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Kommentar:

Beitrag zum Adventkalender 2010

Storypic: SilentThunder

Vielen Dank euch Beiden.

~silverbird

 

 

Blut. An meinen Händen. Auf dem Boden. Überall. Ich starre meine Hände an. Auch sie sind rot. Die Waffe liegt längst am Boden. Sein toter Körper ebenfalls. Ich bemerke, dass ich zittere. Meine Lunge verlangt nach Luft. Gierig mache ich einen Atemzug. Habe ich nicht geatmet? Oder kommt es mir so vor? Plötzlich dreht sich alles. Schweiß bricht mir aus. Mein Herz rast. Ich renne. Ich renne. Immer schneller und schneller...

Ruckartig wache ich auf. Wo bin ich? Mein Oberkörper schnellt nach oben. Ich bin in einem kleinen Zimmer. Durch das offene Fenster fällt das Licht der Neonreklame gegenüber. Wo bin ich? Mein Herz hämmert hart gegen meinen Brustkorb. Ich wische mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Verdammt, wo bin ich? Meine rechte Hand fährt tastend zum Nachttisch, findet den Schalter der Lampe. Die Lampe auf dem alten, ziemlich abgewetzten Nachttisch schafft es kaum, den Raum zu erhellen. Auf dem Boden liegen zahlreiche Pappteller und Tüten, teils mit alten Essensresten. Mir fällt die schlechte Luft in dem Raum auf. Es ist stickig, als wäre wochenlang nicht gelüftet worden. Wo war ich? Ich klappe die Bettdecke zur Seite und stehe auf. Mit meinen Füßen stoße ich eine Bierflasche um, die mit einem Klacken die nächste leere Flasche umwirft. Beide rollen sie ein Stück, bis sie an einer zerknüllten Papptüte hängen bleiben. Angewidert wende ich mich von dem Schauspiel ab. Ich blicke an mir herunter, ich trage Boxershorts und ein altes T-Shirt, auf dem zahlreiche Flecken sind. Vermutlich Essensreste. Plötzlich schüttelt es mich, ich ekle mich. Wieso bin ich hier? Warum? Ich reiße mir regelrecht das T-Shirt von Leib und werfe es auf das schmale Bett, als könne ich mich damit von diesem schmuddeligen Zimmer befreien. Was ist nur los?

Ich bin in einem Hotel. Das wird mir klar, als ich - sorgfältig auf den Boden achtend - das kleine Badezimmer entdecke. Nur eine Birne ohne Schirm erhellt den kleinen Raum. Das Bad ist uralt, dunkle Ränder zieren die Armaturen, zwischen den Fliesen hat sich brauner Schimmel breitgemacht. Es riecht nach Urin. Mit zittrigen Händen schließe ich die Tür wieder. Am liebsten wäre ich ratlos und verzweifelt gegen die mit Kratzern und Stoßflecken übersäte Tür gesunken, aber ich wage es nicht. Zu schmutzig, zu eklig.

Wurde ich irgendwie unter Drogen gesetzt und hierher verschleppt? Aber wer sollte mir das antun wollen? War es vielleicht beim Ausgehen passiert? Bin ich Opfer einer dieser Verrückten geworden, die wildfremden Menschen Drogen in den Cocktail mischten? So muss es gewesen sein. Obwohl ich das Gefühl habe, die Lösung gefunden zu haben, stellt sich kein Hochgefühl ein. Ich wische mir mit beiden Händen durchs Gesicht, spüre den kalten Schweiß auf meiner Stirn. Mir geht es dreckig. Mein Puls rast, ich zittere und in meinen Kopf beginnt es zu hämmern. Als ich die Hände sinken lasse, fällt mein Blick durch das Fenster. Es schneit.

Sommer. Es war Sommer. 

Ich trete näher an das ziemlich trübe Fenster heran. Die Neonreklame gegenüber ist nicht das einzige Licht. Die ganze Straßenzeile ist erhellt von dem Funkeln vieler Lichterketten. Weihnachtsbeleuchtung. Es schneit. Weihnachten naht.

Sommer! Es war Sommer. In meiner letzten Erinnerung ist es Sommer. Erdrückend heiß. Ich kann mich erinnern, dass ich fürchterlich geschwitzt habe, als ich ... was? Ich weiß nicht. Erschrocken und verängstigt taumele ich rückwärts. Was ... was ist nur los? Ich trete auf irgendwas Matschiges, rutsche aus. Wild mit dem Armen rudernd knalle ich zu Boden, lande unsanft auf ein paar Cola-Dosen, mit den Füßen stoße ich wieder einige Bierflaschen um. Eine war noch halbvoll, das Bier blubbert schaumig auf den abgetretenen Teppich. Sofort nimmt meine Nase den schalen Biergeruch wahr und ich erbreche mich ohne Vorwarnung. Ich kriege kaum Luft, ringe nach Atem. Ein wenig Schleim folgt noch, dann ist es vorüber. Ich keuche, schwitze und will nach Hause. Ich muss mich beherrschen, um nicht in Tränen auszubrechen.

Ich will aufstehen, kann aber nicht. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding. Aus meinen Armen ist jegliche Kraft gewichen. Also bleibe ich am Boden liegen inmitten der Essensreste, der leeren Flaschen und neben meinem Erbrochenen. Sommer! Sommer! Sommer!, hämmert es jetzt in meinem Kopf, begleitet von dem dumpfen Brummen des Kopfschmerzes. Krampfhaft versuche ich, mich genau zu erinnern. Ich sehe die Sonne, spüre die Hitze, ich schwitze. Und dann nichts mehr. Einfach Schwärze. Mein Name? Weiß ich. Name meiner Eltern? Noch da. Mädchenname meiner Mutter? Meine Adresse? High School? Universität? Ich weiß alles. Ich bin Anwalt, habe schnell Karriere gemacht und arbeite im besten Büro der Stadt, wenn nicht sogar des Landes. So schlimm kann das also alles nicht sein. Vielleicht spielt mir nur mein Gedächtnis einen Streich. Vielleicht war gestern eines dieser Firmenfeste und ich bin abgestürzt. Nicht ganz mein Stil, aber so was kommt vor. Der Gedanke beruhigt mich. Langsam setze ich mich auf. Mein Kopf dröhnt noch immer, aber es wird besser. Alles wird besser werden. Die Sache wird sich klären.

Mit einem Ruck stehe ich auf, bemerke, dass ich nicht nur uralte Pizza am Fuß habe, sondern auch stinke, als hätte ich mich wochenlang nicht geduscht. Obwohl mich die dreckige Dusche anekelt, entscheide ich mich, zu duschen. Ich schwenke vorher die Duschtasse mit der Brause aus, dann zieh ich mich aus und stelle mich direkt in die Dusche. Verblüfft bemerke ich meine wohltrainierten Arme. Ich bin ziemlich sportlich und gehe viel ins Fitnessstudio, aber diese Arme sind mir neu. Das warme Wasser, das in diesem Moment über meinen Körper läuft, verscheucht jedoch alle Überlegungen und es gelingt mir für einen Moment, nur das warme Nass zu genießen. Shampoo und Duschgel gibt es keines, so drehe ich die Dusche ab und angele mir das Handtuch vom Bügel, das frisch zu sein scheint. Tatsächlich schaffe ich es, auf spitzen Füßen durch das Badezimmer hinaus, in den zugemüllten Raum hin zum Schrank. Angewidert betrachte ich wieder das Chaos. Eigentlich sieht es so aus, als hätte hier jemand einige Wochen gehaust ... Ich verdränge den Gedanken. Jetzt nur nicht überlegen, einfach anziehen und nach Hause. Dann wird sich schon alles aufklären. Mit einem Ruck öffne ich den Wandschrank und erstarre. Ein großer, trüber Spiegel hängt an der Innenseite der Tür. Die Ecken sind abgebrochen, an den Rändern ist der Spiegel blind. Aber er erfüllt noch seinen Zweck und zeigt mich mir. Ich bin verdammt gut trainiert. Insgesamt. Ich sehe aus, als hätte ich ein intensives Krafttraining absolviert. Mit großen Augen bleibe ich an den Tattoos auf meiner Schulter hängen. Irgendwelche Schriftzeichen, Symbole. Sieht irgendwie fernöstlich aus.

Du warst länger weg als nur ein paar Stunden!, hämmert es zuerst leise, dann immer lauter in meinem Gehirn.

„Scheiße", murmele ich und schlage die Hände vors Gesicht. Aber nur einen Moment, dann lasse ich die Hände sinken. Ich bin Anwalt, ein ziemlich guter sogar, habe Karriere gemacht. Mein Job ist es, Verbrecher zu verteidigen. Und dadurch bin ich schon mehr als einmal in verdammt gefährliche Situationen geraten. Ich muss jetzt die Nerven bewahren. Mich anziehen, zusehen, dass ich nach Hause komme und dann werde ich weitersehen. Dieser Plan übt eine ungeheuer beruhigende Wirkung aus, ich inspiziere den Schrank. Die meisten Fächer sind leer, aber in einem finde ich saubere Unterwäsche, Socken, dunkle Jeans und einen grauen Kapuzensweater. Als ich den Sweater als letztes herausziehe, fällt mir eine Smith & Wesson in die Hände. Erschrocken gelingt es mir, die Waffe aufzufangen. Kalt ruht der Stahl in meinen Händen. Ich kenne mich aus mit Waffen. Diese hier ist geladen und schussbereit. Verdammt. Warum um alles in der Welt habe ich eine geladene Waffe im Schrank? Nun, ich werde es herausfinden. Ich denke an meinen Plan und es hilft wieder. Eins nach dem anderen. Alles wird sich finden. Energisch beiße ich die Zähne zusammen, schlüpfte in die Klamotten und klemmte mir die Waffe in den Hosenbund. Der weite Sweater verdeckte sie. So gerüstet, brauche ich nur noch Schuhe und finde unter dem Bett ein paar ausgelatschte Sneakers. Der Fund befremdet mich. Ich habe keine Sneakers mehr getragen, seit ich den High School Sport hinter mir gelassen habe und dass ist schon eine ganze Zeitlang her. Aber auch jetzt schließe ich weiterführende Überlegungen kategorisch aus. Sie würden nur in Ratlosigkeit und Verzweiflung, vielleicht auch einer Panik enden. Und ich brauche meinen Verstand, wenn ich der Sache auf den Grund gehen will.

Der Hotelflur liegt im Halbdunkel, die altersschwache Flurbeleuchtung schafft es kaum, auch nur für eine halbwegs akzeptable Beleuchtung zu sorgen. Hinter den meisten Türen höre ich eindeutige Geräusche. Ich bin im vierten Stock, nehme die Treppe nach unten. Zwei spärlich bekleidete Mädchen begegnen mir, sie kichern und rufen mir was zu. Aber ich reagiere nicht.

An der Rezeption steht zwar ein angeschalteter PC, aber es ist niemand zu sehen. Ich habe sowieso nicht vor, mich irgendwie abzumelden und laufe einfach weiter, hinaus auf die Straße. Es schneit noch immer. Hinter verschiedenen Fenstern blicken Weihnachtsmänner, Lichterbögen und Sterne. Weihnachten. Die Kälte fährt mir unangenehm durch den Sweater, ich bin viel zu dünn angezogen. Es sind zum Glück nur wenige Schritte bis zur nächsten U-Bahn und ein paar Minuten später weiß ich, wo ich bin. Ein beruhigendes Gefühl. Ich brauche über eine Stunde, um nach Hause zu gelangen. Mangels Geld kann ich mir kein Taxi leisten und muss den letzten Kilometer zu Fuß gehen. Ich wohne in einer ziemlich guten Wohngegend. Der Bungalow, den ich vor zwei Jahren gemietet habe, liegt am Ende einer ruhigen Straße. Ein kleiner Zaun umgibt das Grundstück. Dicker Schnee bedeckt den Vorgarten. Und obwohl ich nicht viel von den Bäumen und Sträuchern sehe, habe ich das Gefühl, dass der Garten in den letzten Wochen nicht sonderlich gepflegt wurde. Die Äste sind ungleich lang, die Hecken nicht akkurat begradigt. Die Rollläden sind alle geschlossen.

Da ich die ganze letzte Stunde erfolgreich jede Überlegung beiseitegeschoben habe, mache ich mir auch jetzt keine weiteren Gedanken. Drinnen im Haus wird sich alles klären. Ganz sicher. Also gehe ich um das Haus herum; der Schlüssel liegt wie eh und je zwischen zwei Ziersteinen, die zur Balkoneinfassung gehören. Er passt zur Hintertür. Die Luft drinnen ist stickig, es muffelt abgestanden. Unbewusst trete ich langsam ein. Komme mir irgendwie fremd vor, obwohl alles so ist, wie ich es in Erinnerung hatte. Mit einem Klacken fällt die Tür hinter mir zu. Meine Hand sucht den Schalter für die Rollläden. Ich finde ihn, drücke darauf und die Läden heben sich mit einem leisen elektrischen Brummen. Langsam gehe ich durch das Wohnzimmer. Es wirkt aufgeräumt wie immer. Die große Wanduhr mit Edelstahlelementen steht still und zeigt 12:45 Uhr. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Mit dem Fingern berühre ich den Fernseher. Eine dicke Staubschicht. Fast schon fluchtartig renne ich aus dem Wohnzimmer, durch den schmalen Flur in die Küche. Der Rollladen rastet mit einem kurzen Quietschen ein. Die Luft ist genauso stickig wie im Wohnzimmer. Auf der Anrichte Staub. Mir wird klar, und ich kann den Gedanken nicht mehr unterdrücken, dass ich schon ewig nicht mehr hier.

Ja, es war Sommer... Sommer! Mit diesem Gedanken sacke ich verzweifelt rücklings gegen den Küchenschrank. Ich lasse mich langsam nach unten rutschen. In diesem Moment schlägt eine Kugel über mir ein. Sie bricht durch die Tür des Küchenschranks, Gläser zerbersten im Innern. Ich zucke zusammen und werfe mich auf dem Boden. Meine Reaktion erfolgt völlig automatisch, als ich hätte die Situation schon mehrmals erlebt oder in Gedanken genau durchgespielt. Sofort robbe ich zur Tür, ziehe dabei die Smith & Wesson aus dem Hosenbund. Von der Küche komme ich ins Esszimmer, in den Flur und in eine Abstellkammer. Ich weiß, dass ich durchs kleine Fenster der Abstellkammer hindurch passe, aber ich weiß nicht, was mich im Freien erwartet. Zu gefährlich. Also robbe ich durch die Tür ins Esszimmer, achte dabei darauf, kein Geräusch zu machen. Sachte drücke ich mich an der Wand entlang zur Flurtür. Falls jemand in das Haus eindringt, muss er durch den Flur kommen, idealerweise kennt er den Grundriss Hauses nicht und vermutet mich noch immer in der Küche. Vorsichtig luge ich um die Ecke. Nichts. Meine Halsschlagader pocht im Rhythmus meines hämmernden Herzens. Ich packe die Waffe fester, werfe nochmal einen Blick in den Flur. Immer noch nichts. Dreimal hole ich tief Luft, dann renne ich in den Flur, suche Schutz hinter der Garderobe, kurze Pause, ein Blick. Ich presche zur kleinen Kommode, die mir nur dürftig Deckung bietet, von dort aus bin ich schnell an der Haustür. Presse mich auch dort zuerst gegen die Wand, versuche verdächtige Geräusche auszumachen. In diesem Moment reißt ein dunkel gekleideter Kerl die Tür auf. Er hält genau wie ich eine Pistole in der Hand.

Reflexartig hole ich aus und schlage ihm meine Waffe gegen die Schläfe. Mein Gegner hat mit diesen Angriff nicht gerechnet, er taumelt zur Seite. Ich schlage nochmal zu und er bricht zusammen. Regungslos bleibt er liegen. Erst jetzt bemerke ich, dass ich zwar zittere, aber mehr von der Anspannung als vor Angst oder Unsicherheit. Die Sache ging verdammt routiniert über die Bühne. Verdammt ... ich wische mir mit dem Rücken der rechten Hand, in der ich noch immer die Waffe halte, über das Gesicht. Dann entwaffne ich den Kerl, taste auch Jacke und Hosenbund ab. 

Mit schnellen Schritten verlasse ich mein Anwesen. Der Schnee knirscht unter meinen Füssen. Ich renne. Immer schneller. Spüre nicht die Kälte, die sich durch meine dünne Bekleidung frisst. Dort wo die Seitenstraße die Hauptstraße kreuzt, ist ein Polizeirevier. Die haben zwar meist nur mit Falschparkern und abendlicher Lärmbelästigung zu tun, aber Polizei ist Polizei. Endlich erreiche ich den langgezogenen Bungalow. Nach Luft schnappend halte ich inne, bemerke sofort die Kälte, die mit kalten Fingern nach mir greift. Ganz unwillkürlich stütze ich mich an der Wand ab. Irgendwie hat die kalte Steinwand was Beruhigendes. Als sich mein Atem beruhigt und ich vor Kälte mittlerweile schlotternd in das Revier hineingehen will, fällt mein Blick auf das Plakat das von innen gegen das große Fenster geklebt ist.

Mein Konterfei blickt mich an. Ich werde gesucht.