File 1: stories/1/746.txt
- Schriftgröße +

Erst schaute Sam seinen Freund perplex an, dann grinste er ebenfalls und verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: „Na, dann lass mal hören."

Dean atmete tief durch und war verärgert über sich selbst. ‚Verdammter Gruppenzwang. Ich habe mich hinreißen lassen und den Mund aufgemacht, ohne vorher nachzudenken. Wie komme ich da bloß wieder raus? Gar nicht‘, beantwortete sich Dean diese Frage gleich selbst. ‚Aber andererseits haben sie mich in ihrem Kreis aufgenommen und es fühlt sich wirklich gut an. Der Familie kann man ja so gut wie alles erzählen, also wieso nicht? Das einzige, was mich dabei wurmt, für Aldin ist es ein gefundenes Fressen. Ach was soll's, soll er auch seinen Spaß haben. Jetzt Augen zu und durch.‘

„Was ist jetzt, Dean? Dir fällt wohl kein besseres oder traurigeres Szenario aus deinem Leben ein als meines", behauptete Sam und riss somit Dean aus seinen Gedanken.

Schnell setze der wieder ein Grinsen auf. „Abwarten." Dann wurden seine Gesichtszüge wieder ernst. „Also. Es waren die ersten Weihnachten nach dem Tod meiner Mutter und ich mußte alle Überredungskunst aufbieten, damit mein Vater zustimmte, das Fest überhaupt zu feiern. Allerdings machte er es zur Bedingung, dass ich mich um alles kümmere. Nicht leicht in meinem damaligen Alter, aber ich wollte es unbedingt tun. Für meinen Vater. In der Hoffnung, dass er dann nicht mehr so traurig war. Viel Geld hatte mein Dad nicht herausgerückt und so klapperte ich die ganze Stadt ab, um bei den diversen Discountern die Sachen, die ich wollte, so günstig wie möglich zu erstehen. Wir wohnten ja inzwischen nicht mehr in unserem frühern Haus, weil uns da alles an Mutter erinnerte. Deswegen gab es auch keine Weihnachtsdekoration aus der Sammlung meiner Mutter mehr."

Dean trank einen Schluck aus seinem Glas und fuhr dann fort: „Wie auch immer. Letztendlich hatte ich alles beisammen und sogar zwei festliche Fertiggerichte besorgt. Vater erledigte irgendeinen Auftrag und wollte am frühen Abend zurück sein. Also machte ich mich zuerst dran, den Baum zu schmücken. Als ich damit fertig war, stellte ich ein kleines Renntier, das ich fast umsonst bekommen hatte, weil ein Stück des Geweihes fehlte, als Wegweiser zum Baum vor dem Wohnzimmer auf. Der Tisch wurde noch schön gedeckt und dann wartete ich aufgeregt auf meinen Vater. Ich hatte mir große Mühe gegeben, und hoffte sehr, dass es ihm gefiel. Natürlich vermisste ich meine Mutter mindestens genauso wie er, aber sie hatte dieses Fest so geliebt und schon alleine ihr zu Ehren, sollten wir Weihnachten feiern. In meiner kindlichen Naivität dachte ich, auch Vater würde das so sehen. Ich liebte ihn sehr und ich hatte jetzt nur noch ihn. Daher wollte ich, dass er sich ein bißchen freuen konnte und vielleicht sogar einmal lächelte.

Der Nachmittag verging, doch er tauchte nicht auf. Es wurde immer später und ich immer nervöser. Mein Zimmer lag im ersten Stock und ich schaute immer wieder durch das schräge Dachfenster hinaus, ob der Wagen meines Vaters endlich in den Hof fuhr. Es schneite inzwischen noch stärker als zuvor und das Dach hatte schon eine dicke Schneedecke, als mein Vater endlich eintraf. Ich schaltete schnell den CD-Player ein und das erste Lied erklang. Dann öffnete ich rasch das Fenster, damit mein Vater die Melodie auch hören konnte. Dabei beugte ich mich raus, um die Reaktion von ihm erkennen zu können, während ziemlich laut „Leise rieselt der Schnee" erklang.

Leider hatte ich mich zu weit aus dem Fenster gebeugt und dadurch ein Schneebrett ausgelöst, das geradewegs auf meinen Vater zuraste, der in dem Moment unter meinem Fenster stand und das Haus betreten wollte. Der Schnee rieselte zu meinem Entsetzen alles andere als leise und traf in vollem Schwall meinen Vater. Seine Schimpftirade gellt mir noch heute in den Ohren. Na jedenfalls, nach einem kurzen Schockmoment, raste ich die Treppe hinunter, um ihm die Tür aufzumachen. Gerade als ich sie öffnete, hatte er sich dagegengestemmt. Das hatte zur Folge, dass er nach vorne stolperte. Er wäre auch nicht hingefallen, wenn da nicht das Renntier gestanden hätte, das ihn letztendlich doch zu Sturz brachte. Das arme Tier flog in hohem Bogen durch den Raum, verlor nach dem Aufprall auch noch das restliche Geweih, während mein Vater über den Boden auf den Weihnachtsbaum zuschlitterte. Die CD sprang auf das nächste Lied, Jingle Bells um, und zugleich krachte Vater in den Baum, woraufhin er auch in seinem Kopf alle Glocken läuten hörte."

Sam, aber auch die anderen Familienmitglieder, bogen sich inzwischen vor Lachen. „Sorry, Darling, aber es ist zu komisch, wie du das erzählt hast."

Dean schaute seinen Freund mit einem vernichtenden Blick an und dessen Gesichtszüge wurden schlagartig ernst, und auch die restliche Familie hörte sofort auf zu lachen.

Sam griff nach Deans Hand  und hauchte einen Kuss drauf. „Mir ist natürlich klar, dass es für dich als Kind furchtbar gewesen sein muss und es tut mir ehrlich Leid, dass ich so gelacht habe", entschuldigte er sich voller Reue und schenkte Dean seinen besten Dackelblick.

Dean war ihm gar nicht böse, denn im Nachhinein konnte auch er diesem Erlebnis damals durchaus etwas Komisches abgewinnen. Aber das würde er Sam nicht sagen. Nicht jetzt. Denn Freund hin oder her, Dean wollte sein Geschenk. Schließlich würde es das Erste seit sehr vielen Jahren sein. Deswegen sagte er: „Gib zu, dass meine Geschichte besser ist als deine und es sei dir verziehen."

„Vergiss es. Ich durchschaue dich. Du willst mich erpressen, damit du das erste Päckchen aufmachen darfst. Aber um noch mal zu verdeutlichen. Ich war schwer verletzt und Mutterseelen alleine, daher habe ich mehr gelitten als du." Sam verschränkte seine Arme vor der Brust und grinste seinen  Freund überheblich an.

Dean tat es ihm gleich, verschränkte ebenfalls die Arme und maß seinen Freund mit einem verächtlichen Blick, während man in seinen Augen sehen konnte, wieviel Spaß ihm die ganze Sache mache.

„Pffft... du hast mehr gelitten? Das ich nicht lache. Ich war ein Kind und nach dem Debakel mußte ich die restlichen Feiertage in meinem Zimmer verbringen. Doch das war noch nicht alles. Eine Woche danach steckte mich mein Vater in ein Internat, wo ich die nächsten Jahre auch meine Weihnachten verbrachte. ALLEINE. Denn alle anderen Kinder durften nach Hause, nur ich nicht. Das kannst du nicht toppen. Seelenqualen ohne Ende. Frag deinen Vater, der kennt sich da aus. Und jetzt, wo ist mein Päckchen?"

„Und ich frage mich, wo ist der nächste Kindergarten, damit ich die beiden Jungs gleich mal anmelden kann?", murmelte Sophie Kopf schüttelnd, die gerade aus der Küche gekommen war und nun einen riesigen Teller mit Weihnachtsplätzchen auf den Tisch stellte.

„Hey", kam es gleichzeitig von Sam und Dean, der noch ergänzte: „Da bemüht man sich, die Familie zu unterhalten und... oh Plätzchen." Dean war sichtlich abgelenkt von diesem Berg an Köstlichkeiten, womit er alle zum Lachen brachte.

Der restliche Abend verlief harmonisch, es wurde viel gelacht, gegessen und getrunken. Außerdem hatte das Familientribunal beschlossen, dass sowohl Dean als auch Sam ihr Geschenk verdient hätten. Da es ohnehin für Beide gedacht war, spielte es letztendlich auch keine Rolle und so wurde ihnen das Kuvert übergeben, um das natürlich kurzes Gerangel herrschte, bis Dean sich durchsetzte, das Kuvert öffnete, den Zettel darin jedoch großzügig an Sam übergab. Der las daraufhin laut vor: „Gutschein für einen Picknickkorb und ein Wochenende in der Hensen- Hütte am See.

Seit wann haben wir eine Hütte am See?", wollte Sam verwundert wissen und sein Vater klärte ihn auf. „Es ist die alte Hütte von Clay. Er hat mir sein Grundstück günstig abgetreten."

„Klasse, eine Hütte am See. Wir werden drei Tage nur futtern und f..."

„Dean", zischte Sam und warf seinem Freund einen vernichtenden Blick zu. Der jedoch grinste und fuhr fort: „... und faul sein."

Sam atmete erleichtert aus, seine Wangen hatten sich gerötet und Dean fand ihn einfach nur anbetungswürdig. Er musste ihn einfach kurz küssen. Anschließend bedankten sie sich und die Unterhaltung am Tisch ging weiter.

Aldin blickte in die Runde, die jetzt ein neues Familienmitglied hatte. ‚Dean hat seine eigene Methode die Vergangenheit aufzuarbeiten. Sarkastisch in eine Geschichte verpackt, das passt genau zu ihm. Der Junge hat viel durchmachen müssen und trotzdem weniger Schaden angenommen, als zu erwarten war. Er ist ein sehr starker Charakter. Zudem macht er meinen Sam glücklich. Wenn ich sehe, wie der Junge strahlt, könnten wir eigentlich die Weihnachtsbeleuchtung abdrehen‘, dachte der Doc amüsiert. Er fühlte sich gut und war glücklich, weil seine Familie glücklich war.

~*~

Es war bereits zwei Uhr morgens, als Sam und Dean die Wohnung in der Redaktion betraten. Sie hatten beschlossen, noch ein kleines bisschen für sich zu feiern, und zwar auf eine Weise, bei der es schon mal laut werden konnte.

„Home sweet home", stellte Dean fest und zog Sam an sich, um ihn sanft zu küssen.

„Was hältst du davon, wenn wir uns noch ein bisschen vor den Kamin setzen? Ich muss erst um zehn Uhr bei der Parade sein und ich will noch naschen", bekannte Dean mit einem Augenzwinkern.

Sam schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bin dran, sonst bekommst du noch einen Zuckerschock."

„Mhh... verwöhnen, da steh ich drauf", konterte Dean und löste sich von seinem Freund. „Ich mach mal Feuer. Holst du uns inzwischen etwas zu trinken? Aber erst mal raus aus diesen unbequemen Klamotten und duschen", ordnete er an.

„Ich könnte dir helfen", bot Sam an und zog Dean wieder an sich. Doch der wehrte grinsend ab. „Ansonsten gerne, aber ich will dich vor dem Kamin und das klappt nie, wenn wir nicht sofort die Finger voneinander lassen."

Sam seufzte ergeben. „Okay, dann geh ich zuerst unter die Dusche, während du Feuer machst."

„Guter Plan", entgegnete Dean und schob Sam von sich, der sich auch brav trollte.

Kaum war Sam im Badezimmer verschwunden, schlich Dean zum Schrank,  holte sein Geschenk heraus und legte es unter das Sofa. Dann machte er Feuer im Kamin und ging schnell ins Schlafzimmer, um endlich den Anzug los zu werden.

~*~

„Rühr dich nicht von der Stelle. Schlimm genug, dass ich nicht sofort über dich herfallen kann", befahl er eine Minute später und schaute Sam begehrlich an. Der kam gerade aus dem Badezimmer und war nur mit einer weiten Trainingshose bekleidet.

Sam lachte leise und seine Augen leuchteten vor Freude, dass Dean bei seinem Anblick immer wieder so aus der Fassung geriet. „Mach schnell. Ich mache uns jetzt etwas zu trinken, während du duscht, und warte dann vor dem Kamin auf dich", erklärte Sam, hauchte seinem Freund blitzschnell einen Kuss auf die Lippen. Dann eilte er davon, wohl wissend, dass er es sonst sein würde, der über Dean herfallen würde. Doch da er einen anderen Plan hatte, mußte er sich wohl oder übel beherrschen.

Sam bereitete heißen Grog zu und holte dann sein Geschenk für Dean aus seinem Versteck in der Küche. Indessen duschte Dean in Windeseile. Der Anblick, den Sam ihm gerade geboten hatte, brachte ihn fast um den Verstand. Seine Haut, die sich über den mehr als gut definierten Muskeln spannte, war noch feucht gewesen und Dean wusste sehr gut, wie unvergleichlich gut sie schmeckte. Von den Geräuschen, die er seinem Sammy entlockte, wenn er mit seiner Zunge auf Forschungsreise ging, gar nicht erst zu reden. Während dieser Gedanken, die Dean durch den Kopf schossen, hatte er sich fertig gewaschen. Flüchtig trocknete er sich ab und lief in ihren begehbaren Schrank. Er entschied sich ebenfalls für eine bequeme Trainingshose, und zwei Minuten darauf betrat er den Wohnraum. Sam stellte gerade die beiden Tassen auf den Kaminsims, als Dean eintrat. Ohne ein Wort zu sagen, eilte er auf seinen Freund zu und zog ihn an sich und küßte ihn innig.

„Ich hab ein Geschenk für dich und ich habe das Preislimit nicht überschritten", erklärte Dean und Sam entgegnete, während er die Umarmung löste: „Ich ebenfalls." Er ging die paar Schritte zum Bücherregal, neben dem ein längliches, in weißes Papier geschlagenes Paket lehnte, und nahm es an sich.

Indessen hatte sich Dean zum Sofa begeben und zog sein Paket darunter hervor. Als sich die Beiden mit den identisch aussehenden Päckchen vor dem Kamin wieder trafen, schauten sie sich perplex an. „Sag jetzt nicht, du warst auch in dem Laden neben dem Diner?", wollte Dean wissen.

„Doch", gestand Sam und beide mußten lachen, während sie ihre Geschenke austauschten und gleichzeitig die Verpackung herunterrissen. Zum Vorschein kamen zwei ununterscheidbare Eisbärfellimitate, die Sam und Dean grinsend nebeneinander vor dem Kamin ausbreiteten. Müßig zu sagen, dass sie sofort eingeweiht wurden.

Ende!