File 1: stories/1/668.txt
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Nachdem sie das Haus betreten hatten, fuhren sie mit dem Aufzug in das oberste Stockwerk. Angel schloss die Tür auf, trat ein und schaltete das Licht im Flur an. Nachdem sie ihre Jacken abgelegt hatten, führte Angel den Marshal in das Wohnzimmer und bat Spike, Platz zu nehmen, während er durch eine weitere Tür ging, die in die Küche führte.

Während Spike wartete, schaute er sich in dem Wohnraum um. Er sah ganz anders aus als erwartet. Denn im Vergleich zu Angels teurem Outfit, waren seine Möbel von billiger Qualität. Ebenso der Teppich und die Gardinen, die auf jeden Fall schon bessere Zeiten gesehen hatten. ‚Entweder er ist ein Blender, oder es ist mehr dran an meiner Vermutung, als bisher angenommen‘, dachte Spike, denn als er den Laptop vor sich auf dem Couchtisch entdeckte, erkannte er, dass es sich um ein Spitzengerät handelte.

Es juckte ihn in den Fingern, den Laptop anzuwerfen, doch Angel würde jeden Moment zurück sein, daher ließ Spike es bleiben. Das war auch gut so, denn gerade in diesem Augenblick kam Angel wieder ins Zimmer, ein Tablett in den Händen. Er stellte es auf dem Tisch ab und Spike sah, dass sich Gläser, eine exquisite Flasche Rotwein, sowie ein sehr alter Whiskey darauf befanden. Diese Spitzenprodukte passten schon besser zu Angel und bestärkte Spike in seiner Vermutung, dass der große, dunkelhaarige Mann ein Geheimnis hatte, das natürlich seinen Jagdinstinkt weckte, und es stand für ihn außer Frage, dass er Angels wahre Identität herausfinden würde.

„Hey", sagte Angel leise und als er Spikes Aufmerksamkeit hatte, lächelte er ihm zu und reichte ihm ein Glas mit dem goldfarbigen Whiskey. Als sich ihre Finger kurz berührten, rieselte ein angenehmer Schauer über Spikes Wirbelsäule. Daher zitterten seine Finger etwas und rasch führte er das Glas zum Mund, um einen kräftigen Schluck zu nehmen. Danach fühlte er sich etwas besser. 

‚Es sind mehr als seine Augen die mich verzaubern, oder müsste ich es bezaubern nennen? Keine Ahnung und es ist auch nicht wichtig. Er könnte meinen Vorsatz mich auf niemanden mehr einzulassen, durchaus über den Haufen werfen." Angel schüttelte in Gedanken den Kopf. „ Was für unsinnige Gedanken. Er hat einen Freund. Schließlich habe ich die Fotos gesehen. Also vergiss es, Angel, er ist nur da wegen des Sticks‘.  

Entschlossen klappte er den Deckel seines Laptops auf und fuhr ihn hoch. Dann trank er ebenfalls einen großen Schluck Wein, stellte sein Glas ab und holte den Datenträger aus seiner Tasche, um ihn anzustecken.

Die nächste Zeit durchforsteten sie die Dateien, machten sich Notizen und aßen Pizza, die Angel inzwischen bestellt hatte.

„Ich brauch jetzt eine Zigarette", sagte Spike und streckte sich durch. Angel beobachtete, wie sich Spikes Muskeln unter dem engen T-Shirt formten und er seufzte ungewollt auf.

Spike hob eine Augenbraue und schaute Angel an. „Scheinst auch ganz steif zu sein", mutmaßte er und Angel dachte: ‚Wie Recht du hast, nur anders als du denkst‘, bevor er laut sagte. „Kein Wunder. Wir hocken schon seit Stunden hier und wir haben noch immer nicht alle Akten durch. Ich koche uns Kaffee, und dann zeige ich dir einen Platz, wo du rauchen kannst."

Ein paar Minuten später hatte jeder von ihnen einen Becher mit der dampfenden Flüssigkeit in der Hand und Angel führte Spike in einen Raum, der sich als Angels Schlafzimmer entpuppte. Auch dieses Zimmer war spartanisch und mit billigen Möbeln ausgestattet, einzig die Bettwäsche bestand aus edlem Material, wie Spike mit Kennerblick bemerkte. Noch bevor er sich genauer umschauen konnte, griff Angel nach einer Stange, die an der Wand lehnte und an dessen einen Ende ein Hacken befestigt war. Erst als Angel die Stange an die Decke führte, bemerkte Spike den Ring, der dort eingelassen war. Angel zog daran und eine Klappe öffnete sich, wodurch eine ausziehbare Leiter zum Vorschien kam, die Angel bis zum Boden herunter zog.

Spikes verwunderter Blick brachte Angel zum Grinsen. „Voila", sagte er und ließ Spike den Vortritt, der die Leiter erklomm und gleich darauf hatte er einen wunderbaren Blick über einen Teil der Stadt. „Tolle Aussicht", kommentierte der Marshall und nippte an seinem Kaffee, bevor er seine Zigaretten aus der Tasche zog und auch Angel eine anbot, bevor er sich selbst eine ansteckte. Eine Weile rauchten sie schweigend, dann ergriff Angel das Wort. „So wie ich das sehe, haben wir hier zwei verschiedene Verbrechen, die jedoch zusammenhängen. Brandanschläge und Versicherungsbetrug. Doch für dich sind nur die Brände interessant."

„Aber das wissen wir erst, wenn wir alles durchgearbeitet haben. Also sollten wir uns ranhalten", entgegnete Spike.

„Ich schlage vor, wir machen noch zwei Stunden, damit wir noch ein bisschen Schlaf bekommen", erwiderte Angel und Spike nickte. Dann begaben sie sich wieder in die Wohnung und arbeiteten weiter.

„Wie war der Name der Besitzerin des Ladens bei dem Brand in Los Angeles? Der Fall, wo zuerst Eigenverschulden und nach dem zweiten Gutachten doch Brandstiftung festgestellt wurde?" fragte Spike eine halbe Stunde später und wühlte in den ausgedruckten Blättern. 

„Wieso ist das relevant?", wollte Angel wissen und schaute Spike fragend an.

„Bevor ich nach New York kam, war ich in Los Angeles stationiert. Da gab es einen Fall von Korruption", murmelte Spike, während er weiter in den Unterlagen suchte. „Da ist es", rief er plötzlich aus, ließ das Blatt aber wenig später sinken. „Hm, der Name sagt mir nichts."

Angel schaute interessiert auf das Blatt, bevor er fragte: „Wie lange ist das her?"

„Knapp vier Jahre. Einer aus unseren Reihen hatte falsche Gutachten ausgestellt und sich gut dafür bezahlen lassen. Er war mein Einsatzleiter in L.A. und... es brennt." Spike sprang auf und sah sich um.

„Wie es brennt? Ist das jetzt ein Gedankensprung von dir, den ich nicht verstehe?", wollte Angel verständnislos wissen.

„Nope, es bedeutet schlichtweg, dass es brennt. Ich rieche Rauch und er kommt von... da." Spike ging auf die Diele zu, unter dessen Tür sich feiner Rauch kringelte. „Gib mir mal deinen Feuerlöscher. Schnell wäre gut", wies er Angel an, der inzwischen ebenfalls aufgesprungen war und entsetzt auf die Tür starrte. „Feuerlöscher? So etwas besitze ich nicht", gab Angel kleinlaut zurück und Spike fauchte Angel an. „Du hast keinen Feuerlöscher? Jeder verdammte New Yorker hat einen verfluchten Feuerlöscher."

„Ich bin Ire", entgegnete Angel und verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust.

„Ach soooo, na das ist natürlich etwas anderes und erklärt alles. In Irland gibt es also kein Feuer. Daher braucht auch keiner einen Feuerlöscher. Logisch."

„Spar dir deinen Sarkasmus, Spike, davon geht das Feuer auch nicht aus."

„Kluges Kerlchen. Dazu bräuchten wir nämlich einen verdammten Feuerlöscher, den wir nicht haben, weswegen ich jetzt Xander anrufen muss und das mein Freund, wirst du mir büßen." Spike holte sein Handy aus der Tasche und rief seine Feuerwache an. In kurzen Worten erklärte er was passiert war. Dann legte auf, da sagte Angel auch schon. „Dieses ganze Gerede führt doch zu nichts. Wir müssen hier raus." Angel eilte zur Tür und wollte sie aufmachen, als Spike „Halt" brüllte und Angel an der Schulter zurückriss.

„Lass mich sofort los, ich muss hier raus. Ich..." Angel begann zu husten und Spike drückte ihn rasch an sich. „Ganz ruhig, Liebes. Hör mir jetzt gut zu. Hörst du mir zu?"

Angel nickte, schaute Spike aber panisch an, und er erklärte schnell: „Feuer nährt sich von Sauerstoff. Wenn du die Tür aufmachst, kann es passieren, dass eine Feuerwalze über uns hinwegfegt. Aber im Moment ist es der Rauch, der gefährlicher ist. Meine Leute werden jeden Augenblick da sein und du tust jetzt genau, was ich sage und das rasch. Papiere, Geld, Wertsachen. Hast du das griffbereit?"

Als Angel nickte, fuhr Spike fort. „Okay, hol es dir und dann rauf aufs Dach."

Angel nickte erneut und rannte ins Schlafzimmer, während Spike den Stick aus dem Laptop zog und einsteckte. Die ersten Flammen züngelten unter der Tür durch und Spike warf einen kurzen, aber besorgten Blick darauf. Er seufzte, als er daran dachte, dass gerade sein geliebter Mantel da draußen verbrannte, aber materielle Dinge waren ersetzbar. Was er wirklich hoffte, war, dass die Menschen in diesem Gebäude gerettet wurden. Aber er wusste, Xander würde alles tun, was er nur konnte. Diesbezüglich war er einer der Besten.

Spike lief ebenfalls ins Schlafzimmer, riss eine Schranktür auf, warf einen Blick hinein und zerrte zwei Jacken heraus. Eine zog er an, dann rannte er in die Mitte des Raumes, öffnete die Luke zum Dach und holte die Leiter herunter. „Komm schon, Angel, die Zeit wird knapp", rief er dem Mann zu, der noch in einer Schublade wühlte und Spike sah, dass er eine Waffe, die in einen Holster steckte, in seine Hosentasche schob und sich den Aktenkoffer griff, der auf dem Bett lag, bevor er Spike über die Leiter nach oben folgte.

Kaum hatten sie das Dach erreicht, verschloss Spike die Luke, um dem Feuer, wenn es sich auf die Wohnung ausgebreitet hatte, so lange wie möglich den Sauerstoff vorzuenthalten. Kaum war das erledigt, warf er Angel die Jacke zu, die dieser rasch anzog. Es war bitter kalt und der eisige Wind, der übers Dach wehte, tat sein übriges, dass die Beiden vor Kälte zitterten. Sekunden später hörten sie auch schon das Folgetonhorn und als sie zur Balustrade traten und einen Blick hinunter schauten, konnten sie unter sich emsige Feuerwehrleute sehen, die gerade ins Gebäude eindrangen.

Der Rauch, der inzwischen aus den Fenstern quoll, zwang Spike und Angel zurück und sie begaben sich wieder in die Mitte des Daches. Spikes Handy klingelte plötzlich und als er abnahm meldete sich Xander, dessen Stimme besorgt klang, wie er bemerkte. „Alles klar bei dir?"

„Jepp. Bestens. Uns friert zwar das Hirn ein, aber im Gegensatz dazu wärmt uns das Feuerchen die Füße", entgegnete Spike sarkastisch, bevor er professionell bat. „Gib mir mal einen kurzen Lagebericht."

„Feuer nur im obersten Stock. Der Vorteil ist, wir konnten alle Bewohner unversehrt rausholen, der Nachteil, das Feuer oben breitet sich zu rasch aus. Wie ich es einschätze zu rasch, um euch noch rechtzeitig rauszuholen. Mit den Leitern kommen wir nicht ran. Sprungtuch können wir auch vergessen. In beiden Fällen sind es die Flammen, die aus den Fenstern kommen und das verhindern. Hermes ist angefordert und sollte in ein paar Minuten da sein."

„Großartig! Einen Rundflug über New York... dafür zahlen manche Leute ein paar Tausend Dollar und wir kriegen es gratis und einen Einfrierbonus gibt es auch noch dazu. Ich bin begeistert."

„Halt die Klappe, Spike und sei froh, dass ich dich überhaupt rausholen lasse. Glaub mir, ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, es nicht zu tun", schnaubte Xander ungehalten ins Telefon.

„Hast du nicht. Gib es zu, ohne mich wäre es dir viel zu langweilig", konterte Spike und grinste.

„Lass mich überlegen", entgegnete Xander. „Keiner der mich nervt, mit blöden Sprüchen um sich wirft und mich lächerlich macht? NEIN! Daher war es ein Fehler, den Hubschrauber zu bestellen."

„Tja, zu spät. Außerdem rettest du zwei Leben. Zusätzlich zu den vielen anderen, die du heute schon gerettet hast. Xander, du bist mein Held, ehrlich." Spike lachte leise und Xander brach das Gespräch ohne ein weiteres Wort ab. Spike hätte ohnehin nichts mehr verstanden, denn gerade in diesem Augenblick übertönte das knatternde Geräusch eines Hubschraubers jeden anderen Laut. 

„Wurde auch Zeit. Das ist Hermes.", brüllte Spike Angel ins Ohr, der nach oben schaute und die Schlinge verfolgte, die zu ihnen herunter gelassen wurde. Er legte Angel und dann sich selbst den Gurt an. Dann gab Spike ein Zeichen nach oben und der Hubschrauber wechselte von seiner in der Luft stehenden Position in die fliegende. Keine Sekunde zu früh, denn als Spike und Angel nach unten blickten, sahen sie, wie die Flammen aus der Luke schlugen.

                                                            ~*~

Obwohl es nicht lange dauerte, bis die Beiden in das Innere des Hubschraubers gezogen wurden, waren sie völlig durchgefroren und die Finger so klamm, dass sie sie nicht bewegen konnten. Die beiden Helfer im Helikopter hievten sie auf die Sitzplätze, entfernten den Gurt und hüllten sie in Decken. „Wir bringen euch ins Krankenhaus", erklärte einer der Männer, doch Angel sowie Spike schüttelten den Kopf. „Wir sind okay", erklärte Spike. „Nimm uns mit in die Zentrale. Ich muss mit Giles reden."

„Spike, du kennst die Regeln. Ihr müsst euch untersuchen lassen. Wenn alles okay mit euch ist, schicke ich dir jemand, der dich abholt", erklärte der Mann bestimmt und Spike gab nach. Seine Erfahrung sagte ihm zwar, dass sie in Ordnung waren, trotzdem wollte er sicher gehen, dass Angel nichts abbekommen hatte.

Kaum hatte sie der Hubschrauber abgesetzt, wurden sie auch schon in die Untersuchungsräume gebracht und eine knappe Stunde später wurde Angel sowie auch Spike bestätigt, dass sie durch den Brand keinerlei Folgeschäden davon getragen hatten. Die Beiden trafen auf dem Krankenhausflur wieder aufeinander, jeder eine Decke um die Schultern und Angel überlegte laut, was er nun zu tun gedachte. „Wenn einer deiner Männer kommt, könnt ihr mich in einem Hotel absetzten?"

„Jepp, können wir schon, aber da wirst du kein Glück haben. Ein paar Wochen vor Weihnachten ist New York völlig ausgebucht. Erst von den Einkäufern, dann von den Leuten die hier die Feiertage verbringen wollen. Aber es gibt zwei Möglichkeiten die ich dir anbieten kann. Entweder du schläfst in einem der Bereitschafsunterkünfte bei uns im FDNY, viel Ruhe hast du da aber nicht. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen und so etwas wie Privatsphäre gibt es nicht. Oder du kannst bei mir unterkommen, bis du wieder etwas Eigenes hast", bot Spike Schulter zuckend an.

Feuerwache oder Spikes Couch? Da gab es für Angel nicht viel zu überlegen. Trotzdem wunderte er sich über sein Angebot. Was war mit seinem Freund? War er auf Reisen? Oder führten sie eine offene Beziehung und lebten eventuell auch in getrennten Wohnungen? Solche Arrangements waren in letzer Zeit sehr beliebt und Angel kannte Spike nicht gut genug, um ihn diesbezüglich einschätzen zu können. Daher beschloss er offen zu sagen, was er dachte. „Natürlich wäre es mir lieber ein paar Tage bei dir zu wohnen als in einer Feuerwache. Worüber ich mir allerdings Gedanken mache ist dein Freund. Was wird er dazu sagen?"