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Teil 5

(von Silentthunder)

„Mal wieder typisch", schnaufte Spike und brummte in seinen nicht vorhandenen Bart. „Wer auch sonst sollte diesen bescheuerten Gartenzwerg anschleppen, wenn nicht ich?" Er schüttelte den Kopf, stieß wilde Flüche gegen alle aus die er kannte, vor allem aber gegen Angel, der wieder den großen Boss spielte und fein in der Hütte des Gartenzwergobermotzes geblieben war. „Und dabei hab ich das Mistding schon die ganze Zeit geschleppt!", knurrte er, stieß mit der Schulter die Tür der niedrigen Hütte auf und stolperte mehr oder weniger in den Wohnraum. „Hier ist er", brummte er und ließ Elzachiel einfach zu Boden rutschen. „Wusste gar nicht, dass Zwerge so schwer sind", schnaufte er, wischte sich den imaginären Schweiß von der Stirn und griff gleich wieder nach einer Schnapsflasche.

„Bei Merlins Bart, er sieht furchtbar aus", meinte Lucia, die Frau von Zecail, und hielt sich bestürzt die Hand vor den Mund. „Furchtbar, furchtbar, furchtbar."

Doch ihr Mann, seines Zeichens Clanchef und Onkel des Versteinerten, schob sie brüsk zur Seite und beugte sich über seinen Neffen. „So habt ihr ihn gefunden?", fragte er und schüttelte den Kopf. „Ein übler Fluch, ein wirklich übler Fluch!"

„Es wird nicht mehr lange dauern, dann wacht er auf", sagte Angel und rutschte auf dem kleinen Stühlchen hin und her. So ganz geheuer war es ihm nicht, auf so einem wackeligen Teil zu sitzen. Vor allen Dingen war das morsche Etwas aus Holz und jeder wusste, dass Vampire und lange Holzsplitter nicht wirklich zusammenpassten.

„Er hat ein paar Schwierigkeiten", meinte Spike, griff nach einer neuen Schnapsflasche und zeigte damit auf Elzachiel. „Ich glaube, so langsam taut er gar nicht mehr richtig auf." Er öffnete die Flasche und verzog das Gesicht. Diese kleinen Fläschchen waren einfach viel zu klein und er fragte sich, ob Lucia genug Vorrat davon hatte, um ihn lange genug damit zu versorgen. Er warf einen Blick auf Angel, grinste schief, als dieser ihn kopfschüttelnd ansah und trank die nächste Flasche Schnaps leer.

Gar nicht mal so übel das Zeugs', dachte er und setzte sich im Schneidersitz auf die Erde. Erstens passte es so sowieso besser und zweitens lief er nicht Gefahr, besoffen vom Hocker zu fallen.

„Was hat er euch erzählt?", fragte Zecail Angel. Bisher hatte er seinen Neffen ausführlich untersucht und begutachtet, doch jetzt musste er so langsam auf den Kern der Sache kommen. Er hatte nicht gerne Besuch, vor allem keine Nichtzwerge und war froh, wenn er die beiden Vampire so schnell als möglich wieder loswerden konnte. Außerdem ging sie die Sache gar nichts an. Elzachiel war ein Zwerg und jetzt war er wieder in seiner Welt!

„Nun ja", überlegte der dunkelhaarige Vampir. „Wirklich viel Zeit hatten wir ja nicht gerade", meinte er dann. Er wollte den armen Elzachiel nicht in noch größere Schwierigkeiten bringen und überlegte sich die Worte gut, bevor er weitersprach. „Soweit er uns erzählt hat, hatte er wohl ein Auge auf eine junge Frau geworfen und das hat diesem ... wie hieß er noch?", wandte er sich an Spike.

„Irgendein Beningus. Der Obermufti da. Ich weiß den Namen nicht mehr", Spike zuckte mit den Schultern, kramte in der Obstschüssel, die Lucia auf den Tisch gestellt hatte und schnappte sich einen knackigen Apfel. „Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Elzachiel die Lage richtig einschätzt", meinte er dann und biss in die Frucht.

„Und was bringt dich zu dieser Annahme?", erkundigte sie Zecail lauernd. Bisher hatte er hauptsächlich auf Angel geachtet, aber der blonde Vampir schien bedeutend mehr zu wissen und so wandte er sich um und sah ihn abwartend um.

„Ach", meinte Spike und zuckte mit den Schultern. „Irgendwo logisch, oder? Ich meine, ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Zauberer, so klein und wichtigtuerisch er auch ist, durchdreht, bloß weil irgendein Mann sich in seine Tochter verguckt. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann haben die Beiden nicht mal ein Wort miteinander gewechselt." Er verdrehte die Augen. „Meiner Meinung nach ist euer Elzachiel ein bisschen übergeschnappt", meinte er und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. „Liegt wohl daran, dass er seit fünfundachtzig Jahren ein Steinhaufen ist."

„Was genau hat das ganze Gerede eigentlich zu bedeuten?" schnaufte Zecail, von Spikes Übermut in Rage gebracht. Vampir hin oder her, der Kerl sollte sich gefälligst benehmen, wenn er in seinem Haus zu Gast war. Hatte er denn beim letzten Mal seine Lektion nicht gelernt. Zecail juckte es in den Fingern, doch noch hielt er sich zurück. „Erklär mir, was du meinst."

„Ich denke, Spike will einfach...", versuchte Angel den Jüngeren zu retten, doch der Clanchef der Aeolus brachte ihn mit einem bösen Blick zum Schweigen.

„Ich will das von ihm hören!", donnerte er und Angel blieb nichts anderes übrig als Spike anzusehen und sachte mit dem Kopf zu schütteln.

Natürlich bemerkte Spike Angels Veränderung, doch wie eigentlich immer ignorierte er sie. „Meine Güte, so schwer ist das doch nicht zu verstehen", schnaufte er dann und legte das Kerngehäuse des Apfels auf einen Teller. „Okay", meinte er dann und rollte die Augen. „Du bist auch ein Clanchef. Wie reagierst du, wenn einer deiner Männer einen Blick auf eine clanfremde Zwergin wirft? Drehst du dann gleich vollkommen durch und verwandelst ihn in Stein?" Er schüttelte den Kopf. „So aufbrausend ihr Gartenzwerge auch seid, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Du stellst ihn vielleicht zur Rede, machst ihn zur Schnecke, hängst ihm aber keinen lebenslangen Fluch auf den Hals, oder?"

„Natürlich nicht", schnaufte Zecail und verjagte seine Frau, die es gewagt hatte, sein Blickfeld zu kreuzen. „Weg, Frau", schnaufte er und schob sie unsanft zur Seite. „Es passiert öfter, dass Männer sich in die falschen Frauen verlieben", sagte er dann zu Spike und sein Bart wackelte vor Wut. „Das ist noch lange kein Grund..."

„Eben", unterbrach Spike ihn einfach. „Genau das meine ich ja. Ich glaube eher, dass dein Elzachiel aus dem Weg geräumt werden sollte."

Zecail vergaß seine Wut und riss die Augen auf. „Warum sollte Eliseus Beningus...", dann stockte er und sah Angel an. „Bist du auch der Meinung?"

„Nun ja", murmelte Angel und zuckte mit den Schultern. „So ganz abwegig ist der Gedanke nicht", meinte er dann. „Spike hat schon Recht. Selbst unter verfeindeten Clans ist es eher unüblich, gleich so in die Vollen zu gehen. Und wenn man bedenkt, dass Elzachiel nicht ein einziges Wort mit dieser... Dulcia gesprochen hat."

„Er wollte Elzachiel loswerden, weil er genau wusste, wie stark und mächtig er sein würde, wenn er einmal erwachsen war", sagte Lucia jetzt aus der hintersten Ecke des Raums. Sie reckte das Kinn und sah ihren Mann finster an. Diesmal würde sie ihre Meinung sagen und sich nicht vertreiben lassen. „Du weißt, dass damals schon Gerüchte gestreut wurden, dass Elzachiel einmal dein Nachfolger werden sollte. Deswegen wollte Eliseus Beningus ihn loswerden."

„Das weiß ich selbst, Weib", schimpfte Zecail, doch dann seufzte er und seine Schultern sackten herab. Er setzte sich an die Tisch, ordnete Besteck und Teller neu und seufzte wieder. „Das bringt uns auch nicht weiter. Ich kann den Fluch nicht zurücknehmen. Das muss Eliseus machen und freiwillig wird er das niemals tun."

Angel und Spike verständigten sich mit kurzen Blicken. Beide wussten nicht wie sie helfen sollten und so verhielten sich ruhig. Spike war außerdem viel zu sehr damit beschäftigt, die Alkoholvorräte des Clans zu dezimieren und er kümmerte sich wenig um die giftigen Blicke seines Sires. Sicher, er bekam Ärger, aber den bekam er eigentlich immer. Manchmal wunderte er sich, dass sie es überhaupt schaffte zusammenzuleben, so verschieden wie sie waren.

„Soll ich Orlab holen?", fragte nun Lucia leise. Sie hatte sich zurück ins Licht gewagt und legte jetzt behutsam eine Hand auf die Schulter ihres Mannes. „Er wird sicher wissen wollen, was mit seinem Sohn geschehen ist."

„Ja, nein... ich weiß nicht", sagte Zecail, der gebrochen und klein wirkte. „Vielleicht ist es besser, wenn ich erst einmal mit Elzachiel rede."

„Aber ich würde meinen Vater gerne sehen", meinte Elzachiel leise. Niemand hatte mehr auf ihn geachtet und so war er unbemerkt aufgetaut. Mühsam und schleppend lief er die wenigen Schritte bis zum Tisch und Tränen rannen über sein graues Gesicht. „Onkel... es tut so gut dich zu sehen."

Als schließlich auch Lucia und Zecail die Tränen in den Augen standen, stand Angel auf, schnappte nach Spikes Schulter und zog ihn hoch. „Lass uns rausgehen", forderte er ihn auf, denn er fühlte sich Fehl am Platz. „Das ist eine reine Familienahngelegenheit und die geht uns nichts an."

                                                             *~*~*

Sie verließen die Hütte und setzten sich draußen auf einen umgekippten Baumstamm. Angel nahm Spike die mitgenommene Flasche Kumquatschnaps ab und stellte sie außer Reichweite. „Musst du eigentlich alles was du machst übertreiben", knurrte er und schüttelte den Kopf. „Warum musst du überall ein Chaos verbreiten?"

„Musst du über alles meckern, was ich mache?", entgegnete Spike mit einer Gegenfrage.

„Vergiss es", knurrte Angel. „Ich will mich nicht schon wieder mit dir streiten." Er schüttelte den Kopf und seufzte. „Vielleicht ist es Zeit für uns zu gehen. Ich denke, Zecail ist froh, wenn er uns wieder los ist. Besonders willkommen fühlt man sich hier nicht gerade." Er hatte die Wut des alten Clanchefs deutlich gespürt und schon Angst bekommen, Spike wieder als Eichhörnchen in der Hand zu halten. „Vielleicht sollten wir verschwinden, bevor er uns wieder als Feinde betrachtet und seinen Zorn an uns auslässt. Ich habe keine Lust, wieder auf vier Pfoten durch die Landschaft zu hüpfen."

„Das liegt daran, dass du nicht einen Schluck von dem Schnaps getrunken hast", grinste Spike frech. Dann winkte er ab. Das Thema Hörnchen hatten sie durch. „Wir können noch nicht gehen. Weißt du noch, was du mir vor gar nicht langer Zeit gesagt hast? Wir helfen den Hilflosen. Und sogar dieser Griesgram von Zecail gehört jetzt dazu. Er kann seinen Neffen nicht zurückverwandeln und braucht unsere Hilfe. Denke ich zumindest." Er kratzte sich am Kopf. „Erinnerst du dich, was Elzachiel von dem Schatz seines Vaters erzählt hat? Ein simpler Haufen Federn. Vielleicht ist es gar nicht so schwer, diesen Eliseus Beningus zu bestechen. Wir hüpfen in L.A. eben kurz über die Mauer des Zoos und reißen jedem Vogel da eine Schwanzfeder aus."

„Ganz so einfach soll es dann doch wohl nicht werden", seufzte Angel und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wir haben ja einiges anzubieten", meinte der jüngere Vampir und versuchte die Flasche Schnaps zu angeln.

„Lass das", fluchte Angel und schlug seine Hand weg. „Du hattest mehr als genug davon."

„Das ist nur deine Meinung", maulte Spike und verdrehte die Augen. Dann blickte er stur geradeaus und seufzte. „Das du immer so verbissen und stur bist. Verdammt, du hast doch keinen Stock im Arsch! Warum..."

„Halt die Klappe, Spike", drohte der dunkelhaarige und seiner Kehle entrang ein dunkles Grollen.

„Ja, ja. Spike hält die Klappe. So wie immer!" Er stand auf, wanderte ein paar Schritte und blieb dann stehen. Angel sah die ganze Welt einfach viel zu verbissen. Spaß war ein Wort das er kaum noch kannte und das ging ihm gewaltig auf den Sender.

„Was willst du ihm anbieten?", riss Angel ihn aus seinen Gedanken.

Spike wandte sich um und sah ihn verständnislos an. „Hä?"

„Du hast doch eben gesagt, wir hätten einiges anzubieten", seufzte er. „Das hast du erst vor ein paar Minuten gesagt, dass kannst du doch nicht schon wieder vergessen haben."

„Natürlich nicht", schnaubte der blonde Vampir beleidigt. „Ganz so dämlich, wie du offenbar glaubst, bin ich dann doch nicht." Er war sauer und musste jetzt Dampf ablassen, doch Angel kannte ihn einfach zu gut. Er blieb ruhig und gelassen und sah ihn einfach nur abwartend an.

„Na gut", schnaufte Spike. „Noch mal zurück zu den Federn. Vielleicht ist das hier in dieser Welt Sitte, etwas... nun sagen wir mal, vollkommen Belangloses für wichtig zu erachten. Keine Ahnung, möglicherweise steht Eliseus Beningus ja auf Kronkorken, oder Bierdeckel oder was weiß ich was!"

„Ich verstehe", nickte Angel, der den Vorschlag gar nicht für so schlecht erachtete. „Wir sollten mit Zecail darüber reden", meinte er genau in dem Augenblick, als die Tür aufging und ein, wie es schien, um hundert Jahre gealterter Zwergenclanchef vor die Tür trat.

„Orlab ist jetzt bei ihm", seufzte er und setzte sich zu Angel auf den Baustamm. Und dann tat er etwas, das er nie zuvor gewagt hatte. Er gab zu, dass er nicht weiterwusste. Mit einem lauten Seufzen wandte er sich an den dunkelhaarigen Vampir. „Wenn ihr irgendeine Idee habt, wie ihr meinem Neffen helfen könnt... ich bin für jeden Vorschlag offen."