File 1: stories/1/608.txt
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Nachdem auf Spikes Frage niemand eine Antwort wusste und der Duft aus dem Suppentopf einfach zu verführerisch war, wurde beschlossen, erst mal zu essen.

Kaum hatte Tara den Topf vom Ofen genommen, stellte Giles auch schon den Teekessel drauf und holte das Teesäckchen aus seiner Tasche, das er so sehr gehütet hatte, bevor er sich bedächtig einen Tee zubereitete.

Nach dem Essen ging Xander mit zwei Eimern hinaus um Schnee zu holen, den sie auf dem Ofen schmelzen konnten, um warmes Wasser zu haben. Es hatte inzwischen aufgehört zu schneien, aber es war nach wie vor bewölkt. Dawn bestand darauf einen Schneemann zu bauen und Willow sowie Tara waren sofort bereit, ihr dabei zu helfen. Giles Einwand, sie hätten Wichtigeres zu tun als im Schnee zu spielen, blockte Buffy ab. „Dawn ist noch ein Kind und außerdem, wann hat sie schon Gelegenheit in richtigem Schnee zu toben? Lassen wir ihr und auch den anderen das bisschen Spaß. Er wird bald ohnehin vorbei sein.“

„Dein Wort in des Teufels Gehörgang. Bisher habt ihr doch nicht mal eine Spur von Idee“, spottete Spike, doch bevor Buffy antworten konnte, schwang die Tür auf und eine strahlende Dawn, mit vor Kälte geröteten Wangen, forderte: „Komm doch auch raus, Buffy. Wir machen eine Schneeballschlacht. Das ist lustig“, rief sie und war auch schon wieder weg.

 

Buffy überlegte kurz, dann griff sie nach ihrem Umhang und lief hinaus. Wenig später hörten Giles und Spike, wie gut sich die Leute draußen amüsierten.

 

„Kinder“, murmelte Spike und der Wächter nickte seufzend. „Da stimme ich Ihnen ausnahmsweise zu. Wir sind hier in einer unbekannten Dämonenwelt gefangen und sie haben nichts Besseres zu tun, als sich mit Schneebällen zu bewerfen. Die Welt ist dem Untergang geweiht.“

„Jepp. Aber wenn wir schon untergehen, sollten wir es mit Stil tun.“ Spike hob die Whiskeyflasche, in der, wie Giles sofort bemerkte, ein besonders edler Tropfen war. „Nun, gegen eine Verfeinerung meines Tees ist wohl nichts einzuwenden“, bemerkte er und hielt Spike seine Tasse entgegen.

~*~

Zwei Stunden später stolperte die ganze Bande wieder in Spikes Gruft. Sie hatten Schneemänner gebaut, die Ebenbilder der Truppe darstellen sollten. Dawn war zwischendurch immer wieder in die Gruft gekommen, um alle möglichen Utensilien zu holen, damit sie ihre Schneemänner dementsprechend schmücken konnten und ihr fröhliches Lachen war von draußen bis zu Giles und Spike gedrungen.

„Kinder“, hatte Giles immer wieder seufzend gesagt und sich von Spike nachgießen lassen. So war er auch ziemlich angeheitert, als sich die Mädchen und Xander um den Steinsarg versammelten, der ihnen nun als Tisch diente. Spike hatte Tee gekocht und Kekse auf den provisorischen Tisch gestellt, aber natürlich behauptete er, Giles sei das gewesen. Der Wächter war inzwischen eingeschlafen und konnte daher nichts Gegenteiliges behaupten.

Jetzt saß Spike in seinem Sessel und beobachtete die schwatzende Gesellschaft. Und das erste Mal, seit er ein Vampir war, wünschte er sich, wieder ein Mensch zu sein, dort bei ihnen zu sitzen und dazu zu gehören. ‚Scheiß Whiskey. Dieses Zeug bringt einen dazu lauter Blödsinn zu denken’, dachte er und nahm einen besonders kräftigen Schluck.

Dawn hatte aufgehört zu plappern und war offensichtlich eingeschlafen und auch die anderen hatte das Toben im Schnee müde gemacht, denn die Gespräche waren inzwischen völlig verstummt. Buffy beschloss, dass sie alle ein paar Stunden schlafen sollten, bevor sie ihr Problem wieder in Angriff nahmen. Sie bat Spike ihr mit Dawn zu helfen und er stand auf, nahm den Krümel in seine Arme und trug sie nach unten. Auch die anderen Mädchen begaben sich zur Ruhe und Xander schlüpfte in seinen Schlafsack. Giles schnarchte inzwischen leise und Spike legte eine Decke über ihn. Dann schichtete er noch Kohlen in den Ofen, damit das Feuer nicht ausging. Anschließend begab er sich nach draußen, um noch eine Zigarette zu rauchen.

Er inhalierte tief und brummte. „Endlich Ruhe. Hoffentlich ist der verfluchte Zauber bald vorbei, damit dieser irre Haufen schließlich aus meiner Gruft verschwindet“, sagte er betont laut. Er redete sich ein, wenn er es laut aussprach, konnte er es eher glauben, dass er seine derzeitigen Mitbewohner loswerden wollte. Um sich weiter abzulenken, schlenderte Spike auf die Schneemann Gruppe zu und als er sie erreichte, konnte er sich das Lachen nicht verkneifen. Allen Schneemännern, beziehungsweise Schneefrauen, hatten sie Kohlen oder dunkle Kieselsteine für Augen und Mund eingesetzt und wie üblich, Karotten als Nasen. Wobei die Frauen kleinere Karotten bekommen hatten. Zwei der Schneefrauen hatten Besen in den derb geformten Armen. Ganz offensichtlich handelte es sich dabei um Willow und Tara. Xander hatte offenbar aus Draht einen Schlüssel geformt, der die Schneefrau Dawn zierte. Für Giles hatte der Handwerker eine Brille gemacht und die saß nun auf der Karottennase vom Schneewächter Giles. Unter Buffys Arm, wie konnte es anders sein, steckte ein großer Pflock, und Xander, der Schneemann, hielt in einer Hand einen Hammer und in der anderen steckte eine Kekspackung.

 ‚Das war sicher der Krümel’, dachte Spike grinsend. ‚Der Pausenclown denkt ja auch immer nur ans Futtern.’

Spike wandte sich der nächsten Figur zu. Anya. Sie trug eine dicke, eiserne Kette um ihren nicht vorhandenen Hals, die die Schneemannbauer offenbar irgendwo am Friedhof abmontiert hatten. Zudem zierte ein giftgrüner Umhang ihre gedrungene Figur, bei dessen Farbe Spike befürchtete, Augenkrebs zu bekommen, sollte er länger hingucken.

Als er sich letztendlich seinem Ebenbild zuwandte, wusste er nicht, ob er lachen, oder das Ding in den Boden stampfen sollte. Sie hatten dem Schneespike hellblaue Kieselsteine als Augen eingesetzt und er hatte auch die übliche Karottennase, sowie den Mund aus Kohlenstücken, allerdings sahen die zwei Karotten, die sie als Reißzähne in die Mundwinkel gesteckt hatten eher lächerlich aus, als zum Fürchten. Da änderte auch der schwarze Fetzen nichts, den sie ihm über die Schultern gelegt hatten.

„Ich muss etwas töten, sonst drehe ich durch“, grummelte Spike und stapfte los. Nach ein paar Schritten fiel ihm jedoch ein, dass er hier niemanden angreifen konnte und er fluchte wütend vor sich hin, während er den Schnee vor sich her kickte. „Genug mit der Gartenzaunidylle. Ich hab die Schnauze so was von voll. Ich bin ein verfluchter Meistervampir und so sollte ich mich auch benehmen. Ich brauche keine Freunde. Ich hasse Weihnachten. Ich will wieder zurück, dorthin wo ich war, bevor dieser ganze Mist angefangen hat. Oder noch besser, bevor sie mir dieses Mistding von Chip eingepflanzt haben. Dann richte ich ein schönes Blutbad an. Am Besten ich fange damit gleich in meiner Gruft an und dann gehört sie wieder mir. Jawohl!“ Spike seufzte, dann begab er sich wieder in die Gruft, trat ein und schloss die Tür hinter sich. Er schob den Riegel vor und kontrollierte, ob die Tür sicher verschlossen war. Denn schließlich war das hier seine Gruft, was gleichzeitig bedeutete, er trug die Verantwortung für seine Menschen.

~*~

 

„Beobachten? Was zur Hölle soll das bringen?“, fragte Spike, nachdem Giles das vorgeschlagen hatte.

„Nun“, erklärte der Wächter, „es geht primär darum, dass wir herausfinden, ob der Ablauf der Märchenfiguren hier immer der gleiche ist.“

Spike verdrehte die Augen. „Ja verdammt, ist er.“

Doch Giles blieb eisern. „Trotzdem sollten wir das noch einmal überprüfen.“

„Toll, wenn das alles ist, was Ihnen einfällt, sind wir noch am verfluchten St. Nimmerleinstag da“, brummte Spike, verließ jedoch die Gruft und marschierte los, Richtung Innenstadt. Die anderen folgten langsam, aber Buffy eilte an seine Seite. „Hast du auf deinen...Streifzügen nichts entdeckt, was uns weiterhelfen kann?“

„Nein, sonst hätte ich es dir doch gesagt. Denkst du, ich will hier versauern?“, gab Spike zurück.

Buffy seufzte verzagt. „Anya hat vermutlich Recht, auch wir werden das Rätsel nicht lösen können.“

„Blödsinn. Du kriegst das hin. Wie immer. Der komische Vogel, der dir im Raum erschienen ist, ist ein Dämon. Die verputzt du zum Frühstück. Locker“, entgegnete Spike und bog in die Hauptstrasse ein.

Buffy lächelte, sie hatte sehr wohl Spikes Versuch sie zu trösten bemerkt und seine Zuversicht die er ausstrahlte, gab ihr Kraft. „Danke Spike“, sagte sie leise und Spike zuckte mit den Schultern. „Vergiss es, ich will nur von hier weg.“

Sie erreichten das Mädchen mit den Schwefelhölzern und blieben vor ihr stehen, um sie zu beobachten. Plötzlich schaute die Kleine Buffy an. „Möchten Sie Schwefelhölzer kaufen? Sie kosten nur einen Schilling.“

„Du kannst mich sehen?“, fragte Buffy erstaunt und das Mädchen nickte. „Natürlich, Madame. Kaufen Sie mir bitte ein paar ab.“

„Sieh doch, wie sie friert, kauf die Dinger. Bitte“, verlangte Dawn voller Mitleid.

„Würde ich ja, aber ich hab kein Geld“, entgegnete Buffy traurig.

Spike griff in seine Tasche und drückte Buffy ein paar Münzen in die Hand. „Da, zahl dem Balg die Hölzer und dann weiter. Wir haben noch anderes zu tun“, brummte er.

„Spike!“, riefen die Mädchen im Chor, doch der verdrehte die Augen. „Was? Ich bin böse, schon vergessen?“

Buffy schüttelte nur den Kopf, dann wandte sie sich der Kleinen zu und gab ihr alle Münzen, die sie hatte. Das Mädchen überreichte Buffy die Hölzer, bedankte sich traurig und stand auf.

„Warte“, rief Dawn, nahm ihren Umhang ab und legte ihn der Kleinen um. Die guckte Dawn traurig an und warf einen Blick auf den Brunnen. Doch Dawn bemerkte das nicht, denn Buffy nahm ihre Schwester daraufhin liebevoll in den Arm und drückte sie kurz.

„Das war zu einfach“, brummte Spike, doch Xander schien anderer Meinung zu sein.

„Schwachsinn, wir haben herausgefunden, dass wir mit den Märchenfiguren reden können, wissen was ihr Problem ist, und lösen es. Du hast ja gesehen, bei dem Mädchen hat es geklappt.“

„Jedenfalls ist sie jetzt weg, also muss es geklappt haben. Gehen wir zur nächsten Märchenfigur“, verlangte Buffy bestimmt und schaute sich nach der Schneekönigin um, die auch eine Minute später mit dem Schlitten auftauchte.

„Es tut mir Leid, dass wir hier keine Zauberkräfte haben und dir nicht helfen können“, erklärte Willow geknickt.

„Mach dir darüber keine Sorgen. Ich glaube nicht, dass wir die Aufgaben mit Zauber lösen können.“

„Vermutlich nicht, aber was willst du wegen der Schneekönigin machen?“

„In dem Märchen geht es doch um den Jungen, der von der Schneekönigin entführt wird. Ich sorge einfach dafür, dass sie ihn nicht bekommt und fertig“, entgegnete Buffy und beobachtete gespannt die Strasse. Und wirklich, einen Minute später tauchten die Pferde mit dem Schlitten auf, den kleinen Jungen im Schlepptau. Buffy lief neben dem Schlitten her, sprang auf eine der hinteren Kufen und hielt sich mit einer Hand am Schlitten fest, während sie mit der anderen die Schnur des Schlittens von dem kleinen Jungen abriss. Dann sprang sie selbst wieder hinunter und nach einer eleganten Rolle landete sie wieder auf den Füßen. Sie lief zu dem Jungen, doch Spike war schneller gewesen und hatte ihn schon am Kragen gepackt. Er schüttelte ihn und knurrte drohend, während er sein dämonisches Gesicht aufblitzen liess. „Wenn ich dich noch einmal erwische, wie du dich an diesen Schlitten hängst, dann fresse ich dich. Klar?“

Der Junge nickte eingeschüchtert und als Spike ihn los liess, rannte er stolpernd davon.

„Spike! Was soll das?“, rief Buffy tadelnd und der Vampir drehte sich wütend zu ihr um. „Geh mir nicht auf die Nerven, Slayer. Antiautoritärer Kram zieht da nicht. Solche Jungs brauchen Klartext. Aber wenn du glaubst, dass du es besser kannst, lass ich dich das nächste Mal ran.“

„Es wird kein nächstes Mal geben. Ich habe die Aufgabe gelöst“, behauptete Buffy bestimmt, doch Spike schüttelte den Kopf. „Nein, hast du nicht.“

„Doch, hab ich“, entgegnete sie stur. „Auf zum Brunnen, dann sind wir in einer halben Stunde wieder zu Hause.

„Ja klar, träum weiter“, brummelte Spike, folgte aber Buffy und den anderen.

Am Brunnen angekommen sprach Buffy das Mädchen gleich an und fragte, was sie hier tue. Und auch sie reagierte, also konnte sie die Gruppe offensichtlich sehen und antwortete. „Ich will auch so viel Gold wie meine Schwester“, antwortete sie.

„Aha, das ist die Geldgierige, die bald mit Pech überschüttet wird“, bemerkte Xander.

„Jepp, und bald wird sie merken, ohne Fleiß kein Preis, also rein mit ihr“, bestimmte Spike, packte das Mädchen an den Hüften, hob sie hoch und ließ sie in den Brunnen fallen.

Buffy riss Spike zurück, doch es war schon zu spät. Das Mädchen war weg. „Bist du völlig verrückt geworden?“, fragte Buffy und knallte ihm gleich darauf eine.

Spike griff sich auf die Nase. „Au! Verflucht, was soll das, Slayer? Sie muss da runter und du auch, ist doch logisch.“

Buffy dachte einen Moment nach, dann stieg sie auf den Brunnenrand. „Dawn, du bleibst hier. Xander, bring sie bitte zurück zur Gruft. Spike, du kommst mit mir.“

„Vergiss es. Jetzt habe ich keine Lust mehr“, entgegnete Spike schmollend und hielt sich die Nase.

„Stell dich nicht so an. Ich habe doch gar nicht so fest zugeschlagen. Komm schon.“ Sie sprang in den Brunnen und nach einem theatralischen Seufzen, sprang Spike hinterher.

Willow und Tara schauten sich an, nickten sich zu und folgten den Beiden.

Während sie den Brunnen hinabfielen, verloren sie das Bewusstsein und als sie wieder erwachten, lagen sie, wie es in dem Märchen vorkam, auf einer Blumenwiese. Spike schrie auf, und riss sich den Mantel über den Kopf. Doch plötzlich stellte er fest, dass die Sonne ihn nicht verbrannte und so lässig wie er konnte, stand er auf. Auch die Mädchen erhoben sich und sahen sich suchend um. „Da sind wir nun und was machen wir jetzt?“, wollte Willow wissen.