File 1: stories/1/88.txt
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Cordy verließ fast fluchtartig das Hotel, um in eine kleine einsame Seitengasse einzubiegen. Sie hatte so lange wie möglich durchgehalten, aber jetzt ging es nicht mehr. Sie begann zu rennen, aber nach ein paar Metern lehnte sie sich erschöpft an die Wand und ließ den Tränen freien Lauf, die sie schon den ganzen Tag unterdrückt hatte. Sie schlug ihre Hände vor das Gesicht und rutschte, von einem Weinkrampf geschüttelt, die Mauer entlang. Überrollt von dem Schmerz und der Einsamkeit, drückte sie sich eng an die Wand, verschmolz mit deren Schatten und weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte.

 

~*~

Lilah lief nervös in ihrem Büro hin und her. Mit zitternden Fingern fuhr sie sich durchs Haar und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.

Immer wieder geisterten ihr Bilder durch den Kopf. Cordelia, wie sie von den Quertin-Dämonen angegriffen wurde. Cordy wie sie verletzt wurde, wie sie fiel. Die Anwältin sah sich selbst, wie sie zu der von ihr geliebten Frau rannte, sie in die Arme nahm und diese, mit einem Lächeln auf den Lippen, in ihren Armen starb. Die Bilder waren einfach nicht zu verdrängen, immer und immer wieder sah sie diese furchtbare Vision vor sich.

Es war natürlich Unsinn. Quertin-Dämonen töteten nicht, sie lähmten ihre Opfer, sodass sie sich nicht mehr bewegen konnten. Der ganze Körper wurde gefühllos und unbeweglich. Einzig die Augen hatten noch die Möglichkeit sich mitzuteilen. Aber auch das war ein schrecklicher Gedanke. Wenn Cordelia sich nie mehr bewegen, kein Wort mehr sprechen, sondern nur noch mit verzweifeltem Blick vor sich hinstarrte, wie sollte sie das ertragen? Es gab ihres Wissens kein Gegenmittel. Niemals war eines der Opfer gerettet worden. Sie verhungerten, da sie nicht schlucken konnten, oder wurden so lange künstlich ernährt, bis sie wahnsinnig wurden und letztendlich doch starben.

Blass und mit zitternden Knien, ließ Lilah sich auf ihren Bürostuhl fallen. Ihr war klar, dass Cordy sie nicht liebte, dass es für die Seherin nur eine kurze Wochenend-Episode war, und doch... Lilah war bereit alles zu tun, um zu verhindern, dass Cordy zu Schaden kam. Lilah konnte einfach nicht anders. Sie hatte sich verliebt. In die wundervollste Frau, die es für sie auf dieser Erde gab.

Und das erste Mal in ihrem Leben waren ihr die Konsequenzen egal.

Egal, ob sie ihren lukrativen Job verlor. Egal ob sie sich weiterhin ihr Luxusleben finanzieren konnte. Sie hatte erkannt, dass es wichtigere Dinge im Leben gab als Geld. Lilah lachte bitter auf. „Ich bin verrückt. Ich bin doch tatsächlich bereit, all das aufzugeben, für eine Frau die mich verachtet, für einen Menschen, der mich nie lieben wird, und trotzdem kann ich nicht anders. Ich würde für sie diesen Job aufgeben. Es würde mir schwer fallen, sehr schwer sogar, aber Cordelia wäre es wert. Alles wäre sie wert zu tun, wenn sie mich nur lieben könnte." Lilah schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter und steckte ihr Handy ein.

Entschlossen erhob sie sich, nahm ihre Tasche, zog ihre Kostümjacke an und verließ das Gebäude der Firma Wolfram und Hart und machte sich auf den Weg zur Wohnung von Cordelia Chase, um die Frau zu warnen, die sie liebte.

~*~

Langsam richtete sich Cordy auf und starrte vor sich hin ohne sich zu bewegen.

„Ich sollte gehen. Ja, das sollte ich, einfach nach Hause gehen. Aber da war niemand. Sie hatte Angst in die leere verlassen Wohnung zurückzukehren. Hätte sie doch niemals in Lilahs Armen gelegen, niemals diese Geborgenheit gefühlt, dann wäre es leichter, viel leichter, denn was man nicht kennt kann einem nicht fehlen. Dieser alte Spruch fiel ihr ein, doch das half auch nicht. Sie überlegte wieder ins Hyperion zurückzugehen, verwarf den Gedanken aber sogleich wieder, denn ihre Freunde würden Fragen stellen. Fragen, die sie nicht beantworten wollte, nicht konnte. Cordelia versuchte den Befehl, sich vorwärts zu bewegen an ihre Beine weiterzugeben, doch die reagierten nicht und so stand sie einfach da, mit leerem Kopf und leerem Herzen, einsam und verlassen in der Dunkelheit.

~*~

Angel stürmte, gefolgt von Wes und Gunn, die Treppe zu Cordelias Wohnung hoch. Er drosch mit der Faust gegen die Tür und rief laut ihren Namen.

Gegenüber öffnete sich die Tür und eine ältere Dame steckte ihren Kopf heraus. „Was soll der Lärm, wie können sie es wagen so herumzuschreien, eine Frechheit ist das, ich werde die Polizei rufen. und..."

Mit einem Satz war Angel bei ihr und ließ kurz sein Gameface aufblitzen. „Sie gehen jetzt zurück in ihre Wohnung und keinen Wort mehr, haben sie mich verstanden?", knurrte er leise.

Die Frau erschrak gehörig, nickte, trat rasch zurück und schloss schnell die Tür.

Wesley räusperte sich und sah den Vampir vorsichtig an. „Ähm, Angel, das war nicht sehr klug, wenn sie jetzt die Polizei ruft?"

„Was interessiert mich das. Cordy ist in Gefahr, das ist alles was zählt", sagte Angel aufgebracht.

„Schlüssel. Du hast doch einen Schlüssel für Notfälle von Cordelia bekommen, oder?" Gunn sah Angel fragend an.

"Äh, ja eigentlich müsste ich ihn in der Tasche..." Angel kramte in seiner Jackentasche und holte kurz darauf den Wohnungsschlüssel hervor. Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf und schloss rasch die Tür auf.

Die Drei stürmten durch die Räume und riefen nach der Seherin. Doch sie war nirgends zu finden. Ratlos blickten sie sich an.

„Dennis, weist du wo Cordy ist? War sie hier, war sonst jemand da?" Wes versuchte Kontakt mit dem Hausgeist aufzunehmen, um vielleicht irgendeinen Hinweis zu bekommen.

Plötzlich schwebte ein Stift durch den Raum auf den Tisch zu, und begann auf dem dort liegenden Zettel zu schreiben.

Cordy traurig.

Geweint.

Arbeiten gegangen.

Nicht zurückgekommen.

Betroffen sahen sich die drei Männer an, um dann mit raschen Schritten die Wohnung zu verlassen.

Wesley drehte sich an der Tür noch mal um. „Da... danke Dennis", nuschelte er, irgendwie war ihm der gute Geist Cordelias suspekt, aber seine gute Erziehung gebot ihm, sich trotzdem zu bedanken.

„So und was machen wir jetzt?" Ratlos sah Gunn sich um.

„Wir teilen uns auf. Wes, du nimmst den Wagen und fährst zu Lorne ins Caritas. Vielleicht hat er etwas gehört. Irgendwelche Aktivitäten von Dämonen. Gunn, bitte trommle deine Gang zusammen und hört euch um. Ich werde die nähere Umgebung des Hyperions absuchen, möglicherweise finde ich sie, oder einen Hinweis. Wir treffen uns in zwei Stunden im Hotel." Angel nickte den Beiden zu und verschmolz in Sekundenschnelle mit der Dunkelheit.

„Kannst du mich ein Stück mitnehmen, dann brauch ich nicht so weit zu laufen". fragend schaute Gunn zu Wesley.

„Aber sicher, steig ein, liegt ja auf dem Weg", entgegnete der ehemalige Wächter und startete vorsichtig Angels Wagen.

~*~

Lilah stieg aus dem Taxi, bezahlte den Fahrer, atmete tief durch und drehte sich zu dem Haus in dem Cordelia wohnte. Als sie eine schwarze Limousine einige Meter entfernt bemerkte zuckte sie zusammen. Sie kannte jeden Wagen von W&H - und das war definitiv eines der Firmenautos. Sie straffte ihre Schultern und schritt auf den Wagen zu, worauf sich die Autotür öffnete und Phil Logan ausstieg.

„Sie scheinen sich nicht an die Anweisungen von Mr. Holland zu halten, Phil. Wir sollen zusammenarbeiten lauteten seine Anweisungen. Ich sagte Ihnen bereits, versuchen Sie nicht mich zu hintergehen. Haben Sie ernsthaft gedacht, Sie könnten das alleine durchziehen und mich aus meiner Position verdrängen?" Lilah ging sofort in den Angriff über, so war es unverdächtiger und sie musste ihre Anwesenheit vor Cordys Haus nicht rechtfertigen. Sie war gut in ihrem Job, das wusste sie und sie konnte sich schnell neuen Situationen anpassen.

„Ich wollte nur einmal die Lage sondieren, natürlich hatte ich vor Ihnen Bescheid zu geben, Miss. Morgen", antwortete der Mann und lächelte sie kalt an.

„Aber sicher doch, davon bin ich überzeugt." Lilah lächelte genauso falsch zurück und setzte sich unaufgefordert in den Wagen. „Und? Was haben Sie zu berichten?"

„Leider nichts, diese Frau ist bis jetzt noch nicht aufgetaucht", entgegnete Phil und zuckte mit den Achseln.

Lilah bot all ihre Beherrschung auf, um nicht erleichtert aufzuatmen, und bemerkte erst jetzt den Quertin-Dämon, der ihr gegenüber in dem Fond saß.

„Das ist Sakar, er wird uns bei dieser Sache behilflich sein", sagte der *Experte* und deutete auf das blauhäutige Monster, der grüßend den Kopf senkte. Die Anwältin ignorierte ihn völlig, lehnte sich in die Polsterung zurück und bemerkte, zu Phil gewandt: „Soviel zu nur die Lage sondieren."

„Was machen wir jetzt, weiter warten?", fragte Logan, ohne auf Lilahs Bemerkung einzugehen.

„Ich denke nicht, dass es noch Sinn macht. Wir sollten es Morgen wieder versuchen, bevor sie ins Büro geht. Ich vermute der Zeitpunkt wäre günstiger."

‚So gewinne ich Zeit um Cordelia zu warnen', dachte Lilah, doch Logan war ein: „So verlieren wir aber wieder einen Tag."

„Tja, Sie werden lernen müssen, dass auch Geduld zu diesem Geschäft gehört, mein Lieber", antwortete die Anwältin und warf ihm einen arroganten Blick zu.

„Ich denke wir sollten doch den Weg von diesem Haus zu dem Hotel dieser Angel Detektei abfahren." Logan ließ nicht locker und Lilah musste, um sich nicht verdächtig zu machen, zustimmen.

Langsam nahm der Wagen an Fahrt zu und näherte sich dem Hyperion.

~*~

Cordy straffte die Schultern. Es war vorbei, definitiv zu Ende. Je früher sie das einsah desto besser. Lilah war ein arrogantes, selbstherrliches, egozentrisches und egoistischen Frauenzimmer und würde niemals auf ihren luxuriösen Lebensstil verzichten, schon gar nicht für sie, der kleine Büroangestellten Cordelia Chase, die Lilah höchstens als ihre Sekretärin in Betracht zog. Die Anwältin würde sich weder als Freundin oder Lebenspartnerin, noch in beruflicher Hinsicht, auf Cordelias Niveau begeben. Sie waren einfach zu verschieden. Also war es das Beste, so schnell wie möglich das ganze zu vergessen. Müde betrat sie wieder die Hauptstraße und ging mit langsamen Schritten in die Richtung ihrer Wohnung.

~*~

Langsam hielt eine schwarze Limousine am Straßenrand und beobachtete die Frau die den Bürgersteig entlangging.

~*~

Angel ging auf der anderen Straßenseite und blickte sich um, als er 50 Meter vor sich Cordelia kommen sah. Erleichtert stieß er die Luft aus, die er nicht brauchte und beschleunigte seine Schritte.

~*~

Die Türen des schwarzen Wagens öffneten sich und eine blaue Gestalt stieg aus, um auf die Frau, die im Gedanken versunken vor sich hinstarrte, zu warten.

Tbc...