File 1: stories/1/688.txt
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Nachdem Sam seine Schwester in der Schule abgeliefert hatte, schlenderte er durch die Straßen der kleinen Stadt. Sie hatte sich nach seinem letzen Besuch kaum verändert. Nur sein absoluter Lieblingsladen fehlte, und das machte ihn traurig. Er hatte nicht nur als kleiner Junge jede freie Minute dort verbracht, sondern auch später, in seinen Ferien dort gearbeitet.

Der „Tageskurier" war sein zweites Zuhause gewesen und Mr. Jeff Colding hatte ihm alles beigebracht, was man zur Herstellung einer Zeitung wissen mußte. Sam war von diesem Metier so fasziniert gewesen, daß er beschlossen hatte, Journalismus zu studieren. Und Mr. Colding hatte ihm einen Job versprochen, sobald er mit seinem Studium fertig sein würde.

Aber Mr. Colding war vor einem Jahr gestorben und Sam vermißte ihn sehr. Nicht nur den Herausgeber an sich, sondern auch den Menschen, der hinter der Zeitung stand. Sein Wissen, seine Güte und sein skurriler Humor. Aber auch sein Mut und seine Unbestechlichkeit waren es, das ihn zu Sams Vorbild machte. Jeff scherte sich nicht darum, ob es einer höher gestellten Persönlichkeit der Stadt paßte was er schrieb und druckte. Er hielt sich immer an die Fakten und die Wahrheit. Aber all das war jetzt Vergangenheit und interessierte nur noch wenige Leute, so wie Sam. Jeff war tot. Gestorben bei einem simplen Autounfall, verursacht durch eine nasse Fahrbahn und ein paar Whiskey zu viel, wie es im Polizeibericht hieß. So hatte es Sams Vater ihm erzählt, der es wiederum vom alten Sheriff wußte. Sam stand noch eine Weile vor dem verlassenen Gebäude und starrte auf die stark verstaubte Gittertür. ‚Was wird mit dem Laden wohl passieren?' fragte er sich und dann formte sich eine Idee in seinem Kopf.

~*~

Dean war nach seinem Rundgang plötzlich sehr müde geworden. Außerdem schmerzte seine Wunde stärker und so beschloß er, sich ein paar Stunden hinzulegen. Noch hatte er Zeit und ein bißchen Schlaf würde ihm gut tun. Schließlich hatte er heute Nacht noch einiges vor. Zudem mußte er so schnell wie möglich das Vertrauen der Hensens gewinnen. Die Tochter und der Sohn waren kein Problem, da war Dean sich sicher. Mit seinen technischen Tricks hatte er schon die ersten Weichen gestellt.

Bei Doktor Hensen? Nun das war auch kein Thema. Dean hatte sich gut über diese Familie informiert. Sie hatten eine hohe Erfolgsquote. Über 80 Prozent ihrer „Schützlinge" schafften den Weg in ein normales Leben. Das bedeutete, sie waren mehr als gut in dem was sie taten. Aber Dean mußte sich keine Sorgen machen, daß er nicht aufflog. Selbst wenn es anders gewesen wäre, dank seiner Ausbildung, hätte er das problemlos hingekriegt. Zudem, das was er hier zu tun gedachte, war ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was er bisher schon alles gemacht hatte. Und mit etwas Glück, würde noch nicht mal jemand getötet werden.

~*~

Sam trug seine Einkäufe ins Haus und begab sich dann auf die Suche nach dem Neuen. Nachdem er ihn nirgends auf dem Gelände finden konnte und auch Keith, der Vorarbeiter, nicht wusste wo er war, beschloß Sam es in dessen Unterkunft zu versuchen. Er stieg die Treppe hoch und klopfte an die Tür. Keine Minute später wurde sie geöffnet und Sam schaute in das verschlafene Gesicht des Neuankömmlings. „Sorry, ich wollte dich nicht wecken."

„Hast du aber. Was gibt's?", fragte Dean kurz angebunden und blieb unter dem Türstock stehen. Somit verwehrte er Sam einzutreten, was der mit zusammen gezogenen Augenbrauen registrierte. Doch bevor er sich dazu äußern konnte, fiel ihm auf, daß Dean ziemlich blaß war und das, obwohl ihm der Schweiß auf der Stirn stand. „Dir geht es nicht gut", stellte Sam fest, doch Dean schüttelte den Kopf. „Ach was, ich brauch nur ein paar Stunden Schlaf und alles ist wieder paletti."

„Blödsinn", widersprach Sam. „Mach mir nichts vor. Ich habe fast 20 Jahre in einem Arzthaushalt gelebt, da erkenne ich, wenn jemand krank ist. Hast du Fieber?" Sam griff nach Deans Stirn, doch der wich hastig ein paar Schritte zurück. Dadurch stieß er mit seinem verletzen Bein an die Kommode hinter sich. Er zuckte zusammen und stieß einen zischenden Laut aus.

„Deine Verletzung", mutmaßte Sam sofort, während er in die kleine Diele trat.

„Das wird schon. Ist ja nur ein Kratzer", wiegelte Dean ab, doch seine Stimme klang gepreßt, wie Sam bemerkte, und er entgegnete bestimmt: „Deine Stimme sagt was anderes. Ich schau mir das besser mal an."

Doch das wollte Dean auf keinen Fall. Das fehlte noch, daß dieser Kerl ihn mit seinen großen, wohlgeformten Händen betatschte. Noch dazu an einer Stelle, an der er sich von niemanden anfassen ließ. Deswegen sagte er heftiger als er eigentlich beabsichtigte: „Nein. Nicht nötig!"

Sam verdrehte die Augen und beschloß, den Neuen ein bißchen zu provozieren, um so sein Ziel zu erreichen. „Meine Güte. Jetzt stell dich nicht so an. Ich dachte du warst Soldat. Diese Kerle halten doch angeblich was aus."

Dean unterdrückte den Wunsch auf Sam zuzuspringen und ihm die Hände um den Hals zu legen. Niemand der seine gerade Nase behalten wollte, nannte ihn einen Feigling. Doch er hatte zwei Gründe sich zurückzuhalten. Erstens durchschaute er Sams Taktik sehr wohl und zweitens konnte er es sich nicht leisten, hier irgendjemanden zusammen zu schlagen. Schon gar nicht den Sohn von dem Chef dieser Reha, wenn er wollte, dass sein Plan aufging. Deshalb war es das Beste, er würde diese Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Normaler Weise wandte er niemanden den Rücken zu, aber soweit er sich über Sam informiert hatte, ging von ihm keine Gefahr aus, daher beschloß er das Risiko einzugehen und seufzte ergeben. „Stur ist wohl dein zweiter Vorname. Also gut, dann tu was du nicht lassen kannst. Schau es dir halt an."

Dean ging langsam zum Bett und legte sich vorsichtig auf den Bauch. Während er den Kopf zur Seite drehte und auf das Kissen legte, glitt er mit seiner Hand unauffällig darunter. Dort umschlossen seine Finger die Waffe, die er dort versteckt hatte. Auch wenn sich Sams Akte harmlos las, man konnte trotzdem nie wissen und auf Sympathien gab Dean nichts.

Bei dem was er tat hatte er schon zu viele Leute getroffen die ausgezeichnete Schauspieler waren. Dennoch hoffte Dean, daß Sam nicht einer dieser Schauspieler war, denn dann mußte er ihn womöglich doch noch erschießen. Es konnte aber auch gut sein, daß Dean ihn aus reinem Reflex erschoß, denn bei diesen riesigen Pranken die er besaß, konnten nicht anders als grob sein, da konnte es durchaus passieren, das...

Dean schloß die Augen und preßte sein Gesicht in das Kissen und... erstarrte am ganzen Körper, als er Sams Finger hauchzart auf seinem Rücken, oder viel mehr knapp an seinem Hintern spürte, der damit begann vorsichtig den Verband zu lösen.

Dean hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht mit diesem ihm völlig unbekannten Gefühl. Er konnte es absolut nicht einordnen und er konnte sich nicht erinnern jemals so vorsichtig behandelt worden zu sein. Eine Gänsehaut überzog plötzlich seinen ganzen Körper und bevor er darüber nachdenken, oder es einordnen konnte, was da gerade passierte, zog Sam seine Hände zurück. Seine Stimme klang kratzig als er sagte: „Das sieht übel aus und sollte genäht werden."

„Ich weiß, aber ich komm an diese Stelle nicht ran", kommentierte Dean und richtete sich auf.

„Bleib liegen", verlangte Sam und drückte Dean sanft wieder auf das Bett. „Ich könnte das machen, aber ich weiß nicht, ob meine Mutter den Schlüssel für den Medizinschrank noch an der üblichen Stelle hat. Dort hat sie das Betäubungszeug drin."

„Für so einen Kratzer brauch ich doch keine Betäubung", knurrte Dean entrüstet. „Näh es zusammen und fertig. Nähzeug ist in meiner Tasche. Moment, ich hol es." Dean rollte sich aus dem Bett und drückte Sam eine Minute später in die Hand. Dean stelle er sich vor ihn hin. Er wollte während dieser Prozedur auf keinen Fall hilflos daliegen.

Sam überlegte kurz, dann nickte er. Es waren höchstens vier Stiche, das würde er hinkriegen. Das Einzige was ihm Sorgen machte, war es ohne Betäubung machen zu müssen. Allerdings schien Dean nicht zimperlich und war offenbar schon öfter verletzt worden, wie Sam an zwei größere Narben auf Deans Rücken erkennen konnte. Daher stimmte er zu. „Okay. Ich hole Vaters Spezialsalbe und frisches Verbandszeug. Tabletten wären auch gut."

Dean grummelte nur irgendetwas Unverständliches und als er hörte, wie Sam die Tür hinter sich schloß, stieß er erleichtert die Luft aus. Er hatte sich nicht umgedreht, als er das Zuschlagen der Tür hörte, denn seine Hose spannte verdächtig. „Verflucht noch mal. Was ist das denn? ", murmelte er konfus.

Sam lehnte unterdessen mit geschlossenen Augen vor der Tür an der Wand und versuchte sein wild klopfendes Herz unter Kontrolle zu bringen. „Und ich Idiot dränge mich auch noch auf. Aber wer konnte ahnen wie sexy der Kerl ist? Es gibt keine Bezeichnung für diesen Hintern. Knackig trifft es nicht mal annähernd und wie ist es möglich, daß ein Kerl so eine zarte Haut hat, die sich auch noch über so perfekte Muskeln spannt. Und das war nur die Rückenansicht. Ich will gar nicht wissen wie die Vorderseite aussieht und anfühlt. Okay, das ist eine schamlose Lüge. Und wie ich es wissen will. Und das ist... falsch. Völlig und absolut falsch. Weil... er ist ein Patient meines Vaters. Das heißt Finger weg. Okay, ich muß ihn noch verarzten, aber dann... Nie. Wieder. Anfassen. Nie. Wieder. Anfassen." Sam murmelte diese Mantra den ganzen Weg zum Haus und wieder zurück vor sich hin, bis er wieder vor Deans Tür stand. Dann atmete er tief durch und trat ein.

Als Dean die Tür hörte, drehte er sich sofort um, denn auch wenn er mit niemand anderem als Sam gerechnet hatte. Vorsicht ist besser als Nachsicht, war seine Devise.

„Okay, leg dich hin", verlangte Sam kurz angebunden und wieder kostete es Dean einiges an Überwindung, um dieser Aufforderung nachzukommen, auch wenn er inzwischen sicher war, daß ihm keine Gefahr drohte. Trotzdem, die Anspannung blieb. Doch als Sam mit dem Nähern fertig war, behutsam die Salbe auftrug  und den Verband anlegte und dabei so vorsichtig mit ihm umging, gelang es ihm nur mit Mühe, wohlige Laute zu unterdrücken, die sich in seine Kehle drängten. Zwei Minuten später brachte Sam den letzen Verbandsklebestreifen mit zitternden Fingern an und dann passierte es.

Ohne nachzudenken rief er „fertig" und gab Dean einen Klaps auf den Hintern. Beide Männer erstarrten vor Schreck. Sam wegen dem was er getan hatte, und Dean, weil es sich einfach nur geil angefühlt hatte. Und das schockierte ihn zutiefst. Doch noch mehr erschreckte es ihn, daß er überhaupt nicht reagiert hatte. Kein: „Wie konntest du es wagen. Ich niete dich um. Dein letztes Stündlein hat geschlagen. Jetzt machst du Bekanntschaft mit meiner Faust. Nein. Nichts von alldem passierte. Er lag einfach nur wie erstarrt da, während Sam in Panik aufsprang, „Sorry, es tut mir so leid", murmelte und fluchtartig das Zimmer verließ.

Das riß Dean endlich aus seinem Trance ähnlichem Zustand und er setze sich langsam auf. Verwirrt schüttelte er den Kopf, doch das half ihm nicht wirklich seine Verwirrung abzuschütteln. Das lag aber nicht daran, daß Sam ihn angemacht hatte, sondern an seinem eigenen, für ihn völlig unverständlichen Verhalten. Er hatte sich noch niemanden so ungeschützt ausgeliefert. Nicht einmal beim Sex, und davon er reichlich gehabt, hatte er jemals seinem Bettgenossen den Rücken zugedreht. Selbstredend hatte er auch nie eine Nacht schlafend mit jemanden im Bett verbracht. Alles unter Kontrolle zu haben war für Dean überlebenswichtig und sich jemanden auszuliefern, auf welche Weise auch immer, vollkommen undenkbar. Dennoch war es passiert und das bei einem Mann den er gerade mal ein paar Stunden kannte. Diese unfaßbare Tatsache machte Dean schwer zu schaffen und so stand er umständlich auf und versperrte erstmal die Tür.

Als er zum Bett zurückkehrte, bemerkte er einen Blister mit Tabletten auf der Decke, den Sam dort offenbar fallen gelassen hatte.

~*~

Sam war inzwischen in seine Wohnung gelaufen und tigerte nun in seinem Wohnzimmer hin und her, während er sich die Haare raufte. „Bin ich völlig verrückt geworden? Was ist nur in mich gefahren? Es ist nicht nur peinlich, sondern auch unverzeihlich was ich getan habe. Wie konnte ich nur? Dabei wollte ich mich nur um seine Wunde kümmern nichts weiter und dann...auf einmal, keine Ahnung wie, ist plötzlich meine Hand auf seinem Hintern. Auf seinem verdammt sexy Hintern. Aber das ist keine Entschuldigung und so was habe ich auch in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht." Sam stöhnte verzweifelt auf. „Wie komme ich da jetzt bloß wieder raus, ohne daß er mir den Kopf abreißt?"

Sam wußte nicht, was er machen sollte und auch wenn er sich selbst einen Feigling schimpfte, verließ er seine Wohnung nicht, bis es Zeit wurde seine Schwester abzuholen.

~*~

Dean beobachtete von seinem Fenster aus, wie Sam wegfuhr. Das Apartment in dem er untergebracht war, hatte zwei Fenster. Das ermöglichte Dean nicht nur das Haupthaus zu beobachten, sondern auch das langgestreckte Personalgebäude. „Perfekt, mein Grabscher ist gerade weggefahren. Wo er wohl hinfährt?", überlegte er und sofort spürte er wieder zarte Finger auf seiner Haut. Er erschauderte sofort und im selben Augenblick rief er sich zur Ordnung. „Denk nicht an ihn, verdammt, du hast Wichtigeres zu tun. Okay, wo war ich?" Dean hatte Mühe seine Gedanken zu ordnen, aber dann gelang es ihm doch. „Ah ja, und wie ich heute Morgen mitbekommen habe, hat der Vorarbeiter die Leute zum reparieren der Zäune auf der Nordweide eingeteilt. Ich habe daher mindestens eine Stunde Zeit. Los an die Arbeit und nicht ablenken lassen." Dean zog sich eine Trainingshose an. Das war für seine Wunde angenehmer als eine enge Jeans. Dann schlüpfte er in ein T-Shirt und in Sportschuhe, bevor er sein Apartment verließ und sich ins Personalhaus schlich.