File 1: stories/18/717.txt
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Schüsse knallten, Glas klirrte, Metall verformte sich. Wir pressten uns geduckt gegen den Wagen. Zweifaches Stoßen verriet, dass der Wagen getroffen wurde.

Wieder Stille, wieder der scharfe Geruch abgefeuerter Munition.

„Rose?"

„Alles klar!"

Mein zweiter Blick galt Saint-John. Blickkontakt. Trotz der Entfernung. Mein Herz stockte für einen winzigen Moment, ich schnappte nach Luft. Dann blickte ich zu Miller. Auch er war unverletzt. Jetzt laute Rufe, jede Menge Polizisten rannten geduckt hin und her.

„Die Sergeants zum Indianer", rief plötzlich jemand und Miller verschwand, zuerst auch geduckt, dann aufwärts gehend. Die Gruppe an dem Einsatzwagen wurde größer. Es war eindeutig, dass ein kontroverser Vorschlag diskutiert wurde.

„Nichts Gutes", murmelte Rose, die die Gruppe ebenfalls beobachtete.

Der Indianer beendete die Diskussion mit einer energischen Handbewegung. Kurz darauf war Miller wieder bei mir. „Mitkommen", sagte er nur. Fragend blickte ich zu Rose und zuckte die Achseln.

Ich würde nicht behaupten, dass der Indianer gut aussah. Die Augen standen zu eng beieinander, die Hakennase war eindeutig zu groß. Er erinnerte mich an einen Adler im Sturzflug. Aber er strahlte Ruhe aus. Würde. Man respektierte ihn nicht wegen seines Dienstgrades, sondern wegen seiner Fähigkeiten. Wie nicht anders zu erwarten, hatte er einen Plan, wie die Lage in den Griff zu bekommen war. Die Gruppe um ihn herum war mittlerweile ziemlich groß. Ein paar Jungs von der Emergency Service Unit kannte ich.

Der Indianer hob einen Bauplan des Gebäudes in die Höhe, zwei Captains nahmen ihm den Plan ab und hielten ihn gegen den Van, so dass wir alle mehr oder weniger gut drauf blicken konnten. Ein gigantischer Weihnachtsbaum im benachbarten Schaufenster lieferte tatsächlich halbwegs genügend Licht.

„Wir gehen mit zwei Gruppen rein", erklärte der Indianer sachlich und ohne Umschweife. „Die eine von rechts, die andere von links. Die Tiefgarage hat einen Zugang hinter dem Gebäudekomplex. Dort ist euer Eingang. Die Ausfahrt ist rechts von dem Gebäude, die Einfahrt links. Eine Gruppe - eine Seite. Ihr haltet euch bei der Aus- beziehungsweise Einfahrt dicht an die Gebäudewand, durch die umlaufende Überdachung seid ihr geschützt. Es ist unmöglich diesen Bereich vom Gebäude aus einzusehen."

„Oh du fröhliche", murmelte einer neben mir.

Mit dem Finger markierte der Indianer den Weg auf der Karte. Saint-John stand an der Seite, hörte zu, die Hände in den Jackentaschen vergraben. Bilder in meinem Kopf. Saint-John auf der Couch in meinem Wohnzimmer. Beim Essen in einem der Restaurants, als wir über einen lustigen Zwischenfall auf der Arbeit lachten. Saint-John nackt unter Dusche.

Ich zwang mich, mich auf den Indianer zu konzentrieren.

„Die erste echte Hürde ist der Eingangsbereich. Die Schalterhalle ist offen, gut zu einzusehen, gerade von der Galerie der darüber liegenden Stockwerke. Direkt an der ersten Tür rein, dicht an der Wand halten. Ihr habt Rauchgranaten dabei, falls etwas schiefläuft. Wenn ihr die erste Bürotür auf den Seiten erreicht, habt ihr wieder Deckung. Die Büros haben untereinander alle Verbindungstüren. So bewegt ihr euch  weiter. Alles weitere seht ihr dann. Okay?"

Wir nickten.

„Warum wir vom Streifendienst?", fragte ich und meinte damit mich und drei andere Police Officers. „Und nicht nur die Service Unit?"

„Ein Teil der Jungs steht im Stau.", antwortete der Indianer.

„Und ihr vier seid gut in Form, laut euren Vorgesetzten. Durchtrainiert und sicher mit der Waffe", ergänzte Captain Lily Vernice. Ich mochte sie nicht. Ihr Blick erinnerte an eiskaltes Gletscherwasser. Ich konnte mich nicht erinnern, sie jemals mit einem Lachen gesehen zu haben. Noch nicht einmal lächelnd.

„Saint-John Grave führt die Gruppe Blau, die auf der rechten Seite reingeht. Lily Vernice, Grün, geht linke Seite rein", sprach der Indianer weiter. „Ausrüstung die Straße runter."

Wir waren entlassen. Weiter unten in der Straße parkte ein weiterer Van. Auf dem Weg dorthin tauchte plötzlich Saint-John neben mir auf. „Gefährlicher Job", sagte er. Ich blickte stur geradeaus.

„Das ist der Job", entgegnete ich. Mein Brustkorb spannte über meinem Herz. Schmerz. Saint-Johns tiefe Stimme. Wie feine Messerspitzen in meinen Innereien.

Saint-Johns Loft war sensationell. Nachdem wir uns in den zwei Wochen nach dem ersten Kuss nur bei mir getroffen hatten, war ich am Abend meines freien Tag endlich mal bei ihm. Ich trat ein und war sofort gefangen von der Aussicht. Die Sonne versank blutrot am Horizont und zu meinen Füßen erwachte das New Yorker Lichtermeer.

„Wow!", entfuhr es mir begeistert.

„Wunderschön, nicht wahr?" Saint-John schlang hinter mir stehend die Arme um mich.

„Es wirklich wundervoll, Johnny!"

Er küsste mich in den Nacken. „Ich stehe gerne hier am Fenster. Es ist, als stünde ich über den Dingen."

Ich nickte. „Darf ich dich was fragen?"

Wieder küsste mich Saint-John in den Nacken. „Ich kann es mir denken.... Meine Eltern besaßen mehrere Druckereien. Als mein Vater fünfzig wurde, haben sie die Druckereien für ziemlich viel Geld verkauft."

Ich wusste, dass Saint-Johns Eltern etwa vor 15 Jahren bei einem Zugunglück gestorben waren. Also fragte nicht weiter. Aber ich griff nach Saint-Johns Hand und drückte sie sanft.

„Ich liebe dich, Elliot." Er hauchte mir einen Kuss in den Nacken.

„Ich liebe dich, Johnny."

Ich hörte, dass er lächelte. „Ich mag den Namen Johnny nicht."

„Ich weiß. Ich nenn dich trotzdem so." Wieder seine Lippen in meinem Nacken. Seine Arme schlossen sich fester um mich.

Das Lichtermeer wie tausend Sterne, nur für uns gemacht.

Ich seufzte. Saint-John lief immer noch neben mir her, als erwarte er eine weitere Reaktion.

„Lass gut sein", sagte ich ohne aufzublicken. Auch wenn ich Rose gegenüber zu Selbstmitleid neigte, hieß das noch lange nicht, dass sich mein Verstand völlig verabschiedet hatte. „Wir haben hier, um einen Job zu machen."

Ich starrte weiterhin stur geradeaus, vermied es bewusst, meinen Ex-Freund anzublicken. Man muss es sich nicht noch schwerer machen. Und schon hatten wir zu den anderen aufgeschlossen. Fragende Blicke. Natürlich hatten viele mitbekommen, dass ich und Saint-John zusammen gewesen waren. Und natürlich hatten sie sich die Mäuler zerrissen, als ich verlassen worden war. Und natürlich waren die zwanzig Meter, die Saint-John und ich nebeneinander hergelaufen waren, interessanter als der Einsatz. In diesem Moment war ich froh, dass ich die meisten, die dabei waren, noch nie zuvor gesehen hatte.

Wir wurden ausgerüstet. Verkabelt mit Funk, zusätzliche Waffen, Helme, ich bekam eine leichtere Schutzweste verpasst. Dann teilte uns Lily Vernice in die beiden Gruppen ein. Zufall also, dass ich zu Saint-Johns Kommando gehörte.

Nach ausgiebigen Funktest ging es dann endlich los. Ein Mannschaftsbus fuhr uns zu der Rückseite der Bank. Da wir den direkten Weg nicht nehmen konnten, dauerte die Fahrt eine ganze Weile. Niemand sprach ein Wort. Die Jungs vom Sonderkommando legten eine gewisse Lässigkeit an den Tag. Ich beneidete die Jungs, die schließlich speziell für solche Einsätze ausgebildet waren. Wie sich deren Kollegen wohl fühlten, schweiften meine Gedanken ab, die im Stau standen, während sich die anderen auf den Weg in einen gefährlichen Einsatz machten?

Der erste Teil des Einsatzes war tatsächlich einfach. Die Notausgangstür der Tiefgarage lag in einem schäbigen Garagenhinterhof. Unmöglich diesen Teil von dem Bankgebäude einzusehen. Die Tür, die nur von innen zu öffnen war, war schnell aufgebrochen. Die Stromverbindung der Tiefgarage war gekappt, die Kameras konnten uns nicht erfassen. Dennoch rückten wir vorsichtig vor, suchten Deckung hinter den parkenden Autos. An der Einfahrt der Tiefgarage pressten wir uns fest an die Betonwand. Schlüpften dann direkt an die Hauswand. Der Sims, der uns Sichtschutz bot, war nicht breit, wir mussten uns seitlich an der Wand entlang hangeln. Unter den Bürofenstern robbten wir hindurch. Saint-John gab dem Indianer immer wieder leise in das Mikrofon geflüstert den Zwischenstand durch, wir konnten mithören.

An der Hausecke blieb Saint-John stehen. „Wir sind jetzt an der Hauswand."

„Nichts zu sehen.", gab der Indianer durch. „Weiter!"

Wir glitten um die Hausecke und direkt die große Freitreppe zu der gläsernen Türfront nach oben. Ich ging dicht hinter Saint-John, manchmal berührten sich unsere Arme. Mit ausgestrecktem Arm hielt ich wie die anderen meine Waffe, die Mündung auf den Boden gerichtet. Mein Pulsschlag erhöhte sich. Die Tür, die Schalterhalle. Der gefährlichste Teil.

Gegenüber tauchte Lily Vernice mit ihrer Gruppe auf. Mein Pulsschlag erhöhte sich. Nur noch wenige Momente bevor wir reingehen würden. Es gibt Einsätze, bei denen man sich sicher ist, dass man heil raus kommt. Wie heute Morgen bei der Demo. Es war chaotisch und mitten in der Massenschlägerei ziemlich brenzelig gewesen, aber ich nie einen Moment das Gefühl gehabt, es nicht zu schaffen. Dann gibt es Einsätze, bei denen ist man nervös. Gleich von an das Gefühl, dass es knapp werden könnte. Aber dann geht es eben doch gut. Das hier, das war ein Einsatz, von dem ich wusste, dass etwas geschehen würde. Die Sache würde ihr eigenes Ende haben und ich war mir ganz und gar nicht sicher, ob ich das Ende miterleben würde.