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LII. Toy Soldiers (Part Two)

 

I`m supposed to be the soldier who never blows his composure

Even though I hold the weight of the whole world on my shoulders

I`m never supposed to show it, my crew ain`t supposed to know it

 

(Eminem, Like Toy Soldiers) 

 

Die Entfernung zwischen den Schlangen und den drei Jugendlichen schmolz von Sekunde und Sekunde, während die Gryffindors sich immer weiter zurück zogen, wobei Harry den unter dem Imperius-Fluch stehenden Kobold Griphook mit sich zog. Keiner von ihnen achtete darauf, dass der Vielsafttrank dabei war seine Wirkung zu verlieren und Harry immer mehr wie Harry aussah.

„Oh Merlin, wir werden alle sterben", wimmerte Ron leise, den Arm mit dem Schlangenbiss eng an den Körper gedrückt. Mit der anderen Hand umklammerte er den Zauberstab, den er in Richtung der angriffslustig zischenden Reptilien gerichtet hielt.

„Niemand stirbt hier", erwiderte Harry verbissen, als er den Becher, den Hermine ihm gegeben hatte, unter seinem Umhang verstaute und dann den Kobold mit beiden Händen heftig schüttelte. „Griphook, Sie müssen mir sagen, wie man hier raus kommt!"

„Es gibt keinen Weg", erwiderte der Kobold mit der Stimme eines Schlafwandlers. „Dieses Verlies besitzt eine besondere Diebstahlsicherung. Sie wurde bei Betreten nicht deaktiviert und ist nun in Kraft getreten."

„Hätten Sie uns das nicht vorher sagen können?" fragte Hermine entrüstet.

„Miss hat nicht gefragt", erwiderte Griphook prompt.

Natürlich, durch den Imperius-Fluch war der Kobold wie eine Marionette. Hermine hatte ihm befohlen, das Verlies zu öffnen und genau das hatte er getan. Nicht mehr und nicht weniger. Doch jetzt war es zu spät, um über das Wie und Warum zu diskutieren. Im Moment galt es erst einmal zu überleben.

„Wir werden schon einen Weg finden, wenn wir erst einmal mit diesen Viechern fertig geworden sind", sagte Harry, um sich und seinen Freunden Mut zu machen. „Ich werde ihnen einfach befehlen, uns in Ruhe zu lassen."

Er konzentrierte sich so gut es unter diesen Umständen ging, dann sah er der Schlange, die ihm am nächsten war, direkt in die Augen. Ein Zischen entwich seinen Lippen. Die Worte in Parsel waren leise und doch beschwörend, von einer unterschwelligen Eindringlichkeit erfüllt. Die Schlange antwortete ebenfalls mit einem Zischlaut. Ihre Zunge zuckte dabei aus ihrem Mund und auch wenn Ron und Hermine nicht verstanden, was sie sagte, so hörte es sich in ihren Ohren ganz sicher nicht freundlich an. Die anderen Schlangen stimmten mit ein und schon einen Augenblick später war die Höhle erfüllt von Zischgeräuschen, die den Jugendlichen eine Gänsehaut über den Körper schickten.

„Sie hören nicht auf mich", übersetzte Harry die Laute der Reptilien. „Alles was sie sagen ist: Töten, töten, töten..."

„Das ist ja sehr ermutigend", stöhnte Ron mit zusammen gebissenen Zähnen. „Ich hoffe schwer, du hast noch einen Plan B in der Hinterhand."

Frustriert fuhr sich der dunkle Gryffindor mit der Hand durch die inzwischen wieder rabenschwarzen Haare. „Das Einzige, was mir einfällt ist sie zu bekämpfen. Eine Schlange nach der anderen." Entschlossen zog er seinen Zauberstab hervor.

„Nein, Harry", schaltete sich Hermine ein. „Du darfst deinen Stab nicht benutzen! Sonst weiß das Ministerium sofort Bescheid!"

„Na und?" schrie Harry, während er voller Panik auf die herannahende Gefahr starrte. „Vergiss das Ministerium, Mine! Wir sind eingeschlossen und werden hier von giftigen Schlangen bedroht!"

„Achte du nur auf Griphook. Ich halte die Schlangen auf. Stupor!" Mit einem gezielten Schockzauber traf Hermine die erste Schlange, die nach ihrem Fuß schnappte. In einem hohen Bogen schnellte das Reptil in die Luft und prallte gegen die gegenüber liegende Wand. Ermutigt durch den Erfolg, gelang es auch Ron eine Schlange zu schocken.

Harry war hin und her gerissen. Einerseits wusste er, dass Hermine recht hatte. Er durfte nicht zaubern, wenn er sich nicht in furchtbare Schwierigkeiten bringen wollte. Andererseits konnte er nicht einfach hier stehen und dabei zusehen, wie Ron und Hermine um ihr Leben kämpften. Entschlossen schob er den teilnahmslosen Kobold hinter sich und drückte ihm die Fackel in die Hand, die die einzige Lichtquelle war. Dann bückte er sich und kramte aus einer Truhe ein altes, rostiges Schwert hervor. Nun ja, es war nicht gerade Gryffindors Schwert, aber es würde als Waffe reichen müssen. Mittlerweile waren sie in die hinterste Ecke des Verlieses zurück gewichen. Es war kaum genug Platz da, um die Arme auszustrecken, geschweige denn um zu kämpfen. Mit dem Mut der Verzweiflung warf sich Harry nach vorn und schlug einer der Schlangen den Kopf ab, aus dem Augenwinkel registrierend, dass seine Freunde einen Fluch nach dem anderen abschossen. Doch so viele Schlangen sie auch töteten, es kamen immer mehr nach. Es war wie ein endloser Strom aus grünen, braunen und schwarzen Leibern, der aus jeder Ecke auf sie zugekrochen kam, mit nur einem Ziel: Die drei Jugendlichen zu töten.

Doch die Gryffindors gaben nicht auf. Innerhalb von Minuten war Harry umgeben von Dutzenden toter Schlangen. Vor Anstrengung lief ihm der Schweiß in Strömen die Stirn herab und mischte sich dort mit dem Blut der Reptilien.

Auch Hermine kämpfte wie noch nie in ihrem Leben. Im Sekundentakt schoss sie Flüche auf die angreifenden Tiere und versuchte nebenbei Ron zu decken, dessen Kraft immer mehr nachließ. Das Schlangengift zeigte bereits seine Wirkung. Sein Gesicht war auffallend blass und verschwitzt und die Hand, die seinen Zauberstab hielt, zitterte. Es war nur noch eine Frage von Minuten, bevor er zusammen brechen würde.

Harry hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, als ein plötzliches „Plopp" hinter ihm ertönte. „Harry Potter Sir! Dobby hat Sie gefunden! Harry Potter und Freunde müssen schnell hier raus!"

„Dobby!" Mit einer Mischung aus Überraschung und Erleichterung sah Harry den Hauselfen hinter sich in der Ecke stehen. Die Tennisball großen Augen der kleinen Gestalt leuchteten im schwachen Licht, als er strahlend von einem zum anderen sah. „Kannst du uns nach Hogwarts bringen?"

„Dobby kann. Dobby ist hier her geschickt worden, um zu helfen." Er streckte Harry seine kleine Hand entgegen.

„Nimm zuerst Ron mit", befahl der dunkle Gryffindor dem Elfen, als er im letzten Moment eine Schlange in zwei Hälften teilte, die gerade zum Sprung auf sie ansetzte.

„Nein, Hermine geht zuerst", widersprach Ron schwach, während er sich mit der Schulter an der Wand abstützte.

„Sei nicht albern", erwiderte das Mädchen barsch. „Du kannst kaum stehen. Geh mit Dobby. Wir kommen hier schon klar."

Zwar sah der rothaarige Junge nicht begeistert aus, aber er wusste, dass sie recht hatte. „Passt auf euch auf", sagte er und schoss noch einen letzten Fluch ab, bevor er Dobby die Hand hin streckte. Erneut ploppte es, dann war der Elf mit dem Gryffindor verschwunden.

Hermine straffte sich. „Ich denke, wir müssen hier mal härtere Geschütze auffahren. Serpensortia!"

Eine grüne Schlange schoss aus ihrem Zauberstab hervor und ging auf die anderen Reptilien los. Ein wilder Kampf entbrannte und die Höhle war erfüllt von lautem Zischen und dem schleifenden Geräusch sich bewegender Schlangen. Durch einen Schwellzauber vergrößerte das Mädchen die verzauberte Schlange, die wie ein Berserker unter ihren Artgenossen wütete.

„Wow", entfuhr es Harry beeindruckt. „Das war richtig gut."

„Danke." Das Mädchen errötete leicht, doch sie hatten nur kurz Zeit sich über den Triumph zu freuen. Das Licht der Fackel zitterte und Harry erkannte mit Schrecken, dass das Pech am Ende des Stocks fast aufgebraucht war. Wenn sie erlöschen sollte, solange sie noch hier drinnen waren.... Darüber wollte Harry lieber nicht nachdenken.

Ein erneutes „Plopp" kündete Dobbys Rückkehr an. „Hast du Ron nach Hogwarts gebracht?" fragte Hermine sofort. Die Besorgnis war ihr mehr als deutlich ins Gesicht geschrieben.

Der Elf nickte. „Dobby hat ihn vor der Krankenstation abgesetzt."

„Gut, dann nimm jetzt Hermine mit", wies ihn Harry an.

„Nein!" rief Hermine bestimmt. „Das kommt gar nicht in Frage! Du gehst als nächstes, Harry!"

„Nein, Mine", erwiderte der Junge. „Ich gehe als letzter."

„Das ist Wahnsinn, Harry! Das Licht wird gleich erlöschen und du kannst nicht zaubern!"

„Ich könnte Ron nie wieder in die Augen sehen, wenn dir was passiert und deshalb gehst du jetzt. Mach dir keine Sorgen um mich." Der dunkle Gryffindor schob das Mädchen in die Richtung des Hauselfen.

„Harry, du sturer...!" Der Rest des Satzes blieb unvollendet, als Dobby das Mädchen einfach am Arm berührte und mit ihr aus dem Verlies verschwand.

Zitternd atmete der Junge durch. „Dann bleiben nur noch wir zwei", sagte er zu Griphook, der vor sich hin starrte, als existiere das alles um ihn herum gar nicht. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in einem Verlies an der Seite eines Kobolds sterbe", murmelte Harry und umfasste das Schwert fester.

Die anderen Schlangen hatte mittlerweile Hermines verzaubertes Reptil eingekreist und attackierten es von allen Seiten. Zwei schwarze Schlangen schossen schließlich gleichzeitig vor und gruben ihre Zähne in den Kopf der magisch vergrößerten Kreatur, dann wurde auf einen Schlag alles schwarz. Die Fackel rauchte ein letztes Mal und erlosch mit einem leisen Knistern.

Eine eisige Hand legte sich um das Herz des Gryffindors. Er wusste, dass er keine Chance hatte, den nächsten Angriff der Schlangen abzuwehren. So weit wie möglich tastete er sich rückwärts, bis er den Körper des Kobolds und die kalte Steinwand hinter sich fühlte. Aufmerksam lauschte er in die Dunkelheit, darauf wartend, dass die Schlangen sich wieder nähern würden. Ein Lufthauch direkt vor ihm ließ ihn zusammen zucken, doch es war keines der Reptilien, sondern Dobby, der ihn wortlos ergriff und mit ihm verschwand. Harry hatte keine Zeit zu protestieren. Ehe er sich versah, stand er auf dem Flur vor der Krankenstation.

„Alles in Ordnung, Harry Potter Sir?" fragte der Elf besorgt. „Harry Potter und seine Freunde sind jetzt in Sicherheit."

„Danke, Dobby", sagte der dunke Gryffindor sofort. „Mir geht es gut. Das war wirklich Rettung in letzter Sekunde. Aber so leid es mir tut, du musst noch mal zurück. Wir können Griphook nicht in dem Verlies lassen. Bitte Dobby, hol ihn zu uns."

Der Elf kniff skeptisch die Augen zusammen. „Dobby soll den Kobold nach Hogwarts bringen?"

„Nur vorübergehend, bis wir sein Gedächtnis verändert haben", erwiderte Harry schnell. „Bitte Dobby, tu es für mich."

„Dobby wird es tun. Dobby wird den Kobold aus dem Verlies holen." Mit einem Plopp verschwand der Elf.

Erschöpft lehnte sich Harry an die kühle Wand des Schlosses. Es war vorbei. Sie hatten es tatsächlich geschafft, aus dem Verlies zu entkommen. Obwohl es nicht ihr Verdienst war. Das hatten sie nur Dobby zu verdanken. Doch wer mochte ihn dorthin geschickt haben? Es wusste schließlich niemand von ihrem Plan. Eine Welle der Übelkeit kämpfte sich in Harrys Magen nach oben und er beschloss, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, wenn der Hauself zurück war. Seine Nerven lagen im Moment einfach zu blank, als dass er vernünftig hätte denken können. Das Blut rauschte in seinen Ohren und seine Knie fühlten sich an, als seien sie aus Pudding. Noch immer hielt er das alte, rostige Schwert in der Hand. Die Schneide war klebrig vom Blut der Reptilien.

Einen langen Moment stand der Junge einfach da und starrte auf die Waffe, bevor er sich vorsichtig umsah und sie dann in der hohlen Statue von Hortensia, der Heilenden versteckte, die gegenüber der Krankenstation in einer Nische stand. Es würde schwer genug werden, Madam Pomfrey Rons Zustand zu erklären, auch ohne dass er mit einem gestohlenen Schwert in den Krankensaal trat.

Harry hatte die Hand schon zum Türgriff ausgestreckt, als es erneut ploppte und Dobby einige Meter entfernt landete. Der kleine Elf atmete schwer. Der schlaffe Körper des Kobolds in seinen Armen zwang ihn in die Knie. Sofort stürzte Harry zu ihm herüber und nahm Griphooks aus Dobbys festem Griff. Er brauchte nur einen Blick in die starren Augen des Kobolds zu werfen, um zu wissen, dass ihr Rettungsversuch fehlgeschlagen war. „Harry Potter, es tut Dobby leid, aber Dobby ist zu spät gekommen", keuchte der Elf. „Der Kobold war schon von mehreren Schlangen gebissen worden. Dobby konnte nichts mehr tun."

„Es ist nicht deine Schuld, Dobby", beruhigte Harry die zitternde Gestalt. Sein Magen fühlte sich plötzlich wie Eis an. „Es ist allein meine. Ich habe ihn gezwungen uns in das Verlies zu lassen und ich habe ihn hinein gezogen, als die Tür sich schloss. Ich hätte einen anderen Weg finden müssen. Niemals hätte ich einen unschuldigen Kobold gefährden dürfen. Es ist meine Schuld. Meine Schuld."

Wie in Trance saß der dunkle Gryffindor da und ließ die Ereignisse in der Zaubererbank Revue passieren, während Dobby etwas abseits kniete. Doch plötzlich gab der Elf einen gequälten Laut von sich. Seine Muskeln gaben nach und er kippte einfach um, so dass er auf der Seite auf dem kalten Steinboden lag. Die großen Glubschaugen verdrehten sich, so dass nur noch das Weiße zu sehen war und Schaum trat aus seinem Mund.

„Dobby!" schrie Harry entsetzt. Auf allen Vieren stürzte er zu dem zitternden Hauselfen. Fieberhaft suchte er den kleinen Körper nach Verletzungen ab. Am Oberschenkel, unter dem Rand des Geschirrtuchs fand er schließlich die verräterischen Bissspuren einer Schlange.

„Nein, Dobby, nein!" Beherzt nahm Harry den Elfen auf seine Arme. „Halt durch", beschwor er ihn, als er sich mühsam auf die Beine kämpfte. „Ich bring dich zu Madam Pomfrey."

Dobbys Kehle entkam ein schwaches Gurgeln. Seine Fledermausohren hingen schlaff herab und Tränen rannen aus seinen Augen. „Es tut Dobby leid, Harry Potter", flüsterte er erstickt. „Dobby kann jetzt nicht mehr helfen. Harry Potter muss jetzt ohne Dobby zurecht kommen...."

Mit dem letzten Wort entwich dem kleinen Geschöpf der Atem, seine Muskeln erschlafften und sein Kopf sackte nach hinten. Die Tennisball großen Augen starrten blicklos ins Leere. Dobby war tot. Gestorben um Harry und seine Freunde zu retten. Gestorben, weil Harry ihn zurück geschickt hatte, um Griphook aus dem Verlies zu holen. Gestorben weil er ein gutes Herz hatte.

Harry Beine knickten ein und er sackte mit dem Elfen erneut auf den Fußboden. Alles in ihm war leer. Er wollte schreien. Er wollte weinen. Er wollte Dobby in seinen Armen schütteln, bis der Elf ihn ansehen und mit ihm sprechen würde. Aber Dobby würde das nie wieder tun. Dobby war fort. Er hatte ihn verlassen. Wie seine Eltern. Wie Sirius. Wie der Kobold, der neben ihm auf dem Steinboden lag. Harry fühlte den Becher durch die Kleidung gegen seinen Körper drücken. Wieder hatten sie einen hohen Preis für einen Horcrux bezahlt. Wieder hatten sie ihn durch Blut erkaufen müssen. Wieder hatte Voldemort ihm etwas weggenommen.

Harry wusste, dass er aufstehen musste. Nur eine Tür trennte ihn von der Krankenstation und Madam Pomfrey und seinen Freunden. Es grenzte ohnehin schon an ein Wunder, dass sie nichts von den Ereignissen hier draußen mitbekommen hatten, doch jeden Moment konnte jemand die Tür aufmachen, um nach ihm zu sehen. Er musste Dobby und Griphook von hier weg bringen, doch Harry konnte sich nicht rühren. Er wollte Dobby nicht loslassen. Wenn er ihn erst ablegte, dann würde es real werden, dass der Elf wirklich tot war. Lieber wollte er ihn weiter halten. Ihm das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit geben, das Dobby im Leben nie gekannt hatte. Harry hatte ihm nicht einmal mehr sagen können, wie dankbar er ihm war. Er verdankte Dobby sein Leben. Das würde er nie vergessen. Niemals, das schwor er sich.

Vielleicht war es eine Ewigkeit oder auch nur eine Minute, bis Harry endlich wieder Kontrolle über seine Muskeln erlangte. Mühsam beherrscht schloss er den beiden Toten die Augen, bevor er Dobby auf dem Boden ablegte und sich aufrichtete. Auch wenn er ihn noch nie benutzt hatte, wusste Harry, dass sich hier in der Nähe ein Geheimgang befand, der bis zum Verbotenen Wald reichte. Mit einem Locomotor-Zauber ließ er die beiden Leichen neben sich schweben, bis er den Eingang erreichte, wo er eine Öllampe fand. Der Gang war uneben, eng und zum Teil so niedrig, dass er nur gebückt laufen konnte, doch Harry schaffte es dennoch den Kobld und den Elfen nicht fallen zu lassen. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, doch irgendwann führte der Weg steil bergauf. Frische Luft wehte herein und plötzlich fand sich Harry in einem hohlen Baum wieder. Als er hinaus ins Freie trat, stellte er fest, dass sich bereits der Abend über Hogwarts herab gesenkt hatte. Der Himmel war sternenklar und ein großer, voller Mond tauchte das Schloss und die Ländereien in sein kaltes, blasses Licht.

Schweigend brach Harry zwei lange Äste von einer alten Eiche ab und transformierte sie in große, weiße Laken, in die er Dobby und Griphook einwickelte. Er dachte kurz daran, dass es vielleicht besser wäre, ins Schloss zurück zu kehren und morgen fortzufahren. Bestimmt sorgten sich seine Freunde schon. Doch Harry hatte Angst, dass sich wilde Tiere aus dem Wald an den beiden Toten vergreifen könnten, deshalb beschloss er, es heute zu beenden. Er brach einen weiteren Ast ab, den er in eine Schaufel verwandelte. Ohne zu zögern begann er am Waldrand zu graben. Der Boden war feucht, die Erde dunkel und schwer, denn es hatte gestern noch geregnet. Natürlich hätte er die Grube mit Magie innerhalb von Sekunden ausheben können, doch das wollte Harry nicht. Es sollte echt sein. Es sollte zeigen, wie viel ihm an Dobby gelegen hatte. Er wollte jede Schaufel voller Erde in seinen Muskeln fühlen.

Innerhalb kürzester Zeit war sein Körper Schweiß nass. Seine Arme und sein Rücken schmerzten und an seinen Händen hatten sich Blasen gebildet, doch Harry schuftete wie ein Besessener. Er wollte nicht denken. Stattdessen wollte er den Schmerz in jeder Faser seines Körpers fühlen. Es half ihm den Schmerz in seinem Herzen besser zu ertragen. Immer wieder drückte er die Schaufel in das tiefe Erdreich und immer wieder warf er die kühle Erde auf einen Haufen neben der Grube. Immer wieder. Immer weiter. Immer tiefer. Bis er endlich der Meinung war, dass das Grab nun tief genug war.

Vorsichtig, so als seien die beiden Körper aus Glas, nahm er erst den Kobold und dann den Elfen und legte sie nebeneinander in die kleine Grube, bevor er das Grab sorgsam wieder mit Erde bedeckte. Er hätte gern mehr getan. Von seiner Tante und seinem Onkel wusste er, dass ein Geistlicher auf Muggel-Beerdigungen sprach, doch Harry war erschöpft, ganz allein und er kannte keine Gebete, die er hätte sagen können. Daher pflückte er lediglich ein paar Blumen ab, die in der Nähe am Waldrand wuchsen und legte sie auf den frischen Erdhaufen.

„Danke", flüsterte er in die Stille hinein. Das war alles. Ein kurzes, einfaches Dankeschön für die beiden Wesen, die ihm heute geholfen und diese Hilfe mit ihrem Leben bezahlt hatten. Der Junge fühlte Tränen in sich aufsteigen, doch er drängte sie zurück. Er würde jetzt nicht weinen, dafür war später im Bett noch genug Zeit. Nun musste er zuerst einmal zurück ins Schloss und nachsehen, ob mit seinen Freunden alles in Ordnung war.

XXXXXX

„Wo bist du gewesen? Und wie siehst du überhaupt aus? Ist alles in Ordnung mit dir?" Kaum dass Harry durch den Geheimgang die Schule erreicht hatte, stürmten Hermine und Draco auf ihn zu. Der Anblick, den der Gryffindor bot, war geradezu beängstigend. Er taumelte, seine Kleidung getränkt von Erde, Schweiß und Blut. Ihre Mienen waren ernst, als sie ihn ausgiebig musterten, doch Harry hatte nicht mehr die Kraft, um auf ihre Fragen zu antworten. Er wusste nicht, wie er den Rückweg überhaupt bewältigt hatte, doch jetzt wo er sein Ziel erreicht hatte, brach er völlig zusammen. Seine Beine verweigerten ihm den Dienst, er strauchelte und wäre wohl zu Boden gestürzt, wenn ihn seine Freunde nicht aufgefangen und vorsichtig an der Wand abgesetzt hätten.

„Rede mit mir Harry", bat Hermine eindringlich. „Was ist passiert?"

Mühsam schüttelte er den Kopf. Seine Zunge fühlte sich dick und taub an. Schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen. Vorsichtig nahm das Mädchen seine Hand in die ihre. Sie erschauderte, als sie die blutigen Wunden erblickte. Die Haut an seinen Handflächen hing in Fetzen herab. Darunter kam das rote, schiere Fleisch zu Vorschein.

Auch Draco war entsetzt über den Zustand, in dem sich sein Freund befand. Während der Siegesfeier der Slytherins , die im Anschluss an das Quidditch Spiel stattfand, hatte die Münze, die an einer Kette um seinen Hals hing, plötzlich angefangen hell zu leuchten. Harry war in Gefahr! Sofort hatte sich Draco auf die Suche nach dem dunklen Gryffindor gemacht und war schließlich Hermine in die Arme gelaufen, die ihm eine wirre Geschichte vom Wiesel und Schlangen im Verbotenen Wald aufgetischt hatte. Nachdem sie zu zweit erneut das ganze Schloss durchkämmt hatten, war Draco kurz davor gewesen, Harrys Abwesenheit einem Lehrer zu melden, doch dann taumelte der Schwarzhaarige ihnen ganz unerwartet vor der Krankenstation in die Arme.

„Das kann ich nicht einfach heilen", sagte der Slytherin an das Mädchen gewandt. „Ein Episkey würde da nicht reichen. Außerdem müssen die Wunden vorher gereinigt werden."

Vorsichtig strich er seinem Freund das verschwitzte Haar aus der Stirn. „Kannst du aufstehen, Harry? Wir bringen dich zu Madam Pomfrey."

Der Gryffindor nickte mechanisch. Er wehrte sich nicht, als ihn Draco auf die Beine zog und seinen Arm um Harrys Taille legte, um ihn zu stützten, doch sein Blick blieb ausdruckslos und er ließ sich mehr von Draco tragen, als dass er selbst lief. Madam Pomfrey stellte gerade einen Paravent um das Bett, in dem Ron schlief, als die Drei den Raum betraten. Der rothaarige Junge wirkte immer noch sehr blass, aber dank Dobbys schneller Hilfe und der Erfahrung der Schulschwester, war er nicht mehr in Lebensgefahr.

„Gütiger Himmel", entfuhr es der Frau, als ihr Blick auf die Neuankömmlinge fiel. „War Mr. Potter etwa auch mit im Wald?"

Hermine nickte nur. Gemeinsam mit Draco gelang es ihr, den verletzten Jungen auf einem der Betten abzulegen. Harry war ihnen dabei keine Hilfe. Er ließ alles mit sich geschehen, doch rührte selbst keinen Muskel. Seine Augen waren starr auf den Fußboden gerichtet, während Madam Pomfrey ihre Diagnose-Zauber anwendete, seine Hände reinigte und mit Diptam-Essenz versorgte.

Die Wanduhr zeigte bereits Mitternacht, als Harry gesäubert und mit verschiedenen Tränken versorgt im Bett lag. Er hatte sich geweigert, seine Robe auszuziehen, in deren Tasche immer noch der Becher steckte. Zu viel Blut war geflossen, um diesen Horcrux zu beschaffen. Selbst in seinem geschwächten Zustand würde er eher sterben, als zu riskieren, dass dieser Gegenstand in die falschen Hände geriet. Nach endlosen Diskussionen war es der Schulschwester gelungen, Hermine in ihr Bett im Gryffindor Turm zu scheuchen, doch bei Draco biss sie da aus Granit. Der blonde Slytherin war nicht bereit von der Seite seines Freundes zu weichen, auch wenn das bedeuten würde, die ganze Nacht auf einem unbequemen Holzstuhl auszuharren.

Schweigend streichelte Draco die dick verbundenen Hände seines Freundes, während sich die Gedanken hinter seiner Stirn überschlugen. Er war sich sicher, dass Hermine ihm nicht Wahrheit darüber erzählt hatte, was passiert war und das bedeutete vermutlich, dass der Zustand seines Freundes etwas mit Voldemort zu tun hatte. Seine Augen studierten aufmerksam Harrys Gesicht, das trotz der Tränke selbst im Schlaf leer und gleichzeitig voller Sorge zu sein schien.

Merlin, er hatte gewusst, dass es gefährlich sein würde, gegen das Monster zu kämpfen, doch erst jetzt wurde ihm richtig bewusst, dass Harry tatsächlich dabei sterben konnte. Ohne es zu wissen, hätte er ihn heute um ein Haar verloren. Zitternd entwich die Luft seinen Lungen, als er seinen Kopf vorsichtig neben den Körper seines Freundes bettete. Er wollte ihm so nah wie möglich sein; musste fühlen, dass Harry immer noch bei ihm war.

Als Madam Pomfrey einige Zeit später einen Kontrollgang machte, um nach ihren Patienten zu sehen, war Draco - die Arme schützend über Harry ausgebreitet - eingeschlafen.

XXXXXX 

Nachdenklich legte Harry das Pergament und die Feder beiseite und nahm stattdessen die Bibel zur Hand, die ihm Hermine nach dem Krieg geschenkt hatte. Auch wenn Draco manchmal den Kopf darüber schüttelte, so fand Harry doch einen gewissen Trost in den Worten, die dort geschrieben standen. Eine Stelle hatte er mit einem Zettel markiert, damit er die Seite schneller wieder fand und gerade nach dem, was er eben aufgeschrieben hatte, war ihm danach die Worte erneut zu lesen:

Es gibt keine größere Liebe,

als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt."

 

Johannes 15, 1 

Bis zum heutigen Tag hatte der ehemalige Gryffindor Dobbys Opfer niemals vergessen und er würde den Elfen immer in Ehren halten, solange er lebte.

Tbc...