File 1: stories/1/691.txt
- Schriftgröße +

Als Sam nach Hause kam, hörte er Stimmen im Arbeitszimmer. Auch wenn er durch die gepolsterte Tür nicht hören konnte was gesprochen wurde, so erkannte doch die Stimme seines Vaters und die von Dean, was sofort ein warmes Kribbeln in seinem Bauch auslöste. Sam seufzte lautlos, wobei er nicht sagen konnte, ob er es aus Frust tat, oder weil sich diese besondere Wärme einfach nur gut anfühlte. Er wäre am Liebsten im Flur stehen geblieben, nur um weiter dieser Stimme zu lauschen. Doch die Gefahr ertappt zu werden war einfach zu groß und so lief er nach oben in seine Wohnung.

Dort angekommen begab er sich gleich ins Bad. Ihm war ungewohnt heiß und er wollte sich Wasser ins Gesicht spritzen. Während er das Wasser aufdrehte, warf er einen Blick in den Spiegel. Ein junger Mann mit leuchtenden blaugrünen Augen schaute ihm entgegen. Das war ja noch normal, aber was Sam stutzig machte, war das verblödete Grinsen in dessen Gesicht. Er starrte sein Spiegelbild noch eine Weile an und murmelte währenddessen: „Fliegende Wesen im Bauch, weggetretener Gesichtsausdruck und das alles wegen einer Stimme?" Als ihn die Erkenntnis traf, wurden seine Augen groß. „Sam du Idiot, du hast dich verliebt und es spricht gegen deine Intelligenz, daß du es erst jetzt bemerkst. Dabei hättest du es spätestens dann erkennen müssen, als du ihm auf den Hintern geschlagen hast."

Sam verdrehte die Augen. „Na super. Jetzt rede ich mit mir selbst im Spiegel auf eine völlig verrückte Weise." Sam riß sich von seinem Spiegelbild los und klatschte sich nun endlich kaltes Wasser ins Gesicht. Es half ihm soweit, daß er zumindest wieder etwas rationaler denken konnte und während er sich auf seinen Schreibtischstuhl setzte, versuchte er sich klar zu machen: „Das geht nicht und zwar aus verschiedenen Gründen. Erstens, Dean hat nicht die geringsten Anzeichen gezeigt, ebenfalls an mir interessiert zu sein. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er überhaupt auf Männer steht. Zweitens, selbst wenn, er ist Vaters Patient und hat daher auch irgendeinen Dachschaden. Keinen schlimmen. Er ist nicht gefährlich oder so, nichtsdestotrotz hat er ein psychisches Problem, sonst wäre er nicht hier. Deswegen hat er sicher andere Sorgen."

Sam schloß die Augen und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, während er erneut seufzte: „Das ändert alles nichts daran, was ich fühle, und hilft mir daher nicht wirklich weiter. Ich muß mich irgendwie ablenken, sonst bin ich der nächste Kandidat für Vaters Couch", befürchtete Sam und schaute sich um. Sein Blick fiel auf seinen PC und rasch schaltete er ihn ein. Er würde einfach nach allem suchen, was mit dem Redaktionshaus zu tun hatte. Da ihn das wirklich interessierte, müßte es als Ablenkung reichen.

~*~

Der Doc bemerkte, daß Dean in Gedanken war. „Ich gebe Ihnen gerne ein paar Minuten. Kaffee?", bot er fragend an und Dean nickte zustimmend. Aldin stand wortlos auf und verließ den Raum, um in die Küche zu gehen. Dort angekommen, schaltete er die Kaffeemaschine ein und während sie warm lief, dachte er an ein Telefonat, das er vor einiger Zeit geführt hatte und folgender Maßen abgelaufen war:

Rückblende

„Hallo Aldin, hier spricht Bill Sutton", hörte der Doc seine langjährigen Freund ins Telefon rufen und mußte schmunzeln. Bill Sutton vergaß jedes Mal, daß Aldin ohnehin auf seinem Handydisplay sehen konnte, wer anrief. Dennoch wies Adin ihn nicht darauf hin, sondern entgegnete: „Hey, Bill, altes Haus. Ich nehme an, du rufst wegen unseres jährlichen Angelausflugs an. Nächste Woche ist es wieder soweit."

Bill Sutton seufzte leise. „Schön wäre es, aber den müssen wir diesmal wohl verschieben."

Der Doc richtete sich erschrocken aus seiner bequemen Position in seinem Stuhl auf. „Du klingst sehr ernst. Was ist passiert? Bist du womöglich ernsthaft krank?"

„Nein, nein, um mich brauchst du dir keine Sorgen machen. Bei uns ist nur mal wieder der Teufel los und daher kann ich mich vorläufig nicht mal für ein Wochenende loseisen. Aber ich rufe nicht nur deswegen an. Ich will dich auch um einen Gefallen bitten."

„Natürlich. Da mußt du mich gar nicht erst bitten. Das weißt du. Also, was kann ich für dich tun?", bot Aldin an, noch bevor Bill überhaupt sagen konnte, um was es ging. Sutton war ein guter Freund und Kamerad. Er, Aldin, Pete und Jesse, der aber vor einiger Zeit ums Leben gekommen war, waren eine eingeschworene Gruppe im Krieg gewesen und sie hatten sich mehr als einmal gegenseitig das Leben gerettet. Auch heute noch würde einer für den anderen in jeder Situation da sein. Das stand außer Frage.

„Es geht um Jesses Sohn. Er hat Probleme und ich bin der Ansicht, daß du mit deinem Programm der Richtige wärst, um ihm zu helfen", erklärte Bill knapp.

„Ich wußte zwar, daß Jesse einen Sohn hatte, aber mehr auch nicht. Er hat ja nach dem Tod seiner Frau zu uns allen den Kontakt abgebrochen. Oder hat er ihn zu dir wieder aufgenommen?", wollte Aldin wissen.

„Nein, ich habe auch erst nach seinem Tod von dem Jungen erfahren. Jesse war in einer ganz anderen Abteilung als ich. Da hatten wir noch nicht mal beruflich etwas miteinander zu tun und er hat auch weiterhin jeden privaten Kontakt unterlassen. Doch um zum Punkt zu kommen. Sein Sohn war unter anderem im Afganisgtan Krieg, hat dort einiges erleben müssen und laut der üblichen Gutachten, die gemacht werden, wenn einer der Jungs zurückkommt, hat er arge Probleme sich gesellschaftlich wieder einzufügen. Ich glaube allerdings, daß auch Jesse einiges dazu beigetragen hat, daß sich der Junge so absondert. Er heißt übrigens Dean. Na, jedenfalls möchte ich, daß du dich seiner annimmst. Noch was, laß ihm bitte Zeit. Egal wie lange er braucht, dränge ihn bitte nicht. Natürlich bist du der Psychologe und ich will mich da auch nicht weiter einmischen, aber Dean liegt mir am Herzen. Er hatte es nie leicht und ich sorge dafür, daß alle deine Kosten vollkommen gedeckt werden."

„Nur weil du ein Freund bist, sehe ich das jetzt nicht als Beleidigung an. Du weißt, daß es selbstverständlich für mich ist, mich um den jungen Mann zu kümmern, und das nicht nur wegen Jesse. Also, wann wird er hier eintreffen?"

Rückblende - Ende

Aldin schossen Bilder durch den Kopf. Er und seine Freunde im Kampf, oder wenn sie sich besinnungslos tranken, um die grausamen Bilder des Krieges zu vertreiben. „Das ist alles schon so lange her", murmelte er und seufzte. Dann stellte er entschlossen die Kaffeetassen, Milch und Zucker auf ein Tablett und ging damit wieder zurück in sein Büro. Dort plazierte er alles auf dem Tisch. „Bedienen Sie sich", forderte er Dean auf, der dankend nach einer Tasse griff und weder Milch noch Zucker hinzufügte, wie Aldin bemerkte.

„Erzählen Sie ein bißchen was von sich, Dean", bat er, während er einen Schluck von seinem Kaffee nahm.

Dean trank erstmal und entgegnete dann knapp: „Steht alles in den Akten, Doc."

Der nickte verständig. „Ja, die Fakten sind mir bekannt. Das abgeschlossene Technikstudium zum Beispiel. Ein Beruf der sehr viele Möglichkeiten bietet. Was hat Sie daher eigentlich bewogen nach Afghanistan zu gehen?"

„Die brauchten dort Techniker", antwortete Dean trocken.

„Also nicht für Präsident und Vaterland?", fragte Aldin nach.

‚Vater trifft es‘, dachte Dean bevor er ruhig entgegnete: „Unterstellen Sie mir, unpatriotisch zu sein?"

„Himmel nein. Mitnichten. Mich interessieren nur Ihre Beweggründe. Ich war ebenfalls im Krieg, dachte, ich bin es meinem Land schuldig. Doch die Ernüchterung kam schnell", berichtete der Doc. Die Taktik, etwas von sich zu erzählen funktionierte so gut wie immer, wußte er. Es baute Vertrauen auf, denn vielen Menschen fiel es leichter etwas von sich Preis zu geben, wenn auch andere das taten. Auch Gruppentherapien funktionierten auf diese Weise, weswegen Aldin großen Wert auf diese Form der Behandlung legte.

„Das klingt aber nicht sehr patriotisch, Doc", behauptete Dean und schmunzelte.

‚Okay, er steigt nicht darauf ein. Bei ihm muß ich anders vorgehen‘, dachte Aldin, bevor er nach dem Block und dem Stift vor sich griff und verteidigend antwortete: „Ich liebe mein Land, aber ich heiße nicht alles gut, was die Regierung treibt."

Dean nickte zustimmend. „Sehe ich auch so. Man lernt ja dazu und muß selbst entscheiden, welchen Weg man einschlägt. Sie haben sich also nach dem Krieg entschlossen den Bekloppten ... ähm ... geistig Kriegsgeschädigten wieder auf die Sprünge zu helfen, weil Sie gesehen haben, was dieser Wahnsinn anrichtet."

Nun war es Aldin der nickte. „Stimmt, ich kümmere mich um die Folgen, da ich die Ursache nicht verhindern kann. Was haben Sie für Zukunftspläne?"

Dean lehnte sich in seinem Stuhl zurück und zuckte mit den Schultern. „Mal sehen was sich ergibt, wenn ich hier raus bin."

„Das ist kein Gefängnis", erklärte Aldin milde.

„Ich weiß, aber trotzdem. Man wird eingestuft, als hätte man einen Sockenschuss."

Aldin schüttelte über diesen Ausdruck lächelnd den Kopf, dann dementierte er. „Sie wissen, daß das nicht stimmt. Wie schlafen Sie?", wechselte er rasch das Thema in der Hoffnung eine unüberlegte, spontane und dadurch auch wahre Antwort zu erhalten.

„Meistens auf dem Bauch. Manchmal auch in Seitenlage", kam jedoch die trockene Antwort.

Aldin lachte leise und schaute Dean direkt in die Augen. „Ich werde wohl präzisere Fragen stellen müssen. Also wie lange schlafen Sie auf 24 Stunden gerechnet?"

Dean zuckte erneut mit den Schultern. „Vier bis fünf."

„Haben Sie Albträume?"

„Nein."

Aldin machte sich eine weitere Notiz, hob minimal eine Augenbraue und Dean wußte, der Doc glaubte ihm nicht. Deswegen fügte er leichthin hinzu. „Aber ich träume hin und wieder von großen Tieren, mit denen ich in einen Käfig gesperrt bin, aus dem ich nicht rauskomme. Dann wieder von einer großen Stadt voller Menschen, doch ich kann zu keinem Kontakt aufnehmen. Alles unsinniges Zeug."

Diese Aussagen brachten den Doc dazu, gedanklich seine Schlüsse zu ziehen. ‚Gut langsam kommen wir weiter. Typisch burn out Syndrom.'

 

Dean schaute inzwischen mit unbeweglichem Gesicht zu, wie der Doc seine Notizen machte und dachte. ‚So, jetzt hat der gute Doc gleich mal was zu tun und kann sich mit meinen angeblichen burn out Syndrom auseinandersetzen. Nicht nur er versteht was von Psychologie und obwohl mir der Doc sympathisch ist, in meinem Kopf hat er nichts verloren.'

„Schön", sagte Aldin plötzlich. „Das reicht erst mal für die erste Sitzung. Nun gebe ich ihnen ein paar Erklärungen, wie das hier bei uns abläuft. Also. Normaler Weise nehme ich acht Leute bei mir auf. Genauso viele Zimmer sind drüben im Nebenhaus. Hin und wieder wird eine Person zusätzlich aufgenommen, so wie in Ihrem Fall. Der bewohnt dann die Wohnung über der Werkstatt. Sie können natürlich auch drüben bei den anderen wohnen, wenn Sie das lieber wollen und einer der anderen Patienten tauscht mit Ihnen. Aber ich dachte, es ist für Sie, als Neuzugang, angenehmer so. Im anderen Gebäude hat zwar jedes Zimmer ein eigenes Bad, doch es gibt nur eine Gemeinschaftsküche."

„Danke Doc. Das ist mir so auf jeden Fall lieber. Ich werde den Kontakt zu den anderen ohnehin haben. Das bleibt ja nicht aus."

„Das soll es auch nicht. Einmal in der Woche haben wir eine Gruppensitzung. In der kann jeder über seine Fortschritte, Wünsche, Träume, Ängste, oder was immer er loswerden will, reden. Zwei Mal die Woche sind Einzelsitzungen bei mir zu absolvieren. Außerdem hat jeder Patient bestimmte Aufgaben auf der Farm zu erfüllen, die von Mister Pering, das ist mein Vorarbeiter, verteilt werden. Weiters bekommt jeder ein Pferd, um das er sich kümmern muß. Pferde sind sehr sensibel und fördern so den sozialen Kontakt. Ein Problem, das vielen Kriegsveteranen zu schaffen macht."

„Habe ich nicht, daher brauche ich auch kein Pferd", wehrte Dean vehement ab.

Aldin verbiß sich ein Schmunzeln zu dem Kommentar, äußerte sich aber nicht direkt dazu, sondern sagte: „Nun, dann müssen wir eine andere Aufgabe für Sie finden. Wie wäre es damit. Mein Sohn hat mir erzählt, Sie interessieren sich für die alten Autos, die in der Werkstatt stehen?"

Ein kurzes Leuchten war in Deans Augen zu erkennen, daß er schnell abdeckte, indem er seine Augenlider senkte, bevor er zustimmte. „Stimmt, daran könnte ich arbeiten, während ich hier bin. Hat ja im weitesten Sinne auch mit Pferden zu tun."

„Wenn man es auf diese Weise betrachtet, dann stimme ich ihnen zu", entgegnete Aldin lächelnd. „Nun gut, dann werde ich Mister Pering mitteilen, daß sie anderweitig beschäftigt werden."

Aldin erhob sich und Dean tat es ihm gleich, als der Doc ihn aufforderte: „Kommen Sie bitte mit, ich stelle Sie auch gleich den andern vor." 

Während sie über den Hof schlenderten, erzählte Dean: „Pete kenne ich bereits. Ein guter Mann."

„Und ein guter alter Freund", ergänzte Aldin.

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Sie kennen sich schon lange, hat mir Bill erzählt."

Aldin registrierte natürlich sofort, daß Dean sehr wohl Bill erwähnte, aber kein Wort über seinen Vater fallen ließ. ‚Da gibt es mehr als nur ein Kriegstrauma aufzuarbeiten‘, dachte Aldin. Doch das werden wir Schritt für Schritt machen. Erstmal soll er sich hier richtig einleben und wohlfühlen.'

Aldin wollte gerade etwas wegen Bill sagen, doch Dean redete schon weiter. Aber er wechselte das Thema in eine Richtung, die Aldin aufhorchen ließ, weil Dean fragte: „Wie sehen Sie eigentlich diese Genie und Wahnsinn Sache?"

Die Neugierde des Docs war natürlich sofort geweckt. „Sie meinen, zwischen Genie und Wahnsinn ist oft nur ein schmaler Grat. Sie haben sich offenbar Gedanken darüber gemacht?"

„Man denkt an viele Dinge, wenn man alleine unterwegs ist", gab Dean lakonisch zurück, während er mit den Schultern zuckte.

‚Er ist gefährdeter als es den Anschein hat. Gut, daß Bill ihn hergeschickt hat. Dean hat dringend Hilfe nötig, denn offenbar hält er sich für wahnsinnig‘, mutmaßte Aldin sogleich, bevor er fragte: „Sie machen sich Sorgen auf die Seite des Wahnsinns abzurutschen?"

Dean grinste und schüttelte den Kopf. „Mir wurde gesagt, ich gehöre der anderen Kategorie an. Aber wer weiß? Vielleicht finden Sie etwas ganz anderes heraus."