File 1: stories/1/765.txt
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Sam ignorierte die herumfliegenden Kugeln völlig, während er auf Dean zu lief. Zu seinem Glück gaben ihm seine Kameraden Feuerschutz, nur deshalb kam er unbeschadet bei ihm an. Doch in dem Augenblick, als er sich vor Dean niederkniete, wusste er plötzlich nicht mehr, wieso er hier hergelaufen war und er runzelte verwirrt die Stirn. Auf einmal schossen ihm wieder Bilder durch den Kopf. Zuerst von Dean. Wie er ihn anlachte. Dann plötzlich Smith, Enders. Der Koffer. Wieder Dean. Wie er sich vor Lust unter ihm wand. Ihn begierig küsste. Eine Limousine. Ein fremder Mann, der ihn zum Flughafen brachte. Dort wartete man auf ihn. Er musste etwas Wichtiges erledigen für Smith, wusste er. Eine Bilderreihe folgte. Sein Vater, seine Schwestern und so weiter.

Dean schaute Sam besorgt an, erkannte die Verwirrung und Unsicherheit in seinen Augen. Er hatte das Gefühl, dass Sams Blick nach Hilfe bei ihm suchte und so tat er das, was er in diesem Moment für das einzig Richtige hielt. Er nahm den Kopf seinen Geliebten in die Hände, zog ihn zu sich heran und küsste Sam erst ganz sanft, um zu ergründen, ob der es zuließ. Doch diese Sorge war völlig unbegründet. Denn gleich nachdem sich ihre Lippen berührt hatten, seufzte Sam erleichtert auf und erwiderte den Kuss voller Intensität. Nichts anderes zählte mehr. Die Welt um sie herum verschwand. Es gab nur noch sie Beide, bis Bills Stimme sie zurückholte.

„Seid ihr zwei Idioten jetzt völlig irre geworden? Wir werden von allen Seiten beschossen und ihr knutscht herum, als gäbe es kein Morgen? Den wird es für euch auch nicht geben, wenn ihr eure Ärsche nicht auf der Stelle aus der Schusslinie bewegt. Und das pronto!"

Sam und Dean schauten sich an und lächelten verliebt. „Da bist du ja wieder, Dornröschen. So wie es aussieht, hab ich dich wach geküsst. Ich bin ja so was von gut", bemerkte Dean und grinste. Doch gleich darauf wurden seine Gesichtszüge ernst und er schloss Sam fest in seine Arme. „Ich hab dich wieder. Endlich hab ich dich wieder", murmelte er und schluckte den dicken Kloß hinunter, der sich in seiner Kehle gebildet hatte.

Sam hatte ebenfalls seine Arme fest um Dean gelegt und seine Augen geschlossen, als sie Bill hörten, der sie erneut wüst beschimpfte. Daraufhin wurde ihnen die Situation, in der sie sich befanden, erst so richtig bewusst und vor allem Sam schaute sich gehetzt um, bevor er Dean besorgt von oben bis unten musterte und fragte: „Bist du verletzt, Darling? Kannst du aufstehen? Wenn nicht, ich trag dich und..."

„Mir fehlt nichts", entgegnete Dean rasch, um Sam seine Sorge zu nehmen.

„Aber du bist gefallen, ich hab es gesehen und...."

Wieder wurde er von Dean durch einen kurzen Kuss unterbrochen, der einfach überglücklich war, seinen Sammy wieder zu haben. „Mein Fuß ist nur in dieser verdammten Wurzel hängen geblieben und deswegen bin ich hingefallen. Das ist peinlich genug, also sag es bloß niemanden, okay?" murmelte Dean und schaute Sam bittend an.

Der lachte leise und nickte, bevor er Dean half, seinen Fuß aus der Wurzel zu befreien. „Nenn mich ja nie wieder Donröschen. Ich bin kein Mädchen. Klar?", verlangte er plötzlich, während er Dean auf die Beine half.

„Wer sagt, dass er ein Mädchen war? Aber die Geschichte erzähle ich dir ein anderes Mal. Jetzt sollten wir uns beeilen, sonst erschießt und Bill noch", merkte Dean an, als er sich wieder bewegen konnte. Und nach Sams zustimmendem Nicken rannten sie unter dem Feuerschutz ihrer Freunde los.

 „Jag die Hütte in die Luft", brüllte Dean dem Techniker zu, kaum dass sie ihre Leute erreicht hatten. Der betätigte auch sofort ein paar Tasten und eine Sekunde später detonierten die Sprengkörper, die Dean an den verschiedenen Stellen des Gebäudes angebracht hatte, mit ohrenbetäubendem Getöse.

Im selben Augenblick verstummten die Schüsse, die von dort gekommen waren und noch bevor sich der Staub verzogen hatte, waren die Agenten verschwunden.

Wenig später erreichten sie das Lager und traten nacheinander in das Zelt von Clemens. Sam, der wieder den Koffer in der Hand hatte, stampfte mit wütendem Gesicht auf seinen Boss in dieser Mission zu, der freudig lächelnd die Hand nach dem Objekt seiner Begierde ausstreckte. Doch anstatt Clemens den Koffer zu übergeben, bekam er Sams Faust zu spüren, sodass er quer über den Tisch flog.

„Was zur Hölle...", keuchte Clemens fassungslos und umfasste mit beiden Händen seinen schmerzenden Kiefer. Dann rappelte er sich wieder hoch und brüllte Sam an. „Sind sie wahnsinnig? Sie stehen unter meinem Befehl und ich sage, geben Sie mir sofort den Koffer."

 Doch statt das zu tun, schlug Sam noch einmal zu, was seine unmittelbaren Kameraden veranlasste, Clemens zur Hilfe eilen zu wollen. Doch dazu kam es nicht, denn bevor sie Sam erreichen konnten, stellte sich ihnen Dean in den Weg und richtete die Waffe auf sie. „Ganz ruhig, Jungs. Sam hat was zu klären, also haltet die Füße still bis er damit fertig ist", verlangte er.

„Genau", behauptete auch Bill. Obwohl er genauso wenig wie Dean wusste, was Sam dazu brachte, gerade jetzt derart auszurasten. Clemens hatte es in jedem Fall verdient und vielleicht kamen ja auch ganz interessante Informationen dabei heraus.

„Na, das kann ja ein Weilchen dauern. Da genehmige ich mir noch einen Whisky", entschied Mark trocken und schenkte sich ein.

 Clemens indessen brüllte Sam eine Zahlen-Buchstaben-Kombination entgegen, doch der schüttelte nur böse grinsend den Kopf. „Vergiss es. Dank Dean ist der Trigger gelöscht und du kannst nichts tun, um ihn wieder zu aktivieren. NICHTS! Du Verlierer." Sam schaute den Agent voller Verachtung an, griff sich wieder den Koffer und wandte sich dann an den Techniker. „Kannst du ihn öffnen?"

„Ich denke schon. Lass mal sehen", bekam Sam zur Antwort.

Clemens, der Sam nach dessen Aussage fassungslos angeschaut hatte, erwachte aus seiner Starre und eilte auf den Techniker zu, der gerade den Koffer in Empfang nehmen wollte. Bevor er den Mann jedoch erreichte, wurde er auch schon wieder von Sam aufgehalten, der Clemens einfach einen kräftigen Schubs gab, so dass er zurück stolperte, sich nicht mehr fangen konnte, und prompt auf seinem Hosenboden landete.

„Rühr dich bloß nicht vom Fleck, sonst bist du der Nächste, der mit dem Klebeband Bekanntschaft macht, denn meine Geduld ist am Ende", warnte Sam mit kalter Stimme und Dean hob verwundert die Augenbrauen. Diese Kälte und Verachtung für diesen Mann war eine Seite von Sam, die Dean weder kannte, noch sich je hätte vorstellen können. Es stimmte wohl. In jedem Menschen steckten gute und böse Eigenschaften. Wobei Dean es nicht als böse ansah, wie Sam sich jetzt benahm. Wie er sich Clemens gegenüber verhielt, war nur die Reaktion darauf, was der ältere Agent ihm und auch seinen Kameraden angetan hatte. Daher hatte Sam jedes Recht darauf, so sauer zu sein.

Während sich der Techniker mit dem Zahlenschloss beschäftigte, begab sich Sam zu Dean, schaute erst ihn und dann das Glas in dessen Hand fragend an. Dean verstand sofort und reichte das Glas an Sam weiter. Der lächelte leicht, nahm es dankbar und seufzte nach einem kräftigen Schluck hörbar auf, bevor er sagte: „Ich denke, nur wenn der Koffer geöffnet ist, ist auch die Programmierung bei den anderen gelöscht. Falls das überhaupt jemals Clemens oder Smith Plan war. Aber vermutlich wollte er uns alle über die Klinge springen lassen, sobald er das Ding hat."

„Warum sollte er?", wollte Dean Stirn runzelnd wissen.

Plötzlich mischte sich Mark in das Gespräch ein und argumentierte: „Wenn er zum Beispiel den Chip selbst an den Meistbietenden verkaufen wollte. Dann kann er keine Zeugen gebrauchen."

„Der Koffer ist mit einer Sprengfalle gesichert. Ihr dürft ihn nicht anrühren", brüllte Clemens plötzlich dazwischen.

„Ach, und woher weißt du das?", wollte Bill wissen.

„Das... das... kann man sich doch denken. Würde doch jeder machen, bei so einem wertvollen Inhalt. Wir sollten ihn so wie er ist mitnehmen und ihn von unseren Spezialisten aufmachen lassen", schlug Clemens vor.

Dean, der das viel unkomplizierter sah, erwiderte: „Oder wir fragen einfach Skynard." Er drückte Sam seine Waffe in die Hand und lief dann rasch in die Ecke, wo die Jungs den Verbrecher abgelegt hatten. Ohne Vorwarnung riss Dean den Klebestreifen von dessen Mund, ignorierte dessen Schmerzlaut und zerrte ihn auf die Beine. Dann schnitt er noch die Armfesseln durch und verlangte, während er ihn grimmig anschaute: „Aufmachen."

Skynard wusste offenbar, dass er verloren hatte und gegen diese Leute keine Chance haben würde. Aber er musste unbedingt versuchen, einen Handel abzuschließen, sonst würde er den nächsten Tag nicht erleben. Daher entgegnete er. „Es stimmt, es ist auch eine Sprengfalle angebracht, die mit einer zweiten Zahlenkombination gesichert ist. Ich bin bereit, den Koffer zu öffnen, aber dafür verlange ich als Gegenleistung freies Geleit an den Ort meiner Wahl."

„Glauben Sie tatsächlich, dass Sie sich in der Lage befinden, um Forderungen zu stellen?", fragte Mark belustigt und schenkte sich sein Glas wieder voll.

„Wenn Sie dem nicht zustimmen, werde ich den Koffer nicht öffnen. Denn dann würde ich so oder so sterben", blieb Skynard stur.

„Wieso sprengen wir dieses verfluchte Ding nicht einfach in die Luft? Der Chip wäre hinüber und gut ist. Wir könnten endlich nach Hause", sagte Dean sichtlich genervt von dem ganzen Gelaber.

„Dean, Dean. Ich frage mich ernsthaft, wie du in unserer Branche so lange überleben konntest. Nur mit Glück vermutlich, denn am Verstand kann es nicht gelegen haben. Hast wohl mal wieder nicht richtig zugehört. Auch wenn Sam seinen Trigger los ist, und wie auch immer das passiert sein mag, will ich später genau wissen. Jedenfalls, die anderen Jungs haben ihn noch. Du erinnerst dich? Daher hat sicher keiner von uns Lust auf die Kerle ständig aufzupassen, weil die partout ihren geliebten Mr. Smith befreien wollen. Wir sollten daher schnell machen, bevor wir sie nicht mal mehr mit unseren Waffen aufhalten können", gab Mark zu bedenken und trank von seinem Glas.

Dean wollte wegen der Beleidigung schon eine aufbrausende Antwort geben. Doch das verkniff er sich, als er erkannte, Enders hatte Recht. Die von Clemens manipulierten Männer wurden immer unruhiger und es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie angreifen würden, um ihren Boss zu befreien und zu beschützen.

„Okay, es gilt. Freies Geleit. Das ist ein Versprechen, das ich und die anderen einhalten werden. Jetzt machen sie schon", verlangte Dean ungehalten.

Skynard schaute in die Runde und erkannte verwundert, dass alle zustimmend nickten. Enders lächelte sogar ein wenig. Deswegen wagte Skynard eine weitere Forderung, die er jedoch nicht zu hoch schrauben wollte. Das Risiko wollte er nun doch nicht eingehen. Aber er musste unbedingt noch einen Bonus für sich herausschlagen, um nicht völlig mit leeren Händen dazustehen.

„Und fünf Prozent von dem Inhalt des Koffers", sagte er und hoffte, seine Stimme klang fest genug.

„Sie wollen ein Stück des Chips abschneiden? Da sind wohl ein paar Gehirnwindungen draufgegangen, als ich zugeschlagen habe", überlegte Dean, sarkastisch lachend.

Skynard schüttelte den Kopf. „Ich habe nichts von einem Chip gesagt. Ich rede von dem Inhalt dieses Koffers. Fünf Prozent davon. Ja, oder nein?"