File 1: stories/1/731.txt
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Nach dem Essen wurde Dean von Aldin gebeten, ihm ins Arbeitszimmer zu folgen, worüber Dean nicht gerade erfreut war. Er befürchtete, dass der Psychologe das Thema Weihnachten diskutieren wollte, doch als er Aldin gegenüber Platz nahm, sprach er ihn wegen Barnes an.

„Auch wenn Ihre Methode jeglicher psychologischen Grundlage entbehrt hat, Sie haben Edward Barnes zweifellos das Leben gerettet. Offenbar scheint das einer Ihrer hervorstechenden Eigenschaften zu sein. Wobei es nicht wirklich dem Berufsbild entspricht, das ich mir von Ihnen gemacht habe. Nun, ich hoffe, Sie sehen mir das nach, da meine vorherigen Erfahrungen diesbezüglich in eine andere Richtung liefen."

Dean verstand diese Art der Entschuldigung und er entgegnete: „Schon klar, Doc. Thema abgeschlossen. Sonst noch etwas?"

Der Doc nickte, antwortete jedoch nicht sofort, sondern zog zuerst die unterste Schublade seines Schreibtisches auf. Dann holte er eine Flasche und zwei Gläser hervor und schaute Dean fragend an. Als der zustimmend nickte, füllte Aldin die Gläser halb mit dem Whiskey voll.

„Ich weiß, dass Sie mir nichts über sich erzählen wollen. Daher werde ich auch keine Fragen stellen, die Sie mir ohnehin nicht beantworten. Sie wissen, dass ich darüber nicht erfreut bin. Schließlich sind Sie mir meinem Sohn liiert, und jeder Vater möchte sein Kind in guten Händen wissen. Bestimmt ist Ihnen klar, dass ich Sie beobachte und auch Erkundigungen über Sie eingezogen habe."

„Natürlich haben Sie das. Hab ich auch, bevor ich auf ihre Farm kam. Wobei das damals aus beruflichem Interesse geschah", gab Dean zur Antwort, dann hob er sein Glas und prostete dem Doc zu, bevor er einen Schluck nahm.

Aldin tat es dem Marshall gleich und nachdem er ebenfalls getrunken hatte, sagte er unzufrieden: „Wenn Sie sowenig über uns erfahren haben, wie ich über Sie, dann wissen Sie nichts. Selbst Bill schweigt sich über Sie aus."

„Sie kennen unseren Verein doch. Da gilt die gleiche Schweigepflicht wie bei Ihrer Zunft. Wobei, über Sie und ihre Familie habe ich ein paar Dinge erfahren, die jedoch eher allgemein und ziemlich uninteressant sind."

Aldin runzelte die Stirn. Der Agent wußte offenbar mehr, als Aldin je geahnt hatte, und das löste ein ungutes Gefühl in ihm aus. Nicht, daß er etwas zu verbergen gehabt hätte, aber der Junge war halb so alt wie Aldin selbst und wußte mehr über ihn, als er über Dean Wilson vermutlich je erfahren würde. Wahrscheinlich war das nicht einmal sein richtiger Name. So jemanden in seinem Haus zu haben, noch dazu als Sams Freund, war irgendwie beängstigend.

„Und das wäre?", fragte er daher nicht gerade freundlich.

„Ich habe mich damals nur wegen des Kriminalfalles schlau gemacht und wie gesagt, nichts was Sie beunruhigen könnte oder müsste. Was auch ihre Familie betrifft", gab Dean ruhig zur Antwort und trank dann erneut.

„Was meinen Sie mit meiner ... Familie?" Aldin wurde immer mißtrauischer und sofort hatte er neue Vorbehalte gegenüber Dean.

„Sie kennen das doch. Durchleuchtung der Vergangenheit. Die übliche Vorgehensweise, wenn man Undercover arbeitet."

‚Jetzt will ich es genau wissen‘, dachte Aldin und hakte nach. „Verstehe. Sie wissen also alles über mich, meine Frau und meine Kinder."

„Und jeden, der hier sonst noch herumgeistert. Aber Sie müssen sich keine Sorgen machen. Zumindest ihre Frau hat eine blütenweiße Weste, " schmunzelte Dean und zwinkerte dem Doc zu.

Aldin mußte daraufhin einfach lachen. So sehr er sich auch sträubte. Dean hatte etwas derart Gewinnendes in seinem Wesen, das er ihn einfach mögen musste, wenn auch immer noch mit Vorbehalt. Wobei Aldin sehr genau wusste, dass er nur wegen Sam so eingestellt war.

Auch wenn sein Sohn mit einem anderen Mann als Dean zusammen sein würde, Aldin hätte Vorbehalte. Untypisch für einen Psychologen, aber völlig logisch, wenn man das aus der Sicht eines Vaters betrachtete. Außerdem konnte er sich nach wie vor nicht vorstellen, dass Dean auf Dauer in dieser kleinen Stadt würde leben können. Aber Sam hatte sich für den ehemaligen Agenten entschieden, und es war unbestritten, dass der seinen Sohn sehr liebte. Doch davon ganz abgesehen beschloss Aldin, nicht immer wieder darüber nachzudenken und besser zu ihrem Thema zurück zukehren. Deswegen entgegnete er. „Und ich hätte geschworen, es ist Tessa."

Dean lächelte inzwischen. „Theresa und ihre andere Tochter, Kate, sind die mit den superweißen Waschmittelkleidern. Ihre Familie ist schon fast unanständig sauber. Sogar Sam. Verwunderlich, wenn ein Junge so gar nichts anstellt, oder er wurde nie erwischt. Wobei mir Beides egal wäre", fügte er bestimmt hinzu.

Aldin schüttelte den Kopf. „Nein, Sam ist schon immer das ruhigste meiner Kinder gewesen. Er überlegt bevor er etwas tut. Selbst mir ist das manchmal suspekt. Hin und wieder denke ich, er sollte... nein. Quid pro quo, Mr. Wilson. Ich erzähle Ihnen ein paar interessante Geschichten von Sam, im Gegenzug erzählen Sie mir etwas von Ihrer Kindheit."

„Netter versuch, Doc", grinste Dean und trank sein Glas leer.

Aldin lächelte ebenfalls. Irgendwann würde er den Freund seines Sohnes zum
Reden bringen. Das nahm er sich fest vor. Er musste nur Geduld haben.