File 1: stories/4/221.txt
- Schriftgröße +

"Gleich ist es soweit", riss Angels Stimme ihn aus seinen Gedanken und er sah ihn an. "Jetzt kommt die große Szene. Joaquin ist ganz schön aufgeregt."

Spike verkniff sich das schon fast obligatorische Augenrollen, als er den Namen hörte und verschränkte die Arme vor seiner Brust. "Ist ja nicht so, als würdest du zum ersten Mal einen Mann küssen."

"Nicht vor der Kamera", erwiderte Angel und achtete nicht wirklich auf Spike. Er war viel zu konzentriert auf seine Rolle. Ging in seinen Gedanken immer und immer wieder seinen Text durch und versuchte, sich zu entspannen.

"Wir sind so weit", ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund.

"Ich muss los. Wünsch mir Glück!", lächelte Angel seinen Freund an, strich ihm kurz über den linken Oberarm und verschwand zum Set.

"Viel Glück", rief Spike ihm hinterher und war sich sicher, dass sein Engel es nicht mehr gehört hatte. Das war es nun also, das große, berühmte Set von "The Life of Richard Murphy". Eine vollkommen andere Welt. Eine Welt, in der Angel sich wohlfühlte, doch für ihn war sie vollkommen fremd. Er gehörte wirklich nicht hierher. Aber es war Angels großer Karrieresprung. Angels erste Charakterrolle. Die Rolle, die Spike ihm am wenigsten gönnte.

Er schämte sich für diesen Gedanken, versuchte, ihn zu unterdrücken und mit seinem gesunden Menschenverstand an die ganze Angelegenheit heran zu gehen, aber er war nun mal nicht der große Denker. Ganz im Gegenteil, Spike war ein Gefühlsmensch durch und durch. Er hatte sich schon immer mehr von seinen Emotionen als von seinem Verstand leiten lassen. Jetzt bereute er seinen voreiligen Entschluss, Angel hier her zu begleiten, als sein Cousin wohlgemerkt. Was hatte er erwartet? Dass sich Angel spontan dazu entschloss, sich zu outen?

Ein verletzter Zug glitt über seine Gesichtszüge, als er sich eingestand, dass es genau so war. So naiv und dämlich konnte doch nur er sich verhalten. Er hegte Erwartungen und Wünsche, die sich niemals erfüllen würden. So war er schon immer gewesen und jedes Mal war er tief gefallen. Seine bitterste Enttäuschung führte ihn in die Sucht. Damals, als er mit seinem unerschöpflichen Glauben an eine goldene Zukunft nach Los Angels gezogen war, im Gepäck nichts als die unerschütterlichen Illusionen an den großen amerikanischen Traum, der ihn vom Tellerwäscher zum Millionär machen sollte. Wie einfältig er doch gewesen war. Er hatte nicht das Talent und auch nicht das Aussehen und scheiterte bereits daran, einen geeigneten Manager zu finden. Stattdessen traf er die falschen Leute, machte Bekanntschaften, die ihm einen ganz anderen Weg ebneten, die Sackgasse zur Droge. Damit wurde sein Absturz in das soziale Nichts vorprogrammiert.

Jetzt, zum ersten Mal seit Jahren clean, war er doch süchtiger als je zuvor. Er hatte nur eine Sucht mit einer anderen getauscht. Nun bestimmte Angel sein Leben. Genau so wie sich früher jeder Gedanke darum gedreht hatte, wo er den nächsten Schuss herbekam und wie er ihn bezahlen könnte, genau so drehte sich nun all sein Denken um seinen Freund. Er klammerte sich geradezu an Angel und mit ansehen zu müssen, wie dieser so eben einen anderen Mann küsste, trieb ihn dementsprechend in den Wahnsinn. Er war teuflisch eifersüchtig. Ein Gefühl, welches er nicht abstellen konnte. Egal, wie oft ihm Angel versicherte, dass er ihn liebte, dass er wichtig in seinem Leben war, dass er alles war, was Angel brauchte.

Aber was er vor Augen hatte, verbannte jedes Wort von Angel in das hinterste Eck seines Verstandes. Innerlich schäumte er, klammerte seine Hände um die Stuhllehnen, bis das Weiß seiner Knöchel sichtbar wurde und er zuckte bei jedem *Cut*-Ruf des Regisseurs unwillkürlich zusammen. Er konnte fast nicht mehr zuschauen, zwang sich regelrecht, die Augen nicht zu schließen. Immer wenn der andere Mann seinen Freund küsste, bildete sich ein Kloß in seiner Kehle und er musste tief Luft holen und schlucken, um nicht all seiner Eifersucht und seinen Verlassensängsten nachzugeben und davon zu laufen.

Angel behandelte ihn hier wie seinen Cousin. Er hatte eingewilligt, hatte zugestimmt, dass er das für alle anderen war. Aber mit jeder Sekunde störte es ihn mehr. Das war einfach nicht richtig. Es fühlte sich nicht gut an. Er wollte zeigen, zu wem Angel gehörte, ihm seinen Stempel aufdrücken, es in alle Welt schreien, dass er nur ihm gehörte. Ihm ganz allein.

Stattdessen saß er hier, äußerlich ruhig, zwischen all den Leuten, die um ihn herumwuselten und wussten, was sie zu tun hatte. Die Schauspieler drehten. Der Regisseur gab Anweisungen. Die Techniker sorgten für die reibungslose Stromversorgung. Selbst die Kabelhilfen wussten, was sie taten. Nur er nicht. Er war nutzlos. Und das war das Schlimmste - dieses Gefühl, wertlos zu sein.

Was hatte er gegen all das hier seinem Angel schon zu bieten? Wie würde er ihn halten können, wenn der sich in diesen Joaqiun Phoenix verlieben würde, diesen Ausbund an Talent, wie Angel ihm schon einige Male vorgeschwärmt hatte? Alles was er, Spike, zu bieten hatte, war Dreck. Seine Vergangenheit als Stricher und Drogenabhängiger beeinflusste nun auch seine Zukunft und seine Beziehung. Es war der Hauptgrund warum sich Angel offiziell nicht zu ihm bekannte. Er hatte Angel nichts zu bieten und über kurz oder lang würde die erste Verliebtheit auch bei Angel vorübergehen, die rosaroten Wolken würde der Realität weichen und er, Spike, würde wieder dort enden, wo alles begonnen hatte. Im Bodensatz der Gesellschaft.

Eine Ewigkeit später war die Szene im Kasten. Angel kam zu Spike gesprungen, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Enthusiasmus über das Gelingen der Szene schien ihn regelrecht zu beflügeln und Spike verspürte den unheimlichen Drang in sich, Angel das glückliche Lächeln aus dem Gesicht zu schlagen. Doch auch er war in gewisser Weise ein Schauspieler. Statt Angel seine innere Zerrissenheit zu zeigen, hieß er ihn mit einem gespielt herzlichen Lachen willkommen und klatschte Beifall heischend in die Hände.

„Klasse, Baby… ich bin stolz auf dich. Du warst einfach grandios“, rief er laut.

Angels Gesichtszüge verhärteten sich augenblicklich. „Du sollst mich doch verdammt noch mal nicht so ansprechen in der Öffentlichkeit!“, zischte er mit unterdrücktem Zorn so leise wie möglich, damit kein anderer außer Spike verstand, was er sagte.

Auch das Lächeln in Spikes Gesicht verschwand, ein verletzter Ausdruck legte sich darüber. „Sorry… ich… hatte es für einen Moment vergessen. Dein Schauspiel hat mich so überwältigt“, murmelte er zerknirscht und senkte seinen Blick auf den Boden.

„Ja, klasse, sei nur weiterhin so vergesslich. Dann interessiert sich bald kein Mensch mehr für mein Schauspiel, da alle viel mehr damit beschäftigt sein werden, sich über mein Privatleben den Mund zu zerreißen.“ Angel kochte vor Zorn. Er nahm Spike den Irrtum nicht ab. Nach all ihren Diskussionen vom Vorabend, konnte er einfach nicht nachvollziehen, wie Spike solch ein Fehler unterlaufen konnte. Spike wusste genau, wie wichtig ihm sein sauberes Image war, nein, nicht nur das, er wusste wie lebensnotwenig es war und doch hielt er sich einfach nicht an die Regeln, an das Einzige, um was er ihn je gebeten hatte.

„Ja, komm mach mich fertig. Wie kann ich aber auch so vergesslich sein. Tut mir echt Leid, dass ich kein so guter Heuchler wie du bin und meine Gefühle nicht so unterdrücken kann. Und weißt du was, damit das jetzt nicht mehr passiert… vergesse ich am Besten alles…“, schoss Spike unglaublich verletzt zurück. „…dich, mich, UNS. Ich vergesse, dir jeden Abend einen runterzuholen und wie ein braves Hausmütterchen mit dem fertigen Essen auf dich zu warten. Ich warte überhaupt nicht mehr auf dich!“ Vor Zorn bebend, drehte Spike sich auf dem Absatz um.

„Spike, nein… Gott, es tut mir Leid… verdammt… bleib stehen.“ Angel versuchte, seinen Arm zu ergreifen, doch Spike war schneller und wich ihm aus. Peinlich berührt ob auch niemand diese Auseinandersetzung mitbekommen hatte, sah Angel sich um. Als er sich sicher war, dass es keinem aufgefallen war, wollte er hinter Spike hersetzen, doch da war es bereits zu spät. Von Spike war keine Spur mehr zu sehen und Angels Herz sackte sprichwörtlich in seine Hose. Was hatte er nur getan? Wie konnte er Spike so harsch angehen, er wusste doch, wie sensibel dieser reagierte. Am liebsten hätte Angel Spike gesucht, doch der Regisseur rief erneut nach ihm. Die nächste Szene stand an. Hin und hergerissen stand er einen Augenblick auf der Stelle, ohne sich zu bewegen, bis er schließlich verzweifelt aufseufzte und in Richtung Set ging.

~*~

Der restliche Drehtag hatte sich endlos gezogen. Angel drückte das Gaspedal seiner Viper noch weiter durch, es war ihm vollkommen egal, ob die Cops ihn anhalten würden, um ihm ein Ticket zu verpassen. Er wollte nur so schnell er konnte nach Hause. Spike. Er wollte zu Spike. An nichts anderes hatte er seit dem Streit mehr denken, sich auf keine Szene konzentrieren können, hatte alles verbockt und war selbst daran Schuld gewesen, dass sich der Dreh ewig in die Länge zog, bis alles im Kasten war. In jeder Pause hatte er auf Spikes Handy angerufen und zu Hause in seiner Wohnung, doch niemand meldete sich am anderen Ende der Leitung. Angel war unruhig, nein, er war panisch, er hatte Angst. Angst davor, Spike für immer verloren zu haben, dass Schluss war, dass Spike seine Drohung wahr gemacht hatte und gegangen war. Schlimmstenfalls zurück zur Haltestelle 95. Nein, darüber wollte oder konnte Angel nicht nachdenken. Das wäre noch ärger als verlassen zu werden, das wäre, als sei er daran schuld, dass Spike sich umbrachte und mit dieser Erkenntnis würde er niemals weiter leben können. Niemals!

Er bog rechts ab und endlich konnte er sein Appartement in der Ferne erkennen. Noch einmal tippte er fester auf das Gaspedal. Brannte Licht? War irgendwo Licht? Sein Herz schlug so schnell und hart, dass er es in seinem Hals spürte und dann setzte es für ein paar Sekunden aus. Die Sekunden in denen ihm klar wurde, dass alles dunkel war. Dass Spike nicht zu Hause auf ihn wartete.

Was jetzt? Sollte er gleich weiterfahren und nach Spike suchen? Oder erst in die Wohnung gehen, nachschauen, ob Spike seine Sachen mitgenommen und vielleicht einen Zettel hinterlassen hatte?

Angel entschloss sich für Letzteres, parkte seinen Wagen und rannte den Weg zu seiner Haustür hoch. Ein wenig außer Atem schloss er auf, öffnete die Tür und quiekte wie ein kleines Ferkel, dass von der Mutterzitze gelöst wird, als zwei Hände seinen Kragen fest packten, ihn in den Flur zogen und hart gegen die Wand drückten. Ein warmer Körper presste sich an seinen und Angel hatte nicht einmal mehr die Gelegenheit, Luft zu schnappen, als schon glühende Lippen sich um seine schlossen.

Stöhnend öffnete Angel seinen Mund und hieß die Zunge des anderen willkommen, streichelte sie mit der seinen, saugte sie tiefer ein und löste sich erst von Spike, als ihm wegen Sauerstoffmangels schwarz vor Augen wurde.

„Shit… oh verdammt Spike… ich hatte mir solche… uuhhh.“ Alles vergessend was er gerade hatte sagen wollen, gab er sich ganz den Sensationen hin, die Spike in ihm auslöste, als dieser mit einer groben Bewegung seinen Gürtel öffnete, seinen Schwanz befreite und ihn ohne jegliches Vorspiel in den Mund nahm. Angels Kopf flog nach hinten, seine Knie gaben nach, langsam glitt er an der Wand hinab bis er auf seinem Hosenboden landete. Spike ließ ihn keinen Moment los, er saugte an ihm, wie ein Kind an seinem Schnuller, feucht und hart zugleich. Innerhalb von Sekunden wurde Angels Geschlecht steinhart und all die Sorgen des Tages, die aufgestaute Angst, der Frust und die Freude, dass es Spike gut ging, trugen ihr Übriges dazu bei, dass Angel schneller als je zuvor zu seinem Höhepunkt kam.

„Oh Baby… guuhhh ja… so ist es gut… aaahh.“ Seine Hand legte sich auf Spikes Hinterkopf, drückte ihn hinab, er wollte noch tiefer in dessen Mund, in diese hartsaugende Süße, die ihm den Verstand wegblies ins ewige Vergessen. Er bockte auf, immer wieder, bis er schlussendlich hart kam und Spikes Namen schrie.

Immer wieder rief er, wie sehr er ihn liebte und spritzte in Intervallen den Beweis dafür in Spikes Rachen. Dieser schluckte die Köstlichkeit, die ihm sein Geliebter schenkte, genüsslich hinab und eine Art Schnurren entwich seiner Kehle, als er mit seiner Zunge die Tropfen aufschleckte, die daneben gegangen waren.

Angel sah Spike eine Weile bei dessen Säuberungsaktion zu, noch viel zu betäubt von dem Höhepunkt, der gerade über ihn hereingebrochen war, bis plötzlich eine neue Welle von Emotionen durch seinen Körper schwappte und er das Gefühl hatte zu sterben, wenn er jetzt nicht sofort Spike ganz eng an sich drücken könnte. Er riss den Blonden in seine Arme, presste seinen Lippen gegen dessen Hals und wiegte ihn als sei er ein Kind hin und her.

„Baby, ich liebe dich… liebe dich so sehr. Brauche dich so… geh nie wieder weg, bitte, versprich es mir… geh nie wieder weg“, brabbelte er unzusammenhängend, nuschelnd, ängstlich wie ein Neugeborenes am Hals seines Geliebten und doch waren die Worte so bedeutend und wichtig für ihn, dass er sehnlichst auf Spikes Antwort wartete.

„Nie wieder…“ kamen die erlösenden Worte von seinem Geliebten. Zwei kleine Worte und doch bedeuteten sie die Welt.

~*~

Wollte Angel heute ewig bleiben? Gar nicht mehr das Haus verlassen? Nervös trommelten Spikes Finger auf die Platte des Küchentischs. Es war bereits zehn Uhr am Morgen, sie hatten ausgiebig gefrühstückt, wie jeden Tag und jetzt wartete er darauf, dass Angel zum Set fuhr. Doch anstatt sich endlich anzuziehen, saß Angel ihm immer noch gegenüber und schenkte sich seelenruhig eine frische Tasse Kaffee ein.

„Kommst du nicht zu spät?“, platzte es nun aus dem Blonden heraus.

Angel sah verschmitzt lächelnd hoch. „Überraschung! Ich habe heute frei.“

‚Shit!’, Spike riss geschockt seine Augen auf und versuchte sofort, wieder seine Fassung zu finden, als er den verletzten Ausdruck auf Angels Gesicht bemerkte.

„Freust du dich nicht?“, wollte Angel auch prompt enttäuscht wissen.

„Doch… doch, sicher. Ich war nur zu überrascht für einen Moment…“, antwortete Spike gehetzt.

Angel lachte erleichtert, stand auf und drückte seinem Geliebten einen Kuss ins Haar. „Und ich glaubte schon für einen Moment, du wolltest mich loswerden. Ich dachte, wir könnten vielleicht einen Tag am Strand verbringen und heute Abend schön Essen gehen. Nur du und ich. Was hältst du davon?“

"Wundervoll", erwiderte Spike und versuchte, seine Nervosität zu unterdrücken. Er hatte andere Pläne für diesen Tag gehabt, wollte jetzt aber Angel nicht vor den Kopf stoßen. Er strich sich über den Nacken und suchte nach einem anderen Vorschlag.

"Wie wäre es mit shoppen?", sagte er schließlich und blickte hoffnungsvoll seinen Freund an.

„Das ist eine großartige Idee“, strahlte Angel und küsste seinen Geliebten erneut, diesmal jedoch auf den Mund. „Ich wollte dir schon lange ein hellblaues Shirt kaufen. Das muss klasse zu der Farbe deiner Augen aussehen“, schwärmte er, als er seine Lippen von Spike löste. „Ich geh mich anziehen, ich war schon duschen. Willst du noch ins Bad?“

Das war das Stichwort. Spike sprang so schnell von seinem Platz hoch, dass der Stuhl nach hinten kippte. Er zuckte kurz zusammen, als der Stuhl geräuschvoll auf den Boden knallte, hob ihn rasch auf und verschwand angespannt im Bad und verschloss die Tür hinter sich. Er hatte nur ein paar Minuten. Geradewegs peilte er die Badewanne an, kniete sich auf den Boden und begann an einer Fliese herumzuhantieren. Vor geraumer Zeit hatte er auf der Suche nach einem Versteck entdeckt, dass es einen Hohlraum unter der Wanne gab. Ein perfektes Versteck. Mit fahrigen Fingern löste er die Fliese und legte sie leise auf den Boden. Dann fuhren seine Finger in das dunkle Loch und holten ein kleines Etui heraus. Spike musste schmunzeln. Ein teures Etui von Armani, so was hätte er früher sofort zu Geld gemacht. Doch heute konnte er sich diesen verspielten Luxus leisten, den ihm Angel nichts ahnend finanzierte. Aber es musste so bleiben. Angel durfte nicht wissen, was mit ihm los war.

Er stand auf und lief zum Waschbecken. Behutsam öffnete er das Etui und grinste erneut verschmitzt. Ein Etui von Armani barg die Hölle in sich. Eine Hölle, die für Spike längst wieder Wirklichkeit war und sich anfühlte wie das Paradies. Er nahm das Pulver, das in Alufolie gut verpackt war, heraus. Öffnete die Folie und schüttete das Pulver in seinen Löffel. Jeder Handgriff saß, Spike zitterte nicht einmal, sondern freute sich auf den baldigen Flug.

Minuten später saß er nackt auf dem Toilettendeckel und überlegte sich, an welche Stelle an seinem Körper er den Schuss diesmal setzen könnte? Eine unauffällige Stelle, eine die Angel nicht zu Gesicht bekam. Sein Blick fiel auf seinen Fuß und die Entscheidung war getroffen. Ein letztes Mal stand er auf und drehte die Dusche voll auf. Das Rauschen des Wassers sollte Angel glauben lassen, dass er duschte. Dann ging er zurück auf seinen Platz auf der Toilette und jagte sich die Spritze in die Vene neben seinem Knöchel. Kaum rauschte die Droge durch sein Blut, sackte Spike nach hinten, knallte mit dem Kopf gegen die Wand und riss die Augen weit auf. Keine Gedanken mehr, nur noch fühlen… schweben… fliegen… Freiheit.

Eine Stunde später saß Angel ungeduldig wartend im Wohnzimmer. Spike war noch immer im Bad und hatte die Tür verschlossen. Er hatte mehrmals dagegen gehämmert, aus Furcht, Spike wäre etwas passiert. Als er erst keine Antwort bekam, überlegte er schon wie er die Tür aufbrechen konnte. Dann endlich vernahm er Spikes Rufen. „Komme gleich Baby… Minute noch.“

Erleichtert war er zurück ins Wohnzimmer gegangen, aber dies war nun schon wieder zwanzig Minuten her. Und noch immer hörte er das Plätschern des Wassers. Wie lange wollte Spike noch duschen? War wirklich alles in Ordnung?

Schon wollte er erneut aufspringen, als die Tür zum Bad sich öffnete. Spike stand, sich die Hände reibend vor ihm. „Auf was wartest du? Gehen wir?“

Irritiert sah Angel ihn an… irgendwas stimmte nicht… sein Gefühl sagte ihm, dass irgendetwas gar nicht in Ordnung war. „Willst du nicht die Dusche abstellen?“

"Die Dusche ... jaa ... " Spike machte auf den Absatz kehrt, stellte das Wasser ab und war wieder zurück bei Angel "… ich bin mit den Gedanken nur bei dir." Er grinste breit, drückte Angel einen Kuss auf die Lippen und zog ihn aus der Wohnung.

~*~

Spikes Hände vergruben sich ungeduldig in seine Hosentaschen. Wieder war er hier. Erneut versetzte er irgendetwas, um ein bisschen höllisches Paradies zu bekommen. Sein Lebenselixier. Angespannt sah er zu dem etwas dicklichen Mann, mit dem dichten Schnauzer und den fettigen Haaren und wartete darauf, dass er ihm endlich einen Preis für die goldenen Manschettenknöpfe nannte, die er sich mehr oder weniger von Angel geliehen hatte. Nein, er war nicht zum ersten Mal hier, bereits sein schickes Armani-Etui lag schon zwischen den anderen wertvollen Gegenständen in diesem stickigen Laden.

Von alldem wusste Angel nichts und in den wenigen Sekunden, in denen Spike einen klaren Kopf hatte und über seine Situation nachdachte, meldete sich das schlechte Gewissen. Doch schnell waren diese Schuldgefühle wieder verschwunden, denn Angel trug die Schuld an seinem Schicksal. Er hatte gearbeitet, hatte ihn allein gelassen, hatte von ihm verlangt, sich zu verstecken. Es war kein Leben für Spike, aber er liebte Angel und für ihn hatte er diesen Weg mitgewählt. Doch er hatte einen Ausgleich gebraucht, etwas was sich ihn wieder nützlich fühlen ließ, die Sorgen vergessen ließ. Und dann war es passiert. Der Tag am Set. Der Streit mit Angel. Die Wut über sein Verhalten. Die verdammte Eifersucht, sie seine Seele zerfraß.

Orientierungslos war er durch die Straßen gelaufen, hatte gehofft, dass das schwere Gefühl der Einsamkeit verpuffen würde. Doch alles blieb. Nichts änderte sich in seinem Inneren. Und plötzlich war er wieder dort. Dort, wo sein Abstieg zur Hölle begonnen hatte, dort, wo sein Leben nur aus einem einzigen Ziel bestanden hatte - dem Schuss zum Glück. Er hatte gezögert, doch die kleine teuflische Stimme in ihm hatte ihn verführt, hatte ihm eingeredet, dass nur ein Schuss ihn nicht zurückbringen würde.

Er lachte kurz auf. Und wie ihn das alles zurückgebracht hatte. Er lebte von einem Schuss zum anderen und zwischendrin gab es ein bisschen Angel.

Manchmal einen nörgelnden Angel, weil dieser irgendwie zu spüren schien, dass etwas nicht stimmte. Aber Spike war geschickt, er konnte sich gut verstellen, war vorsichtig, setzte die Spritzen immer an anderen Stellen an und wenn doch mal alles blau wurde, dann hielt er sich fern von Angel. Ließ ihn nicht an sich heran, schlief nicht mit ihm, brachte Abstand zwischen sie beide.

Meistens jedoch war es der alte Angel. Der Angel, in den er sich verliebt hatte und den er noch immer liebte, auch wenn diese Liebe nun nicht mehr an erster Stelle in Spikes Leben stand. Die Heroinsucht hatte ihr den Rang abgelaufen. Jetzt beherrschte die Droge wieder fast sein ganzes Dasein und alles, was er dafür brauchte, waren diese grünen Dollarnoten, die ihm der dickliche Pfandleiher so eben in die Hand zählte. Dass er dafür seine Liebe betrogen, ja gar bestohlen hatte, war Spike in diesem Augenblick vollkommen egal. Nein, er rechtfertigte sich sogar damit, dass es Angel sicher lieber war, dass er sich so das Geld für seine Sucht besorgte, als wieder an der Haltestelle 95. Außerdem war Angel doch an allem Schuld, erst hatte er ihn mit seinem verletzenden Verhalten in die Sucht getrieben und dann drehte er ihm den Geldhahn zu. Kurz blitzte Spike der Streit von vorgestern durch die Gedanken, als Angel von ihm wissen wollte, warum seine Kreditkarte so überzogen war und wo all die Sachen waren, die er doch wohl damit gekauft hatte. Doch als er vor seinem Dealer stand und mit ihm um einen guten Preis schacherte, war jeglicher Gedanke an Angel längst vergessen.

~*~

"Spike..." Angel wusste nicht recht, wie er beginnen sollte. "Spike, irgendwas stimmt nicht zwischen uns. Ich weiß nicht, was es ist oder ob ich Schuld bin. Aber ich habe das Gefühl, wir entfremden uns."

Angel war nach Hause gekommen, nach einem anstrengenden Tag am Set und hatte die Wohnung in einem absoluten Chaos vorgefunden. Etwas, was er eine Weile gar nicht gewohnt gewesen war, aber in letzter Zeit immer häufiger geschah. Es war nicht so, dass er Spike dazu verdonnern wollte, seine Hausarbeit zu erledigen, doch bisher hatte er den Eindruck gehabt, Spike würde es gerne für ihn tun. Vielleicht war es ein Zeichen von Spike, wie damals, als er ihm damit zeigen wollte, dass er ihn, Angel, begehrte. Möglicherweise wollte ihm Spike nun sagen, dass etwas in ihrer Beziehung nicht in so lief, wie er annahm.

"Es ist alles in Ordnung", wehrte Spike Angels Sorgen ab und fing an, lustlos ein paar Dinge vom Boden aufzuheben. "Du arbeitest zu viel. Du fehlst mir. Ich langweile mich. Das ist alles." Er konnte Angels Fragen nicht ertragen. Immer wieder bohrte er weiter und Spike glaubte manchmal in einem Verhör zu sein. Vielleicht war es auch einfach nur die Angst, dass alles aufflog. Er wusste es nicht, aber er würde Angel niemals offenbaren, was wirklich mit ihm passierte.

„Spike… jetzt hör doch mal auf.“ Angel hielt Spike an seinem Arm fest und drehte ihn zu sich um. „Es tut mir Leid, wenn du den Eindruck hast, dass ich… ach verdammt… da ist mehr, ich weiß es. Sag es mir. Ich fühle es. Kann es sein, dass du mich gar nicht mehr liebst?“

Fast genervt, rollte Spike mit seinen Augen. "Ich liebe dich, Angel!", antwortete er mit wenig überzeugendem Ton und befreite sich aus Angels Griff. "Ich muss aufräumen, schließlich will ich auch was zu diesem Haushalt beitragen."

'Wohl eher dein Gewissen beruhigen', fügte Spike in Gedanken hinzu und las die leeren Getränkedosen auf. Einfach beschäftigt sein. Angels Fragen ignorieren, vielleicht würde das seinen Freund zum Schwiegen bringen.

Angel biss sich in die Lippen. Am liebsten hätte er Spike geschüttelt. Er wusste, etwas war nicht in Ordnung und er wusste, dass es nicht nur daran lag, dass Spike sich langweilte oder sich vernachlässigt fühlte. Irgendwas anderes war mit ihm im Gange und wenn Angel ehrlich war, so hatte eher er den Eindruck, vernachlässigt zu werden und zwar von Spike. „Ich habe immer mehr das Gefühl, dass es umgekehrt ist. Dass du froh bist, wenn ich nicht zu Hause bin… geradezu erleichtert. Langsam komme ich mir vor, wie ein Eindringling in meinem eigenen Haus“, platzte es nun doch ungewollt aus ihm heraus.

"Du hast Wahnvorstellungen", entgegnete Spike gereizt, schob sich an Angel vorbei, der ihm im Weg stand und versuchte, ihn weiter zu ignorieren. Er wollte nicht reden. Er wollte nicht antworten. Er wollte einfach nur seinen Freund. Fühlen. Spüren. Nahesein. Doch wenn Angel ihn weiter so bedrängte, dann würde er explodieren. Es würde zu einem heftigen Streit kommen und Spike befürchtete, dass er nicht gut für ihn ausgehen würde. Er brauchte Angel. Seine Liebe. Sein Geld. Er brauchte ihn einfach. Aus so vielen verschiedenen Gründen.

„Oder willst du mit mir Schluss machen?“, ging er nun doch auf das Thema ein.

„Nein… Oh Gott nein.“ Schnell eilte Angel auf Spike zu, als dessen hilfloser Blick ihm fast das Herz brach und schloss ihn in seine Arme. „Nein, ich würde dich niemals…“ Mit beiden Händen umfasste er jetzt Spikes Gesicht und sah ihm tief in seine wunderschönen Augen. „Spike, ich liebe dich. Glaub mir das. Aber ich habe Angst dich zu verlieren, weil dich irgendetwas von mir abstößt, dich mir entzieht. Manchmal habe ich Angst… und bitte, tick jetzt nicht gleich aus, aber manchmal befürchte ich, dass du wieder abhängig bist.“

"Ja, ich bin abhängig ...", antwortete Spike und spürte, wie sich Angels Körper anspannte, wie sein Blick sich verhärtete und wie jeden Moment die Verzweiflung über ihm zusammenbrechen würde. "... von dir!", beendete Spike seinen Satz und lächelte dünn. Er war so schlecht. Es war so schlecht Angel auszunutzen, seine Liebe für seine Sucht zu benutzen, aber er konnte nicht anderes, denn er war schwach und wenn Angel gehen würde, wäre alles vorbei und er würde entgültig zusammenbrechen.

Spike schlang die Arme um Angels Hals und drückte sich fest an ihn. Ihn so nah zu fühlen, war so herrlich, ließ ihn für eine Sekunde alles vergessen. "Ich liebe dich, Angel. Es ist alles in Ordnung", murmelte er an dem Hals seines Engels. "Ich brauche einfach nur einen Job, eine Beschäftigung."

'Ich brauche einen Entzug', verbesserte sich Spike in Gedanken. 'Für Angel. Für alles, was ich liebe. Für alles, was ich meinen Armen halte.' Langsam löste er sich wieder von Angel und sah in dessen so wundervolle braune Augen. "Du musst dir keine Sorgen machen, mir geht es gut."

Angel konnte nicht anders, er küsste Spike stürmisch. Immer wieder, wenn sich ihre Lippen kurz trennten, murmelte er beruhigende Worte. „Wir finden einen Weg Baby.“ Beruhigende Worte für Spike und vor allem für sich selbst. Er schaltete damit alle Zweifel aus, wollte an das glauben, was Spike ihm so eben gesagt hatte, griff danach wie ein Ertrinkender. „Solange wir zusammenhalten, kann uns nichts trennen.“ Sanft schob er Spike immer weiter zurück, bis sie gemeinsam auf die Couch fielen.

„Ich liebe dich… liebe dich so sehr.“

~*~

Spike stand im Bad vor dem Spiegel. Noch immer hallte das Geräusch der Haustür in seinen Ohren, die Angel gerade hinter sich zugezogen hatte, als er die Wohnung verließ. Sie hatten sich die ganze Nacht geliebt. Zärtlich, einfühlsam, hungrig und gleichzeitig wild. Spike hatte das Gefühl, von Angel noch nie so genommen worden zu sein. So besitzergreifend, so als wolle er ihn nie vergessen lassen, zu wem er gehörte. Noch immer fühlte sich sein Körper wund an und die Nachwehen der intensiven Liebesnacht hallten in ihm nach. Er hatte sich seinem Engel vollkommen hingegeben, ihm seine Seele geschenkt, versucht, wieder gut zu machen, was er ihm heimlich angetan hatte. Hintergangen. Betrogen. Belogen. All dass hatte er seinem Geliebten angetan und er schämte sich so sehr dafür. Fahrig fuhr er sich über den Nacken und starrte weiter auf sein Spiegelbild. Er sah nicht gut aus. Die Droge begann, wieder an ihm zu zehren, nahm ihm die gesunde Farbe seiner Haut, ließ tiefe Ringe unter seinen Augen entstehen und seine Wangen wirkten eingefallen und hohl.

Sein Blick glitt auf die Spritze in seiner Hand. Es war Zeit für den nächsten Schuss, das Verlangen in ihm stieg von Sekunde zu Sekunde mehr. Doch alles was er tat, war auf den Gegenstand in seiner Hand starren. Den Gegenstand zum falschen Glück. Das richtige Glück hatte gerade die Wohnung verlassen und würde heute Abend zu ihm heimkehren und ihn auf ganz eigene Weise schweben lassen.

So ging es nicht weiter. Er würde seinen Rückfall nicht ewig vor Angel verheimlichen können, bereits jetzt stellte dieser immer mehr unangenehme Fragen und irgendwann würde er sich nicht mehr mit, in Spikes Ohren hohl klingenden Phrasen, abspeisen lassen. Irgendwann wäre es zu spät.

Und das wollte Spike nicht. Er wollte Angel nicht verlieren, nicht für diesen Scheiß in seiner Hand. Für diesen Dreck. Für dieses Teufelzeug.

Wütend ballte er seine Hand um die Spritze zur Faust und warf sie dann mit einem wütenden Aufschrei zu Boden und kickte sie in die rechte Ecke des Bades. Er würde aufhören damit. Jetzt. Sofort. Für Angel. Und für das, was sie hatten.

Er kannte den kalten Entzug, er hatte ihn schon einmal überstanden und er würde es wieder schaffen. Nur musste er es irgendwie vor Angel geheim halten. Davor hatte er Angst. Aber er wusste ja, wie er sich beruhigen konnte. Er musste nur möglichst viele Schmerztabletten nehmen, Alkohol. Es würde schon gut gehen. Und zur Not konnte er Angel erzählen, er hätte eine Magen/Darm-Infektion.

Spike lief bereits zehn Minuten später in den Drugstore und deckte sich mit allen möglichen Schmerztabletten ein. Den argwöhnischen Blick des Verkäufers ignorierte er und bezahlte so schnell er konnte, mit seinem letzten Geld aus dem Verkauf der Manschettenknöpfe. Kaum war er zu Hause, nahm er die ersten Pillen und spülte sie mit Rotwein seine Kehle hinab. Dann setzte er sich auf die Couch, steckte sich eine Zigarette an und blickte hinaus auf das Meer. Mit seinen Füßen tippte er einen hektischen Takt auf den Boden. Dann stand er wieder auf. Er konnte nicht ruhig sitzen. Tigerte durch die Wohnung. Begann sogar, sie aufzuräumen. Versuchte sich abzulenken, so gut es ging und schluckte alle halbe Stunde eine Handvoll Tabletten.

Doch sie betäubten ihn nicht vollkommen. Die Gier nach der Droge wurde immer größer, begann, ihn in den Wahnsinn zu treiben, ließ ihn jeglichen vernünftigen Gedanken vergessen, Schweiß brach aus jeder seiner Poren, sein Kreislauf sackte ab, ihm war kalt. So bitterkalt und gleichzeitig so verdammt heiß. Wie ein Ertrinkender trank er Angels teuren Whisky aus der Flasche. Leerte sie halb in einem Zug. Und rannte danach ins Bad, um sich zu übergeben.

Nachdem der Brechreiz endlich überstanden war, sackte er auf den Boden, umarmte die Kloschüssel und ließ seine Stirn auf seinen Unterarm fallen. Die Schmerzen in seinem Körper waren unerträglich. Alles brannte, sie fraßen ihn auf und vor lauter Verzweiflung konnte er die Tränen nicht länger zurückhalten.

Irgendwann lag er gekrümmt auf den kalten Fliesen im Bad und schluchzte wie ein Baby. Weinte wegen der Schmerzen, wegen der Dummheit, dass er sich wieder auf die Droge eingelassen hatte und darüber, dass Angel ihn in ein paar Stunden so finden würde. So kaputt und fertig wie er war. Und Angel würde sofort wissen, was los war. Er hatte sich selbst etwas vorgemacht. Niemals wäre Angel so dumm und würde nicht den wahren Grund hinter seinem Elend entdecken und dann würde er ihn verlieren. Seinen Engel. Seinen Geliebten. Seinen Halt im Leben.

Und er wäre verloren für immer.

Mehrmals schoss Spike der Gedanke durch den Kopf, dass er sich nur einen Schuss setzen musste und alles wäre wieder gut. Doch er blieb hart, sich selbst gegenüber. Standhaft wehrte er sich dagegen aufzugeben. Er musste dies hier durchziehen. Für sich und für Angel und vor allem für das, was sie verloren hatten. Die Leichtigkeit ihrer Liebe, den rosaroten Traum vom Glück. Das war, was er wieder haben wollte, war er brauchte, seine wahre Droge.

Die Stunden glitten an Spike vorbei wie ihm Rausch und doch zogen sie sich zäh wie Gummi. Irgendwann schleppte er sich wieder ins Wohnzimmer, schmiss erneut einige Tabletten ein und beruhigte sich mit schwerem Alkohol. Bald würde Angel nach Hause kommen. Bald. Und für ihn da sein. Er würde ihn halten und nicht mehr los lassen, ein Fels in der Brandung für ihn sein.

Zehn Minuten später war er wieder im Bad und ließ warmes Wasser in die Wanne laufen. Vielleicht würde es ihn beruhigen zu baden. Ihm war noch immer so kalt. Es würde sicher das Zittern beruhigen. Er stellte den Whirlpool an und starrte auf die blubbernden Blasen.

Mittlerweile war es ihm egal, ob Angel hinter sein Geheimnis kam. Alles was er jetzt wollte war Hilfe, um das Ganze zu überstehen, nicht wieder rückfällig zu werden. Fast all seine Hoffnung war jetzt auf die Ankunft seines Geliebten gerichtet und so lange versuchte er, sich zusammen zu reißen. Bis dahin würde er alle Kraft aufbringen und dann konnte er sich fallen lassen. Angel würde ihn auffangen. Angel würde ihm helfen. Angel war immer für ihn da. Angel…

Das schrille Klingeln des Telefons riss ihn aus seinem Mantra. Ohne lange zu überlegen, lief er ins Wohnzimmer und griff danach: „Ja“, krächzte er in den Hörer.

„Spike?“ Angel war am anderen Ende. „Spike, hör zu, es wird später heute. Der Dreh verzögert sich… das Wetter hat nicht mitgespielt… du brauchst nicht zu warten. Geh ruhig schon ins Bett, es wird wirklich spät.“

‚NEIN!’, schrie Spike in seinen Gedanken, das konnte Angel ihm nicht antun. Nicht heute. Nicht jetzt!

„O… kay..“, brachte er stattdessen zitternd über die Lippen.

„Alles klar bei dir?“, erkundigte sich Angel, plötzlich besorgt.

„Alles… k..lar“, log Spike und plötzlich überkam ihn das Gefühl, noch etwas anderes sagen zu müssen. „Ich … Angel… ich liebe dich.“

Er hörte Angel gerührt lachen und leise „Ich liebe dich auch“ wispern.

„Für immer“, setzte Spike eindringlich hinterher.

„Für immer.“ Angels Stimme war wieder laut und deutlich zu hören. „Warte nicht auf mich.“

Spike starrte auf den Hörer. Angel hatte aufgelegt. Angel würde jetzt nicht nach Hause kommen. Angel würde…

Ein plötzlicher Krampf unterbrach jeglichen Gedankengang. Der Hörer fiel ihm aus der Hand, er drückte seine Arme in den Magen und schrie laut seinen Schmerz in die Stille des Wohnzimmers.

Einige Zeit später war er wieder im Bad, starrte in die Wanne und fühlte sich vollkommen leer. Sein Blick glitt über den Beckenrand auf den Boden und da sah er sie. Seine Erlösung.

Angel würde nicht kommen. Ihm nicht helfen. Aber das hier würde ihm helfen. Würde diese elenden Schmerzen vertreiben und ihn sich wieder gut fühlen lassen. Schnell zog er sich seinen Pullover über den Kopf und kniete sich, nur noch mit Jeans begleitet auf den Boden und griff zitternd nach der Spritze, die er am Morgen achtlos in die Ecke getreten hatte. Einen kurzen Augenblick schwankte er. Versuchte noch einmal die Kraft aufzubringen, sie wegzuwerfen.

Und gab dann einfach auf.

Das war alles zuviel. Er war schwach, er würde immer schwach sein und er hielt diese Krämpfe, diese Schmerzen, dieses Verlangen nach dem Heroin nicht mehr aus. Ohne weiter darüber nachzudenken, was er tat, setzte er sich auf den Beckenrand der Wanne, mit dem Ärmel seines Pullovers band er sich den Oberarm ab, hielt ihn mit seinen Zähnen fest und drückte sich die Spritze hart und viel zu schnell in seine Vene.

Sekunden später riss er die Augen weit auf, seine Zähne gaben den Ärmel frei und er holte röchelnd Luft, während er rückwärts in die Wanne fiel. Das warme Wasser umschloss seinen Körper und er tauchte unter. Jetzt schwappte die Flüssigkeit über den Beckenrand auf den Boden und Spike tauchte wieder auf. Noch immer waren seine Augen weit offen… seine blauen, klaren Augen waren auf die weiße Decke des Badezimmers gerichtet und das Wasser um ihn herum begann langsam, sich wieder zu beruhigen.

~*~

Angel versuchte möglichst leise, die Tür aufzuschließen. Er wollte Spike nicht wecken. Er freute sich darauf, nach diesem langen, harten Tag zwischen die Laken zu seinem Geliebten zu schlüpfen. Er würde ihn die ganze Nacht halten, Haut an Haut, warm und weich und schwelgen in dem Glück, in zu lieben und wieder geliebt zu werden.

Den ganzen Tag über hatte Angel sich dabei erwischt, wie er mit seinen Gedanken mehr bei der letzten Liebesnacht als bei der Arbeit war und mehr als einmal war ein verträumtes Lächeln über seine Züge geblitzt. Wie hatte er nur an Spike zweifeln können? Er war so dumm. Es war nur der täglich Alltag, der ihre Beziehung ein wenig hatte einfahren lassen. Aber in der letzten Nacht hatte Spike ihm gezeigt, wie sehr er in liebte und das war alles, was Angel gebraucht hatte.

Als er in den Flur trat, stutzte er kurz, als er den dünnen Lichtstreifen unter der Badezimmertür bemerkte. Er verzog seine Lippen zu einem gerührten Lächeln.

Spike! Er hatte doch auf ihn gewartet. Oh, er war so süß. Wahrscheinlich hatte er überall kleine Teelichter im Bad verteilt und wartete, nackt wie Gott ihn erschaffen hatte, in der Wanne, die er mit warmem Wasser und duftendem Schaumbad gefüllt hatte.

Voller Vorfreude lockerte Angel seine Krawatte und zog sie sich über den Kopf. Achtlos ließ er sie zu Boden fallen und hüpfte abwechselnd auf einem Bein in Richtung Bad, um sich links und rechts die Schuhe auszuziehen. Bis er vor der Badezimmertür ankam, war er bereits vollkommen nackt. Mit einem Lächeln, das seine Vorfreude nicht verbergen konnte, öffnete er die Tür.

„Hey Baby“, flüsterte er mit verführerischer Stimme. Ein Schwall feuchter Luft vernebelte ihm die Sicht und er wedelte sie mit der Hand von seinem Gesicht fort. „Wow… heiß hier drinnen… wolltest du das Bad in eine Sauna verwandeln?“, scherzte er und trat an die Wanne.

Durch die kalte Luft die durch die offenstehende Tür kam, wurde die feuchtwarme Luft aus dem Bad getrieben und die Sicht auf seinen Geliebten wurde endlich frei. Angel hob ein wenig irritierte die Augenbrauen, als er bemerkte, dass Spike noch immer seine Jeans trug. „Ich dachte, dass wäre in den Sechzigern gewesen, als man die Jeans noch nass angezogen hat.“ Er musste über seinen eigenen Witz leise lachen und hob einen Fuß in die Wanne. Dadurch dass der Whirlpool an war, war das Wasser angenehm temperiert und ein genüssliches Seufzen verließ Angels Kehle. Während sein zweites Bein dem ersten folgte, glitt sein Blick Spikes Körper empor und plötzlich erstarrte Angel mitten in der Bewegung.

Was war das? Spikes Arm… Spritze? Nein…

„NEIN… Oh … Gott… nein“, keuchte er und glitt aus, fiel ins Wasser, auf den leblosen Körper seines Geliebte… das Wasser spritzte erneut aus der Wanne, Angel zog röchelnd nach Luft… „Nein… nein…“, wiederholte er immer wieder. Nicht fähig etwas anderes zu sagen, zu denken, zu denken und zu realisieren, was seine Augen ihm längst gezeigt hatten.

Er griff um den Oberkörper seines Freundes, zerrte ihn hoch, riss ihn in seine Arme. Der Kopf des Blonden fiel kraftlos in den Nacken, Angel half ihm, drückte mit seiner Hand auf dessen Hinterkopf und presste Spikes Gesicht an seine Halsbeuge. Längst liefen ihm die Tränen über die Wangen, ohne dass er sich dessen bewusst war, längst holte er immer wieder schluchzend Luft, längst hatte ein Teil von ihm registriert, was geschehen war, aber ein anderer wollte es nicht glauben. Es nicht zu lassen, der Teil der eine Art Eigenschutz bildete, ähnlich dem Schockzustand eines Unfallopfers.

"Wach auf, Baby... bitte...."

Angel küsste die Haare seines Geliebten, die Ohren, die Stirn, schnelle kleine Küsse, verzweifelt Küsse, zitternde Küsse… ließ seine Hände über dessen Rücken fahren, wiegte ihn, hielt ihn, umklammerte ihn und … dann sah er ihm in die Augen.

Blau. So blaue Augen. So wunderschöne blaue Augen. So leere Augen, so leere, tote Augen.

„Spike… nein… oh Baby, nein, bitte nein… nicht... Oh Gott, warum??? Warum Baby… warum nur…“