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LVI. Already Over

 

You never go

You`re always here (suffocating me)

Under my skin

I cannot run away

Fading slowly

 

(RED, Already Over)

 

Unter den wachsamen Augen seiner Freunde holte Harry die beiden Horcruxe aus dem Beutel und brachte sie mit einem Zauber auf ihre normale Größe. Im schwachen Licht erschienen die beiden Gegenstände kein bisschen imposant. Helga Hufflepuffs Trinkpokal sah aus wie ein ganz normaler Becher und auch das Medaillon machte keinen besonderen Eindruck, doch Harry konnte die dunkle Magie spüren, die davon ausging. Sie war jetzt sogar noch stärker als sonst, beinah so, als könnten die Horcruxe spüren, dass ihr Ende nahe war.

Der dunkelhaarige Gryffindor atmete tief durch, dann schob er das Medaillon ein wenig zur Seite und rückte den Becher vor sich zurecht. „Okay, bringen wir es hinter uns. Ich nehme jetzt einfach einen der Basiliskenzähne und haue ihn mit aller Kraft in dieses Ding. Hermine, gibst du mir einen der Zähne?"

Das Mädchen starrte einen langen Moment abwechselnd auf den Becher und auf die zusammengerollte Strickjacke vor sich, bis sie schließlich ohne den Blick abzuwenden den Kopf schüttelte. „Nein."

„Nein?" fragte Harry verdutzt.

„Nein", wiederholte Hermine bestimmt. Sie hob den Kopf und sah ihrem Freund gerade ins Gesicht. „Ich werde es tun."

„Du?!" riefen die beiden Jungen wie aus einem Mund.

„Ja, ich", gab Hermine fest zurück. „Denkt doch einmal logisch: Der Tom Riddle aus dem Tagebuch hat versucht, Harry von der Zerstörung des Horcruxes abzuhalten und laut Dumbledores Aufzeichnungen ruhte ein Fluch auf dem Ring der Gaunts, der ihn vermutlich getötet hätte, wenn er nicht vorher gewarnt worden wäre. Was ist, wenn der Pokal ebenfalls geschützt ist? Wenn er Harry verletzt oder sogar tötet, dann wäre alles umsonst gewesen."

„Ach und es wäre besser, wenn du dabei drauf gehst?" frage Ron empört.

„Das kommt gar nicht in Frage", setzt Harry sofort hinzu. „Es ist meine Aufgabe Voldemort aufzuhalten und deshalb werde ich die Horcruxe selbst zerstören."

Hermine rollte genervt die Augen. „Sei doch vernünftig. Alles allein machen zu wollen, ist nicht heldenhaft sondern einfach nur dumm. Mein Vorschlag ist eine Verteilung des Risikos."

„Also, wenn hier schon jemand anders als Harry die Horcruxe zerstören muss, dann mache ich das", warf Ron ein.

Mit vor Wut funkelnden Augen sah Hermine ihren Freund an. „Ich brauche keinen Beschützer, Ron."

„Das hat gar nichts mit Beschützer zu tun", wehrte der Rothaarige ab.

„Ach, dann meinst du also, dass du besser die Horcruxe vernichten kannst, als ich? Liegt es vielleicht daran, dass ich ein Mädchen bin oder ist es, weil ich von Muggeln abstamme?" herrschte ihn Hermine an.

Wütend starrten sich die Jugendlichen entgegen. Sie waren so mit ihrem Streit beschäftigt, dass sie den Widerschein zweier roter Augen, der sich im Metall des Trinkpokals spiegelte, gar nicht wahrnahmen. Nur Hary, der die ganze Zeit zwischen seinen beiden Freunden hin und her geguckt hatte, bemerkte die Gefahr, die plötzlich wie ein dunkler Schatten über ihnen schwebte. „Leute, merkt ihr denn gar nicht, dass ihr den Horcruxen in die Hände spielt? Sie vergiften eure Gedanken mit ihrer Magie, damit ihr euch so in die Haare bekommt, dass ihr darüber ganz vergesst, worum es eigentlich geht."

„Genau", pflichtete ihm Hermine bei. „Wir sind hier, um Horcruxe zu vernichten und genau das werde ich jetzt auch tun."

Bevor einer der Jungen wusste, wie ihm geschah, warf sie sich nach vorn und schnappte sich den bronzenenTrinkpokal. Dann zog sie blitzschnell einen Basiliskenzahn hervor und rammte ihn beherzt mitten in das matt glänzende Metall. Just in dem Moment, in dem der Zahn den Becher durchbohrte, ertönte ein Mark erschütternder Schrei, der so laut und so unmenschlich war, dass die Freunde glaubten, ihnen müssten die Trommelfelle platzen. Reflexartig presste Harry die Hände auf die Ohren, um zu versuchen, den Lärm auszusperren, als sich der Schrei plötzlich verwandelte und zu einer sehr menschlichen, bekannten Stimme wurde. Erschrocken hob Harry den Blick. Sein Herz setzte für einen Moment aus, als er sah, wie Hermine sich auf dem Boden wälzte. Ihre Hände krallten sich in die langen, brauen Haare. Das Gesicht war verzogen vor Schmerz und ihr Mund war zu einem nicht enden wollenden, qualvollen Schrei geöffnet.

„Hermine!" rief er panisch und stürzte hinüber zur Freundin. „Was ist? Was fehlt dir? Sprich mit mir, bitte!"

Tränen rannen aus den Augen des Mädchens, doch der Schmerz war augenscheinlich so groß, dass sie es nicht schaffte, ihre Schreie zu unterbrechen. Hilflos musste Harry mit ansehen, wie Hermine ihren Kopf auf den Steinboden schlug, in dem Versuch, die Pein daraus zu vertreiben. Verzweifelt rang der Junge die Hände, probierte mit einem Finite Incantatem den Zauber zu beenden, der Hermine quälte, doch nichts geschah. Mutlos legte er den Zauberstab neben dem Mädchen ab, um sie einfach nur zu halten und ihr so wenigstens beistehen zu können.

Er war so damit beschäftigt, der Freundin helfen zu wollen, dass Harry gar nicht merkte, dass Ron immer noch einige Schritte abseits saß. Die Kiefer des rothaarigen Gryffindors mahlten, seine Augen waren zu Schlitzen verengt, während sich sein Blick in seine beiden Freunde bohrte. In dem Medaillon , das nur wenige Zentimeter vor seinen Knien lag, schienen die roten Augen geradezu zu glühen. Leise Worte, wie pures Gift, sickerten in Rons Verstand. Sie sprachen von Verrat, von brennender Eifersucht, betrogener Liebe und dem Schicksal immer im Schatten des allmächtigen Harry Potters zu stehen.

Plötzlich hörten Hermines Schreie auf, ihr Körper wurde schlaff und ein heiseres Schluchzen entwich ihren Lippen. Rons Hände ballten sich zu Fäusten, als er sah, wie Harry über Hermines Schultern streichelte. Der Mund des Dunkelhaarigen senkte sich zum Ohr, des halb auf seinem Schoß liegenden Mädchens. Ihr Körper zitterte, bebte. Die verkrampften Hände klammerten sich an die des Jungen, von dem Ron immer gedacht hatte, dass dieser sein Freund sei. Das war zu viel. Mit einem Aufschrei warf er sich auf Harry und zerrte ihn von Hermine fort. Seine Hände suchten dessen Kehle, wollten ihn packen, ihn erwürgen. Die Falschheit, das Begehren ein für alle Mal aus ihm heraus pressen.

„Ron", stieß Harry hervor, während er sich gegen die rohe Gewalt seines Freundes wehrte. „Was tust du?"

„Wie konntest du nur?!" stieß der Andere wütend hervor. „Sie ist meine Freundin! MEINE FREUNDIN! Reicht es dir nicht, dass du sonst schon alles hast? Muss es ausgerechnet sie sein?!"

„Spinnst du?! Ich versuche Hermine zu helfen", gab Harry gepresst zurück. Er bemühte sich, den Rothaarigen von sich herunter zu werfen, ohne ihn dabei zu verletzten, aber Ron war größer und kräftiger als er selbst.

„Oh ja, der große Harry Potter", höhnte Ron böse. „Der Retter der Zauberwelt, der Kämpfer für das Gute.... das ich nicht lache! Wenn die Leute wüssten, was für ein Versager du in Wirklichkeit bist."

„Ron, das bist nicht du, der da spricht", versuchte der Dunkelhaarige seinen Freund zur Besinnung zu bringen. „Es ist der Horcrux! Er manipuliert dich!"

„Ach ja? Vielleicht bin ich nur endlich aufgewacht und habe erkannt, was für eine Art von Mensch mein so genannter, bester Freund wirklich ist!"

„Ron, bitte, Hermine braucht uns jetzt!"

„Hermine braucht dich nicht!" schrie Ron außer sich. „Sie braucht mich und niemanden sonst!"

„Dann hilf ihr verdammt noch mal und lass mich den Horcrux vernichten, bevor es zu spät ist!" brüllte Harry zurück.

„Du hast mir nichts zu sagen! Das ist ein für alle mal vorbei!" Drohend richtete Ron seinen Zauberstab auf den anderen Jungen. Der Stupor traf Harry so unvorbereitet, dass dieser einige Meter nach hinten gegen den Felsen flog, wo er benommen liegen blieb. Diesen Moment nutzte Ron, um das am Boden liegende Medaillon aufzuheben. Gierig sogen seine Augen den Anblick des glänzenden Metalls auf, bevor er sich die Kette um den Hals hängte. Den durchbohrten Trinkpokal würdigte er keines Blickes. „Ich denke, ich werde das Medaillon dorthin bringen, wo es hingehört und wo ich als die Person gewürdigt werde, die ich bin."

„Bitte Ron", brachte Hermine krächzend hervor. Sie war noch zu schwach, um sich aufzurichten, doch mit der Kraft der Verzweiflung schaffte sie es, sich auf die Seite zu drehen. Ihr Gesicht war nass von Tränen und die Augen vom Weinen rot und geschwollen. Doch das Erschreckendste war der Anblick ihres Haares: Es war auf einen Schlag schneeweiß geworden. Zitternd streckte sie eine Hand nach ihm aus. „Wach endlich auf! Voldemort benutzt dich nur!"

„Du bist es, die mich benutzt hat", gab Ron kalt zurück. Das Medaillon auf seiner Brust glühte immer heller, während sein Zauberstab nun auf Hermine zielte. „Du hast mich nur genommen, weil du ihn nicht haben konntest!"

Neue Tränen schossen aus Hermines Augen hervor. „Das ist nicht wahr! Harry ist mein bester Freund, aber dich... dich liebe ich!"

„Aber ich dich nicht", erwiderte der rote Gryffindor ohne jede Gefühlsregung. „ Ich bin nicht mehr der dumme Trottel, der sich von dir herum kommandieren lässt! Ich bin zu mehr auserwählt!"

Die Spitze seine Zauberstabs begann zu leuchten, als er ihn auf den Kopf des Mädchens richtete. „Leb wohl Hermine, grüß Dobby von mir."

Doch bevor Ron seinen Zauber wirken konnte, sah er aus dem Augenwinkel einen weiteren Zauberstab aufglühen. „Weg von ihr!" knurrte Harry, als er sich mühsam auf die Beine kämpfte. Seine Hand umklammerte den wieder erlangten Zauberstab mit grimmiger Entschlossenheit. „Oder..."

„Oder was?" fragte Ron lauernd. „Wirst du mich töten? Deinen besten Freund?"

„Nein, aber ich werde dafür sorgen, dass du niemandem mehr schadest, bis du wieder zur Vernunft gekommen bist", erwiderte Harry ehrlich, während er langsam näher kam.

„Bedauere, kein Interesse", gab der Rothaarige zurück. Plötzlich ging alles sehr schnell: Im Bruchteil einer Sekunde richtete er seinen Zauberstab auf die Decke und feuerte einen Expulso ab. Hunderte Gesteinsbrocken wurden dabei heraus gesprengt und regneten auf sie hinab. Harry wollte gerade ebenfalls einen Zauber auf seinen Freund abfeuern, als ein spitzer Schrei seine Aufmerksamkeit ablenkte. Schützend hatte Hermine die Arme über den Kopf gehoben, als ein großer Felsen direkt neben ihrem Körper in den Boden einschlug. Seine Augen zuckten zurück zu Ron, der sich mit einem letzten hämischen Blick umdrehte und im Dunkel des Tunnels verschwand. Sein Verstand sagte Harry, dass er hinterher laufen musste, um seines Freundes und des teuer bezahlten Horcruxes wegen. Doch sein Herz weigerte sich, Hermine die noch zu schwach war, um sich in Sicherheit zu bringen, im einstürzenden Tunnel allein zu lassen.

Mit dem Zauberstab erschuf er einen Schutzschild, der groß genug für sie beide war, dann kämpfte er sich durch die hinab stürzenden Gesteinsmassen zu dem Mädchen. Vorsichtig hievte er Hermine auf seine Arme. „Nein!" Mit letzter Kraft wehrte sie sich gegen Harrys Fürsorge. „Lass mich hier! Du musst Ron zurück holen!"

„Ich kann nicht." Mit sanfter Gewalt drückte der schwarzhaarige Junge Hermine an sich. „Ich muss dich in Sicherheit bringen."

„Aber Ron....!" presste sie erstickt hervor. „Ron!"

„Ich werde ihn finden, Hermine. Ich verspreche es dir. Aber zuerst musst du in den Krankenflügel."

Das Mädchen in seinen Armen wurde von unkontrollierten Schluchzern geschüttelt, während Harry sie durch das Labyrinth der Tunnel nach draußen führte. Als sie das Rohr erreichten, das von dem Badezimmer nach unten führte, schaffte er es durch einen Reverso-Zauber die Eigenschaft des Rohres umzukehren, so dass sie von unten nach oben rutschen konnten. Zu zweit war es ziemlich eng in der Röhre, doch Harry hielt Hermine die ganze Zeit an sich gepresst. Er durfte sie nicht loslassen, würde es nicht, konnte es nicht. Tatsächlich schaffte er es erst sich von ihr zu lösen, als er sie in dem weiß bezogenen Bett der Krankenstation ablegte. Die Phiole mit dem Felix felicitas, an das er die ganze Zeit nicht gedacht hatte, fühlte sich plötzlich eiskalt auf seiner Haut an.

XXXXXX

Die Tür der Krankenstation quietschte leise, als Harry sie aufdrückte. Er brauchte den Blick gar nicht erst zu heben, um zu wissen, dass Hermines Blick ab diesem Moment bereits auf ihm ruhte. Er konnte es fühlen. Ihre Augen durchbohrten ihn förmlich und er wusste, wenn er sie ansehen würde, würde er den Funken Hoffnung in ihnen leuchten sehen, der schon da gewesen war, als er zu seiner Suchaktion aufgebrochen war. Doch Harry fürchtete sich davor, sie anzusehen und dabei zugucken zu müssen, wie dieser Funken verlöschte und stattdessen der Verzweiflung Platz machte, die auch er in seinem Inneren fühlte.

Gleich nachdem er Hermine in die Krankenstation gebracht hatte, war er wieder hinab in die unterirdischen Tunnel gestiegen und hatte versucht, Rons Spur aufzunehmen. Doch es war vergebens gewesen. Nirgendwo in dem verzweigten Labyrinth hatte er auch nur den geringsten Hinweis erhalten. Weder die Karte des Rumtreibers, noch die Suche in den Ländereien des Schlosses hatte irgendeinen Erfolg gebracht. Er konnte überall hinappariert sein. Dennoch wollte er Ron nicht aufgeben. Er war sein Freund, sein bester Freund und er hatte es Hermine versprochen, aber als schließlich die Sonne am Horizont über die Hügel hinauf kletterte, wusste Harry, dass er umkehren musste. Zum Einen war er die ganze Nacht auf den Beinen und langsam zum Umfallen erschöpft und zum Anderen war Draco vermutlich bereits aufgewacht und bestimmt nicht glücklich darüber, allein an das Bett gefesselt zu sein. Außerdem würde es sich nicht vermeiden lassen, Professor McGonagall über Rons Verschwinden zu benachrichtigen. Auch wenn Harry noch nicht wusste, was er seiner Hauslehrerin über die Ereignisse der Nacht erzählen sollte.

„Harry?"In diesem einen Wort lag Hermines ganze Angst davor, was er ihr zu berichten hatte.

Der dunkelhaarige Gryffindor schüttelte nur stumm den Kopf. Seine Kehle fühlte sich plötzlich furchtbar eng an und er schaffte es nicht, auch nur ein einziges Wort über seine Lippen zu bekommen. Bittend suchte er ihren Blick. Ihre dunklen Augen schwammen schon wieder in Tränen und ihr Gesicht wirkte durch die weißen Haare furchtbar blass. „Es ist meine Schuld", flüsterte sie rau, als die erste feuchte Spur ihre Wange hinab rann. „Wenn du mich nicht aus dem einstürzenden Tunnel gerettet hättest, wäre genug Zeit geblieben, um ihm nachzulaufen."

„Nein, es ist meine Schuld", gab Harry gequält zurück,als er den Abstand zu ihr schloss. „Ich hätte ihn aufhalten müssen, bevor er den Expulso abgefeuert hat."

„Wenn wir doch nur zu ihm durchgedrungen wären", seufzte das Mädchen gequält.

„Voldemorts Macht ist selbst in seinen Horcruxen noch stark. Er hat sofort erkannt, dass Ron das schwächste Glied in der Kette ist, dass er immer an sich und an seinen Fähigkeiten gezweifelt hat. Und das hat Er eiskalt ausgenutzt."

„Ich dachte, es wäre ein guter Plan, einen Teil des Risikos auf mich zu nehmen, doch stattdessen habe ich alles noch viel schlimmer gemacht."

„Nein." Harry schüttelte vehement den Kopf. „Wenn du nicht den Becher vernichtet hättest... vielleicht hätte mich der Horcrux wirklich umgebracht."

„Ich konnte Ihn hören, weißt du", sagte das Mächen leise. „Es war, als würden Seine Worte in meinem Kopf ein Feuer entzünden, das mich von innen verbrennt. Ich dachte wirklich, das ist das Ende."

„Aber der Fluch hat dich nicht getötet", stellte Harry fest. „Warum?"

„Ich bin mir nicht sicher", antwortete Hermine. „Aber es schien, als ob durch deine Berührung eine Art Magie in mich geschickt wurde, die den Zauber aufgehoben hat."

„Aber ich habe doch gar nichts gemacht", erwiderte der Junge verdutzt. „Ich habe dich nur gehalten."

„Genau das ist es doch: Du hast mich getröstet, dir Sorgen um mich gemacht. Du-weist-schon-wer hat die Macht der Liebe und der Freundschaft schon immer unterschätzt."

Schüchtern streichelte Harry erneut den Arm des Mädchens. „Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist."

Hermine lächelte gequält. „Abgesehen davon, dass ich jetzt öfter mal einen Haarfärbezauber durchführen muss..."

„Wir finden ihn, Mine", tröstete der Dunkelhaarige die Freundin. „Ich werde gleich zu McGonagall gehen und sie wird bestimmt die halbe Auroren-Zentrale losschicken, um ihn zu suchen. Und was deine Haare angeht, bin ich mir sicher, dass es Ron ganz egal ist, welche Farbe sie haben. Er liebt dich, Hermine, auch wenn er in seinem Wahn etwas anderes gesagt haben mag."

Erschöpft schloss das Mädchen die rot geweinten Augen. „Ich hoffe du hast recht. Wenn Er ihn in die Finger bekommt...."

„Das wird nicht passieren", erwiderte Harry entschlossen. Es konnte nicht passieren und es durfte nicht passieren. Nicht nur Rons Leben hing davon ab. Wenn Voldemort von der Jagd auf seine Horcruxe erfuhr, .... aber daran wollte Harry am liebsten gar nicht denken.

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Es fiel ihm nicht leicht, seine Hauslehrerin zu belügen, auch wenn Harry langsam Routine darin bekam. Gemeinsam mit Hermine hatte er sich eine Geschichte zurecht gesponnen, in der sich das Mädchen mit Ron gestritten hatte und dieser daraufhin blindlings davon gestürmt war. Hermine hatte sich daraufhin bei Harry ausgeheult und gemeinsam hatten sie beschlossen, den Freund mit einem Liebeszauber zu überraschen, was dann aber vollkommen schief gelaufen war. Dass Ron tatsächlich das Schloss verlassen hatte, war Hermine und Harry durch das ganze Durcheinander erst am Morgen aufgefallen.

Ob Minerva McGonagall ihnen diesen haarsträubenden Unfug wirklich glaubte, war der älteren Dame nicht anzusehen, als sie Harry über den Rand ihrer Brille hinweg musterte, doch nachdem sie ein paar Mal nachgehakt hatte, tätigte sie schließlich die alles entscheidende Flohpulver-Verbindung ins Ministerium und Harry atmete auf. Ganz egal was ihm nun noch bevor stand, Hauptsache die Suche nach Ron wurde endlich in die Wege geleitet.

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Die Frühstückszeit war längst zu Ende und von überall strömten die Schüler zum Unterricht, als Harry den unbenutzten Klassenraum im zweiten Stock betrat. Nachdem seine Hauslehrerin ihre Befragung endlich beendet hatte, war er zu seinem Unglück auch noch Professor Snape in die Arme gelaufen und nur der Umstand, dass Peeves einem Schüler ein gutes Dutzend Wasserbomben geklaut hatte und diese nun auf alles warf, was sich bewegte, rettete ihn vor einem weiteren Verhör.

„Ach, lässt du dich heute auch noch mal hier blicken?!" kam sofort die giftige Begrüßung aus der Richtung des Bettes. Mit verschränkten Armen saß Draco auf der Matratze und funkelte seinen Freund wütend an.

„Es tut mir leid", begann Harry den Versuch, sich zu verteidigen, aber der Slytherin ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

„Leid? Leid??? Ich sitze hier seit Stunden fest! Mein Magen hängt mir in den Kniekehlen und ich muss dringend mal pinkeln und es tut dir einfach nur leid?!" blaffte der Blonde zornig.

„Ja", sagte der Gryffindor simpel, nachdem er den Zauber intoniert hatte, der die Fesseln löste. „Es tut mir ehrlich furchtbar leid."

Erleichtert rieb sich Draco das schmerzende Handgelenk, bevor er sich erneut Harry zuwandte. Erst jetzt sah er die Kratzer im Gesicht des Dunklen, bemerkte die Schatten unter den Augen und nahm die zerknitterte und dreckige Kleidung wahr.

„Was ist passiert?" fragte er besorgt, während seine Finger vorsichtig über einen Riss auf Harrys Wange tasteten.

„Es ist etwas schief gelaufen", gab Harry zu und ließ sich müde auf die Matratze sinken. „Ich befürchte, Voldemort hat Ron in seiner Gewalt."

„Das Wiesel?" fragte Draco verwundert, als er sich neben seinen Freund setzte. „Was soll Er denn mit dem?"

„Er hat etwas, was Voldemort unbedingt zurück haben will", erklärte der Gryffindor so gut wie möglich den Sachverhalt.

„Dann ist er schon so gut wie tot", sprach Draco die Vermutung aus, die Harry schon die ganze Zeit quälte.

„Ich weiß", flüsterte er tonlos. Schnell schloss Harry die Augen, um die Tränen zurück zu halten, die bereits gegen seine Wimpern drängten. Die ganze Nacht und den ganzen Morgen hatte er seine Emotionen verdrängt, doch nun wollten sie mit Macht an die Oberfläche. Er spürte, wie Draco sich seinen Kopf an die Schulter zog, so dass Harrys Gesicht in seiner Halsbeuge ruhte und als er den Arm des Blonden um seine Schulter fühlte, brachen schließlich alle Dämme und heiße Tränen der Verzweiflung quollen aus ihm heraus, wie Lava aus einem Vulkan, bis nichts in ihm übrig blieb, als kalte, tote Asche.

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Die Sonne schien unbeeindruckt von den Ereignissen vom blauen, schottischen Himmel, als Harry am nächsten Morgen mit Dean und Seamus zum Frühstück ging. Etwas verloren tappte er hinter seinen Freunden her, die sich eifrig miteinander unterhielten. Rons Verschwinden war in der Schule das Thema Nummer eins und er hatte es sogar mit einem Artikel in den Tagespropheten geschafft. Als Hermine die Zeitung gesehen hatte, war sie abwechselnd grün und blass geworden und hatte wieder stundenlang geweint, bis ihr die Schulschwester einen Beruhigungstrank gegeben hatte. Auch deshalb war das Mädchen nicht in der Lage am Schulalltag teilzunehmen, weshalb sie weiter auf der Krankenstation blieb.

Die Jungen durchquerten gerade die Eingangshalle, als Harry eine Gruppe von Männern sah, die von Mr. Filch durch das Portal ins Schloss gelassen wurden. Auch wenn Harry den einen Mann, einen hühnenhaften Farbigen, nicht gekannt hätte, hätte er anhand der Bewegungen sofort gewusst, dass es sich bei ihnen um Auroren handelte. Harrys Herz schlug schneller in seiner Brust, während er sich von den anderen Gryffindors entfernte und auf die Männer zusteuerte.

Der Hausmeister war gerade dabei sie zur Treppe zu führen, als sich der Junge ein Herz nahm und den Anführer ansprach: „Entschuldigung, Mr.Shaklebolt Sir, aber sind Sie wegen Ronald Weasley hier?"

Kingsley Shaklebolt, der farbige Leiter des Aurorenbüros, verlangsamte seine Schritte und drehte sich zu Harry um. Im Laufe seiner Karriere hatte er immer wieder Kontakt mit dem bekanntesten Jungen der Zauberwelt gehabt und er hatte gelernt, dass dieser seine Berühmtheit nicht nur dem schicksalhaften Ereignis aus seiner Kindheit verdankte, sondern auch seinem äußerst wachen Verstand.

„Ja, Mr. Potter", bestätigte er mit seiner tiefen, vollen Stimme. „Das ist richtig."

„Gibt es etwas Neues?" fragte Harry hoffnungsvoll. „Haben Sie ihn gefunden?"

Shaklebolt lächelte traurig, bevor er eine seiner riesigen Hände auf die Schulter des Gryffindors legte. „Das haben wir in der Tat, aber leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Mr. Weasley zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr am Leben war."

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Unruhig tigerte Harry im Wohzimmer hin und her. Aus der oberen Etage des Hauses hörte man lautes Scheppern und das Geräusch von zerbrechendem Glas. Endlich knisterten die Flammen und leuchteten grünlich auf, als Hermine in der Feuerstelle erschien und hinaus in das Wohnzimmer trat. Sorgsam klopfte sie den Ruß von ihrem Hexenhut und vom Reiseumhang, bevor sie sich an Harry wandte.

Wo ist er?" fragte sie routiniert.

Oben", antwortete der Freund niedergeschlagen. „Er hatte wieder einen Anfall und hext jetzt das Schlafzimmer kurz und klein."

Überrascht zog Hermine die Augenbrauen hoch. „Warum hast du ihm nicht einfach einen Schockzauber verpasst?"

Ich kann das nicht", gestand Harry. „Ich kann ihm einfach nicht weh tun."

Aber so geht es doch auch nicht weiter. Sein Zustand wird schließlich nicht besser, sondern schlimmer. Hast du schon mal darüber nachgedacht, ihn zu uns ins Manor zu bringen?"

Nein." Vehement wehrte Harry ab. „Er braucht mich. Ich bin der Anker, der ihn hier hält."

Mitfühlend legte die Freundin einen Arm um den dunkelhaarigen Mann. „Ist es nicht vielleicht eher so, dass du ihn nicht gehen lassen willst?"

Mit einer unbestimmten Bewegung wischte Harry den Einwand zur Seite. „Nenn es, wie du willst, aber Draco bleibt hier bei mir."

Wie du meinst." Leise seufzend zog Hermine ein Fläschchen unter ihrem Umhang hervor. „Zehn Tropfen zu jeder Mahlzeit sollten ihn ruhig stellen."

Ein weiteres Klirren von oben ließ die Beiden zusammen zucken. „Ich gehe dann mal für Ruhe sorgen." Mit gezogenem Zauberstab wandte sich Hermine in Richtung der Treppe, doch Harry hielt sie am Arm zurück. „Danke, Mine."

Die braunhaarige Frau warf ihm ein blasses Lächeln zu. „Dafür sind Freunde doch da."

Tbc....