File 1: stories/6/580.txt
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Kommentar:
von silverbird: Diese Geschichte hat mir Velence zum Geburtstag geschrieben. Herzlichen Dank dafür.

„Sie ist tot. Ich habe Coraline umgebracht."

 

Mick war in Josefs Hills House gestürmt. Josef hatte es erst vor Kurzem erworben und war mitten im Umbau nach seinen Wünschen. Einige Bauplanen hingen von den Wänden, ein paar Möbel waren schon eingetroffen. Der Pool auf der Terrasse war ein leeres Betonloch, aber der Ausblick von dort über Los Angeles war großartig.

 

Josef, der sich sein neues Sofa mit seinem Freshie geteilt hatte, stand auf und ging Mick entgegen. Die Frau verzog sich diskret auf die Terrasse und lümmelte sich auf eine Liege.

 

„Trink einen Schluck", sagte Josef, um Mick zu beruhigen. Er öffnete die Minibar, in einem versteckten Fach befanden sich verkorkte Flaschen mit Blut. „Strom und Wasser habe ich, nur das Umzugsunternehmen mit meinen Möbeln lässt auf sich warten. Aber man soll nicht undankbar sein. Ich schätze mich glücklich, die Wunder der Technik genießen zu können."

 

Mick war hin- und hergetigert. Er blieb vor seinem ältesten Freund stehen. „Hast du mir zugehört?", fragte er aufgebracht und strich sich mit der Hand über die Haare. „Ich habe meine Frau umgebracht."

 

„Was ist passiert?" Mit einer Handbewegung deutete er auf sein neues Sofa, doch Mick war zu unruhig, um still sitzen zu können.

 

„Sie ist verbrannt. Heilige..., das muss der schrecklichste Tod für einen Vampir sein. Bei lebendigem Leib von den Flammen verzehrt zu werden."

 

„Wolltest du sie töten?"

 

„Nein, nein, natürlich nicht!" Mick fuhr in seiner Bewegung zu seinem Freund herum. „Coraline hatte das Mädchen, Beth, gekidnappt. Das Feuer... der Kerzenleuchter ist umgekippt und hat alles entzündet. Ich musste mich um das Kind kümmern, und als ich zurück ins Haus wollte, stand sie am Fenster umringt von Flammen."

 

Josef hatte sich gemütlich auf die Polster gefläzt, er kannte das ewige Gezeter über Coraline jetzt seit über dreißig Jahren. Seine Ruhe ärgerte Mick. Josef wagte es nicht, zu sagen, wie froh er war, dass diese unsägliche Ehe endlich ein Ende gefunden hatte. Vielleicht nicht unter den gewünschten Umständen, doch der Tod war scheinbar das einzige, was sie wirklich hatte scheiden können.

 

„Es ist nicht deine Schuld. Du musstest das unschuldige Kind retten. Coraline hätte die Kleine niemals entführen dürfen", spielte er die Ereignisse mit leiser Stimme herunter. Ihm war bewusst, dass Micks Schuldkomplex von allein genug Schaden anrichtete.

 

„Sie ist tot", spuckte Mick mit Entsetzen aus.

 

„Ja! Herrje, wahrscheinlich hätte sie das Mädchen in einen Vampir verwandelt, wenn du nicht dazwischen gegangen wärst." Josef stellte sein leeres Glas ab und ging zu Mick. „Wie geht es der Kleinen?" Er legte eine Hand auf Micks Oberarm. Mick stieß ihn nicht weg.

 

„Beth hat es ganz gut überstanden. Ihre Mutter hat sie fest in die Arme geschlossen, nachdem ich sie ihr zurückgebracht habe. Ich hoffe, sie kann alles vergessen." Der Vampir war betrübt. Er nahm endlich einen Schluck. Die ganze Zeit hatte er das Glas mit starren Fingern festgehalten. Das Plasma hatte sich von den festen Bestandteilen des Blutes getrennt. Er schwenkte das Glas, damit sich die Bestandteile wieder vereinten.

 

„Du solltest nach Hause fahren und duschen. Du riechst wie ein Lagerfeuer."

 

Mick schnüffelte am Ärmel seiner Jacke. „Ich war dreiunddreißig Jahre mit ihr verheiratet. Ich kann nicht glauben, dass sie tot ist. Dass ich sie getötet habe." Seine Stimme war mit jedem Satz leiser, verzagter geworden. Er schloss für einen Moment die Augen.

 

Auf der Liege hinter der Glasfront räkelte sich Josefs Freshie anzüglich. Ihre Beine waren fantastisch. Irgendwann würde die Zeit kommen, da Josef sie tötete. Callgirls waren eine feine Sache, sie nahmen jeden einigermaßen harmlosen Fetisch gegen Geld hin, und sei es nun Blutsaugen. Von Vampiren war niemals die Rede.

 

„Ich kann dir einen frischen Drink anbieten, wenn du bleiben willst", säuselte Josef und starrte nach draußen.

 

Mick folgte seinem Blick zu dem Freshie, dann zu seinem Freund. „Nein, danke. Aber ich würde gerne hier bleiben, in Gesellschaft."

 

Josef nickte.

 

„Ich glaube, ich realisiere erst morgen, dass Coraline wirklich tot ist. Dass sie nie wieder zurückkommt." Mick schlurfte zum Glastisch, stellte sein Glas ab und ließ sich auf dem Sofa nieder.

 

„Bleib solange du willst, du musst allerdings mit Gartenliegen oder dem Sofa Vorlieb nehmen", klärte er auf. Josef war froh, ihn zu sehen. Nach ihrer letzten Auseinandersetzung, in der es um Coraline ging, hatte Josef geglaubt, Mick nie wieder zu sehen. Deshalb bemühte er sich, möglichst freundlich zu sein, ohne ihn unter Druck zu setzen. „Kann ich sonst etwas für dich tun?"

 

„Nein."

 

„Stört es dich, wenn ich...?" Josef wandte sich halb von ihm ab und deutete mit dem Kopf auf das Freshie.

 

„Geh nur."

 

Josef schlenderte auf die Terrasse und hockte sich zu seinem Freshie auf die Liege. Die Luft war vom Frühlingsduft erfüllt. Rings in der Umgebung sprossen frische Knospen. Seine Terrasse war geschützt vor Wind und fremden Blick. Die Frau bot ihm ihren Arm an. Josef nahm ihre Hand in seine und schnupperte dem Duft ihres Blutes folgend vom Handgelenk über die Armbeuge bis zu ihrem Hals.

 

Mick hatte einen perfekten Ausblick auf das Treiben.

 

Josef strich ihr langes, braunes Haar über die Schulter nach hinten und versenkte seine Fangzähne in ihr zartes Fleisch. Mick sah, wie die Frau lautlos den Mund öffnete und gleichzeitig die Augen schloss. Sie war es offensichtlich gewöhnt, gebissen zu werden und genoss es.

 

Mit dem anderen Arm umgarnte Josef ihren Rücken und presste ihren Körper fester an seinen. Das schnelle Schlagen des Herzen, das in seinem Ohren dröhnte, war berauschend. Erst als das Pumpen leiser wurde, hörte er auf, an ihr zu saugen. Er entließ sie sacht in die weiche Unterlage der Liege.

 

Mick ertrug den Anblick nicht weiter. Er stand auf und streunte durch das Hills House. Er dachte daran, dass er eine Dusche gebrauchen konnte und machte sich auf die Suche danach.

 

Tatsächlich fand er auch eine. Leider gab es keine Handtücher, also suchte Mick weiter. In Josefs begehbarem Kleiderschrank entdeckte er, was das Herz eines elegantes Mannes erwärmen konnte. Von Armani bis Versace war alles vorhanden, sogar Handtücher.

 

Mit seiner Beute machte sich Mick auf den Weg ins Bad. Unter der Dusche verloren sich seine Gedanken an Coraline für kurze Zeit. Das warme Wasser war eine echte Wohltat. Der Vampir ließ seine Hände wieder und wieder durch das Haar und über das Gesicht gleiten.

 

Es klopfte an der Tür. Ohne die Antwort abzuwarten trat Josef ein. „Ah, gut, du hast den Schrank also entdeckt", sagte er, als er das Handtuch auf dem Toilettendeckel liegen sah. Im Bad gab es noch keine Schränke oder andere Ablagemöglichkeiten.

 

Mick stellte die Dusche ab und schob die Glastür offen. „Ich dachte schon, ich wäre durch ein Wurmloch in das Haus eines Modedesigners gestolpert." Er trat aus der Nasszelle. Josef reichte ihm ein Handtuch und drehte sich weg. Durch den Spiegel über dem Waschbecken konnte er allerdings alles sehen. Der jüngeren Vampir war in exzellenter Form.

 

Mick legte sich Baumwolle um seine Hüften. Bevor Josef ihn beim Beobachten erwischen konnte, ging er raus auf den Flur.

 

„Kann ich mir einen Pyjama von dir leihen?" Mick kam ihm hinterher. Er hatte sich ein zweites Handtuch um die Schultern gelegt, nachdem er damit die Haare angetrocknet hatte.

 

Josef klatschte in die Hände. „Eine Übernachtungsparty. Ich wünschte, wir hätten Kissen für eine Kissenschlacht! Wir könnten auch ins Penthouse fahren."

 

Der jüngere Vampir winkte ab. „Schon okay. Wer weiß, ob ich überhaupt schlafen kann."

 

Mick schlüpfte in einen Sweater und eine ausgelatschte Jogginghose, da er doch etwas breiter als Josef war. Gemeinsam gingen sie zurück ins Wohnzimmer und streckten sich je einer auf dem Sofa und der andere auf einer Liege aus. Josef erzählte ein paar Anekdoten, während Mick mehr oder weniger zuhörte. Er dachte an Coraline. Er wünschte sich, dass er die Zeit zurückdrehen könnte. Er wollte Coralines Leben nicht auf seinem Gewissen haben. Vielleicht hätte Mick sie retten können, wenn er das Feuer gelöscht hätte, statt Beth nach draußen zu bringen.

 

Irgendwann hatte Josef aufgehört zu reden und war eingeschlafen. Micks schlief mit schweren Augenliedern Stunden später ein.

 

~ * ~ * ~

 

Josef hockte im Schneidersitz auf seiner Liege, als er am folgenden Tag aufwachte. Die ersten Sonnenstrahlen, die ihre Schatten warfen, hatten den älteren Vampir geweckt. Er bevorzugte es für gewöhnlich, in völliger Dunkelheit zu schlafen.

 

Mick blinzelte ihn an. „Ähm, guten Morgen. Hast du mich beobachtet?" Er rieb sich die Augen.

 

„Ein bisschen. Du siehst so friedlich aus, wenn du den Mund hältst." Josef grinste. Er stand auf, ehe Mick ihn seinerseits genauer in Augenschein nehmen konnte. Seit der Nacht, in der Josef realisiert hatte, wie schön Mick war, drehten sich seine Gedanken wie in einem Hamsterrad um ihn.

 

Jetzt, da Coraline tot war, konnte er hoffen, aber er versuchte sein Bestes, sich nicht in illusorischen Vorstellungen zu verzetteln.

 

„Danke", murmelte Mick ironisch.

 

„Bist du in Ordnung?", fragte Josef.

 

„Mir geht's gut." Beide wussten, dass es eine Lüge war.

 

„Was machst du heute?"

 

Mick stand auf und streckte sich. „Ich werde mich der Community stellen, sie sollen das Urteil über mich fällen." Josef blickte ihn überrascht an. „Ich habe einen von uns getötet, falls du es schon vergessen hast. Ich kann... Ich kann doch nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen!", erwiderte er auf Josefs Blick.

 

„Mick, das ist verrückt. Du hast mir selbst gesagt, dass es ein Unfall war. Du wolltest sie nicht töten!"

 

„Das muss die Community der Vampire entscheiden."

 

Josef schüttelte den Kopf. Coraline war nicht durch sein Verschulden gestorben. Sie hatte das Kind verwandeln wollen, was in Vampirkreisen verboten war. Beth' Körper hätte niemals erwachsen werden können. Die Cleaner, die die Verhandlungen führten, würden Micks Selbstanklage abschmettern.

 

„Fein, in Ordnung, hör nicht auf mich. Wenn du das tun musst, musst du das tun." Josef war wütend und schnippisch.

 

Mick stand für einen Moment unschlüssig im Raum. „Ich werde jetzt gehen."