File 1: stories/1/667.txt
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Spike und Angel hatten trotz ihres verbalen Schlagabtausches die Eingangstür von Wolfram und Hart nicht außer Augen gelassen und als Lindsey zwanzig Minuten später mit seiner Aktentasche unter dem Arm herauskam, sagte Angel. „Okay, er ist offenbar problemlos raus gekommen. Trotzdem würde ich ihm gerne folgen, um mich zu überzeugen, dass er unbeschadet aus der Stadt kommt. Bist du mit deinem Wagen da?"

Spike nickte, legte ein paar Münzen für den Kaffee auf den Tisch und stand auf. „Jepp, er steht gleich um die Ecke. Aber wenn ich schon den Beschattungswagen fahren soll, will ich auch genaueres über den Kerl wissen, und alles, was damit zusammen hängt", verlangte er, während sie das Cafe verließen.

Angel überlegte, wieweit er Spike einweihen konnte, beschloss dann, ihn soviel zu erzählen, wie er verantworten konnte. „Lindsey und ich haben zusammen studiert. Nach dem Studium nahm Lin den Job hier bei Wolfram und Hart an und ich blieb in L.A., aber wir haben immer Kontakt gehalten. Vor einem Jahr lernte er Darla kennen, sie heirateten bald darauf und ich war Trauzeuge. Darla ist innerhalb eines Jahres zu einer gefragten Designerin aufgestiegen und hatte ihr eigenes, sehr gut gehendes Studio, das bei Wolfram & Hart versichert war.

Darlas Studio brannte vor drei Monaten ab und sie wurde schwer verletzt. Die Untersuchungen haben ergeben, dass ein Selbstverschulden vorlag. Es wurde vergessen, eine der Kerzen auszumachen, die für die Probe vor der Präsentation angezündet worden waren. Darla hatte ihre Mitarbeiter gegen drei Uhr Früh nach Hause geschickt. Sie selbst war noch geblieben, um noch ein paar Accessoires zuzuordnen. Sie machte das in ihrem Büro und bemerkte daher das Feuer zu spät, um das Gebäude noch verlassen zu können. Die Feuerwehrleute haben sie zwar gerettet, doch sie hatte schwere Verbrennungen.

Jedenfalls, als Darla später aussagen konnte, bestritt sie, dass Kerzen angezündet gewesen waren und auch ihre Mitarbeiter sagten dasselbe aus. Aber die Versicherung zahlte natürlich nicht. Sie beriefen sich auf den Bericht der Brandermittler. So weit war es ja auch korrekt. Lindsey glaubte jedoch Darlas Aussage, und da sie bei Wolfram und Hart versichert gewesen war, begann er nach weiteren Fällen, wie ihrer einer war, zu suchen. Und er wurde fündig."

Spike machte ein nachdenkliches Gesicht. „Also Versicherungsbetrug, aber diesmal andersrum. Doch zu welchem Zweck, außer der Versicherung Geld zu sparen?"

„Wolfram & Hart ist ein riesiger Konzern und hat im ganzen Land Filialen. Wenn man es geschickt anstellt, fällt es nicht auf, wenn ein paar Millionen fehlen", erwiderte Angel.

„Kann ich mir ohne weiteres vorstellen, aber wieso nur Modehäuser?", wollte Spike wissen.

Angel zuckte mit den Schultern. „Das habe ich noch nicht herausgefunden."

Spike schwieg eine Weile, dann sagte er: „Du bist nicht der, der du vorgibst zu sein."

„Ich untersuche Fälle, die auf ein Verbrechen schließen lassen", entgegnete Angel vage, ohne auf seinen Job genauer einzugehen.

Spike wusste, Angel würde nicht mehr verraten und akzeptierte das auch. Vorläufig zumindest. „Schon klar. Wir sind da", sagte er und parkte den Wagen auf der anderen Seite des Krankenhauses, von wo aus sie beobachteten, wie Lindsey ausstieg und auf den Eingang zu ging.

Angel war froh, dass Spike nicht weiter nachbohrte, was seinen Beruf anging und so schauten beide schweigsam auf die Tür des Krankenhauses.

Zwanzig Minuten später kam Lin heraus, einen Arm fürsorglich um eine hübsche, blonde junge Frau gelegt und in der anderen Hand eine elegante Reisetasche, die offensichtlich Darla gehörte. Sie erreichten nach ein paar Schritten das Auto, Lindsey half seiner Frau einzusteigen und nachdem er selbst im Auto saß, fuhr er auch sogleich los.

Ohne dass Angel Spike aufforderte, startete der ebenfalls den Motor und folgte dem Wagen des Anwalts in gebührenden Abstand. Als sie das nördliche Ende der Stadt erreicht hatten und Lindsey auf den Highway abbog, wollte Spike wissen, ob er weiter nachfahren sollte. „Nein, ist nicht notwendig. Soweit ich beobachten konnte ist ihm niemand gefolgt."

„Gut, dann schaffen wir noch die Befragung, bevor die Sonne untergeht", bemerkte Spike und lenkte sein Auto zurück in die Stadt.

~*~

„Ich bin völlig ruiniert. Die Show musste abgesagt werden, ich habe alle meine potentiellen Kunden verloren. Mein Leben ist zu Ende", jammerte Lorne Krevlor, gleich nachdem Angel und Spike das Haus betreten hatten. Plötzlich musterte er die beiden von Kopf bis Fuß, trat einen Schritt zurück und betrachtete Angel und Spike nochmal genauer. „Sie sind richtige Zuckerschnecken und müssen unbedingt für mich laufen. Der Kontrast zwischen ihnen käme wunderbar für meine Frühjahrskreationen."

Angel runzelte die Stirn. Was wollte dieser Mann?

Spike wusste es offenbar, denn er brauste auf. „Sind Sie noch ganz dicht? Erstens bin ich nichts Süßes, und ich renn schon gar nicht über ein blödes Brett, um mich lächerlich zu machen."

„Das wird nicht passieren, das Laufen über den Catwalk ist schnell gelernt", erklärte Mr. Krevlor, der Spikes Reaktion offenbar völlig falsch interpretierte.

„Vergessen Sie das und zwar verflucht schnell. Können würde ich, aber wollen nicht, um das gleich mal klar zu stellen. Nein. Nope. Auf keinen verdammten Fall. Da friert eher die Hölle zu, bevor...."

„Ich denke, Mr. Krevlor hat dich verstanden", mischte Angel sich ein und verkniff sich nur schwer ein Grinsen.

„Okay", sagte Spike plötzlich wieder völlig ruhig und zuckte gleichmütig mit den Schultern.

Angel schaute den Fire Marshall kurz an und schüttelte verwundert den Kopf. ´Versteh einer diesen Kerl. Erst regt er sich so auf, dass ich schon dachte, er geht dem Designer an die Gurgel und eine Sekunde später, ist er die Ruhe selbst`.

Angel beschloss, darüber nicht weiter nachzudenken und sich stattdessen mit Mr. Krevlor zu befassen. Schließlich brauchte er endlich Antworten, und vielleicht brachten die Aussagen des Designers auch Licht in seine anderen Fälle. „Wir wissen inzwischen, dass es sich um Brandlegung handelt. Haben sie einen Verdacht, wer das Feuer gelegt haben könnte?"

„Wie bitte? Das Feuer wurde gelegt? Wer sollte so etwas machen? " Mr. Krevlor war sichtlich geschockt.

„Wenn Sie selbst es nicht waren, der diese Bude abgefackelt hat, dann gibt es jemanden, der Ihnen Schaden wollte", warf Spike ein.

„Ich werde doch nicht meine eigene Kollektion zerstören. Das war meine beste Arbeit", erwiderte Mr. Krevlor entrüstet. „Und ich habe keine Feinde, zumindest nicht wissentlich. Konkurrenten hat jedes Genie, aber keiner würde soweit gehen. Nein, das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen."

„Sie verdienen doch einen ganzen Haufen Kohle mit diesen Fetzen..."

„Spike!", rief Angel warnend und Spike verdrehte die Augen, bevor er fort fuhr. „Mit diesen... feinen... Kleidungstücken. Recht so, Mr. Galways?", sagte Spike kurz an Angel gewandt, der zustimmend grinste.

Spike grinste ebenfalls, dann wandte er sich wieder an Lorne. „Schön, dann also weiter im Text. Also dann denken Sie mal ganz scharf nach ,Mister, wenn es keiner der Konkurrenz war, wer dann? Wem sind Sie so auf seine verfluchten Füße getreten, dass er sie ruinieren will? Eine verschmähte Liebe? Ein Angestellter, den Sie rausgeschmissen haben? Eine von ihren Stelzengängerinnen vielleicht?"

Lorne zuckte Hilflos mit den Schultern. „Nicht das ich wüsste. Meine Schneiderinnen, die Hilfskräfte und ebenso meine Assistentin, arbeiten schon seit Jahren für mich. Sie bucht auch die Models. Natürlich wird eine strenge Auswahl getroffen, aber soweit ich weiß, gab es deswegen nie Unstimmigkeiten. Ich zahle meine Leute auch gut, sehr gut möchte ich behaupten, daher kann ich mir nicht vorstellen, dass es einer von ihnen gewesen sein könnte."

„Toll, wir kommen echt weiter", murrte Spike und seufzte tief, bevor er sich wieder an Mr. Krevlor wandte und ihm seine Visitenkarte reichte. „Wenn Ihnen noch irgendetwas einfallen sollte, rufen Sie mich bitte an."

Lorne nahm die Karte entgegen und nickte. Angel und Spike verabschiedeten sich und verließen das Wohnhaus des Designers.

Während sie zu Spikes Auto gingen, schlug Angel vor: „Lindsey hat mir einen Datenstick gegeben. Sehen wir nach, was drauf ist, vielleicht bringt uns das ein Stück weiter."

„Und das werden wir uns nicht in deinem Büro anschauen", stellte Spike völlig richtig fest, denn Angel nickte zustimmend. „Ich schlage vor, wir fahren zu mir."

„Wenn du Bier zu Hause hast, bin ich dabei", entgegnete Spike und sperrte den Wagen auf.

Nachdem sie eingestiegen waren erklärte Angel. „Sorry, ich bin Weintrinker. Aber einen guten Scotch kann ich dir anbieten."

Spike nickte. Gegen ein Glas war nichts einzuwenden und so lenkte er den Wagen nach Angels Anweisungen durch die Straßen. Es hatte inzwischen zu schneien begonnen und   einige Geschäfte hatten schon mit ihre Weihnachtdekoration angefangen. In drei Wochen war Weihnachten. Der Baum auf dem Rockefeller Plaza stand schon seit ein paar Tagen und Spike musste daran denken, wie sehr Wesley Weihnachten geliebt hatte. Jedes Jahr hatte er einen Baum angeschleppt, ihn mit kitschigem Kram behängt und diesen grauenhaften Eierpunsch gemacht. Und die Augen von Wes hatten gestrahlt vor Glück. Deshalb war auch Spike glücklich gewesen und nach dem fünften oder sechsten Punsch fand er das Getränk auch nicht mehr so ekelig. Spike lächelte versonnen vor sich hin, als er die Bilder heraufbeschwor, die Wes und ihn vor dem Baum sitzend zeigte, besoffen Weihnachtslieder grölend und sich glücklich angrinsend. Damals hatte er wegen Wes dieses Fest gemocht, obwohl er nie so der Weihnachtsfan war. Heute hasste er es und blendete alles aus, was mit Weihnachten zu tun hatte.

„Da, ein Parkplatz", rief Angel aus und Spike war dankbar aus seinen trübsinnigen Gedanken gerissen zu werden. Er richtete seine ganze Aufmerksamkeit darauf einzuparken und wenig später liefen sie durch das immer dichter werdende Schneetreiben auf das Haus zu, in dem Angel wohnte.

Weder Spike noch Angel bemerkten die Gestalt, die beobachtete, wie die Beiden das Gebäude betraten.