File 1: stories/1/733.txt
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Als Dean kurz nach zehn Uhr das zukünftige Schlafzimmer des Redaktionshauses betrat, war der Tischler schon dabei diverse Vermessungen vorzunehmen. Der Marshall grüßte kurz, dann wollte er wissen: „Wie sieht es aus? Sind unsere Vorstellungen umsetzbar?"

Der Tischler schaltete sein elektronisches Messgerät ab und wandte sich seinen beiden Auftraggebern zu. „Da Sie ein extragroßes Bett benötigen, wird es sehr knapp mit dem Platz."

„Was bist du auch so lang", maulte Dean Sam grinsend an.

„Das ist doch nicht meine Schuld", gab der entrüstet zurück.

Dean schnaubte. „Klar ist es deine Schuld. Du hättest bloß aufhören müssen zu wachsen, aber nein....."

„Ganz toll, Dean. Du bist so..."

„Ähm... wenn ich einen Vorschlag machen dürfte?", unterbrach der Tischler die beiden Streithähne. Ihm war es sichtlich unangenehm diesem Disput beizuwohnen. Aber zumindest hatte er mit seinem Eingreifen erreicht, dass er die Aufmerksamkeit von Sam und Dean hatte, der antwortete: „Schlagen Sie, Meister. Hauptsche wir finden eine Lösung."

Während der Tischler den Raum durchquerte, um auf eine schmale Tür zuzugehen, trat Dean ganz nah an Sam heran und flüsterte ihm ins Ohr. „Tut mir Leid, Sammy, ich habe nur Spaß gemacht. Ich stehe nämlich auf deine langen, unglaublich sexy Beine." Nach diesem Geständnis trat er einen Schritt zurück und schaute seinen Freund treuherzig an. Sam seufzte hilflos. Wie sollte er Dean böse sein, wenn der ihn so ansah? Aber sie würden auf jeden Fall reden müssen. So konnte Sam das nicht stehen lassen. Doch vorerst sagte er nichts weiter, weil der Handwerker sie gerade bat, ihm zu folgen. Er hatte die Tür geöffnet und zeigte in den Raum, in dem sich turmhoch Bücher stapelten.

„Ich würde Ihnen empfehlen, diese Bücher anderweitig unterzubringen. Dann könnte ich Ihnen hier einen begehbaren Schrank bauen", schlug der Tischler vor.

Sam und Dean schauten sich kurz an und verständigten sich mit einem Blick. Dann entgegnete Sam: „Sehr gute Idee. So machen wir es."

Nachdem der Tischler das Haus verlassen hatte, wandte sich Sam seinem Freund zu. „Das war ganz schön unangenehm vor einem Fremden", bemerkte er und Dean wusste natürlich sofort, was er meinte. „Mach doch nicht gleich so ein Drama daraus. War doch nur Spaß, Sam, und ich hab mich ja auch entschuldigt", antwortete Dean genervt, weil sein Freund nun offenbar auf diesem Thema herumreiten wollte.

„Ja, das hast du. Trotzdem, ich mag das nicht. Lass das bitte in Zukunft", verlangte er unerbittlich.

„Ja, ja, schon gut du Mimose. Wenn du keinen Spaß verstehst, dann halt nicht. Ich muss zurück ins Büro", entgegnete Dean eingeschnappt und während er sich zur Tür begab, hörte er Sam murmeln: „Ja toll, renn nur davon. Tolle Taktik, mal abgesehen davon, dass ich mit dem ganzen Krempel alleine zu Rande kommen muss."

Dean regierte nicht darauf und verließ das Haus. Er hatte einfach keine Lust wegen so einer Kleinigkeit herum zu streiten und schon gar nicht stundenlang darüber zu diskutieren. Trotzdem entschuldigte er Sams Verhalten in Gedanken, den er konnte gar nicht anders. „Keine Nerven, mein Sammy. Ist total überfordert und besorgt, dass er nicht alles rechtzeitig hinkriegt. Dann werde ich mal für ein bißchen Unterstützung sorgen."

Dean lief die Hauptstrasse entlang und bog nach ein paar hundert Meter in eine Seitengasse ein. Wie er erwartet hatte, standen dort ein paar junge Burschen mit ihren Kleinmotorrädern herum. Dean wusste inzwischen, dass dies der Treffpunkt der Jungs war und ging auf sie zu.

~*~

Noch immer sauer auf Dean, begab sich Sam in den Keller, um nach Kartons zu suchen, in die er die Bücher packen konnte. Er hatte im Moment keine Zeit sie durchzusehen. Das würde er machen, wenn seine kleine Firma lief und alle Umbauten abgeschlossen waren. Die Zeit rann ihm langsam davon und er befürchtete, das alles mit so wenigen Leuten, die er hatte, nicht zu schaffen. Zumindest nicht so, wie er es geplant hatte. Und Dean war auch keine Hilfe. ‚Nein, nur weil ich sauer auf ihn bin, wäre es ungerecht, das zu behaupten', gestand sich Sam in Gedanken ein.

Was ihre Wohnung betraf, hatte so gut wie alles Dean organisiert. Er hatte Muster für Bodenbeläge und Tapeten angeschleppt, ebenso Fliesen und Armaturen. Seiner Meinung nach konnte man nur so beurteilen, ob sie den Vorstellungen entsprach. Bilder im Internet konnten da nicht mithalten. Das alles hatte er Sam ins Haus gebracht, damit er mit aussuchen und sie so beurteilen konnten, wie es vor Ort aussehen würde. Anschließend hatte Dean die Handwerker beauftragt und beobachtet, ob sie alles so machten, wie sie es sich vorgestellt hatten. Daher arbeiteten sie auch fleißig und gewissenhaft.

Doch jetzt hatten sie ihren ersten Streit gehabt und Sam war inzwischen auch klar, wie kleinlich er sich verhalten hatte. Im Nachhinein betrachtet, war es eher lustig gewesen, und Sam stellte fest, dass er völlig falsch reagiert hatte. Im Grunde mochte er es sogar sehr, sich verbal so zu kabbeln.

„Ich muss mich bei Dean entschuldigen. Er war ziemlich wütend und das mit Recht", erkannte er plötzlich und erschrak darüber, während sich sein Herz schmerzhaft zusammenzog. Was, wenn Dean ihn für launenhaft hielt und keine Lust mehr hatte, mit ihm zusammen zu sein?

„Dean hat sein ganzes Leben für mich umgestellt und ich schnauzte ihn an, nur weil er sich einen Spaß erlaubt hat. Es würde mich nicht wundern, wenn er nicht mehr mit mir zusammen sein will."