File 1: stories/18/719.txt
- Schriftgröße +

Die Frau mit der roten Bluse tauchte plötzlich vor mir auf und hielt mir mit zitternder Hand einen gefalteten Schal hin. Saint-John nahm den Schal und drückte ihn mir auf die Wunde.

„Die Waffen", murmelte ich und übernahm das Draufdrücken selbst. Meine Hand streifte die seine. Saint-John sprang notgedrungen wieder auf die Beine, sammelte die Waffen der getöteten Verbrecher ein und leerte vorsichtshalber die Magazine. Überzeugte sich nebenbei, dass die Geiseln nicht verletzt waren.

„Wissen Sie, ob noch mehr Geiseln genommen wurden?", fragte ich die Frau in der roten Bluse. Sie war am Boden neben mir sitzengeblieben. Sie wirkte halbwegs stabil.

„Sie haben den Direktor mit nach unten in den Tresorraum genommen und einer seiner Assistenten...."

„Sind noch viele Angestellte im Gebäude, wissen Sie das?"

Sie wischte sich mit beiden Händen durchs Gesicht und strich sich die zerzausten Haare aus dem Gesicht. Sie schniefte. „Ich weiß nicht. Aber heute war nur Minimalbesetzung. Die meisten sind auf einer Schulung und die meisten Sachbearbeiter gehen freitags früher...." Sie kämpfte jetzt mit den Tränen. Ich fragte nicht weiter, wollte nicht ihre halbwegs gute Verfassung ruinieren.

Mit einem Ächzen stand ich auf, stützte mich dabei an der Wand ab. Saint-John war sofort zur Stelle, packte mich unter der gesunden Schulter und zog mich vollends in die Höhe.

„Wir müssen los", presste ich hervor. Die Schmerzen raubten mir fast die Luft zum Atmen. Strahlten heiß und durchdringend bis in die Fingerspitzen. Für einen winzigen Moment wurde mir schwarz vor Augen. Schwindel. Ich wankte. Saint-John hielt mich.

„Bist du verrückt?"

„Wir können froh sein, dass sie die Schießerei nicht gehört wurde. Wir sollten los und die Typen im Tresorraum überraschen."

Energisch biss ich die Zähne zusammen, verdrängte mit Willen und Adrenalin den Schwindel. Saint-John hielt mich noch immer. Ein wenig zu lang, ein wenig zu fest.

„Genau da wolltest du doch hin?"

„Nicht so", flüsterte er. Ich bemerkte das feine Zittern seiner Lippen.

„Zu spät." Ich biss die Zähne zusammen, befreite mich mit einem Ruck von seinem Griff. Wie ein heißes Schwert der Schmerz. Ich spürte, dass das Blut mein Hemd durchnässte.

„Solange das Adrenalin wirkt, sollten wir los."

Entschlossen umfasste ich meine Waffe fester. Was blieb Saint-John anderes übrig? Wir halfen den anderen Geiseln auf die Beine und baten sie durch die Büros ganz nach vorne zu gehen, wo sich die andere Kollegin versteckte. Wir schärften auch ihnen ein, keinesfalls die Schalterhalle zu durchqueren. Dann öffneten wir vorsichtig die Tür zur Schalterhalle. Wir waren jetzt auf der Rückseite der Schalterhalle. Handtaschen standen noch unter den Schaltern, Papiere lagen durcheinander gewirbelt auf den Marmorfliesen. Totale Stille. Wir hielten uns dicht an der Wand, damit wir von der Galerie aus nicht gesehen werden konnten. Die Bürowand endete quasi in der Mitte der Schalterhalle. Eine breite Treppe führte nach unten. Das Gitter am Treppenende stand offen. Saint-John und ich nickten uns noch einmal zu, dann schritten wir dicht am Geländer die Treppe nach unten hinab. Wir kamen in der Mitte eines langen Flures an. Rechts war wieder ein Gitter. Es war verschlossen. Das Gitter zur linken stand offen. Weiter vorne rechts fiel Licht durch eine geöffnete Tür in den ansonsten dunklen Flur. Lediglich alle paar Meter brannte ein kleines, funzeliges Notlicht. Wir blieben wieder dicht an der Wand und schlichen uns an, bemüht keine Geräusche auf den glatt polierten Marmorboden zu verursachen. Es war keine normale Türöffnung. Es war die dicke Stahltür eines begehbaren Panzerschranks. Die Tür ging nach innen auf und gab uns so ein wenig Sichtschutz. Ich ging in die Hocke, um ebenfalls in den Raum blicken zu können.

Jemand in einem schwarzen Anzug lag auf dem Boden, das Gesicht zu uns gewandt. Die toten Augen starrten uns an. Der Bankdirektor. Er hatte seine Kooperationsbereitschaft mit dem Leben bezahlt. Direkt hinter ihm konnten wir Teile eines großen Metalltisches sehen. Darauf standen zwei große, schwarze Taschen. Immer wieder tauchten die Bankräuber auf, packten manchen Inhalt der Schließfächer in die Taschen, anderen Inhalt warfen sie achtlos auf den Tisch. Sie nahmen nur das mit, was sie für wertvoll erachteten. Obwohl sie vieles einsteckten, wurde ich den Eindruck nicht los, dass etwas gesucht wurde und alles andere nur Beigabe war. Die Druckplatten? Wirklich so ein Aufwand für mittlerweile ziemlich alte Druckplatten? Ich glaubte es nicht. Die suchten etwas anderes. Vielleicht ein besonders wertvolles Schmuckstück oder irgendwelche wichtigen Papiere oder sonst irgendwas. Irgendwas, an das jemand nur so herankommen konnte.

In diesem Moment fiel ein Schuss. Ich warf mich zu Boden. Saint-John presste sich mit dem Rücken an die Wand. Nur knapp neben ihm schlug die Kugel in die Wand. Unbemerkt hatten sich in dem dunklen Flur zwei weitere Verbrecher genähert. Pures Glück, dass wir verfehlt worden waren, so wie wir da standen, waren wir ein gutes Ziel. Wir schossen sofort zurück. Saint-John in den Flur, ich in den Tresorraum, aus dem natürlich die zwei Männer gestürzt kamen. Mehrere Kugeln zischten nur knapp an mir vorbei.

„In den Tresorraum!", rief Saint-John und wir stürzten in Raum. Ein Aufschrei, ich wirbelte herum, Saint-John fiel mir regelrecht entgegen. Jemand an der Tür, noch ein Schuss. Saint-John zuckte erneut getroffen in meinen Armen zusammen, ich stürzte unter seinem Gewicht nach hinten auf den Rücken.

Johnny!

Er rührte sich nicht, reglos begrub mich sein Körper unter sich. Der Kerl an der Tür lud die Waffe nach und hob zum nächsten Schuss an. Wir würden hier sterben. Wir beide. Jetzt und hier. Mein Leben zog nicht an mir vorbei. Die Gewissheit des Todes erfüllte mich mit einer Art seltsamen Passivität. Meine Hände krallten sich an Saint-John fest. 

Und wieder fiel ein Schuss. Ohne eine weitere Bewegung sank der Verbrecher tödlich getroffen vor mir zusammen. Irgendjemand hatte den Kerl erschossen. Wer? Egal. Nur Saint-John zählte! Hektisch und ohne Rücksicht auf meine eigene Verletzung kroch ich unter Saint-Johns Körper hervor. Eine gigantische Blutlache breitete sich immer größer werdend unter meinem Ex-Freund aus. Blut quoll aus einer Verletzung Saint-Johns linken Arm. Aber noch viel mehr Blut schoss jedoch aus seinem Oberschenkel und mir war klar, dass die Schlagader getroffen war.

„Johnny!" Die Passivität war wie weggeblasen. Ich musste die Blutung stoppen. Aber wie?

„Hier!" Plötzlich war Lily Vernice neben mir. Sie sank auf die Knie, zog sich dabei ihren Gürtel von der Taille und hielt ihn mir hin. Es war einer dieser modernen, überlangen geflochtenen Gürtel, bei denen man das Ende wiederum mit einer Schlaufe lässig durch den Gürtelriemen zieht. Ich riss ihr den Gürtel aus den Händen, umwickelte Saint-Johns Oberschenkel. Mit einem Ruck zog ich zu und schrie vor Schmerzen auf. Irgendwas knirschte in der Schulter und tat unglaublich weh. Ich musste nachlassen.

„Zusammen!" Lily Vernice packte mit an. Wieder dieses Knirschen in der Schulter. Ich versuchte die Zähne zusammenzubeißen und brach benommen zusammen.

Filmriss.

Rose hatte mir dann Tage später Bericht erstattet. Dass ich mich benommen an Saint-John gekrallt hatte. Mit Gewalt mussten mich die nun herbeigerufenen Kollegen von ihm trennen. Noch in der Schalterhalle wurde Saint-John auf der Krankenbahre zum ersten Mal wiederbelebt. Das zweite Mal im Krankenwagen. Irgendwann auf der Fahrt ins Krankenhaus war ich ohnmächtig geworden. Und erwachte erst vier Stunden später nach einer erfolgreichen Operation wieder. Die Kugel hatte schräg das Schlüsselbein durchschlagen, hatte die  Schulterpfanne gestreift und war dort steckengeblieben. Rose war bei mir, als ich aufwachte. Erleichterung zeichnete sich auf ihrem rundlichen, müde wirkenden Gesicht ab.

„Hey Rose!", flüsterte ich.

„Hey, Tarzan!" Sie lächelte mich sanft an und küsste mich auf die Stirn.

„Was ist mit Saint-John?", fragte ich sofort. Sorgenfalten auf ihrem Gesicht. „Was ist..." Ich schnappte nach Luft und musste husten.

„Er lebt. Saint-John lebt", beeilte sich Rose zu sagen. Ich beruhigte mich, schloss unglaublich erschöpft die Augen und schlief wieder ein. Als ich das zweite Mal wach wurde, waren meine Eltern und mein Bruder da, lösten Rose am Krankenbett ab. Ich lächelte, als ich wach wurde, fragte wieder nach Saint-John, aber die Antwort hörte ich schon nicht mehr. In der Nacht bekam ich Fieber, die Wunde hatte sich entzündet. Fünf Tage lang kämpfte ich, befand mich teils im Delirium, rief nach Saint-John und beruhigte mich erst, als mein Vater mir versprach, an dessen Bett zu wachen. Die zweite Operation an Saint-Johns Bein verlief zwar gut, aber Saint-John war sehr schwach und die Ärzte entschieden sich für ein künstliches Koma. Ich durfte trotz der besser werdenden Entzündung nicht zu ihm. Verständlich, aber es brachte mich fast um den Verstand. Mein Vater allerdings hielt Wort und kümmerte sich geradezu rührend um ihn.

„Da ist eine Frau, die dich unbedingt sehen will." Meine Mutter betrat fragend mein Krankenzimmer. Sehr viele Kollegen nahmen Anteil, aber ich bisher hatte ich keinen persönlich empfangen. Für eine Horde Besucher fühlte ich mich noch lange nicht stark genug. „Sie besteht drauf."

„Wer ist es denn?"

„‘Captain Vernice‘, sagt sie."

Ich wollte Captain Vernice nicht treffen, aber sie bestand tatsächlich darauf und sie hatte mir das Leben gerettet, also willigte ich ein, sie in dem kleinen Aufenthaltsraum im Flur zu treffen. Das Zimmer war mir irgendwie zu persönlich. Ich quälte mich in eine Jogginghose, meine Mutter drapierte den Morgenmantel so gut wie nur irgendwie möglich um meine Schultern. Jeder Schritt fühlte sich wie ein Erdbeben an und ich war nach den wenigen Metern zu dem Aufenthaltsraum schon völlig erschöpft.

Lily Vernice stand am Fenster und blickte hinaus in die noch schneelose Winterlandschaft. Sie trug schwarze Lederstiefel mit unglaublich hohen Absätzen, die sie viel größer erscheinen ließen, als sie tatsächlich war. Der Saum ihres grauen Mantels reichte bis fast zu den Knöcheln und so konnte ich nicht sagen, ob sie Jacke oder Hose trug. Die Hände hatte sie tief in den Taschen vergraben.

„Captain Vernice", begrüßte ich sie und der Captain drehte sich zu mir um.

„Officer Burgh", sagte sie ohne die Miene zu verziehen. Lily Vernice, die Frau die niemals lachte.

„Sie werden irgendwann zu ihrem Alleingang befragt werden", sagte sie. Ihre kalten, grünen Augen ruhten auf mir.

„Ja, werde ich." Der Schmerz in der Schulter strahlte nach wie vor heiß glühend bis in den kleinen Finger. Nur mühevoll konnte ich mich auf Lily Vernice konzentrieren.

„Zurück war nicht möglich. Sie haben sich einfach weiter durchgekämpft."

Verwirrt blickte ich sie an. Und dann begriff ich, sie war ebenfalls im Alleingang unterwegs gewesen. Zögernd nickte ich. Sie zog die Hände aus den Manteltaschen. Lily Vernice trug feine Lederhandschuhe, die sicherlich sehr teuer gewesen waren. Aus ihrer schwarzen Handtasche holte sie ein in Zeitungspapier eingeschlagenes Päckchen hervor. Mir war sofort klar, um was es sich handelte.  

Verblüffung breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Warum?"

„Es ist nicht wegen Ihnen und auch nicht wegen Saint-John."

„Wegen dem Indianer?" Ich presste die Zähne vor Schmerzen zusammen. Der eigentlich kurze Gang zu dem Aufenthaltsraum war definitiv zu viel gewesen.

Sie wich aus. „Andere haben auch Freunde."

Sie steckte das Päckchen wieder ein. „Gute Besserung, Officer Burgh. Und frohe Weihnachten." Sie lächelte nicht, noch nicht mal eine Andeutung.

„Frohe Weihnachten. Und vielen Dank übrigens noch", beeilte ich mich zu sagen.

Keine Antwort. Mit festen Schritten verließ sie das Zimmer. Ihre Schuhe klackerten laut auf dem Krankenhausflur, dann hörte ich die Stationstür.

Ich trat zum Fenster und lehnte mich dagegen. Der Weg zurück ins Zimmer schien unüberwindbar. Jetzt tauchte Lily Vernice draußen vorm Krankenhaus auf. Ihre langen, braunen Haare wippten im Rhythmus ihrer Schritte. Bei der langen Mülltonnenreihe am Rande des Parkplatzes hielt sie an, hob einen der Deckel an, holte wieder das Päckchen hervor und warf es hinein. Dann drehte sie sich um, blickte nach oben, als wüsste sie, dass ich sie beobachtete. Sie hob die Hand zu einem kurzen Gruß. Eine Art von persönlicher Geste und zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass Lily Vernice irgend etwas Persönliches von sich preisgegeben hatte. Obwohl man bei dieser Geste nicht wirklich von preisgeben sprechen konnte. Lily Vernice, die Frau, die niemals lachte und die ich nicht verstand, mit der ich nie würde warmwerden können - so dachte ich damals. Wenn mir an diesem Tag jemand erzählt hätte, dass mich einige Jahre später eine innige Freundschaft mit Lily Vernice verbinden würde, hätte ich ihn laut ausgelacht.

Ich war heilfroh, als meine Mutter mit sorgenvollem Blick erschien und mich stützend ins Zimmer zurückführte.

Nur wenige Tage später wurde Saint-John aus dem künstlichen Koma zurückgeholt. Ich durfte nicht dabei sein, meine Entzündungswerte waren noch zu hoch. Zu gefährlich für Saint-John und so harrte ich in meinem Bett aus. Meine Eltern wachten auf meine Bitte hin an seinem Bett und brachten mir am Nachmittag die Nachricht, dass es ihm soweit gut ginge. Er war ansprechbar und orientiert. Ich war unglaublich erleichtert. Zwei Tage vor Weihnachten durfte ich dann endlich zu ihm.

„Hey", begrüßte ich ihn mit sanfter Stimme.

Saint-John wirkte schmal und blass. Die tiefen Ringe unter den Augen zeigten, dass er einen harten Kampf hinter sich hatte. „Hey." Seine volle Stimme klang ungewohnt leise. Aber er sprach dennoch klar und deutlich. Die vielen Schläuche und Geräte um ihn herum jagten mir Angst ein. Ich setze mich auf den Stuhl neben seinen Bett und ergriff mit meinem gesunden Arm seine Hand.

„Es tut mir leid, es tut mir wirklich leid, Eliot."

Wenn man etwas zu verlieren droht, wirklich zu verlieren droht, weiß man plötzlich, was es einem bedeutet und ob man in der Lage ist, gewisse Dinge zu akzeptieren, zukünftig damit zu leben. „Ich liebe dich, Johnny. Du musst gesund werden. Um alles andere mach dir jetzt keine Gedanken. Das können wir irgendwann klären, wir haben viel Zeit."

Saint-John erwiderte erleichtert mein Lächeln.

24. Dezember, 20:13 Uhr. Müde setzte ich mich auf das leere Nachbarbett in Saint-Johns Zimmer. In der Ecke stand ein kleiner, künstlicher Weihnachtsbaum, den meine Mutter besorgt hatte. Wir hatten gemeinsam leckeres Krankenhausessen gegessen, zumindest hatten wir uns eingeredet, dass es lecker war. Meine Mutter hatte danach ein paar Weihnachtslieder gesungen, die mein Bruder mit der Blockflöte begleitet hatte. Ein Ritual seit meiner Kindheit.

Auf den Nachttischen stapelten sich zahlreiche Weihnachtskarten von Kollegen, viele liebe Grüße, meine Mutter hatte uns allerdings noch Ruhe verordnet und hatte nur Rose durchgelassen.

Wir hatten das Beste aus dem Abend rausgeholt.

„Danke, dass du meine Eltern in deiner Wohnung wohnen lässt." Saint-Johns Wohnung lag nur einen Steinwurfweit vom Krankenhaus entfernt, während meine Wohnung über eine Wegstunde entfernt lag.

„Kein Problem. Ich bin unheimlich froh, dass deine Eltern da sind..." Saint-John hatte keine nähere Verwandtschaft. „... und mich so eingeschlossen haben."

„Es wird der Tag kommen, an dem du dir die Fürsorge meiner Mutter zum Teufel wünschst." Ich grinste.

„Sie wohnen dann ja wieder zu Hause. Weit genug weg." Saint-John grinste zurück.

„Eliot." Er klang jetzt sehr ernst. „Ich liebe dich. Ich hätte dich niemals verlassen dürfen, das war der größte Fehler, den ich hatte machen können. Ich möchte nie mehr ohne dich sein."

Saint-John blickte mich unverwandt an. Noch immer tat die Wunde in meinem Innern weh und wir würden darüber sprechen müssen. Wir würden über die Druckplatten und Lily Vernices Auftritt sprechen müssen. Eine gewaltige Hypothek. Im Moment jedoch war ich nur allzu gerne bereit, das Gespräch zu verschieben. Ich wollte Saint-John. Ich wollte weiterhin mit ihm zusammen sein, egal was gewesen war oder was sein würde. Wir würden alles klären. Irgendwann.

Umständlich stand ich von dem Bett auf, mein Arm war mit Schlaufe und Schiene am Körper fixiert, um die Schulter ruhigzustellen. Unter der Bettdecke zog Saint-John währenddessen ein kleines, dunkelblaues Kästchen hervor. Mein Herz stockte, ich schluckte trocken.  Saint-John klappte es auf. Ein schmaler, goldener Ring.

„Johnny", flüsterte ich unwillkürlich ganz leise.

Saint-John nahm den Ring heraus, ich hob die Hand und er schob mir den Ring an den Ringfinger. Fasziniert betrachtete ich den schmalen Reif. „Der Ring ist wunderschön. Wo... Wie..."

„Dein Vater, zahlreiche Kataloge und meine Kreditkarte sind ein super Team..." Saint-John winkte mich heran. Ich beugte mich vor. Mit seiner rechten Hand umfasste er fest meinen Nacken und zog mich noch näher heran. „Für immer, Eliot Thomas Burgh", sagte er und küsste mich. Zuerst sanft, fast schon vorsichtig erkundigte seine Zunge meinen Mund. Dann verstärkte er den Druck, drückte mich fester heran und intensivierte den Kuss. Ich stöhnte in seinen Mund. Und wäre gerne weiter gegangen, aber derartige Aktionen würden wohl noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.

„Für immer", antwortete ich, als er keuchend seinen Griff lockerte.

Draußen wandelte sich der Schneeregen in dicke Schneeflocken.

The End