File 1: stories/1/141.txt
- Schriftgröße +

„Was genau meinst du, Cordy?“ Angel war mit einem Mal hellwach.

„Ich hab Lilah gesehen. Eastside, ein blaues schmales Haus, vierter Stock, grüne Türe. Der Eingang ist neben einem China Restaurant und sie war sehr lebendig. In meiner Vision hatte sie Darla im Arm, die schrie und sich den Bauch vor Schmerzen hielt.“

„Und dann?“ fragte Angel gespannt.

„Nichts dann, Vision Ende,“ antwortete Cordelia. „Am besten ich komme sofort zurück. Ich muss nur noch meine Koffer packen,“ fügte sie noch schnell hinzu.

„Das bringt nichts, Cordy. Genieße noch die kurze Zeit, hier kannst du vorläufig sowieso nicht tun. Lass es dir gut gehen, wir sehen uns ja bald.“ Angel beendete das Gespräch und drehte sich zu Spike um, der inzwischen aufgewacht war und ihn verschlafen und mit verstrubbelten Haaren auf der Bettkante sitzend ansah.

„Was is`n los Peaches?“

Angel betrachtete geistesabwesend seinen Geliebten. „Gott ist er süß, ich könnte ihn auf der Stelle….“

„Angel? Hey Poof, komm zu dir. Was ist passiert?“ Spike stand auf und bewegte seinen nackten Körper geschmeidig auf Angel zu. Die Muskeln unter seiner marmorweißen Haut spannten sich bei jedem Schritt und Angel schluckte hart.

Vorsichtig berührte Spike die Schulter seines Sires und riss ihn so aus seinen Gedanken. Angel zog ihn an sich und küsste ihn zärtlich. Langsam schob er sein Child von sich. „Wir haben zu tun, leider. Cordy hatte eine Vision… es geht um Darla.“ Bei der Erwähnung dieses Namens warf Angel Spike einen vorsichtigen Blick zu.

Der verdrehte genervt seine Augen. „Was ist mit der Bitch, hat sie endlich der Teufel geholt?“

„Nicht so ganz, obwohl… Lilah hat sie. Und so wie es aussieht, hält sie sie gefangen oder Schlimmeres,“ meinte Angel.

„Lilah ist tot. Du erinnerst dich? Die Anwältin, die Walsh, genmanipulierte Vampire… wir haben, oder besser du hast, alle zusammen eingeschlossen, was zur Folge hatte, dass die beiden Weiber ausgesaugt wurden. Also tot,“ war Spikes logische Schlussfolgerung.

„Wir haben es nicht gesehen,“ erwiderte Angel nachdenklich.

„Was nicht gesehen? Verdammt, sprich nicht in Rätseln.“ Spike wurde ungeduldig.

„Wir haben nicht gesehen, dass sie tot waren. Und Cordelias Visionen stimmen immer,“ erklärte Angel bestimmt.

„Du meinst, sie könnten das Massaker überlebt haben? Unmöglich.“ Spike konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen.

„Tja, wie wir inzwischen wissen, ist vieles möglich. Komm, wir ziehen uns an und versuchen etwas herauszufinden.“

Während sie in ihre Kleider schlüpften murrte Spike: „Was zur Hölle geht uns Darla eigentlich an, frag ich dich. Egal wer oder was sie nun sein mag, sie ist und bleibt ein durch und durch bösartiges Weibsbild.“

„Die Mächte sehen das wohl anders, Spike,“ meinte daraufhin Angel.

„Ah ja, die Oberbosse… dann müssen wir wohl. Wir sind ja ihre besten Krieger und schließlich haben sie den Fluch entschärft. Da sind wir verpflichtet, wenn wir wollen, dass es so bleibt. Denn wenn die wütend werden, dann ist Schluss mit lustig und wir können verdammt nochmal den Kaltwasserhahn aufdrehen, wenn es uns überkommt. Denn auf dieser Scheiß-Welt gibt es nichts umsonst,“ nuschelte Spike wenig begeistert vor sich hin und folgte Angel in die Lobby. Der konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er hörte was Spike so von sich gab.

Wesley war schon da und hatte seine Nase tief in ein Buch vergraben. „Hey ihr zwei, warum seid ihr schon auf?“

„Morgen Wesley,“ grüßten die zwei Vampire. „Cordy hat angerufen,“ fügte Angel noch hinzu. Er erzählte von dem Gespräch.

„Ich weiß, wir haben auch telefoniert. Aber Lilah ist tot und Darla müsste es auch sein, wie wir wissen,“ warf Wesley ein.

„Wer ist tot?“ Faith kam die Treppe herunter. Sie trug Trainingskleidung, und wollte gerade in den Keller. In kurzen Worten wurde sie über die Lage informiert.

„Was? Du willst Darla retten? Angel, bist du verrückt? Sie ist böse, mehr als das, und was sie dir kürzlich angetan hat, das kannst du doch nicht vergessen haben. Und Spike? Was ist mit ihm? Du kannst doch nicht ernsthaft erwarten, dass er dir hilft sie zu retten oder was auch immer du tun willst.“ Empört lief Faith in der Lobby hin und her und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum.

Spike ging auf sie zu und fasste sie bei den Schultern. „Hey, beruhige dich Jägerin. Es geht nicht um Darla. Es geht um unsere Mission. Wir haben von den Mächten einen Auftrag bekommen. Du solltest nie vergessen, dass sie uns eine zweite Chance gegeben haben. Wir wurden zu Kriegern der Mächte bestimmt. Wir erfüllen ihre Aufträge, das ist unsere Aufgabe, unsere Chance einen Teil der Schuld abzutragen. Ich werde meinen Teil dazu beitragen, denn die Mächte der Ewigkeit schenkten mir eine wunderbare Zeit mit Angel. Das allein genügt mir um für ihre Sache zu kämpfen, wie es auch immer das Ganze für mich ausgehen mag.“ Eindringlich sah er ihr in die Augen, ließ ihre Schultern los und ging in den Keller, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen.

„Du musst sehr stolz auf ihn sein,“ sagte Wesley leise zu Angel.

„Das bin ich und er überrascht mich immer wieder.“ Mit schnellen Schritten folgte er seinem Child.

Spike war in den Trainingsraum gegangen und bearbeitete mit nacktem Oberkörper den Sandsack.

„Was tust du da?“ Verwundert beobachtete Angel wie er mit Armen und Beinen den Sandsack malträtierte.

„Wonach sieht`s den aus? Ich trainiere und du solltest das auch tun. Wir sind schlapp geworden in letzter Zeit. Los fangen wir an, mal sehen ob du gegen mich ankommst, alter Mann.“ Grinsend ging Spike in Angriffstellung.

„Du hast wohl vergessen, dass ich dich erst gestern verprügelt habe, Kleiner.“ Angel zog sein Shirt aus und umkreiste langsam sein Child.

„Da war ich besoffen, das war leicht. Ein Kleinkind hätte mich umgeschubst. Aber nun bin ich nüchtern und voll fit. Du hast nicht den Hauch einer Chance. Ich zerlege dich in alle Einzelteile bevor du ‚Piep’ sagen kannst. Und außerdem - nenn mich nicht Kleiner.“ Spikes Grinsen wurde breiter.

„Ja, ja große Klappe, nichts dahinter. Das kennt man ja. Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du um Gnade winseln,“ lächelte Angel überheblich und schlich auf Spike zu.

„Ich bettle höchstens, dass du endlich zu quatschen aufhörst. Nur wenn du singst ist es noch schlimmer. Greif endlich an, bevor ich mir vor Langeweile selbst eine verpassen muss.“ Spike hob die Fäuste und Angel stürmte auf ihn zu. Mit einem Sidestep wich Spike elegant aus, hob das Bein und Angel prallte dagegen um daraufhin auf den Bauch zu knallen.

„Ha, ha, das kommt davon wenn man sich überschätzt, mein Alterchen. Nun liegst du…“ Ein rasche Drehung und ein Beinfeger von Angel warfen Spike auf die Matte, so dass ihm die Worte im Hals steckenblieben.

„Tja mein Junge, von deinem Alten kannst du noch eine Menge lernen.“

„Träum weiter, wenn ich mit dir fertig bin, kannst du dein Blut aus der Schnabeltasse trinken,“ knurrte Spike frustriert, weil Angel ihn überrumpelt hatte.

Beide sprangen auf und begannen ernsthaft zu kämpfen. Über zwei Stunden dauerte der Schlagabtausch, wobei es aber keinem von beiden so richtig gelang, die Oberhand zu gewinnen.

„Genug für heute,“ murmelte Angel und ließ sich auf die Matte fallen. Spike war froh die Worte seines Mentors zu hören und fiel ebenso erschöpft auf den Boden. Er würde es zwar niemals zugeben, aber er hätte gegen seinen Sire keine fünf Minuten mehr durchgestanden.

Nachdem sie sich etwas erholt hatten, ging Angel unter die Dusche und Spike genehmigte sich erst einmal einen Becher Blut um wieder zu Kräften zu kommen. Nachdem auch er geduscht hatte, legten sie sich noch ein paar Stunden schlafen um am Abend für ihren Einsatz gewappnet zu sein.

Als sie kurz nach Sonnenuntergang nach oben kamen, warteten Wes, Gunn und Faith schon auf sie. „Wir sollten dann mal los,“ sagte Wesley und griff nach seiner Jacke. Die beiden Vampire nickten, Spike zog seinen obligatorischen Ledermantel an und sie verließen das Hyperion.

~*~

Langsam fuhr Angel die Eastside entlang und die vier hielten Ausschau nach einem blauen Gebäude mit einem China Restaurant im Parterre.

„Hier vorne, das könnte es sein.“ Wesley deutete auf ein Haus rechts vor ihnen.

Angel nickte. Er hatte das Haus bereits entdeckt und brachte den Wagen am Straßenrand zum Stehen. Er und seine Freunde stiegen aus. Sie gingen auf das Restaurant zu und bemerkten einen schmalen Hausengang, der anscheinend in die obere Etage führte. Wesley und Gunn gingen voraus und Angel und Spike folgten den beiden, erstaunt darüber, dass ihnen keine Vampirbarriere den Eintritt versperrte.

„Offenbar sind wir eingeladen und werden erwartet,“ knurrte Angel leise. „Seid wachsam, wir wissen nicht, ob es nicht vielleicht eine Falle ist“

Vorsichtig stiegen sie die Treppe bis zum vierten Stock hinauf und blieben vor der Wohnungstür stehen, die Cordy aus ihrer Vision beschrieben hatte. Gunn klopfte fest an die Tür. Kurz darauf öffnete sie sich und Lilah stand mit einem breiten Grinsen vor ihnen.

„So sieht man sich wieder, meine Herren. Was kann ich für euch tun?“ Rechts hinter ihr stand ein großer Mann, der einen weißen Turban auf dem Kopf trug. Seine Haut und seine Kleidung ließen indische Herkunft vermuten.

„Wie ist das möglich?“ Wesley konnte seine Überraschung über Lilahs quicklebendigen Anblick nicht verbergen, obwohl er eigentlich schon aus Cordelias Vision wusste, dass die Anwältin noch am Leben war. Lilah trug noch immer ein höhnisches Lächeln auf den Lippen und schien nicht die geringste Angst zu haben.

„Tja, Angel hätte sich damals wohl besser selbst davon überzeugen sollen, ob Maggie und ich auch wirklich tot sind. Oder zumindest hättet ihr wohl besser Wolfram & Hart nicht sofort von meinem Tod informieren sollen. Doch zu meinem Glück hat er das eine nicht und das andere prompt getan. Die Vampire waren an Maggie mehr interessiert als an mir, und somit hatte ich noch genügend Blut in mir, dass ich verwandelt werden konnte. Ein Meistervampir, den die Herren von Wolfram & Hart mitbrachten, tat alles Notwendige. Ich war für meine Arbeitgeber zu wertvoll und meine Informationen waren zu wichtig, als dass sie mich sterben lassen wollten. Sie wollten, dass ich weiterexistiere und der Firma für alle Ewigkeit wertvolle Dienste leiste. Maggie hatte nicht so viel Glück, aber dafür werde ich dich und deinen Lover büßen lassen, Angel. Nicht, dass sie meine große Liebe gewesen wäre, aber ihr habt mal wieder meine Pläne durchkreuzt und es ist eure Schuld, dass ich nun nicht mehr das bin, was ich früher einmal war. Dafür werdet ihr büßen. Der Tod wird nichts sein im Vergleich zu den Seelenqualen, die ich euch bereiten werde.“

Gunn wollte losstürmen, als er von einer unsichtbaren Wand zurückgeschleudert wurde.

Lilah Morgen lachte laut auf. „Dachtet ihr im ernst, ich würde euch ungeschützt die Türe öffnen? Wie naiv seid ihr eigentlich? Ich habe viel dazugelernt und habe mächtige Helfer.“

„Was willst du, Lilah?“ knurrte Angel zornig.

„Oh, gar nichts. Ich will dich nur informieren und zusehen lassen. Du wirst alles genau sehen können. Ich habe Darla zurückholen lassen. Sie war kurzzeitig ein Mensch, doch nun ist sie wieder ein Vampir. Sie ist mein Child.“

„Welches Interesse sollte ich an Darla haben? Sie ist meine Vergangenheit und du kannst sie gerne behalten.“ Angel drehte sich weg und ging auf die Treppe zu, um so zu verbergen wie sehr ihn Lilahs kleine Ansprache erschüttert hatte.

„Das kann schon sein. Aber das Kind, das sie in sich trägt, ist dein Sohn Angel. Der wird dich doch sicher interessieren, oder?“ rief ihm die Anwältin in einem arroganten Ton nach.

Grinsend drehte sich Angel um. „Falls es dir noch niemand gesagt hat, Lilah, ich bin ein Vampir. Kein lebendiger Samen, keine Kinder. Also lass diese dummen Versuche mich zu erpressen.“

„Wie schon gesagt, ich habe nun mächtige Freunde. Du erinnerst dich doch sicher daran, dass du mit Darla im Bett warst, oder? Du wirst doch nicht etwa denken, dass das alles nur Zufall war. Mein Freund Kabir,“ sie deutete auf den Inder neben sich, „ist einer der mächtigsten Hexer, die es gibt. Es hat nur eine halbe Stunde gebraucht, in der er dir Leben einhauchte. Diese Zeit genügte, um ein Kind zu zeugen. Du wirst zusehen müssen, wie dein Sohn heranwächst, Angel. Jede Woche wird ein Video kommen aber du wirst nicht wissen, wo er ist. Du wirst dabei zusehen können, wie er böse wird und wie ich seinen Hass auf dich nach und nach schüren werde. So lange, bis er soweit ist und dich zum Kampf auf Leben und Tod herausfordert. In diesem Kampf wird dich dein eigener Sohn schließlich vernichten. Du wirst leiden und ich werde jede einzelne Minute davon genießen.“ Mit einem hochmütigen Lächeln warf sie die Tür hinter sich zu.