File 1: stories/1/726.txt
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Nach dem sie gegessen hatten, trennten sich ihre Wege. Sam mußte sich um verschiedene Dinge für seine Zeitung kümmern und Dean beschloss, seine Runde durch die Stadt zu machen. Zuvor klebte er einen Zettel mit seiner Telefonnummer an die Tür des Sheriffsbüros, damit er im Notfall erreicht werden konnte, dann schlenderte er los.

Die Leute, auf die er traf, grüßten ihn zwar, aber bei so manchen Menschen konnte er erkennen, daß sie mißtrauisch dem neuen Sheriff gegenüber waren. Dean wunderte das nicht. Er war nicht auf die übliche Weise zum Sheriff geworden und im Grunde war er ja nicht mal Sheriff, sondern trug das Abzeichen eines Bundesmarhalls. Außerdem hatte er ihren alten Gesetzeshüter erschossen, wobei die meisten Leute wussten, was der getan hatte und das der tödliche Schuss durchaus seine Berechtigung hatte.

Dennoch, er war ein Fremder in dieser Stadt und musste sich das Vertrauen der Bevölkerung erst erwerben. Aber das würde er hinkriegen. Dessen war er sich sicher. Denn er mochte diese Stadt und auch seinen Job. Allerdings würde er sich bald mit seinem obersten Vorgesetzten treffen müssen, um die neue Lage zu klären. Bis Ende des Jahres hatte er noch Urlaub. Da er bisher noch nie einen in Anspruch genommen hatte, fand er das eine gute Lösung, um sein neu gewähltes Leben auszuloten. Eigentlich hatte ihm das Bill Sutton, sein unmittelbarer Vorgesetzter und Freund vorgeschlagen, der sich schwer vorstellen konnte, dass Dean nun plötzlich ein beschauliches, bürgerliches Leben führen wollte.

So blieb Dean immer noch die Möglichkeit, seine Entscheidung zu revidieren. Wobei, er würde immer dem PCI angehören. Einmal drinnen, kam man nicht mehr raus. Doch zumindest würde Dean versuchen, nur im äußersten Notfall für die Organisation tätig zu werden.

Dean wurde von seinen Gedanken abgelenkt, weil er extrem lauten Motorradlärm aus einer Nebengasse vernahm. Alarmiert lief er um die Ecke und sah zwei junge Burschen, die an ihren Kleinmotorrädern herumschraubten und einen Höllenkrach verursachten. Sie bemerkten ihn erst, als er an den Lenker griff und so das Fahrzeug ausschaltete.

„Hey, hast du sie nicht alle, wir...." Dem Jungem vor dem Motorrad blieben die weiteren Worte im Hals stecken, als er sah, wer vor ihm stand. 

„Ähm... Hallo Sheriff", krächzte der andere und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

„Hey, Jungs. Probleme mit euren Öfen, oder wollt ihr nur die Nachbarn ärgern?", fragte Dean und schaute die Beiden streng an.

„Was? Sorry. Nein. Ich will keinen Ärger, vor allem nicht mit Ihnen. Dieser verdammte alte Krempel. Irgendetwas hat sich verkeilt und... es tut mir Leid. Es ist, wir wollten... ich sollte... okay, ich schieb das Ding", stotterte er resigniert und der andere nickte sofort zustimmend.

Einen Marshall als Hüter des Gesetzes jetzt in der Stadt zu haben war nicht nur ungewöhnlich, sondern schüchterte die jungen Burschen auch ziemlich ein. Es war auf jeden Fall besser, sich mit dem nicht anzulegen. Es gab genug Geschichten über Bundesmarshalls, und wenn nur die Hälfte davon stimmte, machte man sich besser so unsichtbar wie möglich.

„Macht euch nicht gleich ins Hemd und lasst mal sehen", sagte Dean und mußte ein Grinsen unterdrücken. Ja, hier war er eine richtige Respektsperson und keiner wollte ihm gleich das Licht ausblasen, wie es früher oft der Fall gewesen war.

Dean hatte den Fehler schnell gefunden, holte sein Letherman Multifunktionswerkzeug hervor und schraubte ein bißchen herum, bestaunt von den zwei Teenagern, die es nicht fassen konnten, was sich da vor ihren Augen abspielte.

„Wirf mal an", verlangte Dean da auch schon und der Junge gehorchte sogleich, und strahlte Sekunden danach vor Freude.

„Lag am Gasseilzug", erklärte Dean und zeigte ihnen auch gleich, was sie machen mussten, sollte das wieder passieren. „Keine Wettfahrten in der Stadt", mahnte er noch, worauf die Beiden synchron nickten.

„Wen mal was ist, also, Sie uns brauchen oder so..., " sagte der Eine und Dean nickte. „Schon klar. Und jetzt ab mit euch."

Sie hoben ihre Hände zum Gruß und Dean schaute ihnen zufrieden hinterher, dann beschloß er, seine Runde zu beenden und noch im Diner vorbei zu schauen. Das Frühstück war ja doch schon eine Weile her und ein Stück Kuchen ging immer.

Den ganzen Weg über mußte er daran denken, wie gut er es jetzt hatte, und Angst stieg in ihm auf, daß es nicht so bleiben könnte. Nachdem, wie er bisher existiert hatte, denn viel anders konnte man es nicht nennen, konnte er es nicht fassen, jetzt ein so schönes Leben zu führen. Wie lange würde es wohl dauern, bis sein Traum zerplatze? Würde ihn seine Vergangenheit einholen? Und... würden die Albträume irgendwann einmal aufhören? Sie kamen nicht mehr so häufig und er schlief jetzt auch länger als vier Stunden. Vor allem, wenn Sam neben ihm lag, was zum Glück so gut wie immer der Fall war. Trotzdem wagte es Dean nicht, daran zu glauben, daß es für immer so bleiben oder sogar noch besser werden würde.