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XIV. Sealed with a kiss

 

Yes, it`s gonna be a cold lonely summer

But I `ll heal the emptiness

I`ll send you all my dreams every day in a letter

Sealed with a kiss

(Jason Donovan, Sealed with a kiss)

 

Unruhig rutschte Harry auf seinem Sitz hin und her. Die Sonne stand hoch am Himmel und beleuchtete einen herrlichen Spätsommertag. Saftige, grüne Weiden voller Kühe sausten an ihrem Fenster vorbei und wechselten sich mit dichten, dunklen Laubwäldern ab, aber der Junge sah nichts davon, als er gedankenverloren aus dem Fenster starrte.

Seit sie am Bahnhof Kings Cross in den Zug gestiegen waren, erzählte Ron Dean und Seamus, die mit ihnen im Abteil saßen, in allen Einzelheiten von dem Trip nach Rumänien und welche Drachen er dort gesehen hatte. Es war bestimmt das hundertste Mal, dass Harry diese Geschichte hörte. Seit ihn Rons Eltern in der dritten Ferienwoche in ihr Haus, den Fuchsbau, geholt hatten, erzählte Ron jedem der es hören wollte, oder eben auch nicht, von seinen Erlebnissen und mit jedem Mal wurde die Geschichte phantastischer. Dieses Mal ritt er schon auf dem Rücken des Walisischen Grünlings, den er beim ersten Mal, als er Harry davon erzählt hatte, gerade einmal mit sehr viel Muffensausen kurz am Schwanz gestreichelt hatte.

Der dunkle Gryffindor rollte mit den Augen. Er mochte Ron wirklich und er war seinen Eltern über alle Maßen dankbar dafür, dass sie ihn aus seinen trostlosen Ferien im Ligusterweg gerettet hatten, aber wenn er heute nur noch ein einziges Mal das Wort „Drachen" hörte, würde er ihm mit Sicherheit einen Ganzkörperklammer-Fluch verpassen.

Hermine, die ihm am Fenster gegenüber saß, fing seinen nervösen Blick auf und beugte sich zu Harry herüber. „Er ist nicht im Zug", sagte sie leise. „Wir waren als allererste auf dem Bahnsteig, weil meine Eltern vorher etwas in London zu erledigen hatten und ich hätte es gesehen, wenn er angekommen wäre."

„Bist du sicher?" fragte Harry ebenso leise zurück.

„Er und seine Eltern sind ja schließlich schwer zu übersehen", schnaubte das Mädchen.

„Von wem sprecht ihr?" schaltete sich Seamus ein, der neben Harry saß.

„Von niemandem", erwiderte Hermine schnell.

Harry biss sich angespannt auf die Lippen, doch sein Freund zuckte nur die Schultern und hatte einen Moment später die Aufmerksamkeit schon wieder zu Ron gewand, der jetzt eine Lobrede über die phantastische Flammenkraft des Chinesischen Feuerballs hielt. Er hasste diese Geheimnistuerei, aber er fühlte sich noch nicht reif dafür, seinen Freunden die Wahrheit über seine Beziehung zu einem gewissen blonden Slytherin zu erzählen. Vor allem nicht jetzt.

XXXXXX

Die Ferien waren hart gewesen. Die ersten Wochen im Haus der Dursleys hatten sich wie Gummi in die Länge gezogen. Die Hitzewelle, angeblich die Schlimmste seit zwanzig Jahren, hatte jeglichen Elan aus seinem Gehirn gebrannt. Gelangweilt war Harry durch die Straßen geschlendert, doch er kannte niemanden dort und dank der Gerüchte, die sein Onkel über ihn in Umlauf gebracht hatte, waren die Anwohner auch nicht an seiner Bekanntschaft interessiert.

Zu Hause war es allerdings auch nicht viel besser. Tante Petunia rümpfte jedes Mal die Nase, wenn Harry sich im Wohnbereich des Hauses aufhielt und Onkel Vernon machte ein Gesicht, als wäre er irgendetwas Ekliges, aber keiner von ihnen traute sich, Harry offen anzugreifen. Nur Dudley ließ von Zeit zu Zeit einen dummen Spruch los, aber zum Glück begegneten sich die beiden Jungen kaum. Dudley zog es vor, mit seinen Schlägerfreunden bis spät in die Nacht um die Häuser zu ziehen und die jüngeren Kinder und frei laufenden Haustiere zu quälen.

In der zweiten Woche hatte Harry den ersten Brief von Draco bekommen. Eine unscheinbare, braune Posteule saß spät abends an seinem Fenster und weckte ihn, indem sie minutenlang mit dem Schnabel gegen die Scheibe klopfte. Der Brief, den sie am Bein trug, war kurz gewesen, nur eine einzige Zeile:

Ich denke die ganze Zeit nur an dich...

D.

Das Herz des dunklen Gryffindors klopfte freudig erregt. Es war nicht viel, aber immerhin ein Lebenszeichen. Der Vogel wartete am Fenster, während Harry die Antwort schrieb. Er wusste nicht, wie viel er riskieren konnte, daher fiel sein Brief ähnlich kurz aus:

Ich vermisse dich.

Love ya.

H.

Eine Woche später hatten ihn die Weasley zu sich in den Fuchsbau geholt. Harry mochte die gemütliche Atmosphäre dieses verwinkelten Hauses, das niemals leer zu sein schien. Immer war mindestens einer der rothaarigen Weasleys in der Nähe und gab Harry das Gefühl ein Teil dieser Familie zu sein. Den ganzen Tag war er mit Ron, Ginny oder den Zwillingen unterwegs. Sie spielten Quidditch hinter dem Haus, halfen Molly Weasley den Garten zu entgnomen oder spielten Zauberschach oder Snape explodiert. Abends lag er oft noch stundenlang wach und machte Witze mit Ron, Fred und George. Doch trotz allem fiel es ihm immer schwerer, sich seine innere Unruhe nicht anmerken zu lassen.

In der Nacht nach seinem Geburtstag kam schließlich wieder eine Eule für ihn. Harry hatte die Hoffnung schon aufgegeben, noch einmal vor dem ersten Schultag wieder von Draco zu hören. Er redete sich ein, dass der Andere nicht wissen konnte, dass er jetzt bei den Weasleys war. Außerdem hatte Draco ihn ja gewarnt, dass es schwierig werden könnte.

Also hatte Harry alles getan, um gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Weasleys hatten sich große Mühe gegeben, ihm einen schönen Tag zu bereiten. Schon am frühen Morgen war eine Eule mit einem Päckchen von Hermine angekommen. Es war natürlich wieder ein Buch darin gewesen, aber Harry hatte sich trotzdem sehr darüber gefreut. Auch jedes Familienmitglied der Weasleys (außer Percy) hatte ihm ein Geschenk besorgt. Molly kochte mittags sein Leibgericht, Hackbraten mit Kartoffeln und Bohnen und am Nachmittag gab es selbst gebackenen Kuchen. Am Abend hatten sie noch lange in Rons Zimmer gescherzt und gelacht, bis sie irgendwann eingeschlafen waren.

Es war sehr spät, schon weit nach Mitternacht, als die braune Eule, wieder eine Posteule, aber eine andere als beim letzten Mal, mit dem Schnabel an das Fenster von Rons Zimmer klopfte. Merlin sei Dank, hatte sein Freund einen festen Schlaf, daher schnarchte er friedlich weiter, als Harry sich leise von seinem Feldbett erhob und auf Zehenspitzen zum Fenster schlich.

Ungehalten weil sie hatte warten müssen, kniff ihn die Eule mit dem Schnabel in den Finger, als Harry sich bemühte, das kleine Päckchen mit dem Pergament von ihrem Fuß zu bekommen. Zuerst entrollte der Gryffindor das Pergament und las es eilig. Die Schrift war im schwachen Mondlicht kaum zu entziffern:

Sorry, ich wurde aufgehalten..

Hoffentlich hattest Du einen schönen Geburtstag.

Wünschte, ich wäre bei dir...

...okay nicht unbedingt bei den Weasleys.

Hoffe, Du magst Dein Geschenk und

Hast einen Feuerwhiskey für mich mit getrunken.

D.

P.S.: Love ya, too.

Auch wenn es wieder nur ein kurzer Brief war, merkte Harry, wie sein Herz schneller klopfte. Bilder erschienen vor seinem inneren Auge, Bilder auf denen er Draco leidenschaftlich küsste, bis ihnen beiden die Luft weg blieb. Merlin, wann waren diese Ferien bloß endlich zu Ende?

Eine Weile starrte Harry gedankenverloren auf die Zeilen, bis ihm plötzlich das Päckchen wieder einfiel. Es war klein, kaum größer als seine Hand. Nachdem er das seidige Einwickelpapier entfernt hatte, öffnete er die darin enthaltene, schwarze Schachtel. In dem samtenen Innenfutter lag ein silberner Ring.

Er hatte die Form eines Drachen, der sich selbst in den Schwanz biss. Beim genauen Hinsehen erkannte er einen Ungarischen Hornschwanz, der angriffslustig mit den Flügeln schlug. Harry lächelte versonnen, als er den Ring über seinen Ringfinger streifte. Das Silber zog sich von selbst zusammen, so dass er passte, als sei er für ihn angefertigt worden. Der Hornschwanz flatterte noch einmal, dann lag er still an seinem Finger. Als er seine Hand bewundernd hin und her drehte, um den Ring eingehend zu betrachten, leuchteten die Augen des Drachen im Mondlicht rot auf.

Ron schnarchte einmal laut und Harry zog den Ring schnell wieder von seinem Finger und verstaute ihn in der Schachtel. Zwar gefiel ihm das Geschenk sehr, aber er wusste, es würde zu viele Fragen geben, wenn er ihn morgen tragen würde. Ungeduldig zupfte ihn die Eule mit ihrem Schnabel am Ärmel. Scheinbar wartete sie auf seine Antwort, aber Harry war zu sehr in Gedanken gewesen, um ihre Anwesenheit überhaupt noch wahr zu nehmen.

Der Gryffindor legte die Schachtel unter sein Kopfkissen auf dem Feldbett und ging dann hinüber zum Schreibtisch. Unschlüssig drehte er seine Feder zwischen den Fingern, dann nahm er Tinte und ein Stück Papier und schrieb schnell seine Antwort.

Das Geschenk ist wunderschön,

Aber es kann dich nicht ersetzen.

Jeder Tag ist ein verlorener Tag ohne dich.

Ich zähle schon die Stunden bis wir

Wieder in Hogwarts sind.

Ich liebe dich.

H.

Minutenlang starrte er auf die noch feucht schimmernden Worte, unsicher darüber, ob es das Richtige war, was er geschrieben hatte. Er wollte so viel mehr sagen, so viel wissen, viel mehr fragen, doch er tat es nicht. Er würde keine Antwort bekommen, das wusste er. Und das Risiko war auch so schon groß genug.

Erst als ihn der Vogel böse in die Hand zwickte, erwachte Harry aus seiner Starre. Er rollte das Pergament zusammen und band es der Eule an das ausgestreckte Bein. Der Vogel flatterte augenblicklich mit den Flügeln, stieß sich ab und schoss aus dem Fenster. Offensichtlich hatte er die Order, keine Zeit zu verlieren. Gedankenverloren starrte ihm Harry hinterher.

Wie gern hätte er sich selbst auf die Größe des Pergaments geschrumpft und sich von der Eule nach Malfoy Manor bringen lassen. Seufzend legte sich der dunkle Gryffindor wieder zurück auf das Feldbett und rieb sein Gesicht an dem weißen Kissen. Seine Hände spielten mit der kleinen Schachtel, die darunter verborgen lag. `Nur noch eine Woche`, dachte Harry lächelnd, bevor er zurück ins Reich der Träume glitt.

XXXXXX

„Harry, hier bist du also" Irritiert hob der Angesprochene seinen Blick von der Quidditch-Zeitung, die er mit hinaus in den Garten des Fuchsbaus genommen hatte.

„Hermine!" Der dunkle Gryffindor stand auf und nahm seine Freundin in die Arme. „Schön dich zu sehen. Was tust du hier?"

„Ich habe euch doch eine Nachricht per Eule geschickt, dass ich heute komme", erwiderte das Mädchen tadelnd.

„Sorry, das habe ich total vergessen", murmelte Harry zerknirscht.

„Naja, wenigstens hat Ron daran gedacht", antwortete Hermine schulterzuckend. „Du hattest deine Gedanken wohl wieder mal wo anders."

Ohne es verhindern zu können, liefen Harrys Ohren dunkelrot an. „Es ist nicht, wie du denkst", begann er sich zu rechtfertigen.

„Dass du deine Freunde vernachlässigst, weil du selbst in den Ferien nur noch Gedanken für einen blonden Slytherin übrig hast?" fragte sie mit einem unschuldigen Augenaufschlag.

Erschrocken sah der dunkelhaarige Junge sich um.

Das Mädchen lächelte nachsichtig, bei seinem geschockten Gesichtsausdruck. „Keine Sorge, Ron holt uns gerade was zu trinken aus der Küche."

Erleichtert entspannte sich Harry wieder. „Nein, Hermine, also wirklich nicht....es ist nur....er fehlt mir halt", versuchte er zu erklären.

„Hast du gar keine Eule von ihm bekommen?" fragte sie voller Mitgefühl.

„Doch, er hat mir zwei Briefe geschickt und auch ein kleines Päckchen." Auf den Inhalt wollte Harry lieber nicht eingehen. „Aber es war immer nur so kurz. Keine zwei Sätze, weißt du. Es ist nicht das selbe."

„Naja." Sie knuffte ihren Freund liebevoll in die Seite. „Nur noch eine Woche, dann könnt ihr wieder übereinander her fallen." Sie stockte, als ihr auffiel, was sie da gerade gesagt hatte. „Nicht, dass ich das wirklich sehen will", fügte sie schnell hinzu. „Du weißt, was ich meine."

„Ja", bestätigte er gedehnt. „Ich weiß. Merlin sei Dank, nur noch eine Woche..."

XXXXXX

Und jetzt saßen sie im Hogwarts Express und von Draco war weit und breit keine Spur zu sehen. Natürlich musste das nichts bedeuten, beruhigte Harry sich selbst. Der Einfluss der Malfoys reichte hinauf bis zum Ministerium. Es konnte gut sein, dass Draco mit einem Portschlüssel gereist war oder er war nach Hogsmeade appariert. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass für seine Familie eine Ausnahme gemacht wurde. Doch irgendwie glaubte Harry selbst nicht daran. Irgendetwas stimmte hier nicht und er konnte es kaum erwarten, endlich in Hogwarts anzukommen, damit er erfuhr, was es war.

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Wo ist eigentlich der Ring, den ich dir geschenkt habe?" fragte Draco und beäugte kritisch Harrys Hände.

Ich musste ihn abnehmen, als wir geheiratet haben, love", erklärte der Dunkle. „Als du mir den Ehering angesteckt hast, wurde der Drache so wütend, dass er versucht hat, mir den Finger abzubeißen."

Ganz schön eifersüchtig der Kleine", stichelte der ehemalige Slytherin grinsend.

Meinte wohl, er müsste sein Terretorium verteidigen", erwiderte Harry schulterzuckend. „Das hat unsere Katze übrigens heute auch gemacht."

Ja? Wen hat Minerva denn dieses Mal in die Flucht geschlagen?" fragte Draco interessiert.

Mich!" entfuhr es dem ehemaligen Gryffindor und er zeigte Draco seine zerkratzten Unterarme.

Wolltest du ihr Futter klauen oder wie hast du das geschafft?" stichelte der Blonde amüsiert.

Von wegen Futter", knurrte Harry. „Als du vorhin mit der Katze ein Nickerchen auf der Couch gemacht hast, wollte ich mich dazu legen und da ist das Vieh glatt auf mich losgegangen."

Tja, die Kleine hat eben Geschmack."

Unwillig stieß der Dunkle die Luft aus. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal mit einer Katze um dich kämpfen müsste."

Keine Sorge, babe." Der ehemalige Slytherin wackelte amüsiert mit den Augenbrauen. „Es ist genug Draco für euch beide da."

XV. Summer in the City

 

Hot town, summer in the city

Back on my neck getting dirty and gritty

Been down, isn`t it a pity

Doesn`t seem to be a shadow in the city

(The Loving Spoonful, Summer in the city)

 

Eine Woche zuvor in Malfoy Manor

Gott, gab es eigentlich etwas Langweiligeres als diese Ferien? Unwillig grub Draco seine nackten Zehen in den Rasen, als er langsam über die Wiese hinter seinem Elternhaus ging. Der ständige Sonnenschein und die beinah schon penetrante Ruhe über dem Anwesen fingen an, ihm den letzten Nerv zu rauben. Für einen Besucher mochte Malfoy Manor um diese Jahreszeit traumhaft schön sein. Alles war grün und überall blühten Blumen, doch für Draco war es sein ganz persönliches Gefängnis.

Sein Shirt klebte ihm am Körper, doch der Ritt auf dem Thestral, den er sich jeden Tag gönnte, zeigte ihm wenigstens, dass er noch am Leben war. Wie viele reiche Menschen gönnten sich die Malfoys das Hobby, seltene Tiere zu halten. Ein einziger Thestral kostete soviel, wie das Haus der Weasleys, aber diese Investition war definitiv ihre Galleonen wert. Es gab nichts Besseres, als auf einem der Tiere durch die Lüfte zu reiten, die Beine gegen die knochigen Flanken gedrückt und den Wind im Gesicht zu spüren. Es war beinah besser, als auf einem Besen zu fliegen.

Draco hatte sich nie die Mühe gemacht, darüber nachzudenken, warum er die Thestrale sehen konnte. Zwar konnte er sich zwar daran erinnern, jemals einen Menschen sterben gesehen zu haben, aber andererseits war er in einem Todesser Haushalt aufgewachsen. Vermutlich war der Tod hier zur Zeit des ersten Krieges ein und aus gegangen.

Um so mehr beunruhigte ihn die momentane Apathie. Es war nicht normal. Es sollte nicht so sein. Es war, als säße er mitten im Auge des Sturms.

XXXXXX

Außerhalb des Manor, herrschte zur Zeit ein Gefühl des Aufbruchs unter den Anhängern des Dunklen Lords. Voldemort scharrte seinen Untergebenen um sich und wer mit ihm sympathisierte, aber noch kein Todesser war, wurde intensiv beworben und gegebenenfalls auch bedroht. Seit dem Beginn der Ferien hatte Draco seinen Vater immer nur für kurze Stipvisiten daheim gesehen. Meistens verließ Lucius Malfoy das Haus noch bevor die Sonne aufgegangen war und kam selten vor Mitternacht wieder zurück. Merlin sei Dank, trafen sich die Todesser im Moment nicht im Manor, da das Ministerium ein wachsames Auge über das Haus der Malfoys hatte.

Draco war dieser Umstand mehr als willkommen. Er hoffte im Geheimen, dass sein Vater zu beschäftigt sein würde, um an sein Versprechen ihm gegenüber zu denken. Nur noch eine Woche und er würde all das wieder hinter sich lassen können, wenn er im Zug zurück nach Hogwarts saß.

Doch aus irgendeinem Grund hatte Draco das Gefühl, dass sein Vater während seiner Abwesenheit dafür gesorgt hatte, dass immer jemand ein Auge auf ihn hatte. Zwar war es nicht ungewöhnlich, dass seine Mutter darauf bestand, jeden Nachmittag ihren Tee gemeinsam mit ihrem Sohn einzunehmen, aber dass sie ihn auch mehrmals täglich in seinem Zimmer aufsuchte, war sonst gar nicht ihre Art. Seine Mutter achtete seine Privatsphäre, ja sie war üblicher Weise eher auf eine Art von höflicher Distanz zu ihm bedacht, je älter ihr Sohn wurde. Dass sie jetzt so offensichtlich Interesse an seinen Aktivitäten bekundete, war mehr als merkwürdig.

Natürlich war ihr seine neue Uhr nicht verborgen geblieben, doch Draco hatte ihr gesagt, dass es ein Geschenk von Pansy war und damit war das Thema erledigt gewesen. Früher hatte Dracos Mutter seine Freundschaft mit Pansy wohlwollend betrachtet, doch seit dem letzten Sommer war Pansy bei Narcissa eine „Persona non grata" geworden. Damals hatte er mit dem Mädchen in den Ferien das äußerst amüsante „Trinken oder Ausziehen"-Spiel gespielt, während seine Eltern auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung gewesen waren.

Nun ja, es kam wie es kommen musste: Narcissa und Lucius hatten die Feier eher verlassen und die beiden Teenager doch recht leicht bekleidet vorgefunden. Das allein wäre noch nicht einmal so schlimm gewesen, doch der Höhepunkt kam, als sich Pansy in hohem Bogen auf die Festtagsrobe seiner Mutter erbrach.

Bei der Erinnerung daran musste Draco unwillkürlich grinsen. Narcissas Gesichtsausdruck war unbezahlbar gewesen und die Geschwindigkeit, in der sie Pansy aus dem Haus geworfen hatte, musste selbst in der magischen Welt rekordverdächtig sein.

Ein paar Mal hatte er während der Ferien Besuch von Blaise erhalten, der ihn mit dem neusten Klatsch aus der Zauberwelt versorgte. Blaise war nämlich nicht nur sein bester Freund und ein begnadeter Zauberschach-Spieler, sondern Dank seiner High-Society-Mutter auch noch besser auf dem Laufenden über die Geschehnisse, als die meisten Mitarbeiter des Tagespropheten. So unauffällig wie möglich hatte Draco versucht, den anderen Slytherin nach Neuigkeiten über Harry auszufragen, doch wie nicht anders erwartet, hatte sich Gryffindors Golden Boy während der Ferien abseits von Klatsch und Tratsch aufgehalten und Blaise hatte ihm nichts verraten können, was Draco nicht schon gewusst hatte.

Je länger die Ferien dauerten, desto schmerzlicher vermisste der Blonde seinen Freund. Nicht selten wachte er morgens mit einer schmerzhaften Erektion auf, weil er wieder einmal von ihrer letzten Nacht auf dem Astronomie-Turm geträumt hatte. Der Gedanke daran, wie süß es war, wenn Harry errötete, wie herrlich sich Harrys Haut unter seinen Händen angefühlt hatte, wie er den angenehmen Geruch seines Körpers tief in seine Lungen inhaliert hatte, machte ihn schier wahnsinnig.

Ein paar Mal war er kurz davor, einfach in den Kamin zu steigen und per Flohpulver zu den Weaselys zu reisen, aber Draco wusste, dass das unmöglich war. Selbst wenn er Malfoy Manor unbemerkt verlassen konnte, was so ziemlich ausgeschlossen war, würde sein Auftauchen bei Rons Eltern sie beide furchtbar in Verlegenheit bringen.

Draco hatte aufgehört zu zählen, wie oft er einen Brief an seinen Lieblings-Gryffindor angefangen hatte, doch sie alle hatten letztendlich ein unrühmliches Ende im Kamin gefunden. So sehr er sich auch bemühte, er konnte einfach keine Worte finden, um seine Gefühle auszudrücken und nicht völlig bescheuert zu klingen.

Als er allerdings bei einem Ausflug mit seiner Mutter in die Winkelgasse den Ring gesehen hatte, konnte Draco nicht widerstehen. Harrys Flug gegen den Ungarischen Hornschwanz im vierten Jahr war legendär. Es war das perfekte Geburtstagsgeschenk für seinen Lover.

Ausgerechnet an Harrys Geburtstag hatte ihn seine Mutter zu einem Empfang bei einer anderen reinblütigen Familie geschleift. Schon bevor sie überhaupt dort ankamen, wäre Draco am liebsten wieder umgedreht, als er den Grund für den Besuch erfuhr: Die Reginalds hatten Besuch von Verwandten aus dem Ausland und die verfügten über eine Tochter in Dracos Alter...

Oh Merlin, wie sehr er diese Kuppelaktionen hasste. Sicher, die reinblütigen Zauberer in Großbritannien wurden immer weniger und Inzest war ein großes Problem, aber selbst wenn das Mädchen wie Cinderella ausgesehen hätte (und weiß Gott, das tat sie nicht), wäre Draco nicht interessiert gewesen. Nur stand er vor dem Problem, dass er genau das seiner Mutter nicht sagen konnte. So kam es, dass er einen ganzen Tag mit totlangweiligem, höflichem Geplänkel verlor und erst spät abends sein Geschenk auf den Weg zu Harry schicken konnte.

Außer Blaise waren auch Crabbe und Goyle mehrfach in Malfoy Manor gewesen. Zwar war Dracos Mutter mit der Anwesenheit der beiden Dumpfbacken auch nicht restlos glücklich, aber da ihre Väter ebenfalls Todesser waren, hielt sie sich mit ihrer Meinung ihnen gegenüber zurück.

XXXXXX

Einer der weißen Pfauen kreischte ungehalten, als Draco ihm beinah auf seine imposanten Schwanzfedern trat und schlug mit den Flügeln, um ein paar Meter weiter seinen Weg wieder aufzunehmen. Die Tiere waren nicht nur zahm sondern auch so hochmütig, dass sie nicht mal für ihre Besitzer freiwillig das Feld räumten. Ungehalten schüttelte Draco den Kopf. Er hatte nie verstehen können, was seine Eltern an den Viechern fanden. Man konnte sie weder essen, noch auf ihnen reiten und sie schrien immer zur falschen Zeit derart schrill, dass einem die Ohren klingelten.

Als Draco fast das Haus erreicht hatte, sah er, dass ihn ein Hauself bereits auf der Veranda erwartete. Merlin, wie spät war es eigentlich? Umständlich kramte er seine Uhr aus der Hosentasche. Aus Angst, sie bei seinem Ritt zu verlieren, hatte er sie dort hinein gesteckt, aber dann vergessen, sie sich wieder umzubinden.

Die beiden Zeiger, die die Form von Schlangen hatten, zeigten kurz vor halb fünf. Draco stöhnte genervt auf. Er konnte den ungehaltenen Gesichtsausdruck seiner Mutter schon vor sich sehen, wenn er schon wieder zu spät zum Tee kam. Zwar könnte er es noch schaffen, rechtzeitig zu sein, aber das würde bedeuten, auf eine Dusche zu verzichten und stattdessen einen Frischezauber durchzuführen, aber Draco wusste, dass Narcissa den Unterschied merken würde und wenn seine Mutter etwas noch mehr hasste, als Unpünktlichkeit dann war es mangelnde Körperhygiene.

„Ich weiß, ich weiß", schnarrte der Blonde, sobald er die Veranda erreichte und der Hauslf eine tiefe Verbeugung machte. „Sag meiner Mutter, ich komme in zehn Minuten in den Salon."

„Mrs wird nicht glücklich sein. Master Draco ist schon wieder zu spät und gerade heute, wo Master Malfoy zum Tee heim gekommen ist", erwiderte der Hauself gequält und machte eine weitere Verbeugung.

Draco, der die Türklinke schon in der Hand hielt, erstarrte. Dass sein Vater daheim war, konnte kein gutes Zeichen sein. Es bedeutete, dass er etwas mit der Familie zu besprechen hatte und Draco schwante schon, um was es sich dabei handelte...

XXXXXX

Ich hätte nie gedacht, dass wir auch mal so viel Wert aufs Teetrinken legen." Kopfschüttelnd stellte Harry das Tablett mit dem chinesischen Porzellan auf dem Wohnzimmertisch ab.

Was ist falsch daran? Das ist eben typisch britisch", gab Draco zurück und goss sich eine Tasse ein.

Naja, als Teenager ging mir dieser Fünf-Uhr-Tee Quatsch mächtig auf den Wecker und jetzt sitzen wir hier und machen genau das."

Wir sind eben kultiviert", meinte der Blonde und nippte an seinem Tee.

Wir sind langweilig", entgegnete Harry frustriert.

Willst du mal wieder was richtig Rebellisches tun?" fragte ihn Draco mit einem Augenzwinkern.

Oh ja, bitte", seufzte der Dunkle.

Dann gieß dir einen Schluck Feuerwhiskey in den Tee", stichelte sein Partner grinsend.

Danke Malfoy, jetzt fühle ich mich richtig alt."

Jederzeit, babe. Jederzeit."

XVI. The Last Time I Said Goodbye

 

The first time you broke my heart

I never saw it coming

I was as blind as a fool in love can be

And I made a vow to myself

You`d never hurt me again

The first time you broke my heart

(Curtis Stigers, The last time I said goodbye)

Schon als die Lichter des Bahnhofes von Hogsmeade in Sicht kamen, hielt ihn nichts mehr auf seinem Sitz und kaum, dass der Zug zum Stehen kam, riss Harry die Tür des Waggons auf und wuchtete sein Gepäck auf den Bahnsteig.

Suchend ließ er seinen Blick schweifen, doch er wurde schnell fündig: Wie ein Fels in der Brandung der aus den Waggons quellenden Schüler stand Hagrid auf dem Bahnsteig und wies den Erstklässlern den Weg zu den wartenden Kutschen. Schnell bahnte sich Harry einen Weg durch die schwatzenden und lachenden Kinder zu dem Halbriesen. Hagrid strahlte, als er den dunklen Gryffindor erkannte.

„Harry, ist toll, dass die Ferien vorbei sind, nich`? War viel zu ruhig hier ohne euch Rasselbande." Er tätschelte mit einer seiner bärenprankengroßen Hände Harrys Schulter, so dass dieser um ein Haar zu Boden gegangen wäre.

„Ja, ich freue mich auch wieder hier zu sein, Hagrid", bestätigte der Junge nach Atem ringend. „Sag mal, hast du Draco Malfoy gesehen?"

„Malfoy?" Hagrids Augen wurden schmal. Seit der Geschichte mit dem Hippogreif Seidenschnabel vor fast zwei Jahren war er gar nicht mehr gut auf Draco und seinen Vater zu sprechen. „Nein, warum?"

„Ach nichts", antwortete Harry enttäuscht. „Er war nur nicht im Zug."

„Malfoy war nicht im Zug?" fragte Ron, der gerade seinen Koffer mit einem Loccomoto-Zauber verhext hatte, so dass er neben ihm über dem Boden schwebte. Sein Gesicht sah bei dieser Nachricht aus, als hätte er gerade erfahren, dass Ostern und Weihnachten in diesem Jahr auf das selbe Datum verlegt worden wären. „Aber das ist doch super, oder?"

Der rothaarige Gryffindor sah sich auf der Suche nach Zustimmung in der Runde seiner Freunde um.

„Ja", murmelte Harry resigniert, als er die Zufriedenheit in Deans und Seamus Gesicht sah. „Ganz toll."

XXXXXX

Aufgeregt drängten sich die Schüler um ihre Haustische und folgten so ruhig wie möglich der Einteilung der neuen Schüler in die Häuser. Es brannte ihnen unter den Nägeln, endlich mit dem Festmahl beginnen zu dürfen und untereinander die Erlebnisse aus den Ferien auszutauschen, doch die strengen Blicke ihrer Lehrer erinnerten sie daran, dass die schulfreie Zeit zu Ende war und hier wieder Disziplin und Ordnung herrschten.

Gryffindor bekam acht neue Schüler, drei Mädchen und fünf Jungen, die Harry nachdem sie am Tisch Platz genommen hatten, mit unverhohlener Neugierde musterten. Der Junge seufzte innerlich auf. Es war immer das selbe, jedes Kind in der Zaubererwelt kannte den „Jungen-der-lebte". Doch niemand war sich darüber im Klaren, wie hoch der Preis für diesen Ruhm gewesen war. Wie oft wünschte sich Harry, nur einer von ihnen zu sein. Ein junger Zauberer, wie alle anderen, doch ihm war nun einmal ein anderes Schicksal vorher bestimmt.

Unruhig zuckte sein Blick immer wieder zu Dracos leerem Platz am Slytherin Tisch.

`Wo zum Teufel bist du, Malfoy?` dachte er wütend, doch natürlich erhielt er keine Antwort auf die Frage. Lediglich an den Reaktionen von einigen anderen Slytherins, die immer wieder die Köpfe zusammen steckten, las Harry die Tatsache ab, dass offensichtlich auch nicht alle seiner Freunde, über seinen Verbleib Bescheid wussten.

Nachdem Professor Dumbledore seine übliche Begrüßungsrede gehalten und sich alle Schüler den Bauch mit dem hervorragenden Essen voll gestopft hatten, das die Hauselfen zubereitet hatten, leerte sich die Halle langsam, als die Schüler in die Richtung ihrer Häuser strömten.

Einen Moment sah Harry den Slytherins nach, die in Richtung der Treppe zu den Kerkern davon gingen. Unsicher darüber, was er tun sollte. Er focht mit sich einen schweigenden Kampf, ob er einen von ihnen nach Draco fragen sollte oder nicht, doch schließlich siegte der Wunsch nach dem Ende der Ungewissheit, über die Angst vor der Reaktion der anderen Schüler.

Als er eilig hinter den Slytherins her hastete, erkannte er, dass Blaise und Pansy etwas hinter den übrigen Schülern zurück gefallen waren. Der Junge hatte seinen Arm um das zierliche Mädchen gelegt und versuchte, einen flüchtigen Kuss zu erhaschen, aber Pansy wehrte ihn kichernd ab.

„Zabini! Warte!" rief Harry in die Richtung des Paares und der dunkle Slytherin fuhr herum und musterte den Gryffindor mit deutlichem Abscheu.

„Was willst du Potter?" spuckte er ihm entgegen, offensichtlich nicht begeistert davon, beim Austausch von Zärtlichkeiten gestört worden zu sein. Auch Pansy warf dem Gryffindor giftige Blicke zu.

„Weißt du, warum Draco nicht in der Schule ist?" fragte Harry, ohne lange um den heißen Brei herum zu reden.

„Das geht dich gar nichts an, Potter", schnarrte Zabini und Pansy nickte bestätigend.

„Was mich etwas angeht und was nicht, ist nicht deine Sache, Zabini", gab Harry erregt zurück. „Also, weiß du, wo Malfoy ist?"

„Hogwarts ist nicht mehr der richtige Ort für Draco", erklärte Blaise genüsslich. „Er spielt jetzt für das andere Team."

„Wieso? Was meinst du damit?" fragte Harry verständnislos, als er den Ausdruck in den Augen des anderen Jungen nicht deuten konnte.

Der Slytherin schaute sich vorsichtshalber um, ob auch niemand seine Worte hörte, doch die anderen Schüler waren weiter gegangen und außer ihnen war der Gang menschenleer.

„Merlin, bist du schwer von Begriff, Potter", knurrte er und rollte mit den Augen. Selbstgefällig tippte sich Zabini mit der Hand auf den Unterarm. „Malfoy ist jetzt ein Todesser, du Idiot."

„Nein!" entfuhr es Harry. „Du lügst!"

„Warum sollte ich, Potter?" fragte Blaise kalt. „Es ist die Wahrheit. Sein Vater hatte schon das ganze Jahr geplant, ihn in den Ferien in den inneren Kreis aufnehmen zu lassen. Das hat er dir natürlich nicht gesagt, nicht wahr? Aber warum sollte er auch? Du warst für ihn ja nur eine willige Fickunterlage."

Harry fühlte, wie ihm bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg. Er hatte nicht gewusst, dass Blaise über ihre Beziehung im Bilde war. Die Wut kochte höher und höher und brannte schließlich heiß in seinem ganzen Körper. Wut auf Blaise, der es wagte so mit ihm zu sprechen. Wut auf Draco, der die ganze Zeit die Wahrheit vor ihm verschwiegen hatte. Wut auf sich selbst, weil er so blauäugig gewesen war und nichts geahnt hatte.

Pansy schnappte hörbar nach Luft. Offensichtlich war diese Eröffnung auch für sie ein Schock. „Hast du gedacht er liebt dich, Potter?" höhnte der Slytherin, der es nicht lassen konnte, einen Finger in die Wunde zu legen. „Hast du gedacht, du würdest ihm auch nur irgendetwas bedeuten? Du hast es echt nicht besser verdient. Du bist so ein Idiot, Potter."

Zornig funkelte Harry den anderen Jungen an, der ihn zufrieden musterte. Der Slytherin konnte in seinem Gesicht lesen, dass der Tiefschlag gesessen hatte. Schwer nach Beherrschung ringend ballte der Gryffindor seine Hände zu Fäusten. Sein Blick zuckte zu dem Zauberstab, der im Bund seiner Jeans steckte.

„Worauf wartest du, Potter?" fragte Blaise gehässig. „Versuch doch, mir einen Fluch auf den Hals zu hetzten. Ich wette, Professor Snape wäre sehr interessiert daran zu erfahren, für wen Gryffindors Golden Boy das letzte halbe Jahr seinen Arsch hingehalten hat."

Pansy kreischte erschrocken auf, als Harry den Zauberstab blitzschnell aus dem Hosenbund zog. Das Blut rauschte in seinen Ohren und machte ihn taub für die innere Stimme, die ihm sagte, dass er dabei war, einen schweren Fehler zu begehen. Selbstgefällig nahm er wahr, dass die Zufriedenheit aus Zabinis Gesicht verschwunden war. In seinen Augen stand die nackte Panik.

Im aller letzten Moment überlegte Harry es sich anders und steckte den Zauberstab wieder zurück in die Hose. Nein, den Triumpf würde er Blaise nicht gönnen. Pansy atmete hörbar auf und ihr Freund machte eine abwertende Geste in die Richtung des Gryffindor. Doch gerade, als die beiden Slytherins sich umdrehen und ihren Kameraden folgen wollten, schnellte Harry vor und rammte seine Faust in Zabinis Gesicht.

Pansy kreischte erneut, als der dunkle Slytherin rückwärts taumelte. Blut tropfte aus seiner Nase. Entgeistert starrte er Hary an, der schwer atmend ihm gegenüber stand. Pansy zeterte und jammerte, aber es war niemand da, der ihnen zu Hilfe kommen konnte. Mit zitternden Finger tastete Blaise nach der Verletzung und besah ungläubig die rote Flüssigkeit auf seiner Hand.

„Verrecke Zabini", knurrte Harry, bevor er sich umdrehte und den Gang zurück stapfte, den er gekommen war.

XXXXXX

Die Sterne glitzerten silbern am wolkenlosen Nachthimmel und der Mond stand voll und groß über dem alten Schloss. Die Gänge und Hallen lagen verlassen da, jetzt wo alle Schüler in ihren Betten lagen und schliefen. Auch der Gryffindor Turm schien ruhig und friedlich, das vereinzelte Schnarchen der Schüler war das einzige Geräusch, das zu hören war. Es war eine angenehme, eine vertraute Stille, die über dem Raum lag, aber Harry fand keinen Schlaf.

Als er in die Große Halle zurückkehrte, war er immer noch so aufgewühlt gewesen, dass er die Gegenwart seiner Freunde einfach nicht ertrug. Statt mit ihnen in den Gryffindor Turm zu gehen, hatte er sich mit dem Tarnumhang aus dem Schloss gestohlen und war stundenlang ziellos über die Felder und Wiesen gestreift, ohne eine Antwort auf seine Probleme zu finden.

Irgendwie hatte er erwartet, als er zurück kam, von einem wütenden Professor Snape abgefangen zu werden, aber entweder hatte Zabini sich geschämt zu seinem Hauslehrer zu gehen oder er hob sich die Genugtuung für Morgen auf. Doch Harry konnte sich nicht aufraffen, sich auch noch darum zu sorgen. Sein Kopf war so schon voll genug. Auch jetzt, während er am Fenster saß und seinen Blick hinaus in die Nacht schweifen ließ, beschäftigte ihn nur eine Frage: War alles nur eine Lüge gewesen?

Harry konnte es einfach nicht glauben. Warum sollte Draco sich mit ihm wieder versöhnen, wenn er doch wusste, dass er nicht wieder nach Hogwarts zurück kehren würde? War es gewesen, um ihn zu verhöhnen? Wieder so ein krankes Malfoy-Spiel? Und was war dann mit den Briefen? Oder mit dem Ring?

Nein, er konnte, er wollte nicht glauben, dass Draco seine Gefühle nur vorgetäuscht hatte. Harry war sich beinah sicher, dass es nicht freiwillig geschehen war. Sein Freund war kein Todesser. Er hatte ihm selbst gesagt, dass die Ideale seines Vaters nicht mehr die seinen waren.

Wieder kam ihm der Satz in den Sinn, den Draco zu ihm in der Nacht auf dem Astronomie-Turm gesagt hatte: „Egal was passiert, ich will, dass du weißt, dass ich dich liebe."

Harry hatte damals geahnt, dass es mehr gab, was Draco ihm sagen wollte. Nun war er sicher, dass der Blonde sich ihm hatte anvertrauen wollen. Wenn er nur hartnäckiger gewesen wäre..

Ein Entschluss bildete sich in Harrys Kopf: Er musste etwas tun; gleich morgen. Er musste versuchen, mit Draco via Flohpulver zu sprechen. Auf keinen Fall würde er ihn nicht so einfach aufgeben.

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Typisch Gryffindors Golden Boy. Statt ihn in den Krankenflügel zu hexen, haust du ihm eine rein", stichelte Draco kopfschüttelnd.

Entschuldige mal, wir reden hier von deinem damaligen besten Freund. Wäre es dir lieber gewesen, ich hätte ihm den Kopf abgehext?" fragte der Dunkle pikiert.

Das hättest du nicht", gab Draco entschieden zurück. „Du bist ein Gryffindor. Der schlimmste Fluch, den du kanntest, wäre vermutlich ein Beinklammerfluch gewesen."

Da irrst du dich, Malfoy", erwiderte Harry kurz angebunden.

Ach ja, Potter? Wollen wir mal vor die Tür gehen? Dann sehen wir, wer die miesesten Flüche kennt."

Pass bloß auf. Ich will mir nicht den Rest des Tages dein Gejammer anhören, wenn ich dich in Grund und Boden hexe."

Davon träumst du, Potter." Grinsend drohte ihm der Blonde mit dem Zauberstab.

Nee, träumen tue ich doch lieber von etwas anderem."

Kommt zufällig ein nackter Snape, ein Schnatz und eine Kiste Flubberwürmer darin vor?"

Harry schüttelte sich entsetzt. „Ganz sicher nicht, wieso?"

Ach nix."

Love, du bist echt einmalig."

Zärtlich küsste er die Lippen seines Partners und Draco gab den Kuss zufrieden zurück. „Ganz genau, einmalig gut."

Tbc....