File 1: stories/1/594.txt
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Erwartungsvoll schauten Indigo und Aaran den Lord an und nachdem er ihre volle Aufmerksamkeit hatte, erklärte er: „Wie ihr bereits wisst, warnt euch das Mal vor den Sekhmet, verleiht euch größere Kraft und hat eure Sinne verstärkt. Es gibt aber noch etwas, das ihr über euer Mal wissen solltet."

„Doch fliegen, ich wusste es", warf Aaran ein und Dwayne seufzte genervt. „Hör doch endlich auf mit diesem Mist. Mach den Pilotenschein, wenn du unbedingt fliegen willst."

„Du bist eine echte Nervensäge, Aaran", meldete sich nun Indigo wütend zu Wort. „Jetzt sei endlich still, sonst erfahren wir nie, was es mit dem Mal sonst noch auf sich hat."

Aaran hob abwehrend die Hände. „Schon gut, kein Grund gleich grob zu werden. Teletransportieren ist auch cool. Und es geht auch schneller. Vergessen wir das Fliegen. Vorläufig. Also, was kann ich noch mit dem Ding?"

„Es zeigt dir etwas", erklärte Dwayne lächelnd.

Aaran schnaubte und verdrehte die Augen. „Du gehst mir echt auf den Geist mit deiner Geheimnistuerei. Jetzt rede endlich Klartext."

„Ich selbst habe es noch nicht erlebt, aber mir wurde gesagt, dass das Mal auch so eine Art Partnerdetektor ist", erklärte Dwayne, woraufhin ihn seine Mitstreiter entgeistert anschauten.

„WAS?" Aaran war offensichtlich geschockt, denn er sprang auf und tigerte ziellos durch den Raum, um diese Offenbarung erst mal zu verdauen.

Indigo hingegen blieb völlig ruhig und Dwayne fragte sich, ob es nicht besser wäre, wenn sie auch so wie Aaran reagieren würde, doch da schimpfte Aaran schon weiter. „Ist das dein Ernst? Willst du damit sagen, ab jetzt bestimmt das verdammte Mal, mit wem ich in die Kiste hüpfen darf? Und du nennst dich Freund? Machst mich zum Sklaven dieses...dieses Dings, das mir alle Freiheiten nimmt. Jetzt bin ich froh, dass ich nicht fliegen kann, so kann ich mich wenigstens vom Dach stürzen."

Aaran holte fassungslos nach Luft. Das nützte Dwayne aus und sagte trocken. „Du würdest ohnehin überleben, also bringt es nichts."

„Du bist ein hinterhältiger Bastard. Du hättest uns sagen müssen, was auf uns zukommt. Uns die Entscheidung selbst überlassen müssen. Habe ich Recht, Indigo?" Er schaute zu der Freundin, die ein nachdenkliches Gesicht machte, ihr Glas plötzlich abstellte und Aaran anschaute. „Nein, hast du nicht. Es war unsere Entscheidung, Aaran. Keiner hat uns dazu gezwungen. Wir haben zugestimmt, alles, was mit dem Ritual zusammenhängt, anzunehmen. Dwayne trifft keine Schuld. Er hat uns zwei Mal eindringlich gefragt, ob wir bereit dazu sind. Er konnte uns vorher nicht sagen, welche Konsequenzen es haben würde. Nur Cleaner dürfen diese Geheimnisse wissen. So ist es doch, oder?"

Dwayne hatte nicht erwartet, gerade von dieser emanzipierten Frau Unterstützung zu erhalten. Er nickte ihr zu und sie erwiderte diese Geste, dann verschränkte er die Arme vor der Brust und wandte sich an Aaran. „Nenne mich nie wieder Bastard."

In Dwaynes Blick und dessen gefährlich ruhiger Stimme erkannte Aaran, dass er zu weit gegangen war. Sie waren zwar Freunde, aber Dwayne war auch der Lord und Anführer der Cleaner, was auch bedeutete, dass man ihm einen gewissen Respekt entgegen zu bringen hatte. Und plötzlich verstand Aaran das auch. Andere Cleaner würden sich ihnen anschließen und wenn Dwayne seinen Status nicht von vorne herein klar machte, würden sie die Achtung vor ihrem Anführer verlieren. Das konnte fatale Folgen haben.

„Sorry, Mylord", entschuldigte sich Aaran daher zerknirscht. „Ist wohl mit mir durchgegangen. Wird nicht wieder vorkommen und das mit dem Partner kriege ich schon irgendwie geregelt."

„Entschuldigung angenommen. Und was den möglichen Partner betrifft. Ob du auf ihn triffst, ist nicht gesagt, denn das kommt nicht sehr häufig vor, wie mir gesagt wurde. Selbst wenn, es ist immer noch deine Entscheidung, ob du darauf eingehen willst, oder nicht. Es ist also nicht verpflichtend und du kannst auch nach wie vor Sex haben, mit wem du willst. Das Mal wird dich nicht daran hindern, falls du das befürchtet hast. Also keine Impotenz wegen des Mals", erklärte Dwayne und Aaran stieß erleichtert die Luft aus und seine Panik legte sich. Er wollte sich nicht binden. Nicht jetzt und auch nicht später und schon gar nicht, weil ein blödes Mal es ihm befahl, wie er erst dachte. Aaran liebte Frauen, viele Frauen, alle Arten von Frauen und das sollte auch so bleiben. Für immer, daher erwiderte er: „Okay, dann ist es mir egal." 

„Himmel, der Mann denkt echt nur mit den unteren Regionen", murmelte Indigo Kopf schüttelnd.

„Wundert mich nicht, dass du das sagst. Das einzige Verhältnis, das du hast, ist mit deinem Computer."

„Ach, halt die Klappe, Aaran. Was weißt du schon? Erzähl weiter, Dwayne", forderte sie den Lord auf.

Der nickte. „Mir wurde von einigen Cleanern erzählt, die auf diese Weise ihren Partner gefunden hatten, dass man sofort weiß, er, sie, ist die oder der Eine. Man fühlt sich endlich komplett. Und alles, was man möchte, ist, seinen Partner glücklich zu machen."

„Klingt schön", bemerkte Indigo, leise seufzend.

„Klingt anstrengend", sagte Aaran. „Den Rest meines Lebens mit einer Partnerin? Wenn ich mir vorstelle, dass ich noch mindestens 1000 Jahre lebe... Ätzend. Gut, dass ich die Wahl habe. Daher werde ich in diesem Fall nicht auf das Mal hören und weiterhin meinen Spaß haben." Aaran grinste zufrieden, setzte sich und füllte sein Glas.

Noch bevor er einen Schluck nehmen konnte, bohrte sich Indigos Finger in seine Brust. „Du bist das unsensibelste Wesen, das mir je untergekommen ist. Ich hoffe sehr, dass du nie auf deinen Lebenspartner triffst, denn DAS wäre ätzend und zwar für sie. Und wenn du sie triffst, werde ich alles tun, damit du sie nicht in deine Fänge kriegst. Alles Schlechte, das ich über dich weiß, werde ich ihr brühwarm erzählen, sodass sie rennt, so schnell sie kann und zwar von dir weg."

Aaran grinste weiterhin. „Neidisch?"

„Auf dich Gefühlskrüppel? Nein, wirklich nicht. Ich habe nichts gegen One Night Stands, wenn es mal passt, aber auf lange Sicht hin will ich mehr", entgegnete sie gelassen und setzte sich wieder.

„Hach ja, Frühstück im Bett und Rosenblätter. Liebling hin und Liebling her. Das ist ja sooo romantisch", spottete Aaran und machte ein Geräusch, als würde ihm das Essen hochkommen. „Sind wir doch realistisch. Wir sind Krieger, jetzt sogar Cleaner. Weiter weg von - eitel Wonne - Sonnenschein, geht es gar nicht. Außerdem haben wir bei unserem Job für so einen Blödsinn überhaupt keine Zeit. Apropos Zeit, bis zu unserer heutigen Jagd hab ich noch welche. Das reicht locker für einen kleinen, köstlichen Snack und wenn sie hübsch ist, wer weiß----." Aaran grinste verwegen, zwinkerte Indigo zu, die genervt die Augen verdrehte. Dann stand er auf, versprach Dwayne pünktlich zurück zu sein und eilte aus dem Raum.

„Denkst du, wir können so wie sie werden?", fragte Indigo, nachdem Aaran verschwunden war.

„Wie wer?", wollte Dwayne wissen.

„Die Sekhmet."

„Was? Nein, wie kommst du nur auf so etwas?"

„Ich habe über sie nachgedacht. Einiges im Internet recherchiert, nachdem du von ihnen erzählt hast und in den alten Schriften. Die Legende sagt, Sekhmet, er, sie, wie auch immer, über das Geschlecht ist man sich nicht einig, wurde von Gott Re auf die Erde geschickt, um Menschen, die Böses getan hatten, zu vernichten. Sekhmet tat es, indem er oder sie ihr Blut bis zum letzten Tropfen austrank und wurde so süchtig, dass er oder sie nicht mehr aufhören konnte. Keiner der Götter konnte ihn oder sie stoppen und die Vernichtung der Menschen drohte. In alten Schriften heißt es, das Sekhmet einige Menschen verschonte, indem er oder sie ihnen etwas Blut ließ und sie von seinem oder ihrem Blut nährte. So entstanden die ersten gewandelten Vampire. Bevor er oder sie sich eine Armee heranzüchten konnte, gebar eine Tochter Re's drei Kinder. Das waren die ersten, geborenen Vampire, aus denen die Cleaner hervorgingen, um die Kinder des oder der Sekhmet zu bekämpfen."

„Das sind Legenden, Indigo. Die gibt es in jeder Kultur und bei jeder Rasse, denn viele von uns, egal welche Rasse, brauchen etwas, eine höhere Macht, Gott, was auch immer, um an etwas festhalten zu können, um Dinge, die sie nicht verstehen oder erklären können, diesen Göttern zuzuschreiben. Denk an die Entstehungsgeschichte von Adam und Eva. Von einem Gott erschaffen und für die ganze Menschheit verantwortlich. Auch etwas, woran zum Beispiel viele Menschen glauben, obwohl zwei Menschen wohl kaum eine ganze Rasse, noch dazu von unterschiedlicher Hautfarbe, hervorbringen können. Natürlich kann es sein, dass in all den Legenden ein Fünkchen Wahrheit steckt, aber ich denke eher, dass wir letztendlich alle ein Produkt der Evolution sind. Jede Rasse hat sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt. Und wenn wir uns die Tiere in ihrer Vielfalt als Beispiel nehmen, wieso soll es das nicht auch bei höher entwickelten Wesen geben?"

„Keine schlechte Theorie und wenn ich darüber nachdenke, kann ich damit noch am ehesten etwas anfangen. Es liefert zumindest eine halbwegs logische Erklärung. Auch wieso es mehr Menschen als uns andere Wesen gibt, könnte man damit erklären, dass bei uns Vampiren, den Zwergen, Elfen, Werwölfen und all den anderen kleinen, von Menschen inzwischen vergessenen Rassen, die Fortpflanzung schwieriger ist. Deswegen sind wir auch trotz unserer Vielfalt eine Minderheit gegenüber den Menschen."

„Und was anders ist als die große Masse, wird verfolgt. So ist das nun mal. Dazu kommt, dass wir Eigenschaften und einen Lebensstil haben, der den Menschen suspekt ist. Was völlig absurd ist, wenn man bedenkt, wie sie die Tiere behandeln, die ihnen als Nahrung dienen. Im Vergleich zu uns geborenen Vampiren sind sie die Barbaren und nicht wir. Aber darüber könnte man ewig diskutieren. Außerdem müssen wir zugeben, auch nicht mit allen Wesen, die im sogenannten Untergrund leben, klarzukommen. Wir und die Werwölfe sind ein gutes Beispiel. Doch eines kann ich dir versichern, zu einem Sekhmet wirst du nie mutieren. Das ist schon Gentechnisch nicht möglich. Also mach dir darüber keine Sorgen. Sie können Menschen verwandeln, aber keine geborenen Vampire."

Indigo seufzte erleichtert und stand auf. „Danke, das beruhigt mich wirklich. Auch deine Ansichten waren interessant für mich. Stoff, über den ich nachdenken kann, während ich weiter nach Nico suche. Er ist wie ein Phantom. Kaum habe ich eine Spur, ist sie auch schon wieder weg. Der Mann nervt mich. Aber ich erwische ihn, darauf kannst du wetten." Die Kreolin nickte Dwayne zu, dann machte sie sich auf den Weg in ihren Computerraum.

Dwayne trank sein Glas leer, dann beschloss er sich von Martha ein bisschen verwöhnen zu lassen, bevor sie auf Jagd gehen würden.

~ C ~

Jedes Mal, wenn sie den Hafen oder andere Straßen nach Sekhmet durchsuchten, hielt Dwayne automatisch nach dem Mann Ausschau, mit dem er bisher zwei Mal zusammengetroffen war und den er nicht aus den Kopf verbannen konnte.

Auch diese Nacht war es nicht anders. Aufmerksam beobachtete Dwayne die Umgebung. Er hatte intensiv nachgedacht und war inzwischen ganz sicher, dieser Mann war dieser mysteriöse Jäger. Es konnte gar nicht anders sein. Er war der Einzige, auf den sie auf allen ihren Streifzügen je getroffen waren, der offensichtlich Sekhmet jagte. Irritierend für Dwayne jedoch war, dass sein Mal auf den Jäger reagiert hatte. Wieso wurde er als Feind angezeigt, wenn er doch die gleichen Ziele verfolgte, wie er, Dwayne selbst? Ein Rätsel, das der Lord unbedingt lösen wollte. 'Ich werde ihn trotzdem töten müssen', dachte Dwayne und der Gedanke behagte ihm gar nicht. Dennoch, sein Mal irrte sich niemals und es war klüger, darauf zu hören.

„Noch mal zum Hafen", verlangte Aaran und riss somit Dwayne aus seinen Gedanken, der zustimmend nickte. „Wir haben noch gute drei Stunden Zeit und mit Glück stoßen wir in den Docks noch auf einen oder zwei."

Dwayne und Aaran hatten ihre Patrouille am Hafen begonnen, waren dort auf zwei Sekhmet gestoßen und hatten dann entschieden auch noch durch den Central Park zu streifen. Auch dort war es ihnen gelungen, ein junges Mädchen vor drei Sekhmet zu retten. Keine schlechte Quote, doch die Nacht war noch jung genug, um weiter zu machen.

Daher teletransportierten sich die Zwei vor den Container, in dem sie das Auto abgestellt hatten und machten sich von dort aus zu Fuß auf den Weg zu den nahe liegenden Docks. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie jemanden schreien hörten.

Beide Cleaner zogen ihre Glocks und stürmten los. Sie erreichten das Tor eines Trockendocks, hinter dem erneut Schreie zu hören waren. Das hohe Tor war kein Hindernis. Mit einem Satz sprangen die Beiden hinüber und schlichen um den Segler, der zur Reparatur dort gelagert war. Der nächste, verzweifelte Schrei ließ die Beiden erkennen, dass sie zwar am richtigen Ort, aber in der falschen Richtung suchten und so schauten beide nach oben. An der Rahe gefesselt hing ein Sekhmet und wurde von einem Mann mit einem Messer gefoltert.

'Der Jäger', schoss es Dwayne durch den Kopf, als ein Schuss die Stille zerriss. Ein tiefes Knurren ertönte und mit ausgebreiteten Armen fiel der Jäger in die Tiefe.

Aaran grunzte zufrieden, während er die Waffe weg steckte und auf das Schiff sprang.

Nach einer Schrecksekunde, die Dwayne sich nicht erklären konnte, folgte er seinem Freund. „Erledige den Sekhmet, ich sehe nach dem anderen", ordnete Dwayne an.

Aaran nickte, doch das bemerkte der Lord nicht mehr, denn er kniete sich bereits neben den Jäger nieder. Dwayne wollte ihn anfassen um zu sehen, ob er noch lebt, als sein Mal ungewöhnlich heftig reagierte. „Das kann doch nicht sein, oder?" Fassungslos starrte Dwayne den Jäger an.