File 1: stories/18/701.txt
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Die Wärme in dem Kaffeehaus, gepaart mit der urigen Atmosphäre, entspannt mich.

„An was erinnerst du dich?", fragt mich William während er sein Bier in Empfang nimmt, das die Kellnerin mit einem angewiderten Blick überreicht. Sie findet es offensichtlich viel zu früh für ein Bier.

„Woah.. eklig, wie kannst du nur um diese Uhrzeit ein Bier trinken?" Angewidert rümpfe ich die Nase. Ich meine es zwar ernst, aber ich reagiere bewusst so übertrieben, um den Blonden zu necken.

„Warum nicht? Wieso stört dich das?" Er ist plötzlich ganz nah vor mir. Spannung liegt in der Luft. Ich schlucke hart.

„Träumst du?" William schnippt vor meiner Nase mit den Fingern. Ich zucke erschrocken zusammen und bin wieder an dem Tisch in dem Kaffeehaus, aber ich gehe nicht auf seine Frage ein.

„Also was ist los?", frage ich stattdessen.

„Kannst du dich an den Mallone-Fall?" Mallone-Fall. Nie gehört. Und doch zieht sich mein Magen zusammen. Sollte ich den Fall kennen? Reagiert mein Unterbewusstsein. Ich schüttele den Kopf.

„Du hast Mallone verteidigt. Üble Sache. Eigentlich ..."

„Eigentlich", fahre ich völlig mechanisch fort. „Hatten wir keine Chance. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Zeugin..."

Wortfetzen. Gesichter. Die Zeugin. Ein junges Mädchen von sechszehn Jahren. Selbstsicher, aufgeweckt. Mallone. Ein gutaussehender Mittvierziger, verheiratet mit einer körperlich schwer behinderten Frau, die er liebevoll versorgte. Vater von vier Kindern. Und Auftragsmörder der Mafia. So kalt wie ein Gletschersee nach der Schneeschmelze. Er hatte zwei Gesichter. Das Familiengesicht, wie ich es nannte, und das Jobgesicht, das mehr einer eisigen Fratze glich.

Die Kellnerin bringt das Frühstück, ich bin so in Gedanken, dass ich den Orangensaft umstoße. Obwohl es nicht ihre Schuld ist, entschuldigt sich die Kellnerin wortreich. Ich nehme es zwar wahr, höre die Worte aber nicht, registriere nur, wie William mit einer Serviette die orangefarbene Pfütze auf dem Tisch trocknet.

William blickt mich hoffnungsvoll an. „Du erinnerst dich?"

Ich reagiere nicht. Ja, die Zeugin - eines Tages war sie tot. Überfahren. Fahrerflucht. Alkoholisiert sei sie gewesen. In diesem Alter. Hatte das junge Mädchen überhaupt eine glaubwürdige Zeugin dargestellt?

„Du hast sie überfahren!" Angewidert blicke ich den großen Mann mit den dunklen Haaren und den noch dunkleren Augen an. Ich sehe nur ihn. Sonst nichts. Alles andere ist weg. Nur er ist da.

„Na und?" Der Dunkle zuckt mit den Schultern. Die Gleichgültigkeit erschüttert mich. Ich kann glaubhafte Zeugen demontieren. Ich kann wahrheitsgemäße Aussagen in zweifelhaftes Licht ziehen. Ich kann auch Menschen Angst einjagen. Aber ich überfahre keine Kinder.

In mir gibt es eine Grenze, die mein Gegenüber nicht hat.

Als hätte William meine Gedanken erraten, sagt er: „Angel. Dein Ex-Freund hat die Zeugin in Manners Auftrag umgebracht."

Ich bemerke die seltsame Betonung des Wortes „Ex-Freund". Ich beginne zu essen. Meine Hände belegen einfach das Brötchen mit Wurst und Gurke. Eigentlich halte ich mich ganz gut, finde ich. Aber das täuscht wohl, denn William wird neben mir immer unruhiger.

„Wir fahren ins nächstbeste Krankenhaus."

„Nein", meine Antwort erfolgt mechanisch.

„Du hast eine Amnesie ... das muss untersucht werden ...", höre ich William.

„Nein, nein", wieder schüttele ich den Kopf. Langsam, so langsam wie sich meine Erinnerung aus dem Dunkel quält.

Ich hatte das nicht hinnehmen können, nicht abtun können. Nur ein Mal hatte ich das Mädchen in einer Verhandlung befragen dürfen. Ich hatte sie bewundert. Sie war nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, aber sie sagte aus. Sie hatte keine Angst. Und bezahlte ihre Furchtlosigkeit mit dem Leben.

„Was war danach? Als ich bei euch war?" Mir ist klar, dass der Blonde beim FBI ist. Dazu brauche ich nicht unbedingt meine Erinnerung.

„Du hast uns telefonisch kontaktiert. Ein Kollege war zuerst deine Kontaktperson. Du hast Manners...."

„... ausspioniert." Da ist sie, die Erinnerung, zumindest dieser Teil davon. Wie helle Blasen tauchen Erinnerungsfetzen auf, nicht zusammenhängend, aber wenigstens lassen sie einen Zusammenhang herleiten.

Wütend und enttäuscht war ich. Hatte spät abends, als alle schon gegangen waren die Tür zu Manners Büro mit einem Diedrich geöffnet und den Raum durchsucht und genug gefunden. Hatte alles abfotografiert und ans FBI geschickt.

Danach wieder Dunkelheit. Wie mir Manners auf die Schliche kam, weiß ich nicht mehr. Ich war irgendwie weg. Mit ihm. Mit dem Blonden neben mir. Wo? Weiß ich nicht mehr.

Gleißende Sonne. Der Schweiß steht mir auf der Stirn. Ich stehe auf der Terrasse des Apartments, in dem ich untergekommen bin. Zwischen Korbstühlen und Kübelpflanzen. Plötzlich ist er da - Angel. Keine Ahnung wie er mich gefunden hat, aber das ist auch sein Job. Seine starre Miene jagt mir einen Schauer über den Rücken. Ich weiß, er wird mich umbringen, aber das ist mir egal. Wir haben uns geliebt. Ich habe ihn geliebt. Ich kann mich noch genau erinnern, als ich ihn das erste Mal sah. So verdammt gutaussehend in seinem schwarzen Anzug. Und immer an Manners Seite. Auf einer Weihnachtsfeier sind wir ins Gespräch gekommen. Naja, das Gespräch war einseitig. Angel redete nie viel.

Ich schmunzele unbewusst.

Wir waren noch am selben Abend einen Stock tiefer in einem Büro gelandet. Und es blieb nicht bei diesem Abend. Wir wurden ein Paar. Ein Gefühl, als wär ich am Ziel meiner Träume. Erfolgreicher Anwalt, viel Geld, schickes Haus und fester Freund.

„Ich war so enttäuscht..."

„Enttäuscht?" William beugt sich vor, um besser hören zu können. Ich habe leise gesprochen. „Wir sollten dich in ein Krankenhaus bringen."

„Ich brauche kein Krankenhaus."

„Du siehst nicht besonders gut aus und ich habe keine Ahnung, wie sich so eine Amnesie auswirkt."

Endlich beiße ich in das Brötchen, das ich die ganze Zeit in der Hand halte. „Ich habe keine Amnesie", ich bin mir plötzlich sicher. „Ich habe einen Blackout."

Einen Blackout, weil ich an jenem Tag Angel erschossen habe. Er hätte mich getötet, ich habe mich nur gewehrt. Macht es nicht besser. Weggerannt bin ich. Ich bin mir nicht sicher, ob Manners auch da war, oder ob ich nur glaube, dass er da war, weil er die Wurzel des Übels zu sein scheint. Ist egal. Ich war weggerannt. Und hatte mich verkrochen. Irgendwo in einer Absteige. Vielleicht nicht gleich, das weiß ich nicht, aber irgendwann zwischen Sommer und heute.

Ich versinke wieder in Gedanken. Was war gewesen zwischen Sommer und jetzt? Nur grauer Nebel, da unvermittelt ...

„Es stört mich beim Küssen...", die Worte kommen einfach so über meine Lippen.

„Was?" William beugt sich wieder vor. Seine blauen Augen sind durchdringend.

Ich werde rot, blicke verlegen zur Tür.

„Es stört mich beim Küssen, wenn du morgens schon Bier trinkst."

Meine Augen fixieren die Tür. Und das Schlimmste was eigentlich noch kommen kann, passiert. Die Tür geht auf. Ein Mann im grauen Anzug tritt ein, begleitet von vier Bodyguards. Einer gehört zu den beiden Männern aus dem Wagen, der uns gerammt hat.

„Scheiße! Runter!", flüstere ich gepresst. William reagiert sofort und duckt sich, wir rutschen unter den Tisch.

„Das ist Manners Bruder!", raunze ich dem Blonden zu.

„Manners hat keinen Bruder!"

„Keinen echten Bruder. Die Frau seines Vaters starb als Manners noch ein Kind war. Das ist der Sohn der Lebensgefährtin des Vaters. Sie wuchsen wie Brüder auf."

„Woher weißt du das?", William robbt vorsichtig vor und lugt um das Tischbein. Wir sind gut geschützt, durch eine Blumenbank, so können wir im Moment nicht entdeckt werden.

„Firmengeschichte. Jeder weiß das. Er heißt John Wolfram."

„Wie Wolfram & Hart?"

„Ist sein Uropa oder sowas."

„Scheiße", flucht jetzt auch der Blonde. Die Vierergruppe hat sich an einen Tisch gesetzt. Unser Verfolger berichtet Wolfram. Jetzt kommt die Kellnerin aus der Küche, sie blickt zum Glück nicht in unsere Richtung und bemerkt so unser Fehlen nicht.

„Hinten raus", William zeigt mit dem Kinn auf die Tür. Ich nicke. Langsam gleiten wir wieder nach oben zurück auf unsere Stühle, mit dem Rücken zur Gruppe, stehen auf und gehen zur Tür. Hinter uns regt sich nichts, alles bleibt ruhig. Erleichtert atme ich durch, als die Tür hinter uns zuklappt. Wir stehen in einem schmalen Flur mit abgewetzten Fliesen und Wänden, die dringend einen neuen Anstrich benötigen. Nach rechts geht es zu den Toiletten, nach links unten führt eine Treppe. Der Flur passt besser in dieses Viertel als das gediegene Kaffeehaus. William schlägt den Weg nach rechts.

„Warte", ich halte ihn an der Schulter auf. „Ich kriegs nicht ganz zusammen ... Ich habe Manners an euch ausgeliefert und dann meinen Freund erschossen ...?"

William beißt sich kurz auf die Lippen, er wirkt genervt. „Wir sollten hier erst mal verschwinden ...", dann spricht er aber doch weiter. „Es sind keine Beweise, eher Hinweise. Hängt alles von deiner Aussage ab. Manners hat seinen besten Mann auf dich angesetzt ... das FBI hat Personenschutz für dich organisiert. Okay? Der Rest kannst du dir ja denken."

Er betont den letzten Satz irgendwie komisch und blickt bewusst an mir vorbei. Ich verstehe plötzlich warum. „Hatten wir was miteinander?", frage ich einfach frei heraus.

Keine Antwort von William, stattdessen läuft er los. „War es was Ernstes?", ich eile ihm hinterher. Er bleibt stehen, ist jetzt wirklich genervt und wohl auch peinlich berührt.

„Keine Ahnung, okay? Du warst mies drauf und wir waren auf der Flucht."

Wir sind in diesem Moment beide auf uns selbst konzentriert. Achten nicht darauf, dass die Tür aufgeht und ein Mann den Gang Richtung Toiletten auf uns zukommt. Nur wenige Sekunden in denen die Aufmerksamkeit fehlt und in denen ein Schuss fällt. William reagiert noch, stößt mich weg. Ich falle und reiße den Blonden mit nach unten. Der ist wirklich schnell und hat auch schon seine Waffe gezogen und seinerseits auf den Mann im dunkeln Anzug geschossen. Er trifft ihn in der Brust.

„Los da rein!", William zieht mich hoch und wir stolpern in die Damentoiletten. Zunächst ist da ein Vorraum mit Waschbecken, dessen Armaturen dicke Trauerränder haben. Alles wirkt ungepflegt und ziemlich abstoßend. Drei Kabinen gehen nach hinten weg. Kein Fenster, kein Fluchtweg. In der Ecke steht altes, sicher selten genutztes Putzzeug und allerlei Gerümpel. Immerhin stehen dort ein paar alte Stühle, die ich aufeinandergestapelt unter die Türklinge klemmen kann.

„Ziemlich wackelig, hält nicht lange", presst William gequält hervor. Er ist bleich, Schweißperlen glänzen auf seiner Stirn.

„Du wurdest getroffen!", entfährt es mir entsetzt. William linke Hand krampft sich um seine rechte Schulter, Blut quillt zwischen den Fingern hervor. Mit der rechten Hand stützt sich der Blonde auf dem Waschbecken ab. „Geht gleich wieder."

Auf dem Flur sind Stimmen zu hören.

Ich hoffe, dass sie zunächst davon ausgehen, dass wir uns nicht ausgerechnet in die Damentoilette geflüchtet haben.

„Zeig mal", ich schiebe Williams linke Hand von der Schulter, öffne die oberen Knöpfe des roten Hemdes auf und schiebe es so zur Seite, dass ich die Schusswunde sehen kann. Sie blutet, aber nicht so stark wie ich befürchtet habe.

„Die Kugel muss drinstecken", murmele ich. „Das ist erst mal gut, dann ist die Gefahr geringer, dass du verblutest."

„Wie beruhigend, Doc", antwortet der Blonde ironisch. Ich rieche sein After Shave und obwohl es keine konkrete Erinnerung weckt, ist mir der Duft vertraut, löst ein wohliges Gefühl in mir aus. In diesem Moment wird die Klinke heruntergedrückt. Wir halten beide die Luft an. Die Tür geht ein wenig auf, dann klemmt der Stuhl. Natürlich wird das registriert.

„Hey! Hierher, die Tür ist zu, aber nicht abgeschlossen!", hören wir eine Stimme.

„Verbarrikadiert?", antwortet eine andere Stimme. Ich frage mich, ob eigentlich niemand den Schuss vorhin gehört hat. Und außerdem liegt eine Leiche auf dem Flur. Jetzt rüttelt jemand an der Tür. Sie wird nicht lange standhalten. Ich ziehe meine Waffe, die noch immer unter dem Sweater im Hosenbund steckt. Wir positionieren uns rechts und links neben der Tür.

Wieder rüttelt es heftig an der Tür. Der Stuhl rutscht weg, die Tür springt auf. Ein Überraschungsmoment, der uns nützt. Während zwei Männer herein stolpern, kann ich bereits Schwung holen und dem ersten mit voller Wucht die Waffe ins Gesicht schlagen. William setzt nach, seine Schlagkraft ist auch mit links ziemlich beeindruckend. Mit einem Aufschrei geht der erste der Angreifer zu Boden. Der zweite hat einen Moment länger Zeit die Situation zu erfassen, er stürzt sich auf mich, packt mich am Unterarm, drückt so die Waffe weg und versucht, mich zu Fall zu bringen. Ich bin überrascht über mich selbst, wie gut ich im Nahkampf bin. Anscheinend habe ich in den letzten Wochen oder Monaten viel trainiert. Ich ringe meinen Gegner nieder, kann ihn zu Fall bringen. Aus den Augenwinkeln sehe ich jedoch, wie der andere am Boden ein Messer zieht. Ich will noch rufen, aber ich bin zu langsam. Der Kerl streckt sich um rammt William sein Messer in den Oberschenkel. Mit einem Aufschrei geht William nun zu Boden.

„Genug!" Erschrocken fahre ich herum, lasse von meinem Gegner ab. John Wolfram steht in der Tür. Eine Waffe schussbereit erhoben. „Ist das deine Art, dich bei meinem Bruder zu bedanken?"

Wir kennen uns nicht persönlich. Natürlich weiß er mittlerweile, wer ich bin und dass ich weiß, wer er ist, ist eigentlich selbstverständlich.

„Warum bist du wieder aufgetaucht? Du wärst besser in der Versenkung geblieben!?"

William windet sich am Boden. Das Messer steckt noch in der Wunde.

„Er muss ins Krankenhaus!"

„Liegt an dir." John Wolfram lächelt kalt. Ich bin für den Moment mit der Situation überfordert. Es ist Absicht, dass das Messer noch steckt. Der Kerl hat die Schlagader getroffen, wenn sie das Messer heraus ziehen, wird William verbluten. Williams Atem wird flacher, während meine ohnehin schon wirren Gedanken Achterbahn fahren.

„Ich kann mich sowieso an nichts erinnern", sage ich dann. Mir bleibt keine andere Wahl und außerdem ist das sogar eine ziemlich wahrheitsgemäße Antwort.  

„Will ich hoffen." John Wolfram lässt die Waffe sinken, nickt einem seiner Männer, die sich beide wieder aufgerichtet haben, zu. Der zieht ein Handy aus der Tasche und wählt den Notruf.

„Manners hat dich immer gemocht. Ich weiß, dass er deinen Tod bedauern würde. Aber ich verspreche dir, wenn du dich nicht an unsere kleine Übereinkunft hältst, bringe ich dich und deinen blonden Beschützer um. Wir werden euch finden."

Ich nicke.

Sie verschwinden lautlos und blitzschnell, sammeln zuvor ihren toten Kollegen auf und schleifen ihn aus der rückwärtigen Tür. Zurück bleibe ich mit William, allein in dem schmutzigen Bad nach einem völlig chaotischen Tag. Die Kopfschmerzen sind auf einmal wieder da, mir wird übel und ich muss mich auf die dreckverkrusteten Fließen übergeben.

‚Macht den Fließen auch nichts mehr aus‘, geht mir durch den Kopf. An was für komische Sachen man doch in einem solchen Moment denkt. Dann will ich mich um William kümmern, schaffe es aber nicht, mich zu hin zu bewegen. Mir wird schwarz vor Augen, ich spüre nicht einmal mehr wie ich auf dem Boden aufschlage.

 

Epilog

Heute ist die Verhandlung. Sie wird ergebnislos abgebrochen werden. Wie ich inzwischen weiß, taugen die Unterlagen ohne meine belastende Aussage nichts. Große Teile meiner Erinnerung sind wiedergekommen und mit ihr auch der Schmerz. Der Schmerz, meinen Arbeitsplatz verloren zu haben. Meine Eltern haben kaum Geld, ich habe mich in der Stadt durchgeboxt, mir mein Studium hart erarbeitet. Der Job bei Wolfram & Hart war die Belohnung meiner Mühen gewesen. Meinen Freund habe ich in Notwehr erschossen. Dieser Schmerz sitzt tiefer als alles andere, höhlt mich von Minute zu Minute immer mehr aus. Ich blicke aus dem Fenster des Krankenhauses. Es schneit schon wieder. Morgen ist Weihnachten. Wenn ich mich richtig erinnere, hatten Angel und ich im Frühjahr davon gesprochen, dass er mich zum Fest nach Hause begleitet. Das klang so normal. So verdammt normal. Und dabei war ein eiskalter Killer, der mich ermordet hätte. Hätte er es wirklich getan? War ich nur schneller gewesen, weil er gezögert hatte?

Mein Handy klingelt. Es ist eigentlich verboten im Krankenhaus, aber ich habe es angemacht, warum auch immer. Die Nummer kenne ich nicht, aber ich gehe ran. „Ja?"

Es klopft, fast gleichzeitig geht die Tür auf. William hinkt hinein, lehnt sich an die Wand, um das Bein zu entlasten.

„Ich kann jetzt nicht sprechen", sage ich. „Aber ich danke Ihnen für das Angebot."

Ich drücke die rote Taste. Das Gespräch ist beendet.

„Darfst du schon aufstehen?", frage ich.

„Ist eh egal. War eh alles umsonst."

„Ich kann mich nicht erinnern", beharre ich und zucke die Achseln.

William verzieht verächtlich die Mundwinkel. „Du bist ein schlechter Lügner. Und ich dachte, morgen, an Weihnachten, wäre alles vorbei."

„Ist es auch."

„Nein", William schüttelt den Kopf. „Die Jagd auf Manners geht von vorne los."

Ich halte inne. Es ist irgendwie seltsam, ihm gegenüber zu stehen. Ich bin froh, dass ich vorgebe, mich weiterhin an nichts erinnern zu können. Ich kann mich ganz genau an die einsamen Nächte erinnern.

„Tut mir leid." Ich meine es ehrlich.

Jetzt zuckt William mit den Achseln, er öffnet die Tür zum Gehen, dreht sich jedoch noch einmal um. „Und der Anruf eben?"

„Familie", lüge ich. William geht einfach nach draußen. Das Klicken mit dem die Tür ins Schloss schnappt, klingt kalt und abweisend. William hat eine ziemlich gute Intuition. Er weiß, dass das Manners war, der sich bedankt hat, dass ich einen Rückzieher gemacht habe. Der mir meine alte Stelle angeboten hat. Mir ist bewusst, dass mich Manners so im Auge behalten will. Ich weiß zu viel. Aber für mich ist einfach nur eine Chance, nochmal anzufangen. Ein Geschenk von mir an mich.

‚Frohe Weihnachten‘, murmele ich gedankenverloren und wünsche es auch William. So verwerflich meine Entscheidung auch sein mag, immerhin hängt Williams Leben davon ab.

Ende!