File 1: stories/4/218.txt
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Das Rauschen der Brandung, die im gleichmäßigen Sekundentakt an den Strand spülte, ließ Angel langsam aus seinen Träumen erwachen. Träume von einem blonden Mann, der Hand in Hand mit ihm besagten Strand entlang lief, ihn unter dem Sternenhimmel umarmte, ihn warm und behutsam liebte und ihm dabei versprach, ihn vor allem Bösen der Welt zu beschützen. So entspannt wie schon lange nicht mehr schlug er die Augen auf und registrierte erst jetzt bewusst die andere Person in seinem Bett, in seinen Armen. Er war noch da. Spike.

Noch immer lag Angel an Spikes Rücken gelehnt und rückte jetzt auch ein wenig enger an den anderen Mann. Er wollte die paar Minuten, bevor Spike aufwachen und gehen würde, noch ausdrücklich genießen und ein wenig in den schönen Gefühlen, die ihm diese Zweisamkeit vorgaukelte, schwelgen. Seine Nasenspitze drückte er wie am Vorabend in den Nacken des Blonden und genoss den Geruch, der von Spike ausging. Der Duft des Duschgels war verflogen und nun konnte er seinen Eigengeruch riechen. Etwas ganz besonderes, etwas herbes, vielleicht die Zigaretten und vielleicht etwas Sandelholz und Leder, aber vor allem ganz viel Undefinierbares und doch Köstliches.

Ein kleines Seufzen entwich Angels Kehle, als er vorsichtig einen Kuss auf die weiche Haut in Spikes Nacken hauchte. Ein Frösteln schien den anderen Mann zu durchlaufen und Angel musste gerührt lächeln. Seine Finger fuhren Spikes Arm auf und ab und das Lächeln wich nicht von seinen Lippen, als er das erneute Zittern des anderen Mannes wahrnahm. Und dann war da ein Keuchen. Ein seltsames Luftholen, das sich nicht angehört hatte wie das erschrockene Einatmen, wenn Liebkosungen Gefühle in einem weckten und man kurz davon überwältigt wurde. Nein, tatsächlich klang es ziemlich krank. Angel schlug irritiert die Augen auf. Sein Kopf fuhr in die Höhe, er stützte sich auf seine Ellbogen und betrachtete den Blonden eingehend. Er schlief noch, ein feiner Film Schweiß überzog dessen Haut und er zitterte jetzt am ganzen Körper. Angel schloss einen Moment erneut seine Lider, als eine böse Vorahnung ihn beschlich. Dieser kurze Augenblick half ihm die Kraft für weitere Nachforschungen zu finden, er öffnete wieder die Augen und setzte sich auf. Vorsichtig, um den Blonden nicht zu wecken, schlug er die Bettdecke zurück und hob Spikes Arm in die Höhe. Er zog scharf den Atem ein, als sich seine Vermutung bestätigte. Er hatte gehofft, es wäre nicht so… wirklich, er hatte einen anderen Eindruck von Spike gehabt. Natürlich war das lächerlich, nein, geradezu blauäugig gewesen. Meistens gab es nur einen Grund, warum sich ein Kerl als Stricher schnelles Geld verdiente, aber irgendwie hatte er bei Spike gehofft, es sei anders. Er ließ den Arm des anderen Mannes los, als hätte er sich verbrannt, sprang aus dem Bett und ging zu seinem Schrank. Er gab sich nicht viel Mühe mit der Kleidung, er griff wahllos nach einer ausgewaschenen Jeans und einem weißen Sweatshirt, stülpte es über und beeilte sich, aus dem Schlafzimmer zu kommen. Die Tür ließ er mit einem lauten Knall hinter sich zufallen, in der Hoffnung Spike würde davon aufwachen.

Wenig später stand er mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf seiner Veranda und beobachtete trübsinnig das Strandleben. Schon am frühen Morgen war hier Leben. Einige Sportfreaks joggten den Strand entlang und wie immer waren die unermüdlichen Schatzsucher mit ihren Metalldetektoren unterwegs um ein paar verlorene Münzen zu finden. Angel nahm dies alles jedoch gar nicht richtig wahr. Viel zu sehr waren seine Gedanken mit dem blonden Mann in seinem Schlafzimmer beschäftigt. Und mit dem, was er war.

Spikes Kopf fuhr mit einem Ruck in die Höhe, als die Tür laut ins Schloss fiel.

‚Shit’, war sein erster Gedanke. Er hatte zu lange geschlafen. Es ging ihm schlecht. Er schwitzte, jeder Muskel in seinem Körper krampfte und dieser elende Schmerz, den er so hasste, zog sich durch jede seiner Venen, ließ keinen klaren Gedanken mehr zu. Alles brannte. Zu lange geschlafen, zu lange gewartet. Nur mühsam konnte er sich erinnern, wo er war. Panisch stand er auf und suchte im Dämmerlicht des fremden Schlafzimmers seine Jacke. Über dem Stuhl lag sie. Er schnappte sie sich und floh, ohne sich darum zu kümmern, dass er nackt war, ins Bad und schloss sich dort ein. Mit zitternden Fingern zog er das Besteck aus seiner Jackentasche. Der Löffel fiel ihm zweimal aus seinen Händen in das Waschbecken.

‚Bleib ruhig… verdammt, bleib ruhig…’, versuchte er sich selbst in den Griff zu bekommen. Seine Hände durften nicht zittern, während er sich seinen Stoff zusammen mischte… Er hielt den Löffel über die Flamme seines Zippos und erwärmte das Gemisch. Wenig später setzte er sich auf den Toilettendeckel, band mit geübten Griffen seinen Oberarm ab und jagte sich die Spritze in seine Vene.

Sein Kopf fiel zurück, seine Augen drehten sich nach hinten, nur das Weiße konnte man noch erkennen und seine Arme fielen leblos an seine Seiten. Kein Schmerz mehr. Fliegen… Schweben… Körperlos… keine Sorgen… kein Schmerz… kein Schmerz… kein Schmerz… Fliegen...

Langsam verschwand das Gefühl zu schweben. Auf einer großen Wolke zu schweben. Irgendwo im Nichts zu sein. Sein Atem kam in einem gelassenen Rhythmus. Sein Körper fühlte sich wieder normal an und das Zittern war verschwunden. Er war wieder normal. Er fühlte sich wieder besser. Träge richtete er sich auf und lief zu einem der Waschbecken, stützte sich auf den Rand und sah wie am Abend zuvor, in den Spiegel. Er sah furchtbar aus. Seine Augen waren glasig, seine Pupillen so klein wie Stecknadeln und der Schweiß stand noch immer auf seiner Stirn. Die Dusche neben ihm war verlockend, doch er hatte keine Zeit. Er war lange genug hier. Viel zu lang. Hatte viel zu lange etwas genossen, was niemals greifbar für ihn sein würde. Er unterdrückte einen resignierenden Seufzer und drehte den Wasserhahn an. Ein paar Sekunden ließ er das kalte Wasser in seine Hände laufen, bevor er es in seinem Gesicht verteilte. Katzenwäsche. Das musste reichen. Er griff wahllos nach einem Handtuch, das neben dem Waschbecken hing, trocknete sich ab und fuhr sich kurz durch sein vollkommen verwuscheltes Haar.

"Wo sind meine Sachen?", fragte er sich selbst und erinnerte sich daran, dass er einen Teil gestern hier ausgezogen hatte. Nach ein paar Sekunden fiel sein Blick auf seine ordentlich zusammengelegten Sachen. Er schmunzelte kurz und stellte fest, dass das ebenfalls vollkommen in das Bild von Angel passte, das er hatte.

Nachdem er seine Jeans übergestreift hatte, fing er an, seine Utensilien zusammenzuräumen und beseitigte so gut er konnte die Spuren seiner Sucht. Er stopfte alles wieder in seine Lederjacke und ging zurück ins Schlafzimmer, wo der Rest seiner Sachen lag.

"Merkwürdige Nacht", schoss es durch seinen Kopf, als er vollkommen angezogen war und noch einmal einen Blick auf das große Bett warf, dessen Laken kaum verwüstet war. Wie sollten sie es auch sein, nach einer Nacht, in der er nur von jemandem gehalten worden war. Von ihm. Angel.

Spike wusste noch immer nicht, was es war, was dieses seltsame Gefühl in ihm heraufbeschwor. Vielleicht war es einfach nur die Ungewöhnlichkeit dieser Nacht. Er rieb sich über seinen Nacken und kontrollierte ein letztes Mal, ob er alles eingesteckt hatte, dann entdeckte er Angel auf der Veranda.

Jetzt würde die Rechnung beglichen werden und Spike hoffte inständig, dass Angel bei den 300 Dollar blieb. Er hätte ihn vor der Nacht abkassieren sollen, bei so einer großen Summe, aber er war zu überrumpelt gewesen.

Er schob die Glastür zur Veranda auf und trat hinaus.

"Guten Morgen", ertönte Angels Stimme, als er ihn bemerkte. "Ich hole dir einen Kaffee." Bevor Spike etwas erwidern konnte, hatte sich Angel bereits abgewandt und war in der Küche verschwunden, die ebenfalls einen Ausgang zur Veranda hatte.

Hatte er sich wirklich so täuschen können? Hatte er sich wirklich so blenden lassen? Irgendetwas war anders an diesem jungen, blonden Mann mit den blauen Augen, die Angel trotz der Tatsache, dass er nur ein weiterer Junkie war, nicht vergessen konnte. Aber er sollte der Realität ins Auge sehen. Spike war nun mal nur ein weiterer Junkie in dieser verfluchten Stadt, der das Geld für seine Droge auf dem Strich verdiente. Angel seufzte leise, griff nach einem leeren Kaffeebecher und goss die schwarze, starke Flüssigkeit ein.

"Hier!", streckte er ihm den Becher entgegnen und wandte seinen Blick wieder auf das Strandleben.

"Danke", murmelte Spike, sah auf den Kaffee und stellte die Tasse unberührt auf das hölzerne Geländer. "Ich hätte gern meine 300 Dollar", kam Spike direkt auf den Punkt und lehnte sich mit dem Rücken an die Brüstung.

"Einen Moment", antwortete Angel knapp und verschwand erneut in der Küche.

Spike bemerkte die Veränderung in Angels Verhalten. Gestern Abend noch hatte Angel versucht, jedes Wort in ein Gespräch zu verwickeln. Redete fast ununterbrochen und heute war er so kurz angebunden. War das die Reue nach der Nacht? Wurde ihm jetzt bewusst, was er getan hatte und dass es nicht das war, was er eigentlich wollte? Wieso machte er sich Gedanken darüber? Er war nur diese eine Nacht hier gewesen. Mehr nicht. Nie wieder würde er diesen Mann sehen.

"Hör' auf, darüber nachzudenken", forderte Spike sich selber auf. Er ist unwichtig. Es ist unwichtig. Egal wie gutaussehend du ihn findest. Egal, dass du sein Gerede doch charmant fandest. Egal, wie gut du neben ihm geschlafen hast.

"Hier! 300 Dollar. Du kannst es nachzählen", durchbrach Angels Stimme seine Gedanken und hielt ihm ein kleines Bündel Scheine entgegen.

"Schon gut", entgegnete Spike, nahm es und stopfte es in seine Hosentaschen. "Danke für den Kaffee." Er deutete kurz auf die unberührte Tasse und wollte verschwinden, als Angel ihn aufhielt.

"Du wirst dir von dem Geld Drogen kaufen." Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage und dass der Blonde innehielt, zeigte ihm, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. "Du bist ein Junkie", sprach Angel weiter. "Ich habe die Einstiche in deinen Armen gesehen."

"Was interessiert es dich?", fuhr Spike herum und sah ihn verärgert an.

Ja, warum interessierte es Angel? Warum konnte es ihm nicht einfach egal sein? Er konnte es sich noch so oft einreden, aber irgendetwas an Spike hatte ihn berührt.

"Ich ....", setzte Angel an und suchte nach den richtigen Worten.

"Du hast bekommen, was du wolltest und ich habe das Geld dafür", sprach Spike weiter und stopfte seine Hände angespannt in seine Hosentaschen. "Glaubst du, ich stehe am Bahnhof, weil ich geil auf Sex mit irgendwelchen Pennern bin? Es bringt schnelles Geld, dass ist alles. Und du warst ein goldener Esel."

Ohne ein weiteres Wort wandte sich Spike ab und verschwand.

Getroffen stand Angel auf der Veranda und sah Spike hinterher. Wieso trafen ihn seine Worte so sehr? Er wusste, dass Spike nur ein Stricher war. Er wusste, dass er nur ein Kunde war. Das war alles. Er musste es vergessen. Er musste ihn vergessen. Irgendwann würde so etwas vielleicht seine Karriere kaputt machen. Sein Leben zerstören. Sein wahres ICH konnte zurückstecken, er konnte es verdrängen, so wie er es nun schon seit Jahren tat, nur unterbrochen von kleinen Aussetzern, wie die letzte Nacht einer gewesen war.

Er griff nach Spikes vollem Kaffeebecher, schüttete ihn aus und stellte die leere Tasse in die Spüle, dann verschwand er in seinem Badezimmer, um sich auf ein weiteres Casting vorzubereiten.

-Zwei Wochen später-

Gott, wie er es hasste, auf Turkey zu sein. Wie er es hasste, jeden noch so abgefuckten Penner anzubaggern und jeden noch so ungewaschenen Schwanz in den Mund zu nehmen, nur um ein paar lausige Dollar für den nächsten Schuss zu verdienen. Das Blatt hatte sich gewendet. Die leicht verdienten 300 Dollar waren viel zu schnell aufgebraucht und Spike sah sich viel zu schnell gezwungen, erneut an der Haltestelle 95 seinen Körper zu verkaufen. Und sein Glück schien ihn vollkommen verlassen zu haben. Seit zwei Tagen hatte er keinen anständigen Job mehr gehabt, die vier Blowjobs brachten nicht genug ein für den nächsten Schuss. Er hatte Hunger, Durst, er sah elend aus. Er sah aus wie ein Junkie. Und die Freier nahmen keine Typen mit sich, die aussahen wie Junkies. Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gab. Übelkeit drohte ihn zu übermannen, er krümmte sich und drückte seine Hände in den Magen, um das Gefühl, jeden Moment zu sterben, loszuwerden. Diese Übelkeit war mit das Schlimmste am Turkey. Sein Körper begann zu Beben… ihm wurde immer wieder schwarz vor Augen, das Zittern… dieser elende Schmerz… zuviel…

Spike fiel wie in Zeitlupe nach vorne und drohte auf das harte, kalte Pflaster der Straße zu knallen. Angel rannte wie ein Verrückter auf ihn zu und konnte ihn gerade noch abfangen, bevor der Sturz auf dem Boden geendet hätte.

„Spike“, rief er und klatschte dem Blonden links und rechts eine auf die Backe, damit er wieder zu sich kam. „Scheiße… komm schon, wach auf… Spike.“ Der Blonde rührte sich nicht und Angel sah unschlüssig in dessen Gesicht. Was sollte er tun? Ihn ins Krankenhaus bringen? Sein Blick richtete sich auf die anderen Stricher, die teilnahmslos zuschauten, wie dreckig es Spike ging.

‚Scheißidee, Angel’, redete er mit sich selbst. ‚Scheißidee überhaupt hier her zu kommen und Scheißidee von anderen armseligen Junkies Hilfe zu erwarten!’ Doch im Krankenhaus würden sie nur Fragen stellen, unangenehme Fragen, die Angel nicht beantworten wollte. Er wollte nicht mit diesem Junkie in Verbindung gebracht werden. Aber warum war er dann überhaupt hier? Warum ging dieser Kerl ihm seit vierzehn Tagen nicht aus dem Kopf, warum sorgte er sich um ihn?

Angel hatte das Gefühl, sein Schädel würde gleich platzen vor lauter unbeantworteter Fragen. Er schob alles weg und begann zu handeln. Hier liegen lassen würde er ihn nicht. Niemand würde sich um ihn kümmern, keiner in dieser Stadt interessierte sich für den Abschaum der Gesellschaft, wen scherte es schon, ob ein weiterer Junkie elend verreckte. Einer weniger, der von der Hand in den Mund lebte. Er hob Spike hoch, legte ihn über seine Schulter. Eine viel zu leichte Last, ein Mann von Spikes Größe sollte nicht so wenig wiegen. Vorsichtig setzte er ihn in seinen Wagen, schlug die Beifahrertür zu und setzte sich selbst in das Auto. Auf dem schnellsten Weg fuhr er nach Hause. Er würde Spike erst mal in seine Wohnung bringen… vielleicht kam er dann zu sich. Vielleicht würde er ihm sagen können, wie er ihm helfen könnte. Gott… mit Heroin wäre ihm geholfen, dass wusste Angel nur zu gut, aber er würde ihm den Stoff nicht besorgen, nein… das würde er nicht tun.

‚Scheiße, auf was hab ich mich da nur eingelassen?’, dachte er noch, als er Spike auf sein Bett legte und begann, ihn von seinen Kleidern zu befreien. Sein ganzer Körper wirkte hager. Noch dünner, als er ihn in Erinnerung hatte. Verdammte Drogen! Die Leute wussten doch, was sie sich damit antaten und dennoch nahmen sie dieses teuflische Zeug. Angel schloss für einen Moment die Augen und holte tief Luft. Er war verrückt, das hier zu tun. Das mit Spike zu tun. Aber was in L.A. war nicht verrückt?

Er schob Spikes Sachen mit den Fuß beiseite und legte die Bettdecke um seinen unkontrolliert zitternden Körper. Das war das Schlimmste. Diese Hilflosigkeit, die Angel empfand. Er wollte ihm das Zittern nehmen. Wollte die Kälte aus Spikes Körper vertreiben? Doch er wusste, dass das nur Spike selbst schaffen konnte. Kalter, harter Entzug und Spike hatte erst die Türklinke nach unten gedrückt. Der Weg durch die suchtfreie Tür lag noch meilenweit vor ihm.

Angel wusste nicht, ob er das durchhalten würde. Ob er wirklich die Kraft hatte, dass hier alles zu tun. Was war mit seinem Leben? Seiner versteckten Identität? War Spike nur ein verloren geglaubter Cousin aus England, den er durch Zufall wieder getroffen hatte. Am Flughafen??? An der Haltestelle 95??? Angel lachte über sich selbst. Niemand würde ihm diese verrückte Ausrede abkaufen. Unwillkürlich griff er zu dem Telefon, das auf dem Nachttisch neben ihm stand.

"Lilah? Hier ist Angel! Ich bin für die nächste Woche nicht in der Stadt", log Angel und sah sorgenvoll zu Spike, der schmerzerfüllte Geräusche von sich gab.

"Lilah. Ich brauche einen freien Kopf. Ich habe keine Rolle in den letzten zwei Wochen bekommen. Das hat mich fertig gemacht. Ich brauche eine Auszeit. Ruhe. Ich melde mich, wenn ich wieder zurück bin", erklärte Angel, und ohne ein weiteres Wort von seiner Agentin abzuwarten legte er auf und warf das Telefon zurück auf den Nachttisch.

Er musste sich ablenken. Irgendetwas tun, um selbst ruhig zu werden. Die Anspannung zu verlieren. Es würde alles gut gehen. Es musste einfach alles gut gehen. Noch einmal holte Angel tief Luft, sammelte Spikes Sachen ein und verschwand damit im Bad. Er stopfte alles in die Waschmaschine und als er sie mit Waschpulver bestückt hatte, stellte er sie an. Im selben Moment vernahm er einen lauten Knall aus dem Schlafzimmer. Sofort ließ er alles stehen und liegen und rannte hinüber.

Sein Blick fiel auf Spike, der vollkommen nackt auf dem Boden lag. Benommen. Neben sich. Bedeckt mit Splittern der Nachtischlampe, die er zerstört hat.

"Spike", entfuhr es Angel sofort, als er sich neben ihn hockte und ihn ansah. Er war noch immer bewusstlos. Angel packte ihn und hievte ihn zurück auf das Bett.

"Du musst hier liegen bleiben. Okay???" Er war sich nicht wirklich sicher, ob er ihn hörte und er war sich nicht sicher, ob es Spike beruhigte, aber es beruhigte ihn. "Ich bin hier. Du bist in Sicherheit", flüsterte er weiter und strich ihm sanft über das Gesicht. "Ruh' dich aus.“

Angel wandte sich ab und begann leise, die Scherben aufzulesen. Das hier würde nicht einfach werden. Aber was in seinem Leben war schon leicht. Er selbst war kompliziert. Und es gab jede Menge unbeantworteter Fragen. Fragen, die er verdrängte. Fragen, die im Moment zu viel waren. Jetzt reagierte er einfach, tat, was er aus welchen Gründen auch immer tun musste. Das waren die Fakten.

Noch einmal strich er über Spikes Gesicht und versicherte sich, dass er auf irgendeine Art und Weise schlief, bevor Angel das Schlafzimmer verließ.

-Tag 1-

Blinzelnd öffnete Spike die Augen. Die Sonne schien ihm grell ins Gesicht und er hatte keine Ahnung, wo er war. Übelkeit. Zittern. Schmerzen. All das war zu deutlich als irgendetwas anderes wahrzunehmen. Er brauchte etwas. Er brauchte dringend einen weiteren Schuss. Jetzt. Hier. Sofort. Als würde er schlafwandeln, schob sich Spike aus dem Bett und krümmte sich im nächsten Moment, als ein stechender Schmerz seinen Magen durchfuhr. Er sank zu Boden, als sich nach dem Schmerz das ekelige Gefühl von Übelkeit seine Kehle hinauf schlich. Er würgte. Versuchte, den Brechreiz zu überwinden. Versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Ein Krächzen drang aus seine Kehle, als er versuchte zu husten. Es tat weh. Aber es war egal. Ein Schuss. Ein bisschen Stoff vom süßen Leben. Das war alles, was er wollte.

Er raffte sich wieder auf und schwankte zur Tür, ungeachtete dessen, dass er vollkommen nackt war, dass er keine Ahnung hatte, wo er eigentlich war. Stolpernd folgte er dem Gang. Hangelte sich von einer Wand zur nächsten. Sekündlich übermannt von weiteren Schmerzen. Von dem Gefühl, sich immer und immer wieder übergeben zu müssen. Und dieses Zittern. Dieses verdammte Zittern, das einfach nicht aufhören wollte.

Er trat ins Wohnzimmer und blinzelte erneut, als er das grelle Sonnenlicht sah. Dort war draußen. Dort musste er ihn. Er hangelte sich weiter. Fiel über einen Hocker. Blieb an der Couch hängen. Nur noch zwei Schritte, dann war er draußen. Draußen, wo er seine Medizin fand. Sein Elixier zum Leben. Er holte Schwung, verdrängte den erneuten Anflug von heftigem Schmerz und krachte mit voller Wucht gegen die Fensterscheibe. Mit einem lauten, schmerzerfüllten Aufschrei knallte Spike zu Boden.

Aufgeschreckt von den Geräuschen rannte Angel aus dem Zimmer, das er zu einem kleinen Fitnessraum umgewandelt hatte. Erschrocken und voller Entsetzen sah Angel zu Spike, der sich wieder aufgerichtet hatte und wie ein Verrückter gegen die Glastür zur Veranda schlug.

"Lass mich raus! Du Dreckskerl!", schrie Spike vollkommen außer sich und hämmerte weiterhin gegen die Scheibe.

"Spike!!", machte sich Angel bemerkbar, lief zu ihm und packte ihn an den Armen. Doch Spike registrierte gar nichts mehr. Alles was er wollte, war nach draußen kommen. Weg von hier. Hin zum Stoff. Mit einem Ruck stieß er Angel von sich und dieser landete unsanft auf dem Boden.

"Lass mich raus", schrie Spike unkontrolliert weiter und griff in seinem Wahn nach einem Stuhl, der vor dem großen, gläsernem Esstisch stand.

"Spiiike! Neeeein!", brüllte Angel fast, doch es war zu spät. Mit voller Wucht knallte der Stuhl durch die Scheibe auf die Veranda. Die Scherben fielen zu Boden. Spike ließ sie vollkommen außer Acht. Ungerührt lief er nach draußen, doch weiter kam er nicht. Die Übelkeit und der Schmerz waren zu groß. Er brach zusammen und übergab sich. Kotzte alles aus, was sein Magen noch hergab. Der Geschmack von widerlicher Magensäure verteilte sich in seinem Mund. Er wollte aufhören, sich zu übergeben, doch er konnte nicht. Immer wieder überfiel ihn der Brechreiz, bis er nur noch Galle erbrach.

Angel war längst aufgesprungen, hatte die Tür aufgeschoben und lief nach draußen zu Spike, ohne auf die Glassplitter zu achten, die unter seinen Schuhsohlen knirschten. Mühsam hievte er ihn nach oben, versuchte das wilde Umsichschlagen des anderen zu kontrollieren. Doch er konnte nicht vermeiden, dass er ein paar Schläge einsteckte. Erleichtert stellte er fest, dass Spike die Kräfte zu schwinden schienen, als er ihn auf die Couch legte.

"Irgendetwas muss es doch geben, um ihn zu beruhigen?", fragte Angel sich selbst und im nächsten Moment fiel sein Blick auf den Whiskey, den sie bereits vor zwei Wochen miteinander geteilt hatten. Sofort griff er nach der Flasche, öffnete sie und hielt Spike die Flasche an den Mund.

"Trink, Spike!", forderte er ihn auf und hob seinen Kopf einen wenig an. "Das wird dich beruhigen und ich weiß du stehst auf Whiskey."

Der erste Schluck rann seine Kehle hinunter. Spike krächzte, verschluckte sich, und dennoch nahm er den nächsten Schluck. Es brannte. Es schmeckte. Es beruhigte. Gierig trank er, als wäre er wochenlang durch die Wüste gewandert.

"Das ist genug!" Angel entzog ihm die Flasche wieder. Er vernahm einen Fluch. Irgendetwas Unverständliches murmelte Spike, bevor er wieder davon driftete und Angel ins Bad an seinen Medizinschrank rannte und die Flasche mit Aspirin suchte, die er Spike beim nächsten Anfall einflössen wollte. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, lag Spike noch immer apathisch auf der Couch und Angel begann, das Chaos zu beseitigen, das er angerichtet hatte.

-Tag 2-

"Du bist ein Arschloch", fluchte Spike, packte Angel am Kragen und versuchte, ihn von der Schlafzimmertür weg zu zerren. Doch Angel stieß ihn zurück auf das Bett.

"Du bist noch auf kaltem Entzug", erwiderte Angel ruhig und schob Spike, ungeachtet von seinen Flüchen, zurück in die Kissen.

"Du hast mir gar nichts zu sagen." Wütend stand Spike erneut auf, doch im nächsten Augenblick überrollte ihn wieder eine knallharte Welle des Entzuges. Er presste ein lautes Aufstöhnen durch seine Zähne und seine Arme gegen seinen krampfenden Bauch. Es würde nie aufhören. Es würde erst dann aufhören, wenn er endlich was dagegen bekam. Doch er hing hier fest. Er würde keine einhundert Meter weit kommen und dieser verfluchte Typ mit den sorgenvollen braunen Augen würde ihm nichts geben.

Er wollte etwas sagen, wollte diesen Mann erneut mit einem Fluch provozieren, doch der Wein, den er vor einer Stunde zu sich genommen hatte, kam in diesem Augenblick unverdaut wieder raus. Ächzend gab er auf und ließ sich stumm von Angel zurück aufs Bett legen. Er war zu schwach. Zu erschöpft. Zu gezeichnet von den letzten Tagen.

Angel schüttete die Aspirinflasche in seine Hand. Es war bereits die Zweite, er hatte Nachschub im Drugstore besorgen müssen. Und er war sich sicher, es war nicht sein letzter Besuch im Drugstore. Alkohol und Schmerztabletten waren das Einzige, was Spike einigermaßen ruhig stellte, zumindest eine Weile, bis er sich wieder erbrach. Angel hatte kaum geschlafen in den letzten achtundvierzig Stunden. Immer wieder wurde er durch Spikes Schreie abgehalten, auch nur für eine Stunde die Augen zu schließen. Die Idee, Spike ans Bett zu fesseln, hatte er zerschlagen, sobald sie in seine Gedanken sprang. Stattdessen hielt er den Blonden fest, wenn dieser wie ein Verrückter um sich schlug oder zu fliehen versuchte.

Mit einem Aufseufzen sank Spike nun in die Laken zurück. Der Alkohol und die Tabletten wirkten für einen Moment… eine Sekunde… bis der nächste Anfall kam.

Kälte… Taubheit… seine Beine waren tot, er spürte sie nicht mehr und setzte sich mit einem Ruck auf.

„Spike, was ist los?“ Angel war sofort an seiner Seite. Spike ignorierte ihn, er umfasste seinen linken Oberschenkel und versuchte, ihn zu massieren, ihm Leben einzuhauchen. Seine Lippen waren blau angelaufen, ohne sich dessen bewusst zu sein, jaulte er wie ein Welpe und trieb Angel damit beinahe in den Wahnsinn. Das andere Bein… Spike schlug sich wie ein Irrer auf das Bein. Er wollte es fühlen, irgendetwas spüren in diesen gottverdammten Beinen.

„Nein… hör auf, Spike, hör auf“, schrie Angel, der nicht mit ansehen konnte, wie Spike sich selbst schlug. Er setzte sich hinter den Blonden und bog dessen Arme auf den Rücken, hielt ihn fest umklammert.

Spike schrie. Laut. Gellend. Markerschütternd und hörte nicht auf. Hörte einfach nicht auf und Angel konnte sich nicht die Ohren zu halten. Tränen stiegen in Angels Augen und flossen lautlos über seine Wangen. Er wollte dem anderen keinen Schmerz zufügen, ihn nicht verwunden. Helfen, er wollte helfen und er musste stark bleiben, nicht nachgeben. Auch nicht, als Spike anfing zu flehen. Zu betteln um einen Schuss. Ihm alles anbot, was er hatte und ihn am Ende wieder beschimpfte und er erneut kreischte, als wieder Leben in seine Glieder kam und das Kribbeln, das dadurch verursacht wurde, ihn fast in den Wahnsinn trieb.

-Tag 3-

Unaufhörlich wackelte Spikes rechtes Bein in einem ungleichmäßigen Rhythmus. Eine Zigarette nach der anderen rauchte er und lauschte Angel, wie dieser Rollen einstudierte. Er versuchte alles, um sich abzulenken. Um nicht an das sich ständig aufdrängende Bedürfnis zu denken, sich wieder einen Schuss zu setzen. Das Verlangen war so groß. So unerträglich. So fordernd.

"Hier", sagte Angel, als er das Schlafzimmer mit einem Glas Rotwein betrat.

"Betrunken sein bringt mich nicht weiter", blaffte Spike ihn an, nahm den letzten Zug seiner Zigarette, nur um sich gleich die Nächste anzuzünden.

"Zumindest hat es dich vom Kotzen abgehalten", erwiderte Angel und blieb hartnäckig. "Trink' es oder kotz den letzten Rest deines Magens raus."

Mit einem Murren nahm Spike das Glas, nahm einen Schluck und sah Angel an. "Zufrieden!?!" Er stellte das Glas beiseite und fing nun auch mit seinen Fingern an, einen unregelmäßigen Rhythmus auf seine Knie zu trommeln.

Das hier war die Hölle und dennoch blieb er hier. Freiwillig. Angel hatte ihm gesagt, er könne gehen. Er hätte die Wahl. Und doch war er geblieben, stand weiter das Zittern durch, hielt den Schmerz aus und versuchte einfach, nur die nächste Minute zu erleben. Ohne Heroin. Mit Angel.

"Mit Angel!", wiederholte Spike in Gedanken. Dieser Gedanke war plötzlich nicht mehr fremd, seltsam oder verrückt. Es war noch immer alles abgedreht. Das hier. Dass Angel ihn aufgegabelt hatte, als er den Tiefpunkt seines Lebens erreicht hatte. Er hatte es nicht allein durchstehen müssen. Das war das Seltsamste. Seit er in L.A. war, war er allein gewesen. Und jetzt hatte er angefangen, etwas in seinem Leben zu teilen. Auch wenn es der ganze Müll seines Lebens war. Aber auf diese ganze abgedrehte Weise fühlte es sich gut an.

Spike drückte den Rest der Zigarette in den Aschenbecher, der bereits viel zu voll war, lehnte seinen Kopf gegen die Wand hinter sich und schloss de Augen. Es würde vorbeigehen. Der ganze kalte Entzug würde vorbeigehen und er hatte dann vielleicht die Chance auf ein anderes, ein besseres Leben.

-Tag 4-

Langsam wachte Spike auf, spürte das sanfte Sonnenlicht auf seiner Haut und fühlte zum ersten Mal, dass sein Körper entspannt war. Kein Zittern. Kein Schmerz. Keine Übelkeit. Keine Kälte oder Taubheit. Es fühlte sich alles entspannt an. Das Kissen unter seinem Kopf empfand er als wundervoll warm und weich. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte er sich gut. Fast zufrieden. Dann nahm er die sanfte Berührung in seinem Nacken wahr, die warme Hand, die auf seinem Bauch lag.

"Hi", ertönte Angels sanfte Stimme und Spike wandte seinen Kopf zu ihm.

Unwillkürlich fing Angel an zu lächeln, als er in noch immer erschöpfte, aber klare, wunderschöne, blaue Augen blickte.