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Kapitel 7

(von Silentthunder)

Die Zeit verstrich, Wolken zogen langsam am Himmel vorbei und bildeten bizarre Schattenmuster auf dem sandigen Boden. Doch für solche Belanglosigkeiten hatte der einsame Zuschauer keine Zeit. Seit Stunden hockte das Angelhörnchen im dem hohlen Astloch des Baumes, der als Treffpunkt abgemacht worden war, und wartete. Bisher allerdings vergebens. Bei jedem noch so winzigen Laut richtete er seine Öhrchen auf und die Haare um seine Nase zitterten aufgeregt. Doch das, auf was das Streifenhörnchen so sehnlichst wartete, geschah nicht.

„Verdammt, Spike! Wo bist du?", fluchte Angel und lehnte sich in dem Loch soweit vor, dass nur Millimeter fehlten, um ihn zum Absturz zu bringen.

Der verabredete Zeitpunkt war längst verstrichen und Angel machte eine Menge Emotionen durch. An erster Stelle stand die Wut: Konnte Spike sich denn nicht wenigstens einmal zusammenreißen und einfach das tun, was von ihm erwartet wurde? Musste er denn immer gegen den Strom schwimmen, obwohl es mit dem Strom doch soviel einfacher war? Warum war er immer unzuverlässig? Warum klappte nichts so, wie es sollte?

An zweiter Stelle Angels Emotionsliste stand die Sorge: Wo war Spike? Was war mit ihm geschehen? Hatte Zecail die Wahrheit gesagt und Tiere nahmen in der Welt der Zwerge einen besonderen Stellenwert ein? Oder war das nur eine faustdicke Lüge gewesen und der listige Zwerg hatte das nur gesagt, um sie in einer trügerischen Sicherheit zu wiegen?

An dritter, vielleicht wichtigster Stelle stand die Liebe, und daraus folgend die innere Unruhe, die mit jeder verstreichenden Sekunde schlimmer wurde und ihn in ein Nervenbündel verwandelte. Angel gab es nicht gerne zu, aber Spike hatte sein Leben um so viele Nuancen bunter, farbenfroher und auch einfacher gemacht. Der blonde Vampir, sooft er ihn auch zur Weißglut trieb, schaffte es immer wieder, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Lange Zeit hatte genau so ein Ausgleich gefehlt, denn alle, die mit ihm zusammenarbeiteten schienen immer Übermenschliches zu erwarten. Das auch einem Vampir Grenzen gesetzt waren, wurde gerne übersehen.

„Spike!", schimpfte Angel, als wieder Wut in ihm aufflammte. „Wo bist du?"

Lange konnte er auf seinem Platz nicht mehr ausharren. Die Schatten würden immer kürzer und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Sonne den Horizont durchbrach und diese verwunschene Welt in ein warmes, rotgoldenes Licht tauchte.

Ein paar Minuten später war Angel endgültig des Wartens müde und er krabbelte behände den rauen Baumstamm herab. Es half nichts und er war sich mittlerweile sicher, dass Spike keinen dummen Scherz machte, sondern wirklich nicht kommen konnte. Irgendwas hielt ihn auf und es war seine Aufgabe, herauszufinden wer oder was das war. Lautlos hoppelte er durch das Gras und kletterte am Brunnen hinauf, den er sich als Aussichtspunkt ausgewählt hatte. Doch was nun?

Es gab tausende von Möglichkeiten und Spike konnte überall stecken. Doch wenn Angel ihn richtig einschätzte, dann hatte der blonde Vampir wie immer den kürzesten Weg gewählt und sich gleich an die Fersen eines Mitglieds der Beningus- Sippe gehängt. Möglicherweise sogar an Eliseus selbst. Doch was war dann geschehen?

Hatte der Clanchef der Beningus ihn durchschaut? Als Spion enttarnt? Und wenn dem so war, was hatte er mit Spike gemacht? Ein flaues Gefühl breitete sich in Angels Magen aus und er mochte gar nicht genauer darüber nachdenken. Nur eins stand für ihn fest. Hatte Eliseus es gewagt, seinem Childe auch nur ein Härchen zu krümmen, dann war Schluss mit lustig und er würde diese verdammte Zwergenwelt in Schutt und Asche legen!

                                                       *~*~*

Angel richtete sich zu voller Größe auf und hielt schnuppernd sein feines Näschen in die Luft. Doch eine wirkliche Spur konnte er nicht aufnehmen. Also blieb ihm nur, sich auf seine anderen Sinne zu verlassen. Doch auch das Gehör teilte ihm nichts Außergewöhnliches mit. Im Dorf der Zwerge schlief noch alles tief und fest und dementsprechend war außer Schnarchen nicht viel zu vernehmen.

„Dann eben die Augen", murrte er unzufrieden und sah sich wieder um. Eine Menge Hütten standen kreisförmig um den Dorfplatz herum in der Dunkelheit, doch nur eine dieser Hütten stach durch ihre Größe und seltsame Dekoration besonders hervor und er wusste nun, wo er zu suchen hatte.

So schnell seine kleinen Beinchen ihn trugen, rannte er den kurzen Weg über den Dorfplatz und suchte nach einem schmalen Spalt oder Loch, das ihm einen Eingang ins Innere der Hütte bieten konnte. Mit aller Gewalt zwängte er sich schließlich durch ein hühnereigroßes Astloch und purzelte unter großen Schmerzen ins Zwergenhaus. Einen Moment blieb er atemlos liegen, verfluchte sein Leben und richtete sich dann unter Qualen wieder auf.

Er war viel zu klein. Außer Schränken, Stuhl- und Tischbeinen konnte er kaum etwas ausmachen und wieder sah er sich hektisch um. Er brauchte dringend einen hoch gelegenen Platz um die Lage besser zu sondieren zu können. Außerdem lief ihm langsam die Zeit weg. Bis zum Morgengrauen würde es nicht mehr lange dauern und dann würde das Leben im Dorf unweigerlich langsam erwachen.

Lautlos huschte Angel durch den Raum und kletterte auf den höchsten Schrank, den er finden konnte. Oben angekommen drückte er sich flach auf das Holz und robbte zum Rand. Eine Feuerstelle fiel ihm als erstes ins Auge, dann vier große Alkoven, in denen Betten standen, die alle besetzt zu sein schienen und schließlich entdeckte er jede Menge Hausrat, Töpfe, Pfannen und sonstigen Krempel. Doch von Spike war nichts zu sehen.

Dann endlich, als er schon hatte aufgeben wollen, erblickte er im hintersten Winkel einen kleinen Käfig, der auf einer massiven Kommode stand. Sein Herz machte einen Hüpfer und er wusste sofort, dass seine Suche ein Ende gefunden hatte.

Nur wenige Augenblicke später hatte er den Käfig erreicht und er sah das Spikehörnchen, das zusammengerollt friedlich auf einem kleinen Haufen Heu schlief. ‚Typisch Spike', dachte Angel erleichtert. ‚Ich mache mir Sorgen und er pennt!'

„Hey", raunte er leise, schob seine Pfote durch die Gitterstäbe und erwischte das Spikehörnchen am Schulterblatt. „Aufwachen!"

„Nur noch fünf Minuten", murmelte Spike verschlafen, dann war er plötzlich hellwach. „Kommst du auch noch mal", schimpfte er auch gleich los. „Ich dachte schon, ich müsste hier verrotten."

„Sei still! Oder willst du das ganze Haus aufwecken", fauchte Angel und warf ihm einen bösen Blick zu.

Doch Spike lachte nur. „Solche Blicke bringen nichts, wenn man herzerweichende Knopfaugen hat." Dann hüpfte er zu der Käfigtür und rüttelte mit den Pfoten dran herum. „Ich komme hier nicht raus", brummte er und zeigte auf einen Holzzapfen, der durch einen Ring geschoben die Tür verschloss. „Ich hab schon versucht das Holz durchzubeißen, komme aber wegen der verfluchten Käfigstäbe nicht richtig ran."

„Ich mach das schon", nickte Angel, legte seine kleinen Pfoten auf den Zapfen und versuchte ihn hochzuschieben. Als das nicht gelang sprang er auf den Käfig und versuchte es mit Ziehen. „Das wird nichts", raunte er Spike zu, dann schlug er sich mit der Pfote vor den pelzigen Kopf und schüttelte selbigen. „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Du bist echt unmöglich", schimpfte er das Eichhörnchen aus, das direkt unter ihm stand. „Ich versuche dich zu retten und du hast nichts Besseres zu tun, als mich anzugeiern?"

„Ein solcher Anblick bietet sich mir nicht jeden Tag", grinste Spike und zeigte seine spitzen Zähnchen. Doch dann wurde er wieder ernst. „Was machen wir jetzt? Ich habe nicht die geringste Lust als Haustierchen für eine durchgeknallte Zwergensippe zu enden."

„Ich werde versuchen das Holzstöckchen durchzunagen", flüsterte Angel und hüpfte vom Käfig herunter, zurück auf die Kommode. „Wahrscheinlich wird es Lärm machen, aber uns bleibt keine andere Wahl. Vielleicht haben wir auch Glück und die Zwerge schlafen einfach weiter." Er nickte dem Eichhörnchen zu und machte sich ans Werk.

                                                        *~*~*

Es dauerte nicht lange und beide standen nebeneinander vor dem hühnereigroßen Astloch in der Hüttentür.

„Und da bist du durchgekommen?" fragte Spike und feixte belustigt herum. „Ich hätte im Leben nicht erwartet, dass das passt." Er grinste seinen pelzigen Sire hinterhältig an und zwängte sich schnell durch das Loch, bevor Angel überhaupt reagieren konnte.

Wenige Augenblicke später kugelte er sich vor Lachen. „Rein ging, raus nicht mehr", kicherte er und sah hinauf zu Angel, der mitten in der Tür feststeckte.

„Halt die Klappe und hilf mir lieber", schnaufte das Streifenhörnchen wütend und stemmte seine kleinen Pfoten gegen die Tür. Warum er nicht mehr durch das Loch passte, wusste er leider zu genau. Schon auf dem Hinweg hatte er sich üble Quetschungen zugezogen und nun war das Gewebe angeschwollen und somit dicker. Und es tat noch bedeutend mehr weh als beim ersten Mal. „Jetzt reiß dich zusammen", zischte er dem noch immer lachenden Eichhörnchen zu. „Hilf mir!"

„Ja, ja", murmelte Spike, noch immer grinsend. Seine Pfoten umfassten Angels und er stemmte seine Hinterbeine gegen die Tür. „Achtung, ich ziehe jetzt!"

Mehrere ruckhafte, für Angel sehr schmerzliche Bewegungen später war er frei und fiel mit einem dumpfen Klatschen auf die Erde. „Oh, verdammt", stöhnte er. Er hatte sich sicherlich eine, wenn nicht gar mehrere Rippen gebrochen und der Schmerz war mörderisch. Nur langsam und zudem noch schwankend kam er auf die Pfoten.

„Alles okay?", fragte Spike besorgt. Bei Angels jämmerlichem Anblick war jeder Anflug von Humor verschwunden und er legte dem Älteren fürsorglich die Pfote auf die Schulter. „Hey. Alles okay?"

„Geht schon", brummte Angel und stöhnte leise. „Lass uns von hier verschwinden." Er humpelte ein paar Schritte und blieb wieder stehen. „Und das alles wegen lausiger Schuhe!"

„Du weißt es also schon?", fragte Spike mit besorgtem Geschichtsausdruck. Wie immer war sein Sire tapfer und würde nichts sagen, doch es war offensichtlich, dass seine Verletzungen schwerer waren, als zunächst vermutet.

„Allerdings", schnaufte Angel und lief wieder ein paar Schritte. „Ich war kaum hier, da wusste ich schon von der seltsamen Sammelleidenschaft des Clanchefs." Er holte tief Luft und verzog das Gesicht, als seine Rippen dabei knacksten. „Und jetzt los. Auf zu Zecail, damit wir den Mist hier so schnell als möglich hinter uns haben!"

„Das kannst du vergessen", brummte Spike, die warnenden Blicke seines Sires ignorierend. Er hatte das Krachen in Angels Brustkorb ebenfalls gehört und ihm war klar, dass sie eine Pause einlegen mussten. Trotzig hob er den Kopf. „Wir werden uns jetzt in dem Loch im Baum verstecken und uns eine Runde ausruhen. Und du brauchst mir gar nicht erst widersprechen", bremste er Angel aus, der sich umgewandt hatte und ihn finster ansah. „Du bist nicht in der Position um zu verhandeln."

Nur widerwillig gab Angel nach und nickte müde. „Einverstanden. Auf ein paar Stunden kommt es nicht mehr an."

Nur wenige Minuten später bettete das Eichhörnchen seinen Sire so, dass dieser einigermaßen schmerzfrei liegen konnte und kraulte behutsam dessen Kopf. „Also, was machen wir jetzt? Wesley kontaktieren, der uns einen Haufen linker Schuhe besorgen soll?"

„So ähnlich", murmelte Angel und kuschelte sich schachmatt an Spikes Bauch. „Allerdings hatte ich vor Cordelia zu schicken. Sie soll ein paar dieser mordsteuren High-heels kaufen. Ich denke, damit können wir Eliseus ködern." Er gähnte herzhaft und zuckte zusammen, als der Schmerz wieder durch seinen kleinen Körper schoss. „Ich denke, das bietet uns eine gute Verhandlungsbasis."

„Schick lieber Wesley", grinste Spike. „Bei Cordy besteht die Gefahr, dass sie damit über alle Berge verschwindet." Er lachte leise. „Obwohl unser Ex-Wächter sich bestimmt wahnsinnig über einen solchen Auftrag freuen wird. Wes und Frauenschuhe... zwei Welten treffen aufeinander."

Doch dann bemerkte Spike, dass Angels Muskelspannung langsam nachließ und so zog er ihn näher an sich heran, umschlang ihn mit den Pfoten und deckte ihn mit seinem buschigen Schwanz zu. „Schlaf schön mein Held", murmelte er und drückte seinem pelzigen Sire einen Kuss auf die Stirn. „Und träum was Nettes, vorzugsweise von mir."