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XXVI. Eternity

 

Close your eyes so you don`t feel them

They don`t need to see you cry

I can`t promise I will heal you

But if you want to I will try

 

I sing the summer serenade

The past is done, we`ve been betrayed, it`s true

Someone said the truth will out

I believe without a doubt, in you

 

(Robbie Williams, Eternity)

 

Schweißgebadet fuhr Harry in seinem Bett in die Höhe. Ein Stöhnen entwich seinen Lippen und er presste unwillkürlich eine Hand gegen seine Stirn. Seine Narbe schmerzte so stark, als würde sein Kopf jeden Moment auseinander brechen. Noch immer sah er die rotglühenden Augen vor sich, die bis in seine Seele zu starren schienen.

Voldemort...

Die Visionen waren früher schon schlimm gewesen, aber seit Harry wusste, dass es nicht nur Zerrbilder seiner Ängste waren, die er im Schlaf vor sich sah, sondern dass er durch seine Narbe eine direkte Verbindung zum Dunklen Lord hatte, war er mit einer unbändigen Angst erfüllt. Dumbledore hatte ihn gewarnt, ihn beschworen, Okklumentik zu lernen, um seinen Geist vor ihm zu verschließen, aber es half nichts. Wenn Voldemort verärgert war, oder ihm etwas eine besondere Freude bereitete, explodierte Harrys Narbe förmlich.

Die Todesser waren wie Schatten, in ihren dunklen Kapuzen. Sie umrahmten einen zerlumpten, am Boden liegenden Mann. Ein Fluch traf das wimmernde Häufchen Mensch und der Mann schrie auf, während er auf allen Vieren versuchte, davon zu kriechen. Doch die Todesser lachten ihn nur aus. Dann teilte sich die Schar, vor Harrys Augen und er sah sich - also Voldemort - eine Handbewegung machen, die die Männer verstummen ließ.

„Genug", sagte er und wandte sich zu dem Schwarzgekleideten zu seiner Rechten. „Beende es."

Der Todesser verbeugte sich demütig, dann zückte er den Zauberstab. „Avada kedavra!" Der Mann am Boden erstarrte mitten in der Bewegung und sackte dann leblos zusammen.

Tölpel! Dummköpfe! Ein Haufen hirnloser Speichellecker! Sie sind gut genug, um Angst und Schrecken unter unbedeutenden Schlammblut-Zauberern zu verbreiten, aber nie werden sie verstehen, wie bedeutend das Ziel wirklich ist. Wie groß die Opfer sind, die sie alle bringen müssen!

Worte wie Gift sickerten durch Harrys Verstand. Er musste raus hier, Abstand zwischen sich und diesen furchtbaren Albtraum bringen. Auch wenn er den Mann nicht gekannt hatte, war es doch, als hätte er seinem Tod persönlich beigewohnt, ohne die Chance es irgendwie zu verhindern.

Durch das Adrenalin rauschte das Blut in seinen Ohren und sein Herz schlug so laut, dass er dachte er müsste den gesamten Schlafsaal aufwecken, als er unsicher auf dem Nachttisch nach seiner Brille tastete. Seine Finger fanden das dünne Metallgestell und er setzte es sich auf die Nase. Die verschwommenen Konturen seines Bettes wurden klarer, auch wenn das den Schmerz nicht minderte, der dumpf hinter seiner Stirn pochte.

Ron schnarchte im Bett neben ihm leise auf und drehte sich auf die andere Seite, als Harry vorsichtig die Bettdecke zurück schlug und die Beine über den Rand streckte. Der Steinboden war kalt und er zog seine Füße schnell wieder zurück. Bemüht keinen Laut zu verursachen, angelte er ein Paar Socken vom Fußende des Bettes. Nachdem er hinein geschlüpft war, stand er leise auf. Er nahm seinen Zauberstab, den er unter seinem Kopfkissen verborgen hatte und flüsterte einen Illusionszauber, dann schlich er sich leise aus dem Schlafsaal.

Die Fette Dame war nicht gerade begeistert, als er sie aus dem Schlaf riss. Unwirsch murmelte sie etwas von „Sperrstunde" bevor sie trotzdem zur Seite schwang und ihn hinaus ließ. Erst als er draußen auf dem Gang war, fiel Harry ein, dass er weder die Karte des Rumtreibers, noch seinen Tarnumhang dabei hatte, aber er wollte nicht wieder zurück in den Turm gehen. Abgesehen davon, dass die Fette Dame sich vermutlich weigern würde, ihn ein zweites Mal hinaus zu lassen, hatte er Angst davor jemanden zu wecken, wenn er noch einmal in den Schlafraum zurück kehrte.

Dann würde er eben vorsichtig sein. Immerhin hatte er ja kluger Weise keine Schuhe über die Socken gezogen, so dass er beinah lautlos gehen konnte. Im Moment patrouillierte nachts abgesehen von Filch nur ein einziger Lehrer und bei der Größe des Schlosses rechnete sich Harry eine gute Chance aus, ungesehen bis zur Krankenstation zu gelangen. Er hoffte insgeheim, dass der Anblick seines schlafenden Freundes ihn beruhigen, ihm helfen würde selbst zurück in den Schlaf zu finden.

Dicht an der Wand entlang tastete sich Harry bis zur Eingangshalle. Fahles Mondlicht fiel durch die großen Fenster hinein und tauchte die ausgestorbenen Gänge in ein gespenstisches Licht. Gott sei Dank schliefen die Menschen in den Bildern schon. Nach seinem gestrigen Erlebnis, als er mit Hagrid und dem bewusstlosen Draco ins Schloss zurück kehrte, war das letzte, was er wollte, dass wieder irgendwelche falschen Gerüchte die Runde machten.

Er brauchte drei Versuche, bis er eine Treppe erwischte, die ihn zu dem Turm brachte, in dem sich die Krankenstation befand. Die letzten Stufen zur Spitze des Turmes rannte er beinah in freudiger Erwartung. Vorsichtig öffnete Harry die Tür mit den undurchsichtigen Gläsern und schlich ins Innere. Ein Blick zu Madame Pomfreys Zimmer zeigte ihm, dass ihre Tür geschlossen war. Kein Licht war durch das Schlüsselloch zu sehen. Offensichtlich schlief die Schulschwester.

Als Harry um den weißen Paravent herum ging, war er überrascht, Dracos Bett leer vorzufinden. Die Laken waren zerwühlt und es war noch der Abdruck eines Körpers auszumachen, doch von dem blonden Slytherin fehlte jede Spur. Suchend sah Harry sich um und entdeckte am Ende des Raumes die geöffnete Balkontür. Langsam ging er auf die Öffnung zu und noch bevor er sie durchquert hatte, sah er den vertrauten, weißen Körper an der Brüstung stehen. Draco trug nicht mehr als eine Shorts. Das Dunkle Mal hob sich obszön gegen die bleiche Haut an seinem Unterarm ab und er presste unwillkürlich eine Hand darauf. Ein kühler Wind zerrte an seinen Haaren und schickte eine Gänsehaut über den Körper des Slytherin, doch er konnte sich nicht durchringen, zurück in die Krankenstation zu gehen.

Der Anblick der grünen Hügel im Mondlicht beruhigte ihn, nahm die Enge von seiner Brust, die ihn zu ersticken versuchte. Längst hatte er vergessen, wie lange er hier schon stand. Am Anfang hatte er die Kälte noch gespürt, aber dann hatte er seinen Geist vor seinem Körper verschlossen. Er wollte nichts fühlen. Weder körperlich, noch seelisch. Er hatte genug von den Schmerzen und der Angst. Nur für ein paar Minuten wollte er sich selbst und alles andere in den Weiten der Nacht vergessen.

Sein Herz machte einen Sprung, als sich plötzlich zwei warme Arme um seine Körpermitte legten und er versteifte sich, bis er im Wind den Geruch von Harrys Haut wahrnahm. Aufatmend lehnte er sich in die Umarmung des anderen Jungen und legte seine Hände auf die von Harry. Der Gryffindor fröstelte.

„Du bist eiskalt", stellte er fest.

„Und du bist herrlich warm", gab der Blonde zurück. Seine Stimme klang rau; er hatte sie seit seinem letzten Gespräch mit Harry nicht mehr benutzt.

„Was tust du hier draußen?" fragte der Dunkle und zog die Arme noch etwas fester um seinen Freund, in dem Versuch ihn zu wärmen.

„Ich kann nicht schlafen", gab Draco zu. „Ich will die Augen nicht zumachen, um dann doch wieder Sein Gesicht vor mir zu sehen."

„Dann sind wir schon zwei", erwiderte Harry, während er seine Wange an Dracos Schulter rieb. „Mir hat Er auch wieder einen Albtraum beschert."

„Wird es jemals aufhören?" flüsterte Draco und legte seinen Kopf zurück, so dass er Harry Stirn berührte. „Wie sollen wir kämpfen, wenn wir nicht einmal schlafen können?"

„Kannst du Madame Pomfrey nicht um einen Traumlos-Trank bitten?" schlug der dunkle Gryffindor vor. Er wollte nicht wieder über den Krieg reden. Es war schon schlimm genug, dass es am Tag beinah kein anderes Thema mehr gab. Wenigstens in der Nacht wollte er Ruhe davor haben.

Der Slytherin schüttelte den Kopf. „Ich will nicht, dass sie es weiß. Es ist schlimm genug, wie Dumbledore, Snape und sie mich ansehen. Dieses Mischung aus Mitleid, Argwohn und Angst. Da muss ich nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf mich ziehen."

Harry nickte wortlos. Er verstand, was Draco meinte. Zwar hatte er weder den Schulleiter, noch den Zaubertränke-Lehrer gestern noch einmal getroffen, aber die Blicke, die er beim Abendessen von den anderen Schülern seines Hauses erhalten hatte, waren mehr gewesen, als er ertragen konnte. Nur ihrem Respekt ihm gegenüber und Hermines bösem Blick in die Runde hatte er es zu verdanken, dass es nur dabei geblieben war. Von den anderen Häusern gar nicht zu reden. Wenn Blicke töten konnten, dann hatten ihm die Augen der Slytherins während der Mahlzeit öfter ein unrühmliches Ende bereitet, als er zählen konnte.

„Ich will mich nur wieder ganz fühlen", fuhr Draco fort. Er drehte sich halb um, so dass er in Harrys Gesicht sehen konnte. „Ich habe das Gefühl, es reißt mich auseinander und ich schaffe es nicht, die Teile zusammen zu halten. Verstehst du was ich meine?"

Seine Augen spiegelten so eine Leere, so viel Schmerz, dass Harry es beinah körperlich spüren konnte. Er nahm eine Hand von Dracos Hüfte und streichelte langsam über den hervor tretenden Wangenknochen. „Ich werde dich wieder zusammen setzten. Stück für Stück, wenn es sein muss", versprach er leise.

Der Blonde nahm die Hand des Gryffindor und zog ihn näher an sich. „Lass es mich vergessen, Harry. Nur für einen Augenblick. Lass uns so tun, als gäbe es das alles da draußen nicht."

Es bedurfte keiner Antwort, als sich ihre Lippen fanden. Harry vergrub seine Hände in dem blonden, weichen Haar, als Draco seine Taille umfasste und ihn ganz eng an sich presste. Der Blonde zitterte, ob vor Kälte oder vor Erregung, wusste er selbst nicht, doch das war für Harry das Zeichen den Balkon zu verlassen.

Wortlos nahm er Draco bei der Hand und führte ihn zurück zu seinem Bett auf der Krankenstation. Bevor er den Blonden auf das Laken drückte, sprach der Gryffindor noch schnell einen Silencio-Zauber, dann legte er sich neben seinen Freund. Das schmale Krankenbett bot kaum genug Platz für die beiden ineinander verschlungenen Teenager, doch das störte sie nicht wirklich.

Zärtlich erkundeten ihre Hände den Körper des anderen. Tasteten. Streichelten. Suchten den Kontakt zu unbedeckter, nackter Haut. Harrys T-Shirt, seine Shorts und die Strümpfe fielen binnen Sekunden und auch Draco hatte wenig später nichts mehr an, um seine Blöße zu bedecken.

Kein Blatt Pergament hätte mehr zwischen die beiden Körper gepasst, die sich aneinander rieben. Harrys warme Hände auf Dracos kalter Haut verteilten Stromstöße über seinen Körper, schmolzen das Eis in seinem Inneren, schickten die Hitze in jede Zelle seines Körpers.

Er stöhnte leise auf, konnte es kaum abwarten, mit dem Dunklen zu verschmelzen. Seine Lippen klebten förmlich an denen des Gryffindors, tranken gierig von der Wärme, die Harrys Zunge in seine Mundhöhle schickte.

Sie trennten sich gerade lang genug, um Harry seinen Zauberstab nehmen zu lassen. „Accio Oleum", murmelte er heiser und eine Flasche Arnica Öl schwebte aus dem Medizinschrank zu dem Bett der beiden Jungen. Harrys Finger zitterten so stark, als er die Flasche in Empfang nahm, dass er beinah den Korken nicht heraus bekam. Doch schließlich gelang es ihm und er verteilte mit der Hand etwas von der Flüssigkeit auf seiner Erektion.

Seine öligen Finger drückten die Beine seines Freundes auseinander und weiteten vorsorglich den Eingang, bevor er sich auf der Matratze zwischen Dracos Knie kniete. Die Beine des Blonden öffneten sich noch eine Spur weiter, so dass er beinah die Schmerzgrenze erreichte, dann presste sich Harry in den Körper des Slytherin.

Dracos Augen weiteten sich in einer Mischung aus Verlangen und Schmerz und seine Hände krallten sich in das Bettlaken, als Harry bis zum Anschlag in ihm versank. Oh Merlin, diese Enge, diese Hitze... den ganzen Sommer hatte er davon geträumt, das hier zu tun. Okay, nicht so aber die Gefühle waren trotzdem überwältigend.

Er senke seinen Oberkörper auf den seines Freundes, um sich einen weiteren, gierigen Kuss zu stehlen. Eine Hand stütze er an Dracos Schulter ab, während er mit der andren seine Hüfte in Postion hielt. Der Blonde atmete schwer, doch in seinen Augen lag kein Schmerz mehr, sondern nur noch die pure Lust. Seine Hände verließen das weiße Laken und krallten sich in das schwarze Haar seines Freundes. Mit den Zähnen verteilte er kleine Bisse an Harrys Hals und seiner Schulter, bevor seine Lippen erneut mit denen des Dunklen verschmolzen.

Einen langsamen, vorsichtigen Rhythmus aufnehmend, zog sich Harry leicht zurück, um sich dann erneut in Draco zu vergraben. Seine ölige Hand stimulierte die Länge des Blonden mit gleichmäßigen Bewegungen. Es war so viel mehr als nur Sex; es war wie eine Therapie. Der Versuch all die Ängste und Schmerzen der vergangenen Wochen aus dem Körper zu vertreiben.

„Tu es", keuchte Draco dicht an dem Ohr des Gryffindor. „Mach mich zu deinem Sklaven, statt zu Seinem." Aus dem Augenwinkel sah Harry das Dunkle Mal, als Dracos Hände seinen Kopf erneut zu sich herunter zogen und er beschleunigte grimmig sein Tempo. Mit wachsender Erregung hämmerte der Dunkle seinen Körper immer härter gegen den des Blonden und der Slytherin bog sich jedem Stoß mit seinem Becken entgegen.

Die unterdrückten Laute der Lust füllten den Raum. Mit einem letzten harten Stoß schoss Harrys Samen in den Körper des Blonden, ein Seufzen der Erleichterung auf den Lippen. Eine Welle aus warmer Magie schien sich in Dracos Körper zu entladen, so dass er von Kopf bis Fuß erzitterte. Der Blonde kam nur wenige Stöße später und ergoss sich mit einem leisen Aufschrei zwischen ihre beiden Körper. Schwer atmend legte Harry seinen Kopf gegen die Schulter des Slytherin und wartete, dass sein Körper ihm wieder gehorchte, bevor er sich vorsichtig zurück zog und sich dicht neben dem Blonden auf die Matratze legte. Erneut angelte er den Zauberstab vom Nachttisch und sprach für sie beide einen Reinigungszauber, bevor er die Decke vom Fußende nahm und über ihre beiden Körper zog. Draco drehte sich auf die Seite und lehnte seine Stirn gegen die des Gryffindor.

„Fühlst du es auch?" fragte er in die Stille des Raumes hinein.

„Ich fühle mich total müde", murmelte Harry und unterdrückte ein aufsteigendes Gähnen.

„Mein Herz", antwortete Draco, nahm die Hand des Dunklen und legte sie gegen seine nackte Brust. „Es schlägt leichter. Es hat scheinbar dein Herz gebraucht, um seinen Rhythmus wieder zu finden."

„Mmh", gab Harry mit geschlossenen Augen zurück. Das dumpfe Klopfen unter seinen Fingern verstärkte seine Müdigkeit noch weiter. „Fühlt sich gut an und du bist endlich warm."

„Aufgeladen mit deiner Hitze", gab Draco zurück. „Was der Beweis dafür ist, dass Feuer und Eis doch zusammen passen."

Harry grummelte noch etwas Unverständliches, dann sackte sein Kopf gegen Dracos Körper. Der Blonde vergrub sein Gesicht in den schwarzen, strubbeligen Haaren und sog tief den angenehmen Duft in seine Lungen. Um alles in der Welt hatte er zurück nach Hogwarts gewollt, aber nach dem, was passiert war, hatte er sich schon gefragt, ob seine Wahl ein Fehler gewesen war. Doch in diesem Moment wusste er, dass er nirgendwo sonst sein wollte.

XXXXXX

Hast du die Katze gesehen?" fragte Draco und steckte seinen Kopf durch die Tür herein.

Nein, wieso?" fragte Harry, während er das Tintenfass zuschraubte.

Der Blonde hielt einen pelzigen Gegenstand in die Höhe. „Ich habe gerade eine halb vergammelte Maus in meinen Schuhen gefunden."

Bring bloß das tote Vieh hier raus!" Der Dunkle verzog angeekelt die Nase. „Das stinkt ja widerlich."

Warum bekomme ich eigentlich immer so nette Liebesbeweise von dem Tier?" fragte Draco mit einem Augenrollen, bevor er die Maus in eine Plastiktüte steckte und in den Müll warf.

Sie liebt dich halt, love. Genau wie ich."

Aber nicht, dass du mir auch noch irgendetwas Totes in die Klamotten steckst!" drohte ihm sein Ehemann grinsend.

Harry war von dem, was er geschrieben hatte, noch so erregt, dass er nicht anders konnte, als den Abstand zu dem Blonden zu schließen.„Ich dachte da eher an etwas lebendiges. Und auch nicht unbedingt an Klamotten."

Durch den plötzlichen Annährungsversuch etwas überrumpelt, taxierte Draco den Dunklen. „Das hört sich ja sehr viel versprechend an, babe."

Du hast ja keine Ahnung", schnurrte der ehemalige Gryffindor, zog den Zauberstab aus seiner Hosentasche und apparierte sie in ihr Schlafzimmer.

XXVII. Bleeding Love

I don`t care what they say

I`m in love with you

They try to pull me away

But they don`t know the truth

My heart`s crippled by the vein that I keep on closing

 

(Leona Lewis, Bleeding Love)

 

Harry war sich beinah sicher, dass Madame Pomfrey sie zusammen im Bett gesehen hatte. Es war bereits heller Morgen, als er in Dracos Arm aufgewacht war. So vorsichtig es ging, ohne seinen Freund dabei zu wecken, schlüpfte er aus dem Bett und zog sich schnell sein T-Shirt und die Shorts über, die Strümpfe konnte er nirgends entdecken. Dafür war die Flasche mit dem Öl, von der er sicher war, sie auf den Nachttisch gestellt zu haben, verschwunden. Dunkelrote Flecken erschienen auf seinen Wangen und er war mehr als dankbar, als er es schaffte, sich an der geschlossenen Tür der Schulschwester vorbei zu schleichen, ohne ihr in die Augen sehen zu müssen. Harry wusste nicht genau, was Dumbledore ihr über seine Beziehung zu Draco gesagt hatte, aber egal wie viel sie vorher gewusst hatte, jetzt war sie jedenfalls im Bilde.

Eine unangenehme Gänsehaut kroch seine Beine empor, als er barfuss die Treppe hinab stieg und die Gänge zum Gryffindor Turm zurück legte. Auf der Krankenstation hatte keine Uhr gehangen, doch Harry war sich sicher, dass es hier in wenigen Augenblicken vor Schülern nur so wimmeln würde. Mit purem Glück erreichte er das Portrait der Fetten Dame, die seine Erscheinung mit einem bissigen Kommentar bedachte: „ Das sieht mir ja mal nach einer harten Nacht aus."

„Nichts, was Sie etwas anginge", gab er patzig zurück, bevor er das Passwort nannte. „Candle-light-Dinner."

„Wohl eher Bettgymnastik", erwiderte sie spöttisch, schwang dann aber mit einem letzten Augenrollen zur Seite.

Schnellen Schrittes durchquerte Harry den Gemeinschaftsraum und hastete die Treppe zu den Schlafräumen der Jungen empor. Dabei kam er an mehreren geöffneten Türen vorbei. Offensichtlich waren seine Hauskameraden bereits in den Waschräumen und ein Gefühl der Erleichterung durchflutete Harry. Als er die Tür zu seinem Schlafraum auf stieß, dachte er, auch diesen verlassen vorzufinden, doch zu seiner Überraschung erwartete ihn Ron auf seinem Bett sitzend.

„Hey Kumpel", begrüßte ihn der rothaarige Junge grinsend.

„Äh, hi", erwiderte der dunkle Gryffindor perplex. Sein Kopf ruckte zu seinem eigenen Bett. Entweder hatte der Illusionszauber nicht lange genug gehalten oder jemand hatte ihn platzen lassen. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Was für eine Ausrede sollte er seinem Freund jetzt präsentieren?

„Hast du eine gute Nacht gehabt?" fragte ihn Ron mitten in seine Gedanken.

„Danke, ich.. ich konnte nicht schlafen", erwiderte Harry vorsichtig.

„Das habe ich gesehen", grinste sein Freund, mit einer Geste zu dem leeren Bett. „Nun aber raus mit der Sprache: Wer ist sie?"

„Wen meinst du?" fragte der Dunkle verständnislos.

„Tu nicht so unschuldig. Ich mag ja ein bisschen schwer von Begriff sein, aber so langsam passt sogar für mich alles zusammen: Seit dem Frühjahr bist du so komisch und in den Ferien warst du manchmal zappeliger als ein Schnatz."

„Quidditch-Entzugserscheinungen?" startete Harry einen kläglichen Erklärungsversuch.

„Erzähl das jemand anderem!" wischte Ron den Einwand beiseite. „Seit wir wieder hier sind, benimmst du dich sogar noch seltsamer als vorher und jetzt bist du schon die zweite Nacht nicht in deinem Bett gewesen. Also keine Ausflüchte mehr, ich will alle schmutzigen Details: Wer ist sie? Eine Gryffindor scheint es nicht zu sein, sonst wärst du nicht so lange weg gewesen. Ist sie vielleicht eine Ravenclaw?"

So langsam dämmerte es Harry, was sein Freund dachte. „Nein!" rief er erschrocken aus.

„Eine Hufflepuff? Ich dachte ja nicht, dass du auf die langweilige Sorte Mädchen stehst, aber naja jedem das seine."

„Es ist keine Hufflepuff", würgte Harry hervor. Sein Hals fühlte sich plötzlich seltsam trocken an.

„Sie ist doch wohl keine Slytherin? Oh Merlin, Harry! Das sind keine Mädchen, das sind Banshees!" Kopfschüttelnd starrte Ron ihn an.

Der dunkle Gryffindor schluckte schwer. Er ahnte, dass er aus dieser Unterhaltung nicht ohne weiteres wieder heraus kommen würde. Aber vielleicht war es ohnehin an der Zeit, mit den Lügen ein Ende zu machen. Ron war sein bester Freund. Er würde es verstehen. Bestimmt. Hoffentlich. Irgendwann einmal. Oder es zumindest akzeptieren.

„Es ist kein Mädchen", flüsterte Harry und sank auf sein eigenes Bett. Seine Hände verkrampften sich unwillkürlich ineinander.

„Kein Mädchen?" Rons Tonfall war um eine Nuance höher geworden. „Willst du damit sagen...?"

Jetzt oder nie.

„Ich will damit sagen, dass ich auf Jungen stehe." Sein Blick haftete an seinem Schoss. „Eigentlich weiß ich es schon eine ganze Weile."

„Wie lange?" fragte der Rothaarige und seine Stimme hörte sich eigenartig fremd an.

„Seitdem ich Cho geküsst habe. Es fühle sich gut an, aber nicht richtig. Nicht so wie jetzt..." Harry brach wieder ab, als er merkte, wie ihm die Hitze in die Wangen schoss.

„Du hast also einen Freund?" hakte Ron vorsichtig nach.

Harry nickte langsam. Es hatte keinen Zweck es zu leugnen. „Seit Februar."

Der rote Gryffindor schluckte hörbar. „Liebst du ihn?"

„Ja", antwortete der Dunkle ehrlich.

„Und er liebt dich?"

„Ich denke schon."

Der andere Junge ließ geräuschvoll die Luft durch Mund und Nase entweichen. „Das ist... schön für dich. Wirklich. Eigentlich zählt es ja nicht, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Hauptsache ihr seid glücklich."

Wenn es nur so einfach wäre!

„Danke, Ron", erwiderte Harry und zum ersten Mal traute er sich, den Blick zu heben und seinen Freund anzusehen. „Es bedeutet mir viel, dass du das so siehst."

Der Rothaarige lächelte schief. „Hey, ich bin dein Freund, Harry. Du kannst mir alles erzählen." Dann entgleisten seine Gesichtszüge einen Augenblick. „Okay, fast alles. Und nachdem wir das geklärt haben, spuck`s einfach aus: Wer ist es?"

Harry fühle, wie sich alles in ihm verkrampfte. Sein Magen rebellierte heftig, als er sich dafür bereit machte, das zu ertragen was nun kommen würde. „Es ist Draco Malfoy."

Eine beinah gespenstische Stille senkte sich über das kleine Turmzimmer. Der dunkle Gryffindor nestelte unsicher am Saum seines T-Shirts herum. Er wollte nicht der Erste sein, der das Schweigen brach. Vorsichtig hob er den Blick und sah seinen Freund an, nur um sich einen Augenblick später zu wünschen, es nicht getan zu haben.

Ron war gespenstisch blass geworden. Nein, er war beinah grün im Gesicht. Mit fassungslos aufgerissenen Augen starrte er Harry an. „Das... das ist ein Witz, oder?" kieckste er mit unnatürlich hoher Stimme.

„Ich fürchte nein", gab Harry tonlos zurück. „Er ist derjenige, den ich schon seit Februar liebe."

Das waren letztendlich die Worte, die das Fass zum Überlaufen brachten. „Draco Malfoy?! Du liebst Draco Malfoy? Wie kannst du den lieben?! Er ist ein widerliches, schleimiges, arrogantes Arschloch, das uns alle jahrelang gequält hat!"

„Er hat sich geändert, Ron", rechtfertigte sich Harry leise.

„Und das glaubst du ihm?" entfuhr es dem Anderen. „Er ist ein Malfoy! Er kann sich nicht ändern! Halbblüter wie du sind für ihn doch nur Abschaum! Er spielt mit dir, Harry! Vielleicht sagt er, dass er dich liebt, aber das sind doch alles nur Lügen!"

„Sind es nicht, Ron. Ich weiß es. Er ist nicht wie sein Vater."

„Ach nein? Ich sage dir mal was ich gehört habe: Ginny hat zufällig aufgeschnappt, dass Dracos Vater ihn im Sommer zu einem Todesser gemacht hat! Deswegen ist er auch nicht wieder zur Schule gekommen. Was sagst du nun zu deinem Lover?!"

Unsicher biss sich Harry auf die Lippen. Er hatte nicht gewollt, dass Ron es auf diese Weise erfuhr. „Draco hat es nicht freiwillig getan. Er wurde dazu gezwungen."

Entsetzen spiegelte sich in Rons Blick, als er seinen Freund musterte. „Du weißt es?! Du weißt es und hältst trotzdem zu ihm?! Wie kannst du nur!"

„Ich habe ihn aus dem Haus seiner Eltern gerettet und hierher gebracht", erwiderte Harry und sein Blick war hart, als er Ron ansah. „Ich konnte ihn nicht seinem Schicksal überlassen."

„Wieso nicht?" spuckte Ron ihm entgegen. „Schließlich sind es seine eigenen Leute. Er gehört nicht hier her, Harry. Verdammt, er ist ein Todesser!"

„Das Dunkle Mal macht ihn nicht zu Voldemorts Sklaven."

Ron zuckte bei der Erwähnung des Namens wie immer leicht zusammen und warf dem Dunklen einen bösen Blick zu. „Auf einmal bist du Experte in Schwarzer Magie", feixte er böse.

„Nein, das bin ich nicht", gab Harry zu. „Aber ich kenne Draco. Er würde niemandem etwas tun. Er ist kein Killer."

„Kein Killer? Draco Malfoy ist kein Killer?! Du bist doch krank, Harry! Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, was du da sagst!"

„Es tut mir leid, dass du es nicht verstehst, Ron. Als du noch nicht wusstest, von wem wir sprachen, war es für dich in Ordnung, dass ich einen Jungen liebe."

„Aber doch nicht Draco Malfoy!" erwiderte Ron. Sein Tonfall machte klar, wie absurd allein der Gedanke daran war.

„Warum nicht? Warum ist jeder andere in Ordnung, nur er nicht?!"

„Wenn du das nicht weißt, ist dir nicht mehr zu helfen", giftete Ron und stapfte wütend aus dem Raum.

Wütend sprang Harry auf und trat mit Wucht gegen den Bettpfosten, so dass das Holz unheilvoll knackte. Erregt lief er auf und ab, raufte sich die Haare und schlug seine Fäuste gegen die Wand, bevor er sich schließlich erneut auf die Bettkante sinken ließ. Verzweifelt barg Harry sein Gesicht in den Händen. Er hatte gewusst, dass es schwierig werden würde, seinen Freunden sein Geheimnis anzuvertrauen, aber so schlimm hatte er es sich nicht vorgestellt.

Warum war es nur so schwer zu verstehen, dass es für ihn keine Rolle spielte, wer Draco war? Er hatte gelernt, Vergangenes vergangen sein zu lassen. Warum konnte Ron das nicht auch?

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch schnappte sich Harry wahllos eine frische Schuluniform aus der Kiste und ging hinunter in die Waschräume, um sich für den Unterricht frisch zu machen. Er hatte keine Ahnung, wie er Ron gegenüber treten sollte, aber er konnte unmöglich schon wieder den Unterricht schwänzen.

XXXXXX

Alle Achtung. Weasely mag ja eine taube Nuss sein, aber eins muss man ihm lassen: Mut hat er jedenfalls." Draco schien schwer beeindruckt.

Beleidigt sah Harry ihn an. „Sag nicht, du bewunderst ihn auch noch dafür, dass er mir vorgeworfen hat, ich sei nicht ganz dicht."

Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich noch ganz andere Sachen gesagt..."

Das glaube ich gerne."

...oder sogar geglaubt, dass du unter einem Liebeszauber stehst."

Die Vermutung hat er später noch Hermine auf die Nase gebunden. Aber den Zahn hat sie ihm schnell gezogen."

Der Arme, das muss wirklich ein Schock für ihn gewesen sein", grinste der ehemalige Slytherin amüsiert.

Ist ja auch unglaublich. Wie kann ich mich bloß in so ein hässliches, böses Biest verlieben?" piesacke Harry seinen Partner liebevoll.

Vermutlich brauchte deine Brille mal wieder einen Reparo-Zauber", gab der Blonde achselzuckend zurück.

Der ehemalige Gryffindor schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich habe`s ja versucht, ich habe alles versucht, aber es hat nichts genutzt."

Triumphierend lehnte sich Draco in seinem Stuhl zurück. „Wie schade für Ron und wie gut für mich."

XXVIII. Beat it

 

You have to show them that you`re really not scared

You`re playing with your life, this ain`t no truth or dare

They`ll kick you, then they beat you

Then they`ll tell you it`s fair

So beat it, but you wanna be bad

 

(Michael Jackson, Beat it)

 

Die Nachricht kam überraschend. Draco war gerade dabei, die zerwühlten Laken seines Bettes wieder in Ordnung zu bringen, als er von Madame Pomfrey erfuhr, dass er heute in den Kerker der Slytherins zurück kehren konnte. Er hatte geglaubt - und heimlich gehofft - die Konfrontation mit seinen Kameraden noch ein paar Tage hinaus zögern zu können.

Er fühlte sich noch nicht dazu bereit, zumal er ahnte, dass sich die Wahrheit über seine Rückkehr bereits in seinem Haus herum gesprochen hatte. Viele der Slytherins hatten einen Todesser in der Familie oder zumindest Kontakt mit den Todesser-Kreisen. Es würde nicht einfach werden, sie davon zu überzeugen, dass er immer noch einer der ihren war.

Außerdem hatte Dumbledore noch nicht entschieden, ob und wann Draco seinen Zauberstab wieder bekommen würde. Noch nie war er so lange ohne ihn gewesen. Schon als kleines Kind hatten ihm seine Eltern einen Spielzeug-Zauberstab in die Hand gegeben und seitdem gehörte er zu ihm wie seine Arme und Beine. Ohne den Zauberstab fühlte sich Draco hilflos und verletzlich.

In sich versunken legte er die Robe zusammen, in der er gestern morgen bewusstlos hierher gebracht worden war. Konnte es sein, dass seitdem wirklich erst ein Tag vergangen war? Es schien ihm wie eine Ewigkeit. Sein ganzes Leben war auf einen Schlag auf den Kopf gestellt worden und er war sich nicht sicher, ob er es einfach wieder so aufnehmen konnte. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen verabschiedete er sich von Madame Pomfrey und ging dann durch die Tür der Krankenstation.

Draco achtete sorgfältig darauf, seinem Gesicht den üblichen, arroganten Ausdruck zu geben, als er die Treppe des Turmes hinunter lief. Die Schüler die ihm entgegen kamen, einige junge Hufflepuffs und Gryffindors senkten schnell die Köpfe, als sie ihn erkannten, wie er beruhigt feststellte. Die Ausbrüche des Eisprinzen von Slytherin waren berüchtigt. Als Draco dann die Treppe zu den Kerkern erreichte, traf er mit Gregory Goyle den ersten Slytherin aus seinem Jahrgang.

„Hey Greg", grüßte er den anderen in einem - wie er hoffte- überheblichen, unfreundlichen Tonfall.

Der Kopf des Angesprochenen zuckte zu ihm herum. „Dray", stotterte er unsicher. Schnell blickte er sich um. „Dann sind die Gerüchte also wahr."

„Gerüchte sind das, was sie immer sind, nämlich Gerüchte, Greg", schnarrte Draco böse und ging neben dem Jungen her. Ihm war im Moment noch weniger als sonst nach Goyles Gesellschaft, aber er brauchte ihn, um in den Gemeinschaftsraum zu kommen. Schließlich kannte er das neue Passwort noch nicht und vermutlich war von allen Slytherins, denen er hätte begegnen können, Goyle das wohl kleinste Übel.

„Hast du wirklich das Dunkle Mal bekommen?" fragte ihn der Andere vorsichtig. Es verwunderte Draco immer wieder, wie jemand der so riesig war wie Goyle, es tatsächlich schaffte, wie ein Kleinkind aus der Wäsche zu gucken.

„Auch wenn es dich nicht das geringste angeht: Ja, habe ich." Er sah sich nach allen Seiten um, dann entblößte er für einen kurzen Moment seinen Unterarm. Gregs Augen wurden groß wie Untertassen. Goyle senior hatte sich in den letzten Tagen von Voldmorts erstem Aufstieg kennzeichnen lassen und seit der Rückkehr des Dunklen Lords träumte Greg davon, seinem Vater nachzufolgen.

Sein Mund stand immer noch offen, als sie den Eingang zum Gemeinschaftsraum erreichten. „Das Passwort, Greg", drängte ihn Draco, der nur darauf wartete, seinen Kumpanen los zu werden.

„Trollbein", erwiderte der andere Junge wie aus der Pistole geschossen und der Eingang öffnete sich.

`Kein Wunder, dass er sich dieses Passwort merken kann`, dachte Draco gehässig, dann trat er ins Innere.

Der Gemeinschaftsraum war voller Schüler und Draco fiel in diesem Moment ein, dass er vergessen hatte Greg zu fragen, warum er eigentlich nicht im Unterricht war. Alle Augen richteten sich auf ihn und die Gespräche, die eben noch im Gang waren, verstummten. Mit verschlossenem Gesicht durchquerte Draco den Raum, ohne nach rechts oder links zu sehen.

Er wollte jetzt keine Fragen, keine Erklärung abgeben. Und schon gar nicht bei so vielen Slytherins auf einmal. Alles was er wollte, war seine Ruhe. Er würde sich ins Bett legen, nachdem er einen Silencio Zauber darüber verhängt hatte und sich eine Strategie überlegen, wie er weiter vorgehen würde... Nun ja, den Silencio Zauber konnte er vergessen, denn er hatte ja immer noch keinen Zauberstab.

Er fühlte ihre Blicke wie Feuer in seinem Rücken, als er in seinen Schlafraum schlüpfte und die Tür direkt hinter sich ins Schloss fallen ließ. Schwer atmend lehnte er sich gegen das dunkle Holz. Schweigend lauschte er in die Stille. Noch immer war kein Laut zu hören, so als hätten alle Schüler auf einmal den Gemeinschaftsraum verlassen, doch Draco beschloss, das Risiko nicht einzugehen, nachzusehen.

Mit einem Ruck flog die Tür nach innen und Draco taumelte nach vorn. Seine Hand fuhr unwillkürlich zu seiner Hosentasche, wo er sonst seinen Zauberstab aufbewahrte, doch dieses Mal griff sie ins Leere.

Verdammt...

Ein ganzer Pulk Jungen drängte sich durch die entstandene Öffnung in den Raum. An ihrer Spitze stand ein äußerst gehässig aussehender Theodore Nott. Der blonde Slytherin straffte sich und starrte böse zurück.

„Sieh an, sieh an", begann Nott in dem üblichen öligen Tonfall, den Draco so an ihm hasste. „Der Prinz von Slytherin kehrt also doch zurück."

„Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, falls du geglaubt hast, der Dunkle Lord würde mich töten", gab Draco mit kalter Stimme zurück. Er funkelte die anderen Slytherins an, die sich hinter Nott drängten. „Ich kann mich nicht daran erinnern, auch nur einen von euch in meinen Schlafraum eingeladen zu haben. Also raus mit euch und zwar schnell!"

„Ich glaube nicht, dass du hier in der Lage bist, Befehle zu geben, du Verräter!" erwiderte Nott bissig und nickte zwei stämmigen Fünftklässlern zu, die sich neben ihm aufbauten.

„Ich bin kein Verräter, du widerliche Ratte!" spuckte Draco ihm entgegen. Noch war nichts verloren. Mit Nott allein würde er fertig werden, wenn es ihm gelang, ihn daran zu hindern, seinen Zauberstab zu ziehen. Hauptsache, die anderen Slytherins hielten sich aus der Sache heraus. Er streifte die Menge mit einem Blick. Hauptsächlich waren es jüngere Schüler, die sich in seinem Zimmer versammelt hatten. Crabbe, Goyle, Pansy und Blaise konnte er nirgendwo entdecken.

„Da bin ich ein paar Tage überfällig und schon stellt ihr euch alle hinter diesen Möchtegern Zauberer!" Einige der Jungen schienen unsicher zu werden. Zentimeter um Zentimeter wichen sie zurück. Das war der Zeitpunkt, um ihre Zweifel ein für alle Mal zu zerstreuen. Seine Hände zitterten kaum merklich, als Draco das zweite Mal an diesem Vormittag das Dunkle Mal entblößte.

„Schaut her, ich trage Sein Zeichen. Was könnte mich wohl mehr zu einem Slytherin machen?"

„Jedenfalls nicht Potters Schwanz in deinem Arsch", zischte Nott und gab den beiden Gorillas neben sich ein Zeichen. Mit einem fiesen Grinsen gingen die Jungen auf Draco zu, während sich Theo wohlweislich im Hintergrund hielt.

„Fahr zur Hölle, Nott", knurrte Draco wütend und ballte die Hände zu Fäusten.

`Was für eine billige Kopie`, dachte er noch, als er sich unter dem ersten Schlag hindurch duckte. Beinah war er froh, dass Notts Schläger scheinbar zu dumm waren, um ihm einen Fluch auf den Hals zu hetzen. Mit körperlicher Gewalt konnte er besser umgehen.

Er verpasste dem rechten von ihnen einen Kinnhaken, so dass der Kopf des Jungen nach hinten flog, während er gleichzeitig dem Anderen sein Knie in die Magengrube rammte. Der Schläger stöhnte auf, doch er hatte noch genug Kraft, um seinerseits einen Schlag in Dracos Gesicht ausführen zu können. Die Faust landete hart am Kiefer des Blonden. Es gab ein hässliches Knacken und Blut sickerte aus seinem Mund.

Ein starker Schmerz durchzuckte Dracos Gesicht und er meinte Sterne zu sehen. Offensichtlich war er noch zu geschwächt vom Cruciatus-Fluch, den er gestern hatte einstecken müssen. Schnell schüttelte er den Kopf, um die Benommenheit abzuschütteln. Er trat den ersten Jungen, der sich das Kinn hielt mit Wucht in die Brust, doch seine Bewegungen waren zu langsam. Der Schlag, der ihn an der Schläfe traf, schickte Draco zu Boden. Die Sterne vor seinen Augen nahmen zu und wurden zu ganzen Planetensystemen.

Ein spitzer Schmerzensschrei entwich seinen Lippen, als ein harter Tritt seinen Unterleib traf. Weitere Tritte in den Bauch und in die Rippen folgten, doch er biss die Zähne so fest zusammen, dass er meinte, sein Kiefer müsste brechen - falls er es von dem Schlag, den er abbekommen hatte nicht schon war. Schützend rollte er sich zusammen, versuchte den Schlägen und Tritten so wenig Angriffsfläche wie möglich zu geben.

Der metallische Geschmack von Blut in seinem Mund ließ ihn würgen und Draco hoffte, dass er sich wenigstens nicht auch noch vor Notts Füße erbrechen würde. Ein schweres, taubes Gefühl überlagerte seine Gedanken. Ein schwarzer Schleier trübte seine Sicht und die Geräusche um ihn herum schienen auf einmal von sehr weit weg zu kommen.

„Was tut ihr hier, ihr Idioten?!" hörte er eine aufgebrachte Stimme. Mühsam versuchte er sie zuzuordnen, doch seine Gedanken entglitten ihm immer wieder, bei dem Kampf nicht in die Bewusstlosigkeit abzudriften. „Raus hier, verdammte Scheiße, oder ihr findet euch alle auf der Krankenstation wieder, bevor ihr Salathar Slytherin sagen könnt!"

Blaise. Niemand hatte einen derart eingeschränkten Wortschatz wie Blaise Zabini. Trotz der Schmerzen musste Draco beinah lächeln. Er hörte das Rascheln von vielen Umhängen, als sich die Schüler aus dem Zimmer zurück zogen und dann einen lauten Knall, als die Tür mit Wucht zu geworfen wurde.

Schritte näherten sich ihm und er fühlte einen Lufthauch, als sich Blaise neben ihn hockte. „Verdammt, Dray, was machst du für Sachen? Da nutzte ich einmal eine Freistunde zum Fummeln und du...Wenn Greg mich nicht geholt hätte, wer weiß was dieser irre Nott mit seinen Schlägern noch gemacht hätte."

Dracos Kopf schien zu bersten, dennoch schaffte er es, gegen die Dunkelheit an zu blinzeln. Das Lächeln, das er seinem Freund schenkte war mehr eine Grimasse, als er versuchte sich aufzurappeln. „Ich bin auch froh dich zu sehen, Blaise. Es geht doch nichts darüber wieder in Hogwarts zu sein."

XXXXXX

Mit gerunzelter Stirn starrte Draco auf das Schachbrett vor sich auf dem Tisch. Es waren jetzt schon geschlagene zehn Minuten vergangen, seit Harry seinen letzten Zug gemacht hatte.

Wird das heute noch mal was, love?" fragte der Dunkle gelangweilt, während er seine Notizen überflog.

Hetz mich nicht, ich habe dich schließlich auch in Ruhe deinen Zug machen lassen", gab Draco gereizt zurück. Die ersten beiden Partien heute hatte er knapp verloren und Harry wusste, wenn sein Partner diese ebenfalls nicht als Gewinner beenden würde, wurde es Zeit für ein neues Zauberschachbrett.

Nimm dir nur soviel Zeit, wie du brauchst", erwiderte der ehemalige Gryffindor beschwichtigend und stand auf. „Ich hole uns in der Zwischenzeit eine neue Flasche Wein aus der Küche."

Draco knurrte nur etwas Unverständliches, während er weiter die auf dem Brett stehenden Figuren zu hypnotisieren schien. Als Harry kurz darauf zurück kam und einen kurzen Blick auf das Spiel riskierte, hatten die Spielfiguren auf wundersame Weise ihre Position verändert.

Er lächelte wissend in sich hinein, als Draco seinen Springer setzte, der daraufhin Harrys Dame den Kopf abschlug. „Sieh an, ich hätte schwören können, der Springer stand vorhin noch neben deinem Turm."

Unbeeindruckt verschränkte Draco die Arme vor der Brust. „Willst du damit etwa andeuten, ich würde mogeln?"

Harrys Lächeln wurde noch eine Spur breiter, als er sein Pferd vorrückte. Wissend, dass die Partie nun an Draco gehen würde. „Aber niemals, love. Ich würde sagen, du spielst ganz einfach die Slytherin-Version des Spiels."

Und das mehr als erfolgreich", fügte der Blonde zufrieden hinzu. Er setzte seine Dame vor Harrys König. „Schach matt, babe."

Der ehemalige Gryffindor deutete einen Verbeugung an. „Meinen herzlichen Glückwunsch."

Bekommt der Sieger keinen Kuss?" fragte Draco gespielt beleidigt.

Grinsend beugte sich Harry über das Schachbrett und legte seine Lippen sanft auf die seines Partners. „Eine Million Küsse, wenn du willst, love."

Tbc...