File 1: stories/1/4.txt
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„Es ist kaputt“, stellte Angel besorgt fest und deutete auf die Ölspur.

„Hölle, nein. Wir haben nur ein Service gemacht und müssen die Ölschraube noch festziehen, das ist alles. Sie werden keine bessere Maschine finden, die Sie nach Gath bringen kann. Das heißt, Sie werden gar keine finden, denn die *Big Bad* ist hier die einzige, die auf dem kleinen privat Flughafen landen kann, zu dem Sie wollen. Keine Sorge, bei mir sind Sie sicher. Zahlen Sie in Dollar, oder lybischen Dinar?“ grinste der Pilot Angel an, der wieder einen zweifelnden Blick auf das Fluggerät warf.

„Dollar, wie viel? Nehmen Sie auch einen Scheck? Ich habe nicht viel Bargeld bei mir.“

Spike schüttelte den Kopf. „300 Dollar und nur Bares ist Wahres.“

„Okay, der Preis ist… annehmbar“, entgegnete Angel wieder einen zweifelnden Blick auf das Flugzeug werfend, entnahm das Geld jedoch seiner Börse und reichte es Spike, der es zufrieden einsteckte und, auf den dunkelhäutigen Mann deutend, sagte: „Das ist übrigens ein Freund von mir, gleichzeitig mein Mechaniker und Flugbegleiter, sein Name ist Gunn“, stellte er den schwarzen Mann vor, der Angel daraufhin zunickte und nach einem Blick auf Angels Gepäck murmelte:

„Dann werde ich mal Ihre Koffer einladen, wie ich da allerdings noch Platz haben soll, ist mir ein Rätsel.“

„Wenn du willst, kannst du hier bleiben und Fred besuchen, ich brauche dich bei diesem Flug nicht unbedingt und in ein paar Tagen hole ich dich wieder ab“, bemerkte Spike, worauf Gunn ihn freudig anlächelte und sich nach kurzen Abschiedsworten rasch davonmachte.

Spike sah ihm grinsend nach, bevor er sich wieder Angel zuwandte. „Na dann wollen wir mal losfliegen, bevor wir Wurzeln schlagen.“

Er öffnete die Tür des Cockpits für Angel, der daraufhin hineinkletterte, Spike entledigte sich schnell des Overalls, bevor er selbst in die Maschine stieg und sich per Funkt mit dem Tower in Verbindung setzte, um die Starterlaubnis einzuholen.

Nachdem ihm diese erteilt wurde, bat er Angel sich anzuschnallen und drückte auf den Startknopf, doch nichts geschah. Spike schlug mit seiner Faust fest auf das Armaturenbrett und beim zweiten Versuch sprang der Motor zögernd an. „Das frisch eingefüllte Öl musste sich erst verteilen“, erklärte Spike seinem argwöhnisch dreinblickenden Passagier, um ihn zu beruhigen und langsam rollte das Flugzeug die Startbahn entlang, um wenig später abzuheben.

Spike flog nicht zu hoch, damit sein Fluggast die traumhafte Wüstenlandschaft unter sich bewundern konnte und bei diesem Anblick entspannte Angel sich sichtlich.

Weißer Sand, der oft bizarre Muster aufwies, in hohe schneidige Dünen wechselte, an deren Fuß Kamelkarawanen langsam ihren Weg verfolgten, waren ebenso zu sehen, wie Motorradfahrer, die die harten Steinpisten entlang rasten, welche die wenigen Straßen darstellten, die durch dieses Land führten und, mit feinen Sandschichten bedeckt, kaum als Straßen zu erkennen waren.

Bis Sabath wechselte die Landschaft kaum, doch kurz bevor sie diese Stadt erreichten, verdunkelte sich der Himmel plötzlich.

„Ich dachte hier regnet es so gut wie nie, aber nun scheinen Wolken aufzuziehen“, bemerkte Angel und blickte den Piloten neben sich fragend an.

„Sandsturm“, antwortete Spike nur lakonisch. „Schnallen Sie sich besser an, es kann holprig werden, aber keine Sorge, da vorne ist schon der Flughafen, am Besten wir landen erst mal und fliegen weiter, wenn der Sturm vorbei ist.“

Kurz bevor sie die Landepiste erreichten und Spike per Funk um Landeerlaubnis bat, wurde das Flugzeug von dem Sturm erfasst und erst hoch und danach wieder hinunter gedrückt. Geschickt fing Spike die Maschine ab, brachte sie wieder auf Kurs, während Angel, leise vor sich hinfluchend, den Auftrag verwünschend, seine Hände an den Sitz klammerte.

Spike versuchte unterdessen die Landebahn zu erkennen, doch sie war kaum auszumachen. „Wir müssen runter und zwar schnell, nehmen Sie das Funkgerät, ich habe gerade alle Hände voll zu tun, und sagen Sie diesen Turmwächtern da unten, dass wir runterkommen, sie sollen die Pisten von anderen Flugzeugen freimachen und das so verdammt rasch wie möglich“, murmelte er, nach wie vor voll konzentriert auf die Landebahn starrend.

Mit zitternden Händen tat Angel wie ihm geheißen, doch durch das sandige Inferno kam keine Verbindung zustande, so sehr Angel auch in das Mikrophon brüllte.

Spike verzog das Gesicht. „Bloody hell, mir platzt gleich das Trommelfell. Es reicht, ich bin sicher die da unten haben Sie gehört, auch ohne Mikro, festhalten, ich gehe jetzt runter“, schrie Spike Angel an, der daraufhin murmelte:

„Das geht nicht gut, wir werden abstürzen und…“

„Klappe Pet, ich bringe uns runter und zwar in einem Stück, schließlich bin ich der Beste“, unterbrach ihn der Blonde und drückte den Steuerhebel nach vorn.

Das Flugzeug reagierte sofort und Spike setzte fast im Blindflug, mit Hilfe des Navigationssystems, bald darauf zur Landung an. Hart setzte die Maschine am Boden auf, wurde durch den Sturm herumgeschleudert, drehte sich zweimal um ihre eigene Achse und kam letztendlich krachend zum Stehen, wobei sie an Angels Seite absackte, da anscheinend ein Rad des Fahrwerkes abgebrochen war. Kreidebleich klammerte dieser sich immer noch an dem Sitz fest, selbst als Spike den Motor ausgeschaltet hatte. „Der Adler ist gelandet“, murmelte Spike grinsend. „Sie können den Sitz jetzt loslassen Mr. Liam. Mr. Liam?“ sagte er noch mal, als dieser nicht reagierte. „Wir sind unten und wie ich Ihnen versprochen habe in einem Stück, nur mein Baby hat etwas abbekommen wie ich fürchte.“

„Was? Baby?“ fragte Angel verwirrt und versuchte sich zu beruhigen. Es war ihm sehr unangenehm, dass er sich so panisch verhalten hatte. Dieser Spike musste ja denken er sei ein völliges Weichei und daher löste er seine Finger von dem Sitz und schnallte sich ab.

„Na meine Big Bad, ich fürchte ein Rad ist abgebrochen. Mit ihr können wir nicht weiterfliegen und die Reparatur wird eine Weile dauern, denn Bestandteile sind hier schwer zu bekommen. Ein Freund von mir könnte Sie mit dem Landrover nach Gath bringen, wenn Sie nicht warten können, bis mein Vogel wieder fit ist.“

Angel unterdrückte ein erleichtertes Seufzen, alles, wirklich alles, war ihm lieber als nochmals in dieses Flugzeug zu steigen, daher antwortete er:

„Sie haben Recht, so lange kann ich nicht warten, bitte setzen Sie sich mit ihrem Freund in Verbindung. Und ich will mein Geld zurück“, sagte er mit Nachdruck, da er sich schon wieder gefangen hatte. „Schließlich war ausgemacht, dass Sie mich nach Gath bringen, was somit nicht geschehen ist.“

„Was? Haben Sie nicht mehr alle? Es ist schließlich nicht meine Schuld, dass ein Sandsturm aufkam, keine Chance, das Geld behalte ich“, entgegnete Spike aufgebracht.

Angel schüttelte bestimmt den Kopf und entgegnete stur: „Halbe Stecke, halber Preis. Mein Geld.“

Wortlos, aber wütend, nahm der Blonde das Geld aus seiner Hosentasche und zählte penibel 150 Dollar ab, bevor er es Angel in die Hand klatschte.

Bevor dieser einen Kommentar dazu abgeben konnte, wurden die Türen zum Cockpit aufgerissen, Sand wirbelte herein und hilfreiche Männer, die den Beiden schützende Djaballas überwarfen, halfen ihnen aus dem Flugzeug, um sie in einen Geländewagen zu verfrachten, der sie zum Flughafengebäude fuhr.

Spike teilte seinem Fluggast mit, dass er schnell in der Werkstatt bescheid sage wollte und auch telefonieren würde und verschwand.

Angel sehnte sich nach einer Dusche, der Schutz der Djaballas hatte nicht ausgereicht, um den Sand völlig fernzuhalten und so befand er sich überall auf seinem Körper, sowie auch in Mund Nase und Ohren. Dem Architekten war anzusehen wie unwohl er sich fühlte.

Spike schien es nicht viel besser zu gehen, denn als er zurückkehrte, klopfte er ständig Sand aus seiner Kleidung. „Ich habe meinen Freund erreicht, er ist in fünf Minuten hier und wir können uns bei ihm duschen, das ist angenehmer als hier, außerdem können wir uns dort in Ruhe umziehen, etwas essen und mit ihm über Ihre Weiterreise reden.“

Angel erwiderte nichts darauf, da er gerade überlegte die Reise überhaupt noch fortzusetzen. Der Auftrag stand unter keinem guten Stern und es war nicht einmal sicher, ob sie den Zuschlag für die Bauten überhaupt bekommen würden, was Angel jedoch sehr hoffte, denn er wusste, dass er einer der Besten in seiner Branche war, doch es kam auch viel auf die Sympathie an, die Giles Angel entgegenbrachte, auch das war oft ausschlaggebend und Angel hatte keine Ahnung wer sein Konkurrent war, daher konnte er sich auch nicht vorbereiten.

„Mr. Liam? Oz ist da, kommen Sie“, wurde Angel plötzlich von Spike aus seinen Gedankengängen gerissen. Ein junger rothaariger Mann begrüßte ihn freundlich lächelnd und ging voraus durch die Halle zu seinem Landrover, in dem Angels Koffer und Spikes Tasche schon eingeladen waren und Angel wunderte sich wann dies geschehen war, ohne das er es bemerkt hatte. Anscheinend hatte der Blonde das arrangiert und Angel betrachtete seinen Piloten während der Autofahrt das erste Mal genauer.

Blonde, zerzauste Haare umrahmten ein schönes, jedoch männliches Gesicht mit scharf geschnittenen Wangenknochen, die Nase konnte man in ihrer Linienführung griechisch-römisch nennen, wie Angel mit seinem kunstverständigen Blick feststellte, die Lippen voll und schön geformt.

Doch die Augen waren wohl das Faszinierernste an diesem Mann, denn sie leuchteten in einem Blau, welches Angel nicht beschreiben konnte und seine besondere Aufmerksamkeit erregte. Soweit er unter Spikes Kleidung ausmachen konnte, war der Körper sehr schlank und unter dem Shirt zeichneten sich die Muskeln ab. Das erste Mal seit langer Zeit, verspürte der Architekt wieder den Drang zu zeichnen so wie er es früher oft und leidenschaftlich getan hatte, bevor er sich entschloss, die Firma seines Vaters zu übernehmen, tat diesen Wunsch, jedoch schnell als Absurdität ab. Erstens hatte er weder die Zeit dazu und zweitens, wie würde der Blonde wohl darauf reagieren, wenn Angel ihn bitten würde für ihn Modell zu stehen? Außerdem war er ein ungehobelter Bursche und geldgierig dazu, stellte Angel nüchtern fest und verwarf den Gedanken Spike zu zeichnen sofort wieder.

Der Wagen hielt und die Männer stiegen aus, um ins Haus zu gehen. Dort wurden sie von einer freundlichen Frau begrüßt, die Oz als seine Ehefrau Willow vorstellte. Sie umarmte Spike herzlich und reichte Angel die Hand.

„Wir leben in einem wirklich schönen Land, aber diese Sandstürme kann ich nicht leiden. Spike, du lässt sicherlich unserem Gast den Vortritt in das Badezimmer?“ bestimmte sie mehr als sie fragte.

Der blonde Mann murmelte daraufhin etwas von „verdammt unfair auch er habe den verfluchten Sand überall und wieso zur Hölle sie nur ein Badezimmer hätten“, worauf Willow ihn lachend in die Küche schob und ihm eisgekühlte Schokolade versprach, was Spike sofort besänftigte.

Oz zeigte Angel inzwischen das Bad und erleichtert schloss dieser die Tür hinter sich, froh, sich endlich waschen zu können. Rasch zog er sich aus und stieg unter die Dusche. Genüsslich schloss er die Augen, als das warme Wasser seinen Körper umfloss und den lästigen Sand hinfort spülte.

Der Blonde saß indessen mit Willow in der Küche und genoss das eisgekühlte Getränk, als Oz sich zu ihnen gesellte. „Der Amerikaner muss nach Gath, kannst du ihn hinbringen? Bei der Big Bad ist ein Rad durch die harte Landung abgebrochen und ich will mich darum kümmern, dass sie rasch repariert wird. Aber wie du ja weißt, kann das dauern und Rupert wartet auf ihn wegen der Baubesprechung.“

Tut mir Leid, mein Freund, aber ich habe morgen eine größere Gruppe, die ich nach Waw al Kabir bringen soll und das bringt gutes Geld“, lehnte Oz ab.

„Xander?“ fragte Spike hoffnungsvoll.

Wieder verneinte der rothaarige Mann kopfschüttelnd. „Der ist in der Ghadames Route unterwegs und kommt erst in vier Tagen zurück, aber du kannst einen Wagen haben und den Ami selbst fahren.“

„Bloody hell, das hat mir gerade noch gefehlt, sieh dir den Kerl doch mal an mit seinem Armani-Anzug und den Designer-Schuhen. Kannst du dir den am Lagerfeuer mit Dosennahrung, oder in einem Autodachzelt vorstellen? Außerdem ist er ein arroganter Schnösel, komm schon Oz, fass dir ein Herz für einen guten Freund“, versuchte es Spike noch einmal und warf ihm einen bettelnden Blick zu.

„Der Blick zieht bei mir nicht, für mich gibt es nur Willow, also spar dir das für den Ami auf, der springt vielleicht darauf an, wenn du ihn durch die Wüste karrst“, erwiderte Oz trocken.

„Hast du sie nicht alle? Ich kann ihn nicht leiden. Was denkst du, warum ich ihn dir aufhalsen wollte?“

„Eben, darum vergiss es, was fliegst du auch in einen Sandsturm.“

„Als ob ich es mir ausgesucht hätte.“

„Auch wieder wahr. Ich leihe dir das Auto, das ist Freundschaftsdienst genug, aber ich will ihn in einem Stück zurück. Gute Reise und viel Spaß, ich muss alles für morgen vorbereiten und richte auch gleich den Wagen für dich her, wir sehen uns“, verabschiedete Oz sich und verließ das Haus.

Willow lächelte Spike an. „Du schaffst das schon, vielleicht ist er ja ganz nett, wenn du ihn besser kennen lernst. Die paar Tage hältst du schon aus, Spike. Geh erst einmal duschen, dann sieht die Welt schon anders aus, ich mache euch inzwischen etwas zu essen.“

Brummig erhob sich der Blonde. „Nett? Der? Nicht mal in 100 Jahren, mit ihm durch die Wüste zu fahren wird die Hölle, da bin ich sicher. Ohne Strom und fließendem Wasser ist der aufgeschmissen und wie er reagiert, wenn er in der Natur auf die Toilette gehen muss, will ich mir erst gar nicht ausmalen. Ich wäre den Typ schon längst los, wenn der verdammte Sandsturm…“ maulte Spike weiter, bis er von der lachenden Willow aus der Küche geschoben wurde. Daraufhin holte er resigniert seine Tasche und stand kurz darauf vor dem Badezimmer und machte, in der Annahme, dass dieser Architekt den Raum schon verlassen hatte, die Türe auf.

Dort stand Angel jedoch vor dem Spiegel, nur mit einem Handtuch um die Hüften und stieß einen erschrockenen Laut aus, da Spike unmittelbar hinter ihm stand.

„Was machen Sie denn hier?“