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Kommentar:

Storypic: SilentThunder

Anmerkung der Autorin: Alle Charaktere und Elemente gehören mir und dürfen ohne meine Erlaubnis nicht weiterverwendet werden.

Es besteht keinerlei Bezug zu realen Personen, sollte es Ähnlichkeiten geben waren diese nicht beabsichtigt.

Beitrag zu silverbirds Adventkalender 2011

 

  

Der Tag, an dem ich Saint-John Grave wieder sehen würde, war ein glasklarer, frostiger Tag im Dezember. Die Heizung des Polizeiwagens lief auf Hochtouren und langsam wärmten sich unsere durchfrorenen Glieder auf.

„Scheiß Demo", fluchte Rose, meine langjährige Partnerin. „Ich bin total durchgefroren!"

„Und ich erst! Im Gegensatz zu dir besitze ich keine wärmende Schicht", frotzelte ich, während ich mit der linken Hand das Lenkrad hielt und die rechte gegen die Lüftung in der Mittelkonsole hielt. Rose war eine korpulente Mittfünfzigerin. Wir waren schon seit Jahren gemeinsam auf Streife, verstanden uns sehr gut und sie wusste, dass ich es im Spaß meinte.

Sie grinste breit. „Ein bisschen mehr würde dir nicht schaden, Tarzan."

Wir waren auf dem Rückweg von einem Einsatz bei einer Demo, die nach friedlichem Beginn aus dem Ruder gelaufen war. Zuerst stundenlanges Stehen in eisiger Kälte, dann Straßenschlacht mit völlig Ausgeflippten. 205 Festnahmen, drei gebrochene Arme, mehrere blaue Augen, Gehirnerschütterungen und unzählige blaue Flecken auf beiden Seiten. Rose und ich hatten zum Glück nichts abbekommen.

Als das Funkgerät knackte, sackten wir beide in uns zusammen. Manchmal hört man schon am Knacken, dass es keine gute Nachricht sein wird. Großeinsatz in Downtown, Banküberfall mit Geiselnahme, alle verfügbaren Einheiten hatten sich sofort hinzubegeben. Feierabend ade. Wir waren nicht in unmittelbarer Nähe. Trotz Blaulicht würden bestimmt 15 Minuten benötigen, je nachdem wie verstopft die Innenstadt war. Der Verkehr kollabierte sicher bereits auf Grund der zu vermutenden Straßensperren.

Ich seufzte.

„Wegen dem Einsatz oder wegen der Tatsache, dass du dort ganz sicher Saint-John begegnen wirst?"

„Wegen beidem. Aber mehr wegen Saint-John." Ich war ehrlich. Rose war nicht nur Job-Partnerin, sie war mir auch eine treue Freundin.

Saint-John und ich arbeiteten zwar auf der gleichen Dienststelle, doch er war Captain und ich nur ein einfacher Officer. Und da er nicht mein direkter Vorgesetzter war, war es ein Leichtes, ihm aus dem Weg zu gehen. Mein Schichtdienst tat sein Übriges dazu.

„Elliot, tu dir selbst einen Gefallen und vergiss den Kerl. Saint-John nimmt nichts und niemanden ernst. Es ist besser so."

Saint-John war der Held auf dem Revier. Ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Seine Geschichten, als er noch als Officer auf der Straße Dienst schob, waren geradezu legendär. Ihm gelang alles. Er war ein Casanova, stand auf Männer und Frauen, hatte zahlreiche Bettgeschichten. Aber er gehörte zu der Sorte Kerl, bei dem man so was toll fand. Niemand wagte es auch nur ein negatives Wort über ihn zu verlieren. Zumindest laut. Gebrochene Herzen und verletzte Nebenbuhler hatte Saint-John sicherlich einige hinterlassen.

Bis zu dem Sommerfest vor einem halben Jahr kannte ich Saint-John nur vom Sehen. Hier und da mal ein Zunicken in der Kantine. Mehr nicht. Bis zu besagtem Sommerfest, wir saßen in einer lustigen Runde, das Bier schmeckte, wir lachten ziemlich viel. Je später die Stunde, desto kleiner wurde die Gesellschaft und als der nächste Morgen graute, lösten wir die Runde auf.

„Ich würde dich Samstag gerne zum Essen einladen", sagte Saint-John, als ich an meinem Wagen angekommen war und mich gerade mit einem lässigen Gruß verabschieden wollte. Er lächelte. Seine dunkelbraunen Augen funkelten in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne.

Meine Müdigkeit war wie wegblasen. Ich lächelte zurück. Überrascht, aber nicht abgeneigt. Ganz im Gegenteil. Am Samstagnachmittag schickte er mir eine SMS, in der er um Anzug und Krawatte bat. Den restlichen Nachmittag konnte ich kaum noch stillsitzen. Aufgeregt tigerte ich in der Wohnung auf und ab.

„Pass auf!", kreischte Rose neben mir und ich war wieder in der Gegenwart. Trat hart auf die Bremse. Ein Autofahrer hatte uns trotz Blaulicht und Martinshorn weder gesehen noch gehört und war auf unsere Spur gezogen. Ich hupte empört. Das Auto machte einen Schlenker zurück auf seine Spur.

„Lern mal Autofahren!", brüllte Rose, als ich wieder Gas gebend an dem Auto vorbei sauste.

Meine Gedanken jedoch waren schon wieder weit weg. Der wundervolle Abend. Das Restaurant, das Essen, alles war fantastisch gewesen. Wir verstanden uns prima und im Nachhinein musste ich mir eingestehen, dass ich mir schon an dem Abend in Saint-John verliebt hatte. Saint-John hielt sich jedoch vornehm zurück. Kein Annäherungsversuch. Aber es war dennoch klar, dass es sich nicht um ein Essen unter Kumpeln handelte. Er war einfach unerwartet höflich. Was ich schätzte. Plumpe Anmache erlebte man einfach viel zu oft. In dieser Woche gingen wir jeden Abend aus. Saint-John verkehrte in ausgesprochen ausgesuchten Lokalen, nahm mich in Szene-Discos. Ich genoss die Woche, aber meine innere Spannung stieg. Noch immer hielt sich Saint-John zurück. Bald würde ich auf die Mittagsschicht wechseln und danach hatte ich die bescheuerte Zwischenschicht, so dass ich mich nicht ohne weiteres mit Saint-John würde verabreden können. Ich bekam regelrecht Angst, dass wir in einer Art undefiniertem Zwischenzustand verharren würden.

„Saint-John ist ein Windhund, Elliot! Der hatte doch schon was mit dem halben Revier!" Rose erriet meine Gedanken. Sie wiederholte sich. Ich musste nicht extra erwähnen, dass sie keine hohe Meinung von Saint-John hatte.

„Saint-John hat auch eine andere Seite." Ich sprach stockend, da ich mich auf den immer dichter werdenden Verkehr konzentrieren musste. „Er liest abends gerne auf der Couch, er mag alle Bücher, die ich auch mag, es..."

„Junge." Ross berührte mich kurz sachte am Arm. „Lass gut sein. Egal wie. Es ist aus. Du musst drüber wegkommen."

Sie hatte Recht. Rose hatte schlicht und ergreifend Recht. Es war vorbei. Nach knapp vier Monaten hatte Saint-John mit mir Schluss gemacht. Ich biss mir auf die Lippen. Ich beneidete Rose. Sie und ihr Mann Alfred hatten mit knackigen achtzehn Jahren geheiratet, hatten zehn Kinder, von denen zwei mittlerweile selbst Kinder hatten. Alfred hatte mit dreißig Jahren einen schweren Autounfall, seitdem war er in Rente und betreute die Kinder, während Rose in Vollzeit arbeitete. Sie waren glücklich.

„Du findest jemanden." Manchmal war ich wirklich der Überzeugung, dass Rose Gedankenlesen konnte. „Du musst dich jetzt mal selbst am Schopf packen und dich aus deinem Emotionssumpf rausziehen, okay?"

Ich nickte, wenn auch nicht mit großer Überzeugung. Wir waren da. Umkurvten die erste Absperrung und parkten direkt hinter zahlreichen anderen Dienstwagen. Ich stieß die Tür auf. Minus zehn Grad fraßen sich sofort in die Gesichtshaut. „Scheiße ist das kalt!" Mein Atem gefror in der kalten Luft. Im Kofferraum holten wir unsere gerade erst abgelegten Schusswesten hervor, legten sie wieder an und trabten dann die Straße entlang nach unten. Die Front der Bank war umrundet von einer Kette aus Streifenwagen. Hinter geöffneten Türen kauerten die Cops. Die Waffen waren gezogen. Es roch nach abgefeuerter Munition. Es hatte eindeutig einen Schusswechsel gegeben. Wir schlugen einen Sicherheitsbogen.

„Hey!" Sergeant Miller, unser direkter Vorgesetzter, winkte uns zu sich. Gebückt liefen wir zu dem Wagen.

„Banküberfall. Die Täter sind gewaltbereit und haben Geiseln genommen. Eben wurde geschossen."

„Wer hat das Kommando?", fragte ich und meinte damit, wer den Einsatz leitete.

„Der Indianer."

‚Der Indianer‘ war natürlich nur ein Spitzname. Der Indianer war etwa in meinen Alter. Seine Mutter war eine echte Navajo-Indianerin, sein Vater war in der Lokalpolitik eine Größe. Dem er ganz offensichtlich seine steile Karriere verdankte. Allerdings hatte ich niemals den Eindruck, der Indianer wäre zu schnell befördert worden. Er machte einen guten Job und eigentlich mochte ich ihn beziehungsweise sein Auftreten. Persönlich kannte ich ihn nicht. Eigentlich mochte ich ihn, bis ich ihn als jungen Kerl auf einem Foto mit Saint-John entdecke. Der Indianer war tatsächlich mit Anfang zwanzig zwei Jahre mit Saint-John zusammen gewesen. Zwei Jahre. Saint-Johns längste Beziehung. Und schon lange vorbei. Dennoch versetzte mir die Vorstellung, dass mein Ex-Freund so lange mit ihm zusammen war, einen Stich.

Ich blickte mich um. Hinter uns, abgeschirmt durch einen kastenförmigen Einsatzwagen erkannte ich den Indianer, Captain Lilly Vernice und zwei andere Captains die ich nur vom Sehen kannte. Und Saint-John. Sie diskutierten. Mein Blick blieb an Saint-John hängen, obwohl er den unförmigen Polizei-Parka trug, glaubte ich, seine gute Figur deutlich zu erkennen. Die breiten Schultern, die muskulöse Brust, seine durch Hanteltraining gestärkten Arme.

Ich kann mich noch genau an den ersten Kuss erinnern. Als wäre es gestern gewesen. Die Woche mit der Frühschicht war vorbei und ich hatte Mittagsschicht. Meine Laune war im Keller. Immer wieder hielt ich das Handy in der Hand, um Saint-John anzurufen. Ganz ehrlich? Ich traute mich nicht. Was wenn ich für ihn nur ein Zeitvertreib gewesen war? Und dann doch nicht sein Fall gewesen war? Ich wollte nicht gefühlsduselig erscheinen. Rose erklärte mich nach zwei Tagen, in der ich ihr immer wieder mein Leid geklagt hatte, für verrückt. Und dann kam der Mittwoch. Genaugenommen war es schon Donnerstag. Müde von der Schicht zurück wollte ich mir nur noch schnell ein Bier aus dem Kühlschrank holen, als es an der Tür klingelte. Bestimmt die Nachbarin, die mir ein tagsüber angenommenes Paket bringen wollte. Sie war schon um die achtzig, schlief meistens schlecht und klingelte durchaus öfters so spät oder so früh. Wie man es sehen wollte.

Aber es war Saint-John.

„Hey", entfuhr es mir verblüfft.

Saint-John schloss ohne Umschweife zu mir auf, schob mich mit seinem Körper aus dem Türrahmen zurück in die Wohnung. Lässig kickte er mit der Ferse die Tür ins Schloss. Betörend roch er nach seinem herben Parfum.

„Ich habe dich vermisst, Elliot."

Ganz fest packte mich Saint-John im Nacken und zog mich zu sich heran. Mir entwich ein leises Seufzen. Seine rauen Fingerkuppen prickelten auf meiner Haut. Schmetterlinge, Herzrasen, als sich seine Lippen auf die meinen senkten. Saint-John küsste verdammt gut. „Übung macht den Meister", würde Rose bissig sagen, aber das zählte in diesen Moment nicht. Es gab nur mich und Saint-John. Meine Hände gruben sich in seinen Rücken und zogen ihn noch näher heran. Ich wollte ihn mit jeder Faser meines Körpers fühlen.

„Wurde jemand verletzt?", fragte Rose den Sergeant und holte mich so in die Gegenwart zurück.

„Nein. Es wurde zweimal wahllos in die Menge geschossen. Als eine Art Warnung vielleicht?" Der Sergeant zuckte die Achseln. „Wir wissen nicht, wie viele Menschen aus der Bank noch nicht drin sind und wie viele die Typen als Geiseln genommen haben." Während Miller sprach, verlagerte er sein Gewicht von einem auf das andere Bein. Er fror. Wie alle hier. Mit der Dunkelheit wurde die Kälte immer grimmiger. Die Weihnachtsbeleuchtung, die die Straße überspannte, sorgte für Licht. Aber der Rahmen passte nicht. Weihnachtsgefühle waren hier falsch. Zusammengekauert hinter dem Streifenwagen beobachtete ich Saint-John und die anderen. Sie diskutierten noch immer. Saint-John wirkte lässig. So wie er eben immer wirkte. Cool. Die Gruppe wurde größer, zwei Anzugträger kamen hinzu. Der Indianer begrüßte sie mit kurzem Handschlag. Ich kannte sie nicht. Vermutlich irgendwelche Schlauköpfe, die ausnahmsweise mal das Büro verlassen hatten.

Meine Augen hafteten auf Saint-John. Verrückt. Ein lebensgefährlicher Einsatz und ich ertrank in einer Mischung aus Trennungsschmerz und Selbstmitleid. Ich bin kein wehleidiger Typ, der sich am liebsten selbst leidtut. Ich war schlicht und ergreifend nicht über Saint-John hinweg. Jetzt bereute ich es, die Konfrontation im Büro vermieden zu haben. Vielleicht hätte sich schon eine gewisse, bittere Routine eingestellt. Fehlende Konzentration würde ich heute vielleicht mit meinem Leben bezahlen. Ich ballte die Hände zu Fäusten, schmerzhaft riss die von der Kälte gequälte Haut über den Knöcheln auf. Egal. Ich wandte mich ab und beobachtete die Bank. Eine breite Freitreppe führte zur gläsernen Eingangsfront. Alles dunkel. Fensterläden und Vorhänge waren soweit vorhanden geschlossen. Kein Licht dahinter.

In diesem Moment ging im dritten Stock in einem Büro Licht an. Nur einen Moment. Man sah gerade noch wie sich die Gardine bewegte. 

„Runter!", brüllten der Sergeant und ich fast gleichzeitig.