File 1: stories/6/585.txt
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Josef betrat die Filmhalle, die ein Lager war. Überall standen Requisiten und Scheinwerfer. Außer ihm und Mick waren drei weitere Cleaner und Guillermo anwesend. Mick hatte Guillermo bei einem seiner Fälle kennen gelernt und bezog neuerdings sein Blut von ihm. Josef nickte ihm zu.

Sechs Wochen waren seit dem Kuss über den Badewannenrand vergangen. Sechs lange Wochen, in denen Josef gehofft und aufgegeben hatte.

Er verstand, dass Mick mit Coraline abschließen musste. Es gab keinen anderen Weg, doch nicht auf diese Weise. Mick musste sich selbst bestrafen. Am liebsten hätte Josef ihn wachgeschüttelt, wie idiotisch es war, das Vampirtribunal das Urteil fällen zu lassen. Die Cleaner waren für ihre Perfektion und Unnachsichtigkeit bekannt.

Mick saß auf einer plateauähnlichen Erhöhung auf seinem Stuhl. Er war komplett in schwarz gekleidet und sah Josef mit versteinerter Miene an. Manschetten lagen um seine Handgelenke und seinen Hals. Sie waren durch Ketten miteinander verbunden und fesselten ihn an den Stuhl.

Josef trat zu einem der Cleaner. „Wie stehen seine Chance?", fragte er leise.

„Er hat sich schuldig bekannt", antwortete sie.

„Da hätte er sich gleich einen Scheinwerfer auf den Kopf fallen lassen können", erwiderte Josef. Ein Schuldeingeständnis war so gut wie ein Todesurteil. Er konnte sich sicher sein, dass Mick ihn hörte. Beide ließen sich gegenseitig nicht aus den Augen.

Als die vorsitzende Vampirfrau die Verhandlung mit lauter Stimme eröffnete, war es wie ein Peitschenschlag, der durch die hohe Halle knallte. Ihre Lackbekleidung unterstützte die unerbittliche Haltung einer strengen Domina.

„Wir urteilen heute über Mick St. John. Er hat gestanden, seine Ehefrau Coraline St. John getötet zu haben. Wiederhole bitte, was du mir gesagt hast, für alle Anwesenden." Sie hatte sich an den Angeklagten gewandt.

„Coraline hatte ein Mädchen entführt. Es war nicht schwer, ihre Spuren zu lesen, die sie absichtlich hinterlassen hatte, um sie zu finden. Zuerst fand ich Beth, das Mädchen, als Coraline auftauchte", begann Mick die Nacht mit ruhiger Stimme Revue passieren zu lassen. Am Anfang hatte er der Cleaner in die Augen gesehen, jetzt starrte er auf den Boden und fuhr mit Verzögerung fort.

„Wir stritten uns. Der Kerzenständer fiel um. Das Feuer ging rasend schnell auf die bodenlange Gardine über. Ich griff mir das Mädchen und brachte sie nach draußen. Von dort konnte ich Coraline am Fenster sehen. Dann schlugen Flammen hoch und sie war verschwunden." Mick blickte auf in das versammelte Publikum. „Ich habe sie umgebracht, ich habe zugelassen, dass sie in dem Feuer stirbt."

„Das ist doch Schwachsinn", protestierte Josef lautstark.

Alle Augen lagen für einige Sekunden auf ihm. Doch die oberste Cleaner ignorierte ihn großzügig und widmete sich schnell wieder Mick. „Wer hat den Kerzenständer umgestoßen?"

Der junge Vampir runzelte überrascht die Augen. „Ich weiß es nicht."

„Wolltest du Coraline töten?"

Mick machte den Mund auf. „Ich... ich wollte sie töten."

„Was redest du da?", fuhr Josef dazwischen.

„Es ist die Wahrheit!" Micks Ketten schepperten gegeneinander, als er seine Hände hochriss. „Ich wollte raus. Schon lange. Coraline ist... war meine Ehefrau, aber sie hat gelebt, als wäre sie ungebunden. Ich bin nicht blind, ich konnte nicht einfach weiter machen wie eh und je und trotzdem war sie wie ein Magnet, von dem bei jedem Fluchversuch magisch angezogen wurde. Ich wollte, dass sie verschwindet und mich frei gibt. Ich wollte, dass sie verschwindet... dass sie tot ist."

„Aber du hast sie nicht umgebracht, Mick." Josef wollte zu ihm, aber die Domina hielt ihn zurück.

Nachdem Mick sich ein wenig beruhigt hatte, sagte er: „Mord ist eine Sünde. Ich bin Schuld an Coralines Tod. Ich bin ein Monster."

„Mick, verdammt!" Josef raufte sie die Haare.

„Ich bin ein Monster und dafür muss ich bezahlen."

Josef seufzte theatralisch laut. „Wie lange willst du so durch die Welt laufen?" Er hatte den Arm der Vampirfrau weggedrückt und war vorgestürzt. Die Cleaner folgte ihm auf dem Fuß. „Wir haben die Ewigkeit", wisperte Josef zu Mick, „Eines Tages musst du aufhören, zu hassen, was du bist."

Die Vampirfrau wollte ihn entfernen, doch Josef befreite sich von ihr. Er wandte sich an alle. „Ich habe gesehen, wie er von einem naiven Zögling zu einem sorglosen Vampir wurde. Aber er hat abermals wie eine Schlange seine Haut abgestreift und das Monster, der er von Anfang an in sich gesehen hat, in eine Ecke verband. Er ist ein Privatdetektiv geworden, um den Menschen zu helfen. Mick hat hohe moralische Vorstellungen und einen ausgeprägten Sinn für Richtig und Falsch. Er ist besser als wir alle zusammen. Dass Coraline gestorben ist, war ein gottverdammter Unfall."

„Für die Missachtung des Tribunals müssen Sie, Mr. Kostan, ein halbes Jahr lang Cleanerdienst leisten." Mit die Worten zerrte die Verhandlungsführende Josef von dem Plateau. Dieser ließ sich wiederum widerstandslos wegbewegen. Zumindest war sie nicht so unmenschlich wie gedacht gewesen und hatte ihn aussprechen lassen. Wenn sie Mick nicht zum Tode verurteilten, war es die Sache wert gewesen.

„Nun, da wir wirklich alles gehört haben", sie sah Josef strafend an, „kommen wir mit Sicherheit zu einem eindeutigen Urteil." Sie tauschte Blicke mit den beiden anderen Frau, die kaum merklich nickten. „Ich spreche Mick St. John frei. Coralines Tod war ein Unfall. Du kannst gehen." Sie hatte sich zu Mick gedreht.

Die beiden anderen Cleaner kamen zu ihm und lösten seine Fesseln.

Mick rieb sich seine Handgelenk. Der Silberanteil in den Manschetten hatte ihn geschwächt. Mit Erleichterung ging er auf seine beiden Freunde zu. Er fühlte sich nicht nach einem Freudensprung, Coralines Tod würde noch eine ganze Weile auf seinen Schultern lasten.

Guillermo klopfte ihm auf die Schulter. Er grinste. „Herzlichen Glückwunsch, Mann! Wir sollten feiern, dass du dem Tod von der Schippe gesprungen bist. Bei den Frauen konnte es aber auch sein, dass dir ein Tod durch auspeitschen bevorgestanden hätte."

„Mir ist nicht nach Feiern zumute", entschuldigte sich Mick. Sie schüttelten sich die Händen und verabschiedeten sich. Guillermo sagte zu Josef noch, dass sie sich alle mal auf ein Bier treffen sollten, ehe er verschwand.

Josef unterhielt sich mit der Cleaner, danach gingen auch er und Mick, um sich allein auszusprechen.

~ * ~ * ~

„Ich dachte, in deinen Augen wäre ich ein bejammernswerter Vampir." Mick lächelte matt und sah zu seinem Beifahrer. Sie waren auf dem Weg zu Micks Appartement House. „Wie oft hast du mir die ‚Ich hab's dir ja gesagt-Rede' schon gehalten? Du kannst im Tribunal nicht einfach mit Bewunderung meiner Person ankommen."

„Ich fand deine Haare schon immer toll."

„Du hast mich wegen meiner Haare verteidigt?"

„Auch weil du so hilflos aussahst, musste ich dich einfach retten. Außerdem brauche ich dich lebend. Eines Tages wirst du nämlich zu mir kommen und sagen: Paul, - ich werde mich im nächsten Leben so nennen und ich glaube nicht, dass es mit dir diese Leben noch etwas wird - Paul, wirst du sagen, du hattest recht. Ich war ein Idiot. Du hattest so was von recht. Mit allem", gab Josef gutgelaunt zum Besten.

„Du hast deine Hoffnung also nicht ganz aufgegeben..." Mick grinste. Er fuhr in die Parkbucht. Gemeinsam ging sie ins Gebäude und fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben.

„Eines Tages... eines Tages...", sinnierte Josef belustigt, bevor er ernst wurde. „Du hast dich geändert, Mick." Er wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte. Coralines Tod war zu frisch, jedes Wort über sie wäre ein Tropfen auf den heißen Stein. Plötzlich war der Fahrstuhl viel zu klein. Er war froh, als sich die Türen öffneten und sie über den Flur zu Micks Tür gingen.

„Ich habe mir schon so oft gewünscht, mehr wie du zu sein, locker zu lassen... Und gleichzeitig fürchte ich, dass Monster in mir von der Leine zu lassen und es genießen, zu töten", gab Mick zu.

Er steuerte direkt auf den Kühlschrank zu, um Josef Blut anzubieten. Mit einem Kopfzeichen deutete auf den Kühlschrank. Josef bestätigte ebenso wortlos. Er setzte sich in den Ledersessel und legte die Arme auf den Lehnen ab.

„Ich hätte vermutlich den gleichen Fehler wie Coraline gemacht."

Mick kam mit zwei Gläsern Blut zu ihm. „Was meinst du?", fragte er stirnrunzelnd.

„Hätte ich dich schon damals gut gekannt, hätte ich dich auch in einem Vampir verwandelt." Josef war schon immer der Meinung gewesen, Beziehungen zwischen Menschen und Vampiren konnten nicht funktionieren. Er nippte nur wenig hungrig an seinem Glas und stellte es ab.

„Ich bin froh, dass du lebst." Josef stand auf. Blieb nur noch, ihm eine gute Nacht zu wünschen.

„Was hast du morgen oder übermorgen vor?", fragte Mick, der ebenfalls stand. Sie gingen zur Tür. „Ich will dich wiedersehen."

Josef lächelte. „Hat man das in den Fünfzigern so gemacht?"

„Ja. Und man hat einen ‚Gute Nacht'-Kuss gegeben." Mick kam ihm entgegen. Er neigte seinen Kopf zur Seite, öffnete den Mund und schloss seinen Lippen über Josefs.

~ Ende