File 1: stories/1/757.txt
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Dean stand auf dem Dach des 20- stockigen Gebäudes und schaute dem Hubschrauber nach, der sich rasch entfernte. Wie oft war er hier oben schon ausgestiegen? Er wusste es nicht mehr, und eigentlich hatte er auch nicht mehr damit gerechnet, dieses Gebäude je wieder zu betreten. Zumindest nicht, um einen Auftrag für den Verein auszuführen. Gut, in diesem Fall war es nicht für den Verein, sondern für Sam. Aber dennoch, seine Vergangenheit schien Dean nicht loszulassen und jetzt trat er erneut vor die Eisentüre, hielt sein Gesicht in die Kamera, die oberhalb der Tür angebracht war und sagte wissend, dass auch eine Stimmüberprüfung nötig war, damit ihm geöffnet wurde: „Ja, ich sehe immer noch phantastisch aus, also mach endlich auf, ein Schönerer kommt nicht mehr."

„Und einer, der sich noch mehr einbildet als du, auch nicht", kam es lachend aus dem Lautsprecher, bevor ein leiser Summton ankündigte, dass Dean die Tür aufmachen konnte. „Nur kein Neid", entgegnete er grinsend und trat direkt in einen Aufzug ein, der hinter der Tür verborgen war. Er drückte auf den Knopf, der ihn in den achten Stock bringen würde. Der Lift setzte sich lautlos in Bewegung und eine Minuten später hatte er sein Ziel erreicht.

~*~

„Hallo, Dean", grüßte Bill, gleich nachdem er das Büro seines Mentors betreten hatte.

„Hey, Bill", entgegnete Dean und setzte sich auf den freien Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches.

„Du schaust beschissen aus", stellte Bill besorgt fest, nachdem er Dean von oben bis unten gemustert hatte.

„Freut mich auch, dich zu sehen. Und nachdem wir jetzt alle wichtigen Höflichkeiten ausgetauscht haben... Was hast du bisher herausgefunden?", wollte Dean rasch wissen.

Der ältere Spezial-Agent antwortete nicht sofort, sondern drehte sich mit seinem Sessel um und drückte auf den Knopf der Kaffeemaschine. Eine Tasse hatte er schon vorsorglich untergestellt und eine Minute später stellte er Dean den dampfenden Kaffee hin.

Der quittierte diese Fürsorglichkeit mit einem dankbarem Lächeln, bevor er einen vorsichtigen Schluck nahm und erneut fragte: „Also, was hast, beziehungsweise, weißt du?"

Bill stellte seine Tasse, aus der er gerade getrunken hatte, ab und entgegnete: „Nun ja, ich habe ja diese Sportstudie erwähnt, als wir telefoniert haben."

„Hast du. Und Sam hat sie auch bereits erwähnt", wurde Bill von Dean unterbrochen. „Aber was hat das mit seinem Verschwinden zu tun? Nimmt er jetzt an einer geheimen Olympiade teil oder was?"

„Schön wäre es, aber ich befürchte, es ist etwas anderes. Du erinnerst dich doch noch an Mark Enders?"

 „Klar. Menschenschinder Mark. Jeder in unserem Verein, der bei ihm die Kampfausbildung machen musste, kennt und hasst ihn gleichermaßen. Und soweit ich weiß, hat er bisher jeden Agenten in die Knie gezwungen. Nur bei mir hat er sich die Zähne ausgebissen. Nachdem ich durch harte die Schule meines Vaters gegangen bin, war Mark für mich nur noch ein Fitnesstrainer vom Pensionistenheim", entgegnete Dean mit einem boshaften Grinsen.

„Stimmt. Das er dich nicht klein kriegen konnte, nagt heute noch an ihm", bestätigte Bill und auch er musste lächeln. Doch rasch wurden seine Gesichtszüge wieder ernst. „Aber wie auch immer, ich habe mit ihm telefoniert. Er ist zwar schon im Ruhestand, aber sein letzter Auftrag war diese Sportstudie, an der Sam teilgenommen hat", entgegnete Bill mit ernstem Gesicht.

Dean lachte trocken auf. „Das ist absoluter Unsinn, Bill. Erstens kennen wir doch beide den Unterschied zwischen einem Sporttraining und einer Agentenausbildung, und auch Sam hätte den Unterschied unter Garantie gemerkt, vor allem wenn der Schinder - Mark - der Ausbilder gewesen ist und ..." Plötzlich runzelte Dean nachdenklich die Stirn. „Sam hat erzählt, dass er sich das Bein gebrochen hatte, als er an dieser Studie teilnahm. Aber nicht nur das, er war auch ständig mit blauen Flecken übersät. Das klingt sehr nach Enders. Aber selbst wenn, weswegen diese Studie?"

„Das werden wir hoffentlich bald er fahren. Mark wollte mir am Telefon keine Details nennen. Du weißt, keine Leitung ist wahrhaft abhörsicher und auch, wenn ich mein Büro dahingehend ständig überprüfe, gehen wir jetzt." Bill stand auf und Dean folgte ihm wortlos. Er wusste, jetzt weiter darüber zu reden, brachte nichts.

~*~

Sie fuhren mit dem Aufzug nach unten und durchquerten die großzügige Lobby. Amanda, die hinter dem Empfangstresen stand, rief Dean einen freundlichen Gruß zu und lächelte ihn gewinnend an. Dean lächelte abwesend zurück und hob grüßend die Hand. In der Lobby war ein ständiges Kommen und Gehen, denn offiziell war dieses Haus als Versicherungsgebäude bekannt und nur wenige eingeweihte Personen wussten, dass sich ab dem achten Stockwerk eine Sonderabteilung des Pentagons befand. Eine perfekte Tarnung, denn durch den regen Parteienverkehr fielen die Agenten nicht auf, die aus und eingingen.

Bill und Dean verließen das Gebäude und durchquerten einen kleinen Park, der nur eine Querstrasse von ihrem Hauptquartier entfernt war, um sich dann auf einer Bank nieder zu lassen. Sie waren es gewohnt, ihre Umgebung zu sondieren und ganz automatisch schweiften die Blicke der Beiden über das Gelände. Dean sah die spielenden Kinder, herumtobende Hunde und erwachsene Menschen, die ihre Schützlinge von den Bänken aus überwachten oder mit ihnen spielten. Verwundert schaute Dean auf dieses Szenario und fragte sich, wieso die Welt nicht still stand, wo doch sein Sammy bestimmt in höchster Gefahr schwebte. Erst als Bill ihn an der Schulter rüttelte, kam er wieder ins Hier und Jetzt zurück und schaute den Freund fragend an.

„Es wird alles gut", behauptete Bill beruhigend, da er sich denken konnte, was in Dean gerade vorging.

Der nickte nur. „Ja, sicher", murmelte er und um sich von seinen trüben Gedanken abzulenken holte Dean sein Tablett aus seiner Reisetasche, die er neben die Bank gestellt hatte, und schaltete es ein. Er tippte mit einer Hand, die andere verschwand in der rechten Jackentasche.

 „Sagt dir Sentebale etwas?", wollte er anschließend von Bill wissen.

Der überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf. „Sagt mir überhaupt nichts. Wieso fragst du?"

„Sam hat es aufgeschrieben, kurz bevor er verschwunden ist", entgegnete Dean und gab das Wort dann in die Suchmaschine ein. Kurz darauf wurden ihm verschiedene Antworten aufgezeigt. „Vergiss mich nicht", murmelte Dean, als er in der Übersetzung fand, was dieses Wort bedeutete. Plötzlich wurden seine Augen feucht. ‚Als ob ich dich je vergessen könnte, Sammy‘, dachte er und blinzelte schnell die auftretenden Tränen weg. Er würde ganz sicher jetzt nicht zu heulen anfangen. Abgesehen davon, dass es nichts brachte, dieser Peinlichkeit würde er sich nicht aussetzten. Er versuchte, sich wieder auf das Geschriebene auf dem Minicomputer zu konzentrieren, doch so richtig gelang es ihm nicht. Nach weiteren zehn Minuten des Wartens wurde Dean nervös. „Wo bleibt er denn, verdammt? Die Zeit rennt uns weg. Sam kann inzwischen wer weiß was passieren. Aber was will man erwarten. Enders ist halt auch nicht mehr der Jüngste und mit den kurzen Beinen braucht er vermutlich auch länger als andere Leute ..."

„Nach wie vor eine freche Klappe, Wilson", wurde Dean plötzlich von einer Stimme unterbrochen, die er hinter sich hörte. „Außerdem scheinst du alles vergessen zu haben, was dir beigebracht worden ist, denn früher hätte keiner so nah an dich herankommen können, ohne das..."

Marks Augenbrauen schnellten in die Höhe, als er die Waffe in Deans Hand sah, dessen Mündung genau auf seinen Bauch zielte. Dass Dean grinste, wusste der ehemalige Ausbilder, ohne in dessen Gesicht sehen zu müssen. Doch als er es dennoch tat, bemerkte er die Härte in dessen Augen, ignorierte es aber gekonnt.

„Trotzdem, früher hättest du dir gleichzeitig einen Hot Dog reingestopft", entgegnete Mark ungerührt und deutete zu dem Hot Dog Stand, der ein paar Meter von der Bank entfernt aufgebaut war.

Dean hatte ihn gar nicht bemerkt und ehrlich gesagt, interessierte es ihn auch nicht. Ihm war nicht nach Essen. Sein Magen rebellierte sogar, wenn er nur an Essen dachte. Alles was er wollte, war, Sam finden, und daher erwiderte er kalt: „Erspar mir deine blöden Bemerkungen, Enders. Du weißt, weswegen wir hier sind. Also, entweder du kannst mir brauchbare Informationen liefern oder unser Treffen ist hiermit beendet."

Mark hob die Augenbrauen an und lächelte süffisant. „Seit wann hast du keinen Humor? Nicht, dass du jemals wirklich etwas Witziges von dir gegeben hättest, aber zumindest deine Versuche waren komisch."

„Komm, Bill, lass uns verschwinden. Wir vergeuden nur Zeit", sagte Dean an seinen Freund gewandt und stand auf.

„Setzt. Dich. Sofort. Wieder. Hin", befahl Mark in strengem Ton und Dean fühlte sich sogleich wieder in die Vergangenheit zurück versetzt, als Enders noch sein Ausbilder gewesen war. Doch die Betonung lag auf war. Selbst damals hatte er nicht jeden Befehl befolgt und jetzt würde er es erst Recht nicht tun. Daher baute er sich vor Mark auf und knurrte: „Sonst was, alter Mann?"

Natürlich ließ sich Enders nicht einschüchtern und zischte zurück. „Pass auf was du sagst, junger Mann. Ich habe dir nicht alles beigebracht, was ich weiß und kann. Daher bin ich durchaus noch im Stande dir den Hintern so zu versohlen, dass dieser Henson eine ganze Weile keine Freude an ihm hat."

„Sexistisches Arschl..."

„Halt die Klappe, Dean", verlangte Bill streng und wandte sich dann Mark zu. „Und du hältst dich jetzt auch zurück. Verstanden? Oder hast du vergessen, wie du dich gefühlt hast, als Mary..."

Mark warf Bill einen bitterbösen Blick zu. „Das wirst du nicht wagen. Ich warne dich. Nur ein Wort und ich..."

„Liegt ganz bei dir. Und versuch mich nicht einzuschüchtern. Das klappt bei mir genausowenig wie bei Dean. Also. Kommen wir zur Sache. Was ist es, dass du mir am Telefon nicht sagen wolltest?"

„Mach Platz, Wilson. Ich habe keine Lust die ganze Zeit zu stehen, während ich die komplette Geschichte erzähle", forderte Mark Dean auf und Dean stand auch sofort und ohne ein Wort zu erwidern auf, und setzte sich stattdessen auf die Lehne neben Bill. Schließlich wollte er keine weitere Zeit mit sinnlosem Streit vergeuden, sondern endlich mehr über Sams Verschwinden erfahren.