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LIV. Russian Roulette

And you can see my heart beating

You can see it through my chest

And I`m terrified but I`m not leaving

Know that I must pass this test

So just pull the trigger
 

(Rihanna, Russian Roulette) 

Harry wurde davon geweckt, dass sich etwas Kaltes gegen seine rechte Seite kuschelte. Er murrte ungehalten und versuchte instinktiv den Gegenstand, der ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagte, von sich fortzuschieben, um zurück ins Reich der Träume zu gelangen, aber stattdessen rutschte er von den geplatzten Kissen herunter und landete auf dem eiskalten Steinboden.

Das reichte, um Harry endgültig aufzuwecken. Er schlug die Augen auf, nur um festzustellen, dass er es Draco zu verdanken hatte, dass er auf den Fußboden gefallen war.

„Hey!" stieß er mit klappernden Zähnen hervor, während er schnell wieder auf das provisorische Nachtlager kletterte. Der Blonde murmelte nur etwas Unverständliches und schob sich erneut näher an Harry heran. Seine Haut war so kalt, dass sich sofort die Haare auf Harrys Armen aufstellen. Kein Wunder, schließlich waren sie beide unbekleidet und ohne Decke eingeschlafen.

„Bleib weg von mir", knurrte der Gryffindor launig. „Du bist ja der reinste Kühlschrank."

„Was bei Merlins Socken ist ein Kühlschrank?" fragte Draco verschlafen blinzelnd.

„Also das ist so ein Ding...", begann Harry zu erklären.

„Vergiss es Potter", fiel ihm der Slytherin ins Wort. „Mach dich lieber nützlich und gönn uns beiden einen Aufwärmzauber."

„Wenn du mir sagst, wo mein Zauberstab ist?" gab Harry ironisch zurück. Suchend ließ er den Blick durch den Raum gleiten, doch außer den Kissen, auf denen sie lagen und Unmengen weißer Federn, um sie herum, konnte er nichts entdecken.

„Hier", erwiderte der Blonde gähnend und reichte ihm das Gesuchte. „Der piekt mich schon die halbe Nacht in den Rücken."

„Wenn du ohnehin wach warst, warum hast du dann nicht einen Wärmezauber durchgeführt?"

„Wozu?" fragte Draco grinsend. „Ich hatte ja meine ganz persönliche Heizung."

„Na toll", murrte der Dunkle ungehalten, während er den Zauberstab schwang. „Dann bist du Schuld, wenn ich mir eine Lungenentzündung geholt habe." Im selben Moment erfüllte die beiden Jungen eine wohlige Wärme.

„Ach, sei nicht so ein Hühnchen, Potter", erwiderte der Slytherin und pflückte grinsend eine Feder aus Harrys verstrubbelten Haaren. Er suchte sich seinen eigenen Zauberstab, dann führte er einen Tempus-Zauber durch. „Außerdem müssen wir ohnehin zurück in die Schlafräume. In einer Stunde gibt es Frühstück."

„Und danach habe ich Zaubertränke." Harry zog eine Grimasse. „Mal sehen, was Snape sich heute einfallen lassen wird, um uns zu quälen."

„Du glücklicher", gab Draco zurück, als er sich ein letztes Mal streckte, bevor er seine Kleidung zusammen suchte. „Ich habe in der ersten Stunde Kräuterkunde und Professor Sprout hat uns letzte Stunde wissen lassen, dass Madam Pomfrey wieder Bubotubler Eiter benötigt."

„Igitt." Harry schüttelte sich, während er in in seine Short und anschließend in die Hose schlüpfte. Es gab wirklich kaum etwas Ekeligeres, als den stinkenden, gelblich-grünen Eiter aus den Beulen der Pflanzen zu entleeren. „Du hast mein vollstes Mitgefühl."

„Danke." Sorgfältig knöpfte der Slytherin seine Robe zu. „Vielleicht habe ich ja Glück und Voldemort greift noch vorher die Schule an."

Vor Schreck wäre Harry bei dem Versuch, im Stehen die Socken anzuziehen, beinah umgekippte. „Draco!" rief er seinen Freund vorwurfsvoll an.

Entnervt rollte der Blonde mit den Augen. „Reg dich ab, Potter. War nur ein Witz."

„Du bist echt unmöglich", knurrte Harry, als er in seine Schuhe schlüpfte.

Du musst dich ja auch nicht mit den Bubotublern herum ärgern." Draco fuhr sich mit den Fingern durch die Haare.

„Du hast recht, ich bin ja so zu beneiden", gab der Gryffindor sarkastisch zurück, dann verließ er kopfschüttelnd den Raum.
 

XXXXXX 

Harry hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft zu duschen und in eine frische Robe zu schlüpfen, bevor er mit seinen Freunden zum Frühstück ging. Weder Hermine noch Ron fragten danach, wo er die Nacht verbracht hatte, doch als sie die Treppe des Turmes herunter gingen, zog Hermine eine weitere weiße Feder aus den Haaren des Dunklen hervor, die sie ihm wortlos reichte.

Harry konnte nicht verhindern, dass er bis zu den Haarwurzeln errötete, doch Merlin sei Dank war Ron mit den Gedanken schon zu weit weg, um es zu bemerken. Ostern stand unmittelbar vor der Tür und der rothaarige Gryffindor träumte schon von riesigen Eier gefüllt mit Trüffeln, Nougat und Krokant. „Fred und George haben mir neulich sogar geschrieben, dass sie einen Weg gefunden haben, die Füllung nach allen Geschmacksrichtungen gleichzeitig schmecken zu lassen. Allerdings ist das Produkt noch in der Testphase, denn dummerweise fällt einem nach dem Essen die Zunge heraus."

Harry unterdrückte ein Lachen und Hermine rollte verstohlen mit den Augen, doch noch bevor sie ihn wegen seines ständigen Süßigkeiten-Konsums rügen konnte, erreichten die drei Freunde die Große Halle, vor der bereits eine große Menschenmenge versammelt war. Slytherins, Ravenclaws und Gryffindors diskutierten lautstark miteinander, während die versammelten Hufflepuffs mit Tränen in den Augen daneben standen.

„Was ist los? Warum geht ihr nicht rein?" fragte Harry an Blaise gewandt, der mit Pansy etwas abseits stand.

„Hast du die Nachricht noch nicht gehört, Potter? Professor Sprout ist tot", gab der dunkelhäutige Slytherin Auskunft.

„Was?!" mischte sich Hermine in das Gespräch. „Wie? Wann? Warum?"

Zabini lächelte überheblich. Offensichtlich genoss er es, vor dem goldenen Trio über die Geschehnisse Bescheid zu wissen. „Laut den Hufflepuffs war sie gestern Nacht im Gewächshaus, weil sie einigen Alraunen, die sich erkältet hatten, Medizin bringen musste und wurde dabei von einer Teufelsschlinge attackiert."

„Aber das kann doch nicht sein", widersprach Hermine. „Professor Sprout kennt die Pflanzen in den Gewächshäusern so gut wie sonst niemand. Sie würde nie so unvorsichtig sein und zu nah an eine Teufelsschlinge heran gehen. Außerdem tötet diese Pflanze doch nur, wenn man sich gegen sie wehrt. Das kann einfach nicht wahr sein.

„Dann glaub es halt nicht, Frau Neunmalklug", erwiderte Blaise Schulter zuckend. „Ich erzähle dir nur, was ohnehin schon das ganze Schloss weiß."

Ron lag schon ein fieser Spruch auf den Lippen, doch in diesem Moment kam Bewegung in die Menge und Zabini wandte sich ab, um mit seiner Freundin in die Halle zu gehen. Hermines Stirn lag in tiefen Falten und Rons Mund klappte mehrfach auf und zu, so als würde er etwas sagen wollen, während Harry einfach nur dumpf ins Leere starrte. Der Hunger, den er bis eben noch verspürt hatte, war wie weg geflogen. Er hatte ein ganz ungutes Gefühl im Bauch, welches er jetzt noch nicht einordnen konnte, doch er wusste, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.

Erst als alle anderen Schüler bereits hinein gegangen waren, kam Bewegung in die drei Gryffindors. Hier draußen würden sie nichts Neues erfahren und Harry hoffte insgeheim, dass Professor McGonagall in ihrer morgentlichen Rede die Gerüchte als Lügen entlarven würde. Doch schon nach den ersten Schritten durch die schwere Eichentür wurden seine Hoffnung zu Nichte gemacht, als er sah, dass die Große Halle mit schwarzem Trauerflor dekoriert war.

An den Decken und den Wänden hingen schwarzen Fahnen und die Haustische waren mit schwarzen Tüchern versehen. Es waren auch noch keine Speisen oder Getränke zu sehen, stattdessen standen Vasen mit weißen Lilien auf den Tischplatten. Die Ravenclaws, Gryffindors und Slytherins flüsterten eifrig untereinander, während die Hufflepuffs wie ein Häuflein Elend an ihrem Tisch saßen. Unwillkürlich zuckte Harrys Blick zum Lehrertisch. Sein Magen zog sich fast schmerzhaft zusammen, als er sah, dass der Platz von Professour Sprout leer war. Schweigend ging er mit seinen Freunden zu ihren Plätzen und wartete dort darauf, dass die Hauslehrerin der Gryffindors und stellvertretende Direktorin von Hogwarts das Wort ergreifen würde. Er musste auch nicht lange warten, bis Mr. Filch ihnen andeutete, ruhig zu sein.

Erst als auch der letzte Schüler sich erwartungsvoll dem Lehrertisch zugewandt hatte, stand Professor MacGonagall auf und ging nach vorn zu einem Stehpult in Form eines goldenen Adlers. Sofort fiel Harry auf, wie müde die Frau heute aussah. Die Augen hinter der Brille lagen tief in den Höhlen und die Falten in ihrem Gesicht schienen über Nacht noch tiefer geworden zu sein. „Dies ist ein sehr trauriger Tag in der Geschichte von Hogwarts. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Professor Sprout in der Nacht einem tragischen Unfall zum Opfer gefallen ist." Erneut erhob sich ein Murmeln unter den Schülern, doch ein ernster Blick über den Brillenrand hinweg ließ die Geräusche schnell verstummen. „Pamona Sprout war eine gute Freundin, eine hervorragende Lehrerin und ein warmer, herzlicher Mensch. Ein Hufflepuff, der dem Namen ihres Hauses Ehre gemacht hat. Stets hat sie sich für die Schüler auch über die Grenzen der Häuser hinweg eingesetzt. Dass sie uns in so schwierigen Zeiten nicht mehr zur Seite stehen kann, ist ein furchtbarer Verlust für uns alle. Mit ihr stirbt ein Wissen über das Reich der Pflanzen, das in der Zauberwelt seinesgleichen sucht. Ich bitte Sie aufzustehen und mit mir zusammen eine Schweigeminute einzulegen."

Professor MacGonagall trat einen Schritt zurück und faltete die Hände. Einen Moment lang hörte man nichts außer dem vereinzelten Schluchzen eines Hufflepuffs, dem Rascheln von Umhängen und dem Scharren von Füßen, dann standen die Schüler neben ihren Bänken und taten es der Lehrerin gleich. Die meisten Schüler blickten auf den Boden. Es war ihnen anzusehen, dass sie darauf hoffen, dass es nach dieser Schweigeminute endlich Frühstück geben würden. Nur Harrys Augen starrten ins Löcher in die Luft. In seinem Innerem war wieder diese große Leere, die er immer dann empfand, wenn er an Dobby dachte und seine Schultern sacken traurig nach vorn. Er fragte sich, ob der Mann von Professor Sprout schon Bescheid wusste und ob er kommen würde, um die sterblichen Überreste seiner Frau nach Hause zu holen. Würde sie in ihrem Wohnort beerdigt werden oder auf den Ländereien von Hogwarts? Er hörte die Stimme seiner Hauslehrerin von sehr weit weg, die ihnen gestattete, sich wieder zu setzten und verkündete, dass Madam Hooch bis zum Schuljahresende die Hufflepuffs betreuen würde, bevor im Herbst ein neuer Hauslehrer bestimmt werden würde.

Wieder ertönte Geraschel und Gescharre, als die Schüler ihre Plätze einnahmen, dann erschienen wie von Zauberhand Teller, Gläser und Besteck vor ihnen auf dem Tisch, gefolgt von gefüllten Schüsseln, Platten und Krügen und schon wenig später stürzten sich die Schüler auf das reichhaltige Frühstück, doch Harry hatte keinen Hunger. Er sah vor seinem inneren Auge, die immer gut gelaunte, rundliche Hexe mit dem Flickenhut und der erdverkrusteten Robe vor sich und er wusste, Hogwarts würde ohne sie nie wieder das selbe sein.

XXXXXX 

Einige Zeit später saßen die drei Gryffindors unter einer alten Eiche in der Nähe des Sees. Hermine blätterte in „Eine Geschichte von Hogwarts", Harry riss vor sich hin starrend Grashalme aus und Ron hielt die Augen geschlossen. Der Unterricht am Vormittag war aufgrund der Ereignisse der Nacht ausgefallen und die Schüler hatten sich nach dem Frühstück über das ganze Gelände verstreut. Da die Slytherins am Wochenende ein wichtiges Quidditch-Spiel hatten, war Draco - nachdem er die Erlaubnis seines Hauslehrers eingeholt hatte - mit dem Rest des Teams aufs Spielfeld abgezogen, um die Zeit für ein Extratraining zu nutzen.

Auch die anderen Schüler waren trotz des Schocks dazu übergegangen, der Situation etwas positives abzugewinnen und genossen die freie Zeit. Einige Mädchen aus Ravenclaw führten ihre Minimuffs spazieren, Seamus und Dean spielten am Ufer des Sees Snape explodiert und Pansy und Blaise knutschten ungehemmt in der freien Natur. Nur die Hufflepuffs blieben unter sich und hatten sich in ihren Gemeinschaftsraum neben der Schulküche zurück gezogen.

„Ich kann es immer noch nicht fassen", begann Hermine schließlich, während sie ihr Buch ins Gras legte.

Ron drehte sich auf die Seite und stürzte seinen Kopf auf der rechten Hand auf. „Wer hätte gedacht, dass die Sprout tatsächlich von einem ihrer eigenen Geschöpfe gekillt wird. Das ist beinah, als würde Snape vergiftet oder Hagrid von einem Hippogreif zertrampelt werden." Er stutzte. „Wobei letzteres gar nicht so unwahrscheinlich wäre."

„Trotzdem glaube ich das einfach nicht", schaltete sich Harry in das Gespräch ein. „Professor Sprout hat seit wir in Hogwarts sind nicht mal eine Schramme von den Pflanzen zugefügt bekommen. Dass sie von einer Teufelsschlinge erwürgt worden sein soll, ist völlig unmöglich."

„Aber was ist sonst passiert? Wer sollte ihr denn etwas antun wollen?" fragte Hermine ihren Freund. „Du glaubst doch nicht, dass du-weißt-schon-wer...?"

„Nein, oder ich weiß es nicht", gab der dunkelhaarige Gryffindor zu. „Und wie sollte Er auch durch die Schutzzauber kommen?"

„Professor Sprout war doch total harmlos", fügte Ron hinzu. „Warum sollte du-weißt-schon-wer sie töten wollen?"

„Vielleicht ging es ja gar nicht um sie", überlegte Hermine. „Vielleicht hat sie etwas gesehen, was sie nicht sehen sollte. Oder jemanden bei etwas überrascht."

„Im Gewächshaus?" fragte Ron ungläubig. „Mitten in der Nacht? Wer soll denn da herum geistern oder wieso?"

Auf einmal war es wieder da, das ungute Gefühl, das Harry heute Morgen gehabt hatte. Sein Augen weiteten sich, während er dabei zuhörte, wie seine Freunde weiter diskutierten. Konnte es etwas sein, dass....?

„Ich weiß es doch auch nicht, Ron", erwiderte Hermine. „Aber wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen."

Verwundert sahen die Beiden zu Harry, der plötzlich aufstand und sich hastig das Gras von der Hose klopfte. „Ich habe was vergessen", sagte der Dunkelhaarige an seine Freunde gewandt. „Ich muss mal schnell ins Schloss."

Und noch bevor Hermine oder Ron die Chance gehabt hätten, den Grund für Harrys plötzlichen Aufbruch zu erfahren, eilte dieser schon in großen Schritten davon.

XXXXXX 

Harry sah weder nach rechts noch nach links, als er den Weg zum Portal entlang hastete. Sogar Hagrid, der ihm mit seinem Saurüden Fang und einem großen Korb voller Fische entgegen kam, nahm er nicht wahr. Die Gedanken in seinem Kopf liefen Amok und er würde sich am liebsten selbst dafür schlagen, dass er so dumm gewesen war. Zwar versuchte er sich einzureden, dass es unmöglich war; dass er so etwas niemals tun würde, doch die Zweifel wollten einfach nicht verstummen. Wenn er wirklich damit zu tun hatte, dann war es allein seine Schuld. Dann hatte er nun nach Dobby und Griphok auch noch einen Menschen auf dem Gewissen. Wie sollte er dann jemals wieder in den Spiegel sehen können? Er musste mit jemandem reden, sich anvertrauen, doch was, wenn er sich irrte? Dann hatte er das Vertrauen, was ihm entgegen gebracht worden war, ganz umsonst missbraucht. Er musste Gewissheit haben, doch wie sollte er heraus finden, ob er mit seiner Befürchtung richtig lag?

Unruhig tigerte Harry vor dem Raum der Wünsche auf und ab, bis endlich die Tür in der vorher glatten Wand erschien. Eilig öffnete er sie und trat hinein, sich vergewissernd, dass der Raum genau so aussah, wie er ihn heute Morgen verlassen hatte. Sein Blick streifte die verspiegelten Wände, den Tisch mit dem Krug und den Gläsern und blieb schließlich an den geplatzten Kissen hängen, die zu einem Berg aufgetürmt, in der Mitte des Zimmers lagen. Dort, wo er sich mit Draco gestern Abend ungehemmt seiner Leidenschaft hingegeben hatte.

Wie hatte ihm das nur passieren können? Immer wieder hatte er Blaise eingeschärft, wie wichtig es war, dass er jeden Abend den Zauber sprach, der Draco an sein Bett fesselte. Ja, er hatte ihm sogar vorgeworfen, dass er durch seine Liebelei mit Pansy nachlässig werden würde, was der Slytherin aber sofort abgestritten hatte. Und nun hatte ausgerechnet Harry im Eifer des Gefechts vergessen, seinen Freund für die Nacht vom Schlafwandeln abzuhalten. Er war einfach zu ausgelaugt von ihrem Liebesspiel gewesen, so dass er eingeschlafen war, ohne auch nur einen Gedanken an den Zauber zu verschwenden.

Und nun das...

Plötzlich fühlte er wieder Dracos kalten Körper neben sich, als er heute Morgen aufgewacht war, erinnerte sich daran, wie unnatürlich ihm das vorgekommen war, wo er selbst im Gegensatz zu seinem Freund ganz warm gewesen war. Aber die Menschen waren doch unterschiedlich, oder? Konnte es nicht einfach sein, dass Dracos Körper nachts stärker auskühlte als der seine? Oder war es wirklich ein Indiz dafür, dass der Slytherin im Gewächshaus gewesen war?

Es war zwar nur eine Theorie, eine sogar weither geholte Möglichkeit, aber was, wenn Draco gestern tatsächlich den Raum der Wünsche verlassen hatte? Wenn er es gewesen war, den Professor Sprout überrascht hatte? Wenn er dann schließlich die Lehrerin getötet hatte? Harry wurde schlecht bei dem Gedanken. Nein, es konnte einfach nicht sein. Es durfte nicht sein. Draco würde so etwas niemals tun. Aber die kleine Stimme in seinem Hinterkopf erinnerte ihn daran, dass der Slytherin keine Kontrolle über das hatte, was er im Schlaf tat. Oh Merlin, was sollte er tun? Sollte er Draco zur Rede stellen? Aber was würde das nützen, wenn der Slytherin doch keine Erinnerung an diese Tat haben konnte? Oder sollte er lieber gleich zu Professor MacGonagall gehen? Doch alles was er hatte, war ein Verdacht und er wollte seinen Freund nicht einfach bloß stellen, ohne die Gewissheit zu haben, dass er wirklich Schuld am Tod der Lehrerin war.

Harry seufzte schwer.

Er konnte es einfach nicht tun. Es fühlte sich nicht richtig an. Vielleicht weil er einfach nicht daran glauben wollte, dass Voldemort wirklich so viel Macht über Draco hatte. Solange es keine eindeutigen Beweise dafür gab, dass sein Freund wirklich damit zu tun hatte, würde er ihn nicht aufgeben. Doch er würde den Slytherin noch engmaschiger im Auge behalten müssen, als er es ohnehin schon tat, auch wenn Harry keine Ahnung hatte, wie das anstellen sollte. Dennoch würde er alles dafür tun, damit sie nicht getrennt wurden. Er brauchte den Blonden, konnte den Gedanken nicht ertragen, den Kampf gegen den Dunklen Lord aufnehmen zu müssen, ohne Draco in seinem Rücken zu wissen. Auch wenn er wusste, dass er vermutlich selbstsüchtig handelte, so wollte Harry doch einmal etwas für sich tun und nicht immer nur für die Anderen. Und er schwor bei seinen toten Eltern, dass er den Fesselungszauber nie wieder vergessen würde. Mit einem letzten Blick auf die Kissen verließ Harry den Raum, um sich auf die Suche nach Draco zu machen.

XXXXXX 

Als Harry das Quidditch-Feld betrat, beendeten die Slytherins gerade ihr Training. Mit geübtem Griff räumte Draco den Quaffel, die Klatscher und den Schnatz in die hölzerne Truhe zurück, während Montague und die anderen mit geschulterten Besen in Richtung der Umkleidekabinen davon marschierten. Der Keeper der Sytherins, der die Statur eines Gorillas hatte, warf dem dunkelhaarigen Gryffindor im Vorbeigehen ein anzügliches Lächeln zu, doch Harry ignorierte ihn einfach. Er hatte im Augenblick wirklich dringendere Probleme.
 

„Hey", sagte er zaghaft, während er auf Draco zuging, der sich gerade aufrichtete. Der Blonde war so durchgeschwitzt, dass ihm das Oberteil am Körper festklebte, doch er schaffte es irgendwie selbst dabei gutauszusehen. Harry hatte sich vorgenommen, sich nichts anmerken zu lassen, doch er merkte, wie seine Kehle eng wurde, als ihn sein Freund so offen angrinste.

„Na, Potter, wenn du gekommen bist, um unsere Strategie auszuspionieren, muss ich dich leider enttäuschen", feixte Draco und ließ seinen Besen vom Boden in die geöffnete Hand schweben.

„Tja, kann man nichts machen", gab der Gryffindor zurück, während er sich bemühte, das Lächeln zu erwidern.

„Aber ich wäre bei dem richtigen Einsatz durchaus bestechlich", erwiderte der Blonde und wackelte mit den Augenbrauen.

Harry seufzte leise. „Ein anderes Mal vielleicht."

Draco Lächeln verblasste zusehends, als er den Blick seines Freundes zu deuten versuchte. „Hey, was ist los, hm? Ist es wegen Professor Sprout?"

Der Dunkle nickte nur, aus Angst seine Stimme könnte mehr verraten, als er es wollte.

Der Slytherin schloss den Abstand zwischen ihnen und legte etwas unbeholfen einen Arm um Harrys Schultern. „Müssen wir das Ganze wirklich noch einmal durch kauen? Menschen sterben nun mal. Das ist so. Vielleicht ist es Schicksal oder Vorherbestimmung, aber das ist eben der Lauf der Welt. Daran kannst du nichts ändern und es wird dich noch umbringen, wenn du jedes Mal in Depressionen verfällst. Mal abgesehen davon, dass du dieses Mal ja wirklich nichts dafür kannst. Also, Kopf hoch, okay?"

Harrys Brustkorb fühlte sich so eng an, dass er glaubte ersticken zu müssen, doch er schaffte es irgendwie einen Laut hervorzubringen, den man vage als Zustimmung deuten konnte. Er hätte nichts dagegen gehabt, hier und jetzt einfach vom Blitz getroffen zu werden, doch falls es einen Gott gab, tat er ihm diesen Gefallen nicht. Stattdessen blieb ihm nichts anderes übrig, als weiterzumachen wie bisher und darauf zu hoffen, dass er die letzten Horcruxe fand, bevor eine weitere Katastrophe passierte. Denn auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte, so fühlte er immer mehr, wie ihm die Kontrolle aus den Fingern glitt. Am liebsten hätte er vor Verzweiflung laut aufgeschrieben, als er sich wie eine Puppe von Draco mitziehen ließ und sie zusammen das Spielfeld verließen.

XXXXXX 

Ich gehe jetzt zur Arbeit", informierte Harry seinen Partner, der mit einem Block und Stift im Wohnzimmer saß. Um ihn herum war der Fußboden übersät von zusammen geknülltem Papier.

Was geht mich das an?" fauchte der Blonde in seine Richtung. Er hatte schon den ganzen Morgen eine äußerst explosive Laune und Harry war beinah froh, dass sie sich nun für ein paar Stunden aus dem Weg gehen konnten.

Brauchst du etwas?" fragte er, Dracos Worte einfach ignorierend.

Es reicht mir voll und ganz, wenn ich meine Ruhe bekomme", gab der Andere böse zurück, während er ein Blatt vom Block abriss, es zerknüllte und auf den Boden warf.

Kein Problem, ich bin schon weg. Essen von gestern steht im Kühlschrank, falls du hungrig bist. Ich komme gegen fünf zurück."
 

Jaja, jetzt hau schon ab", knurrte Draco dunkel. Er registrierte ohne aufzusehen, wie Harry noch einmal lautlos seufzte und dann vor die Haustür ging, um von dort zu disapparieren.

Mit zusammen gepressten Lippen begann der Blonde zum x-ten Mal an diesem Morgen mit seiner Zeichnung des Manor. Das festliche Eingangsportal, die imposanten Mauern, die großen Fenster... verdammt! Sein Stift verharrte mitten in der Bewegung und Draco schloss die Augen, um sich zu sammeln, die Erinnerung an das zu Hause seiner Kindheit herauf zu beschwören, doch die Bilder waren wie von einem Nebel überzogen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie die Giebel der Türme ausgesehen hatten oder ob die Fenster einen Bogen gehabt hatten oder nicht. Aber er sollte es doch wissen, oder? So viele Jahre hatte er dort verbracht, jeden Winkel mit verbunden Augen erreichen können, ohne auch nur einmal gegen ein Möbelstück zu stoßen. Und nun konnte er sich nicht einmal mehr an die Ornamente auf der Haustür erinnern.

Wütend riss Draco auch dieses Blatt von seinem Block und knüllte es in seinen Händen zusammen. Was war nur los mit ihm? Warum hatte er so oft das Gefühl, dass sein sonst so messerscharfer Verstand wie von einem Schatten bedeckt war? Manchmal fühlte er sich, als gäbe es Dinge, Ereignisse die hinter einem Vorhang verborgen lagen und nur darauf warteten, dass er sie ans Tageslicht brachte, doch so sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm einfach nicht. Es war wie ein Gedanke, den man eben noch gehabt hatte, aber der durch eine Ablenkung plötzlich nicht mehr greifbar war. Dracos Gesciht nahm einen grimmigen Ausdruck an, als er den Stift auf einem neuen Blatt ansetzte. Und wenn er bis zum Abend hier sitzen würde, er musste dieses Bild zeichnen und wenn es auch nur deshalb war, um sich selbst zu beweisen, dass er nicht den Verstand verlor. 

Tbc...