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LVIII. Blaze of Glory 

Lord, I got to ask a favour

And I`ll hope you`ll understand

`Cause I`ve lived life to the fullest

Let the boy die like a man

Staring down the bullet

Let me make my final stand 

(Jon Bon Jovi, Blaze of Glory)

Schon beim Aufwachen wusste Draco, dass etwas nicht in Ordnung war. Normaler Weise wachte er nie abrupt auf, es sei denn, er hatte einen Weckzauber durchgeführt. Es war eher ein dahin Dämmern unter der Oberfläche, zwischen Wachen und Schlafen, bis er nach oben glitt und die Augen öffnete. Heute jedoch war alles anders. Heute saß er im Bett, bevor er überhaupt gewahr wurde, dass er wach war. Ihm war, als habe ihn jemand gerufen, doch war es kein Rufen von außerhalb seines Körpers. Nein, der Ruf entstand mitten in seinem Kopf - 

- und sein Körper antwortete. Panik stieg in ihm auf, als er begriff, dass nun der Moment da war, den sie schon so lange befürchtet hatten. Mechanisch öffnete er den Verschluss seiner Kette mit der magischen Münze und legte sie auf das weiße Kopfkissen, dann drehte er sich zum Bettgitter herum. Mit einem Ruck riss er an der magischen Fessel, so dass Draco am liebsten aufgeschrieben hätte vor Schmerz. Doch er konnte es nicht. Er konnte nicht einmal die Tränen hinaus lassen, die ihm in die Augen stiegen, als sein Arm - der seit der Quidditch-Verletzung angeschlagen war - aus dem Gelenk sprang. In einem schier unmöglichen Winkel vom Körper abstehend, nur noch durch Muskeln und Sehnen mit dem Oberkörper verbunden, drehte und wand sich der Arm in der Fessel, bis er es schließlich schaffte, durch die magische Barriere zu schlüpfen, so dass der Zauber zusammen fiel. Er war nicht darauf ausgelegt, Bewegungen zu folgen, die außerhalb der Möglichkeiten eines gesunden Menschen standen.

Der Schmerz raubte Draco beinah den Atem. Bunte Punkte tanzten vor seinen Augen und er betete dafür wegzutreten, doch der fremde Willen trieb ihn unbarmherzig vorwärts. Wie ein Roboter streckte er die Beine aus dem Bett und stand auf. Sein geschundener Arm baumelte wie der einer Puppe an seiner Seite. Harry, wo bist du nur? Aus dem Augenwinkel hatte Draco wahrgenommen, dass der Platz neben ihm leer war. Scheinbar war sein Freund wieder einmal zu einer seiner nächtlichen Missionen aufgebrochen und diesen Moment nutzte Voldemort eiskalt aus.

Es war etwas mühsam mit nur einem funktionierenden Arm in die Hose zu schlüpfen und Draco wunderte es, warum der Dunkle Lord sich überhaupt damit aufhielt, ihn sich ankleiden zu lassen, aber trotz des Ernstes der Situation war er dankbar dafür, nicht nackt durch das Schloss laufen zu müssen.

Nachdem er in seine Schuhe geschlüpft war und sich seinen Zauberstab genommen hatte, verließ er den Raum in Richtung der Treppen. Draco hatte weder eine Ahnung, wohin er unterwegs war, noch was ihn dort erwartete. Seine Beine trugen ihn ganz ohne sein Zutun vorwärts. Mehrmals bestieg er eine Treppe und ging eine Etage höher, nur um dann gleich wieder die nächste abwärts zu nehmen. Jedes Mal zwischen Hoffen und Bangen, dem patrouillierenden Lehrer zu begegnen. Doch das Schloss war wie ausgestorben und so führte ihn sein Weg immer weiter nach oben, bis er im siebten Stockwerk ankam, von dem man in den Turm gelangte, in dem sich der Gemeinschaftsraum der Ravenclaws befand. Was zum Teufel hatte Voldemort vor? Sollte er etwa in ein fremdes Haus einbrechen?

Doch sein Weg führte an der Tür mit dem Adler vorbei, direkt zu einer anderen, welche aus dunklem, schweren Holz gearbeitet war. Wie Draco wusste, waren hier die Privatgemächer von Professor Flitwick, dem Hauslehrer der Ravenclaws, untergebracht. Nur wieso war er hier? Seine Füße stoppten direkt vor der Tür und ehe sich der Slytherin versah, hatte er auch schon gegen das alte Holz geklopft. Einen langen Moment lang passierte überhaupt nichts und Draco hegte schon die winzige Hoffnung, dass ihn der Lehrer nicht gehört hatte, doch schließlich war das Geräusch von Schritten zu hören und im nächsten Augenblick wurde die Tür vorsichtig geöffnet.

Exakt in diesem Moment durchzuckte Draco die Erkenntnis. Es war, als ob in seinem Kopf ein Vorhang zur Seite geschoben wurde, der ihn die ganze Zeit daran gehindert hatte, klar zu sehen. Plötzlich wusste er, was seine Aufgabe war. Er kannte den ganzen furchtbaren Plan, den sich Voldemorts krankes Gehirn zurecht gelegt hatte. Alles in ihm schrie auf, dass er das nicht tun würde, nicht tun konnte und doch wusste er, dass er keine andere Wahl hatte.

Der Lehrer, der dem hochgewachsenen, blonden Slytherin gerade einmal bis zum Bauchnabel ging, trug ein langes Nachthemd und eine Zipfelmütze, was unter anderen Umständen auf Draco komisch gewirkt hätte. Doch in diesem Moment wünschte er sich nur, dass er dem Mann eine Warnung zurufen könnte, als er ihn durch seine Nickelbrille verschlafen anblinzelte.

„Mr. Malfoy, was tun Sie hier mitten in der Nacht?" fragte der Professor, nachdem er sich von der ersten Überraschung erholt hatte.

„Professor Flitwick, Sir, verzeihen Sie die späte Störung, aber es ist ein Notfall", sprudelte es zu Dracos Entsetzen aus seinem Mund. „Ich kam gerade von einer Strafarbeit bei Professor Snape, als ich auf Ihre Schülerin Luna Lovegood traf. Sie steckt bis zur Brust in einer Trickstufe fest und ich bekomme sie einfach nicht heraus."

„Ach herrje", quiekte der kleine Zauberer erregt. „Was tut das dumme Mädchen auch mitten in der Nacht im Schloss?"

„Ich hörte sie irgendetwas von Schrumpfhörnigen Schnarchkacklern faseln...", erwiderte der Slytherin schulterzuckend.

„Immer das selbe", seufzte Flitwick resigniert. „Warten Sie, ich ziehe mir nur eben meinen Morgenrock über..."

Der Hauslehrer der Ravenclaws wandte sich ins Innere des Raumes, so dass er Draco den Rücken zudrehte und genau in diesem Moment hob dieser seinen Stab. „Avada Kedavra!"

Der Körper des Lehrers wurde augenblicklich schlaff, als ihn der Fluch traf, danach kippte er nach vorn, ohne einen Laut von sich zu geben. Schnell trat Draco durch die Tür und warf einen Blick in das starre Gesicht, um sich zu vergewissern, dass er auch wirklich tot war. Dann ging er zurück in den Flur und schloss die Tür hinter sich. Nach außen war er völlig still, als er den Weg zurück zum Treppenhaus ging, doch in ihm tobte ein furchtbarer Orkan. Es war entsetzlich, Voldemort hatte ihn soeben zum Mörder gemacht. Hinterhältig hatte er Flitwick den Todesfluch in den Rücken gejagt. Das würde ihn garantiert nach Askaban bringen und sein Auftrag war gerade einmal zur Hälfte erledigt. Draco blieb nur der Trost, dass er diese Nacht vermutlich nicht überleben würde.

XXXXXX 

„Mr. Malfoy, was tun Sie hier mitten in der Nacht?" Draco hatte das dringende Bedürfnis sich zu übergeben, als er in das von Falten zerfurchte Gesicht Professor McGonagalls sah. Ihr Zauberstab lag locker in den knochigen Fingern und trotz der fortgeschrittenen Stunde wirkte sie nicht, als ob er sie geweckt hätte. Tatsächlich war sie sehr schnell an der Tür gewesen, nachdem er geklopft hatte. Sie trug einen karierten Morgenrock über ihrem burgunderroten Nachthemd und ebenfalls rote Pantoffeln. Das graue Haar, das sonst immer zu einem strengen Knoten frisiert war, steckte in einem Haarnetz. Wache Augen musterte ihn hinter den Brillengläsern und schienen ihn bis in sein Innerstes durchleuchten zu wollen.

„Es ist Harry, Professor", sagte Draco mit bekümmerter Miene. „Er schreit und stöhnt im Schlaf und ich kann ihn einfach nicht aufwecken. Ich befürchte, es ist wieder ein Trick von Sie-wissen-schon-wem."

Die Hauslehrerin der Gryffindors straffte sich. „Schlafen Sie wieder in dem unbenutzten Klassenraum im zweiten Stock?"

Verblüfft hielt Draco einen Moment inne. Woher wusste die alte Hexe davon? Er hatte es nicht für möglich gehalten, dass einer der Lehrer hinter ihr Geheimnis gekommen war. „Ja", hörte er sich selbst bestätigen.

„Gut." Sorgenvoll sah Professor McGonagall auf seinen Arm, der unnatürlich schlaff an seiner Seite baumelte. „Das sieht nicht gut aus. Sie sollte Madam Pomefrey einen Blick auf den Arm werfen lassen."

„Es ist nichts", log Draco. „Ich habe gestern wohl zu hart trainiert. Das wird schon wieder. Doch Harry geht es wirklich schlecht."

Die Frau runzelte kurz die Stirn, dann trat sie in den Flur ohne sich noch einmal umzudrehen. „In Ordnung, gehen Sie voran."

Draco fühlte den Unwillen in sich, der nicht sein eigener war, doch er tat, was sie verlangte. Schweigend gingen sie zum Treppenhaus und bestiegen die unsteten Stufen, bis sie das zweite Stockwerk erreichten. Auch hier hielt sich die Lehrerin immer hinter Draco, der sie zielstrebig zu dem richtigen Raum geleitete. In einer fließenden Bewegung öffnete er die Tür und bedeutete Professor McGonagall mit einer höflichen Geste einzutreten - was diese fataler Weise auch tat.

„Avada Kedavra!"

Erneut verließ ein grüner Blitz seinen Zauberstab und traf die ahnungslose Frau in den Rücken. Im Gegensatz zu ihrem Kollegen stand sie noch einen Moment völlig reglos, bis sie in sich zusammen fiel, wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte.

Oh Merlin, oh Gott.... Dracos Herz blutete, als er über ihren Körper hinweg stieg, um einen Blick in ihre gebrochenen Augen zu werfen. `Es tut mir leid. Es tut mir so leid`, wiederholte er immer wieder stumm. Draco wünschte sich nichts mehr, als den Stab an seine Schläfe zu heben und sich mit einem Todesfluch von weiteren Morden abzuhalten, doch er hatte keine Kontrolle über sein Tun. Stattdessen schob er mit dem Fuß den Körper der toten Lehrerin über die Schwelle in den Raum, bevor er die Tür wieder schloss. Er durfte keine Zeit verlieren. Noch war sein Auftrag nicht beendet.

XXXXXX

„Draco." Professor Snapes schwarze Augen musterten den Schüler, der vor seiner Tür stand einen langen Moment. „Solltest du um diese Zeit nicht in deinem Bett liegen?"

„Da war ich auch, aber ich kann einfach nicht schlafen. Mein Arm..." Der Blonde deutete mit schmerzhaft verzogenem Gesicht auf seine verletzte Extremität.

„Warum bist du dann nicht zu Madam Pomfrey gegangen?" fragte der Hauslehrer der Slytherins argwöhnisch.

Unbehaglich trat Draco von einem Fuß auf den anderen. „Ich wollte sie nicht wecken. Sie sieht mich ohnehin so komisch an, seit... damals."

„Ich verstehe." Der schwarzhaarige Tränkemeister machte einen Schritt zur Seite und bedeutete dem Jungen einzutreten. Obwohl es schon nach Mitternacht sein musste, trug er immer noch die für ihn charakteristische, dunkle Robe.

Der Magen des Blonden zog sich schmerzhaft zusammen, als er dicht neben seinem Lehrer vorbei ging. Er wusste, warum Voldemort ihn erst am Ende zu seinem Hauslehrer geschickt hatte. Von Natur aus misstrauisch, würde Snape am schwersten zu töten sein. Schließlich war er selbst lange genug Todesser gewesen, um die Handschrift seines ehemaligen Meisters zu kennen. Um so perfider war der Plan des Dunklen Lords, ausgerechnet seinen Patensohn in der Rolle des Todesengels zu ihm zu schicken.

`Nein, bitte`, flehte Draco stumm, als er in einem der abgewetzten Ledersessel Platz nahm. `Bitte, bitte, nicht.`

Vorsichtig hob der Hauslehrer der Slytherins den schlaffen Arm an, was Draco einen gequälten Laut entlockte. „Der Oberarm ist wieder aus dem Gelenk gesprungen", stellte der Tränkemeister nüchtern fest. „Ich kann ihn wieder einrenken, aber es wird nicht ohne Schmerzen gehen."

„Ich weiß." Der Blonde grub die Finger seiner gesunden Hand in die Armlehne des Sessels. „Tu es."

Mit einer Hand den verletzten Arm in Position haltend, hob Professor Snape den Zauberstab und murmelte die entsprechende Formel. Es ruckte und knirschte, als der Knochen wieder zurück in das Gelenk sprang. Scharf zog Draco die Luft ein. Erneut tanzten bunte Punkte vor seinen Augen und er fühlte, wie ihm die Realität zu entgleiten drohte, nur der fremde Wille in seinem Kopf verhinderte, dass er ohnmächtig wurde.

Wie durch einen Nebel hörte er den Lehrer sagen: „Ich hole etwas gegen die Schmerzen und eine Schlinge." Wortlos nickte der Blonde, den Tränkemeister nicht aus den Augen lassend, der hinüber zu seiner Tasche ging, die neben dem Schreibtisch stand. Dracos Hand zuckte zu dem Zauberstab, der in seinem Hosenbund steckte, doch wie durch ein Wunder drehte ihm Snape kein einziges Mal den Rücken zu, während er in der Tasche wühlte, bis er das Gesuchte gefunden hatte.

Mit wenigen Schritten war er wieder bei seinem Schüler. „Hier, trink das." Auffordernd hielt er eine Phiole an die Lippen des Blonden und Draco trank gehorsam den bitteren Heiltrank. Dann stülpte ihm der Schwarzhaarige die Schlinge über den Kopf und legte den Arm hinein.

„Danke." Der Slytherin sah seinen Hauslehrer lange an.

„Das ist nur eine provisorische Lösung. Du lässt den Arm Morgen auf jeden Fall noch einmal von der Schulschwester angucken und jetzt gehst du ohne Umwege in dein Bett. Habe ich mich klar ausgedrückt, Draco?"

„Natürlich." Der Slytherin atmete geräuschvoll aus. „Ich weiß, ihr macht euch alle Sorgen um mich und es tut mir leid, dass ich zu so einer Belastung geworden bin."

„Es ist nicht deine Schuld, Draco." In einer freundschaftlichen Geste legte Snape eine Hand auf die Schulter des Jungen. „Ich wünschte, ich hätte verhindern können, was dir damals angetan worden ist."

„Ich weiß." Der Blonde schenkte seinem Lehrer ein schüchternes Lächeln. „Aber du hast seitdem so viel für mich getan. Viel mehr als ich verdiene. Dürfte ich noch um etwas bitten? Kann ich eine Phiole Traumlos-Trank bekommen? Wenn ich schon am Tag immer daran denken muss, möchte ich wenigstens nachts meine Ruhe haben."

„Natürlich." Der Schwarzhaarige entfernte sich. „Ich muss nur nachsehen, ob ich noch eine Flasche hier habe, sonst müsste ich zum Vorratsraum." Er ging hinüber zu dem einfachen, schmalen Bett, an dessen Fußende ein hölzerner Kleiderschrank stand. Die Tür quietschte leise, als er sie öffnete und den Kopf hinein steckte.

Im Bruchteil einer Sekunde sprang Draco von seinem Sessel auf und zog seinen Zauberstab. „Avada Kedavra!" Professor Snape war gerade dabei gewesen, sich umzudrehen, den Zauberstab in der einen, eine gläserne Phiole in der anderen Hand, als ihn der Fluch in die Brust traf. Für einen langen Moment schien die Zeit still zu stehen. Das Gesicht des Tränkemeisters zeigte nicht die geringste Regung. Sein Mund war zu einem schmalen Strich zusammen gepresst. Schwarze Augen blickten zum letzten Mal in ihr graues Gegenüber, bevor sie schließlich brachen. Das Fläschchen zerschellte klirrend und auch der Zaubstab klapperte leise, als der Körper des Hauslehrers der Slytherins vor dem offenen Kleiderschrank zu Boden fiel.

Dracos Brustkorb fühlte sich an, als müsste er ersticken. Bilder rasten vor seinem inneren Auge vorbei. Wie er als kleines Kind neben dem riesigen Kessel seines Patenonkels gestanden hatte. Wie der Tränkemeister applaudiert hatte, als der Sprechende Hut Draco nach Slytherin sortiert hatte. Wie Snape an seinem Bett gesessen hatte, nachdem Harry ihn aus dem Manor befreit hatte. Oh Gott, er hatte ihn getötet.... Er hatte wirklich umgebracht.... Seine Hände zitterten und ein ersticktes Schluchzen entkam seinen Lippen, als der fremde Wille sich für einen Moment lockerte, doch schon einen Augenblick später wurde er in das steife Korsett des Imperius-Fluchs zurück gesperrt. Ohne sich noch einmal umzudrehen verließ Draco die Privaträume seines Hauslehrers und stieg die Treppen ins Erdgeschoss empor. Zielsicher steuerte er auf das erste Fenster zu, das auf seinem Weg lag. Mit einem Alohomora öffnete er die verschlossene Scheibe, so dass ihm die kühle Nachtluft ins Gesicht wehte. Ohne zu zögern streckte er dem Zauberstab gen Himmel und rief laut und deutlich: „Morsmordre!"

Sofort brach das grüne Licht aus der Spitze seines Stabes hervor und stieg hinauf in das dunkle Firmament, wo es sich in das schreckliche Abbild eines Totenkopfes, aus dessen Mund eine Schlange hervor quoll, verwandelte. Keine Sekunde später brach Draco auf dem Fußboden zusammen. Es war vollbracht. Er hatte seinen Auftrag erfüllt und durch den Mord an den Hauslehrern die Barrieren, die Hogwarts schützten, zum Einsturz gebracht. Nun konnte niemand mehr die Todesser aufhalten.

XXXXXX

Harry rannte so schnell ihn seine Füße trugen. Er merkte nicht, wie die Menschen auf den Bilder neugierig die Augen öffneten, um zu sehen, was diese Störung zu bedeuten hatte und er nahm auch nicht wahr, wie sich die Fackeln an den Wänden ganz von selbst entzündeten.

Direkt nachdem er das Dunkle Mal am Himmel gesehen hatte, war er aufgesprungen und in Richtung der Treppen davon gespurtet, mit Hermine dicht hinter ihm. Vergessen war das Feuer im Raum der Wünsche. Vergessen waren Müdigkeit und Erschöpfung. Alles was zählte, war die Gewissheit, dass Draco in Sicherheit war. Er konnte nicht dafür verantwortlich sein. Das war unmöglich. Schließlich war sich der Gryffindor sicher, seinen Freund mit dem Zauber fixiert zu haben. Und doch war das die einzige, plausible Möglichkeit. „Harry, warte doch!" rief Hermine in seinem Rücken.

„Ich kann nicht!" erwiderte er, ohne anzuhalten. „Ich muss hoch zu unserem Schlafzimmer. Ich muss wissen, wo Draco ist!"

„Dann laufe ich zu den Lehrerzimmern und den Gemeinschaftsräumen und warne die Schüler!" schrie ihm das Mädchen hinterher, als ihr Freund das Treppenhaus erreicht hatte.

„Tu das!" Harry stoppte für einen Moment und drehte sich zu ihr um. „Aber versprich mir, dass du vorsichtig bist."

„Du aber auch." Einen Moment lang blickten sich die beiden Teenager an. Sie wussten, es war vielleicht das letzte Mal, dass sie sich lebendig sahen und es gab noch so viel zwischen ihnen, das unausgesprochen war, doch die Zeit drängte. Hermine schenkte ihrem Freund ein scheues Lächeln, dann wandte sie sich ab und nahm sie die nächste Treppe, die nach oben führte. Ein letztes Mal sah Harry ihre buschigen, braunen Locken hinter ihr her wehen, dann war sie im Flur über ihm verschwunden. Auch er selbst setzte seinen Weg fort. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er immer zwei Stufen auf einmal nehmend zum zweiten Stock empor sprintete. Er rannte den Flur so schnell hinunter, dass er glaubte, seine Lungen müssten platzten und doch schien es ihm immer noch nicht schnell genug zu sein. Mit einem Ruck riss er die Tür zu ihrem Unterschlupf auf und erstarrte, als er direkt vor seinen Füßen den reglosen Körper von Minerva McGonagall fand.

„Professor!" rief er entsetzt aus und beugte sich hastig zu der alten Frau herunter. Ein Blick in ihr lebloses Gesicht sagte ihm, dass er zu spät gekommen war. Erschüttert schloss er die starren Augen seiner Hauslehrerin, bevor er sich abwandte und hinüber zum Bett ging. Er wusste bereits, dass er es leer vorfinden würde und dennoch schloss sich eine kalte Hand um sein Herz, als den Abdruck auf der Matratze sah, wo der Slytherin bis vor kurzem gelegen hatte. „Merlin, Draco", flüsterte er leise. „Was hast du getan?"

Als Harry näher trat, bemerkte er die Kette mit der magischen Münze, die auf dem Kopfkissen lag. Vorsichtig hob er sie auf, bildete sich für einen Moment ein, damit Draco noch fühlen zu können, bevor er sie in seine Hosentasche steckte. Seine eigene Münze klirrte leise, als sie gegen die kleine Phiole stieß, die er um den Hals gebunden trug. Das Felix felicitas.... wenn er jetzt kein Glück brauchte, dann würde er es wohl nie wieder brauchen. Behutsam nahm Harry die Kette mit dem Fläschchen ab und öffnete es. Ohne zu zögern setzte er die Phiole an die Lippen, sorgfältig darauf bedacht, keinen Tropfen zu verschütten und nahm einen Schluck der goldenen Flüssigkeit. Irgendetwas riet ihm, nicht alles zu trinken, deshalb stoppte er sofort, als er die Hälfte des Fläschchens getrunken hatte und schraubte es sorgsam wieder zu. Sofort fühlte er ein Prickeln, ein wahrhaft berauschendes Glücksgefühl in sich aufsteigen. Es war ihm, als könnte er Berge versetzten. Nichts würde ihn heute aufhalten können. Voldemort würde es noch bereuen, ihn heraus gefordert zu haben, das schwor er sich. In einer fließenden Bewegung hing er sich erneut die Phiole um den Hals, dann verließ er entschlossenen Schrittes den Raum.

XXXXXX

In Hermines Kopf überschlugen sich die Gedanken, als sie auf das Portrait der Fetten Dame zu rannte. Eigentlich hatte sie zuerst die Lehrer informieren wollen, doch als sie gegen die Tür von Professor McGonagalls Zimmer geklopft hatte, erhielt sie keine Antwort und nachdem sie schließlich die Tür öffnete, fand sie dieses verlassen vor. Die Räume der anderen Lehrer lagen zu weit entfernt, weshalb sie sich entschlossen hatte, zuerst ihre Hauskameraden zu warnen.

Auch wenn nicht mehr viele Schüler im Schloss verblieben waren, würde es doch zu lange dauern, ohne Hilfe nacheinander zu allen Häusern zu laufen. Falls die Todesser wirklich dabei waren, das Schloss anzugreifen - und daran zweifelte Hermine keinen Augenblick - kam es nun auf jede Minute an. Sie überschlug gerade die Möglichkeiten, welchen ihrer Mitschüler sie um Hilfe bitten konnte, als plötzlich drei Gestalten aus dem Schatten traten.

Ihr Herz machte einen Sprung, als sie in die abscheulichen Masken zweier Todesser sah. Doch es war die Frau in der Mitte, die ihr letztendlich das Blut in den Adern gefrieren ließ. Das Mädchen wäre um ein Haar gestürzt, so plötzlich musste sie ihre Schritte stoppen, als sich ihr Bellatrix mit einem bösartigen Lächeln in den Weg stellte.

„Sieh an, sieh an, wer da noch so spät unterwegs ist", sagte die Schwarzhaarige und fixierte sie mit einem Blick unter ihren schweren Augenlidern hindurch.

Hermines Finger umklammerten den Zauberstab fester. Sie wusste, sie würde gegen die drei Todesser vermutlich keine Chance haben, doch wenn sie heute Nacht sterben musste, dann würde sie es ihnen so schwer wie möglich machen.

Ein grausames Lächeln spielte um Bellatrix Mund, als sie näher auf das Mädchen zuging, wobei sie gedankenverloren mit einem Medaillon spielte, das an einer Kette um ihren Hals hing. Wie hypnotisiert starrte Hermine auf den Anhänger, die Erkenntnis traf sie bis ins Mark.

„Kennst du dieses Schmuckstück?" fragte die Frau und ihr Lächeln geriet zu einer Karikatur der Fröhlichkeit. „Es war eine besondere Ehre, dass mein Meister es mir anvertraut hat, nachdem dieser dumme Junge es ihm zurück gebracht hat. Ich durfte mit ihm spielen, weißt du? Schade, dass er meine Art der Unterhaltung nicht lange überlebt hat."

Bei der Erwähnung von Ron fühlte Hermine einen tiefen Schmerz in ihrem Herzen, doch sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Nein, sie würde sich nicht einfach nur wehren. Sie würde Bellatrix mit in den Tod nehmen. Doch zuerst würde sie ihr das Lächeln aus dem Gesicht fluchen. Sie würde sie dafür büßen lassen, was sie Ron angetan hatte. Das schwor sie sich.

Tbc...