File 1: stories/15/488.txt
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Kommentar des Autors zum Kapitel:

Das Kursiv geschriebene ist die "Gegenwart". Normalschrift sind die Rückblenden.

Storypic; von Velence

  „Was machst du da?"

Ich schreibe."

Nein, tatsächlich?! Meine Augen mögen vielleicht nicht mehr ganz so scharf sein, wie früher, aber ich bin nicht blind, Potter."

Harry musste unwillkürlich grinsen. Nach all den Jahren waren sie noch immer der Gewohnheit treu geblieben, sich mit ihren Nachnamen anzusprechen, wenn sie sich in den Haaren hatten. „Du würdest mit Sicherheit wesentlich besser sehen, wenn du nicht zu eitel wärst, auch mal deine Brille aufzusetzen, Malfoy."

Meine Augen sind ganz in Ordnung", schnappte der Blonde. „Also, was schreibst du da?"

Ich schreibe unsere Geschichte auf."

Wozu soll das gut sein?"

Damit wir uns daran erinnern, wenn wir mal richtig alt und senil sein sollten."

Malfoys werden nicht senil." Stolz reckte Draco das Kinn. „Wir sehen nicht nur bis ins hohe Alter blendend aus, wir haben auch bis zum Schluss einen messerscharfen Verstand."

Gut, dann halt: Wenn ich senil werde. Besser? Lass uns nicht streiten, love, ich habe gerade erst angefangen und noch eine Menge Jahre vor mir."

XXXXXX

 

I. For the very first time

This life this love oh what sweetness I feel

So mysterios yet so incredible real

It`s an uncharted sea it`s an unopen door

But ya got to reach and ya gotta explore

 

(Robin Beck, The first time)

 

Mist, wo hatte er es nur verloren?

Die Augen auf das Gras zu seinen Füßen gerichtet, trottete Harry langsam über das Quidditch-Feld. Die Sonne war dabei hinter den Hügeln zu versinken und in wenigen Minuten würde das Feld in völlige Dunkelheit gehüllt sein. Er sollte sich also lieber beeilen.

Es war Hermine sicher nicht leicht gefallen, ihm die Kette mit dem kleinen, silbernen Glücksschweinchen zu leihen, die sie von ihren Eltern zu den bestandenen ZAGs geschenkt bekommen hatte. Aber heute hatte das alles entscheidende Qudditch-Spiel der Gryffindors gegen ihre Erzrivalen aus Slytherin stattgefunden und sogar Hermine, die dem Sport sonst eher kritisch gegenüber stand, war von dem allgemeinen Fieber gepackt worden. Die Wetten standen so gut wie noch nie, alle waren hoch motiviert. Niemand wollte ein Risiko eingehen und so hatte Harrys Freundin ihm den Glücksbringer für das Spiel überlassen. Zwei Jahre hinter einander hatten die Gryffindors schon den Cup geholt und sie hatten vor, es auch ein drittes Mal zu tun und das Tripple perfekt zu machen.

Allerdings hatte es während des Spiels lange Zeit nicht danach ausgesehen. Die Slytherins spielten aggressiv wie immer und obwohl die Gryffindors auf ihre Taktik eingestellt waren, hatten sie der rohen Gewalt der Grüngewandeten oftmals kaum etwas dagegen zu setzen.

Schon nach einer halben Stunde führten die Slytherins mit sechzig zu zehn Punkten. Fred Weasley, der für die Gryffindors als Treiber spielte, musste wegen einer ausgekugelten Schulter vom Feld und Ron, der als Hüter mehrere brutale Attacken abblockte, blutete stark aus einer Platzwunde über dem rechten Auge.

Alles hing mal wieder von Harry ab. Nur wenn er den Schnatz fangen würde, konnte dieses Spiel noch gewonnen werden, doch Malfoy hing ihm wie eine Klette am Besen und die Slytherin Treiber hielten ihn mit ihren Attacken so stark in Atem, dass er Mühe hatte, noch auf dem Besen sitzen zu bleiben. An den Schnatz war kaum noch zu denken.

Es war wohl mehr als nur ein glücklicher Zufall, als die kleine goldene Kugel unmittelbar an seinem Ohr vorbei sauste. Im Bruchteil einer Sekunde riss Harry seinen Besen herum und jagte dem geflügelten Ball hinterher. Malfoy immer dicht an seinen Fersen.

Die Gryffindors würden später sagen, es sei Genialität gewesen, seine Freunde würden es seiner Waghalsigkeit zu schreiben, doch Harry würde es pures Glück nennen, als er es letztendlich schaffte, wie ein Faultier kopfüber am Besen hängend den Schnatz tatsächlich vor dem blonden Slytherin zu erwischen. Die Menge tobte und die Gryffindors trugen ihren Helden auf den Schultern in die Kabine.

Erst als der erste Freudentaumel vorbei war, merkte Harry plötzlich, dass die Kette fort war. Direkt nachdem er sich geduscht und umgezogen hatte, verabschiedete er sich unter einem Vorwand von seinen Teamkameraden, die in den Gemeinschaftsraum wanderten, um dort mit den restlichen Gryffindors ihren Sieg zu feiern und ging hinaus auf das jetzt menschenleere Quidditch-Feld, um nach der Kette zu suchen.

Stirnrunzelnd versuchte sich Harry daran zu erinnern, wo er überall entlang geflogen war, doch er musste sich eingestehen, dass er so sehr auf das Spiel konzentriert gewesen war, dass es keinen Sinn ergab, darüber nachzugrübeln. Nachdem er jeden Zentimeter des Rasens untersucht hatte, begab er sich schließlich in den Graben vor den Zuschauerrängen.

Die Sonne war fast vollständig untergegangen und hier unten herrschte ein diffuses Zwielicht, das Harry mit dem Leuchten seines Zauberstabs aufzuhellen versuchte. Trotzdem reichte seine Sicht kaum zwei Meter weit. Gerade meinte er, einige Meter entfernt etwas glitzern gesehen zu haben, doch als er näher heran trat, handelte es sich nur um die Scherbe einer Butterbierflasche.

Harry merkte die Enttäuschung in sich aufsteigen, als er plötzlich eine bekannte Stimme hinter sich hörte. „Potter."

Der Gryffindor fuhr herum. Malfoy stand einige Meter entfernt. Er trug seinen grünen Quidditch-Dress und scheinbar war er noch nicht unter der Dusche gewesen. Die blonden, sonst so sorgsam gekämmten Haare fielen ihm in wirren Strähnen ins Gesicht.

Das Licht reichte nicht aus, um das Gesicht des Slytherin zu sehen und obwohl Harry Malfoys Zauberstab nicht sehen konnte, blieb er wachsam. „Was willst du, Malfoy?"

„Dir gratulieren, natürlich", sagte der Blonde neutral und kam einige Schritte näher. Reflexartig hob Harry seinen Zauberstab ein paar Zentimeter höher und der Lichtschein erleuchtete jetzt matt das helle Oval unter den weißblonden Haaren. Die linke Wange hatte sich dunkelblau verfärbt, dort wo einer der Klatscher der Weasley Zwillinge Draco getroffen hatte. Seine Mundwinkel kräuselten sich in der schmerzhaften Andeutung eines Lächelns.

„Gratulieren?" fragte Harry skeptisch. Keinen Augenblick löste er den Blick von dem Blonden. „Das wäre jetzt wirklich mal etwas Neues."

„Wieso? Es war ein gutes Spiel. Dein Manöver am Ende war ... einzigartig."

Harry glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Irritiert musterte er den Slytherin, dessen silberne Augen Harrys Blick belustigt erwiderten. Ein Kompliment aus Malfoys Mund konnte nur eine Falle sein. Noch nie hatte er in den letzten fünf Jahren auch nur ein freundliches Wort für den dunkelhaarigen Gryffindor oder seine Freunde übrig gehabt.

„Danke", erwiderte Harry nach einer Weile zögernd. Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. „Ihr wart aber auch harte Gegner. Das Ende war wirklich ... knapp."

Einen Moment standen sie sich schweigend gegenüber, dann räusperte sich der Dunkelhaarige unbehaglich und wandte sich ab. „Also wenn das alles war, ich müsste dann mal weiter suchen."

„Bist du unter die Müllgräber gegangen oder suchst du was bestimmtes?" fragte der Blonde und hob dabei die hellen Augenbrauen.

„Nein, ich..." Harry war sich nicht sicher, ob er Malfoy erklären wollte, dass Hermine ihm ihren Glücksbringer geliehen hatte. Abgesehen davon, dass der Slytherin seine Freundin hasste wie die Pest, würde er solche Muggelbräuche vermutlich sowieso nicht verstehen. Also entschied er sich für die halbe Wahrheit. „Ich habe eine Kette verloren. War ein Geschenk. Wäre schade, wenn sie weg wäre."

„Ich könnte dir suchen helfen", bot sich Malfoy an.

„Warum solltest du das tun wollen?" fragte der Gryffindor irritiert.

„Sagen wir mal, ich habe es nicht so eilig, zurück ins Schloss zu kommen. Ist ja nicht so, als ob eine Siegesfeier auf mich warten würde."

Harry ließ sich die Sache kurz durch den Kopf gehen und zuckte dann gleichgültig die Schulter. „Von mir aus."

Schweigend suchten sie den Boden des Grabens nebeneinander ab. Die Sonne war jetzt vollständig untergegangen und auch Malfoy brauchte seinen Zauberstab, um überhaupt noch irgendetwas außer der rabenschwarzen Nacht um sie herum sehen zu können.

Sie umrundeten das gesamte Spielfeld, doch ohne Erfolg.

„Nichts", stellte der Blonde fest.

„Ja, schade", sagte Harry resigniert. Er würde wohl oder übel Hermine gegenüber zugeben müssen, dass er ihre Kette verloren hatte. Hoffentlich würde sie es annehmen, wenn er ihr eine neue als Wiedergutmachung kaufte. „Trotzdem danke für deine Hilfe", fügte er höflich hinzu.

„Kein Problem", antwortete Malfoy und unterstrich die Worte mit einem Schulterzucken.

Harry wollte gerade den Graben verlassen, um sich auf den Rückweg zu der Siegesfeier im Turm zu machen, als der Slytherin ihn noch einmal zurück rief. „Potter?"

„Ja?" Harry drehte sich halbherzig um. In Gedanken legte er sich schon die Entschuldigung für Hermine zurecht. Völlig ohne Vorwarnung stand Draco plötzlich unmittelbar vor ihm und presste die Lippen auf die seinen. Der dunkelhaarige Gryffindor war so überrascht, dass ihm der Zauberstab aus seinen Fingern rutschte.

Entrüstet wehrte er den anderen Jungen ab und schob ihn unsanft von sich. „Malfoy, wenn das eins deiner Spiele ist...", keuchte er atemlos.

„Ich spiele grundsätzlich nur noch auf dem Rasen, Potter. Für alles andere werden wir beide zu alt, findest du nicht?"

Zwar konnte Harry den Blonden in der Dunkelheit mehr erahnen, als dass er ihn wirklich sah, aber der amüsierte Ton war ihm trotzdem nicht entgangen. Harry fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Wenn er ehrlich zu sich war, hatte ihm der Kuss nicht schlecht gefallen. Etwas überraschend zwar, aber nicht unangenehm. Der Gryffindor fühlte sich hin und her gerissen. Einerseits war das hier vielleicht die Antwort auf ein Begehren, das er im Stillen bereits seit langer Zeit verspürt hatte. Doch andererseits kannte er Malfoy schon zu lange, um ihm einfach so vorbehaltlos zu trauen.

„Woher weiß ich, dass es dir wirklich ernst ist?" fragte er in die Stille des Augenblicks hinein.

Der Blonde schien einen Augenblick zu überlegen, dann schloss er abermals den Abstand zwischen ihnen beiden. „Fühlst du das?" Der Slytherin drückte ihm etwas hartes, dünnes in die Hand. „Das ist mein Zauberstab. Ich bin nun völlig wehrlos und wir sind ganz allein. Küss mich, töte mich oder geh einfach weg. Du hast die Wahl."

Unschlüssig drehte Harry den schlanken Stab zwischen seinen Fingern. Er fühlte sich ähnlich an, wie sein eigener und doch ging von ihm eine ganz andere Aura aus. Einen letzten Moment zögerte er noch, gestattete es sich, die Kontrolle zu genießen, dann ließ er auch Malfoys Zauberstab auf den Boden fallen.

„Keine Spiele mehr", flüsterte er leise.

„Keine Spiele", wiederholte der Blonde ganz nah an seinem Ohr, dann schlossen sich seine Arme sanft um Harrys Schultern.

XXXXXX

Ich vermisse die Stelle, in der du mir sagst, dass ich unwiderstehlich bin." Neugierig lugte Draco über die Schulter des Dunklen auf das beschriebene Blatt Papier.

Das habe ich nie gesagt", wehrte Harry stirnrunzelnd ab.

Und ob!" protestierte der Blonde. „Keine Ahnung, warum du das verdrängt hast, aber ich habe ein photographisches Gedächtnis. Ich erinnere mich an jede Kleinigkeit dieses März Tages."

Februar, love, es war noch Februar", korrigierte Harry ruhig.

Jedenfalls war es Frühling. Wen interessiert schon der Monat", schnappte Draco beleidigt.

Eigentlich war es noch Winter, aber an diesem Tag war es tatsächlich richtig frühlingshaft", sinnierte der Dunkle gedankenverloren.

Yeah, vermutlich hatte ich deshalb schon Frühlingsgefühle."

Genau, schieb es nur auf die Hormone", stichelte Harry belustigt.

Was denn sonst? Oder glaubst du ernsthaft, ich wäre sonst auf dieses Gryffindor-Gehabe reingefallen?"

Erzähl mir nicht, dass du nicht genau gewusst hast, was du in diesem Moment tust."

Also, wenn ich damals geahnt hätte, dass ich dich ein Leben lang nicht mehr los werde, hätte ich`s mir vielleicht noch mal überlegt."

Ohne sich umzudrehen ließ Harry seinen Ellenbogen nach hinten schnellen, aber die Reflexe des anderen waren immer noch gut. „Jetzt lass mich arbeiten, oder ich werde wirklich noch senil, bevor ich diese Geschichte fertig geschrieben habe."

XXXXXX

II. All about us

 

They don`t know,

They can`t see

Who we are

Fear is the enemy

Hold on tight

Hold on to me

Cause tonight

It`s all about us

(T.A.T.U., All about us)

 

„Also, wenn du mich fragst, haben sie Malfoy entweder über die Osterferien einer Gehirnwäsche unterzogen oder er ist plötzlich impotent geworden." Ungläubig warf Ron einen verstohlenen Blick durch den Raum zu dem blonden Slytherin, der versunken in seinem Kessel rührte.

„Wie kommst du denn da drauf?" fragte Harry betont lässig. Er musste sich zwingen, die Augen nicht von den Drachenhoden zu heben, die er für ihren Trank klein hacken musste.

„Na ja, er ist halt nicht der selbe Kotzbrocken wie in den letzten fünf Jahren", erklärte der Rotschopf seinen Gedankengang. „Klar, er stichelt immer noch und wirft uns böse Blicke zu, aber es ist alles irgendwie halbherzig. Nicht fies genug, weißt du. So, als ob er es nur aus Gewohnheit tut."

„Du spinnst, Ron." Harry zwang sich zu einem Lachen und hoffte, dass es nicht zu gekünstelt klang. „Für mich ist er immer noch der gleiche Schleimer wie früher."

„Aber Hermine sagt auch..."

„Ach, hör mir auf mit Hermine!" zischte der Dunkelhaarige so leise, dass ihre Freundin, die eine Reihe hinter ihnen arbeitete, sie nicht hören konnte. „Die hört doch überall nur Verschwörungen. Ich sage dir, das bildest du dir alles nur ein."

„Wenn du meinst...", erwiderte Ron, wenig überzeugt.

„Ja, ich meine. Und jetzt hilf mir mal mit diesen Hoden. Wer hätte gedacht, dass Drachen sogar zwischen ihren Beinen Schuppen haben." Wütend hakte Harry mit dem Messer auf die Drachenhoden ein, die sich einfach nicht zerkleinern lassen wollten.

Seit drei Monaten traf er sich jetzt schon heimlich mit Draco. Meistens nachts, damit es auch wirklich niemand merkte. Doch obwohl sie vorsichtig waren, schien die Veränderung, die ihre Beziehung bewirkte, nicht länger unbemerkt zu bleiben. Auch Harry merkte, dass sich immer öfter ein seliges Lächeln auf seine Lippen legte, wenn er an diese heimlichen Treffen dachte.

Es war wirklich nicht einfach, sich in den Stunden die sie mit den Slytherins gemeinsam hatten, zusammen zu reißen und den Blick nicht zu oft und zu lange in eine gewisse Richtung wandern zu lassen.

Am liebsten hätte es Harry seinen Freunden einfach erzählt, aber er wagte es nicht. Sie würden es nicht verstehen. Er verstand es ja selbst nicht. Ron hatte recht, es war, als wäre Draco in seinen Augen plötzlich ein anderer Mensch geworden. Niemals zuvor war ihm aufgefallen, wie anmutig sich der blonde Slytherin bewegen konnte. Nie hatte er bemerkt, wie lang die Wimpern waren, die seine silberfarbenen Augen einrahmten. Nie hatte er gesehen, was für ein wunderbares Lächeln der Andere hatte.

Beinah hätte der Gryffindor laut aufgeseufzt, als sein Blick doch wieder an seinem ehemaligen Lieblingsfeind hängen blieb, doch im letzten Moment beherrschte er sich und stieß die Luft grimmig zwischen den zusammen gebissenen Zähnen hindurch. Er konnte es kaum erwarten, dass endlich der Tag verging, damit sie sich wieder heimlich an ihrem Treffpunkt vor einem leer stehenden Klassenzimmer treffen konnten.

XXXXXXX

Der Gang im zweiten Stock lag leer und dunkel vor ihm. Harry hatte den Tarnumhang übergestreift und schlich nun so leise wie möglich die ausgestorbenen Flure des Schlosses entlang. Zwar wusste er dank der Karte des Rumtreibers ziemlich genau, wo sich der Lehrer aufhielt, der in dieser Nacht die Kontrollgänge durch das Schloss vornahm, doch er wollte auf Nummer sicher gehen. Nicht, dass er aus Versehen noch einem der Geister oder Miss Norris in die Arme lief.

„Ich dachte schon, du versetzt mich." Bei dem Klang der Stimme hinter ihm, rutschte ihm beinah das Herz in die Hose.

„Malfoy." Rasch ließ Harry den Tarnumhang hinunter gleiten. „Woher hast du gewusst, dass ich komme?"

Beinah lautlos trat der blonde Junge hinter der Statue eines einarmigen Zauberers hervor.

„Du magst ja ein Ass auf dem Besen sein, Potter, aber zu Fuß bist du lauter als ein Troll beim Paarungstanz."

„Das liegt nicht an meinen Füßen, sondern vielmehr an deinen Ohren. Sie sind viel zu groß für so einen eigentlich ganz ansehnlichen Kopf", feixte Harry.

„Tatsächlich? Ich zeige dir gleich mal, was richtig große Ohren sind, Potter", erwiderte der Slytherin ungerührt und wedelte drohend mit dem gezückten Zauberstab.

„Das will ich sehen." Scheinbar gleichgültig verschränkte Harry die Arme vor der Brust.

„Später", knurrte der Blonde und zog seinen Freund mit sich hinter die Statue. Stürmisch suchten seinen Lippen die des andern Jungen. „Ich habe dich vermisst", hauchte er in den Kuss hinein.

Hungrig erwiderte Harry die Geste. „Was hättest du gemacht, wenn ich nicht gekommen wäre?"

„Ich wäre in den Turm gekommen und hätte dich geholt." Grinsend flüsterte Draco die Worte in das Ohr des Dunkelhaarigen, dann knabberte er zärtlich an Harrys Hals.

Sämtliche Härchen am Körper des Gryffindors stellten sich bei dieser Berührung auf und er konnte nicht verhindern, dass ihm ein leichtes Stöhnen entwich. „Und wie denkst du, wärst du durch das Portraitloch gekommen?"

„Glaub mir, ich habe so meine Methoden", antwortete Draco und ließ seine Hände forschend unter Harrys T-Shirt gleiten. „Wenn ich etwas will, dann bekomme ich es auch."

Der dunkelhaarige Junge musste schwer schlucken, als die Finger des Slytherin wie zufällig über seine empfindlichen Brustwarzen glitten. Erneut musste er sich schwer beherrschen, um nicht erregt aufzukeuchen. „Das glaube ich dir aufs Wort", brachte er gepresst hervor.

XXXXXX

Warum sieht das so aus, als ob immer alles nur meine Schuld war?" fragte Draco pikiert, nachdem er die Seite gelesen hatte.

Weil es auch alles von dir ausging, love. Ich war doch damals viel zu schüchtern." Müde streckte Harry seine schmerzende Hand.

Genau, stell dich mal als Opfer hin, dass von mir einfach so verführt wurde." Schmollend schob Draco seine Unterlippe vor, was dem Dunkelhaarigen ein amüsiertes Grinsen entlockte.

Aufs Ergebnis kommt es doch an, Schatz. Oder nicht? Wenn ich es nicht gewollt hätte, wäre ich jetzt bestimmt nicht mehr mit dir zusammen."

Oder du bist immer noch viel zu schüchtern, um mir zu sagen, dass du es eigentlich gar nicht willst." Fragend hob der Blonde die Augenbrauen an.

Aber natürlich will ich mit dir zusammen sein, love", schnurrte Harry versöhnlich. „Für immer, das weißt du doch."

Zufrieden lehnte sich Draco in seinem Stuhl zurück. „Aber ich höre es so gern."

Love you." Zärtlich drückte Harry seine Lippen auf die des anderen Mannes.

Love you, too."

XXXXXX

 

III. I`ll make love to you

 

I`ll make love to you like you want me to

And I hold you tide, baby all through the night

I`ll make love to you, when you want me to

And I will not go till you tell me to

 

(Boys II Men, I`ll make love to you)

 

„Harry, bist du sicher, dass du nichts aus Hogsmeade haben willst?" fragte Ron seinen Freund, der sich unter seiner Bettdecke zusammen gerollt hatte. „Wir könnten dir ein paar Süßigkeiten aus dem Honigtopf mitbringen oder ein paar Scherzartikel."

Der dunkelhaarige Gryffindor verzog bei dem Gedanken an Essen schmerzhaft das Gesicht. „Nein danke, Ron. Ich will wirklich nichts. Macht euch einfach einen schönen Tag, okay? Ich komme schon klar."

„Alles klar, Alter. Aber es ist echt schade, dass du ausgerechnet heute krank geworden bist." Trübselig den Kopf schüttelnd, verabschiedete sich der rothaarige Junge von seinem Freund und verließ dann ihren gemeinsamen Schlafraum.

Harry atmete hörbar auf. Es war ein schönes Maiwochenende und zugleich der erste Ausflug nach Hogsmeade seit den Osterferien. Das ganze Schloss schien auf den Beinen zu sein. Nun ja, zumindest fast das ganze Schloss. Seit ihrem Treffen neulich Nacht hatte Harry Draco damit gepiesackt, wissen zu wollen, wie dieser es anstellen würde, in den Gryffindor Turm zu kommen, doch der andere hatte sich darüber ausgeschwiegen.

Deshalb hatte Harry ihn mit einer Wette geködert: Wenn Draco es schaffte, in den Turm zu gelangen, natürlich ohne dabei gesehen zu werden, hatte er bei Harry einen Wunsch frei. Damit sie die Sache in Ruhe angehen konnten, hatten sich die beiden Jungen für den Tag des Hogsmeade Wochenendes entschieden.

Vorsorglich hatten sowohl Harry als auch Draco von den Nasch- und Schwänz-Leckereien von Rons Brüdern gegessen, was dazu geführt hatte, dass sich der Gryffindor heute den halben Morgen übergeben musste. Gott sei Dank ließ die Wirkung nun endlich nach, aber schlecht war ihm immer noch.

Leise schlug der dunkelhaarige Junge die Bettdecke zurück und verließ den Schlafraum. Vorsichtig überprüfte er die übrigen Schlafräume der Mädchen und Jungen, um festzustellen, dass tatsächlich alle Gryffindors ausgeflogen waren. Zufrieden tauschte er seinen Pyjama gegen seine Jeans und ein T-Shirt, dann nahm er sich die Unterlagen, die er für seine Hausaufgaben noch brauchte und setzte sich in den leeren Gemeinschaftsraum.

Eine Stunde arbeitete er an seinem Aufsatz für Verwandlung, ohne dass irgendetwas geschah und Harry glaubte schon, die Wette gewonnen zu haben, als plötzlich das Portrait vor dem Eingang des Gemeinschaftsraums zurück schwang und ein recht blasser, aber zufrieden grinsender Draco durch das Loch nach drinnen trat.

„Was habe ich gesagt?" fragte der Blonde und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. „Nett habt ihr`s hier. Nicht so edel natürlich, wie unser Gemeinschaftsraum, aber dafür, dass ihr nur Gryffindors seid..."

Mit gerunzelter Stirn stand Harry auf und knuffte seinen Freund spielerisch in die Seite. „Treib`s nicht zu weit, Malfoy", knurrte er warnend, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. „Verrätst du mir nun, wie du hier rein gekommen bist?"

„Wir Malfoys haben halt unsere Methoden", grinste der Slytherin überheblich.

„Sag nur nicht, du hast die fette Dame bestochen?" mutmaste der Gryffindor ins Blaue.

„Nun ja, bestochen würde ich das nicht wirklich nennen..", druckste Draco herum.

„Ich fasse es nicht." Harry schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Sogar die Portraits sind empfänglich für dein Geld."

„Hey, mit Geld hat das gar nichts zu tun!" protestierte der Blonde. „Hier geht`s um Beziehungen, du blutiger Anfänger. Neulich hatte die fette Dame mit ihrer Freundin Violett mal wieder einen über`n Durst getrunken und da habe ich gehört, dass sie heimlich für den schönen Calrissian aus dem Portrait im dritten Stock schwärmt. Also habe ich ihr gesagt, ich könnte bei ihm ein gutes Wort für sie einlegen, wenn sie mich rein lässt."

„Und was hast du dem schönen Calrissian dafür versprochen?" fragte Harry, der solche Bestechnungsketten schon kannte.

„Der schöne Calrissian hat eine Vorliebe für Wein", erklärte Draco schulterzuckend. „Und bei den Mönchen aus dem Bild in der großen Halle, habe ich noch einen Gefallen gut. Also haben sie ihm ein Fass zukommen lassen."

„Und was für einen Gefallen hast du denen nun wieder getan?"

„Ich habe sie vor Peeves gerettet, der sie mit einer Wasserbombe mit roter Farbe bewerfen wollte. Nun, zufrieden?"

„Beeindruckend", gab Harry zu. „Und das alles, nur um in den Turm zu kommen. Wer schuldet dir denn noch so alles einen Gefallen? Führst du vielleicht Buch darüber?"

„Du solltest froh sein, dass ich so viel Mühe auf mich nehme, nur um dich zu sehen, du Nervensäge", stichelte Draco. „Von den elenden Kotzpillen gar nicht zu reden, die du mir untergejubelt hast. Die Wiesel-Brüder sollte man vors Zaubergamott bringen. Die reinste Körperverletzung, dieses Zeug. Und ich brauche kein Buch, um zu wissen, dass du mir jetzt einen Wunsch schuldest."

„Nur zu." Grinsend breitete Harry die Arme aus. „Ich gehöre dir."

„Genauso hatte ich mir das auch gedacht", erwiderte der Blonde zufrieden und ließ sich in den Sessel nahe des Kamins fallen.

Harry merkte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. „Du..du..du meinst heute? Hier? Wir?"

„Warum nicht?" fragte Draco ernst. „Es ist die Gelegenheit: Wir sind allein, ungestört. Die anderen werden noch stundenlang weg sein. Ist doch allemal besser, als auf einer alten Decke in einem unbenutzten Klassenraum, oder?"

Der Dunkle schluckte hörbar. „Ja, sicher, es ist nur... weißt du..." Auf einmal war Harrys Kopf wie leer gefegt.

„Du hast Angst?" fragte der Slytherin frei heraus.

„Nein! Nein, wirklich nicht", wehrte Harry ab, doch der Knoten in seinem Magen sagte etwas anderes. „Aber du weißt, ich habe noch nie... ich... ich brauche einfach Zeit." Hilflos sah er den Blonden an.

„Es ist schon okay. Nein, wirklich. Wir müssen das nicht tun. Wir sollten das beide wollen. Ich kann warten." Aber so ganz gelang es Draco nicht, die Enttäuschung aus seiner Stimme zu vertreiben. „Also." Er versuchte so ungezwungen wie möglich zu lächeln. „Was machen wir mit diesem angebrochenen Tag?"

„Ich könnte dir den Turm zeigen, wo du schon mal hier bist", bot sich Harry an, froh dass sie über ein anderes Thema sprachen.

„Okay", antwortete der Slytherin mit einem Schulterzucken.

Viel gab es in dem Gryffindor-Turm nicht zu sehen. Nachdem sie ihre Tour im Gemeinschaftsraum starteten und auch die Badezimmer besichtigt hatten, fanden sich die beiden Jungen schließlich doch in dem Schlafraum wieder, den Harry sich mit seinen Freunden teilte.

„Sieht bequem aus", stellte Draco fest, als er das rote Himmelbett seines Freundes begutachtete. „Und ich wette, die schweren Vorhänge sind nach einer durchfeierten Nacht richtig praktisch, um störendes Sonnenlicht auszusperren."

„Mag sein, so oft hatte ich noch nicht die Gelegenheit, es auszuprobieren", erwiderte Harry ahnungslos.

„Wirken die eigentlich auch geräuschdämmend?" fragte der Blonde interessiert und warf sich mit Schwung auf die Bettdecke, so dass die Federn der Matratze protestierend quietschten.

„So`n bisschen vielleicht."

„Wir könnten ja mal einen Test starten", sagte Draco und versuchte dabei so unschuldig wie möglich auszusehen.

„Aber es ist doch gar keiner hier...", antwortete der Gryffindor verständnislos.

Der Slytherin rollte theatralisch mit den Augen und zog den Dunklen geschickt zu sich in die Kissen. Ein schneller Wink mit dem Zauberstab und die Vorhänge um das Bett schlossen sich. „Sind eigentlich alle Gryffindors so schwer von Begriff oder ist dieses Talent für dich reserviert?" fragte Draco und grinste seinen Freund in dem entstandenen Dämmerlicht schelmisch an.

„Es kann ja nicht jeder so genial sein, wie du", versuchte Harry sein Herzklopfen durch einen Scherz zu überspielen.

„Meine Rede", flüsterte der Blonde. Er warf dem Dunklen einen Blick zu, der Harry doch sehr an den von einer Schlange an ein Kaninchen erinnerte, dann zog er den Gryffindor an sich und küsste ihn verlangend.

„Draco, ich weiß wirklich nicht..", wehrte Harry sich halbherzig gegen die Zärtlichkeiten seines Freundes.

„Halt doch einfach nur einmal deinen Mund, Potter", flüsterte der Blonde rau. „Ich verspreche dir, wir tun nichts, was du nicht willst."

Doch schon wenige Minuten später war Harry sich nicht mehr sicher, was er eigentlich noch wollte und was nicht, oder wo überhaupt sein eigener Körper aufhörte und der seines Freundes begann.

XXXXXX

Warum hörst du eigentlich immer dann auf, wenn es spannend wird?" fragte Draco und gab Harry das Blatt zurück.

Muss ich immer so ins Detail gehen?" fragte der Dunkelhaarige und sortierte es zu den anderen Blättern.

Vielleicht willst du dich nur nicht daran erinnern, was dann passierte?" mutmaste der Blonde.

Sollte ich nicht?" stichelte Harry grinsend.

Wer weiß? Sag nicht, du hast es nicht genossen?"

Der Dunkle verzog nachdenklich das Gesicht. „Doch, ich denke schon."

Du denkst?!" fragte Draco entsetzt.

Es ist schon ein paar Tage her, love."

Aber so was vergisst man doch nicht!"

Ich habe auch nicht gesagt, dass ich es vergessen habe, nur will ich es nicht aufschreiben."

Sag nicht, es ist dir peinlich. Also aus dem Alter solltest du langsam echt raus sein, Potter."

Und du solltest langsam wirklich aus dem Alter raus sein, in dem du mich zur Weißglut treibst, Malfoy."

Da kannst du warten, bis du irgendwann in einer Kiste liegst, babe. Es macht einfach viel zu viel Spaß dich zu trietzen."

Geh spielen oder die Katze ärgern oder was du sonst so tust, love. Bei deinen ständigen Unterbrechungen kann ich mich einfach nicht konzentrieren."

Gryffindor-Nervensäge."

Slytherin-Schleimer."

Love ya."

Me, too."

Tbc