File 1: stories/18/718.txt
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In meiner Wohnung war es quälend heiß. Die Sonne führte seit Wochen ebenso wie die momentane Kälte ein unerbittliches Regime. Durch die geöffneten Fenster drang nur heiße Luft und der Lärm der Straße. Ich war hundemüde. Eine Woche Nachtschicht inklusive zwei Tage Doppelschicht. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Es war zu hell, zu heiß, zu laut.

Ich hörte wie die Tür ging. Vor einigen Tagen hatte ich Saint-John einen Schlüssel zu meiner Wohnung gegeben. Ich war zu matt, um zu reagieren und blieb auf dem Bett liegen.

„Hey, aufstehen!" Gutgelaunt stand er im Türrahmen zu meinem Schlafzimmer. Sein enganliegendes schwarzes T-Shirt spannte ein wenig über der breiten Brust.

Ich blieb regungslos auf dem Bauch liegen und blinzelte ihn verschlafen an. „Hey... ich bin alle... aufstehen ist völlig unmöglich."

„Sommer, Sonne! Wir fahren in die Hamptons. An den Strand!" Ganz unvermittelt warf er mir irgendwas Kaltes auf den Rücken. Mit einem Aufschrei fuhr ich hoch. „Wuah!! Verdammt! Was ist das?!" Eine Packung Eis-Konfekt purzelte aufs Bett.

„Siehst du! Und schon bist du wach!"

„Dir ist klar, dass ich mich rächen werde?" Ich öffnete die kleine Schachtel und nahm einen Eis-Konfekt-Würfel heraus. „Was willst du in den Hamptons?"

„Bummeln, gutes Abendessen, Sex am Strand."

„Ich habs nicht so mit Strand...", antwortete ich.

„Dann eben ohne Strand", Saint-John zog sich näherkommend sein T-Shirt über den Kopf. Anzüglich lächelnd schubste er mich ein wenig zurück und kniete sich  mit aufrechtem Oberkörper über mich. Ich lächelte zurück, küsste ihn zart auf den Bauchnabel, kitzelte ihn mit meiner Zunge. Dann öffnete ich betont langsam den Gürtel. Ein leises Seufzen entwich Saint-Johns Lippen, als ich die Knopfleiste öffnete und dabei wie zufällig sein steifes Glied streifte. Rasch streifte ich Hose und Boxershorts ein Stück weit nach unten, gerade soweit, dass mein Mund freien Zugang hatte.

Der letzte Rest Eis-Konfekt in meinem Mund schmolz, als ich lustvoll am Penis meines Freundes knabberte. Saint-Johns Hände fuhren durch meine Haare, berührten meine Wangen, griffen aber nicht ein in mein Tun. Abwechselnd saugte ich mal stärker, mal schwächer, umspielte mit der Zunge die empfindliche Spitze. Saint-John stöhnte im Rhythmus meines Spiels. Dann zog er entzog er sich mir langsam und sank mit mir gemeinsam der Länge nach auf die Matratze. Mit einer schnellen Bewegung hatte ich meine Boxershorts ausgezogen und er tat es mir gleich. Schweiß perlte auf seiner Brust. Mit den Fingern verwischte ich die Tropfen. Ich wollte mich umdrehen, doch Saint-John hielt mich zurück.

„Nein...", flüsterte er leise. „Nimm du mich."

Wir hatten ziemlich schnell zu einer Art experimentierfreudigen Routine gefunden, deren wichtigster Bestandteil eigentlich eine festgelegte Rollenverteilung war. Beim Akt war ich der Passive. Ich zögerte.

„Ich wünsche es mir..." Saint-John drehte sich um.

„Okay", hauchte ich und angelte nach den Kondomen auf dem Nachttisch. Ich ging langsam vor, war mir nicht sicher, ob es Saint-John gewohnt war. Ganz vorsichtig drang ich in ihn ein. Ich spürte, dass er die Luft anhielt. Ich hielt inne, wartete, bis er sich daran gewöhnte und weiter atmete. Zugleich genoss ich die Enge, die sich um meinen Schaft schloss. Ganz sanft schob ich mich weiter in ihn hinein. Ich traf die richtige Stelle, denn jetzt stöhnte er leise auf. Vorsichtig bewegte ich mich vor und zurück, zuerst nur minimal, dann schneller, immer schneller. Ich lockerte dann meinen Griff um seine Hüfte, beugte mich etwas vor und begann seinen Schwanz zu massieren. Saint-Johns lautes Stöhnen feuerte mich nur noch mehr an und kurz darauf überkam mich die Welle des Orgasmus. Fest pumpte ich noch einmal auf und ab und mit einem Zucken ergoss sich Saint-John nur kurz nach mir in meine Hand.

Schwer keuchend zog ich gierig nach Luft. Zu wenig Sauerstoff in der heißen Schwüle des Tages. Schweißgebadet zog ich mich aus Saint-John zurück und rollte mich seitlich aufs Bett. Saint-John ließ sich neben mich aufs Laken fallen. Seine Haare klebten auf der Stirn. Er befreite mich von dem Kondom und packte es in eines Taschentücher, die auf dem Nachttisch aus einem Spender ragten.

Ich war zu sehr außer Atem, um irgendwas zu sagen.

„Duschen und ab an den Strand!"

Ich grummelte nur irgendwas zwischen zwei Atemzügen.

„Sommer in den Hamptons! Winter auf der Berghütte deines Vaters!"

„Meinst du das im Ernst?", fragte ich jetzt keuchend.

Saint-John setzte sich auf. „Klar", sagte er und küsste mich auf die Lippen.

Ich holte tief Luft. Kniff kurz die Augen zu. Ich war wieder in der Gegenwart. In der Kälte am Eingang der Bank mit einem Sonderkommando. Und jeden Moment würde der Indianer den Befehl zum Reingehen geben.

„Go!"

Fast synchron stießen Saint-John und gegenüber Lily Vernice die Glastüren auf. Wie gegenseitige Spiegelbilder drangen wir in die Schalterhalle vor. Draußen würden die anderen nun versuchen, die Geiselnehmer zu erreichen. Ablenkungsmanöver. Unsere Schritte klapperten unangenehm laut auf den grauen Marmorfliesen. Geradeaus ging es zu den verwaisten Schaltern, die in edlem Holz und mit goldenen Verzierungen glänzten.

Wir orientierten uns nach rechts zu den Büros hin. Übergroße Blumenkübel mit allerlei Grünzeug boten immerhin etwas Schutz. In diesem Moment knallte ein Schuss. Ich warf mich sofort auf den Boden, rutschte zu einem der Kübel. Saint-John tat es mir gleich. Wieder Schüsse. Ich war mir sicher, unsere Polizeiwaffen herauszuhören. Dann Schreie. Schmerzerfüllt. Der Schusswechsel riss nicht ab. Durch das Mikro hörte ich Lily Vernices Stimme.

„Oben auf der Galerie! Sie haben uns entdeckt!"

Immer wieder Schüsse. Aber alles auf der Gegenseite. Der Rest unserer Truppe war nicht nachgerückt. Saint-John und ich waren die einzigen auf der rechten Seite. Ganz sicher verdankten wir diesem Umstand, dass wir nicht entdeckt worden waren.

„Wir haben zwei Verletzte! Wir brauchen Feuerschutz!" Lily Vernices Stimme im Ohr.

Einerseits wäre es ein leichtes von meiner Position aus Feuerschutz zu gewähren, andererseits würde ich uns dadurch verraten. Saint-John dachte sicher das gleiche, er rührte sich nicht.

Zweimal jetzt das typische Bloppen, das ertönt, wenn eine Rauchgranate abgeschossen wird.

„Rückzug!", hörte ich den Indianer durch das Mikrofon. „Sofort zurück!"

Dicker Rauch erfüllte in Sekundenschnelle die Schalterhalle. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und zurück zur Tür rennen. Ein schneller Blick zu Saint-John. Ich konnte ihn zur schemenhaft ausmachen, er rannte nicht zum Ausgang, sondern zur ersten Bürotür. Keine Zeit, um zu überlegen. Ich sprintete ihm hinterher.

Saint-John erschrak, als ich kurz nach ihm durch die Tür kam. Seine Hand zuckte zur Waffe, aber er erkannte mich und reagierte nicht weiter. Das Büro war nicht groß. Zwei Schreibtische standen an der Stirnseite aneinander geschoben vor dem Fenster. Ein Adventskranz stand auf einem Rollcontainer, der eigentlich unter den Schreibtisch gehört und jetzt vorgezogen war wie eine Art Schranke. Saint-John  hatte die Ohrstöpsel ausgezogen und zog jetzt das Kabel aus dem Übertragungsgerät.

„Was soll das?", fragte ich. Ich flüsterte. „Der Indianer hat die Aktion abgebrochen!"

Saint-John machte einen Schritt auf mich und zog mit einem Ruck mein Mikrofonkabel aus dem Gerät am Gürtel. „Das gleiche kann ich dich fragen", sagte er. Sein Tonfall eine Mischung aus Abweisung und sich ertappt fühlen.

„Ich bin dir gefolgt."

„Dann hättest du eben besser mal auf den Indianer gehört!", zischte Saint-John, er wollte noch etwas sagen, aber ich war schneller. „Ich will eine Antwort! Hier kannst du mich nicht einfach rauswerfen wie aus deinem Leben!"

Saint-John zuckte wie von einem Peitschenhieb getroffen zusammen. „Ich wollte dich niemals aus meinen Leben rauswerfen!"

„Klar. Genauso hast du es rübergebracht", erwiderte ich mit ein gehörigen Portion Bitterkeit. Die noch lange nicht richtig verheilte Wunde platzte wieder auf.

„Ich..." Trotz der Dunkelheit konnte ich sehen, wie Saint-Johns Gesichtszüge weich wurden. Er seufzte, blickte nach unten. „Ich hoffe, dass wir wieder zusammenkommen."

„Was?" Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut zu brüllen. Die Worte sollten Glücksgefühle in mir auslösen, aber dem war nicht so. Sie trafen mich mitten in die tiefe Wunde. „Du hast mich eiskalt abserviert! Ohne Erklärung! Noch nicht mal ein Erklärungsversuch! Weißt du, Saint-John, ich kann eine Affäre von einer Beziehung unterscheiden. Ich hab dich für einen Kerl gehalten, der mit offenen Karten spielt. Du hast mir gesagt, dass du mich liebst, du hast von der Weihnachtszeit gesprochen, vom Winter, in dem wir zur Hütte meines Vaters wollten. Das impliziert eine Beziehung!"

„Nein... ich." Saint-John machte ein paar Schritte zurück, dann stütze er sich schwer auf den Bürostuhl. Es war nicht der richtige Ort und schon gar nicht der richtige Zeitpunkt für dieses Gespräch. Aber jetzt waren wir mittendrin. „Ich wollte dir nie wehtun!"

„Das hast du aber! Du hast mir furchtbar wehgetan. Und es tut immer noch weh!" Ich presste die Lippen zu einem Strich zusammen.

„Ich hoffe wirklich, dass wir wieder zusammen kommen." Saint-John senkte die Stimme, aus dem Flüstern wurde ein Wispern.

„Hast du das nicht verstanden? Du hast mich ohne Erklärung abserviert und jetzt hoffst du, dass wir wieder zusammen kommen? Macht dir das etwa Spaß?"

Entsetzt blickte Saint-John auf. „Nein! Nein! Eliot! Du bist alles für mich, bitte versteh mich..."

„Nein. Ich verstehe gar nichts."

Saint-John schien einen Moment zu überlegen, ob jetzt und hier der richtige Zeitpunkt war. Aber jetzt gab es einfach kein Zurück mehr.

„Weißt du, Eliot, ich war nicht auf der Suche nach der großen Liebe. Ich war für mich und ich war zufrieden. Hin und wieder eine Affäre, One-Night-Stands... mehr brauchte ich nicht. Aber dann habe ich dich auf dem Sommerfest kennengelernt. Wir lachten über die gleichen Witze, rollten an den gleichen Stellen mit den Augen. Es war ein toller Abend und ich wollte dich unbedingt wiedersehen. Auf einmal war alles anders. Kein schneller Sex... doch auch." Über Saint-Johns Gesicht huschte ein kurzes Lächeln. Meine Lippen lockerten sich ein wenig. „Ich wollte dich zuerst kennenlernen. Mit dir was unternehmen. Abends bei einem Rotwein den ganzen Polizeischeiß bequatschen."

Saint-John holte tief Luft: „Ich hab mich in dich verliebt, Eliot. Schon gleich in der ersten Woche. Und die folgenden Wochen waren fantastisch. Aber dann bekam ich plötzlich Panik. Ich weiß nicht, warum oder woher. Auf einmal konnte ich mir ein Leben ohne dich kaum mehr vorstellen und ich bekam Angst, dass ich nicht mehr ich bin. Dass ich mich verloren hatte. Ich war plötzlich abhängig. So was wie Bindungsangst. Aber mit dir Schluss zu machen war das Falsche. Du fehlst mir. Du fehlst mir so sehr, dass es wehtut. Ich habe mich völlig idiotisch verhalten. Ich liebe dich."

„Und wann wolltest du mir das sagen?", fragte ich. Wie lange waren getrennt? Zwei Monate und dreizehn Tage.

„Du hast mir immer wieder erzählt, dass du den Winter liebst. Ich wollte dich einladen, in die Rocky Mountains..."

„Du magst den Winter nicht..."

„Aber du magst den Winter! Sommer in den Hamptons, Winter im Schnee! Versprochen ist versprochen!"

Ich sagte nichts. Ja, da waren die Worte, die ich eigentlich hatte hören wollen. Von denen ich geträumt hatte, die ich mir erhofft hatte. Aber jetzt konnte ich sie nicht genießen. Schmerz. Die Wunde war viel tiefer, als ich mir selbst eingestanden hatte. Wie ein scharfes Desinfektionsmittel tropften Saint-Johns ehrliche Worte in die offene Wunde. Sie wollten Gutes tun, aber sie brannten wie Feuer.

„Bitte, nimm mich zurück!" Fast ein Flehen.

„Ich... ich..." Ich versuchte etwas zu sagen. Ja, ich wollte ihm sagen, dass ich ihn liebte, dass ich nur ihn wollte. Aber es ging nicht. Die Wunde blutete in mein Inneres und mir war, als käme nur Blut über meine Lippen. „Johnny...ich..."

Saint-John holte tief Luft. Ich war froh, ihn in der Dunkelheit nicht genau sehen zu können. Ich hätte den Blick seiner warmen, dunkelbraunen Augen vielleicht nicht ertragen.

„Du hast Johnny gesagt", stellte er fest und ich glaubte, Hoffnung herauszuhören. Ja. Johnny. Für die anderen war er Saint-John. Für mich Johnny. In diesem Moment ein Geräusch aus dem Nachbarbüro! Wir reagierten sofort. Saint-John wich nach hinten zur Wand, zog dabei die Waffe. Ich zog ebenfalls meine Waffe, nickte Saint-John zu und riss die Tür auf. Nichts. Das Büro lag im Dunkel. Wir behielten die Waffe dennoch schussbereit.

Ich hatte eine Ahnung. Ein beliebtes Versteck, Erfahrung aus zahlreichen Razzien und Hausdurchsuchungen. Ich bückte mich und blickte zwischen Schreibtischplatte und Sichtblende. „NYPD! Kommen Sie heraus", rief ich leise. Beide richteten wir die Waffe auf den Schreibtisch.

„Nicht schießen!" Eine weibliche Stimme.

„Kommen Sie langsam heraus!" Wir blieben vorsichtig.

Der Bürostuhl bewegte sich zuerst. Eine junge Frau kam zum Vorschein, zuerst auf Knien, dann stand sie auf. Ängstlich hob sie die Hände auf halber Höhe. Wir senkten die Waffen.

„NYPD", wiederholte ich. „Vor uns brauchen sie keine Angst zu haben."

„Ich will hier heraus." Ihre Stimme klang brüchig.

„Sobald wie möglich. Aber es wird noch etwas dauern. Können Sie uns sagen, was genau passiert ist?"

„Keine Ahnung." Sie schniefte ein paar Mal. „Ich war hier... ich hab nach ein paar Unterlagen gesucht. Dann hörte ich den Alarm. Dann Schüsse. Ich bin unter den Schreibtisch und habe mich nicht gerührt." Sie zitterte. Sanft griff ich nach ihrem Arm. „Kommen Sie. Sie können leider noch nicht raus. Bleiben Sie im Büro nebenan. Unter dem Schreibtisch war ein gutes Versteck. Dort verstecken Sie sich auch nebenan. Sie bleiben dort, bis wir Sie holen, okay?"

Sie nickte.

„Bis wir Sie holen", wiederholte Saint-John. „Wenn Sie versuchen zu flüchten, werden Sie in der Schalterhalle sterben." Er versuchte ihr Angst zu machen, damit sie keinen Fluchtversuch unternahm. Zitternd nickte sie mehrfach nacheinander. Ich führte sie ins Nachbarbüro und vergewisserte mich, dass sie sich wieder versteckte. Wieder zurück schloss ich die Tür hinter mir. Saint-John und ich waren wieder alleine.

„Du hast mir sehr wehgetan, Saint-John." Ich nannte ihn ganz bewusst so. „Ich kann das jetzt nicht beantworten. Nicht hier. Nicht jetzt. Aber deshalb sind wir auch nicht hier. Meine eigentliche Frage hast du nicht beantwortet: Warum bist du nicht zurück?"

„Es war ungünstig..." Saint-John ignorierte meine ersten Sätze. Ob dem Themenwechsel fühlte ich eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung.

„Da war nichts ungünstig! Die andere Seite war unter Beschuss! Der Qualm war ziemlich dicht..."

„Du hast dich auch nicht zurückgezogen", unterbrach er  mich. Ein schwacher Versuch.

„Du hast mich irritiert, ich bin dir nachgegangen!" Leichte Verärgerung schwang in meiner Stimme mit. Saint-John hörte es heraus und gab zumindest teils nach. „Ich muss hier etwas holen..."

„Etwas holen? Jetzt? Hier?"

Saint-John drehte sich von mir weg. Ich hörte ihn tief Luft holen.

„Was ist los?" Zuerst zögerte ich, aber legte ich meine Hand auf seine Schulter. Ich hatte einfach das Gefühl, dass dies jetzt richtig war.

„Du weißt doch, dass der Indianer und ich vor langen Zeit mal befreundet waren..."

Das wusste ich.

„Nach der High-School. Wir hingen damals nach dem Abschluss ziemlich oft auf dem Firmengelände der einen Druckerei rum. Meine Eltern lebten quasi dort und das Gelände war riesig. Ideal um sich zu verstecken und.... egal...  Auf jeden Fall fanden wir in einer stillgelegten Werkshalle eines Tages in einer einem Regal eine kleine Box. Sie war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Wir waren neugierig, brachen die Box auf. Und fanden Druckplatten darin."

Saint-John machte eine bedeutungsvolle Pause.

„Was für Druckplatten?"

„Falschgeld, Eliot. Die lagen einfach so rum. Keine Ahnung wieso. Vielleicht wurde die Box einfach dort vergessen und man dachte, es sei ein sicheres Versteck. Der Indianer und ich begannen daraufhin, den Betrieb zu beobachten. Es war einfach, wir gehörten ja dazu und keiner störte sich an unserer Anwesenheit. Wir sind ziemlich schnell dahinter gekommen, dass es quasi einen Betrieb im Betrieb gab. Meine Eltern haben Falschgeld gedruckt!"

Das war nun wirklich eine heftige Nachricht, aber Anbetracht der Umstände fehlte mir der Zusammenhang dem Jetzt und Hier.

„Meine Eltern waren reich, die Eltern des Indianers noch reicher. Aber unsere Eltern waren der Meinung, dass wir lernen müssten mit Geld umzugehen und wir hatten daher fast nie Kohle. Wir wollten aber auch mal so richtig einen drauf machen. Wir haben dann Henley, den Vorarbeiter angesprochen. Er hat uns einen Job als Kurierfahrer für die Geldpakete verschafft."

„Okay...."

„Meine Eltern wussten von nichts. Sie wären ganz sicher ausgeflippt. Nach einem knappen Jahr haben wir die Sache eingestellt. Wir haben einfach gemerkt, was für einen Scheiß wir da machen. Henley hat dafür gesorgt, dass wir ohne Probleme rauskamen. Na ja, ein paar Jahre später haben meine Eltern verkauft und waren schon kurz darauf tot..."

„Deswegen?", fragte ich und hielt unwillkürlich kurz die Luft an.

„Dachte ich zuerst auch. Aber mittlerweile bin ich mir sicher, dass es wirklich ein Unfall war. Ich hab ewig gebraucht, bis ich mit dem Papierkram befasst habe und da ist mir ein Vertrag mit dieser Bank über die Anmietung eines Schließfaches in die Hände gefallen. Ich hab nachgesehen; die Druckplatten liegen in dem Fach! Keine Ahnung wieso und weshalb!?"

„Warum hast du die Druckplatten nicht unseren Kollegen gegeben?"

„Verdammt, Eliot. Was hätte ich denn sagen sollen?"

„Die Wahrheit? Das liegt ja schon Jahre zurück und deine Eltern leben nicht mehr. Du hättest ja nicht erwähnen müssen, dass du Kurier gefahren bist."

„Dann hätte ich die Platten gleich abgegeben müssen und nicht jetzt, 15 Jahre später... Außerdem was ist, wenn dieser Henley geschnappt wird? Er wird sich erinnern, dass der Indianer und ich Kurierfahrer waren!"  Saint-John wischte sich kurz mit beiden Händen übers Gesicht. „Hör zu, Eliot. Wenn da irgendwas rauskommt, wenn es Schwierigkeiten gibt, dann bin ich der Sündenbock. Der Indianer wird dafür sorgen. Unsere Freundschaft ist lang her und im Zweifelsfall hat er keine Freunde."

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dies die Sache schon eher umschrieb. Da hing mehr dran, als die bloße Tatsache der Existenz dieser Druckplatten.

„Und jetzt willst du die Druckplatten holen? Warum?"

„Wenn die Typen den Tresor leermachen, dann wird ganz sicher eine Inventarliste des Tresors erstellt. Ich weiß nicht, ob jemand in der Bank offiziell oder inoffiziell weiß, was drin ist. Es ist einfach besser, wenn das Fach leer ist..."

Jetzt konnte ich seine Sorge immerhin nachvollziehen. Dennoch sah Saint-John meiner Meinung nach die Sache zu kompliziert. Aber mir war anderseits durchaus klar, dass ich hier nur die Schnellfassung erhalten hatte, vielleicht steckte doch mehr dahinter, als er jetzt erzählt hatte. Für mich klang die Sache nach einer Jugendsünde. Saint-John war ein guter Cop. Ein verdammt guter. Er sollte nicht an einer so lange zurückliegenden blöden Geschichte scheitern.

„Ich helfe dir", sagte ich entschlossen.

„Das musst du nicht..."

„Fällt dir was Besseres ein?" Ich grinste.

„Ehrlich gesagt? Nein." Wir zogen unsere Waffen, fest entschlossen uns Büro für Büro vorzukämpfen. In guter, alter Polizeimanier durchquerten wir die verwaisten Büros.

„Wie viele waren es hintereinander?", fragte Saint-John und hielt einen Moment inne.

„An der Längsseite sieben", antwortete ich. Nach hinter größer werdend. Dann Knick nach links. Hinter die Schalterhalle quasi...."

„Gut eingeprägt in der Kürze der Zeit." Saint-John grinste.

„Ich bin Officer! Ich bin derjenige, der immer vorausgeht bei so einem Quatsch", erwiderte ich im gespielten Ernst. Es war natürlich übertrieben, bei derartigen Einsätzen waren wir normalerweise nicht an vorderster Front. Aber bei zahlreichen Hausdurchsuchungen und Razzien, die je nach Gegend mindestens genauso gefährlich waren.

„Dann noch ein Büro, bevor es links weitergeht", stellte Saint-John wieder ernst geworden fest. Ich nickte und hob meine Waffe an. In diesem Moment hörten wir Stimmen. Ich zuckte sofort zurück, verbarg in einer Nische zwischen zwei Aktenschränken, Saint-John presste sich wie vorhin mit dem Rücken an die Wand neben der Tür.

„Da ist niemand", hörten wir eine männliche Stimme.

„Ich bin mir sicher, was gehört zu haben. Verdammt nochmal", antwortete eine weitere männliche Stimme.

Schritte. Sie bewegten sich auf die Verbindungstür zu. Saint-John richtete sich ein wenig auf, bereit sofort zuzuschlagen, sobald die Tür aufgehen würde. Es war zu dunkel in dem Büro um mehr als seine Umrisse auszumachen. Aber wie er so da wartete, so angespannt, so konzentriert, so unglaublich männlich, wusste ich, dass ich immer auf ihn stehen würde. Er würde mir immer gefallen, immer der Typ sein, bei dessen Anblick mir nur schmutzige Sachen durch den Kopf gehen würden. Aber liebte ich ihn noch? Vertraute ich ihm noch? Die Wunde ätzte. Ich versuchte, mich ausschließlich auf den Moment zu konzentrieren.

Es war eine schwül-warme Nacht. Nach leckerer Pasta bei Saint-Johns Lieblingsitaliener schlenderten wir den Boulevard entlang. Irgendwann würden wir ein Taxi nehmen müssen, wollten wir in dieser Nacht noch in Saint-Johns Loft ankommen. Aber im Moment genossen wir die Zweisamkeit auf der menschenleeren Straße. Nur dann und wann fuhr ein Auto vorbei. Saint-John legte den Arm um meine Schultern. Es war einfach nur schön. Die zwei jugendlichen Straßengangster tauchten plötzlich aus dem Nichts heraus auf und versperrten uns den Weg.

„Die Brieftaschen!", zischte der eine und offenbarte im Schein der Neonreklame ein bemitleidenswert ungepflegtes Gebiss.

Saint-John nahm den Arm von meinen Schultern. „Macht euch nicht unglücklich, Jungs." Saint-John lächelte kalt und hart.

Die Tür ging auf, ich war wieder zurück in der Gegenwart. Saint-John reagierte blitzschnell, er stellte dem Verbrecher ein Bein und direkt, kaum dass der Typ taumelte, schlug er ihm die Waffe gegen die Schläfe. Der Typ war ohnmächtig, bevor er auf dem Boden aufschlug. Der zweite, ein großgewachsener bulliger Kerl wollte reagieren, aber ich schnellte vor. „Keine Bewegung. Und keinen Mucks!", rief ich nur so laut wie unbedingt nötig. Der Kerl hielt eine Maschinenpistole im Anschlag, doch er entschied sich die Waffe sinken zu lassen.

„Die Waffe auf den Boden legen! Mit dem Fuß hierher kicken." Er gehorchte. Saint-John hob die Waffe auf und mit einer plötzlichen, auch für mich unerwarteten Bewegung knallte er auch diesem Kerl die Waffe gegen die Schläfe. Saint-John fing ihn auf und bremste so den Fall. Bewundernd betrachtete ich die beiden ohnmächtigen Verbrecher. „Das sah gekonnt aus", lobte ich meinen Ex-Freund. Ich grinste dabei und er hörte es heraus.

„Solltest du doch wissen, seit dem Vorfall auf dem Boulevard."

„Ja, sollte ich wissen...", murmelte ich. Sollte, hätte, könnte. Er hätte nicht Schluss machen sollen. Bitterkeit. Nicht so.

Wir zogen die beiden Männer aus der Tür ins Büro hinein und ketteten sie mit Handschellen an die Heizung. Das Rohr sah stabil aus. Vorsichtshalber überprüfte ich die Vitalzeichen. Auf Schwierigkeiten wegen unterlassener Hilfeleistung oder so was in der Art bei Verbrechern hatte ich keine Lust.

Uns war beiden klar, dass jetzt Eile geboten war. Über kurz oder lang würde man die beiden vermissen. Und dann würde ein anderer sie suchen gehen. Und sie vielleicht finden und Alarm schlagen. Rasch durchquerten wir das nächste Büro, dann nach links in die Büros hinter der Schalterhalle. Im nächsten Büro hörten wir dann Stimmen und Schritte. Diese Verbindungstür hatten kein Sicherheitsschloss und somit auch keinen Zylinder. Mit einem inneren Grinsen beugte ich mich herab und linste durchs Schlüsselloch. Saint-John stellte sich neben mich, die Waffe noch immer schussbereit im Anschlag. An der gegenüberliegenden Wand kauerten drei Geisel. Eine Frau in einer roten Bluse mit grauem Rock, ihre langen braunen Haare hingen ihr zerzaust ins Gesicht. Ein übergewichtiger, relativ junger Mann saß neben ihr mit angezogenen Beinen. Sein Blick folgte ausdruckslos dem auf und ab patrouillierenden Bankräuber. Mit schweren Schritten durchquerte der immer wieder mein Blickfeld. Die dritte Person konnte ich nicht richtig erkennen, er war von einem der Schreibtische halb verdeckt.

„Wo bleiben die anderen", hörte ich eine dunkle Stimme. „Das dauert scheiße-lang."

„Das dauert eben.", antwortete eine zweite Stimme. Diese Stimme war deutlich höher, womöglich sogar eine Frauenstimme.

„Hoffentlich dreht er nicht wieder durch. Die ständige Schießerei nervt."

Ich streckte den rechten Arm seitlich aus und zeigte Saint-John zwei Finger an. Mindestens zwei Bankräuber.

Jetzt eine dritte Stimme, männlich, ziemlich leise. Ich konnte nicht verstehen, was er sagte. Ich zeigte Saint-John eine drei an.

„Und?", fragte ich meinen Ex-Freund leise, als meinen Posten an der Tür verlassen hatte.

„Ich gehe da rein." Saint-John flüsterte kaum hörbar und kam ganz nah an mich heran. Ich roch sein Rasierwasser. Ich roch ihn. Dieser herbe Duft nach Saint-John. „Du musst nicht..."

„Hey", murmelte ich zurück, „Gefahr in Verzug! Schließlich haben die Geiseln. Ich werde dich ganz sicher nicht alleine da rein marschieren lassen..." Ich wusste, dass es leichtsinnig war. Keine Rückendeckung. Und nur eine magere Schlüssellochinfo.

‚Ich liebe dich‘, lag mir auf der Zunge, aber es kam nicht raus. Nicht jetzt, nicht hier in dem dunklen Büro mit einer kugelsicheren Weste über der Polizeikluft und einer Waffe in der Hand. Und außerdem wollte ich das nicht vorschnell nur wegen einer Situation sagen. Aber da war auch wieder dieses komische Gefühl, dieses Gefühl, dass diese Sache nicht gut ausgehen würde. Aber es war keine Zeit mehr. Keine Zeit mehr, um nachzudenken. Saint-John riss die Tür auf. Die drei Geiselnehmer zuckten zusammen, hoben sofort die Waffen an, aber ich war schneller. Zweimal schoss ich. Zweimal hörte ich einen Aufschrei, die Waffen knallten zu Boden, die beiden Männer taumelten. Die dritte Person war tatsächlich eine Frau, schwerbewaffnet. Ein Schuss schoss an mir vorbei und schlug in die Wand. Ich spürte die feinen Betonsplitter im Nacken. Dann traf Saint-Johns Schuss sie, die Wucht riss sie von den Beinen. Hinterrücks knallte sie gegen einen Schrank und rutschte daran zu Boden.

Den vierten Mann hatte ich nicht gesehen. Er musste neben an der Tür gelehnt haben, war jetzt vorgeschnellt und schoss sofort. Der erste Schuss traf mich an der rechten Schulter. Die Weste hielt stand, aber die Wucht des Aufpralls raubte mir den Atem. Ich konnte mich nicht auf den Beinen halten und noch bevor ich auf dem Boden aufschlug, traf mich der zweite Schuss. Und sofort spürte ich den Schmerz. Wie ein glühend heißes Schwert durchdrang mich die Kugel irgendwo am Hals.

Die Halsschlagader!

Meine Hand fuhr blitzschnell zum Hals. Blut. Die Halsschlagader! Fest presste ich meine Hand auf die Wunde. Der Schmerz war nebensächlich. Blut quoll zwischen meinen Fingern hindurch.

„Eliot!" Saint-John war da. „Eliot!"

Ich löste die Hand von der Wunde, setzte mich ein wenig auf, Saint-John versuchte mich zu stützen. Seine Hand, die sich unter meine Achsel schob, tat gut. Seine Hand, die mich so oft berührt hatte und doch erschien es jetzt zu wenig. Zu wenig für ein ganzes Leben.

„Es ist zu wenig", keuchte ich. „Zu wenig Blut."

Zu wenig Blut für eine Verletzung der Halsschlagader.