam seufzend.

Sein Vater jedoch lächelte ihn an. „Du kannst sehr überzeugend sein, wie ich weiß. Aber trotzdem werde ich ein paar klärende Worte mit ihm wechseln, damit er darüber informiert ist, daß ich hinter diesen Anordnungen stehe. Trotzdem möchte ich dich bitten, das jetzt gleich mal vorab mit ihm zu klären, weil..."

„Ja, ja, psychologischer Hintergrund, ich weiß schon", unterbrach Sam seinen Vater lächelnd und der lächelte zurück, während Sam sich erhob und sich auf den Weg machte.

Er wußte, sein Vater hatte Recht, Sam konnte durchaus überzeugend und auch autoritär sein wenn es nötig war, und diese Gabe würde er nun nützen. Schon alleine, um Dean zu schützen. Aber es war Sam auch klar, daß sein Vater mit dieser Aktion Dean auch austesten wollte. Wie würde sein Patient reagieren, wenn er von einem jüngeren Mann, der noch nicht mal Soldat gewesen war, Anweisungen entgegen nehmen mußte und das auch noch vor einer Gruppe Männer? Wie würde Dean Wilson mit dem Spott umgehen, der darauf unweigerlich folgen würde.

~*~

Es war früher Abend, als Sam sich auf die Suche nach Dean machte. Da er ihn in der Werkstatt nicht antraf, beschloss er es im Gemeinschaftsraum zu versuchen. Er bog gerade um die Ecke des Gebäudes, als er die ganze Truppe vor dem Wirtschaftshaus stehen sah. Die Männer diskutierten gerade, welchen kulinarischen Kraftakt die beiden Wettkandidaten durchführen sollten. „Vergesst es, die Sache wird vertagt", rief Sam laut, um sich Gehör zu verschaffen.

„Was soll das heißen, die Sache wird vertagt? Es geht um einen riesigen Haufen Hamburger", entgegnete Dean empört.

„Und um die Ehre", warf Ben noch ein und Dean nickte zustimmend. „Genau."

Sam baute sich vor Dean auf und schaute ihn wütend an. „Du stehst von nun an unter meiner Aufsicht und ich sage, du wirst es nicht tun."

„Werde ich nicht?", entgegnete Dean und trat einen Schritt näher. Für ihn war es belustigend, daß Sam ihm befehlen wollte.

Sam nickte und beugte sich zu Dean hinunter, so daß sich ihre Nasen fast berührten. „Richtig erkannt."

„Und nur weil du es sagst?", wollte Dean wissen und unterdrückte dabei ein Grinsen.

„Allerdings! Erstens weil es vor dem Ritt nicht gut ist sich so voll zu stopfen. Da sind Kotzorgien vorprogrammiert und dann noch deswegen." Sams Finger stupsten kurz in Deans Wunde.

„Au", murrte er leise, dann grinste er doch. „Okay, das ist ein echtes Argument. Jungs", wandte er sich dann an die anderen. „Die Sache wird vertagt. Aber die Wette steht. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben."

„Uhh, du mußt jetzt alles tun, was der Juniorchef sagt", spottete einer der Männer anzüglich. Dean, der inzwischen wußte, daß der Mann Jeff hieß, drehte sich zu dem Mann um. Doch anstatt wütend zu werden, wie Jeff es erwartet hatte, grinste Dean ihn an. „Gut erkannt."

Doch Jeff war offenbar auf Streit aus und stichelte weiter: „Ich frage mich, warum du und nicht einer von uns?"

Dean klimperte mit den Wimpern. „Weil ich der Hübschere bin. Aber keine Sorge, dafür hast du einen IQ von mindestens 80, wenn nicht gar 85, " sagte er mit ernstem Gesicht und klopfte Jeff beruhigend auf die Schulter, der ihn verunsichert anschaute, da er nicht recht wußte, was er mit dieser Aussage anfangen sollte.

Sam preßte die Lippen zusammen, um nicht laut zu lachen. Daher brauchte er auch eine Weile, bis er wieder sprechen konnte. „Leute, es geht echt nicht darum, euch den Spaß zu verderben, aber ich habe den Auftrag von meinem Vater. Klärt das mit der Wette also wenn wir zurück sind. Doch um eines gleich klar zu stellen. Ich bin für Mr. Wilson verantwortlich, also laßt ihn in Ruhe. Klar soweit?", fragte Sam und schaute dabei direkt Jeff an, bevor er sich an Mister Pering wandte. Wann geht es morgen los und wie ist der Ablauf?"

„Fünf Uhr früh satteln wir auf. Daher sollten sich die Männer jetzt in ihre Zimmer begeben. Packt Kram für zwei Tage ein. Je zwei Mann schlafen in einem Zelt. Verpflegung nimmt sich jeder selbst mit. Pete stellt die Freßpakete zusammen. Wenn alles läuft wie geplant, sind wir ja nur zwei Tage weg."

„Alles klar. Dann bis morgen. Dean, komm bitte mit. Mein Vater möchte, daß ich mir deine Wunde noch einmal ansehe."

„Ja Boss, ganz wie du befiehlst", erwiderte Dean grinsend und folgte Sam, der die Werkstatt ansteuerte. Während sie nebeneinander hergingen, hing jeder seinen Gedanken nach. Sam, der spürte, daß sich seine Wangen gerötet hatten, war erschrocken über sich selbst und seinen plötzlichen Drang, Dean beschützen zu wollen. Was ihn auch wunderte, war, daß Dean keinen Widerspruch eingelegt hatte. Jeder andere Mann hätte sich in seiner Ehre angegriffen gefühlt, wieso er also nicht? Das war mehr als eigenartig. Dieser Mann war auf jeden Fall rätselhaft und nicht nur das. Sam fand ihn von Minute zu Minute anziehender. Er beschloß, daß er Dean besser kennen lernen wollte. Er wollte Gespräche mit ihm führen, Zeit mit ihm verbringen und vielleicht so einiges über ihn erfahren. Auf rein freundschaftlicher Basis natürlich. Denn mehr konnte er kaum erwarten.

Dean indessen fand den Großen einfach nur niedlich und er fand es lustig, daß er die Beschützerrolle übernahm. Dass ausgerechnet ihn jemand beschützen wollte, amüsierte ihn nicht nur, es fühlte sich... eigenartig und höchst ungewohnt, aber auch irgendwie toll an. Ein Gefühl, daß vollkommen neu für Dean war und ein warmes Kribbeln in seinem Bauch auslöste. Aber nicht nur das. Von diesem charismatischen Mann ging eine Gefahr aus, die Dean durchaus einordnen konnte. Normaler Weise verdrängte er solche Gefühle, aber diesmal gelang es ihm einfach nicht. „Irgendwie ist das Diebstahl, was er macht", brummte er verdrossen. Trotzdem, bei diesem Dieb war er versucht, den Raub zuzulassen.

 

Kapitel 8 von silverbird

 Der Himmel zeigte sich sanft in rot violetten Farbtönen, als die Männer sich in aller Herrgottsfrühe in ihre Sättel schwangen. Keith teilte die Positionen der Reiter ein und dann ging es los. Die erste Stunde hatten sie alle Hände voll zu tun, um die nervöse Herde im Griff zu behalten und sie in die richtige Richtung zu lenken. Dean, der schon einige Jahre nicht mehr im Sattel gesessen hatte, war froh, daß sie eine Stunde später den ersten Pferch erreichten, in den sie die Pferde trieben, um ihnen eine Pause zu gönnen. Nachdem er selbst vom Pferd gestiegen war, streckte er sich.

„Na? Tut dir der Hintern schon weh?", fragte ihn einer der Männer lachend, woraufhin die anderen ebenfalls neugierig zu Dean blickten. Der grinste und entgegnete: „Keine Sorge, mein Hintern hält so einiges aus."

„Mal sehen, ob du das am Abend auch noch behauptest", kam es zurück und Dean konnte das boshafte Grinsen auf den Gesichtern einiger Männer sehen.

„Reiten ist einer meiner besonders großen Leidenschaften, daher wird es wohl nichts mit deiner Schadenfreude", konterte Dean und schaute dann unwillkürlich zu Sam.

Der bemerkte es nicht, weil er mit seinen Gedanken ganz woanders war. Okay, woanders stimmte so nicht ganz, denn sie drehten sich schon um die letzten Sätze der Männer. Speziell um Deans Leidenschaft des Reitens. Nur, daß Sam kein Pferd vor Augen hatte, das von Dean geritten wurde, sondern sich selbst. Bei dieser Vorstellung schoß ihm das Blut nicht nur in die Wangen, deswegen drehte er sich rasch zu seinem Pferd und fummelte an Zaumzeug herum.

Dean indessen erschrak fast sich über sich selbst. Wieso war sein Blick instinktiv zu Sam gewandert und warum hatte er gleichzeitig überlegt, wie es wohl wäre, Sex mit ihm zu haben? Aber nicht nur dahin gingen seine Gedanken. Er dachte an Küsse, die er gerne mit Sam tauschen würde und auch andere Zärtlichkeiten kamen ihm in den Sinn. Das war... erschreckend? Verwirrend? Beängstigend? Nein. Nichts davon traf zu, denn Dean konnte eigentlich nichts so leicht erschrecken. Verwirren ließ er sich von nichts und niemandem und Angst war schon lange ein Fremdwort für ihn. Das was er fühlte, wenn er Sam ansah oder nur an ihn dachte, war Schmerz. Ein ziehender Schmerz, der sich in seiner Brust ausdehnte und den er nur zu gut kannte. Von damals. Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit.

Er war erst 10 Jahre alt gewesen und der Schmerz war das umfassende Gefühl, das er empfand, weil er seine Mutter verloren hatte. Doch sein Vater lehrte ihn schnell, daß es verschiedene Arten des Schmerzes gab und die seelischen waren die Schlimmsten. Jesse Wilson zeigte seinem Sohn wie man Schmerzen ertrug und wie man lernte, Gefühle auszuschalten. Immer wieder mußte sich Dean von ihm anhören: „Zuneigung oder Liebe sind ein unnötiger Luxus und eine Schwäche. Sie behindern dein Urteilsvermögen und haben keinen Nutzen."

Dean glaubte ihm. Wieso auch nicht? Sein Vater konnte alles und lehrte ihn alles was er wußte. Er gab ihm auch alles was er brauchte. Außer Liebe und Zuneigung. An die erinnerte sich Dean dennoch sehr gut, denn seine Mutter hatte ihm unendlich viel davon gegeben. Und so sehr sein Vater ihn auch drillte, ihn nach seinen Vorstellungen formte, die Sehnsucht nach diesen besonderen Gefühlen hatte er ihm offenbar nie ganz austreiben können. Sie waren verschüttet gewesen. Bis jetzt.

Doch nun waren sie wieder da. Einfach so. Wegen Sam. Ihm war es ohne besondere Schwierigkeit gelungen, diese verschüttete Sehnsucht wieder zu wecken. Sehnsucht nach Dingen, die für Dean unerreichbar waren. Denn das, was er inzwischen geworden war, hatte jede Hoffnung auf ein normales Leben für ihn zerstört.

~*~

Keith drängte zum Aufbruch und Dean war froh darüber. So mußte er sich nicht mit dem Gefühlschaos auseinander setzen, das in ihm tobte. Daher stieg er rasch auf das Pferd und dirigierte es an den für ihn vorgesehenen Platz auf der Seite der Herde. Bis zur nächsten Pause mußte er sich derart auf seine Arbeit konzentrieren, daß er überhaupt nicht zum Denken kam, geschweige denn dazu, auch nur einen Blick auf Sam zu werfen. Doch als sie erneut anhielten und Sam auf ihn zukam, waren das Kribbeln im Bauch und das Ziehen in der Herzgegend sofort wieder da.

„Wie geht es dir? Was macht die Wunde? Soll ich sie mir ansehen?", fragte Sam und sein besorgter Blick verstärkte das Gefühl in Dean noch. Er mußte sich extrem anstrengen, um dem Drang zu widerstehen, den jungen Mann in seine Arme zu ziehen und ihn einfach nur an sich zu drücken. ‚Shit, ich muß den Auftrag so schnell wie möglich beenden und dann nichts wie weg von hier', dachte er, und vergaß dabei ganz darauf, Sam zu antworten.

„Dean? Alles okay? Dean!" Sam berührte den jungen Mann leicht an der Schulter und der zuckte erschrocken zusammen. „Was? Ja. Es... es geht mir gut."

„Wirklich? Du siehst nicht so aus."

Dean trat einen Schritt zurück und schnaubte ungehalten: „Mach hier nicht einen auf Glucke. Ich sagte, mir geht es gut. Ende der Geschichte." Als er dann aber Sams Gesicht anschaute und die tot traurigen Augen bemerkte, entwich ihm ein hilfloses Seufzen, bevor er versöhnlich murmelte: „Komm schon, ich hab's nicht so gemeint. Ehrlich. Meiner Wunde geht es gut, nur der Hintern tut mir ein bißchen weh. Bin das lange Reiten nicht mehr gewöhnt."

Sofort hellte sich Sams Gesicht wieder auf und er entgegnete eifrig: „Vater hat sich schon so etwas gedacht und mir eine Salbe mitgegeben. Ich kann sie dir auftr ... ähm... geben. Ich... ich hol sie gleich." Wie auf der Flucht rannte Sam zu seinem Pferd, um dort in den Satteltaschen zu kramen.

Daher hörte er auch nicht Deans leise gemurmelten Worte: „Das fehlte mir noch, du an meinem Hintern. Nicht in 1000 Jahren." Selbst wenn er nicht wegen eines Auftrages hier wäre und er Sam unter anderen Umständen kennen gelernt hätte, würde er sich ihm niemals auf diese Weise ausliefern. Dean gab an niemanden die Kontrolle ab. Egal wie lange ihn der Große schmollend anguckte. Unter gar keinen Umständen. Keine Chance! ‚Was für einen absurden Mist denke ich da überhaupt?', überlegte Dean, als ihm plötzlich bewußt wurde, womit sich seine Gedanken beschäftigten und was ihn gleichermaßen verblüffte wie erregte.

Ich kann ihm die Salbe nicht bringen, nicht jetzt', dachte Sam inzwischen und während er damit kämpfte, sich wieder in den Griff zu kriegen, stopfte er den Tiegel wieder zurück in die Tasche. Die Vorstellung Dean an gewissen Stellen zu berühren, und sei es nur, um seiner Haut Linderung zu verschaffen, hatte ihn total aus dem Konzept gebracht. So sehr, daß er zumindest die nächsten zehn Minuten keinen Schritt hinter seinem Pferd hervor treten konnte. Deshalb atmete er tief durch, bevor er rief: „Ähm..., Dean, ich...ich kann sie im Moment nicht finden. Ich gebe sie dir nachher wenn wir am Ziel sind. Dann habe ich Zeit die Taschen ganz auszuräumen. Ist das okay?"

„Sicher. Kein Problem", gab Dean mit kratziger Stimme zurück. Sein Hals war auf Grund seiner Gedanken plötzlich unglaublich trocken geworden. Schnell griff er nach der Wasserflasche, die am Sattelknauf hing, und nahm einen großen Schluck.

~*~

Als die Gruppe ihr Ziel erreicht hatte, waren nicht nur die Männer, sondern auch die Pferde todmüde. Dementsprechend langsam trabten sie daher auch in ihr neues Reservat, während die Männer wortlos ihre Pferde absattelten und die kleinen Zweimannzelte aufbauten. Wer noch die Kraft hatte, wusch sich an dem kleinen Bach in der Nähe ihres Lagers, aß eine Kleinigkeit und kroch dann in das Zelt, um zwischen die Decken zu schlüpfen.

Natürlich hatte Keith Sam mit Dean in ein Zelt gesteckt, denn schließlich war er ja dessen Aufpasser. Doch trotz dieser Tatsache konnte sich keiner der Männer dazu aufraffen, darüber Witze zu reißen. Mehr als ein „Gute Nacht", schaffte auch Sam nicht. Dann zog er sich die Decke über die Schulter und drehte Dean den Rücken zu.

Der bemerkte, daß sein „Beschützer" den Salbentiegel auf seine Decke gelegt hatte. Dean mußte für sich zugeben, daß er in diesem Moment nichts dagegen gehabt hätte, wenn Sam die Aufgabe übernommen hätte, sein wundes Hinterteil einzucremen. Und wenn er außerdem gewusst hätte, daß Sam sich dasselbe für sich wünschte, weil er ebenfalls das lange Reiten nicht mehr gewohnt war, hätte er sich vermutlich sogar für diese Aufgabe angeboten. So aber quälte er sich noch einmal aus dem Zelt und suchte sich einen Platz zwischen den Bäumen. So müde er auch war, er würde am nächsten Tag keine Stunde im Sattel durchhalten, wenn er seinen Hintern jetzt nicht mit Wundcreme behandelte.

Als er ins Zelt zurückkehrte, schlief Sam schon tief und fest. Dean legte sich vorsichtig auf den Rücken und deckte sich zu. Da er gelernt hatte jede Zeit für Schlaf zu nutzen, schlief er sofort ein, jedoch nicht, ohne seine Waffe unter die Decke bei seinem Kopf zu schieben. Allerdings war seine Müdigkeit so groß, daß er dieses Mal seinen mentalen Befehl nicht brauchte, um ins Land der Träume zu gehen.

Zwei Stunden später wachte Dean alarmiert auf und griff instinktiv unter die Decke am Kopfende. Doch als er bemerkte, was ihn geweckt hatte, erstarrte er, denn Sam war gerade dabei sich an seine Schulter zu kuscheln und den Arm um seinen Bauch zu schlingen. Als der Dunkelhaarige die Position gefunden hatte, die ihm offenbar behagte, seufzte er zufrieden.

Deans erster Impuls war den Größeren von sich zu schieben, doch aus irgendeinem, ihm undefinierbaren Grund, verweigerte sein Körper diese Handlung. Schlimmer noch, sein Arm, auf dessen Schulter Sams Kopf ruhte, verselbstständigte sich, schlang sich um den Schlafenden und zog ihn noch näher heran. ‚Verräter', dachte Dean und schaute böse auf seinen Arm, dann wanderte sein Blick hinauf zu Sams Gesicht, das so entspannt und zufrieden wirkte, umrahmt von braunem wuscheligem Haar, das Deans Haut kitzelte.

Plötzlich, ganz unvermittelt, breitete sich eine unbeschreiblich wohlige Wärme in seiner Brust aus, die nach und nach seinen ganzen Körper erfaßte und er konnte nicht aufhören, Sam anzusehen, und das erste Mal in seinem Leben hatte er den Wunsch, einen Mann zu küssen. Richtig zu küssen. Zärtlich, als langsam beginnendes Vorspiel, und es kostete ihn fast übermenschliche Kraft es nicht zu tun. Bisher hatte er selten jemanden geküßt. Es war immer nur um schnellen Sex gegangen und an die meisten Männer konnte er sich nicht mal mehr erinnern. Aber an dieses bezaubernde Wesen, das es sich vertrauensvoll an seiner Schulter bequem gemacht hatte, würde er sich immer erinnern. Und das, obwohl sie sich nicht einmal geküßt hatten, von anderem sexuellen Kontakt ganz zu schweigen. Das erste Mal in seinem Leben hinterfragte Dean ernsthaft, was sein Vater ihm eingebleut hatte.

~*~

„Los ihr Kuscheltiere. Aufstehen!", brüllte Keith ein paar Stunden später durchs Lager, woraufhin Sam, ohne sich zu rühren murmelte: „Nur noch fünf Minuten."

Dean  mußte grinsen. Er hatte nicht mehr geschlafen, denn er war damit beschäftigt gewesen Sam zu beobachten, und dieses neue Gefühl zu genießen, ihn im Arm zu halten. Natürlich würde er nie zugeben, daß er es genoß zu kuscheln. Im Speziellen mit Sam zu kuscheln, aber trotzdem. Für einen Mann mit seiner Vergangenheit und dem harten Leben das er führte war das zumindest ungewöhnlich, schon fast abartig. ‚Aber niemand wird es je erfahren, also warum es nicht auskosten, solange es dauert', dachte Dean, wissend, daß die wenigen schönen Momente in seinem Leben immer sehr rasch vorbei gewesen waren. Daher strich er dem Großen eine Haarsträhne aus der Stirn und hauchte ihm einen Kuß darauf um sich dann rasch wieder zurückzuziehen. Er wollte nicht, daß Sam wach wurde, denn so konnte er diese wunderbare Zweisamkeit noch eine Weile genießen. Dean überlegte, wie es wohl war jeden Tag so aufzuwachen. Befriedigt von einer wilden, heißen Nacht. ‚Was für ein romantischer Schwachsinn. Das wird nie passieren und außerdem, wer....‘

Doch bevor er sich weiter in seinen Gedanken verlieren konnte, regte sich Sam und rasch stellte Dean sich schlafend. Es würde für beide peinlich sein, sobald Sam bemerkte wo er lag und das wollte Dean ihnen ersparen. Er mußte sich aber ganz schön zusammen reißen, als Sam leise gähnte, sich zu strecken versuchte und plötzlich erstarrte, als er  erkannte, wo er sich befand. Er brauchte Augenscheinlich ein paar Minuten, um mit der Situation klar zu kommen, denn erst allmählich bewegte er sich Zentimeter Weise von ihm weg, zurück auf seine eigene Decke. Dean gab ihm weitere zehn Minuten, bevor er so tat, als würde er gerade erwachen. Er nuschelte ein „Guten Morgen" und streckte sich ausgiebig, erst dann warf er einen Blick neben sich. Sam hatte ihm nicht geantwortet, lag stocksteif da und starrte nach oben.

Dean beobachtete ihn eine Weile, dann grinste er und beugte sich über Sam, hob seine Hand und strich ihm über die Augen.

„Hey, Alter, was soll das denn?", fragte Sam erschrocken, erwachte aus seiner Starre und richtete sich etwas auf.

Dean zuckte mit den Schultern und entgegnete grinsend: „Ich dachte, du bis tot, und wollte nur deine Augen schließen."

„Blödmann." Sam mußte ebenfalls grinsen, doch da Keith erneut brüllte, standen die beiden rasch auf und packten ihre Sachen zusammen.

Nach einem kargen Frühstück machten sie sich auf den Weg nach Hause. Die Stimmung war ausgelassen. Nicht nur, weil sie ihre Arbeit gut erledigt hatten, sondern auch, weil die Männer wegen der anstrengenden Arbeit die nächsten zwei Tage zur freien Verfügung hatten. Aus diesem Grund trennte sich die Gruppe, da die meisten es eilig hatten nach Hause zu kommen, um sich so rasch wie möglich ihrer Freizeitgestaltung zu widmen.

Sam allerdings schien es nicht so eilig zu haben, denn er ritt gemächlich dahin, wie Dean bemerkte, und er vermutete auch warum, was er auch gleich kundtat. „Dir tut der Hintern weh."

Sams Wangen liefen sofort rot an. „Bin die letzten Jahre nicht so oft zum Reiten gekommen", gestand er leise.

Auch wenn Dean wußte warum, fragte er, um sich nicht zu verraten: „Wieso denn nicht? Du lebst schließlich auf einer Pferdefarm."

„Erst seit ein paar Tagen wieder. Habe erst vor kurzem mein Studium abgeschlossen", erklärte Sam und seine Stimme klang ein kleines bißchen stolz.

„Gratuliere", sagte Dean anerkennend. „Welches denn?"

„Publizistik", gab Sam zurück. „Ich wollte schon als Kind Reporter werden, oder sonst etwas in dieser Richtung."

„Kann durchaus ein interessanter Beruf sein, aber auch nicht einfach, wenn man den Job ernst nimmt."

Sam schaute verwundert zu Dean hinüber. „Du kennst dich da offenbar aus."

Dean schüttelte den Kopf. „Nein, bin nur ein kritischer Leser, der selten damit einverstanden ist, was in Zeitungen steht."

„Da kann ich dir nur zustimmen. Mit dieser Sorte der Sensationsheischerei möchte ich nichts zu tun haben. In den Artikeln, unter denen ich meinen Namen setze, wird nur die Wahrheit stehen", erklärte Sam vehement.

Dean konnte ihm die Ernsthaftigkeit seiner Aussage ansehen. „Wenn du deinen Vorsatz durchziehst, hast du hiermit einen Dauerleser", erklärte er, woraufhin Sam ihm ein umwerfendes Lächeln schenkte.

‚Shit', dachte Dean. ‚Der Kerl schafft mich! Und das nur mit diesem Lächeln.'

 

~*~

Keith hatte das Lager als Letzter verlassen, weil er noch kontrolliert hatte, ob die Pferde den Ort, an den sie sie gebracht hatten, als ihre neue Heimat akzeptierten. Dies schien der Fall zu sein und so schloß er zu Dean und Sam auf. Er war ebenfalls gut gelaunt, was nicht sehr häufig vorkam. Meistens war er sehr ernst, überaus pflichtbewußt und auch eine gewisse Härte seinen Schützligen gegenüber war ihm nicht abzusprechen. Aber das war auch gut so. Die Männer brauchten klare Richtlinien, die der Milde des Doktors etwas entgegenwirkten.

Durch das Auftauchen des Vorarbeiters war das Gespräch der Beiden ins Stocken geraten, woraufhin Keith das Wort ergriff: „Ihr habt euch gut gehalten Jungs, besser als ich erwartet habe."

Sam und auch Dean schauten den Vorarbeiter fragend an.

„Ihr sitzt nicht oft im Sattel, das habe ich gleich gesehen", gab er erklärend Auskunft.

„Selten", stimmte Dan zu.

„War schon länger nicht auf der Farm", bemerkte Sam und Keith nickte. „Schon klar und ich kann mir auch vorstellen, wie ihr euch fühlt. Beziehungsweise eure Hinterteile. Daher ein Tipp. Falls ihr es nicht allzu eilig habt zur Farm zurück zu kehren... zwei Meilen südlich von hier gibt es einen kleinen See. Gleich bei dem alten knorrigen Baum über den Hügeln. Von dort noch eine halbe Meile. An dessen Nordufer ist ein ganz besonderer Schwefel-Heilschlamm. Hat mir mal ein Ureinwohner verraten. Hab's mal für eine Schulterverletzung ausprobiert. Hat geholfen. Hilft auch bei wundgerittenen Hintern."

Nach diesen Worten, trieb Keith sein Pferd in den Galopp und ritt davon. So überließ er den Beiden zu entscheiden, ob sie seinen Vorschlag annehmen wollten oder nicht.

Kapitel 9 von silverbird

Die Beiden ritten eine Zeit lang schweigend nebeneinander her, brachten den Hügel hinter sich und der angekündigte Baum kam in ihr Sichtfeld. Sie kamen der Abzweigung zum See immer näher und währenddessen hing jeder seinen Gedanken nach, die allerdings bei beiden in die gleiche Richtung verliefen. Hände, die gelben, weichen Schlamm auf nackte Körper verteilten. Zart streichelnd über glühende Haut strichen und die heilende Erde auf Stellen verteilten, die den jeweils anderen zum Stöhnen brachte.

Dean war der Erste, der sich von diesen Gedanken befreien konnte, weil er sie als völlig absurd abtat. Er streichelte niemanden. Niemals. Auch wenn Sam durchaus diesen Wunsch in ihm regte. Trotzdem. Schmerzlinderung hin oder her, sich gegenseitig mit stinkendem, gelbem Matsch zu beschmieren war nicht unbedingt reizvoll. Ganz sicher nicht, redete er sich entschlossen ein. Nichtsdestotrotz hatten ihn die Bilder, die in seinem Kopf entstanden waren, derart erregt, daß er sich ziemlich unbehaglich in seiner sehr eng gewordenen Hose fühlte und deswegen rutschte er unruhig im Sattel hin und her, in der Hoffnung eine angenehmere Position zu finden.

Sam ging es nicht anders, nur, daß er sich diese Form des Schlammbades sehr gut vorstellen konnte und auch nicht versuchte, sich das Gegenteil einzureden. Dennoch, sich Dean nackt zu präsentieren kam auf keinen Fall in Frage, denn das konnte nur  peinlich enden, so verräterisch, wie Sams bestimmter Körperteil schon alleine bei dem Gedanken reagierte.

„Die Salbe ist gut", sagte Dean plötzlich unvermittelt.

Sam nickte zustimmend. „Ja, stinkt nicht so nach Schwefel."

„Richtig", bestätigte Dean.

Sam setzte noch hinzu: „Täte vermutlich auch deiner Wunde nicht so gut."

„Genau", kam es einsilbig von Dean und ohne weitere Worte zu wechseln, ignorierten sie die Abzweigung zum See und blieben auf dem Weg zur Farm.

~*~

Als Dean wieder in seine kleine Wohnung zurückgekehrt war, führte ihn sein erster Weg in die Dusche. Alle seine Gedanken waren mit Sam ausgefüllt und so war es auch kein Wunder, daß ein imaginärer Sam die Dusche mit ihm teilte. Zu seinem Leidwesen manifestierte er sich aber nicht und so mußte Dean selbst Hand anlegen. Leidlich befriedigt und deswegen ziemlich frustriert, wusch er sich anschließend rasch, trocknete sich dann schnell ab, um wenig später in bequemer Kleidung den Laptop hoch zu fahren und sein Paßwort einzugeben. Dean hatte gleich in der ersten Nacht nach seiner Ankunft GPS Geräte an allen Autos, die es auf der Farm gab, angebracht, und die wollte er nun kontrollieren. Als die Daten auf dem Bildschirm erschienen, zog Dean nachdenklich die Augenbrauen zusammen.

~*~

Sam indessen lag auf seinem Bett und seufzte frustriert. Die Dusche war zwar erfrischend und in gewisser Weise auch befriedigend gewesen, weil er sich vorgestellt hatte, daß Dean sie mit ihm teilte, doch Fantasie und Wirklichkeit waren halt doch meilenweit voneinander fern. Lange würde er das nicht mehr aushalten. Entweder er fiel früher oder später über Dean her, oder er fand etwas, das ihn, zumindest zeitweilig, genügend ablenkte. Plötzlich fiel ihm ein was er tun konnte und so setzte er sich an seinen Laptop.

~*~

Dean stellte fest, daß der eine Wagen, der bewegt worden war, dem Vorarbeiter gehörte. Wen ließ Keith mit seinem Wagen fahren? Die beiden Männer, die zu Hause geblieben waren, durften nur samstags die Farm verlassen. Der Doc und seine Frau hatten jeder eigene Autos und Pete ebenfalls. Keith schied logischer Weise ebenfalls aus, daher beschloß Dean sich den genauer Wagen anzusehen, in der Hoffnung irgendwelche Spuren zu finden.

Laut GPS stand Keith' Wagen im Hof, jetzt mußte Dean nur noch aufpassen, daß er nicht von irgendjemanden erwischt wurde, während er sich an dem Auto zu schaffen machte. Er schaltete seinen Laptop aus und schlüpfte in seine Schuhe. Es war inzwischen die Nacht hereingebrochen und da die Hoflampe vermutlich nicht genug Licht spendete, um alles genau zu inspizieren, nahm er eine Taschenlampe aus seiner Reisetasche und machte sich auf den Weg.

Am Fuhrpark angekommen schaute er sich um, konnte aber niemanden entdecken. Er näherte sich Keith Wagen und hatte ihn schon fast erreicht, als der Vorarbeiter plötzlich auf der anderen Seite auftauchte.

‚Mist, was jetzt?', dachte Dean. Aber da er gewohnt war rasch umzudenken, ging er mit festen Schritten auf Keith zu und sagte: „Zu ihnen wollte ich, unter anderem."

„Was gibt's, Wilkins? Beschwerden wegen dem Heilbad?", entgegnete der Vorarbeiter, wobei Dean der sarkastische Unterton nicht entging. Doch er schüttelte den Kopf. „Wie könnte ich. Sie und Ihre.... Ureinwohnerin, haben sicher die besten Erfahrungen damit gemacht, sonst hätten Sie es doch sicher nicht empfohlen."

Dean hatte das Wort Ureinwohnerin besonders betont und Keith reagierte auch genauso wie er es erwartet hatte. Seine Gesichtszüge entgleisten und er schaute sein Gegenüber fassungslos an, bevor er auf ihn zuging und wütend entgegnete, wobei er die Unsicherheit in seiner Stimme nicht verbergen konnte: „Was... was sollen diese Unterstellungen? Ich... verbiete mir das. Und falls Sie mich erpressen wollen, werde ich...."

Dean hob beide Hände. „Hey, hey, kein Grund gleich auszuflippen. Niemand will Sie erpressen. Wieso auch? Und sonst, ich habe nur eins und eins zusammengezählt."

„Was soll das jetzt wieder heißen?", wollte Keith immer noch wütend wissen. Aber er war zumindest stehen geblieben und hatte seine bedrohliche Haltung vermindert. Nicht, daß Dean sich darüber Sorgen gemacht hätte. Er war schon mit ganz anderen Typen fertig geworden. Doch in diesem Fall konnte er keinen Ärger gebrauchen, zumindest jetzt noch nicht, daher entgegnete er grinsend: „Ganz einfach. Schöner See, nette Umgebung und ein Frauentyp wie Sie. Da kann man sich schwer vorstellen, daß die dort alleine hinfahren, reiten, wie auch immer. Wäre ja auch eine echte Verschwendung eines schönen Tages." Dean wackelte wissend mit den Augenbrauen und fügte noch hinzu: „Außerdem tragen sie einen indianischen Anhänger um den Hals, der sie als vergeben auszeichnet. Aber keine Sorge, Ihr Geheimnis ist bei mir sicher. Es geht mich nichts an und interessiert mich auch nicht wirklich. Daher ist das Thema gestorben. Einverstanden?" Dean hielt Keith die offene Hand hin und der schlug nach kurzem Zögern ein. Dieser Wilson war ihm zwar nicht geheuer, aber er glaubte ihm, dass er für sich behalten würde, was er wusste. Dazu sah ihn dieser Kerl viel zu offen an, um ihn zu belügen. Doch wie hatte er das nur alles hatte wissen können, beschäftigte den Vorarbeiter schon. Keith beschloss Wilson in Zukunft genauer zu beobachten. Aber vorerst war er beruhigt, dass das Thema vom Tisch war, denn noch durfte keiner von seiner Freundin wissen. Sie würde Schwierigkeiten bekommen und das musste Keith mit allen Mitteln verhindern. Deswegen ging auch er nicht weiter darauf ein und erwiderte: „Okay, also, was wollten Sie von mir?"

„Ich dachte, Ihr Wagen braucht sicher mal einen Ölwechsel und da ich morgen frei habe, wollte ich anbieten, einen zu machen. Hab ja sonst nichts zu tun. Außerdem wollte ich mich für den Tipp wegen des Sees damit revanchieren", fügte Dean erklärend hinzu. Er bemerkte jedoch, dass in Keith Gesicht sofort Misstrauen zu erkennen war, bevor der sagte: „Erstens, nicht nötig. Zweitens, wieso fahren Sie nicht wie die anderen an ihrem freien Tag in die Stadt?"

„Hab ich auch vor, aber meine Verabredung kann erst gegen Mittag. Also hab ich Zeit totzuschlagen und was gibt es besseres, als das mit Autos zu tun?", fragte Dean und grinste sein Gegenüber an.

Doch der traute ihm noch immer nicht und wollte wissen: „Ich dachte, Sie basteln an den Autos vom Boss herum, da hätten Sie doch genug zu tun."

„Stimmt. Aber da kann ich nicht weiter machen, weil mir jede Menge Teile fehlen. Wobei wir wieder bei meiner Verabredung für Morgen sind. Der einzige Schrotthändler in der Stadt, der Ersatzteile hat, ist erst ab 14 Uhr auf seinem Schrottplatz anzutreffen. Ich habe also den ganzen Vormittag Zeit und damit mir nicht langweilig wird, dachte ich, ich biete Ihnen an, ihren Wagen durchzusehen, weil er, und nicht gleich wieder sauer werden, echt erbarmungswürdig ausschaut. Offenbar wollen Sie das aber nicht, auch gut. Ist ja auch nicht mein Problem, wenn er ihnen unterwegs mal verreckt. Fahre ich halt schon früher in die Stadt und geh was essen. Dann wünsche ich mal eine gute Nacht."

Dean wandte sich zum Gehen, als er eine Hand auf seinen Arm spürte. Er unterdrückte ein Grinsen. Er hatte nichts anderes erwartet. Die meisten Leute waren so einfach zu manipulieren.

„Warten Sie", hörte er Keith auch schon sagen und er drehte sich zu dem Vorarbeiter um, der auch schon weiter sprach: „Sie haben recht, mein Wagen würde mehr Pflege vertragen. Ich hab es halt mehr mit Pferden als mit Autos", fügte er entschuldigend hinzu.

„Ich weiß, was Sie meinen, und bei mir ist es eher umgekehrt. Aber egal. Dann geben sie mir mal die Schlüssel und morgen Mittag schnurrt er wieder wie ein Kätzchen." Dean hielt die Hand auf und Keith schaute ihn kurz prüfend an, bevor er zur vorderen Stoßstange ging und dort den Autoschlüssel hervorholte. „Ich hab ihn früher immer verlegt, daher lege ich ihn jetzt immer da rein. Das bleibt aber unter uns", sagte er mahnend, bevor er den Schlüssel weiterreichte.

„Klar", erwiderte Dean und nickte. „Ich stelle ihn gleich mal in die Garage." Die beiden Männer nickten sich kurz zu und Keith machte sich auf den Weg zu seiner Behausung. Dean indessen öffnete das Tor zur Werkstatt, fuhr den Wagen hinein und schloß dann die große Türe wieder. Erst dann schaute er sich das Auto genauer an. „Es kann also jeder gefahren sein, der auf der Farm geblieben ist, weil der Trottel den Schlüssel in die Stoßstange legt und sich auch noch einbildet, es weiß keiner", brummte Dean Kopf schüttelnd. Er stellte fest, dass der Wagen in der Zeit, während sie die Pferde getrieben hatten, 40 Kilometer gefahren worden war, aber das brachte ihn nicht wirklich weiter. Also untersuchte er das Fahrzeug auf Spuren. Es war gereinigt worden, das erkannte Dean sofort. Doch er entdeckte etwas rote Erde auf der Fußmatte der Fahrerseite. Die Beifahrerseite war allerdings sauber. Dean schlussfolgerte daher, dass nur ein Mensch das Fahrzeug für diese Ausfahrt benutzt hatte. Außerdem bemerkte er ein kleines Stückchen Gummi. Aber auch nach näherer Betrachtung konnte Dean nicht zuordnen, wovon es stammte. Trotzdem steckte er das Gummistück ein. Selbst wenn es keine Bedeutung hatte, man konnte nie wissen.

Dann untersuchte er den Wagen weiter, doch er entdeckte nichts mehr, das relevant sein könnte. Daher beschloss er, mit dem Service anzufangen.

Während er an dem Wagen arbeitete, dachte er über Keith nach. Als er mit Aldin das Büro des Vorarbeiters gewesen war, hatte er verschiedene Entdeckungen gemacht. Vor allem die alten, wertvollen Bücher, die genau zu dem Thema paßten, weswegen Dean hier war. Ein guter Grund für Dean, den Vorarbeiter ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Das war auch der Anlaß gewesen, beim Treiben mitzumachen. Er hatte Keith beobachten wollen. Doch der hatte weder telefoniert, noch hatte er die Gruppe verlassen. Selbst nachdem sie die Pferde in ihre neue Heimat gebracht hatten und sich anschließend zurück auf den Weg zur Farm gemacht hatten, war Keith nicht von der Strecke abgewichen, denn als Sam und er die Pferde in den Stall brachten, war Keith gerade dabei gewesen seine Stute trocken zu reiben. Der Vorarbeiter hatte nicht so viel Vorsprung gehabt, so daß er unmöglich vorher noch woanders hätte sein können.

„Entweder der Bursche ist extrem gerissen, oder er hat nichts mit alldem zu tun. Na mal sehen, was sein Handschuhfach hergibt", murmelte Dean weiter vor sich hin. Doch auch nachdem er das ganze Auto durchsucht hatte, war er nicht viel schlauer.

Denn außer der Erde und dem kleinen Gummistück war Dean nicht mehr fündig geworden. Nach dieser Erkenntnis beschloß er, jetzt gleich das Service zu machen. Bei dieser Arbeit konnte er immer am Besten nachdenken und außerdem hoffte er, daß es ihn von seinen Gedanken an Sam ablenken würde. Dieser hinterhältige Kerl schlich sich neuerdings andauernd in seinen Kopf und lächeln war dabei das Harmlostete, was er tat. „Gott, ich muß dich aus meinem Kopf kriegen und das hurtig. Denn wenn ich nicht bald Erfolge aufweisen kann, bricht mir dieser lächerliche Auftrag noch das Genick und mein guter Ruf in der Branche ist dahin. Das kann ich wirklich nicht gebrauchen und peinlich ist es auch. Vor allem, weil es ein wirklich Kinderspiel sein sollte, im Vergleich womit ich es sonst zu tun habe. Also los jetzt, Dean, tu was getan werden muß. So schwer kann das nicht sein. Denk nach, was hast du? Die Bücher sind vermutlich eine Sackgasse, also abhaken. Er hat so niedliche Wangengrübchen wen er lacht. Gott, da steh ich drauf. Mir ist das früher bei niemanden aufgefallen, wobei es sicher Männer gibt die... verdammt!" Wütend auf sich selbst, schmiss Dean den Schraubenschlüssel ungehalten in die Ecke. Dann atmete er tief durch, beschloss sich ein Bier zu holen, den Wagen fertig zu machen und sich dann in seine Wohnung zu verziehen, um in Ruhe und vor allem konzentriert nachzudenken.

Kapitel 10 von silverbird

An dem Wagen des Vorarbeiters war wesentlich mehr zu richten gewesen, als nur ein Ölwechsel. Daher hatte Dean fast die ganze Nacht daran gearbeitet. Erst gegen drei Uhr früh war er fertig geworden und hatte dann beschlossen, jeden Winkel der Farm zu durchsuchen. Zu dieser Uhrzeit schliefen die Menschen am tiefsten. Außerdem, bis auf zwei Leute und Keith, waren alle Männer in der Stadt, selbst Pete hatte sich den Männern angeschlossen. Eine bessere Gelegenheit würde nicht kommen. Verschlossene Räume waren für Dean kein Problem. Leise, aber dennoch gründlich, durchsuchte er jeden unbesetzten Raum, doch er fand nicht den geringsten Hinweis. Das Haupthaus hatte er ausgelassen, denn dort hatte er schon am Tag seiner Ankunft umgesehen. „Irgend etwas stimmt nicht. Bloß was?", überlegte er, während er im Schatten der Gebäude zur Werkstatt zurück schlich. Inzwischen war selbst er müde, daher beschloß er, rasch zu duschen und sich ein paar Stunden hinzulegen. Dann würde er die Umgebung großräumig abklappern, auch wenn er das schon in der Woche gemacht hatte, bevor er offiziell auf die Farm kam.

~*~

Mehr schlecht als recht war es Sam gelungen eine detaillierte Aufstellung über seine Zukunftspläne zu machen. Er hatte dauernd an Dean denken müssen und war deswegen dementsprechend abgelenkt gewesen. Als er letztendlich müde ins Bett fiel, hatte er dann auch noch von ihm geträumt und es war nicht nur ein wundervoller Traum gewesen, sondern auch ein höchst erotischer. Daher war es logisch, daß am Morgen eine kalte Dusche fällig war. Nach einem schnellen Frühstück bot er seiner Schwester wieder an, sie in die Schule zu fahren, mit der Begründung ohnehin in die Stadt zu müssen. Tessa wollte natürlich die ganze Fahrt lang wissen, was Sam vor hatte. Doch Sam blieb eisern. Obwohl sie schmollte, verriet er es ihr nicht. Erst wenn er ganz sicher war, daß er seine Pläne umsetzen konnte, würde er seiner Familie die Neuigkeit mitteilen.

~*~

Dean hatte er seine üblichen vier Stunden geschlafen und stand nun am Fenster, eine Tasse Kaffee in der Hand und schaute Sams Wagen nach, der gerade vom Hof fuhr. Je weiter er sich entfernte, umso größer wurde das Ziehen in Deans Brust und er seufzte, über sich selbst genervt. „Das ist ja völlig verrückt und wieso, zum Teufel, fühlt es sich trotzdem irgendwie gut an? Er seufzte erneut, dann zwang er sich den Fensterplatz zu verlassen, schenkte sich erneut Kaffee ein und setzte sich an den Tisch, um den Laptop hoch zu fahren. Er mußte eine Mail an seinen Boss schicken, auch wenn er ihm nicht viel mitzuteilen hatte. Dennoch informierte er ihn über die letzten Begebenheiten und erwähnte noch, daß er an diesem Tag das weitere Umland durchforsten würde. So wußte man wenigstens, wo man ungefähr nach ihm suchen mußte, sollte er sich nicht zum üblichen Zeitpunkt melden. Nachdem das erledigt war, schloß er seinen Laptop, steckte seine Waffe ein und verließ das Gebäude.

Da er zu den Pferdetreibern gehörte, hatte auch er seinen freien Tag, demzufolge mußte er sich auch nicht abmelden. So stieg er in seinen Wagen und fuhr los. Dean fuhr in immer größeren Kreisen um die Farm und hielt Ausschau nach rötlicher Erde.

Nach zwei Stunden wurde er fündig. Er gelangte an eine alte, zum Teil verfallene Farm mit diversen Nebengebäuden, und entdeckte auch frische Reifenspuren, die er sogleich mit seinem Handy fotografierte. Doch er konnte jetzt schon sagen, daß sie mit den Reifen von Keiths Wagen identisch waren. Obwohl weit und breit keine Menschenseele zu sehen war, zog Dean sicherheitshalber seine Waffe, bevor er sich vorsichtig dem Haus näherte. Gleich am Türstock entdeckte er ein paar Zeichen, die, wie er wußte, manches Mal Coyotes, wie die Menschenschmuggler hier genannt wurden, hinterließen. Diese Zeichen wiesen darauf hin, daß sich in dieser Gegend offenbar öfter gefährliche Verbrecherbanden, die sich die Maras nannten, herumtrieben, oder herumgetrieben hatten. Aber diese Banditen, die nicht nur Waffen und Drogenhandel betrieben, sondern auch Mordaufträge übernahmen, waren nicht das eigentliche Ziel seiner Anwesenheit hier an diesem Ort. „Könnte gut sein, es da eine Verbindung gibt", überlegte Dean dann jedoch laut. „Selbst wenn, trotzdem stimmt an der ganzen Sache etwas nicht. Nur was?"

Dean war gerade von einem Auftrag aus Europa zurückgekehrt, als ihn Bill Suttons Anruf erreichte, der ihn um Hilfe bat. Bill kannte Dean schon von klein an und selbst nach dem Tod seiner Mutter, hatte Bill den Kontakt nie ganz abbrechen lassen und das, obwohl Deans Vater es zu unterbinden versuchte. Doch gegen Bills Hartnäckigkeit war er nicht angekommen und so trafen sie zumindest hin und wieder aufeinander. Leider endeten die meisten Treffen im Streit, wie Dean sich erinnerte, und da es fast immer um ihn ging, fühlte er sich schuldig deswegen.

Erst nach dem Tod seines Vaters wurde der Kontakt zu Bill intensiver. Sie wurden sogar richtige Freunde und Bill konnte Dean mit der Zeit endlich klar machen, daß es nie an ihm gelegen hatte, daß sich die beiden Männer in die Haare gekriegt hatten. Sie hatten einfach unterschiedliche Ansichten, wie ein Kind aufwachsen sollte. Bill hatte Jesse immer wieder vorgeworfen, daß er seinem Sohn die Kindheit und Jugend verwehrte und inzwischen wußte Dean auch, daß das stimmte. Manchmal ertappte er sich sogar dabei sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn Bill sein Vater gewesen wäre. Doch diese Gedanken schob er schnell wieder weg. Sie waren unreal und somit irrelevant. Das Jetzt zählte und dazu gehörte, daß er in Bill einen väterlichen Freund gefunden hatte, was durchaus nicht zu verachten war.

Daher hatte er auch keine Sekunde darüber nachgedacht, als Bills Anruf kam und er ihm erzählte, es ginge um seinen Freund, Doc Aldin Henson, der unter Umständen in Schwierigkeiten steckte.

Ein Informant hatte behauptet, Doc Henson und eventuell auch sein Vorarbeiter Keith Pering wären in Menschenschmuggel verwickelt und bereichern sich auch mit alten, indianischen Heiligtümern, indem sie sie bei geheimen Auktionen versteigerten. Dean hatte die dazu passenden alten Bücher im Büro des Vorarbeiters gesehen. Deswegen war er auch beim Treiben mitgeritten. Er wollte sehen, ob Pering vielleicht einen Mittelsmann traf. Doch das war nicht der Fall gewesen und auch beim Doc war bisher nichts Auffälliges vorgefallen. Daher schlussfolgerte Dean, entweder hatte der Informant gelogen, oder hatte selbst falsche Informationen bekommen. Jedenfalls, der Doc und sein Vorarbeiter fielen als Täter aus, dessen war Dean sich inzwischen sicher. Und nur weil irgendjemand das Auto des Vorarbeiters gefahren hatte, hieß das nicht zwangsläufig, daß damit ein Verbrechen begangen worden war.

Die Untersuchung der Hütte hatte ebenfalls nichts ergeben. Wer auch immer mit dem Wagen Perings hier gewesen war, dafür konnte es die verschiedensten Gründe geben. Zudem hatte weder Deans technische Überprüfung, noch die Untersuchung der Häuser oder die Überwachung Perings etwas ergeben. Also ein weiterer Punkt, der für seine Unschuld sprach.

„Kein Grund also noch länger hier zu bleiben", brummte Dean vor sich hin. Doch kaum hatte er diese Worte von sich gegeben, blitzte Sams Gesicht vor seinem geistigen Auge auf und er murmelte unbewusst: „Aber um ganz sicher zu gehen bleib ich aber besser noch ein paar Tage."

~*~

Als Sam eine halbe Stunde später neben der Maklerin die alte Redaktion betrat, war er richtig aufgeregt. Er ging neben Mrs. Perkins her, die ihn von einem Raum in den anderen lotste und dabei ununterbrochen redete. Sam hörte ihr gar nicht zu. Es hatte sich seit seinem letzten Besuch bei dem Tagesboten nichts verändert, daher war Sam alles vertraut und er schwelgte gedanklich in Erinnerungen.

„Im ersten Stock befinden sich die Wohnräume und im Keller die alten Druckermaschinen. Was möchten sie zuerst besichtigen?", wollte Mrs. Perkins wissen und riß Sam damit aus seinen Gedanken. Trotzdem mußte er nicht lange überlegen, denn es war klar, dass die Maschinen seine erste Priorität waren. Auch wenn durch die neue Technik diese alte Druckmethode, wie Mr. Colding sie bis zu seinem Ende praktiziert hatte, nicht mehr gefragt war, so hatte Sam doch vor, sie hin und wieder zu verwenden. Einladungen, Hochzeitskarten, Geburtsanzeigen und vieles andere mehr, sahen einfach schöner, edler aus. Der beste elektronische Drucker konnte da nicht mithalten.

Mrs. Perkins betätigte den Lichtschalter und ein mickriges Licht flackerte über der Treppe auf, die nach unten führte. „Du meine Güte, da müssen unbedingt stärkere Lampen montiert werden. Tut mir Leid, Mr. Hensen, ich kenne nur die Pläne und auch die Einrichtung war mir bisher nur von den Unterlagen bekannt. Ich hoffe, das Licht unten ist besser, damit sie sich ein Bild machen können."

„Ich bin sicher, es wird ausreichen", entgegnete Sam beruhigend und bot ihr seinen Arm an.

„Wie charmant." Sie kicherte ein bißchen mädchenhaft und hakte sich bei ihm ein und erreichte so sicher das Ende der Treppe. Gerade als ihre Finger den Lichtschalter an der Wand berührten, spürte Sam plötzlich einen Schlag auf seinem Hinterkopf, dann verlor er das Bewußtsein.

~* ~

Sam stöhnte leise und öffnete versuchsweise die Augen, um sie rasch wieder zu schließen, da ihm ein stechender Schmerz durch den Schädel fuhr. Er wollte seine Hände heben, um seinen schmerzenden Kopf zu umfassen, als er bemerkte, daß er es nicht konnte. Offensichtlich waren seine Hände auf den Rücken gefesselt und auch seine Beine waren an den Knöcheln verschnürt. Nach einem weiteren Versuch gelang es ihm die Augen offen zu halten und er schaute sich um, soweit es seine Lage zuließ. Er lag in einem kleinen Raum. Die einzige Lichtquelle kam von einem schmalen, dreckigen Fenster, das am oberen Wandende eingelassen war. ‚Ich bin offenbar in irgendeinem Keller‘, dachte Sam und bewegte sich wie eine Raupe, um mehr Einsicht in das Zimmer zu bekommen. Nachdem er eine Vierteldrehung geschafft hatte, erblickte er Mrs. Perkins, die in einer der Ecken lag. Er rief ihren Namen, bekam aber keine Antwort. Daraufhin robbte er näher und als er sie fast erreicht hatte, bemerkte er, daß ihre Haare großflächig mit Blut bedeckt waren. ‚Die haben sie umgebracht‘, schoß es ihm durch den Kopf. Geschockt von dieser Erkenntnis begann Sams Herz zu rasen und er rang panisch nach Luft.

~*~

Dean war den ganzen Tag unterwegs gewesen, daher knurrte sein Magen bereits ziemlich laut als er zur Farm zurückkehrte. Trotz seines Hungers beschloß er, erst alle seine Eindrücke zu notieren, solange sie noch frisch waren. Ebenso würde er die Reifenspuren sicherheitshalber überprüfen. Egal ob es Sinn machte oder nicht. Das war auch eine der Regeln die ihm sein Vater eingebleut hatte.

Der Himmel verfärbte sich bereits und kündigte so den Abend an, als Dean den Wagen vor der Werkstatt abstellte. Kaum war er ausgestiegen, sah er, wie der Doc aufgeregt auf ihn zulief. „Sie wissen nicht zufällig wo Sam ist?", fragte er ohne Einleitung und man konnte ihm ansehen, wie große Sorgen er sich um seinen Sohn machte, während er sich nervös durch die Haare strich.

Obwohl Deans Herz bei diesen Worten auf der Stelle aufgeregt zu hämmern begann, weil er sich bei dem Anblick des Docs auch sofort um Sam sorgte, entgegnete er so ruhig wie möglich, während er den Kopf schüttelte: „Keine Ahnung, Doc. Aber er ist  schon groß und wird vermutlich irgendwo hängen geblieben sein. Bei Freunden zum Beispiel, oder er ist bei seiner Freundin?"

Aldin schüttelte heftig den Kopf. „Tessa hat mir erzählt, er hätte ein großes Geheimnis daraus gemacht wieso er in die Stadt fährt. Das hätte er sicher nicht, wenn er sich mit alten Freunden getroffen hätte. Nein. Es muß ihm etwas passiert sein."

Bisher war Dean immer der Meinung gewesen ein absoluter Profi zu sein, den nichts und niemand aus der Ruhe bringen konnte, aber bei dem Gedanken daran, daß Sam wirklich etwas passiert war, brach ihm plötzlich der kalte Schweiß aus. Es war ihm auch egal, daß der Doc auf seine subtile Frage nach einer möglichen Freundin Sams nicht geantwortet hatte, da Dean ohnehin vermutete, daß Sam schwul war. Nur sicher war er sich nicht so ganz. Doch das war jetzt auch nicht relevant. Das einzig Wichtige war jetzt, Sam gesund und wohlbehalten zu finden. Wenigstens dahingehend würde er professionell arbeiten können, deswegen fragte er: „Okay, wann und wo haben sie ihn das letzte Mal gesehen?"

„Heute Morgen hat er meine Tochter noch zur Schule gebracht, ihr versprochen, sie dann wieder abzuholen, aber er ist nicht aufgetaucht. Das ist so gar nicht seine Art." Aldins Finger strichen wieder durch sein Haar. „Jedenfalls bin ich in die Stadt, um Tessa abzuholen. Anschließend bin ich durch die Strassen gefahren, habe aber nur Sams verlassenes Auto gefunden. Von ihm selbst keine Spur und die Leute, die ich gefragt habe, haben ihn auch nicht gesehen. Für eine Vermißtenmeldung ist es noch zu früh. Geht ja erst nach 24 Stunden. Ich bin völlig ratlos und meine einzige Hoffnung war, daß er vielleicht mit Ihnen zusammen ist, weil Keith einen See erwähnte. Mir ist durchaus aufgefallen, daß Sie und Sam sich gut verstehen", fügte Aldin hinzu und Dean merkte sofort, daß der Doc vermutete, er und Sam seien mehr als nur befreundet. ‚Verdammte Psychologen, irgendwann durchschauen sie einen immer. Aber da ist der Doc mit seinem Verdacht weiter, als ich in der Realität. Doch zumindest weiß ich jetzt sicher, daß Sam auf Männer steht. Aber das ist jetzt uninteressant. Erst muß ich Sam finden, dann sehe ich weiter', dachte Dean, bevor er dem Doc ehrlich antwortete: „Ja, Sam und ich haben einen guten Draht zueinander, aber wir haben heute nichts zusammen unternommen. Wie auch immer, ich werde mich sofort auf die Suche machen."

„Danke, sehr freundlich von Ihnen, aber das tun schon alle Männer auf der Farm, daher glaube ich nicht..."

„Ich habe da meine eigenen Methoden. Vertrauen sie mir", unterbrach Dean den Doc und lächelte ihn aufmunternd an. Dann ließ sich der Agent den Standort von Sams Wagen geben und bat Aldin noch einen Blick in Sams Laptop werfen zu dürfen. Auch wenn das einen Eingriff in die Privatsphäre seines Sohnes war, gestatte es Aldin, denn wichtiger als das war es, Sam zu finden.

Keine zwei Minuten später fuhr Dean Sams Laptop hoch und gab eine spezielle Zahlenfolge ein, um so das Paßwort zu umgehen. Gleich darauf wurde ihm der Zugriff gewährt und er durchforstete nicht nur Sams Dateien, sondern auch die letzten Seiten die er aufgerufen hatte. „Sagt ihnen der Tagesbote und der Name Colding etwas?", wollte er von Aldin wissen.

Kapitel 11 von silverbird

Aldin kannte den Tagesboten natürlich und auch Jeff Colding. Nur Deans Frage verwunderte ihn, dennoch gab er bereitwillig Auskunft: „Ja, aber diese Zeitung hat schon vor einem Jahr schließen müssen, weil der Besitzer einen tödlichen Unfall hatte. Warum fragen Sie?"

„Ihr Sohn hat sich offenbar für diese Zeitung interessiert", entgegnete Dean, während er weitere Seiten am Pc öffnete.

Der Doc fügte indessen erklärend hinzu: „Das liegt sicher daran, daß Sam früher viel Zeit mit Mr. Colding, das war der Besitzer des Tagesboten, verbracht hat. Mr. Colding war es auch, der letztendlich Sams Interesse für den Journalismus geweckt hat."

Dean überlegte kurz, dann fuhr er den Laptop herunter und stand auf. „Okay, ich sehe mir mal Sams Wagen an. Vielleicht finde ich da einen Hinweis wo er sein könnte. Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen", sagte Dean, um den Doc zu beruhigen, wobei er selbst in großer Sorge um Sam war. Dennoch fügte er hinzu: „Es geht ihm bestimmt gut. Ich rufe Sie an, sobald ich ihn gefunden habe."

Aldin nickte nur ergeben und Dean verließ eilig das Haus. Kaum im Auto, programmierte er sein Navi und fuhr mit quietschenden Reifen los. Er versuchte rational zu denken, was ihm kaum gelang, in seiner großen Sorge um Sammy.

Plötzlich mußte Dean daran denken, was sein Vater ihm immer wieder gepredigt hatte, wobei er teilweise ein Zitat von Scott Card verwendet hatte. „Persönliche Zuneigung ist ein Luxus, den man sich nur leisten kann, nachdem man alle Feinde ausgeschaltet hat. Bis dahin sind alle, die man liebt, Geiseln; sie schwächen den Mut und behindern das Urteilsvermögen. Du wirst immer Feinde haben, daher darfst du dir diesen Luxus niemals leisten."

„Vater hatte Recht. Man muß alleine bleiben, wenn man so einen Job macht wie ich. Es ist einfach zu gefährlich für Sam und auch für andere. Wobei, Sams Verschwinden hat bestimmt nichts mit meinem Job zu tun. Aber vielleicht mit dem Fall, wegen dem ich hier bin." Dean stieg so heftig auf die Bremse, daß er in den Gurt geschleudert wurde, bevor der Wagen schlingernd zum Stehen kam. „Kann es sein, daß wir von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen sind? Was, wenn es hierbei gar nicht um die Flüchtlinge, oder Diebstähle geht, sondern... aber das ist schon sehr weit hergeholt. Andererseits,  wenn ich mit ein beziehe, daß jemand auf der Farm seine Finger im Spiel hat...."

Dean rief sich in seinem Kopf die Bilder der Männer auf, die derzeit auf Reha waren. Sein geschultes Gehirn lieferte ihm in groben Zügen auch die Lebensläufe dazu, die er gelesen hatte. „Okay, das ist jetzt wirklich sehr weit hergeholt, aber nicht ganz abwegig. Trotzdem, wie passt Sam da rein? Genug! Das ist nur Zeitverschwendung", mahnte er sich vehement und gab wieder Gas.

Eine halbe Stunde später hielt er in der Nähe der alten Redaktion. Bevor er seinen Wagen verließ, überprüfte er mit selbstverständlicher Gewohnheit seine Waffe und steckte ein Zusatzmagazin ein, ebenso seine Dietrichsammlung. Dann begab er sich auf die Rückseite des Gebäudes.

Die meisten Häuser hatten Hintertüren oder Kellereingänge und so hoffte er, ungesehen einsteigen zu können. Zudem waren diese Türen meist leichter zu öffnen und so war es dann auch.

Das Schloß der rückwärtigen Außentür war in ein paar Sekunden geknackt und Dean hatte Glück, sie öffnete sich geräuschlos. Dean schaute aufmerksam die Treppe hinunter, die sich vor ihm erstreckte. Niemand war zu sehen und er hörte auch kein Geräusch, daher lief er die Treppe hinab, bis er die Kellertür erreichte. Auch diese Tür hatte Dean im Nu entsperrt und ließ genauso große Vorsicht walten, wie bei der Außentür, als er sie öffnete. Auch diesmal war kein Mensch auszumachen und so schlich er die Treppe hinunter.  Als er das Ende der Stufen erreichte, vernahm er leise Geräusche, die offensichtlich von einer alten Druckmaschine stammten. Der Agent zog seine Pistole aus dem Hosenbund und schlich weiter, als ein kratzendes Geräusch hinter einer Tür, die er gerade passierte, seine Aufmerksamkeit erregte. Dean blieb stehen und näherte sich der Tür auf leisen Sohlen. Er bemerkte den Schlüssel der im Schloß steckte und drehte ihn geräuschlos um. Dann legte er seine Hand auf den Türgriff und umfaßte mit der anderen seine Waffe fester, bevor er die Tür mit einem Ruck öffnete. Als er jedoch sah, wer vor ihm am Boden lag, war er überaus erschrocken, aber gleichzeitig auch sehr erleichtert.

„Sam! Geht's dir gut?", wollte er leise wissen und schaute den jungen Mann besorgt an. Noch bevor der Größere antworten konnte, war Dean schon auf die Knie gefallen, zog mit einer Hand ein Messer aus der Scheide in seinem Stiefel und schnitt Sams Fesseln durch. Dann zog er Sam in seine Arme und drückte ihn fest an sich.

Sam seufzte erleichtert. Er fühlte sich plötzlich sicher und behütet. „Ja, geht schon", entgegnete er, woraufhin Dean ihn los ließ.

Sam fühlte sich sogleich verlassen und warf einen raschen Blick auf Dean, so als ob er sicher gehen wollte, ob er wirklich da war, und nicht nur ein Wunschdenken. Doch er konnte ihn immerhin sehen, wenn auch nicht mehr fühlen. Daher versuchte er  aufzustehen. Aber die Blutzirkulation hatte noch nicht eingesetzt und so schwankte er beträchtlich. Sofort wurde er von Dean gestützt, der schützend die Arme um ihn legte.

„Woho. Mach langsam, Sammy", bat er leise und hielt ihn, bis er auf eigenen Beinen stehen konnte. Sam genoß es sehr, beschützend gehalten zu werden und hätte das noch gerne länger ausgekostet. Aber ihm war durchaus klar, in der jetzigen Situation konnte er wohl schlecht einfach in Deans Armen bleiben, deswegen machte er sich sanft los und flüsterte: „Danke, jetzt geht es wieder."

„Was ist passiert?", wollte Dean nun wissen.

Sam zuckte etwas hilflos mit den Schultern. „Mrs. Perkins ist Maklerin. Sie wollte mir das Haus zeigen und kaum waren wir am Ende der Treppe, bekam ich einen Schlag auf den Kopf und ich wurde bewußtlos. Dann bin ich hier aufgewacht. Oh mein Gott. Mrs. Perkins", fiel Sam plötzlich ein, bevor er sich umdrehte, so daß Dean freien Blick auf die Maklerin hatte, gleich auf sie zulief und sich zu ihr hinunter beugte.

„Ich... ich glaube, sie ist tot", murmelte Sam geschockt, während er beobachtete, wie Dean den Puls der Frau fühlte.

„Nein, sie lebt noch, aber sie hat eine üble Kopfwunde", entgegnete er und stand wieder auf. Er stellte sich vor Sam hin und schaute ihm fest in die Augen. „Hör mir jetzt genau zu, okay?"

Sam erwiderte den Blick und nickte zustimmend.

„Gut. Hier hast du mein Handy." Dean reichte es weiter bevor er erläuterte. „Du rufst den Sheriff an und erklärst ihm, was dir und der Maklerin passiert ist. Dann rufst du einen Rettungswagen und wartest hier bei der Lady. Verstanden?"

„Okay, das bedeutet wohl du bleibst nicht hier?", begriff Sam und Dean schüttelte den Kopf. Als er jedoch die Furcht in Sams Augen erkannte, lächelte er ihm beruhigend zu und strich ihm zusätzlich über die Wange. „Mach dir keine Sorgen. Dir wird nichts mehr passieren. Ich schnapp mir jetzt den oder die Kerle, die dir das angetan hat."

Sam packte Dean am Arm. „Nein, das ist zu gefährlich."

„Falsch. ICH bin gefährlich. Niemand legt Hand an jemanden der mir wichtig ist. Und jetzt mach was ich dir gesagt habe. Die Frau dort braucht deine Hilfe. Ich schnappe mir inzwischen die Bösen." Um Sam zu beruhigen, wackelte Dean mit den Augenbrauen, dann zwinkerte er ihm noch verwegen zu und lief davon.

Sam schaute ihm besorgt und sehnsuchtsvoll nach. ‚Wie hat er das gemeint, für jemand der ihm wichtig ist? Und wieso hat er eine Waffe und warum ist er überhaupt hier?' All das hätte Sam fragen wollen. Aber dazu war keine Zeit gewesen und er hoffte, nein, betete, daß Dean nichts passierte und er die Fragen später stellen würde können. Plötzlich hörte er ein leises Stöhnen, das offensichtlich von der Maklerin kam. Sam hatte keine Zeit mehr über all das nachzudenken, sondern besann sich seiner Aufgabe.

~*~

Dean erreichte eine große Glastür und spähte hindurch. Dahinter befanden sich alte Druckmaschinen, wie er erkennen konnte. Zwei Männer arbeiteten dort und durch den Lärm der Maschinen, konnte Dean sich problemlos an die Beiden heranschleichen.

„Die Hände bleiben genau da wo sie sind", rief der Agent scharf und die Beiden erstarrten mitten in ihrer Bewegung. Rasch holte Dean ein Paar Handschellen aus der Tasche und umrundete die Maschine. Als er vor den Beiden stand, erkannte er, daß sie zu den Reha - Leuten des Docs gehörten und einer davon Jeff war. Das war derjenige gewesen, der sich vor dem Pferdetreiben mit ihm hatte anlegen wollen.

„Du?", keuchte Jeff auch schon verwundert und Dean grinste diabolisch. „Wow, dein IQ scheint sich gesteigert zu haben", entgegnete Dean spöttisch, bevor er verlangte: „Und jetzt Hände schön oben lassen und auf die Knie. Die beiden gehorchten sehr zögerlich und der Agent bluffte sie an. „Wird's bald?"

Nun bewegten sie sich gleich schneller. Als sie die Position eingenommen hatten die Dean verlangt hatte, warf er Jeff die Handschellen zu, die dieser automatisch auffing. „Leg sie dir um die linke Hand, dann um die Eisenstange, bevor dein Kumpel den anderen Teil dieses hübschen Armbandes kriegt. Mach!" Dean hob die Pistole an und zeigte damit auf Jeffs Kopf, der sich aufgrund dessen beeilte, der Forderung des Agenten nachzukommen.

Befragen wollte Dean sie später. Jetzt hatte er Wichtigeres zu tun und die Zwei konnten ohnehin nicht mehr wegrennen. Sicherheitshalberüberprüfte er aber noch schnell ob die Handschellen richtig saßen, dann steckte er seine Waffe in den Hosenbund zurück. Dann durchsuchte er die beiden Männer auf etweilige Waffen oder Utensilien, mit denen sie eventuell die Handschellen öffnen konnten. Doch Dean konnte nichts finden. So ließ er von ihnen ab und ohne ein weiteres Wort, lief er den Flur entlang, zurück zu Sam. Der Agent hoffte, daß der Sheriff inzwischen eingetroffen war. Dann konnte er ihm die Gefangenen übergeben und sich um die restlichen Hintermänner kümmern.

Als er um die Ecke bog sah er, wie der Sheriff die letzen Stufen herunter stieg. Seine Aufmerksamkeit war auf Sam gerichtet. Der stand in der Tür des Raumes in dem er gefangen gehalten worden war und schaute dem Mann entgegen. „Gut, daß sie endlich kommen", rief er ihm zu. „Irgendwo im Haus sind noch..."

„Ja, aber die sind schon in sicherer Verwahrung", wurde Sam von Dean unterbrochen, der auf den Sheriff zuging. Der runzelte die Stirn, starrte Dean an und verlangte unwirsch zu wissen: „Und wer zum Henker sind Sie?"

„Dean Wilson. Derzeitiger Wohnsitz: Doc Hensens Farm", gab der Agent zackig zur Auskunft.

„Aha. Nun wie auch immer. Wer weiß, daß ihr beide hier seid?", kam eine erneute Frage von dem Sheriff. Seine Stimme klang lauernd und sofort schrillten bei Dean alle Alarmglocken, als Sam auch schon antwortete: „Niemand. Ich wollte mir das Haus ansehen, weil ich Interesse daran habe. Doch bevor ich eine Entscheidung bezüglich eines Verkaufs  treffe, wollte ich niemanden davon erzählen und dann ist all das passiert, was ich Ihnen schon am Telefon berichtet habe."

„Tja, gut für mich. Pech für euch", knurrte der Sheriff kalt, griff nach seinem Revolver und zielte auf Sam. Dean, der ein paar Meter von ihm entfernt stand, erkante die Situation sofort und reagierte dementsprechend rasch. Noch während er warnend Sams Namen schrie, riß er seine Pistole aus dem Hosenbund, sprintete los und warf sich zwischen den Sheriff und Sam. Die erste Kugel, die der Sheriff abschoß traf Dean in die linke Schulter, trotzdem schaffte es der Agent, zwei Schüsse auf den Sheriff abzufeuern. Beide Kugeln trafen ihn mitten in die Brust. Während er fiel, löste sich ein zweiter Schuß aus der Pistole des Sheriffs und traf Deans Kopf. Er hörte noch zwei weitere Schüsse, bevor er am Boden aufschlug, dann wurde es Schwarz um ihn herum.

Als Sam Dean fallen sah, setzte sein Herzschlag einen Moment aus. Der Schock lähmte ihn kurzzeitig, doch dann stürzte er auf den am Boden liegenden zu. Verzweifelt nahm er den leblosen Körper in seine Arme, drückte ihn an seine Brust und wiegte ihn hin und her. „Dean, bitte...Nein. Nein. Nein. Nein", wimmerte er, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen. 

Kapitel 12 von silverbird

Er wurde gehalten, sicher und beschützt. Geborgenheit, Wärme und ein wunderbarer Duft hüllte Dean ein. Irgendwie nach Sonne, Wind, und nach diesen Zitronenplantagen, durch die Dean vor ein paar Jahren gegangen war. Und da war noch ein weiterer, ganz besonderes herrlicher Geruch, der sich mit den andern mischte und Dean wußte ohne Zweifel, daß er ihn liebte. ‚Bin ich doch im Himmel gelandet. Wer hätte das gedacht‘, sinnierte er zufrieden, seufzte glücklich und versuchte sich enger in die Umarmung zu schmiegen, doch als er sich nur minimal bewegte, schoß ihm ein wilder, stechender Schmerz durch den Kopf und auch durch seine Schulter. „Mist! Doch in der Hölle. Hätte mich auch gewundert", murmelte Dean mit rauher Stimme und öffnete seine Augen einen kleinen Spalt, um sie jedoch gleich wieder zu schließen. Die Anstrengung sie offen zu halten, war einfach zu groß.

„Dean... Oh Gott, Dean. Ich... ich dachte schon, du..." Sam versagte die Stimme, er drückte Dean verzweifelt noch ein bißchen enger an sich und gab ihm einen Kuß auf die Stirn.

Trotz der Schmerzen, die sich durch das feste Drücken verstärkten, hielt Dean ganz still und gab sich völlig dem Gefühl hin, von jemand umsorgt zu werden. Doch plötzlich waren Sams Arme weg, fremde Hände fummelten an ihm herum und Dean mochte es gar nicht. Er versuchte die Augen zu öffnen, und dank seiner Willenstärke gelang ihm das auch. Ebenso schaffte er es, den rechten Arm zu heben und um sich zu schlagen.

„Haltet ihn fest", hörte er jemanden sagen.

Panik stieg in Dean auf, er verstärkte seine Bemühungen, seine Faust traf jemanden und er hörte mit Genugtuung, daß diese Person schmerzlich aufstöhnte.

„Dean, nicht!" Sam war plötzlich wieder da, umfaßte seine Hände und drückte sie sanft aber entschlossen hinunter. „Die Sanitäter wollen dir nur helfen. Bitte bleib ruhig liegen", verlangte er mit beruhigender Stimme.

„Sammy." Deans Stimme klang erleichtert und er entspannte sich wieder.

„Ich bleibe bei dir. Versprochen. Aber du mußt dir von den Männern helfen lassen. Okay?", bat Sam eindringlich und Dean nickte andeutungsweise, dann driftete er wieder weg und versank in die Dunkelheit.

~*~

Als Dean erwachte, fühlte er sich wie erschlagen. Er war müde und das Denken fiel ihm schwer. ‚Wo zur Hölle bin ich?' überlegte er, und dann fiel es ihm auch schon blitzartig ein. Sam und der Sheriff, der die Waffe auf ihn richtete. Er hatte sich dazwischen geworfen und dieser Mistkerl hatte ihm eine Kugel in die Schulter gejagt. Dann... Filmriss.

Aber jetzt lag er offensichtlich in einem Krankenzimmer und irgendjemand hielt seine Hand. Nein, nicht irgendjemand. Sam. Dean wußte es ganz sicher, obwohl er seinen Kopf noch nicht zur der Seite gewand hatte, wo sich Sam befand. Denn da war wieder diese unvergleichliche Duftmischung, die dieses wunderbare Gefühl in seinem Bauch auslöste.

Dean drehte nun doch den Kopf und sein Blick fiel wie erwartet auf Sam. Und dann mußte er schmunzeln. Denn Sam saß auf einem Stuhl, sein Kopf hing tief im Nacken und er schnarchte leise. Dennoch hielt er seine Hand fest. Gerührt von dieser Geste und auch, weil Sam sich diese unbequeme Position angetan hatte, nur um sein Versprechen zu halten, drückte Dean sanft Sams Finger und schloß seufzend die Augen.

Sam erwachte durch den Druck auf seiner Hand und griff sich mit der anderen stöhnend an den Nacken. Ihm tat jeder Knochen weh und er streckte sich erstmal, ohne vom Stuhl aufzustehen und instinktiv auch ohne Deans Hand los zu lassen. Dann wurde ihm bewusst, wo er war und er schaute besorgt neben sich. Dean schlief offenbar friedlich und Sam vermutete, daß es an der Narkose lag, oder an der Infusion, die in seinen Arm tropfte.

Sam musterte die schlafende Gestalt und sein Blick blieb an Deans Gesicht hängen. Er betrachtete den dichten Wimpernkranz und die edle, griechisch-römische Nase, dann die Kinnlinie. Dieser Mann sah wirklich umwerfend gut aus, stellte Sam fest, während er wie hypnotisiert auf die vollen Lippen starrte, die ihn verlockend und magisch anzogen. ‚Er schläft und würde es nicht merken, wenn ich ihn kurz küsse', dachte Sam und bekam sofort ein schlechtes Gewissen, denn Dean ohne dessen Erlaubnis zu küssen, war falsch.

Doch wie von unsichtbaren Fäden gezogen stand Sam auf und beugte sich über den Schlafenden. ‚Nur eine ganz kurze Berührung, nicht mal ein richtiger Kuß. Nur...',  Sams Gedanken schalteten sich ab, als sein Gesicht nur noch wenige Millimeter über Deans schwebte und als er kurz darauf dessen Lippen berührte, löste dieser kurze Kontakt Gefühle in ihm aus, die er nie erwartet hatte. Noch bevor er sie einordnen konnte und gerade als er sich zwingen musste, diese Lippen nicht erneut zu küssen, spürte er plötzlich eine Hand an seinem Hinterkopf. Deans Hand, die ihn beständig wieder näher zog, bis sich ihre Lippen erneut trafen. Unschuldig lagen sie kurz aufeinender, bis Dean begann zart an Sams Unterlippe zu knabbern. Das war der Auftakt für einen Kuß, der immer leidenschaftlicher wurde, bis sie ihn aus Luftmangel abbrechen mußten und Sam ein keuchendes „WOW" von sich gab. Seine Wangen hatten einen rosigen Schimmer angenommen und er lächelte verlegen, doch seine Augen strahlten. 

Dean war von diesem Anblick hingerissen und er wollte das noch öfter sehen. „Wenn du mich hier rausholst, zeige ich dir die Steigerung von wow", versprach er und grinste.

„Versprich nichts, was du nicht halten kannst", konterte Sam frech und Dean hob erstaunt eine seiner Augenbrauen. Vielleicht hatte er den Großen unterschätzt? Das konnte interessant werden und daher entgegnete er grinsend: „Ich halte jedes Versprechen. Also hol mich hier raus und ich beweise es dir."

Sam schüttelte den Kopf. „Die lassen dich frühestens in einer Woche raus."

„Sagt der, der sich jetzt vor den Konsequenzen fürchtet", konterte Dean und grinste Sam wissend an. Dessen Wangen bekamen auch prompt wieder einen rosigen Schimmer, weil er sich gerade ein paar der Konsequenzen vorstellte. Doch bevor er etwas erwidern konnte, bemerkte er, wie Deans Gesichtszüge wieder ernst wurden, bevor er sagte: „Aber so gerne ich dieses Thema noch vertiefen würde, leider haben wir dafür jetzt keine Zeit. Du mußt mir genau erzählen was passiert ist, nachdem ich weggetreten bin. Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich kurz vor meinem Abgang Schüsse gehört habe."

„Ja, du hast den Sheriff erschossen", bemerkte Sam.

„Aber nicht den Deputy", antwortete Dean grinsend.

Sam verdrehte die Augen. „Das ist nicht lustig."

„Nein, nicht wirklich", gab Dean zu und sein Grinsen verschwand aus seinem Gesicht. „Aber mal davon abgesehen. Der Sheriff, ja das weiß ich noch. Doch was ist mit den Schüssen, außer meinen, die ich anschließend gehört habe?"

Sam seufzte. „Das ist alles ziemlich mysteriös. Zwei Leute, die auf unserer Farm in Behandlung sind, Jeff und wie der andere heißt, weiß ich nicht, wurden erschossen. Keiner weiß, warum und von wem. Der Deputy ist total von der Rolle und weiß sich nicht zu helfen. In dieser Stadt ist so gut wie nie was los. Zumindest war es bisher so, soweit ich weiß, und es gibt so viele Fragen. Wieso wollte der Sheriff uns umbringen? Ist es, weil du eine Waffe hattest? Nein, eher nicht, weil er wollte auch mich erschießen", beantwortete Sam seine Frage gleich selbst. „Aber wieso hast du überhaupt eine Waffe? Natürlich bin ich froh darüber, schließlich hast du mich gerettet, aber..."

Dean hatte Sam mit seinem unverletzten Arm einfach wieder zu sich gezogen und küßte ihn sanft. Nicht nur, um seien Redefluß zu stoppen, sondern auch, weil er diese weichen Lippen einfach wieder auf seinen spüren wollte. Als sie den Kuß nach einer Weile lösten, war Sams Blick noch ganz verschleiert und er seufzte leise, woraufhin sich Dean ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Doch er genoß den entrückten Blick Sams nur kurz, dann kam sein Pflichtbewußtsein wieder durch. „Sam. Ich muß schnellstens hier raus. Holst du bitte meine Sachen? Der Schlüssel zu meinem Zimmer auf der Farm liegt oben auf der Türzarge. " Deans Stimme war tief und samtig. Sam fand das sehr sexy und absolut unfair von Dean, sie als eine Art Waffe einzusetzen. Trotzdem. Er war fest entschlossen nicht einzuknicken und deswegen schüttelte er den Kopf.

 „Es ist einfach zu gefährlich. Die Wunde könnte aufbrechen und was, wenn sie sich entzündet? Außerdem hast du eine ziemliche Schramme am Kopf. Weißt du überhaupt, wie viel Glück du gehabt hast? Daher sage ich, nein. Du wirst schön brav hier liegen bleiben, bis du wieder gesund bist. Alles andere wäre ein zu großes Risiko."

 Dean erkannte, daß Sam so ohne weiteres nicht klein beigeben würde, daher versuchte er es mit einem hinreißenden Augenaufschlag und einem sanft geflüsterten „Bitte!"

Da war sie wieder, diese Stimme, und dazu noch ein Blick, der Sam völlig fertig machte. Ohne daher weiter nachzudenken antwortete Sam: „Okay. Wenn du es schaffst, daß dich der behandelnde Arzt entläßt, rede ich mit Dad, ob er einverstanden ist, daß du dich auf der Farm erholst. Aber du wirst dort genau das tun, was Vater oder ich sagen. Verstanden? Und du wirst alle meine Fragen beantworten. Wieso du eine Waffe hast und so froh ich auch bin, daß du in der Redaktion aufgetaucht bist, warum warst du überhaupt dort? All das will ich wissen."

Dean seufzte etwas genervt, bevor er eindringlich erklärte: „Darüber reden wir später. Ich werde dir jede deiner Fragen beantworten, aber jetzt ist es wichtig, von hier zu verschwinden. Ich muß schnellstens ein paar Nachforschungen anstellen und damit verhindern, daß womöglich noch jemand umgebracht wird."

„Umgebracht? Wie kommst du denn auf diese Idee? Und Nachforschungen? Bist du ein Cop?", wollte Sam nun doch wissen und schaute Dean mit großen Augen an.

Kapitel 13 von silverbird

Dean hatte diese Frage natürlich erwartet. Sam war schließlich nicht dumm und bis zu einem gewissen Punkt würde er ihn auch aufklären. „So etwas in der Art. Alles andere wie versprochen... später", entgegnete der Agent, während er die Zudecke zurück warf. Noch bevor er seine Beine über die Bettkante schwingen konnte, griff Sam schon helfend zu. Dean verspannte sich kurz, ließ die Hilfe dann aber zu. Nicht nur, weil es so für ihn einfacher war aufzustehen, sondern auch, weil es sich gut anfühlte, daß sich jemand um ihn kümmerte. Seine Schulter schmerzte kaum, was vermutlich nicht nur an dem festen Verband lag, der seinen Oberarm mit einschloß, sondern sicher auch an den Schmerzmitteln, die Dean noch reichlich intus hatte. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen des Blutverlustes fühle er sich etwas benommen und schwindelig, was Sam auch sogleich bemerkte und ihn fürsorglich festhielt.

„Das wird nichts, Dean. Sei vernünftig. Außerdem, schau dich doch mal an. Willst du wirklich mit diesem Hemdchen...?" Sam ließ den Satz unvollendet, doch sein Blick sprach Bände.

Dean betrachtete sich von oben bis unten, dann schossen seine Augenbrauen in die Höhe. „Okaaay, daß ist echt peinlich", murrte er und schlüpfte rasch wieder unter die Decke.

„Irgendwie sexy trifft es eher." Sam hatte den Kopf schief gelegt und bemerkte nicht, daß er seine Gedanken laut ausgesprochen hatte.

Auf Deans Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus und er stellte fest: „Du stehst drauf."

„Was?" Sam erkannte, daß er doch nicht nur gedacht, sondern laut ausgesprochen hatte und sofort bekamen seine Wangen wieder diesen verdächtigen, roten Schimmer. Er versuchte sich erst stotternd heraus zu reden, seufzte dann aber ergeben und gab zu: „Na ja, man sieht ziemlich viel und du bist ja nicht gerade häßlich. Und hör endlich auf so dreckig zu grinsen. Ich... ich hol dir jetzt was du brauchst zum Anziehen. Bin in einer Stunde wieder da und wehe, du stehst ohne Hilfe auf. Ruf die Schwester wenn du was brauchst", befahl er sehr streng, was Dean weiterhin grinsen ließ. Sam verdrehte genervt die Augen.

„Boxer Shorts genügen. Die Strings mußt du nicht einpacken, die sind nur für besondere Anlässe", setzte Dean noch eins drauf.

Sam verließ wortlos und ziemlich eilig das Krankenzimmer.

~*~

Nach einer längeren Diskussion mit dem Arzt, die Dean beendete, indem er klipp und klar erklärte, auf Eigenverantwortung das Krankenhaus zu verlassen, konnte er Sams Rückkehr kaum erwarten. Dean haßte Krankenhäuser. Alleine schon von diesem eigentümlichen Geruch hatte er auf Dauer ein flaues Gefühl im Magen, wobei ihm bei Magen gleich auch noch die Kost einfiel, die in solchen Etablissements serviert wurden. „Das ist bestimmt der Grund, wieso ich keinen Hunger habe", brummte er frustriert. Zudem wurde er so richtig müde. „Wo bleibst du, verdammt", fluchte er und kämpfte mit dem Schlaf.

~*~

Sam hielt seinen Wagen vor der Werkstatt an und eilte die Treppe hinauf. Wo der Schlüssel war, wußte er ja nun und nachdem er aufgeschlossen hatte, begab er sich sogleich zum Schrank, um ein paar Kleidungstücke heraus zu nehmen, die er in der Reisetasche steckte, welche sich auf dem Boden des Schrankes befand. Keine drei Minuten später ging er wieder auf sein Auto zu und traf auf Pete.

„Alles okay, Junge? Ich habe gehört, auf dich wurde geschossen. Was ist denn passiert?", fragte er mit besorgter Miene.

„Woher weißt du das?", fragte Sam verwundert.

Petes Antwort ließ ein paar Sekunden auf sich warten. Er atmete tief durch und kratze sich am Kinn, bevor er begann, wie es seine Art war, ausführlich zu erklären: „Von Hilfssheriff, Kembly. Ich bin auf ihn getroffen, als ich aus dem Diner kam. War ja Vorräte kaufen heute und anschließend auf ein Bier. Ist ja heiß heute und als ich wieder zu meinen Wagen ging, da ist mir Kembly über den Weg gelaufen. Er hat einen derart verstörten Eindruck gemacht, so daß ich ihn angesprochen habe. Da hat er mir die ganze Geschichte erzählt. Der Sheriff erschossen. Wir furchtbar! Und auch noch zwei von unseren Jungs. Wer hätte gedacht, daß dieser Dean ein Mörder ist. Er hat sogar mich getäuscht und ich durchschaue so was sonst sofort. Aber wie auch immer, Kembly wird ihn einbuchten, sobald er das Krankenhaus verlassen kann und er wird seine verdiente Strafe kriegen, auch wenn das niemanden mehr lebendig macht."

Gerade als Sam den Koch entrüstet aufklären wollte, läutete sein Handy. Sam holte es aus seiner Hosentasche und stellte fest, daß er die Nummer nicht kannte, hob aber trotzdem ab. Noch bevor er etwas sagen konnte, hörte er Deans Stimme, die sagte: „Bist du schon unterwegs?"

„Nein, aber ich wollte gerade losfahren. War der Deputy schon bei dir? Es ist ungeheuerlich was ich gerade erfahren habe und wir müssen...", setzte Sam an, doch er wurde von Dean unterbrochen.

„Schon gut, nur kein Streß. Wir reden, wenn du wieder da bist, und bring bitte meine Reisetasche mit, okay?"

Sam wunderte sich zwar, daß Dean die Tasche wollte, denn sie war leer gewesen, als er sie aus dem Schrank genommen hatte. Doch er sagte nichts dazu und antwortete nur: „Japp, sind ohnehin deine Sachen schon drin. Ich beeile mich. Bis gleich."

Beide beendeten das Gespräch und Sam wollte gerade in den Wagen steigen, doch Pete hielt ihn auf und schaute ihn besorgt an. „Soweit ich mitgekriegt habe, fährst du zu Wilson. Du solltest dich von ihm fernhalten, Junge. Das ist ein ganz Abgebrühter."

„Mach dir keine Sorgen, Pete. Es ist nicht so wie du denkst. Ich erzähle dir alles wenn ich zurück bin. Jetzt muß ich aber los", entgegnete Sam und stieg rasch in sein Auto. Er wollte dem Koch jetzt nicht alles erklären. Denn wie er Pete kannte, würde das Gespräch ewig dauern und dafür hatte er im Moment keine Zeit.

~*~

Dean saß in seinem Bett und grinste vor sich hin. Dieser trottelige Deputy hatte ihn verhört, wenn man das so nennen konnte. ‚Himmel, was für ein Stümper. Wenn der der neue Sheriff wird, dann wird's lustig für diese Stadt.' Dean dachte gerade über die Stadt im Allgemeinen und über Sheriffs im Besonderen nach, als Sam durch die Tür schritt.

„Hey", begrüßten sie sich gegenseitig, während Sam vor dem Bett zum Stehen kam. „Wie geht's dir?", wollte er besorgt wissen und schaute Dean prüfend an.

Diese Frage und der Blick genügten, daß sich Dean gleich besser fühlte und er grinste: „Recht brauchbar, alles geregelt, wir können los."

„Ich habe vergessen, mit Vater zu reden", fiel Sam plötzlich ein und er schaute ziemlich erschrocken drein.

„Wenn es dir lieber ist, geh ich in ein Hotel", bot Dean sofort an, da er nicht wollte, daß Sam Ärger bekam.

Sam schüttelte entrüstet den Kopf. „Das kommt überhaupt nicht in Frage. Es geht doch nur um deine medizinische Versorgung. Deswegen wollte ich mit meinem Vater reden, denn er hat bestimmt nichts dagegen, wenn du dich bei uns auf der Farm erholst. Ich mach mir einfach Sorgen um dich."

Deans Herz schlug auf einmal schneller. Da gab es doch tatsächlich jemanden, der sich Sorgen um ihn machte und in seinem Bauch breitete sich eine wunderbare Wärme aus. „Mußt du nicht. Mir geht's gut", entgegnete er mit belegter Stimme. Dann zog er Sam plötzlich mit seinem gesunden Arm an sich und küßte ihn innig. Sam erwiderte den Kuß nur zu gerne und er stöhnte leise, weil es sich einfach sensationell anfühlte.

Nur schwer trennten sie sich voneinander und als sie es endlich schafften, verlangte Dean seine Tasche, die Sam daraufhin auf das Bett stellte. Dean öffnete sie und räumte die paar Sachen heraus, die Sam eingepackt hatte. Als Dean das erledigt hatte, zog er einen versteckten Zipp am Boden der Tasche auf und nahm eine flache Kassette heraus, die genau die größte des Taschenbodens hatte. Deswegen hatte sie Sam auch nicht bemerkt. Nun beobachtete er, wie Dean die Kassette aufstellte und eine verdeckte Blende aufschob, unter der sich ein kleines Nummernregister befand. Dean tippte darauf herum und eine Sekunde später öffnete er den Deckel.

Ziemlich viele Ausweise kamen zum Vorschein und Sams Augen wurden riesig, während Dean darin kramte und vor sich hinmurmelte. „PCI, FBI, DHS? Nein, Heimatschutz ist auch nicht das Richtige. USPPD? Das Pentagon hat damit ganz sicher nichts zu tun. Ahh, ja, U.S. Marshal. Das paßt immer." Dean legte den Ausweis zur Seite, dann schloß er den Deckel und verstaute ihn wieder in der Tasche, bevor er sich Kleidung heraus holte und begann, sich anzuziehen.

Noch immer geschockt und sprachlos von dem Inhalt der Kassette, schaute Sam Dean ein paar Sekunden zu, bis er sich soweit gefaßt hatte, um Dean in das Hemd zu helfen. Natürlich nicht, ohne die Fragen zu stellen, die ihm auf der Seele brannten. „Du bist also kein Polizist, sondern ein...Betrüger? Oder... keine Ahnung. Wirst du gesucht? Bist du deswegen auf die Farm gekommen, um dich da zu verstecken? Aber wieso hast du mich dann gerettet? Warum bist du das Risiko eingegangen, dadurch erkannt und erwischt zu werden. Dean, bitte, rede mit mir."

„Ja wann denn? Du plapperst doch wie aufgezogen", entgegnete Dean leise lachend.

Sam schnaubte und verdrehte die Augen. „Du findest das wohl auch noch lustig. Ich  allerdings nicht. Daher raus mit der Sprache. Was soll das alles?"

Kapitel 14 von silverbird

„Okay, dann Klartext. Es trifft mich ganz schön, wie du mich einschätzt. Das hätte ich nicht von dir erwartet, Sam. Schließlich haben wir so einiges zusammen erlebt." Deans Gesicht war von Kummer gezeichnet und Sam bekam sofort ein schlechtes Gewissen.

„Es tut mir Leid, es ist nur... ich weiß einfach nicht, was wir jetzt machen sollen. Hilfssheriff Kimbly ist zwar nicht der Hellste, aber wie man das FBI oder einen US Marshall anfordert, weiß sogar er. Auch wenn ich für dich aussage, kann es gut sein, dass sie mir nicht glauben. Vor allem, wenn sie dahinter kommen, dass ich dich... mag. Ich meine, wir haben uns geküsst." Sams Stimme war sehr leise geworden und seine Wangen hatten einen roten Schimmer während er verlegen zu Dean schielte.

Sams Aussage ließ sein Herz sofort höher schlagen und verunsicherte ihn gleichermaßen. Dean wusste einfach nicht, wie er darauf reagieren sollte und runzelte die Stirn, während er sich eine Antwort überlegte.

Sam hatte gehofft, dass Dean ihm auch sagen würde, dass er ihn zumindest gern hatte. Er wäre schon mit einem Lächeln zufrieden gewesen, aber dass er ihn quasi ignorierte, tat ihm in der Seele weh und machte ihn auch zornig. „Weißt du was? Vergiss einfach was ich gesagt habe. Und den Kuss am Besten auch gleich. Deinen und meinen. Es hatte im Grunde nichts zu bedeuten. Schließlich kann man sich doch sympathisch finden, ohne wer weiß was hinein zu interpretieren. Außerdem hast du mir das Leben gerettet. Vater würde sicher sagen, dass es Dankbarkeit ist, was ich für dich empfinde. So wird es vermutlich auch sein. Daher wird es auch kein Gerede von den Leuten geben. Wie auch immer. Kommen wir zum Wesentlichen. Was ist jetzt mit all diesen Ausweisen und lüg mich nicht an", verlangte Sam vehement.

Bei Sams plötzlichem Rückzieher krampfte sich Deans Herz zusammen. ‚Idiot, was hast du denn erwartet? Hast du wirklich gedacht, für dich wird sich jemals was ändern? Volltrottel. Er ist dir dankbar, sonst nichts,' beschimpfte er sich im Gedanken selbst. Dann riss er sich zusammen und schaute Sam emotionslos an. „Ich bin ein Spezial Agent, der berechtigt ist, alle diese Ausweise zu benutzen. Mehr darf ich dir nicht sagen, alles super geheim."

Als Sam daraufhin ein abfälliges, ungläubiges Schnauben von sich gab, fuhr Dean ernst fort: „Es ist die Wahrheit, Sam."

„Ja klar. Und weil Mr. 006 jahrelang die Welt gerettet hat, braucht er jetzt einen Seelenklempner und ist ausgerechnet bei meinem Vater gelandet. Sehr glaubwürdig."

„Wieso 006? Findest du mich so sexy?", konnte es sich Dean nicht verkneifen zu sagen, während er schräg grinste. Gleichzeitig ärgerte er sich über sich selbst, weil er es nicht lassen konnte, mit Sam zu flirten. Auch wenn der Größere ihm klar gemacht hat, dass er kein Interesse hatte. Dean wollte das einfach nicht wahr haben.

Sams Wangen färbten sich sogleich, trotzdem entgegnete er unbeirrt: „Lenk nicht ab und sag endlich die Wahrheit."

„Das habe ich getan, zumindest Großteils. Schau mich an, Sam. Bitte", verlangte Dean eindringlich, trat an den Größeren heran und nahm sein Gesicht in seine Hände. Sam kam daraufhin Deans Bitte nach und begegnete dem offenen und ehrlichen Blick seines Gegenübers, der auch schon weiter sprach: „Ich gebe zu, dass ich nicht hier bin, weil ich Hilfe vom Doc brauche. Ich bin von einer staatlichen Behörde, um hier einen Fall aufzuklären. Und alle meine Ausweise sind echt. Es gibt nur ein knappes Duzend Leute in den Staaten und darüber hinaus, die berechtigt sind, solche Legitimationen zu benutzen. Ich bin einer davon. Ich darf dir wirklich nicht mehr sagen und kann nur hoffen, dass du mir zumindest dahingehend vertraust."

Sam konnte gar nicht andres. Dean blickte ihn so flehend an, dass er ihm glauben musste. Daher nickte er letztendlich. „Gut, aber irgendwann will ich alles wissen."

„Diese Reporter", seufzte Dean theatralisch und grinste dann. Doch als Sam ihn streng anschaute, seufzte der Agent erneut und nickte. „Soweit es mir möglich ist. Aber jetzt müssen wir echt los. Was mich wirklich ärgert ist, dass ich meine Waffe verloren habe. Es war ein Geschenk meines Vaters, darum müssen wir unbedingt zuerst in die Redaktion, vielleicht ist sie irgendwo unter ein Regal gerutscht und..."

Dean verstummte augenblicklich, da Sam ihm plötzlich das Objekt seiner Begierde vor die Nase hielt. Verwundert und mit hochgezogenen Augenbrauen starrte Dean erst auf die Waffe, dann auf Sam, der daraufhin Schulter zuckend murmelte: „Ich dachte, wenn sie keine Waffe finden, dann wird es schwieriger dich zu belangen."

„Du bist echt süß", grinse Dean und legte seinen gesunden Arm um Sam, um ihn an sich zu ziehen.

„Süß?", Sams Stimme war nicht nur ein paar Oktaven zu hoch, er schaute auch noch total entsetzt, worauf hin Dean lachen musste. Dann zog er den Größeren an sich und küsste ihn innig. „Mhh..und du schmeckst auch so", behauptete er, nachdem sie den Kuss abbrachen und er lecke sich genießerisch die Lippen. „Den hast du natürlich aus reiner Dankbarkeit bekommen. Schließlich wäre ich verblutet, wenn du nicht gewesen wärst. Aber wir sollten natürlich nicht mehr hineininterpretieren als es ist." Dean konnte nicht anders. So surreal es auch war, er war ganz verrückt nach dem großen Kerl und wollte ihn einfach herausfordern.

„Idiot", sagte der plötzlich und lächelte Dean leicht verlegen an, bevor er ihm einen kleinen Kuss auf die Lippen drückte.

Dean strahlte Sam daraufhin an. „Ich bin sehr froh, dass wir das jetzt für uns geklärt haben. Alles andere findet sich dann schon. Jetzt muss ich aber trotzdem noch mal an den Tatort. Spurensicherung. Aber zuerst zum Hilfscop, bevor der Trottel noch das FBI anfordert. Kannst du mich fahren?" Dean schlüpfte noch rasch in seine Schuhe und schaute Sam fragend an.

Der nickte und griff nach Deans Tasche, dann ging Sam hinter ihm her, immer darauf achtend, dass Dean sicher auf den Beinen war.

Bald darauf saßen sie in Sams Wagen und Dean atmete auf. „Endlich bin ich aus dem Kasten raus."

„So schlimm?", fragte Sam schmunzelnd und fuhr los.

Dean nickte. „Ganz schlechte Erinnerungen. Sie flicken einen zwar gut zusammen, aber dann versuchen sie dich mir ihrem Fraß zu vergiften."

Sam schüttelte belustigt den Kopf. Dieser verrückte Kerl neben ihm brachte ihn immer wieder zum Lachen und je länger er mit ihm zusammen war, umso weniger wollte er auf seine Gegenwart verzichten.

Apropos Essen", sagte Dean auch schon, doch bevor er weiter sprechen konnte, fing sein Magen lautstark zu knurren an. „Hilfscop hin oder her. Könnten wir als erstes irgendein genießbares Futter besorgen?"

Sam musste nun laut lachen, woraufhin sein Sitznachbar eine Schnute zog. „Das ist nicht lustig, schließlich habe ich gefühlte Ewigkeiten hungern müssen und..."

„Schon gut, ich füttere dich, bevor du an mir rumknabberst", entgegnete der Größere und bemerkte im selben Augenblick, wie zweideutig das geklungen hatte. Prompt stieg Dean darauf ein und erwiderte grinsend: „Wenn das ein Angebot war, kann ich dir versichern, ich bin verdammt gut im rumknabbern."

Der Agent schaute Sam an und es folgte genau das, was er erwartet hatte. Die erst rosafarbenen Wangen begannen immer dunkler zu werden. Deans Grinsen wurde noch breiter. Es gefiel ihm, wenn sein Großer so verlegen wurde und er überlegte, wie er wohl reagieren würde, wenn er ihm erst so richtig versaute Sachen ins Ohr flüstern würde. Nun, vielleicht würde er das noch herausfinden.

~*~

Keine halbe Stunde später saßen sie in einem Diner und es dauerte auch nicht lange, bis ihnen das Essen auf den Tisch gestellt wurde. Dean mundete jeder Bissen und tat das auch mit genießerischen Lauten kund.

„Dir schmeckt es offensichtlich", erkannte Sam schmunzelnd und Dean nickte, bevor er antwortete: „Gutes Essen ist wie guter Sex, man muss jede Sekunde auskosten."

„Die haben auch tollen Kuchen hier", lenkte Sam schnell vom Thema ab und mied auch Deans Blick. Der strich Sam leicht und kurz über den Arm und schaffte es so, dass Sam ihn anschaute. Daraufhin sagte der Agent mit samtiger Stimme: „Wie könnte ich bei so etwas Leckerem widerstehen."

„Du flirtest mit mir", stellte Sam fest.

„Gut erkannt, Watson. Ich bin froh, endlich einen würdigen Assistenten gefunden zu haben. Spielst du Geige?"

„Sherlock ist der mit der Geige, du Genie", gab Sam zurück und verdrehte die Augen, lächelte aber.

Dean grinste verlegen. „Das wusste ich", behauptete er dennoch.

~*~

Nachdem sich Dean so richtig satt gegessen hatte, nahm er noch zwei Tabletten die er vom Krankenhausdoktor gegen die Schmerzen bekommen hatte. Dann bat er Sam, ihn zum Hilfssheriff zu fahren.

Zehn Minuten später betraten sie die Polizeistation.

Im Vorzimmer saß ein junges Mädchen und feilte sich gelangweilt die Fingernägel. Als die beiden Männer eintraten, erhellte sich ihr Gesicht sofort und sie lächelte freundlich. „Was kann ich für sie tun, meine Herren?", fragte sie und strahlte Dean flirtend an.

Dean lächelte zurück und entgegnete, nachdem er einen Blick auf das Namenschild, welches auf dem Tisch stand, geworfen hatte: „Ich möchte den Deputy sprechen, Sally. Ist er da?"

Sie nickte, wehrte jedoch gleich ab. „Er will aber nicht gestört werden. Doch vielleicht kann ich Ihnen weiter helfen?" Sie klimperte mit den Wimpern und Deans Grinsen wurde breiter. „Vielleicht ein anderes Mal. Er sitzt im Büro des Sheriffs nehme ich an?"

Sie nickte. „Schon, doch er will..."

„Nicht gestört werden. Ich weiß. Aber das interessiert mich nicht", bemerkte Dean. Sein Lächeln war verschwunden und machte einem grimmigen Gesichtsausdruck Platz, während er zielstrebig auf die Tür zu ging. Sally sprang von ihrem Sessel auf und wollte rasch an Dean vorbei, doch er hielt sie auf. „Danke, aber es ist nicht notwendig, dass Sie uns anmelden. Es soll eine Überraschung werden." Er zwinkerte der Sekretärin verschwörerisch zu, dann betrat er das angrenzende Büro, wo Kimbly lässig auf dem Bürostuhl saß, mit den Füßen auf dem Schreibtisch. Als er Dean erblickt, runzelt er die Stirn. „Ich dachte, Sie dürfen das Krankenhaus erst in ein paar Tagen entlassen. Wenn ich gewusst hätte, dass..."

„Erst mal Füße vom Tisch, Kimbly. Na los!", verlangte Dean scharf, woraufhin der Hilfssheriff automatisch tat, was ihm befohlen wurde. Als ihm das bewusst wurde, stützte er die Hände auf dem Tisch auf, schaute Dean wütend an und brüllte: „Sie haben mir gar nichts zu sagen, verstanden? Ich bin hier der Sheriff und kann meine Füße haben wo und wann ich will. Sie können froh sein, wenn ich Sie nicht sofort verhafte."

Dean zog ungerührt einen Stuhl heran und setzte sich. Dann forderte er Sam auf es ihm gleich zu tun, der zögernd Platz nahm.

„Am Besten wir stellen gleich einmal ein paar Dinge klar, Kimbly. Hinsetzen und Klappe halten", verlangte er streng, als der Hilfssheriff etwas einwenden wollte. „Sie sind hier der Hilfssheriff und ich garantiere ihnen, auch das nicht mehr lange, wenn sie sich weiter so aufführen."

Kimbly schluckte und schaute Dean unsicher an, der wegen seiner Verletzung etwas umständlich seinen Ausweis aus der Jackentasche nestelte, ihn öffnete und ihn auf den Tisch warf. „Wie sie sehen, bin ich Bundesmarshall. Somit stehen sie unmittelbar unter meinem Befehl. Das bedeutet, Sie bewegen jetzt ihren faulen Hintern und bringen mir zuerst einen ordentlichen Kaffee. Schwarz. Den für Mr. Hensen mit Milch und Zucker. Dann will ich alle Berichte sehen, die es über den Fall gibt. Obduktionsbericht.  Zeugenaussage der Maklerin. Alles. Jetzt", schnauzte Dean den Hilfssheriff an, der ihn bisher nur geschockt angestarrt hatte, aber nach Deans Befehl hastig aufsprang und über seine eigenen Füße stolperte, bevor er eilig und wortlos ins Vorzimmer eilte.

Dean lehnte sich grinsend zurück. Dann fiel sein Blick auf Sam, der stumm und ernst vor sich hinstarrte.

Kapitel 15 von silverbird

Während sie auf die Rückkehr des Deputys warteten, überlegte Dean, welche Laus Sam wohl über die Leber gelaufen sein könnte. Doch da er nicht die geringste Ahnung hatte, beschloss er einfach zu fragen: „Was ist los?"

„Wie? Was meinst du?", wollte Sam, aus seinen Gedanken gerissen, wissen.

„Ich will wissen was plötzlich mit dir ist."

„Nichts", gab Sam einsilbig zurück und versuchte, dabei nicht mürrisch zu klingen.

Dean seufzte genervt. „Wer‘s glaubt. In deinem Gesicht kann man lesen wie in einem Buch. Also lüg mich nicht an, Sam, okay?"

Nun war es Sam der seufzte. Dann schaut er Dean direkt in die Augen und erklärte ungehalten: „Ich weiß einfach nicht, woran ich mit dir bin. Erst flirtest du mit mir, küsst mich und dann baggerst du Sally an."

„Du bist eifersüchtig", stellte Dean erstaunt fest und grinste dann jedoch, denn irgendwie gefiel ihm das.

„Nein. Ja." Sam sprang von seinem Stuhl auf und begann unruhig hin und her zu laufen. „Hör zu, Dean. Das ist nichts für mich. Ich bin nicht der Mensch für solche Spielchen. Ich..."

Die Tür öffnete sich in diesem Moment und der Hilfssheriff kam herein, ein kleines Tablett in der Hand, das er ungeschickt vor sich hin balancierte und es mit einem erleichterten Seufzen auf dem Schreibtisch abstellte. Den Ordner, den er sich unter den Arm geklemmt hatte, reichte er an Dean weiter. „Hier ist alles was wir haben. Viel ist es leider nicht", gestand er ein.

Der Agent nickte nur, griff erst nach dem Kaffee und als er einen Schluck getrunken hatte, öffnete er den Ordner. Während er die paar Seiten las, setzte sich Sam wieder hin. Kimbly schob ihm die Tasse hin und obwohl Sam keine Lust auf Kaffee hatte, griff er aus Höflichkeit danach.

Ein paar Minuten später legte Dean die Akte auf den Tisch und brach das unangenehme Schweigen, das sich in dem Raum ausgebreitet hatte. „Damit kann man gar nichts anfangen. Ich hoffe, Sie haben hier in diesem Kaff Utensilien, um Fingerabdrücke am Tatort abzunehmen?"

Kimbly nickte beflissen und Dean fuhr fort: „Gut, holen Sie das Zeug. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten vor der Redaktion", verlangte er, stand auf und ging zur Tür. Als Sam ihm nicht folgte, drehte er sich um und schaute ihn fragend an. „Kommst du?"

Der erhob sich nun doch, aber wortlos, und verließ noch vor Dean das Büro. Weiterhin stumm sperrte er den Wagen auf und stieg ein. Er achtete jedoch darauf, dass Dean mit seiner verletzten Schulter gut in das Auto kam. Nachdem der es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht hatte, startete Sam den Motor und fuhr los. Gegenüber der Redaktion parkte er wieder, doch als er aussteigen wollte, hielt Dean ihn auf. „Sam, warte bitte. Wir müssen reden."

„Nein, schon gut. Ich glaube nicht, dass das was bringt", wehrte dieser traurig ab.

„Hör mir zu. Bitte", verlangte der Agent stur. Sam schnaufte, blieb aber sitzen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Also, was hast du mir zu sagen?"

Unruhig rutschte Dean auf dem Sitz hin und her, während er nach den richtigen Worten suchte und das, obwohl er sich während der Fahrt hierher den Text überlegt hatte. Doch es auszusprechen, war doch etwas anderes, aber er wollte es versuchen, denn das war er Sam schuldig. Deswegen begann er zu reden: „Okay. Also. Es ist so. Ich war immer viel unterwegs. Eigentlich seit ich denken kann. Und dann kam ich hierher. Auf einmal war da etwas anders. Es hat sich ein anderer Blickwinkel für mich aufgetan. Aber ich glaube nicht, dass das mit diesen Untercover Auftrag zu tun hat. Auch wenn er für mich völlig unüblich ist. Na wie auch immer. Jedenfalls hat sich bei mir plötzlich ein Schalter umgelegt. Kann gut sein, dass es deinetwegen passiert ist und..."

Ohne dass Sam oder Dean es bemerkt hatte, war Kimbly an den Wagen herangetreten und klopfte an die Scheibe. Dean griff automatisch nach seiner Waffe, doch als er den Hilfssheriff erkannte, entspannte er sich und seufzte innerlich erleichtert auf. So sehr ihm Kimbly ansonsten auf die Nerven ging, dieses Mal war er froh für die Unterbrechung. „Okay, die Arbeit ruft", sagte er und Sam konnte den erleichterten Ton sehr wohl erkennen.

„Gut, das verstehe ich", gestand er dem Agent zu. „Aber wir reden später weiter. Zu Hause", ergänzte er bestimmt, denn er wollte das klären. Deans Andeutungen war ihm zu wenig. Er musste Klarheit haben. Und was diese Flirterei betraf, auch darüber würden sie reden.

Dean nickte nur und stieg aus. Kurze Zeit später standen die drei Männer vor der Tür und Dean brach ohne Umschweife das Polizeisiegel auf. Dann forderte er den Deputy auf die Tür aufzusperren, der das auch sogleich tat. In den Räumen angekommen, die Dean überprüfen wollte, erklärte er Kimbly, wo er überall Fingerabdrücke abnehmen sollte, wobei Dean genau beobachtete, wie der Deputy sich dabei anstellte. Verwundert stellte er jedoch fest, dass der Hilfssheriff das sehr genau und sorgfältig erledigte, woraufhin Dean fand, dass ein Lob durchaus angebracht war. „Das machen Sie wirklich gut, Kimbly, daher lasse ich Sie jetzt in Ruhe weiter arbeiten und sehe mich inzwischen überall um."

Sam, der in der Nähe der Glastür stehen geblieben war, sah wie das Gesicht des Deputys vor Freude strahlte, während er eifrig weiter machte.

Dean ging inzwischen gemächlich durch den Raum und machte Fotos mit seinem Handy. Ein großer Papierabfalleimer erregte seine besondere Aufmerksamkeit. Er fischte ein paar schmale Papierstreifen heraus und legte sie auf den Tisch. Genau solche Streifen hatte er schon mal gesehen und er wusste auch sofort wo. Auch davon schoss er ein Foto, dann wandte er sich an den Deputy. Diese Dinger eintüten, bitte", verlangte er, dann umrundete er die große Druckermaschine. Er bemerkte ein paar Schuhabdrücke, die offenbar durch ausgelaufene Druckerschwärze entstanden waren. Ein Abdruck erweckte Deans besondere Aufmerksamkeit und er machte ein paar Fotos davon. Plötzlich begann sich alles um ihn herum zu drehen und er hielt sich instinktiv an der Maschine fest. Schwankend atmete er tief ein und aus, woraufhin der Schwindel ein wenig nach ließ. Trotzdem fühlten sich seine Beine wie Pudding an und er befürchtete, jeden Moment umzukippen. Doch bevor das passieren konnte, legten sich zwei starke Arme um ihn.

„Ich hab's dir ja gesagt. Du gehörst ins Bett! Und genau dort bringe ich dich jetzt auch hin. Und wage es erst gar nicht, mir zu widersprechen", schimpfte Sam streng und führte Dean langsam durch den Raum. Der lächelte erschöpft und nickte nur. Pflichtbewusstsein hin oder her. Sam würde ihn ins Bett bringen, sich vielleicht sogar neben ihn legen. Das war es auf jeden Fall Wert, wenn er erst morgen die Ergebnisse auswertete. Aber bevor sie hier verschwanden, musste er dem Deputy noch ein paar Anweisungen erteilen und das sagte er Sam auch. Der jedoch entgegnete: „Das erledige ich schon. Deputy Kimbly? Wir gehen jetzt. Bitte machen Sie alles fertig, worum der US-Marshall Sie gebeten hat. Er meldet sich morgen bei Ihnen. Schönen Tag noch", wünschte er.

Der Deputy versprach, alles zu erledigen und verabschiedete sich ebenfalls, woraufhin Dean einen Gruß nuschelte, bevor er von Sam aus den Kellerräumen geschleppt wurde.

~*~

Als Dean die Augen aufschlug, wusste er im ersten Moment nicht, wo er war. Während er sich alarmiert umschaute, versuchte er sich aufzurichten, vergaß dabei seine verletze Schulter und sank mit einem schmerzvollen Laut wieder in das Kissen zurück. Eine Minute darauf versuchte er es erneut, doch diesmal stützte er sich auf seinen gesunden Arm. Endlich in sitzender Position, ließ er erneut seinen Blick durch den Raum wandern. Er befand sich ganz offensichtlich in einem Schlafzimmer, das mit dunklen Möbeln und einem weißen Teppichboden eingerichtet war. Das Bett, in dem er lag, bot Platz für mindestens zwei Personen und war länger als die üblichen Schlafgelegenheiten. ‚Sams Schlafzimmer', schoss es Dean als logische Schlussfolgerung durch den Kopf. Nicht nur, weil der lange Kerl auch ein längeres Bett brauchte, sondern weil Dean auch wieder einfiel, wo er sich befand und wie er hier her gelangt war. Auch wenn er nur wie durch einen Nebel mitbekommen hatte, wie Sam ihn die Treppe hoch geschleift hatte, wusste er noch, wie er ihn vorsichtig ins Bett bugsiert und ihn ausgezogen hatte, bevor er endgültig weggetreten war.

„Ausgezogen?" Dean schaute an sich herunter und grinste. „Ja, stimmt. Er hat mir nur die Shorts gelassen. Schade, dass ich sein Gesicht nicht gesehen habe, als er mich aus den Kleidern geschält hat. Aber das kann ich ja nachholen. Hoffentlich." Dean hätte sich gerne seiner Fantasien hingegeben, doch er musste dringend ins Badezimmer. Suchend schaute er sich um und entdeckte zwei Türen, von dem eine schmäler war.

„Jupp." Er war sich sicher, die musste es sein, und so erhob er sich langsam, bleib ein paar Sekunden stehen, bis das Schwindelgefühl so einiger Maßen weg war, und schritt dann leicht schwankend los.

„Wo willst du hin?", hörte er auf einmal Sams strenge Stimme.

Dean drehte sich langsam zu ihm um und erklärte grinsend. „Ich muss mal für Königstiger. Willst du mitkommen?"

„Offenbar geht es dir wieder besser", brummte Sam und stellte ein kleines Tablett auf den Nachttisch, auf dem sich Kaffee, Wasser und ein gut gefülltes Sandwich befand.

„Essen! Du bist der Beste." Dean strahlte Sam an, drückte ihm einen raschen Kuss auf und drehte sich dann wieder der Badezimmertür zu. „Geh nicht weg. Du bist mein Nachtisch", tat er noch kund, bevor er im Bad verschwand. Als er zurückkam, lehnte Sam mit verschränkten Armen an der Wand und schaute Dean ungehalten an.

„Was ist los?", wollte der Agent Stirn runzelnd und besorgt wissen.

„Wo soll ich anfangen?", keifte Sam ihn an. „Damit, wie leichtsinnig du mit deinem Leben umgehst? Oder damit, dass du keines deiner Versprechen hältst und mir sagst, was Sache ist?"

Dean atmete tief durch und setzte sich aufs Bett. Ihm war klar, es wurde Zeit, Farbe zu bekennen. Sein Problem war, dass er selbst nicht so recht wusste, was er tun sollte. Das hier war eine Situation, die völlig neu für ihn war. Sam hatte Gefühle in ihm ausgelöst, die sein ganzes Leben verändern würde, sollte er es zulassen. Doch als er kurz in sich hineinhorchte, wusste er, er wollte es. Nur, konnte er es auch? Sein ganzes Leben umkrempeln? Sich auf einen Menschen einlasen, den er gar nicht richtig kannte? Ihm vertrauen? Diese Fragen konnte er einfach nicht beantworten. Aber eines war sicher, Sam hatte Antworten verdient und so schaute er den jungen Mann in die Augen sagte: „Ich bin schon seit vielen Jahren Agent. Ich kenne praktisch nichts anderes. Aber das ist eine lange Geschichte. Fakt ist, dass ich mir durch die Umstände, wie ich mein bisheriges Leben verbracht habe, schwer tue, über Gefühle zu sprechen. Aber ich mag dich Sam. Wirklich. Sehr sogar. Und das hat mich dazu gebracht, mein bisheriges Leben zu überdenken. Daher habe ich erkannt, so wie es bisher war, will ich es nicht mehr. Aber ich habe keine Ahnung wie es sonst ablaufen soll. Mein Job? Das werde ich irgendwie regeln können. Aber sonst? Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ob ich bringe, was du erwartest."

Kapitel 16 von silverbird

Sam dachte eine Weile nach, dann begab er sich zum Bett und setzte sich zu Dean. „Ich erwarte, dass du weiterhin so ehrlich bist, wie du es jetzt warst. Und ich erwarte, dass du bald... ähm... irgendwann... ich will dich, weißt du?" Sam senkte schnell den Blick und wurde auch ein bisschen rot um die Nase, bevor er hastig weiter sprach: „Aber es ist alles so kompliziert. Du würdest so gut wie immer unterwegs sein und ich müsste mir auch dauernd Sorgen machen, dass dir etwas passiert bei deinem gefährlichen Job und...."

„Halt die Klappe, Hensen, wir kriegen das schon hin. Auch wenn ich noch keine Ahnung habe wie. Wir schaffen das und finden eine Lösung", unterbrach ihn Dean sanft und lächelte ihn an. Er sagte das, um Sam zu trösten, denn er konnte seinen gequälten Gesichtsausdruck einfach nicht ertragen. Aber auch Dean selbst war voller Zweifel. Konnte er das wirklich? Sein altes Leben völlig hinter sich lassen? War er tatsächlich bereit, ganz von vorne anzufangen? Unbestritten, das wusste er im selben Augenblick, und er würde es sich zu seiner Hauptaufgabe machen, Sam glücklich zu sehen. Daher zog er ihn mit seinem gesunden Arm an sich und flüstere ihm ins Ohr: „Um auf dein Gestottere zurückzukommen. Wie sehr willst du mich?"

~*~

Als Sam erwachte, war das Bett neben ihm leer. Sofort zog sich sein Magen zusammen und in der Herzgegend fühlte er einen Stich. ‚Das war es also‘, dachte er verbittert. Dabei waren die letzten Stunden einfach fantastisch gewesen. Für Sam zumindest, und er hatte das Gefühl, immer noch Deans Hände und Lippen überall auf seinem Körper zu spüren. Die wenigen sexuellen Erfahrungen, die Sam bisher gemacht hatte, waren recht schön gewesen, aber nichts, was ihn wirklich umgehauen hatte. Doch das mit Dean.... Sam konnte noch nicht mal in Gedanken Worte dafür finden, und das, obwohl sie noch nicht mal zum Äußersten gegangen waren. ‚Aber für Dean ist es wohl doch nicht so berauschend gewesen. Für ihn war ich sicher einer unter vielen und bestimmt lacht er jetzt über den unerfahrenen Kerl, den er mit seinem verlogenen Gerede herumgekriegt hat;‘ überlegte Sam weiter, wobei langsam aber sicher Wut in ihm aufstieg, die sich hauptsächlich gegen ihn selbst richtete, weil er so dumm gewesen war. Zornig warf er die Decke ab und stand auf, um erst mal ins Badezimmer zu gehen. Er hatte das dringende Bedürfnis zu duschen, doch der Schmutz auf den es ankam, würde sich wohl nicht wegwaschen lassen.

Kaum hatte er das Bad betreten, blieb er wie erstarrt stehen. Mitten auf dem Badezimmerspiegel prangte ein großer Zettel, den Dean offenbar mit einem riesigen Klecks Zahnpaste dran geklebt hatte. Sam zögerte, denn er hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Was, wenn auf dem Zettel genau das stand, was er nicht lesen wollte? Aber hätte sich Dean dann die Mühe gemacht, überhaupt eine Nachricht zu hinterlassen? Sam atmete tief durch. Es machte keinen Sinn darüber nachzudenken. Er musste sich vergewissern woran er war und so trat er näher und begann zu lesen.

Hallo Schlafmütze.

Wohin geht ein Mann gleich nach dem Aufwachen?

Genau. Daher ist das der beste Platz, um dir diese Nachricht zu hinterlassen.

Ich bin erst mal drüben über der Werkstatt und dann schnappe ich mir den Bösewicht. Nicht nur, weil ich meinen Job machen muss, sondern auch, weil ich meinen Fall schnellstens abschließen will, damit ich mich endlich um Dinge kümmern kann, die wirklich wichtig sind.

Dich!

Langsam aber stetig breitere sich ein seliges Lächeln auf Sams Gesicht aus.

~*~

Dean saß am Schreibtisch in der kleinen Wohnung über der Garage und drehte das Gummistück, welches er damals gefunden hatte, in seiner Hand, während er die Daten von seinem Handy auf den Laptop übertrug. Dabei dachte er an Sam. Eigentlich musste er so gut wie immer an Sam denken, und es fiel ihm schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Es war nur seiner Erziehung und Ausbildung zu verdanken, dass es ihm überhaupt gelang. Aber da er genau das wollte, was er Sam geschrieben hatte, musste er sich wohl oder übel zusammenreißen und seinen Job erledigen.

Aber der Laptop brauchte noch eine Weile, deshalb konnte Dean die Bilder der letzten Stunden in seinem Kopf aufrufen. Sams Augen, die er nicht hatte offen halten können, als Dean ihn intensiv geküsst hatte. Die geröteten Wangen des Größeren und die leicht geöffneten Lippen, und wie Sam sich auf die Unterlippe gebissen hatte, um sein Stöhnen  zu unterdrücken, was ihm letztendlich doch nicht gelungen war. „Logisch, ich bin verdammt gut", sagte sich Dean und grinste selbstgefällt. Dabei hatte er nicht mal einen Bruchteil seines Könnens angewandt, aber darum war es auch nicht gegangen. Mit Sam war es anders gewesen. Alles war anders gewesen. Vielleicht einfach nur, weil Dean es zugelassen hatte. Das erste Mal nach all den Jahren hatte er es sich erlaubt loszulassen, zu fühlen, zu nehmen und zu geben. Doch Dean war ehrlich. Es lag nur an Sam. Er hatte das alles zu Stande gebracht.

Dean lachte leise und es war ein glückliches Lachen. „Er hat mich einfach im Sturm erobert. Gott, wie schnulzig klingt das denn. Aber kein Wunder, dass ich durch den Wind bin, wenn der Kerl mich einfach in seine Arme nimmt und mich an sich drückt und kuscheln will, kurz nachdem wir gekommen waren. Dann sagt er auch noch, dass er mich liebt und schläft gleich darauf ein. Was hätte ich bitte machen sollen? Mich aus seinen Armen winden und ihn dadurch womöglich aufwecken? Niemals. Schließlich war ich es, der ihn so fertig gemacht hatte, da hatte er seine Ruhe verdient. Abgesehen davon, habe ich mich ohnehin nicht rühren können. Doch auch das war Sams Schuld. Keine Ahnung wie er das gemacht hat, aber irgendwie fühlten sich meine Knochen wie Gummi an. Und nicht einmal das hat mich nicht wirklich gestört. Okay, ich steh drauf und will das alles wieder und wieder und wieder haben", gab Dean für sich selbst zu und verdrehte die Augen, doch sein Lächeln blieb dabei auf seinen Lippen. „Ist ja auch kein Wunder. Erst jetzt, erst durch Sammy weiß ich, was ich versäumt habe. Dad lag völlig falsch. Man wird nicht nachlässiger wenn man jemanden liebt, das Gegenteil ist der Fall. Denn man muss doch auf das Wertvollste, das man hat, besonders gut aufpassen."

Dean wurde aus seinem Selbstgespräch gerissen, weil sein Laptop ein „ping" von sich gab. Die Übertragung war fertig und der Agent öffnete den Ordner. Als er die Bilder in großem Format betrachten konnte, murmelte er: „Das habe ich mir gedacht. Ein Stück aus einer Stiefelsohle. Jetzt muss ich nur noch die Stiefel finden und die Fingerabdrücke brauche ich noch. Aber ich befürchte, ich kenne den Täter schon. Leider, denn oft sind es die Personen, mit denen man am wenigsten rechnet und bis zuletzt hofft, dass man sich irrt."

Dean beschloss, sich noch eine Tasse Kaffee zu gönnen. Genauso lange würde er Kimbly Zeit geben, um ihm die Unterlagen und vor allem die Fingerabdrücke zu schicken. Sollte er sich nicht melden, bis Dean den Kaffee ausgetrunken hatte, würde er dem Deputy Feuer unterm Hintern machen. Doch der Agent schaffte nur eine halbe Tasse, als das vertraute Geräusch ertönte, das eine neue Mail ankündigte.

„Kimbly, guck mal einer an. Der Junge ist gar nicht so dumm, wie es den Anschein hat", erkannte Dean, nachdem er die Mail geöffnet und die Dateien herunter geladen hatte. Der Deputy hatte alles, was es über den Fall gab eingescannt und auch die Fingerabdrücke nicht vergessen. Dean schickte sie mit einer kurzen Notiz der Dringlichkeit an seine Zentrale weiter. Dann stand er auf, überprüfte seine Waffe und steckte noch ein Zusatzmagazin ein. Als er sich wieder vor den Laptop setzte, hatte ihm die Zentrale auch schon die Daten der Fingerabdrücke zugesandt und Dean führte dazu noch eine Personenüberprüfung durch. „Gelernter Schriftsetzer. Das passt zusammen", stellte er fest und seufzte. Aldin würde sicher nicht gut aufnehmen, was Dean ihm zu sagen hatte. Doch das konnte er leider nicht ändern. Denn nun war sich Dean sicher, wen er verhaften musste.

~*~

Nachdem sich Sam geduscht und angezogen hatte, beschloss er, ein Frühstück zu machen, um Dean damit zu überraschen. Als er die Küche betrat, traf er auf seinen Vater, der am Tisch saß und in seine Kaffeetasse starrte.

„Guten Morgen, Dad. Bist du jetzt unter die Kaffeesudleser gegangen?", fragte er amüsiert und öffnete den Kühlschrank.

„Auch wenn Wilson dir das Leben gerettet hat, wofür ich in ewig dankbar sein werde und auch jederzeit für ihn da sein werde, sollte er jemals etwas brauchen. Aber du solltest dich nicht auf ihn einlassen. Er ist nicht gut für dich Sam", entgegnete Aldin, ohne auf die Frage seines Sohnes einzugehen.

Im ersten Moment war Sam fassungslos über seinen Vater. Doch dann stieg unbändiger Zorn in ihm auf. „Wie kommst du überhaupt dazu Dean zu verurteilen, oder dich da einzumischen. Und woher weißt du eigentlich von ihm und mir? Offenbar spionierst du mir nach und alles was du über Toleranz gesagt hast, war nur leeres Gerede. Ich bin erwachsen und entscheide selbst, mit wem ich zusammen sein will. Wenn ich Dean hier nicht kennen gelernt hätte, würde ich sagen, es war ein Fehler nach Hause zu kommen. Aber das kann ich nun ja wieder ändern." Wütend warf Sam die Kühlschranktür zu und seine Augen blitzen vor Zorn, als er seinen Vater kurz anschaute, bevor er sich der Küchentür zuwandte, um den Raum zu verlassen.

Doch die nächsten Worte seines Vaters hielten ihn auf. „Wenn du so erwachsen bist wie du behauptest, dann frage ich mich, wieso du jetzt wegrennst. Du weißt sehr wohl, dass es ein Eingeständnis dafür ist und du im Grunde weißt, ich habe recht."

Sam drehte sich zu seinem Vater um und entgegnete ungehalten: „Vielleicht solltest du nur ein einziges Mal wie ein Vater und nicht wie ein Psychologe denken. Es stimmt, ich kenne Dean erst kurz, doch ich weiß einfach, dass er der Richtige für mich ist. Ich fühle es, falls du das verstehen kannst?"

„Du bist verliebt, deine Hormone spielen verrückt und verhindern zwangsläufig vernünftig rationales Denken, Sam. Dean ist nicht so wie du ihn siehst. Er ist introvertiert, zeigt nur die Oberfläche, aber nie was in seinem Inneren vorgeht. Du bist anders. Offen. Kommunikationsbereit. Bist voller Gefühle und zeigst sie auch. Lass mich bitte ausreden", verlangte Aldin, als Sam ihn unterbrechen wollte, woraufhin der leise schnaubte und die Arme vor der Brust verschränkte. Doch Aldin ließ sich nicht beirren und redete weiter: „Dean Wilson ist mit Sicherheit ein sehr guter Agent. In seinem Job kann ihm bestimmt keiner etwas vormachen. Aber vielleicht machst du dir etwas vor, weil du nur diese Seite von ihm siehst. Weil er dich gerettet hat und er dein Held ist, hast du ein falsches Bild von ihm und erkennst dabei nicht, dass er ein totaler Gefühlskrüppel ist. Verzeih mir diesen harten Ausdruck. Aber so ist es und ich will, dass du das begreifst. UND um auf deine Frage am Anfang unseres Gespräches einzugehen. Nein, ich spioniere dir nicht nach. Du müsstest mich gut genug kennen, um das zu wissen. Es war jedoch unvermeidlich euch zu hören."

Sofort bekam Sam rote Wangen. „Tut mir Leid", flüsterte er verlegen.

„Das muss es nicht und darum geht es auch nicht. Ich bitte dich nur genau zu überdenken, worüber wir jetzt gesprochen haben."

Kapitel 17 von silverbird

Dean betrat Petes Reich, nämlich seine Küche, und schaute sich nach dem Koch um, der jedoch nirgends zu sehen war. „Mist", murmelte er, behielt seine Waffe jedoch in der Hand, die vom Ärmel seiner Jacke verdeckt wurde. Gerade als er einen Blick in den Abfalleimer warf, hörte er das Geräusch von näherkommenden Schritten. Dean drehte sich sofort aufmerksam um und sah Pete durch die Tür der Vorratskammer treten, in den Händen einen Karton mit Gemüse. „Ich dachte, du sitzt hinter eisernen Gardinen", bemerkte er auch sogleich und schaute Dean abschätzend an.

Kopf schüttelnd setzte sich Dean an den Tisch, aber so, dass er Pete im Auge behalten konnte. Zugleich versteckte er seine Hand mit der Waffe unter dem Tisch. „War Notwehr. Der Sheriff wollte Sam erschießen."

Der Koch stutze kurz, dann stellte er den Karton ab und begab sich zur Kaffeemaschine und schenkte eine Tasse ein, die er vor Dean hinstellte. „Wieso denn das?", wollte er wissen, während er zum Kühlschrank ging und einen Teller mit Apfelkuchen herausnahm, das er ebenfalls vor Dean hinstellte. Dann nahm er sich selbst eine Tasse Kaffee und setzte sich dem Agenten gegenüber.

Dean führte die Tasse zum Mund und nachdem er sie wieder abgesetzt hatte, erklärte er: „Er hatte wohl Verbrecher gedeckt und sich zusätzlich bestechen lassen."

„Ahh, wer hätte das gedacht und sowas ist ein Hüter des Gesetzes", entgegnete Pete lapidar, trank einen Schluck und fragte weiter: „Dann war es gut, dass du eine Waffe dabei hattest. Warum eigentlich?"

„Bin Texaner", gab Dean kurzerhand zur Antwort, die offenbar alles erklärte.

„Verstehe. Ihr kommt praktisch mit Waffen auf die Welt", erkannte der Koch auch sofort und fragte dann weiter: „Hat man die Hintermänner schon gefasst?"

Dean grinste schief, und griff in seine Jackentasche, ohne auf die Frage einzugehen. Er holte das kleine Gummistück heraus und spielte damit, wobei er die Hand mit der Waffe nach wie vor unter dem Tisch behielt und unvermittelt sagte: „Hübsche Stiefel, es fehlt leider nur ein Stück."

Er warf es Pete zu, der es automatisch geschickt auffing. „Cowboystiefel trägt fast jeder hier in diese Gegend. Kann jedem gehören", behauptete er, während er das Stückchen zwischen den Fingern drehte. „Außerdem, was ist so interessant, ob ein Stück Sohle irgendwo fehlt oder nicht?"

„Weil ein Stiefelabdruck, wo dieses Sohlenstück fehlt, an einem Tatort gefunden wurde", behauptete Dean im Plauderton und führte die Gabel mit einem Stückchen Kuchen zum Mund.

„Das kann alles mögliche bedeuten", gab Pete ganz gelassen zurück, doch der Agent erkannte, dass seine Stimme gepresst klang und Dean hatte genug von diesem Spielchen. Er legte die Gabel weg, schaute Pete intensiv an und sagte, weiterhin ruhig: „Schon, aber es gibt auch andere Indizien. Die Papierstreifen zum Beispiel, die ich in Ihrem Abfalleimer gefunden habe, sind dieselben, wie die in der Redaktion, die übrigens Randstücke von Fotos sind, wie man sie für Dokumente verwendet. Außerdem haben wir dort auch Ihre Fingerabdrücke gefunden und ich bin sicher, wenn ich Ihre Hände auf Schmauchspuren untersuche, werde ich welche finden. Also hilft es auch nichts, wenn Sie ihre Waffe haben verschwinden lassen, mit dem Sie Jeff und den anderen erschossen haben. Ich bin Bundesmarshall und daher, Pete Custer, sind Sie hiermit vorläufig festgenommen."

Petes Gesicht verzerrte sich unvermittelt und er keifte voller Hass, während er plötzlich einen Revolver auf Dean richtete. „Zwei lausige Aufträge wollte ich noch erledigen und dann von hier verschwinden, doch dann bist du hier aufgetaucht. Aber wenn du glaubst, ich lasse mir von dir die Tour vermasseln, dann bist du schief gewickelt. Ich habe keine Hemmungen dich abzuknallen. Auf einen mehr oder weniger kommt es mir nicht an. Aber vielleicht überlege ich es mir und lass dich leben, wenn du aufstehst und mitkommst", bot er hinterlistig an.

Dean schüttelte den Kopf. „Es ist vorbei, Pete. Ich habe ebenfalls eine Waffe auf Sie gerichtet. Daher lassen Sie es. Sie würden verlieren. Glauben Sie mir. Sie sind nicht gut genug, alter Mann."

Während der Agent die letzten Worte aussprach, sah er ein Aufblitzen in Petes Augen und ließ sich in dem Moment mitsamt dem Sessel, auf dem er saß, fallen. Gleichzeitig zog er den Abzug durch. Petes Kugel zischte an ihm vorbei und eine Sekunde später stieß der Koch einen Schrei aus.

Dean rollte sich über seine unverletzte Schulter ab und robbte rasch zur Seite, um freies Blickfeld auf Pete zu haben. Wie er jedoch erwartet hatte, lag der auf dem Boden und umklammerte mit beiden Händen sein rechtes Bein, in das Dean ihm die Kugel gejagt hatte. Ungerührt stand der Agent auf, ging zu dem Verbrecher hin und sicherte erstmals dessen Waffe. Dann nahm er zwei Küchentücher vom Tresen und verband dem fluchenden Koch die Wunde, bevor er ihn erbarmungslos hoch zerrte. „Los jetzt. Ich weiß, dass Sie mit dieser Verletzung noch gehen können. Sobald Sie im Gefängnis sind, wird sich ein Arzt um Sie kümmern."

Dean schleppte den zeternden Mann hinter sich her zu seinem Wagen, legte ihm Handschellen an und schubste ihn auf den Rücksitz, als plötzlich Sam und Aldin angelaufen kamen. Der Schuss hatte sie angelockt und Aldin schrie Dean an. „Was haben Sie mit Pete gemacht, Wilson? Sind Sie völlig verrückt geworden? Pete ist der beste..."

„Er ist ein Verbrecher und hat mindestens zwei Menschen umgebracht. Aber wenn Sie ihn zusammenflicken wollen, dann kommen Sie mit", unterbrach Dean Aldin energisch und wollte gerade einsteigen, als Sam ihn aufhielt. „Dean, was ist passiert? Bist du okay?", fragte er besorgt.

Der Agent lächelte den Größeren liebevoll an. „Mir geht es gut. Kein Grund zur Sorge. Sobald alles erledigt ist, komme ich zurück und erkläre dir alles."

„Ja, gut, aber...."

„Nicht jetzt Sam, bitte", verlangte der Agent und stieg ein. Aldin setzte sich zu Pete und so ließen sie einen verunsicherten Sam zurück.

~*~

„Sag mir, dass das alles nicht wahr ist, Pete", bat Aldin, während er den provisorischen Verband, den Dean angelegt hatte, verbesserte.

Custer war inzwischen klar geworden, dass leugnen zwecklos war, deswegen schnaubte er und entgegnete höhnisch: „Tja, das hättest du nicht von mir gedacht, was? Aber Geld regiert nun mal die Welt."

Aldin war fassungslos. Er konnte diese Antwort kaum glauben und wollte entsetzt wissen: „Aber warum hast du denn nie etwas gesagt? Wir sind alte Freunde. Du hättest von mir Geld haben können."

Pete lachte hysterisch auf. „Du bist und bleibst ein Träumer. Glaubst du ernsthaft, es geht um die paar Kröten, die du mir hättest bieten können? Ich habe in den zwei Jahren bei meinem hübschen Nebengeschäft wesentlich mehr Kohle gemacht, als der ganze Lohn, den ich von dir in 20 Jahren bekommen habe. So sieht es aus."

„Ich kann es kaum glauben." Aldin schüttelte geschockt den Kopf. „Du hast zur Familie gehört, warst einer meiner besten Freunde und hast mich so hintergangen. Mehr noch. Mit deinen Aktionen hast du meine Familie in große Gefahr gebracht und Sam wäre deinetwegen fast erschossen worden. Du widerst mich an." Aldin rückte soweit es möglich war von Pete ab und maß den ehemaligen Freund von oben bis unten mit einem vernichtenden Blick.

Pete lachte nur bösartig. „Jetzt habe ich wohl dein Weltbild auf den Kopf gestellt, was? Ist wohl nicht weit her mit dem Superpsychologen."

Aldin ignorierte ihn und schaute einfach aus dem Seitenfenster. Ihm war bei dem was er gerade gehört hatte übel geworden und er hoffte nur, so schnell wie möglich aus dem Wagen steigen zu können.

Dean hob das Tempo an, denn er konnte sich gut vorstellen, wie der Doc sich fühlte. Außerdem wollte er so schnell wie möglich zurück zu Sam.

Keine 15 Minuten später hielt er vor dem Sheriffsgebäude und schnell war Pete in eine Zelle verfrachtet. Aus Rücksicht auf Aldin bat der Agent den Deputy, einen Arzt zu holen, und während sie auf ihn warteten, klärte er Kimbly kurz auf. Er bat ihn auch, den Haftrichter zu verständigen und dafür zu sorgen, dass Custer in die Hauptstadt verlegt wurde. Dann ging er wieder hinaus zu seinem Wagen, in dem Aldin nach wie vor saß. Er hatte sich inzwischen auf den Beifahrersitz begeben und starrte vor sich hin. Dean begab sich zum Kofferraum und holte einen Flachmann heraus, bevor er einstieg und ihn wortlos dem Doc reichte. Der nahm die kleine Flasche ohne ein Wort zu sagen an und tat einen kräftigen Schluck, dann gab er sie zurück.

„Nach Hause?", wollte Dean wissen. Aldin nickte nur und so fuhr der Agent los. Nach ein paar Kilometern sagte der Doc plötzlich: „Nachdem Sie Ihren Fall jetzt abgeschlossen haben, nehme ich an, dass Sie bald abreisen."

„Habe ich nicht vor", gab Dean knapp zurück.

„Wäre aber besser für alle", war Aldins kurze Antwort.

Dean wusste, was der Doc damit sagen wollte, und entgegnete: „Sie meinen, für Sam wäre es besser."

„Allerdings, denn ich will nicht, dass ihm weh getan wird."

„Hören sie, Doc. Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen. Aber..."

„Nein", unterbrach Aldin den Agenten unwirsch. „Sie verstehen nicht. Sam ist ein sensibler Mensch und Sie können ihm nicht geben was er braucht. Sie mögen ein guter Agent sein, aber im privaten Bereich sind Sie... unterbelichtet, würde meine Tochter wohl sagen. Und auch wenn ich bei Pete beruflich versagt habe, so kann ich Sie sehr wohl einschätzen und Sie sind nicht der Richtige für meinen Sohn."

Kapitel 18 von silverbird

Sam lief nervös vor dem Küchenfenster hin und her. Er konnte immer noch nicht fassen, dass Pete offenbar für all die Verbrechen verantwortlich war, die sich zugetragen hatten. Er kannte den Koch von Kindesbeinen an und er war ihm immer ein guter Freund gewesen. Pete hatte ihm öfter mal Süßigkeiten zugesteckt, was seine Mutter gar nicht gerne gesehen, bei Pete aber toleriert hatte. Der Koch war auch auf jeder Familienfeier der Hensens gewesen und zudem war er auch noch der Taufpate von Tessa. Wie hatte dieser Mann sie alle nur so täuschen können?

Während er sich darüber den Kopf zerbrach, starrte er durch die Scheibe hinaus auf den Hof und beobachtete so, wie Deans Wagen vor dem Haus anhielt. Doch weder Dean noch sein Vater stiegen aus. Ganz offensichtlich diskutierten sie miteinander und Sam konnte sich schon denken, worüber. Verärgert drehte er den Ofen ab. Er hatte keine Lust mehr, das geplante Frühstück für sich und Dean herzurichten.

Stattdessen beschloss er, seinem Vater klipp und klar zu sagen, dass er sich entschieden hatte und zwar für Dean. „Wenn Vater das nicht akzeptieren kann oder will, dann kann ich das auch nicht ändern. Ich liebe Dean und ich will mit ihm zusammen sein", murmelte er entschlossen vor sich hin, verließ die Küche, um hinaus zu gehen und die Diskussionen der Beiden zu beenden.

Als er jedoch durch die Haustür treten wollte, traf er mit seinem Vater zusammen. Sam konnte unschwer erkennen, dass sein Vater ziemlich bedrückt, aber auch verärgert drein schaute.

„Nicht jetzt, Sam", sagte er auch schon, noch bevor der ein Wort an ihn richten konnte. Dann drängte Aldin sich an ihm vorbei und war auch Sekunden später in seinem Arbeitszimmer verschwunden.

Sam starrte noch eine Weile auf die geschlossene Tür, bis er sich umdrehte, um sich zu Dean zu begeben. Als er jedoch auf dessen Wagen zuging, bemerkte er, dass Dean verschwunden war. Sam schlussfolgerte, dass der Agent sein kleines Apartment aufgesucht hatte. Es konnte gut sein, dass er nach dem Streit mit Aldin ebenfalls keine Lust hatte jemanden zu sehen. Aber das war Sam egal. Er musste wissen, wie er nun wirklich mit Dean dran war und genau das würden sie jetzt endgültig klären.

So schnell ihn seine langen Beine trugen eilte er über den Platz und dann die Treppe hinauf. Ohne anzuklopfen öffnete er geräuschlos die Tür und blieb wie angewurzelt stehen, als er sah, dass Dean gerade seine Kleidungstücke in die Reisetasche stopfte. Sams Innerstes krampfte sich zusammen und er sah schwarze Punkte vor seinen Augen. ‚Panikattacke‘, schoss es ihm durch den Kopf und er zwang sich ruhig zu atmen. Als ihm nach einer Minute besser wurde, stieg Wut in ihm auf und er schnauzte Dean an, der ihn bisher noch nicht bemerkt hatte.

„Wie war das? Wir kriegen das schon irgendwie hin? Wie ich jetzt aber sehen kann, war es nie deine Absicht mit mir zusammen zu sein, oder gar zu bleiben. Fall abgeschlossen, Tasche packen und weiter zum nächsten Abenteuer. Mein Vater hatte offensichtlich Recht, aber ich verliebter Idiot wollte ihm nicht glauben." Sam gab einen Laut von sich, der nach Verzweiflung, Wut und einem baldigen Tränenausbruch klang.

Dean hatte sich schon bei den ersten Worten umgedreht und Sams Anschuldigungen bisher schweigend angehört. Doch langsam wurde es ihm zu viel, er verschränkte die Arme vor der Brust und zog seine Stirn in Falten, bevor er sagte: „Du solltest dich mal reden...."

„Ja, ja, ich weiß. Ich höre mich wie ein Jammerlappen an, aber das ist mir jetzt einfach egal. Denn eines will ich dir noch sagen. Du hättest wenigstens den Mut aufbringen können, um mir ins Gesicht zu sagen, dass du eigentlich kein Interesse an mir hast. Selbst wenn du mich angelogen hättest und irgendeinen fadenscheinigen Grund vorgeschoben hättest, wieso du gehst. Stattdessen wolltest du einfach still und heimlich verschwinden. Erbärmlich ist das und..."

Sam blieben weitere Worte im Hals stecken, denn plötzlich wurden seine Hände nach vorne gezogen und gleich darauf rasteten Handschellen um seine Handgelenke ein, woraufhin Dean erklärte: „Sam Hensen, du bist hiermit verhaftet. Du hast das Recht zu schweigen. Du hast aber auch das Recht, mir mit deinem Geplapper auch weiterhin auf die Nerven zu gehen, denn irgendwie steh ich drauf. Du hast das Recht mich offiziell deinen Freund zu nennen und du hast das Recht, mich zu küssen wann und wo immer du willst. Solltest du diese Rechte nicht in Anspruch nehmen wollen, werde ich davon Gebrauch machen. Hast du diese, deine Rechte verstanden, und... und willst du sie?" 

Den letzen Satz sagte Dean nun doch verunsichert und so war auch der Blick, mit dem er Sam anschaute, dessen erschrockener Gesichtsausdruck sich verwandelte, indem er die Stirn in Falten legte.

‚Das ist gar nicht gut', dachte Dean. ‚Vielleicht hätte ich doch nicht gleich so rüde....

Zu weiteren Gedanken kam er nicht, denn Sam hatte ihm plötzlich seine Arme um den Hals gelegt. Dean spürte das Metall in seinem Nacken als Sam ihn näher zog und dann trafen ihre Lippen aufeinander. Dean schlang die Arme um den Rücken seines Freundes und drückte ihn fest an sich. Der Kuss war heftig und so intensiv, dass beide weiche Knie bekamen, während sie sich stöhnend aneinander pressten. Und als sie sich lufthungrig voneinander lösten, keuchten beide erregt. Ein weiterer Kuss folgte und noch ein paar, bis sie endlich voneinander abließen.

„Es tut mir Leid was ich dir da alles an den Kopf geworfen habe. Aber als ich rein gekommen bin und gesehen habe, dass du deine Tasche packst, da... wieso hast du sie eigentlich gepackt?", wollte Sam, nun doch wieder misstrauisch geworden, wissen.

Dean verdrehte die Augen. „Ob du es glaubst oder nicht, ich wollte in den Waschsalon. Vorher hätte ich dich aber abgeholt, um mit dir zusammen Frühstücken zu gehen. Ich verhungere nämlich", ergänzte er und prompt knurrte auch sein Magen.

„Sorry", murmelte Sam beschämt und senkte den Blick.

Dean zog Sam wieder an sich und schaute ihm fest in die Augen. „Du musst dich nicht immer entschuldigen, denn du wirst es nicht einfach mit mir haben. Aber ich verspreche alles zu tun, dass es dir gut geht und du glücklich bist."

Bei diesen Worten fing Sams Herz vor Freude schneller zu schlagen an. „Ich weiß", sagte er dann nur.

„Ich weiß? Mehr nicht? Kein Vortrag? Analyse? Gegenargument? Keine Diskussionen bis zum St. Nimmerleinstag? Schockierend!", bemerkte Dean lachend.

Nun war es Sam der die Augen verdrehte. „Ach halt die Klappe und mach mich von den Handschellen los."

Dean schüttelte grinsend den Kopf. „Nein."

„Wie nein? Das kannst du doch nicht machen?"

„Doch, kann ich. Ich bin der neue Sheriff in der Stadt und somit kann ich verhaften wen ich will."

Sam schaute Dean erst fassungslos an, dann grinste er und hielt Dean die gefesselten Hände hin. „Wenn du willst, dass ich mit dir Essen gehe, dann nimm sie jetzt ab. Kann aber gut sein, dass du sie später brauchst, falls ich mich entschließe, dein Nachtisch zu sein."

Deans Augen wurden riesig, dann fummelte er rasch die Schlüssel aus der Hosentasche und seine Hände zitterten sogar ein wenig, als er die Handschellen aufschloss. „Soo hungrig bin ich gar nicht. Vielleicht könnten wir gleich mit dem Nachtisch anfangen?", fragte er, nachdem er Sam befreit hatte, und wackelte mit den Augenbrauen.

Ende.

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