File 1: stories/1/755.txt
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Es dauerte ein paar Minuten, bis wieder Leben in Dean kam und er seinen Blick von der Schrift am Spiegel lösen konnte. Doch dann überfluteten ihn die verschiedensten Gefühle, wobei die Angst um Sammy alles übertönte. Dean zwang sich ruhig zu atmen, damit er wieder klar denken konnte. ‚Nein! Angst und Hass bringen dich dazu, Fehler zu machen. Denk rational und umfassend. Du bist bestens ausgebildet, daher kannst du Sam aufspüren und ihn gegebenenfalls retten‘.

In diesem Moment war Dean heilfroh über den strengen Drill, den sein Vater ihm auferlegt hatte. Genau diese Konzentration brauchte er jetzt, um vor Angst um Sam nicht durchzudrehen und das tun zu können, was notwendig war. Noch während er die Treppe wieder hinunterlief, holte er sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer von Bill Sutton. Dem einzigen Menschen außer Sam, dem er vorbehaltlos vertraute. Zu seinem Ärger ging nur die Mailbox ran und er steckte sein Handy wieder ein.

Als er das Treppenende erreichte, stand Tom gerade von seinem Schreibtisch auf und kam mit einem Zettel auf ihn zu, den er sogleich an den Bundesmarshall weitergab. Der Junge schaute Dean unsicher an und fragte besorgt: „Denken Sie, Sam kommt bald zurück?"

„Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Aber ich werde der Sache auf den Grund gehen", gab Dean zurück, woraufhin Tom nickte und wissen wollte: „Was sollen wir jetzt machen? Ich meine, mit der Zeitung, denn ohne Sam..."

„Macht einfach das, was ihr sonst auch tut."

„Aber ohne unseren Boss fehlen uns Beiträge und er macht ja auch die Korrekturen und... und... das kann ich alles nicht." Tom versagte die Stimme und Dean sah dem Jungen an, dass er am Verzweifeln war.

Er legte ihm die Hand auf die Schulter und blickte ihn eindringlich an. „Ich bin sicher, dass Sam dir inzwischen genug beigebracht hat, damit du für ein, oder zwei Tage die Zeitung voll kriegst. Du bist ein angehender Reporter, Tom, und kannst das. Wir dürfen Sam jetzt nicht im Stich lassen. Du weißt doch, wie sehr ihm der Tagesbote am Herzen liegt. Außerdem werde ich dir Hilfe organisieren, sollte es nötig sein. Aber vielleicht taucht Sam ja schneller auf als wir denken. Also mach dir nicht allzu große Sorgen. Ich erledige jetzt erstmal ein paar Anrufe und dann sehen wir weiter. Du bist hier inzwischen der Boss. Okay?"

Tom schluckte erstmal, doch dann nickte er und straffte seine Schultern. „Okay, ich werde mein möglichstes tun, damit Sam zufrieden ist, wenn er zurückkommt", erklärte er bestimmt und Dean konnte Entschlossenheit und Stolz in den Augen des jungen Mannes erkennen, und wusste, er würde alles tun, um sich würdig zu erweisen. Dean nickte ihm zu und lief dann wieder hinauf in die Wohnung. Er musste in Ruhe telefonieren.

„Ich brauche dringend Kaffee", brummte er und während er die Kaffeemaschine in Gang setzte, wählte Dean erneut Bills Nummer. Zu seiner Erleichterung wurde diesmal abgenommen. „Wo zum Henker warst du? Ich versuche schon zum zweiten Mal dich zu erreichen", motzte Dean, noch bevor sich der Teilnehmer am anderen Ende melden konnte.

„Dort wo selbst der Kaiser zu Fuß hin geht und dahin schleppe ich mein Handy ganz sicher nicht auch noch mit. Und wenn du nicht sofort einen anderen Ton anschlägst, leg ich sofort wieder auf", gab Bill ungehalten zurück.

Postwendend ruderte Dean zurück. „Tut mir Leid. Ich bin etwas durch den Wind und brauche dringend eine Hilfe."

„Schon gut, Junge. Was ist passiert?", entgegnete Bill, sofort wieder versöhnt.

„Sam ist verschwunden und nenne mich paranoid, aber ich denke, dass unser Verein etwas damit zu tun hat. Jedenfalls, wenn das so ist, ist das ganz sicher meine Schuld. Aber ich schwöre, sollte ihm etwas passiert sein, ziehe ich jedem, der damit auch nur im Geringsten etwas zu tun hat, die Haut in feinen Streifen ab", versicherte Dean grimmig.

„Abgesehen davon, dass ich dir das zutraue und auch weiss, dass du es könntest, wie kommst du darauf, dass ausgerechnet der Verein die Finger im Spiel hat. Du bist schon eine Weile weg vom Fenster, was also sollte sie veranlassen, jetzt auf diese Weise zu agieren?", wollte Bill wissen.

„Erpressung?", stellte Dean die Gegenfrage, dann seufzte er. „Keine Ahnung. Gemeldet hat sich keiner bei mir und wie mir erzählt wurde, ist Sam mehr oder weniger freiwillig mitgegangen."

Dean erzählte in knappen Worten, was Tom ihm berichtet hatte, erwähnte aber nichts von dem Kennzeichen des Autos.

Bill hörte zu, ohne Dean auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen bis er geendet hatte. Dann wollte der ältere Mann wissen: „Also noch einmal. Wie kommst du darauf, dass der Verein dahinter steckt?"

„Was sagt dir dieses Autokennzeichen?" stellte Dean die Gegenfrage und gab seinem Mentor die Nummer durch.

~*~

Sams Haltung war kerzengerade. Ohne Regung saß er in seinem Sitz und starrte vor sich hin. Drei weitere Männer, die ungefähr im selben Alter waren wie er, saßen ebenfalls im Passagierraum des Flugzeuges, dessen Motor leise vor sich hin brummte. Keiner der Männer regte sich, oder sprach. Sam wusste, was er zu tun hatte. Es war extrem wichtig. Es gab nichts anderes. Durfte nichts anderes geben. Doch sein Unterbewusstsein sagte ihm, dass es etwas, beziehungsweise jemanden gab, der wichtiger war als alles andere. Verschwommen sah er ein Gesicht vor sich. Grüne Augen schauten ihn durchdringend an und von den Lippen dieses Menschen konnte er ein Wort ablesen. Sentebale!