File 1: stories/15/551.txt
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LV. With a little luck 

With a little luck, we can help it out

We can make this whole damn thing work it out

With a little love, we can lay it down 

(Paul McCartney and Wings, With a little luck)

 

Ostern kam und ging, ohne dass Harry wirklich Notiz davon nahm. Völlig perplex starrte er Erol, die Eule der Weasleys an, die eines Tages beim Frühstück ein großes Nuss-Nougat-Ei auf seinen Teller fallen ließ, so dass der Porridge in alle Richtungen spritzte. Überall luden die Posteulen die Ostergrüße der Familien ab und bald waren die Tische mit buntem Einwickelpapier übersät. Ron stieß einen Freudenschrei aus, als er neben den Ostereiern seiner Eltern auch ein paar aus Freds und Georges Scherzartikelladen erhielt. Trotz Hermines ausdrücklicher Warnung steckte sich der rothaarige Junge sofort eines der Eier in den Mund und saß einen Moment später prompt mit einem Schnabel statt einer Nase am Tisch. Neben Hermine erhielt in diesem Jahr sogar Draco ein kleines Ei von den Weasleys. Offensichtlich hatten Ron (der das allerdings vehement abstritt) oder Ginny bei ihrer Mutter ein gutes Wort für ihn eingelegt. Misstrauisch begutachtete der Slytherin das mit grüner Folie verpackte Schokoladenei, bevor er es etwas widerwillig in seine Tasche packte. Zwar war es nicht so groß wie die anderen Geschenke, aber der gute Wille zählte.

Inzwischen war bereits Anfang Mai, ohne dass sie dem Aufenthaltsort des letzten verbliebenen Horcruxes entscheidend näher gekommen wären. Nach ihrer letzten Schulstunde vor dem Mittagessen saßen die drei Gryffindors auf dem Steg des Sees in der warmen Sonne und ließen ihre Beine in das kühle Wasser baumeln. Harry und Ron hatten gerade eine Stunde Wahrsagen im stickigen Turmzimmer von Professors Trelawny hinter sich, während Hermine sich mit Alten Runen herum geschlagen hatte, was nicht gerade zur Besserung der bedrückten Stimmung beitrug.

„Wir kommen einfach nicht weiter", murrte Harry, der die Hände missmutig in den Taschen seiner Hose vergraben hatte.

„Die Hinweise zu dem Diadem in Dumbledores Notizbuch sind aber auch wirklich dürftig", regte sich Ron auf.

„Vermutlich war er selbst noch mitten in der Suche, Ron", beschwichtigte Hermine ihren Freund. „Er konnte ja nicht wissen, dass er plötzlich...."

Das Mädchen sprach den Satz nicht zu Ende, aber die beiden Jungen wussten auch so, was sie meinte. Über fünf Monate lag Albus Dumbledore bereits auf der Krankenstation. Fünf Monate, in denen sich sein Zustand kein bisschen verändert hatte. Fünf Monate, in denen die drei Gryffindors nur seine Aufzeichnungen hatten, um den Horcruxen auf die Spur zu kommen. Bislang waren sie erfolgreich gewesen, doch die Zeit rann ihnen durch die Finger. Immer häufiger träumte Harry von den Vorbereitungen des Dunklen Lords für die große Schlacht und auch wenn Hermine ihn beschwor, die Verbindung um jeden Preis zu unterbinden, konnte der Gryffindor doch nicht anders, als Nacht für Nacht in Voldemorts Geist einzutauchen. Vielleicht konnte er so die Pläne des Anderen erfahren. Er musste wissen, was der Dunkle Lord vorhatte, nicht zuletzt um wegen Draco endlich Gewissheit zu haben.

„Das Diadem von Rowana Ravenclaw gilt seit Jahrhunderten als verschollen, wie soll du-weißt-schon-wer da überhaupt dran gekommen sein?" gab Ron zu überlegen.

„Wenn ich das wüsste, wäre ich schon viel schlauer", gab Harry zurück. „Wir sind doch wirklich allen Hinweisen nachgegangen. Dank Luna und dem Tarnumhang waren wir sogar im Turm der Ravenclaws und haben dort alles auf den Kopf gestellt, aber es gab nicht eine winzige Spur, wo das Diadem sein könnte."

„Ich finde, wir sollten uns erst einmal mit etwas anderem befassen", warf Hermine ein. „Wir drehen uns schon seit Wochen im Kreis. Es bringt doch nichts, zum hundertsten Mal alle Orte durchzugehen, wo das Diadem versteckt sein könnte. Das bringt uns einfach nicht weiter."

„Hast du eine bessere Idee?" fragte Harry bissig. Obwohl seit Professor Sprouts „Unfall" nichts Verdächtiges mehr geschehen war, hasste er den Gedanken die Suche vorläufig ruhen zu lassen. Er hatte es im Gefühl, dass bald etwas Schreckliches passieren würde. Mit einem Vorwand hatte er Draco dazu gebracht, jede Nacht mit ihm in dem leer stehenden Klassenraum im zweiten Stock zu schlafen, damit er ein Auge auf ihn haben konnte. Sein Versäumnis von damals lastete schwer auf ihm. Ganz egal was sie in den letzten Minuten vor dem Einschlafen trieben, Harry dachte jetzt immer an den Zauber, der seinen Freund ans Bett fesselte. Inzwischen war er sich sogar sicher, dass er gar nicht würde einschlafen können, wenn er den Spruch nicht vorher aufsagte.

„Ich finde, wir sollten die beiden Horcruxe, die du versteckt hast, zerstören. Ich habe kein gutes Gefühl, solange du-weißt-schon-wer sie wieder zurück holen könnte", erklärte Hermine, ohne auf Harrys Tonfall zu achten. An jedem von ihnen zehrte die Suche auf ihre eigene Art und Weise. Hermine wurde immer stiller und zog sich noch mehr in ihre Bücher zurück als früher. Ron überspielte alles und gab mehr denn je den Clown und Harry war so reizbar, dass ihn die kleinste Bemerkung an die Decke gehen ließ. Sie alle waren längst am Ende ihrer Belastbarkeit angekommen, doch sie rissen sich zusammen, um diesen Albtraum endlich hinter sich zu lassen. Zwar gab es immer wieder Tage, an denen Hermine Zweifel hatte, ob es jemals dazu kommen würde, doch wenn es ihr schien, als würden die Jungs manchmal nur noch im Kreis denken, versuchte wenigstens sie selbst einen kühlen Kopf zu bewahren.

„Dafür müsste er erst einmal davon wissen, dass wir sie haben", warf Ron ein. „Und wie sollte er auch überhaupt ins Schloss kommen?"

„Du vergisst, dass er einem Schüler seinen Willen aufgezwungen haben könnte", erwiderte Hermine mit einem Seitenblick auf Harrys gequälten Gesichtsausdruck. „Doch darum geht es auch nicht. Wenn wir das Diadem erst hätten, müssten wir ohnehin nach einem Weg suchen, die Horcruxe unschädlich zu machen. Warum also nicht schon jetzt die, die wir haben vernichten?"

Harrys Gesicht blieb weiter verschlossen, er sagte jedoch nichts.

Ratlos kratzte sich Ron am Kopf. „Ich weiß, du hast es uns schon mal erzählt, aber was genau stand zur Vernichtung eines Horcruxes doch gleich im Notizbuch?"

Hermine zog ein zerknautschtes Heft aus der Innentasche ihres Umhanges und berührte es mit dem Zauberstab, um den Illusionszauber aufzuheben, den sie darüber verhängt hatte. Mit gerunzelter Stirn blätterte sie in den eng beschriebenen Seiten, bis sie fand, was sie gesucht hatte. „Hier steht, dass Dumbledore den Ring der Gaunts mit Drachenfeuer zerstört hat..."

„Das bekommt man nicht gerade an jeder Ecke", gab der rothaarige Junge zu bedenken.

„...aber laut seiner Theorie ist das nicht der einzige Weg", fuhr Hermine unbeirrt fort. „Wenn man einen Gegenstand findet, dessen Macht größer ist, als die des Horcruxes, sollte dieser in der Lage sein ihn zu zerstören."

„Und was soll das bitte für ein Gegenstand sein?" fragte Ron verständnislos.

„Ich weiß es auch nicht", gestand Hermine. „Ich dachte da zum Beispiel an einen mächtigen Zaubertrank, wie den Sud des lebenden Todes oder eine magische Waffe...."

„Ein Basiliskenzahn!" Mit einem Ruck erwachte Harry aus seiner Erstarrung. Schnell zog er seine Füße aus dem Wasser und sprang auf den Steg. Überrascht sahen seine beiden Freunde zu ihm auf. „Ihr erinnert euch doch daran, dass ich Tom Riddles Tagebuch mit einem Zahn des Basilisken durchbohrt habe", erklärte der dunkle Gryffindor aufgeregt. „Dadurch wurde der Horcrux zerstört. Also müssen wir mit dem Medaillon und dem Becher genau das selbe machen!"

Einen Moment lang sagte niemand etwas. Hermine schien angestrengt zu überlegen und auch hinter Rons Stirn arbeitete es fieberhaft, dann nickte das Mädchen schließlich. „Ja, ich glaube, das könnte tatsächlich klappen. Dann müssten wir nur nachsehen, ob der Weg dorthin immer noch funktioniert und ob der Basilisk tatsächlich noch in dem Gewölbe ist."

„Natürlich ist er das", ereiferte sich Ron. „Wohin sollten sie so ein Monster auch bringen?"

„Also abgemacht, dann treffen wir uns um kurz vor Mitternacht in dem Badezimmer, wo der Eingang versteckt ist", beschloss Harry.

„Mitten in der Nacht?" fragte sein Freund entsetzt. „Muss das sein? Ich fand den Weg schon beim letzten Mal schlimm genug."

„Es ist die einzige Möglichkeit, von allen unbemerkt da runter zu kommen", erwiderte der Schwarzhaarige. ' Und außerdem kann ich so dafür sorgen, dass Draco uns nicht folgt', fügte er in Gedanken hinzu.

„In Ordnung", stimmte Hermine zu. „Merlin sei Dank ist morgen Wochenende, da macht es nichts, wenn wir die halbe Nacht auf sind."

„Außerdem hat Flitwick diese Nacht Wachdienst, den können wir leichter umgehen, als Snape oder McGonagall. Vorsichtshalber bringe ich den Tarnumhang und die Karte des Rumtreibers mit. Und ihr vergesst eure Zauberstäbe nicht."

„Für wie blöd hältst du uns eigentlich?!" fragte Ron empört und spritzte mit dem Fuß etwas Wasser in Harrys Richtung.

„Soll ich darauf wirklich antworten?" fragte Harry fies. Mit einem teuflischen Grinsen nahm er seinen Zauberstab und schoss eine Wasserfontäne auf seinen Freund ab, den diese mitten auf den Rücken traf.

„Na, warte!" Prustend schüttelte sich Ron, so dass die Wassertropfen nach allen Seiten spritzten, dann zog auch er seinen Zauberstab hervor und rüstete sich zum Gegenschlag, während Hermine schnell einen Impervius-Zauber über ihre eigene Kleidung sprach.

`Jungs`, dachte sie seufzend und brachte sich schleunigst in Sicherheit, als Harry und Ron sich gegenseitig weiter mit Wasser bespritzten, bis sie nass bis auf die Haut waren.

XXXXXX 

„Willst du reden?" fragte Draco, während er ordentlich seine Sachen auf einem der Pulte in dem ungenutzten Klassenraum zusammen legte. Rund um das Bett, das Harry aus einem weiteren Tisch transformiert hatte, leuchteten ein halbes Dutzend dicke Kerzen und tauchten den Raum in ein angenehmes Zwielicht.

„Was meinst du?" fragte Harry abwesend, als er ebenfalls aus seiner Kleidung schlüpfte und sie mit dem Fuß in eine Ecke beförderte.

„Ich bin vielleicht blond, Potter, aber ich bin nicht blöd", erwiderte Draco sarkastisch. Er setzte sich auf die Kante des mit weißer Wäsche bezogenen Bettes und sah seinen Freund aufmerksam an. „Du bist heute noch merkwürdiger als sonst - und das will schon was heißen."

„Es ist wirklich nichts", beteuerte der Gryffindor treuherzig, doch er konnte kaum verbergen, dass er bereits mehr als nervös war.

„Du bist im Lügen wirklich noch lausiger als im Zaubertränkebrauen", murmelte der Blonde und schlüpfte missmutig unter die Bettdecke. „Aber ich verstehe schon, wenn du es mir nicht sagen willst...."

Harry seufzte leise auf, dann tat er es seinem Freund nach und legte sich neben ihn ins Bett. „Es ist nicht so, dass ich nicht will. Ich kann es einfach nicht. Du weißt doch wieso." Er rückte etwas näher an den Slytherin heran, der mit verschränkten Armen auf dem Rücken lag. „Wir sind jetzt so nah dran, Draco, so nah. Du musst mir jetzt einfach vertrauen."

Der Blonde atmete schwer, dann drehte er sich auf die Seite. Sein Blick, der Harrys traf, war voller Sorge. „Ich hoffe, du weißt, was du tust. Er kommt immer näher, Harry. Ich kann es fühlen. Das Dunkle Mal brennt und kribbelt immer öfter. Die Zeit ist fast gekommen und Er ist sich seiner Sache mehr als sicher."

Harry nahm Dracos Hand in die seine und drückte sie aufmunternd. „Glaub mir, ich weiß was ich tue. Ich brauche nur etwas Zeit und eine Priese Glück, dann werde ich es schaffen."

Einen Moment lang sah Draco seinen Freund nur stumm an, bevor er ihm sanft seine Hand entwand und zur Bettkante rutschte. Etwas umständlich schälte er sich unter der Decke hervor, bevor er aufstand und zu seinen gefalteten Sachen hinüber ging.

Perplex sah Harry ihm dabei zu, wie er in seiner Kleidung herum wühlte. „Du willst jetzt doch wohl nicht gehen, oder?" fragte er beklommen.

Draco murmelte etwas unverständliches, während er weiter nach etwas suchte, dann erhellte plötzlich ein triumphierendes Grinsen sein Gesicht. Er drehte sich zu Harry um, die Hand fest um etwas geschlossen, was der andere Junge nicht sehen konnte und ging zurück zum Bett.

„Ich kann dir vielleicht keine Zeit geben", begann er mit einem feinen Lächeln, als er über das Laken krabbelte. „Aber was das Glück betrifft, kann ich dir vielleicht aushelfen." Er öffnete seine Finger und hielt die Hand so vor Harrys Gesicht, dass der Gryffindor den Gegenstand erkennenkonnte, der auf der Handfläche ruhte. Harry stockte der Atem, als er erkannte, um was es sich dabei handelte: Es war eine kleine Phiole, die an einer Kette hing. Die Flüssigkeit darin leuchtete selbst im schwachen Licht der Kerzen in einem satten Goldton.

„Das... das kann ich nicht annehmen", erwiderte der Gryffindor gepresst, als es ihm endlich gelang den Blick von dem Felix felicitas abzuwenden.

„Doch, du kannst es", gab Draco locker zurück und legte die Phiole auf Harrys nackte Brust. Das Glas fühlte sich kühl an und doch zugleich warm, so als würde das Glück sogar durch den Behälter hindurch seine Haut erwärmen.

Der Dunkle schluckte schwer. „Nein, das geht einfach nicht. Snape hat dir den Trank geschenkt, nicht mir."

„Doch es ist meine Entscheidung, was ich damit tue und ich möchte ihn dir schenken", antwortete Draco bestimmt. „Du brauchst ihn nötiger als ich."

„Aber....", machte Harry einen weiteren Versuch, doch sein Freund ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. „Sieh es als meinen Beitrag zu deinem Kampf. Wenn du Ihn mit dem Felix besiegen kannst, ist es, als habe ich mit dir zusammen kämpfen können, okay?"

Der Klos im Hals des Gryffindors wurde immer dicker und es fiel ihm schwer, daran vorbei zu schlucken. „Das ist einfach... Mir fehlen die Worte."

Draco grinste ihn schief an. „Großzügig? Selbstlos? Scheinbar verbringe ich einfach zu viel Zeit mit dir, Potter. Du fängst an abzufärben."

Unwillkürlich machte Harry einen zittrigen Atemzug. „Danke." Er hätte gern noch so viel mehr gesagt, aber das Reden war einfach nicht seine Stärke und vermutlich hätten ohnehin keine Worte ausdrücken können, was er in diesem Moment fühlte.

„Ist schon okay", murmelte Draco sichtlich verlegen. „Hauptsache, du fängst jetzt nicht an zu heulen oder so. Leg es am besten zur Seite und denk für eine Weile nicht mehr dran."

„Ich werd`s versuchen", erwiderte Harry halbherzig, während er die Phiole sorgsam unter dem Kopfkissen verstaute.

Der Slytherin ließ sein berühmtes teuflisches Grinsen sehen, als er den Dunklen zu einem Kuss heranzog. „Keine Sorge, ich bringe dich schon auf andere Gedanken."

Sanft leckte seine Zunge über die weichen Lippen seines Gegenübers. „Das glaube ich dir gern", gab der Gryffindor rau zurück. Und tatsächlich waren wenige Minuten später Horcruxe und Voldemort die letzten Dinge auf der Welt, an die Harry gerade dachte.

XXXXXX 

Der Tempus-Zauber verriet Harry, dass es viertel vor zwölf war, als er sich vorsichtig aus Dracos Umarmung löste. Ganz langsam, um den anderen nicht zu wecken, rutschte er zum Rand der Matratze und kletterte aus dem Bett. Seine Augen ruhten auf dem schlafenden Slytherin, der halb auf der Seite lag, einen Arm über dem Kopf am Bettgitter fixiert , während er sich schweigend anzog. Routinemäßig kontrollierte er den kleinen Beutel aus Eselfell, der neben dem Bett lag und den ihm Hagrid letztes Weihnachten geschenkt hatte. Zuerst hatte Harry die beiden Horcruxe gemeinsam mit dem Tarnumhang in seiner Truhe verborgen, doch - ohne es seinen Freunden zu sagen - hatte er vor kurzem das Versteck gewechselt und den Becher und das Medaillon geschrumpft und in diesen Beutel getan, den er immer mit sich herum trug. Er konnte und wollte einfach nicht das Risiko eingehen, dass die Horcruxe gefunden wurden und wo waren sie schon sicherer, als an seinem Körper?

Im Licht der noch brennenden Kerzen öffnete Harry die Karte des Rumtreibers, um sich zu vergewissern, wo sich Professor Flitwick gerade aufhielt. Er hatte Glück, der Hauslehrer der Ravenclaws machte seine Runde gerade in der Bibliothek. Auf Zehenspitzen trat er noch einmal ans Bett, zog die Phiole mit dem Zaubertrank unter dem Kopfkissen hervor und hängte sie sich, nach einem letzten Blick auf Draco, um den Hals. Er schwor sich im Stillen, den Trank nur dann zu verwenden, wenn er wirklich keine andere Wahl hatte. Das Glückselixier war zu kostbar, um es leichtfertig aufs Spiel zu setzten. Mit einem wortlosen Zauber löschte Harry die Kerzen, bevor er zur Tür schlich und sich den Tarnumhang über den Kopf zog. Als er hinaus auf den Gang trat, lag dieser erwartungsgemäß dunkel und leer vor ihm. Im blassen Mondlicht, das durch die großen Fenster herein schien, konnte er sehen, dass auch die Menschen in den Bildern friedlich schliefen. So leise wie möglich ging Harry den Flur hinunter, bis er sein Ziel erreicht hatte: Das Mädchenklo des zweiten Stockwerks. Die Tür quietschte unangenehm, als der Gryffindor sie aufschob und die beiden Gestalten im Inneren zuckten sichtbar zusammen. Angstvoll leuchtete Ron mit seinem Zauberstab hinüber zur Tür, wo Harry in diesem Moment den Tarnumhang vom Kopf zog.

„Alter, du hast mich vielleicht erschreckt", sagte der Rothaarige erleichtert und auch Hermine stieß hörbar die Luft aus, die sie vor Schreck angehalten hatte.

„Wen habt ihr erwartet? Die Maulende Myrte würde wohl kaum die Tür benutzen", erwiderte Harry grinsend. Er stopfte sich den Umhang in den Hosenbund und entzündete nun ebenfalls seinen Zauberstab.

„Nicht so laut", flüsterte Hermine den Jungen zu. „Sonst kommt sie gleich aus einer der Toiletten geflutscht. Hast du alles dabei?"

Harry klopfte auf den Beutel, den er sich ebenfalls um den Hals gehängt hatte. „Natürlich. Und ihr, seid ihr bereit?"

Unwohl zuckte Ron die Schultern. Hermine nickte ernst. „So bereit, wie man seien kann."

„Dann los." Harry atmete noch einmal tief durch, dann trat er zu dem Waschbecken, in dessen defekten Hahn eine Schlange eingraviert worden war. „Öffne dich", zischte er in der Sprache der Schlangen, so wie er es auch damals getan hatte, als Tom Riddle Rons Schwester in die Kammer entführt hatte. Sofort glitt das Waschbecken zur Seite und gab den Blick auf das Abflussrohr frei, das breit genug war, um einen Menschen hinab gleiten zu lassen.

Unwillkürlich musste Harry schlucken, als er in die gähnende Schwärze starrte. Erinnerungen an seinen ersten Besuch in der Kammer des Schreckens kamen wieder hoch, als Ginny beinah von Riddle getötet worden war und er selbst sich mit dem Basilisken einen Kampf auf Leben und Tod geliefert hatte. Unwillig schüttelte er den Kopf, um die ungebetenen Bilder zu vertreiben. Seine Hände tasteten zu der Phiole, die er unter seinem Hemd verborgen hielt, um sich den Mut zu holen, den er nun brauchte.

„Ich gehe als Erster", sagte er mit fester Stimme, um seine Unsicherheit zu überspielen. Er schwang seine Beine über den Rand und stieß sich kräftig ab. Es war, als rauschte er eine endlose, schleimige Rutschbahn hinab. Im Licht seines Zauberstabs sah er andere Rohre in alle Richtungen abzweigen, doch keines war so dick wie seines, das in endlosen Windungen steil abwärts lief. Er fragte sich, wie viele Meter er schon zurück gelegt hatte und wie viele noch vor ihm liegen mochten, bis er endlich unterhalb der Kerker angekommen war. Hinter sich hörte er die Geräusche seiner Freunde, die in den Biegungen sacht gegen die Wände schlugen. Endlich bog sich das Rohr nach oben und lief aus, so dass Harry heraus kullerte und auf dem feuchten Boden landete.

Mühsam rappelte er sich auf und trat zur Seite, um Platz für Ron und Hermine zu machen, die hinter ihm aus dem Rohr plumpsten. Während Ron allein auf die Füße kam, half der dunkle Gryffindor dem Mädchen hoch, das sich interessiert in dem dunklen Steintunnel umsah. Im Gegensatz zu den beiden Jungen war es ihr erster Besuch in dem ehemalige Reich des Basilisken. Doch für lange Erklärungen blieb keine Zeit.

„Hier entlang", erklärte Harry und leuchtete mit dem Zauberstab den Weg. Dicht hintereinander folgten sie dem Tunnel in die Dunkelheit. Obwohl sie wussten, dass es ungefährlich und das Monster seit Jahren tot war, hatten die drei Freunde eine Gänsehaut unter ihrer Kleidung. Ihre Schritte hallten laut von den steinernen Wänden wider, nur unterbrochen von einem gelegentlichen Knirschen, wenn einer von ihnen auf einen der Tierknochen trat, die den Boden des Tunnels bedeckten.

Schweigend folgten sie dem scheinbar endlosen Gang, der in den Fels getrieben worden war, bis sie nach einer Kurve endlich die Stelle erreichten, die früher von einer Wand mit zwei eingemeisselten ineinander geflochtenen Schlangen verschlossen gewesen war. Jetzt waren die Wandhälften zur Seite geglitten und gaben den Eingang zu der Halle frei, in der Harry den Basilisken getötet hatte. Damals war die Halle von einem blassen, grünlichen Licht beleuchtet gewesen, doch dieses Mal lagen die mächtigen Säulen, die bis zur Decke empor ragten, in tiefster Schwärze. Die Luft war schwer vom ekelhaft süßlichen Geruch der Verwesung.

Harry konnte hören, wie Hermine hinter ihm scharf die Luft einsog, als das schwache Licht ihrer Zauberstäbe die Szenerie erfasste, überwältigt von der imposanten Umgebung. Doch obwohl sein Herz wie wild klopfte, bedeutete er den anderen, weiter zu gehen. Wie Donnergrollen hallten die Schritte der drei Jugendlichen auf dem steinernen Boden, als sie zwischen den Säulen hindurch schritten, bis sie die Statue erreichten, die am Ende der Halle erreichtet worden war und an deren Fuß die tote Riesenschlange lag.

„Merlin", entfuhr es Hermine entsetzt, als ihr Blick den gewaltigen Leib des Basilisken traf - oder besser das, was noch von ihm übrig war. Ratten und anderes Getier hatten das Fleisch teilweise von den Knochen herunter gefressen, so dass in der ledrigen Schlangenhaut große Löcher klafften und das, was noch übrig war, stank geradezu bestialisch. Nur der Schädel war noch fast vollständig erhalten. Unheimlich starrten die leeren Augenhöhlen ihnen entgegen. Das Maul war weit geöffnet, so dass die drei Freunde die armlangen Giftzähne erkennen konnten.

„Lasst uns schnell machen, bevor ich mich übergebe", stöhnte Ron, dessen Gesicht bereits eine deutliche Grünfärbung aufwies.

Harry nickte nur, während er näher an das tote Ungetüm heran ging, bemüht möglichst lange die Luft anzuhalten. Zweifelnd besah er sich die messerscharfen Zähne, unsicher wie er sie am besten aus dem Maul heraus brechen konnte, ohne mit dem Gift in Berührung zu kommen. Doch während er noch grübelte, war es wieder einmal Hermine, die zuerst den richtigen Einfall hatte. Sie nahm einen großen Stein vom Boden, der bei Harrys Kampf damals aus einer der Säulen heraus gebrochen war und schlug mit all ihrer Kraft gegen einen der Zähne. Es gab ein knirschendes Geräusch, das Harry die Nackenhaare zu Berge stehen ließ, dann klappte der Zahn nach hinten und fiel vor ihnen auf den Boden.

Mutig geworden nahm nun auch Ron einen Stein und wiederholte den Schlag, so dass ein weiterer Zahn aus dem Maul heraus brach. Als letzter schlug auch Harry einen Zahn aus dem Schlund des Untiers. Nun hatten sie einen Zahn für jeden Horcrux, den sie zerstören mussten. Hermine schlüpfte aus der Strickjacke, die sie über ihren Sweater gezogen hatte und rollte die Basiliskenzähne sorgfältig darin ein. In stiller Übereinkunft nickten sich die drei Freunde zu, dann machten sie, dass sie fort kamen. Der faulige Geruch war kaum noch zu ertragen. Minutenlang liefen sie nebeneinander her, bis sie um etliche Kurven gebogen waren und den Eingang zur Halle nicht mehr sehen konnten. Erschöpft ließen sich die Gryffindors auf den Boden fallen.

„Alter, war das widerlich", stieß Ron gepresst hervor.

„Aber immer noch besser, als meine erste Begegnung mit dem Mistvieh", gab Harry zurück, doch auch er war froh, die Kammer des Schreckens hinter sich gelassen zu haben.

Hermine war auffällig blass, doch auch sie schien mehr als erleichtert. „Hauptsache, wir waren erfolgreich. Und nun? Bringen wir es hier unten zu Ende oder wollen wir lieber erst nach oben klettern?"

Nachdenklich kaute Harry an seiner Unterlippe. Am liebsten wollte er sofort das Gewölbe verlassen, doch vermutlich war die Abgeschiedenheit der Tunnel der beste Ort, um die Horcruxe zu zerstören. Schließlich hatte er keine Ahnung, was er genau zu erwarten hatte. Der Tom Riddle aus dem Tagebuch war auch nicht schweigend gestorben, sondern hatte mit einem fürchterlichen, durchdringenden Schrei sein Leben ausgehaucht. Wenn die Vernichtung der beiden anderen Horcruxe ähnlich ablief, würden sie oben bei dem Krach vermutlich das halbe Schloss aufwecken. Das konnten sie einfach nicht riskieren.

Entschlossen nahm der dunkle Gryffindor den Beutel aus Eselfell von seinem Hals. „Nein", sagte er bestimmt. „Wir machen es hier und jetzt."

XXXXXX

Ich habe es vergessen. Vergessen. Vergessen!" Panisch wirbelte Draco durch das Wohnzimmer. Wahllos nahm er Kissen und Decken hoch, schaute unter den Tisch und in die Schränke.

Suchst du irgendetwas, Love?" fragte Harry seinen Ehemann.

Meinen Umhang", gab Draco gehetzt zurück. „Ich brauche meinen Umhang!" Entschlossen durchwühlte er die Schubladen des Sideboards.

Dein Umhang hängt an der Garderobe", klärte der Dunkle ihn auf. „Aber wo willst du denn so dringend hin?"

Meine Mutter, sie hat heute Geburtstag! Und ich habe es vergessen! Ich habe noch nie ihren Geburtstag vergessen! Ich bringe ihr immer Lilien! Sie liebt Lilien! Und ich habe es vergessen!" platzte es aus dem Blonden heraus.

Beruhigend legte Harry seine Hand auf den Arm seines ausgelösten Partners. „Mach dir keine Sorgen. Ich habe daran gedacht. Es ist alles in Ordnung. Ich habe ihr die Blumen per Kurier schicken lassen."

Aber ich muss doch zu ihr!" beharrte Draco stur. „Sie erwartet mich!"

Du weißt doch, dass deine Eltern geschäftlich im Ausland sind. Was hältst du davon, wenn du ihr stattdessen eine Karte per Eileule schickst? Wenn sie dann zurück sind, werden wir Narzissas Geburtstag natürlich nachfeiern."

Etwas zögerlich nickte der Blonde. „Ich glaube, ich habe noch eine Karte oben. Die schicke ich ihr. Bist du auch sicher, dass du dem Kurier gesagt hast, dass es Lilien sein müssen?"

Ja, Love", antwortete Harry ruhig. „Ganz sicher, aber wenn du möchtest, frage ich nach, ob sie die Blumen erhalten hat."

Ja, bitte." Draco schien mit den Gedanken schon ganz weit weg. „Ich gehe dann nach oben."

In Ordnung." Harry wartete, bis sein Ehemann den Raum verlassen hatte, bevor er sich vor den Kamin kniete und eine Flohnetzwerk-Verbindung zum Blumengeschäft aufbaute. Das Gesicht einer grauhaarigen, beleibten Frau erschien in den Flammen.

Mr. Potter, was kann ich für Sie tun?"

Haben Sie das Bouquet, das ich bestellt habe, ausgeliefert?" fragte der ehemalige Gryffindor ohne Umschweife.

Die Dame nickte eifrig. „Zwei Dutzend Lilien, zum Friedhof von Malfoy Manor, wie in jedem Jahr."

Gut. Das wäre alles." Harry beendete die Verbindung, indem er seinen Kopf aus dem Kamin zog. Er hatte auch nichts anderes erwartet. ' Miss Fannys Flowers' war das beste Blumengeschäft der Winkelgasse und sie hatten in den letzten zehn Jahren nie vergessen, die Blumen an den Geburtstagen von Dracos Eltern auszuliefern. Jetzt konnte er seinen Partner wenigstens beruhigen, wenn er ihm schon nicht die Wahrheit sagen konnte.

Tbc....