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XX. Rette mich

 

Komm und rette mich - ich verbrenne innerlich

Komm und rette mich - ich schaff`s nicht ohne dich

Komm und rette mich

Rette mich - rette mich

 

(Tokio Hotel, Rette mich)

 

Hogwarts

„Harry, das ist Wahnsinn und das weißt du auch!" Erregt sprach Hermine auf ihren Freund ein, der wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Schlafraum rannte und mal diesen und mal jenen Gegenstand in den alten zerschlissenen Rucksack stopfte, den er von Dudley geerbt hatte.

Der dunkelhaarige Gryffindor hatte in Kräuterkunde extra eine von Fred und George`s Nasch- und Schwänz-Leckereien genommen, um den Unterricht zu schwänzen und Hermine hatte vorgegeben, ihn in den Krankenflügel bringen zu wollen.

„Hast du vielleicht eine bessere Idee?" fragte Harry sie scharf und nahm das Spiekeroskop aus seiner Truhe, legte es dann aber doch wieder zurück.

„Nein", gab Hermine kleinlaut zu. „Aber ich verstehe nicht, wieso du Dumbledore nicht von Mrs. Malfoys Hilferuf erzählt hast."

„Was glaubst du, warum sie mich gebeten hat?" fragte der Junge sie seufzend und setzte sich neben seine Freundin auf das Bett. „Wenn sie wirklich gewollt hätte, dass Dumbledore ihr hilft, dann hätte sie ihn darum gebeten und nicht mich."

„Und wenn es eine Falle ist?" fragte das Mädchen bedrückt. „Vielleicht haben sie und ihr Mann das Ganze geplant um dich an du-weißt-schon-wen auszuliefern."

„Das glaube ich nicht", antwortete Harry bestimmt. „Du hast sie nicht gesehen, Mine. Zwar war ihr Gesicht ausdruckslos wie immer, aber irgendetwas in ihrer Art war anders; bedrückt und besorgt. Sie hat Angst um Draco, das habe ich genau gespürt."

„Aber das ist doch noch lange kein Grund so Hals über Kopf allein nach Malfoy Manor fliegen zu wollen!" versuchte Hermine ihren Freund zur Vernunft zu bringen. „Selbst wenn es keine Falle ist, denke ich, dass das Haus mit mächtigen Zaubern geschützt ist."

„Gerade deshalb muss ich allein gehen", widersprach ihr der dunkelhaarige Gryffindor. „Eine Gruppe von Zauberern wird viel eher entdeckt als ein einzelner Junge."

„Ich mache mir nur Sorgen um dich", sagte sie seufzend, als sie erkannte, dass sie Harry nicht umstimmen konnte.

„Ich weiß, Hermine und glaub mir, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, würde ich nicht gehen, aber die gibt es nicht. Ich kann Draco nicht so einfach seinem Schicksal überlassen."

„Du und dein Heldenkomplex", foppte ihn das Mädchen, um den Ernst der Situation zu überspielen. Sie kramte aus ihrer Schultasche den aktuellen Tagespropheten hervor. „Warte wenigstens bis morgen, Harry. Laut diesem Artikel wird am Abend eine Gala zur Eröffnung des neuen Flügels für dauerhafte Fluchschäden des St. Mungo Hospitals gegeben. Die Malfoys sind Ehrengäste, weil sie eine große Summe für den Bau dieses Flügels gespendet haben."

Harry warf einen Blick auf die Stelle im Propheten und verzog angewidert das Gesicht. „Schon komisch, wo Mr. Malfoy vermutlich die meisten Patienten selbst dort hin geflucht hat."

Hilflos zuckte Hermine die Achseln. „Denen geht es doch nur um die Publicity, Harry. Die Menschen sind den Malfoys doch völlig egal. Jedenfalls sind deine Chancen größer, wenn Dracos Eltern nicht zu Hause sind."

„Vielleicht hast du recht", erwiderte der Junge seufzend. „In Ordnung, ich warte bis morgen. Hoffentlich komme ich dann nicht zu spät."

Aufmunternd legte das Mädchen einen Arm um ihn. „Du wirst sehen, es wird alles gut, Harry. Ich weiß es, alles wird wieder gut."

XXXXXX

Sie hat recht. Du und dein verdammter Heldenkomplex." Seufzend legte Draco die Notizen zur Seite und ging hinüber ans Fenster.

Wäre es dir lieber gewesen, ich wäre nicht zu deiner Rettung gekommen?" fragte Harry mit hochgezogenen Augenbrauen, als er neben ihn trat.

Natürlich nicht, aber was, wenn es wirklich eine Falle gewesen wäre?" gab der Blonde zurück, den Blick hinaus in den Garten gerichtet.

Dann hätte ich trotzdem alles getan, um uns beide lebendig da raus zu holen", antwortete der Dunkle ehrlich.

Und wärst möglicher Weise dabei getötet worden", erwiderte der Andere bitter.

Vielleicht", gab Harry schulterzuckend zurück.

Du dummer Gryffindor", schimpfte Draco und drehte sich zu seinem Ehemann. „Du riskierst alles, um mich aus einer vermeintlichen Gefahr zu retten, ohne zu wissen, ob wir überhaupt noch im selben Team spielen. Wenn du nun getötet worden wärst..."

...dann wäre das mein Schicksal gewesen", antwortete der Dunkle ruhig.

Nein, dann wäre die Zauberwelt untergegangen und Voldemort hätte Tod und Zerstörung über uns alle gebracht! Und es wäre letztendlich meine Schuld gewesen!"

Love, ich war mir auch damals sehr wohl bewusst, was von meinem Leben abhing, aber das ändert nichts daran, dass ich notfalls gestorben wäre, um dich zu retten."

Ich sag`s ja: Verdammter Heldenkomplex", brummte Draco, streichelte dabei aber zärtlich über die Wange des anderen Mannes.

Ich liebe dich auch", antwortete Harry lächelnd und zog den Blonden zu einem Kuss heran. 

XXI. In the Shadows

They say, that I must learn to kill

Before I can feel safe

But I, I`d rather kill myself

Than turn into their slave

 

(The Rasmus, In the Shadows)

 

Malfoy Manor

Unruhig ging Draco in seinem Zimmer auf und ab. Immer wenn er am Fenster angekommen war, warf er einen Blick in den weitläufigen Garten. Die Hitzewelle schien endlich ein Ende gefunden zu haben und es regnete schon den zweiten Tag hinter einander. Dicke Tropfen prasselten gegen die Scheibe und liefen in langen Bahnen hinunter auf das Fensterbrett. Die Welt draußen schien wie verwandelt, die sanften Pastellfarben waren verschwunden und alles erstrahlte in einem saftigen, dunklen Grün. Es war Dracos Lieblingsfarbe. Smaragdgrün, so wie Harrys Augen.

Unwillkürlich seufzte er leise auf. Zwar tat er alles, um die aufkommende Panik zurück zu drängen, aber so richtig erfolgreich war er damit nicht. Wieder warf er einen unruhigen Blick hinaus, obwohl er selbst nicht genau sagen konnte, was er dort eigentlich zu sehen erwartete. Selbst wenn Voldemorts Männer im Anmarsch sein sollten, würden sie kaum an seinem Fenster vorbei fliegen. Trotzdem tat er es immer wieder, schließlich war der Blick hinaus die einzige Abwechselung, die sein Gefängnis zuließ.

Nach dem Besuch seines Vaters hatte Draco die nächsten Tage damit verbracht, einen Ausweg aus seiner aussichtslosen Lage zu suchen. Stundenlang hatte er versucht, mit der Kraft seiner Gedanken den Riegel an der Tür zu öffnen, so wie Lucius es tun konnte, doch Draco musste sich eingestehen, dass die Kunst der zauberstablosen Magie über seine Fähigkeiten hinaus ging.

Auch die Hauselfen, die drei Mal täglich mit einem Tablett voller Essen in sein Zimmer apparierten, waren ihm keine Hilfe. Demütig, mit gesenktem Blick und hängenden Ohren überreichten sie ihm seine Mahlzeit und nahmen das alte Tablett wieder mit, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. Offenbar hatte Lucius ihnen verboten mit ihm zu sprechen.

Nie hätte Draco vermutet, dass einmal der Tag kommen würde, an dem er den Luxus eines eigenen Badezimmers verfluchen würde. Doch durch diese Tatsache, war ihm auch die mögliche Flucht auf dem Weg zur Toilette verwehrt.

Der einzige Besuch, der ihm gestattet war, war seine Mutter. Narcissa redete sowohl auf ihren Mann, als auch auf ihren Sohn mit Engelszungen ein, in der Hoffnung einen von ihnen bekehren zu können, doch es war vergebens. Wenn sie sich sonst schon nicht ähnlich gewesen wären, dann wären sie es auf jeden Fall in ihrer Sturheit.

Gedankenverloren blieb Draco am Fenster stehen und lehnte seine Stirn gegen die kühle Scheibe. Die Zeiger seiner Armbanduhr verrieten ihm, dass es fast Mittag war. Gestern hatte das Schuljahr wieder angefangen, doch er saß hier fest. Was Harry wohl gesagt hatte, als er nicht im Zug war? Vermutlich glaubte er wirklich, dass Draco ihn belogen hatte. Nichts bereute er so sehr, wie die vertane Möglichkeit, Harry die Wahrheit zu sagen. Wenn er wirklich durch den Dunklen Lord sterben sollte, würde Harry für immer glauben, dass Draco ihn verraten hatte.

Und die Anderen? Wie hatten sie wohl auf die Nachricht reagiert, dass er nicht wieder nach Hogwarts zurück kehren würde? Es gab vermutlich nicht viele, die darüber enttäuscht waren. Gerade die Gryffindors würden vermutlich den gestrigen Tag zum Feiertag erklären. Den Nie-wieder-Malfoy-Tag. Um Dracos Mund bildete sich ein harter Zug. Verflucht, er musste hier raus! Er musste einen Weg finden, um nach Hogwarts - und somit zu Harry - zurück zu kehren. Dort war er sicher. Dumbledore und Snape würden ihn beschützen. Sein Vater würde es nicht wagen, ihn von dort zu entführen, um ihn dem Dunklen Lord zu übergeben.

Aber wie sollte er dorthin kommen? Die Gitter an seinem Fenster waren aus massivem Metall und der Riegel an der Tür ebenso und selbst wenn er es schaffen sollte, aus seinem Zimmer zu entkommen, hatte sein Vater mit Sicherheit andere magische Barrieren im Haus aufgestellt und er war allein und hatte keinen Zauberstab. Es war hoffnungslos.

Draco fuhr herum, als er hinter sich das Geräusch des sich zurück schiebenden Riegels hörte. Die Tür öffnete sich und Narcissa Malfoy trat so lautlos wie gewöhnlich in den Raum. Wie immer sah sie hinreißend aus, in ihrer langen - heute in einem Brombeerton gehaltenen - wallenden Robe. Ihr goldenes Haar trug sie offen und es fiel ihr in wasserfallartigen Wellen fast bis zur Hüfte hinab.

„Guten Morgen, Draco", sagte sie und streckte die Hände nach ihm Sohn aus.

Der Junge nahm sie und ließ es zu, dass ihn seine Mutter in ihre Umarmung zog. „Guten Morgen, Mutter." Tief sog er den vertrauten Duft ein, erlaubte es sich nur einen Moment lang, in ihrer Berührung Trost zu empfinden.

Als sie sich wieder von einander lösten, musterte ihn die blonde Frau kritisch, dann warf sie einen Blick auf das unberührte Tablett auf dem Tisch. „Du hast wieder kein Frühstück gegessen", stellte sie tadelnd fest.

„Ich hatte keinen Hunger", verteidigte sich der Blonde.

„Die Hauselfen berichten mir, dass alle Tabletts, die sie von dir abholen, so gut wie unberührt sind."

„Was erwartest du?" fragte Draco sarkastisch. „Ich werde gegen meinen Willen hier festgehalten. Jeden Tag erwache ich in der Angst, dass der Dunkle Lord nach mir schicken lässt und du machst dir Sorgen darum, dass ich zu wenig esse!"

„Du wirst deine Kräfte brauchen", erwiderte seine Mutter erklärend. „Je schwächer du bist, desto weniger hast du ihm entgegen zu setzen, wenn er... wenn er..."

„Wenn er versuchen wird, mich zu brechen", beendete Draco ihren Satz bitter. „Das ist es doch, was passieren wird, Mutter. Nicht wahr?"

„Du hast keine Ahnung", flüsterte sie und eine Gänsehaut kroch ihre Arme empor. „Du weißt nicht, wie Er sein kann. Dein Vater ist ihm treu ergeben und selbst ihn straft Er regelmäßig mit einer unmenschlichen Grausamkeit. Bitte Draco, sei doch vernünftig und tu was von dir erwartet wird."

„Du weißt, dass ich das nicht kann, Mutter. Wenn es das ist, was der Dunkle Lord will, dann werde ich ihn nicht daran hindern können. Es sei denn, du hilfst mir, von hier zu verschwinden." Flehend sah er in ihr blasses Gesicht, das deutlich den inneren Kampf ihrer Gefühle verriet.

Narcissa schüttelte bedauernd den Kopf. „Es geht nicht, Draco. Selbst wenn ich es täte, wüsste er es sofort. Dein Vater hat diese Tür und das Fenster mit so vielen Zaubern belegt, dass es sofort eine Art von Alarm gibt, wenn du auch nur einen Fuß hinaus setzt."

„Dann traut er dir also auch nicht", stellte der Junge verwundert fest.

„Ich denke, im Moment traut dein Vater niemandem. Er steht sehr stark unter Druck, Draco. Schließlich hat er dich dem Dunklen Lord versprochen, aber bis jetzt noch nicht ausgeliefert. Er ist ziemlich verärgert über die Verzögerung."

Diese Nachricht war eine echte Überraschung für Draco. Hatte sein Vater etwa doch Skrupel bekommen? Nach seiner Rede im Zimmer seines Sohnes hatte Draco das für unmöglich gehalten, aber wenn es tatsächlich so sein sollte, war vielleicht doch noch nicht alles verloren.

„Ist Vater jetzt daheim?" fragte er beiläufig.

„Er hat sich zum Mittagessen angemeldet. Aber ganz sicher weiß man das bei ihm nie." Narcissa zuckte bestätigend die Schultern. „Ich werde dann gehen. Es ist besser, wenn er mich nicht hier vorfindet, wenn er kommt."

Ein weiteres Mal drückte sie ihn kurz, dann zog sie sich mit einem entschuldigenden Lächeln zurück. „Ich komme heute Abend wieder", versprach sie ihrem Sohn, bevor sie das Zimmer verließ und den schweren Riegel wieder vor die Tür schob.

Erneut starrte Draco hinaus in den Regen. Er wagte kaum zu hoffen, dass sein Vater tatsächlich seine Meinung geändert haben könnte. Was sollte diesen Stimmungswechsel verursacht haben? Wieso zögerte er, Draco an seinen Meister zu übergeben?

XXXXXX

Die Hauselfe hatte gerade die Reste von Dracos Mittagessen weggeräumt, als der Junge wahrnahm, dass der Riegel an seiner Tür ein weiteres Mal zurück geschoben wurde. Der blonde Junge erhob sich von seinem Stuhl, straffte seinen Rücken und verschränkte die Arme vor der Brust; so ruhig wie möglich abwartend, was nun auf ihn zukommen würde.

Festen Schrittes betrat Lucius Malfoy das Zimmer seines Sohnes. Beinah ebenso kritisch wie seine Frau, musterte er Draco von oben bis unten. Ihm entging weder, dass die zarte Farbe, die der permanente Sonnenschein auf Dracos Haut hinterlassen hatte, bereits zurück ging, noch übersah er die lila-blauen-Schatten, die sich aufgrund des Schlafmangels tief unter Dracos Augen eingegraben hatten. Doch er bewunderte den furchtlosen Blick, den ihm sein Sohn zuwarf, als er abwartend an die Fensterbank gelehnt, ihm entgegen sah.

„Draco", grüßte Lucius seinen Sohn.

„Vater", gab der Junge respektvoll zurück.

„Hast du dir unser Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen lassen?"

„Ja Vater, das habe ich. Aber es ändert nichts an meiner Entscheidung. Ich werde kein Todesser."

Lucius starrte ihn lange an. Seine Augen waren wie glitzerndes Eis, doch sein Blick war lange nicht mehr so wütend, wie vor einigen Tagen, als Draco ihm dies das erste Mal gesagt hatte. „Es ist schade, dass du so denkst. Ich habe dir jede Chance gegeben, dich doch noch für uns zu entscheiden. Nun wirst du leider die Konsequenzen für diese Entscheidung tragen müssen."

Draco merkte, wie sein Herz bei diesen Worten schneller zu schlagen begann. Seine Hoffnung schwand dahin.

„Heute Abend um zwanzig Uhr werde ich dich abholen und wir werden ins Manor deiner Tante apparieren, wo sich der Dunkle Lord momentan aufhält. Also halte dich bereit."

Es schien, als warte Lucius darauf, dass sein Sohn Widerworte fand, doch Draco stand nur da und sah ihn an, unfähig ein weiteres Wort zu sagen. Seine Kehle war wie zugeschnürt, bei dem Gedanken an Voldemort. Es war, als hätte ihm sein Vater den Termin für seine Hinrichtung verraten. Für einen kurzen Moment lag ihm der Wunsch, seinen Vater anzuflehen, es nicht zu tun, auf der Zunge, doch Draco drängte ihn tapfer zurück.

Verdammt, er war ein Malfoy; er war stolz und er hatte keine Angst. Er würde dem Dunklen Lord gegenüber treten und ihm die Stirn bieten - und wenn es sein musste, danach mit Haut und Haaren untergehen...

XXXXXX

Warm prasselte das Wasser auf seine Schultern, als Draco mit gesenktem Kopf unter der Dusche stand. Er wusste nicht, weshalb es ihm so wichtig war, aber als der Abend über das Manor herein brach, hatte er den unbändigen Wunsch verspürt, vor dem Treffen noch eine Dusche zu nehmen. Vielleicht hatte er gedacht, dass es ihn entspannen würde, doch trotz des angenehm warmen Wassers zitterte der Junge am ganzen Körper.

Das Abendessen stand noch unberührt auf dem Tisch neben seinem Bett und Draco wusste, dass er keinen Bissen herunter bekommen würde. Der Lachs, das Roastbeaf und die Käsevariatonen hätten unter anderen Umständen appetitlich auf ihn gewirkt. Doch heute war es nur eine Henkersmahlzeit, nicht mehr und nicht weniger und er hatte nicht um sie gebeten.

Als er feststellte, dass seine Hände von der langen Dusche bereits einzuschrumpeln begannen, stellte Draco das Wasser ab und stieg aus der Dusche. Sorgfältig trocknete er seinen Körper ab und schlüpfte dann in die frische schwarze Robe, die er sich zurecht gelegt hatte. Er wusste, dass es Voldemort vermutlich egal war, was er an hatte, doch auch wenn dieser Tag sein letzter sein sollte, hatte Draco vor, mit Stil unterzugehen.

`Wenn schon ein toter Zauberer, dann wenigstens eine gutausehender`, dachte er bitter, als er sich vor dem Spiegel die nassen Haare kämmte. Unwillig seufzte er auf, als er sich eine weitere feuchte Strähne aus dem Gesicht strich. Ohne Zauberstab konnte er sie nicht trocknen, denn im Anwesen seiner Eltern gab es solche Muggeldinge wie eine Steckdose oder gar einen Fön natürlich nicht.

Abschließend legte er noch ein leichtes Eau-de-Toilette auf - um den Geruch der Angst zu übertünchen, wie er sich selbst gegenüber eingestand - dann ging er zu seinem Platz am Fenster und wartete.

Die Zeiger seiner Armbanduhr zeigten exakt zwanzig Uhr, als das Geräusch des Riegels, der zurück geschoben wurde, ihn aus seinen Gedanken riss. Draco straffte sich und zog die Maske der Gleichgültigkeit schnell über sein Gesicht, während er die Stelle fixierte, an der sein Vater das Zimmer betrat.

„Bereit, Draco?" fragte der blonde Mann, seinem Sohn zunickend.

Der Junge nickte zur Antwort zurück, dann folgte er Lucius langsam aus dem Zimmer. Dumpf klangen ihre Schritte auf dem glatten Marmor wieder, begleitet vom gleichmäßigen Klacken des Gehstocks, als sie die Treppe zur Eingangshalle hinunter gingen.

Obwohl Draco sich bemühte, den Blick stur geradeaus zu richten, nahm er aus dem Augenwinkel wahr, dass sein Vater humpelte. Ein verstohlenen Blick in Lucius Gesicht verriet ihm, dass die sorgfältig zur Schau getragene Arroganz Risse bekommen hatte. Ein Fremder hätte den harter Zug um den Mund des blonden Mannes gar nicht bemerkt. Doch Draco kannte seinen Vater gut genug, um zu wissen, dass er Schmerzen hatte. Trotzdem ließ er sich seine Entdeckung nicht anmerken. Er konnte nur ahnen, was zwischen Mittag und Abend vorgefallen war. Offensichtlich hatte sein Vater den Zorn seines Meisters auf sich gezogen und nun trug er die Konsequenzen dafür.

Als sie die Halle erreichten, wartete Narcissa bereits neben der Treppe ins Obergeschoss auf sie. Ihre Hände verkrampften sich in den Stoff ihrer Robe, als sie ihren Sohn neben seinem Vater gehen sah und sie sah aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen, doch sie schaffte es, sich zu beherrschen. Stumm trat sie vor Draco und legte die Hände auf seine Schultern, bevor sie ihn zu einem Kuss auf die Wange zu sich herab zog. Der Junge konnte ihr Herz durch die Kleidung wie wild schlagen fühlen und er merkte, wie sich ihre Hände in seine Robe krallten. Es schmerzte ihn, seine Mutter so leiden zu sehen, doch er wusste, sein Vater würde den Trost nicht billigen, den er ihr so gern spenden wollte, daher erwiderte Draco den Kuss schweigend, bevor er sich von ihr löste.

„Auf Wiedersehen, Mutter", sagte er leise und selbst das kam ihm wie eine Lüge vor.

Zur Antwort drückte sie erneut seinen Arm, dann drehte sie sich eilig um und stürzte die Treppe hinauf in ihre Zimmer. Ohne die leiseste Gefühlsregung hatte Lucius der Verabschiedung zugesehen, nun wandte er erneut das Wort an seinen Sohn.

„Es ist Zeit, Draco", sagte er und bot dem Jungen seinen Arm. Wortlos berührte Draco den Unterarm seines Vaters und schon einen Moment später begann die Welt um ihn herum zu verschwimmen.

XXXXXX

Es war schon viele Jahre her, seit Draco in dem Anwesen der Lestranges gewesen war. Seine Tante Bellatrix und sein Onkel Rodophus kannte er nur von Bildern. Über vierzehn Jahre saßen die beiden nun schon in Askaban, doch seit der Wiederauferstehung des Dunklen Lords waren sie ihrer Befreiung so nah, wie noch nie.

Die Lestranges waren ebenso wie die Malfoys eine alte, reinblütige Zaubererfamilie. Auch sie waren wohlhabend, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie Dracos Eltern. Doch die Galleonen im Verließ bei Gringotts hatten ausgereicht, um das Manor über die Jahre in Schuss halten. Als Draco am Arm seines Vaters vor der Tür des Herrenhauses apparierte, sah er sich neugierig um. Eine steinerne Treppe, welche von Gargoiles bewacht wurde, führte zu der großen, dunklen Tür, an der eine bronzener Türklopfer tronte.

Ohne zu zögern, klopfte Lucius an und keinen Augenblick später öffnete eine kleine, schrumpelige Hauselfe die Tür. Hochmütig sah der blonde Zauberer auf die kleine Kreatur herab, die unter seinem Blick noch mehr zu schrumpfen schien.

„Lord Malfoy", piepte sie mit zittriger Stimme und gab den Eingang frei, so dass Lucius mit seinem Sohn ins Innere des Hauses trat.

Die Eingangshalle war nicht so groß wie die in Malfoy Manor, doch auch hier hingen die Gemälde der vorherigen Besitzer an den Wänden und Draco fühlte sich von dutzenden Augenpaaren beobachtet, als er neben seinem Vater durch die Halle schritt. Vom Eingangsbereich gingen mehrere dunkle Türen ab. Vor einer dieser Türen blieb Lucius stehen und klopfte erneut.

Dieses Mal dauerte es länger, Draco kam es vor wie eine Ewigkeit, bevor eine Stimme sie herein befahl. Der Raum hinter der Tür war ein Salon. Ein großer, schwerer Esstisch mit einem Dutzend Stühle drumherum beherrschte die Atmosphäre des Zimmers. Über dem Tisch, der mit einem Wappen (vermutlich dem der Familie Lestrange) verziert war, hing ein schmiedeeiserner Kronleuchter, dessen verzauberte Kerzen den Raum in ein unwirkliches Licht tauchten.

Erst auf den zweiten Blick nahm Draco die Menschen wahr, die auf der anderen Seite des Raumes um einen Sessel am Kamin gruppiert standen. Einige der Männer, wie zum Beispiel die Väter seiner Kameraden Crabbe und Goyle erkannte er, auch wenn sie jetzt ihre Todesser Kleidung trugen. Die Person, die in dem Sessel saß, konnte Draco nicht sehen, doch die Haltung der Männer verriet eine derartige Demut, dass es nur einen Menschen gab, der dafür in Frage kam.

Sein Herz schlug schneller und seine Füße wollte ihm nicht mehr gehorchen, als er die Hand seines Vaters an seinem Rücken spürte, die ihn unweigerlich in Richtung des Kamins schob. Die Menge der dort versammelten Todesser teilte sich und er sah in den Gesichter der Männer Neid und Verachtung aufblitzen, als sie ihnen entgegen sahen.

Verzweifelt klammerte sich Dracos Blick an die Gesichter der Menschen, unwillig in das eine Gesicht zu sehen, dessen Augen er schon brennend auf sich ruhen fühlte.

„Herr." Ehrfürchtig ging Lucius Malfoy auf die Knie und küsste den Saum von Voldemorts Umhang.

„Lucius." Die kalte Stimme des Dunklen Lords schnitt tief in Dracos zitterndes Fleisch. „Draco."

Der Junge fühlte den Zwang in den Worten. Er wehrte sich, klammerte den Blick an den Mann zu seiner Rechten, doch gleichzeitig fühlte er, wie seine Augen Zentimeter um Zentimeter dessen Gesicht verließen und unweigerlich hin zu Seinem Gesicht wanderten.

Übelkeit stieg in Draco auf, als sein Blick den des Dunklen Lords traf. Kalte rote Augen musterten ihn kritisch, sahen bis in seine Seele.

„Komm her." Gegen seinen Willen bewegten sich seine Füße. Schritt für Schritt trat er näher auf Voldemort zu, ohne dass Draco seine Augen von dem weißen, schlangenartigen Gesicht nehmen konnte.

„Knie nieder."

`Nein!`dachte Draco. `Niemals!`

Gewichte, schwer wie Blei, senkten sich auf seine Schultern. Fest biss der Junge seine Zähne zusammen, straffte seinen Rücken, verschränkte die Arme vor der Brust. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, als die Last seinen Körper erzittern ließ, doch er war nicht bereit sich zu beugen. Es war ein wortloser Kampf, doch er dauerte nur Sekunden.

Ein leises Wimmern entwich Dracos Kehle, als seine Knie letztendlich nachgaben und er vor dem Dunklen Lord zusammen brach. Wenige Zentimeter neben seinem Vater kauerte er auf dem Boden, wütend nach Atem ringend.

„Sieh an, sieh an." Beinah schwang ein Lächeln in Voldemorts sonst so emotionsloser Stimme mit. „Du bist stark, Draco. Ein Kämpfer. Das ist gut. Genau das, was wir brauchen."

„Ein Kämpfer vielleicht, aber nicht für dich", schaffte der Junge zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor zu stoßen.

„Noch nicht. Aber ich bin sicher, du wirst deine Meinung ändern, Draco." Schaudernd fühlte der Junge die Hand des Dunklen Lords auf seinem Kopf. „Du erinnerst mich an deinen Vater, Draco. So stark, so furchtlos, so unbeugsam. Heute ist er einer meiner engsten Gefolgsleute, doch auch er musste erst überzeugt werden."

Vielleicht kam es Draco nur so vor, doch er glaubte für einen Moment, seinen Vater aus dem Augenwinkel zusammen zucken zu sehen.

„Gib mir deinen Arm, Draco." Fordernd streckte Voldemort seine weißen, langen Finger aus.

„Nein." So fest er konnte, schlang Draco seine Arme um sich. „Du wirst mich nicht zu deinem Sklaven machen."

Ungläubiges Gemurmel erhob sich unter den Männern, die der Szenerie bis eben schweigend beigewohnt hatten.

„Draco", zischte auch Lucius entsetzt. Seine Augen suchten die seines Sohnes und sein Blick hatte zum ersten Mal etwas Flehendes.

Das Gesicht des Dunklen Lords verriet keinerlei Gefühlsregung, als er sekundenschnell seinen Zauberstab auf den jüngeren Malfoy richtete.

„Crucio", stieß er zischend hervor und schon fühlte Draco den Schmerz wie glühend heiße Lava durch seinen Körper rasen. Jeder Muskel, jede Ader, jedes Härchen auf seiner Haut explodierte im Schmerz. Er fühlte, wie er auf den Boden fiel; sich zusammen krümmte; zuckend und ins Leere schlangend. Lautes Schreien erfüllte den Raum und seinen Kopf und Draco wurde unterschwellig bewusst, dass es seine eigenen Schreie waren, die er hörte.

Dann, so plötzlich wie er gekommen war, verschwand der Schmerz wieder. Für einen Moment schloss Draco die Augen, vergewisserte sich, dass er noch am Leben war. Sein Kopf dröhnte, seine Muskeln schmerzten dumpf und in seinem Mund war der Geschmack von Blut. Scheinbar musste er sich selbst gebissen haben.

„Dummer, kleiner Junge", hörte er Voldemort höhnen. „Ich will dich nicht verletzten, aber du machst es dir unnötig schwer."

Draco atmete tief. Am liebsten hätte er die Augen geschlossen gehalten, doch er wusste, das würde ihn nicht vor weiterer Folter verschonen. Mit purer Willenskraft öffnete er die Augen und setzte sich auf. Als er erneut den Blick seines Vater auffing, glaubte er darin eine Mischung aus Sorge und echter Bewunderung zu erkennen.

Das schließlich gab den Ausschlag. Draco straffte sich und streifte die Maske der Arroganz wieder über das Gesicht. Nein, er würde nicht klein beigeben. Er würde mit hoch erhobenem Kopf zu Grunde gehen.

So stolz wie möglich begegnete er dem Blick aus Voldemorts roten Augen. „Gib mir deinen Arm", forderte der Dunkle Lord erneut mit scharfer Stimme.

„Nein."

Die Panik, die er gefühlt hatte, als er diesen Raum betreten hatte, war einer seltsamen Ruhe gewichen. Fast schon lethargisch sah Draco ihm entgegen und wartete auf den unvermeidlichen Schmerz, als Voldemort erneut den Zauberstab hob. Der Fluch traf ihn heftig und schleuderte ihn erneut zu Boden, doch Draco begrüßte beinah die Qualen. Sein Körper zuckte, bäumte sich auf und seine Schreie gellten durch den Raum, so dass sich sogar einer der Todesser abwenden musste.

In dem Moment, als sich die weiche Decke der Bewusstlosigkeit über ihn legte, hörte er die Stimme seines Vaters rufen. „Herr! Bitte! Hört mich an! Ich habe Informationen für Euch!"

Dann ebbten die Schmerzen ab und alles wurde dunkel...

XXXXXX

Draco, du bist nicht der einzige Mensch in diesem Haus! Jetzt mach die Tür auf und lass mich ins Badezimmer!"

Geräuschvoll drehte der Blonde den Schlüssel herum und öffnete die Tür einen Spalt breit. „Fünf Minuten wirst du doch wohl noch warten können", meinte er grinsend an seinen draußen wartenden Gefährten gewandt, bevor er versuchte, die Tür erneut zu schließen. Doch Harry war schneller und schob einen Fuß in den Spalt.

Nein, kann ich nicht. Ich komme jetzt schon zu spät zur Arbeit", erwiderte er ungehalten und drängte sich an dem Blonden vorbei, der nicht mehr als ein Handtuch trug. Sofort schlug ihm dichter Neben entgegen.

Merlin, Draco, das ist ja das reinste Dampfbad hier drin", beschwerte sich der Dunkle und nahm seine beschlagene Brille ab. „Und jetzt raus, ich muss duschen."

Doch Draco machte keine Anstalten den Raum zu verlassen. „Potter, du hast nichts, was ich nicht schon mal gesehen hätte."

Sehr witzig, Malfoy", knurrte Harry gereizt. „Aber ich muss außerdem mal für kleine Gryffindors und das tue ich dann doch lieber ohne deine Gesellschaft."

Sicher, dass ich dir nicht zur Hand gehen kann?" fragte der Blonde und nestelte unschuldig am Rand seines Handtuchs herum.

Ganz sicher und jetzt raus hier!" Ungeduldig schob der Dunkle Draco zur Tür.

Wo sind nur die Zeiten hin, in denen wir alles geteilt haben?" schimpfte der Blonde beleidigt.

Vermutlich genau dort, wohin auch deine Unterwäsche ständig verschwindet", pisackte Harry ihn grinsend und stahl sich noch einen Kuss von seinem schmollenden Ehemann, bevor er die Tür schnell hinter sich verschloss.

XXXXXX

XXII. Not gonna get us

We`ll run away, keep everything simple

Night will come down, our guardian angel

We rush ahead, the crossroads are empty

Our spirits rise, they`re not gonna get us

 

Nothing can stop us, not now, I love you

They not gonna get us

They not gonna get us

(T.A.T.U., Not gonna get us)

Der Wind wehte kühl in sein Gesicht, als Harry auf seinem Nimbus über das nächtliche England hinweg flog. Eine Stunde lang hatte er stocksteif in seinem Bett gelegen und so getan, als schliefe er, bevor er es schließlich wagte, einen Illusionszauber über sein Bett zu legen und sich aus dem Schlafsaal zu schleichen.

Mit dem Tarnumhang und der Karte des Rumtreibers hatte er es geschafft, seinen Besen aus der Gerätekammer zu stibitzen und bis zu dem Geheimgang zu kommen, der direkt in den Keller des Lokals „Die drei Besen" in Hogsmeade führte. In der Gaststube herrschte noch reger Betrieb und niemand bemerkte den unsichtbaren Jungen, der sich vorsichtig an den Tischen vorbei nach draußen schlich. Erst außerhalb des Dorfes traute sich Harry, den Tarnumhang abzulegen und auf seinen Besen zu steigen.

Natürlich hatte sich Harry in einem Buch über alte, magische Gebäude in der Bibliothek darüber informiert, wo genau Malfoy Manor lag und dank Hermines Vier-Punkte-Zauber fand er seinen Weg trotz der tiefschwarzen Nacht problemlos. Die Wolken hingen schwer am Himmel, so dass weder der Mond, noch die Sterne zu sehen waren. Im Stillen dankte Harry dafür, dass es wenigstens trocken war. Das würde ihm gerade noch fehlen, dass es auf seinem ersten Langstreckenflug regnete.

Schon länger war er keiner menschlichen Siedlung mehr begegnet, als der Zauber ihm zeigte, dass er am Ziel war. Die Nacht war bereits fortgeschritten und Harrys Körper schmerzte von dem langen Flug. Erstaunt runzelte er die Stirn, denn er konnte weit und breit kein Haus ausmachen, nur Felder, Wiesen und einen dichten, weitläufigen Wald.

Trotzdem senkte er den Besen und setzte zur Landung an. Am Rande des Waldes, auf einem kleinen Feldweg, der mehr einem Trampelpfad als irgendetwas anderem glich, berührten seine Füße den matschigen Boden. Seufzend stieg Harry von seinem Nimbus und streckte seine steifen Glieder. Erschrocken fuhr er zusammen, als sich direkt neben ihm eine Eule aus ihrem Versteck im Wipfel einer Eiche in die Luft erhob.

„Es ist nur ein Vogel", sagte er leise zu sich selbst. „Nicht jede Eule überbringt Nachrichten."

Doch vorsichtshalber ging er in Deckung im hohen Buschwerk, das den Waldrand säumte und lauschte eine Weile auf die Geräusche um sich herum. Er hörte den Wind in den Baumwipfeln rauschen, die Grillen zirpen und die Mäuse im Unterholz rascheln, aber das war auch alles. Kein Laut deutete auf die Anwesenheit von Menschen hin.

Aufatmend verließ Harry sein Versteck und sah sich verstohlen um. Weit und breit war nichts zu sehen. Kein Haus, keine Hütte, nicht einmal ein Stall. Verunsichert führte der Junge den Ortungszauber noch ein zweites Mal durch, doch das Ergebnis war das selbe.

Malfoy Manor musste sich hier irgendwo verstecken, die Frage war nur wo. Sicher wusste Harry, dass auch Hogwarts durch mächtige Zauber vor den Blicken von Fremden verborgen lag, doch am eigenen Leibe zu erfahren, wie es war, blind durch die Gegend zu stolpern und nicht zu wissen, wo man suchen sollte, war eine neue Erfahrung für ihn.

Instinktiv wandte er seine Schritte den Trampelpfad entlang in den Wald hinein. Das Licht seines Zauberstabs reichte kaum aus, um sich in der Schwärze zurecht zu finden und einige Male stolperte Harry über Wurzeln und herunter gefallene Äste, so dass er beinah stürzte. Dichtes Gestrüpp zerkratzte seine Arme und riss an seiner Brille und seinen Haaren, doch der Junge kämpfte sich unbeirrt weiter. Er hatte vermutlich einige hundert Meter zurück gelegt, als er an einen alten, verwitterten Holzzaun kam. Es schien, als sei der Zaun einfach willkürlich quer durch den Wald gezogen worden, denn die Umgebung hinter dem Zaun sah nicht anders aus, als davor, doch Harry war sich sicher, am Ziel zu sein.

Ein Tor, das halb aus den Angeln hing, versperrte den weiterführenden Weg und als der Junge darauf zuging, fühlte er die Magie, die davon ausging. Eine unsichtbare Barriere tauchte plötzlich vor ihm auf und lähmte seine Schritte.

Konzentriert schloss Harry die Augen und murmelte den Spruch, den er gelernt hatte, um einen Illusionszauber zu beenden und als er wieder aufblickte, hatte sich das Bild vor ihm grundlegend geändert. Ein großes, schmiedeeisernes Tor spannte sich quer über eine breite Allee und blockierte den einzigen Weg, der durch die weiße Mauer auf das Grundstück führte. Doch obwohl Harry jetzt das wahre Hindernis erkannte, brachte ihn das seinem Ziel, das Tor zu durchqueren, kein Stück näher. Die unsichtbare Wand war unnachgiebig und ließ ihn nicht einen Schritt näher kommen.

„Ich frage mich..", murmelte Harry zu sich selbst und bestieg erneut seinen Besen. Es war nicht einfach, zwischen den Bäumen zu fliegen, doch er schaffte es einige Meter an Höhe zu gewinnen. Tatsächlich merkte der Junge, wie der Widerstand schwand und er konnte ungehindert über das Tor hinweg fliegen.

Auf der anderen Seite folgte er dem Weg zwischen den hohen Bäumen hindurch, bis sich diese nach etwa einem Kilometer teilten und den Blick auf eine große Lichtung freigaben. In der Dunkelheit konnte Harry nicht viel erkennen, doch er sah abgesehen vom drohenden, mächtigen Herrenhaus noch mehrere kleine Nebengebäude, außerdem Stallungen und einen großen, schwarzen See. Bei Tageslicht und unter anderen Umständen wäre er sicher beeindruckt gewesen, doch so beschränkte Harry seine Bewunderung auf ein Minimum und machte sich statt dessen daran, heraus zu finden, wo in diesem riesigen Haus, Draco stecken mochte.

Mehrere Male umrundete Harry auf seinem Besen das imposante Gebäude. Die großen Fenster des Herrenhauses waren dunkel und es wirkte, als sei das Haus verlassen, doch Harry blieb wachsam. Zu gut kannte er Lucius Malfoy und seine Todesser Freunde, um zu glauben, dass es keine weiteren Schwierigkeiten geben würde. Als er im ersten Stock des Hauses das Fenster mit den Gittern davor entdeckte, war sich Harry sicher, dass er gefunden hatte, wonach er suchte.

Vorsichtig schwebte er davor in der Luft und versuchte einen Blick ins Innere zu werfen, doch der Raum war dunkel und das Licht aus Harrys Zauberstab reichte nur wenige Meter in das Zimmer hinein. Prüfend rüttelte er an den Gitterstäben, nur um festzustellen, dass sie aus massivem Metall waren. Hier würde er nicht ins Haus gelangen.

Als Harry die beiden Fenster überprüfte, die an das vergitterte grenzten, erlebte er eine Überraschung: Eines von ihnen war nur angelehnt. Wachsam hielt er seinen Zauberstab erhoben, als er es einen Spalt breit öffnete und in den Raum dahinter blickte, jeden Moment mit einem Angriff rechnend. Doch nichts geschah, also kletterte er vorsichtig durch den Rahmen in den Raum, der offensichtlich ein Gästezimmer war. Im schwachen Licht sah er ein weißes Himmelbett und einen ebenfalls weißer Schrank, bevor er auf Zehenspitzen zur Tür schlich und diese leise öffnete.

Der Flur war ebenfalls dunkel. Die magischen Lampen an der Decke waren erloschen. Mehrere Türen gingen von beiden Seiten ab, doch nur eine hatte einen Riegel. So lautlos wie möglich schlich Harry hinaus. Sein Herzschlag schien ihm in der Stille des Hauses unnatürlich laut, als er zu dem verschlossenen Zimmer ging.

Der Riegel quietschte leise, als Harry ihn zurück schob und er glaubte, dass nun jede Minute ein Dutzend Todesser vor ihm auftauchen müssten, doch wundersamer Weise war das Geräusch scheinbar unbemerkt geblieben. Zögerlich öffnete der Junge die Tür und leuchtete mit seinem Zauberstab hinein.

Sein Herz machte einen Sprung, als er Draco auf dem Bett liegen sah. Der Blonde wandte ihm den Rücken zu und schien offenbar zu schlafen. Schnell schlüpfte Harry in den Raum und trat an das Bett seines Freundes. Erleichterung überflutete ihn, als er sah, wie sich Dracos Brust sanft hob und senkte. Merlin sei Dank, er war noch rechtzeitig gekommen.

„Draco", flüsterte der Junge und legte eine Hand auf die Schulter des Blonden. „Draco, wach auf."

Doch sein Freund schien ihn nicht zu hören.

„Draco", versuchte es Harry dieses Mal etwas lauter. Er rüttelte fordernd an dessen Schulter, doch wieder ohne Erfolg. Entweder schlief Draco zu fest oder der Schlaf war magischer Natur. In beiden Fällen gab es nur ein Mittel.

„Enervate", sagte Harry deutlich und richtete seinen Zauberstab auf den Blonden. Sofort öffnete Draco die Augen. Verwirrt setzte er sich in seinem Bett auf und sah seinen Freund an.

„Harry", sagte er und seine Stimme klang unnatürlich rau. Erst jetzt sah der Gryffindor die blutigen Striemen in Dracos Gesicht. „Wo bin ich? Was tust du hier?"

„Schsch", beruhigte ihn der Dunkle leise. „Vertrau mir. Keine Zeit für Erklärungen. Zieh dich an. Wir müssen hier weg."

Etwas unsicher kam Draco auf die Füße und sah sich in dem Raum nach Kleidung um. Er fand eine zusammen geknüllte Robe am Fußende des Bettes und steifte sie sich schnell über, während Harry ihm die Schuhe reichte, die vor dem Bett gestanden hatten.

Ohne weitere kostbare Minuten zu verlieren, schlichen die beiden Jungen aus dem Raum, durch den Flur, hinüber in das Gästezimmer durch das Harry gekommen war und in dem der Nimbus an die Wand gelehnt stand.

„Nimbus maximus", sagte Harry und deutete mit dem Zauberstab auf den Besen, der sich magisch um einige Zentimeter verlängerte und nun kräftiger wirkte, als vor dem Zauberspruch.

Sofort schwang der dunkelhaarige Junge ein Bein über den Besenstil und bedeutete auch seinem Freund aufzusteigen. „Komm, halt dich an mir fest."

Draco stieg hinter dem Gryffindor auf den Besen und legte seine Arme um dessen Taille, dann stießen sich beide Jungen vom Boden ab und schwebten einen halben Meter hoch in der Luft.

Vorsichtig dirigierte Harry sie beide durch den engen Fensterrahmen, dann gab er Gas und der Nimbus sauste hinaus in die wolkenverhangene Nacht.

Obwohl sein Puls so schnell raste, dass er glaubte, sein Herz müsste explodieren, erlaubte sich Harry den Luxus, das Gefühl zu genießen, das Dracos Körper in ihm auslöste, als er sich eng an ihn schmiegte. Es tat gut, nachdem sie so lange getrennt gewesen waren, die vertraute Wärme in sich aufsteigen zu spüren.

Die Landschaft der Lichtung jagte unter ihnen dahin und schon sah Harry den Waldrand vor ihnen auftauchen, doch trotzdem nahm er die Geschwindigkeit nicht zurück. So schnell es ging ohne dabei einen Crash zu erleiden, umkurvte der Nimbus die hohen Bäume. Sie überflogen das schmiedeeiserne Tor ohne abzubremen. Erst, als die Bäume lichter wurden und Harry den Waldrand im schwachen Licht der aufgehenden Sonne erahnen konnte, drosselte er die Geschwindigkeit.

Verwundert und erleichtert landeten sie auf einem abgemähten Feld. Der Gryffindor stieg als Erster vom Besen und drehte sich zu seinem Freund um. Draco sah erschöpft und verunsichert aus, aber er schien unverletzt zu sein. Auch Harry war nach der langen Nacht am Ende seiner Kräfte, als er den blonden Slytherin in seine Umarmung zog und küsste.

„Merlin sei Dank, du bist in Ordnung", sagte er, die Stirn gegen die des anderen Jungen gelehnt.

„Ich weiß zwar nicht, was passiert ist, aber ich denke, ich bin froh dich zu sehen", erwiderte Draco und es wunderte ihn, als er merkte, dass ihn das Lächeln schmerzte.

„Lass uns später weiter reden. Du hast mir mal erzählt, dass du apparieren kannst. Meinst du, du schaffst es, uns bis zu Hogwarts magischer Grenze zu bringen, ohne uns zu zersplittern?"

Draco schien einen Moment zu überlegen. „Ich habe noch mit jemandem Seite-an-Seite appariert", entgegnete er unsicher.

„Um ehrlich zu sein, ich schaffe es nicht, den ganzen Weg zurück zu fliegen und mit dir hinten drauf, schafft der Nimbus auch keine Höchstgeschwindigkeit. Aber unterwegs zu rasten ist zu gefährlich."

Seufzend zuckte Draco die Schultern. „Dann habe ich wohl keine andere Wahl."

Er bot seinem Freund seinen Arm an. „Wenn wir uns zersplittern, dann wenigstens zusammen", scherzte er matt.

„Das ist doch mal ein Angebot", erwiderte der Dunkle sarkastisch, berührte dann aber trotzdem den Unterarm des Blonden. Ein paar Vögel schossen erschrocken in die Höhe, als ein lautes „Plopp" ertönte, dann waren die beiden Jungen verschwunden.

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Autor`s Note (weder Harrys noch Dracos Erinnerung)

Lestrange Manor

„Herr." Demütig kniete Lucius auf dem kalten Steinfußboden, den Blick eisern auf den Saum des Umhanges vor ihm gerichtet.

„Ist alles so geschehen, wie ich es angeordnet habe?" fragte der Dunkle Lord seinen Untergebenen mit schneidender Stimme.

„Ja, Herr. Sie sind entkommen", erwiderte der blonde Zauberer leise.

„Gut." Voldemort wandte sich ab.

„Bitte, Herr", begann Lucius erneut, eine Hand am Umhang seines Herrn.

„Was willst du noch, Lucius?" spuckte ihm der Dunkle Lord entgegen. „Ich habe dir mein Wort gegeben, reicht dir das etwa nicht mehr?"

„Natürlich, Herr", beeilte sich der Blonde zu versichern. „Es ist nur..."

„Nur, was?"

„Er ist mein einziges Kind", flüsterte Lucius kaum hörbar.

„Ihm wird kein Haar gekrümmt werden, so ist die Vereinbarung. Er wird seinen Teil der Abmachung erfüllen und ich werde daraufhin jede Erinnerung an Harry Potter aus seinem Gedächtnis löschen. Und jetzt verschwinde von hier."

Von einem unsichtbaren Tritt getroffen, taumelte der andere Mann nach hinten. „Danke, Herr", murmelte er demütig, als er sich aufrappelte, um eilig nach Hause zu apparieren.

Tbc....