File 1: stories/6/582.txt
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Vor etwa sechs Wochen hatte Josef in seinem Penthouse in Los Angeles eine Party gegeben. Von den wenigen hundert Vampiren, die in der Stadt lebten, waren noch weniger eingeladen, die sich in den gleichen, wohlhabenden Kreisen bewegten. Unter den Partygästen befanden sich Freshies beiderlei Geschlechts, um stets für frischen Blutnachschub zu sorgen. Essen und Trinken? Josef konnte sich nicht weniger drum scheren, Blut war... so viel erfüllender.

 

Josef hatte keine Skrupel, Menschen zu töten, doch darum ging es nicht. Er hatte gerne schöne Menschen um sich. Und sei es nur, um von ihnen zu naschen. Der laufende Proteinshake für zwischendurch.

 

Natürlich waren ebenfalls Mick und seine Frau Coraline eingeladen. Da sie jedoch wieder einmal im Clinch lagen, kamen beide getrennt.

 

Josef schaute zum Eingang, als Coraline in einem atemberaubendem, roten Kleid eintrat. Diverse Blicke lagen augenblicklich auf ihr. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Coraline war wie prickelnder Champagner - wenn man genug von ihr intus hatte, wurde jedem irgendwann schlecht. Wahrscheinlich empfand nur Josef so, weil er den Kater danach kannte.

 

Coraline kam direkt auf den Gastgeber zu und streckte ihm die Hand entgegen. „Josef."

 

„Coraline."

 

„Ich beiße nicht." Ihr Lächeln wurde eine Spur anzüglicher. „Es sei denn, du bittest mich darum."

 

Sie hielt ihm noch immer die Hand entgegen. Der andere Vampir spielte mit und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. „Ich bereue fast, Van Helsing nicht eingeladen zu haben. Der kümmert sich wenigstens um bissige Gäste."

 

Der Vampir, mit dem sich Josef unterhalten hatte, entfernte sich, als er die unterkühlte Atmosphäre zwischen den beiden spürte.

 

„Eifersucht heißt dein Problem", gab sie zurück, drückte die Schultern nach hinten und ihr Dekollete nach vorn.

 

„Auf deine Brüste? Wir sind hier in Los Angeles. Wenn ich Brüste wollte, wäre das mein geringstes Problem."

 

„Mick und du, ihr müsstest nur mich teilen lernen, dann hätten wir alle keine Probleme." Coraline zog eine Augenbraue kokett hoch. Sie amüsierte sich köstlich über Josefs sauren Gesichtsausdruck.

 

„Du wirst ihn verlieren, es ist nur eine Frage der Zeit."

 

Coralines Lächeln wurde nun breiter und überzeugter. „Er hat kein Interesse an dir."

 

„Selbst wenn dem so ist... Mick ist unabhängig. Seine Detektei läuft gut. Er hat sich verändert, das dürfte dir nicht entgangen sein. Er nabelt sich von dir ab und du versucht verzweifelt ihn zu halten, indem du deine Krallen in sein Fleisch schlägst."

 

„Mach dich nicht lächerlich. Mein Mick würde sich nie auf dich einlassen."

 

„Das tut er bereits", erwiderte Josef.

 

Für den Bruchteil einer Sekunde konnte Coraline es nicht verbergen. In ihrem Gesicht konnte er sehen, dass die Zweifel Saat geschlagen hatten. „Er gehört mir. Ich kann mit ihm machen, was ich will. Er kommt immer zu mir zurück!" Verärgerung klang in ihrer Stimme durch, auch wenn sie nach außen triumphierte.

 

Josef schnalzte mit der Zunge. „Na, na, na, Sklaverei ist längst passé, Coraline."

 

Wütende Augen blitzten ihn zornig an. Coraline rauschte ab. Sie hatte genügend Verehrer auf dieser Party, um sich zu vergnügen und Josefs Worte zu vergessen.

 

Josef sah ihr nach. Ihre ärgerliche Miene war verpufft, sobald sie den nächsten hübschen Mann gesichtet hatte. Josef kümmerte sich nicht weiter um sie.

 

Er hatte bereits ein Freshie im Auge. Eine große Asiatin mit langen, schwarzen Haaren. Kaum hatte Josef Blickkontakt mit ihr aufgenommen, schlängelte sie sich elegant durch die Vampire und Menschen zu ihm.

 

„Lass uns in woanders hingehen", schlug SinLung - das war ihr Name - ihm vor. Instinktiv wusste sie, dass ihre Ablenkung mehr als willkommen war.

 

Sie gingen in Josefs Schlafzimmer. SinLung ließ sich aufs Bett nieder. Ihre Handtasche rutschte von ihrer Schulter. Sie öffnete sie und holte ihr Besteck hervor. Josef setzte sich hinter sie aufs Bett. Er berührte sie nur leicht. Geduldig wartete er, bis sich SinLung den Schuss gesetzt hatte. Drogen im Blut des Freshies mit aufzunehmen war ein Extrakick, den Josef bei Zeiten sehr schätzte.

 

SinLung lehnte sich gegen ihn zurück. Sie waren vollständig bekleidet und dennoch war es sehr erregend, ihre Hauptschlagader ganz nah an seinem Mund zu haben. Mit einer Hand kraulte sie Josefs Nacken.

 

Josef wartete etwas, bis das Heroin durch ihren Körper pumpte, dann biss er in ihren Hals. Fast zärtlich hatte er die Ader geöffnet, sodass die Wunde seines Lieblingsfreshies schnell und unauffällig abheilen konnte. SinLungs Mund öffnete sich, sie lehnte sich weiter zurück. Ihr Kopf lag jetzt auf seiner Schulter. Mit dem herrlichen Blut nahm er ihre Drogenwonne und Schwerelosigkeit auf. Josefs Augen waren geschlossen, während er gierig saugte. Eine träge, wohlige Wärme erfasste seinen Körper und legte seinen Geist lahm.

 

Er merkte gar nicht, wie ihr Körper weich und schlaff wurde und sie gegen ihn sackte. Ihre Hand, die ihn bis eben liebkost hatte, fiel zur Seite. SinLung atmete nicht mehr. Sie hatte sich einen tödlichen Schuss verpasst. Josef merkte es in seinem Rausch erst, als er es in ihrem Blut schmeckte.

 

Erschreckt flogen seine Augen auf. Seine Zähne lösten sich aus ihrer Haut. Da sie keinen Halt mehr hatte, rutschte SinLungs Körper einfach von der Bettkante auf den Teppich. Der Vampir wollte aufstehen, taumelte rückwärts, wäre beinahe über das Bett gestolpert. Seine Augen waren entsetzt geweitet.

 

Er hatte ihren Tod geschmeckt.

 

Nie hatte Josef etwas Entsetzlicheres empfunden. Es war, als hätte der Tod Höchstselbst seine Pranken nach ihm ausgestreckt und seinen eisigen Atem in Josefs Nacken gehaucht. Josef fiel buchstäblich auf die Knie. Ihm war klar, dass sie tot war, trotzdem musste er es überprüfen. Er beugte sich tief über ihre Brust, aber es war kein Herzschlag zu hören.

 

Ein Schluchzer entwich Josefs Mund. Schnell schlug er sich die Hand darüber. Ihm war regelrecht der Hals zugeschnürt vor Entsetzen. Er rappelte sich hoch und wankte ins Badezimmer. Er konnte ihren Tod immer noch schmecken und fühlen. Fahrig schloss er hinter sich ab und krabbelte in die Badewanne.

 

Das war böser, böser Trip. Nie wieder Junkies, schwor er sich.

 

Josef ließ seinen Kopf gegen die Kühle der Wanne sinken. Der Tod, die hautnahe Erfahrung des Todes, hatte ihm jegliche Wärme, jede Leichtigkeit geraubt und nur Schwärze übriggelassen.

 

Die Lektion, einen Menschen nicht bis zum letzten Tropfen auszusagen, hatte er bereits sehr früh gelernt. Das Sterben, die Angst und Panik verdarben den roten Lebenssaft. Aber es war nichts im Vergleich zu diesem Tod, der ihn völlig unvorbereitet getroffen hatte.

 

Er lag da mit geschlossenen Augen und wartete darauf, dass dieses Gefühl verschwand, als es vorsichtig an der Tür klopfte. „Besetzt", brüllte Josef heiser.

 

„Josef, ich bin's", erklang Micks Stimme. „Deine Gäste vermissen dich."

 

„Solange die Freshies am Leben sind, vermisst mich keiner." Sein Satz endete in einem Krächzen.

 

„Alles in Ordnung?", fragte der jüngere Vampir nach. Er drückte den Türgriff herunter. „Du hast abgeschlossen?"

 

„Verschwinde." Josef legte eine Hand auf seine Stirn. „Kümmere dich um Coraline, bevor sie mir ein Ohr abkaut. Oder Schlimmeres."

 

„Josef, lass mich rein."

 

Er war wirklich nicht in der Stimmung mit jemandem zu reden geschweige denn mit Mick. Wenn der jüngere Vampir auch nur ein Wort über Coraline verlor... Beide konnten ihm gestohlen bleiben, Josef wollte nur, dass das Gefühl von Tod, das von seinem Körper und Geist Besitz ergriffen hatte, verschwand.

 

Mick klopfte lauter an die Tür, als Josef nicht antwortete, und rief erneut seinen Namen.

 

„Scheidung! Ich plädiere für Scheidung, schließlich bist du nicht katholisch", murrte Josef böse in seiner Badewanne. „Oder doch?"

 

In dem Moment ging krachend die Tür auf. Der Griff knallte gegen die Wand und hinterließ eine hässliche Delle. Josefs Augen öffneten sich erschreckt. Er fand seinen Freund kniend am Rand der Badewanne vor.

 

„Fehlt dir etwas? Du siehst ganz blass aus!" Mick berührte seinen Arm, der auf dem Rand der Wanne lag. „Ich habe das tote Mädchen gesehen."

 

Josef sah ihn an. Sein Widerstand zerbrach in dem Moment und ein paar Tränen liefen über seine Wange. Er konnte nicht in Worten fassen, wie er sich fühlte, aber es unverkennbar: er war ein Häufchen Elend.

 

Mick beugte sich vor und zog ihn in seine tröstenden Arme. „Schon gut, schon gut, Josef. Alles in Ordnung", flüsterte der jüngere Vampir leise. Er streichelte ihm beruhigend den Rücken, was seine Wirkung nicht verfehlte. Josef fasste sich langsam und tatsächlich hatte er das Gefühl, dass es ihm etwas besser ging.

 

„Danke", krächzte Josef. Er war beschämt, so eine Blöße gezeigt zu haben, und stierte auf den Boden. „Ich...", versuchte er sich zu erklären und wagte es, Mick anzublicken, der besorgt zurückschaute. Und wieder waren seine Worte im Kosmos der Verwirrung verschwunden. Er starrte einfach nur.

 

Zögerlich bewegte Mick seinen Kopf in Josefs Richtung. Als er innehielt, ergriff Josef die Initiative und küsste ihn. Seine Lippen war überraschend weich. Mick war einen Moment völlig überrumpelt, bevor er den Kuss erwiderte. Seine Hand grub sich in Josefs kurze Haare an dessen Hinterkopf, während sich Josef gegen die Wanne drückte.

 

Als er sich mit seiner Hand am Rand festhalten wollte, glitt er weg und der Kuss löste sich unfreiwillig.

 

Micks Mund klappte auf. Er hatte rot durchblutete Lippen, die köstlich aussahen. „Ich... wir... das war nicht meine Absicht."

 

Josef spürte einen Stich der Enttäuschung. Er winkte ab. „Du wolltest mich trösten..." Er stand auf und versuchte, möglichst galant, aus der Badewanne zu steigen, doch es schaute er nach einem wackeligen Ententanz aus.

 

Er ging zum Spiegel und betrachtete sich nüchtern. „Ich denke, wir sollten die Cleaner rufen."

 

Josef atmete einmal tief durch. Er straffte sein Hemd und setzte sich jetzt viel selbstsicherer in Bewegung. Mick kam ihm hinterher ins Schlafzimmer. SinLung lag unberührt auf dem Boden. Josef kniete sich neben sie und strich weich über ihre leblose Hand. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was in Mick diese Geste auslöste.

 

~ * ~ * ~

 

Anstelle von Mick besuchte Coraline Josef einige Tage nach der Party in seinem Büro. Er war ein Yuppie, wie es im Buche stand. Die Achtziger Jahre waren sein Jahrzehnt, das später nur noch von dem Boom in den frühen Neunzigern mit weiterem Reichtum gekrönt wurde.

 

Josef saß hinter seinem großen Schreibtisch. „Ich werde meine Sekretärin feuern."

 

„Sie ist hübsch? Hast du sie wegen ihres Dekolletés ausgewählt?" Coraline zwinkerte ihm zu und hob charmant drohend den Zeigefinger. „Erzähl mir, hast du schon an ihr geknabbert?"

 

„Du solltest nicht immer von dir auf andere schließen."

 

„Ein Wunder, dass du mein Dekolleté nie genauer in Augenschein genommen hast", sagte dir dunkelhaarige Schönheit und machte ihrerseits einige Schritte auf ihn zu. Der Ausblick in ihren Ausschnitt war verlockend.

 

„Wo doch schon fast jeder Mann ran durfte."

 

Coralines Augen schmälerten sich zu Schlitzen. Niemand nannte sie eine Schlampe, auch wenn es der Wahrheit entsprach. Beide hatten sie den Sommer der Liebe genossen und taten es jetzt auch immer. Nur allmählich wurde diese Freiheit von AIDS unterspült. „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein."

 

„Wir sind nicht hier, um die hohe Schule der Phrasendrescherei zu verfeinern. Also, was kann ich für dich tun, außer deine Brüste bewundern?", fragte Josef. Eine Hand strich abwesend über die Kante seines massiven Schreibtischs.

 

„Was ist auf deiner Party passiert?" Scharf beobachtete Coraline seine Reaktion. „Zwischen dir und Mick?"

 

„Weshalb?" Josef wirkte unbeteiligt, aber innerlich war er überrascht. Seit dem Kuss mied Mick ihn und bisher hatte Josef keinen triftigen Grund gefunden, ihn aufzusuchen.

 

„Er distanziert sich von mir."

 

„Und du glaubst, es ist meine Schuld?" Unschuldig legte er eine Hand auf seine Brust. „Ich habe ihn seither nicht gesehen."

 

Ihre Augenbrauen zuckten überrascht. Sie zog ihre Schlüsse. „Ein Freshie ist auf deiner Party gestorben, dabei siehst du es doch nicht gern, wenn sie auf deinen Partys sterben."

 

„Man bringt schließlich auch nicht die ganze Kuh um, wenn man Milch will."

 

Coraline nickte beipflichtend. „Mick hat mit gezwitschert, du warst den Freshie höchstpersönlich unter die Erde gebracht und er musste dir dabei helfen, das Problem zu lösen. Zumindest hat er mir das erzählt. Mick hat sehr lange nach dir gesucht."

 

„Was willst du damit andeuten?", fragte Josef scharf, dem ihre Anwesenheit allmählich missfiel.

 

„Dass du scharf bist auf meinen Mann!", erwiderte sie bissig und machte einen energischen Schritt auf ihn zu.

 

„Er hat nach mir gesucht!" Josef rollte mit den Augen. „Du lieferst ihm jeden Tag mindestens einen Grund, sich von dir scheiden zu lassen."

 

„Ich bin nicht blind. Ich weiß nicht, was passiert ist, dass du ihn plötzlich so ansiehst, aber du siehst ihn anders an. Und ich sage dir eins: Lass die Finger von ihm!" Coraline zeigte mit ihrem ausgestrecktem Zeigefinger auf ihn.

 

„Nervös? Ja, bestimmt, weil ich ihm näher bin als du es je warst", triumphierte Josef lautstark. „Ihr wart geschiedene Leute, als du ihn in einen Vampir verwandelt hast! Jetzt bist du nichts mehr als eine schlechte Droge, von der er nicht mehr loskommt."

 

Eine schallende Ohrfeige erwischte Josefs rechte Wange. Schockiert befühlte der Vampir seine brennende Haut.

 

„Als ob du je jemand sein könntest, den er will. Du bist nicht einmal eine Frau." Coraline schnaubte und rauschte ab.

 

Noch während ihres Abgangs rief Josef ihr hinterher: „Fauch mich nicht wegen etwas an, das du schon vor langer Zeit verbockt hast!"