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Da saß er nun mitten im Kodak Theatre und lauschte gebannt den Worten von Charlize Theron, die die einleitenden Worte für die Nominierungen des "Actor in a leading role" sprach. Er war nominiert. Nach vierzehn Jahren war er tatsächlich nominiert. Für die Rolle seines Lebens. Es war nicht Frank Sinatra, sondern Spike. Er hatte den Mann gespielt, der sein Leben auf den Kopf gestellt und sein Herz erobert hatte, es mit Liebe gefüllt hatte und auch nach vierzehn Jahren noch immer füllte. Spike war sein Leben. Seine Liebe. Sein Atem. Spike war alles. Und er hatte ihn gespielt.

Jahrelang hatte er gebraucht, um Spikes Tod zu verarbeiten. Zu verstehen, was passiert war. Die Vorwürfe hatten ihn zerfressen. Die Schuldgefühle sein Leben bestimmt. Nur seine Arbeit, sein Schauspiel, die kleinen Rollen hatten ihn am Leben gehalten und von irgendeiner Dummheit abgehalten.

Bis die große Wende gekommen war. Eine plötzliche Welle, die ihn erfasst und mitgezogen hatte. Es kam ihm immer noch wie ein Traum vor, aber es war Wirklichkeit, pure Realität. Er saß tatsächlich hier im Kodak Theatre, mitten in der Oscar-Verleihung und sah gespannt auf die riesige Leinwand, wo die Nominierungen vorgestellt wurden. Und da ertönte sein Name. Sein Name. Er war dabei. Er gehörte in diesem Jahr zu den Besten und er war unglaublich stolz darauf, denn in keine Rolle hatte er soviel Liebe, soviel Herzblut, soviel Energie gesteckt, wie in diese - wie in seine Darstellung von Spike.

Nach all dem Schmerz, dem Leid, der Trauer hatte er angefangen zu schreiben. Hatte sich alles von der Seele geschrieben. Hatte Spike ein neues Leben in seinen Worten sinnbildlich eingehaucht. Tag für Tag, Nacht für Nacht, Stunde für Stunde hatte er nichts anderes getan, als sich seinen Erinnerungen hinzugeben. Bis Lilah seine Worte in die Hände fielen und plötzlich bekam er einen Auftrag, daraus ein Drehbuch zu machen.

Er hatte sich zuerst geweigert. Sich dagegen gewehrt, sein Leben, seine Homosexualität noch einmal so zum Mittelpunkt zu machen. Zuviel war geschehen. Zuviel Kraft hatte es ihn gekostet. Doch ein einziger Traum. Ein Traum mit Spike hatte ihn anders denken lassen. Vielleicht würde dieser Film kein Erfolg werden, aber er hatte gewusst, dass er es für Spike tun musste und für sich selbst, um die Wunden der Vergangenheit zu schließen. Um Spike zu zeigen, dass er noch immer ein Teil seines Lebens war. Um endlich in seinem Leben weitergehen zu können.

Plötzlich hatte alles ein Eigenleben entwickelt. Das Drehbuch war fertig geworden. Die Schauspieler gecastet. Ein Regisseur gefunden. Drehorte standen fest. Und Angel befand sich mitten drin in der Rolle seines Lebens. Er spielte Spike mit allen Höhen und Tiefen, mit allen Ecken und Kanten. Angel lebte Spike. Es war nicht einfach eine Rolle. Spike war ein Teil seines Lebens gewesen und niemand anderes hätte ihn so spielen können. So richtig spielen können.

Und es hatte gut getan. Zum ersten Mal seit Spikes Tod hatte Angel sich wieder gut gefühlt. Alles hatte sich wieder gut angefühlt. Seine Karriere. Sein Beruf. Die Schauspielerei. In sein Leben kam plötzlich wieder Ordnung, eine gewisse Leichtigkeit, die er so lange vermisst hatte. Kein Versteckspiel mehr. Er war frei und das fühlte sich unglaublich gut an. Er verschwendete keinen Gedanken an Kritiken, an Zuschauerzahlen, an Einnahmen. Es zählte einfach Spike und seine Lebensgeschichte.

Was dann passierte, erschien Angel immer noch so fremd, aber es war geschehen. Es war echt. Genauso wie Charlize Theron, die unglaublich langsam den bedeutungsvollen Umschlag öffnete. Dann fielen die magischen Worte.

"And the Oscar goes to ..."

War das sein Name? Hatte sie gerade seinen Namen erwähnt?

Angel starrte einfach nur ins Leere. War sich plötzlich gar nicht bewusst, dass die Auszeichnung an ihn gegangen war. Das musste nun wirklich ein Traum sein. Das konnte niemals Wirklichkeit sein. Er konnte doch niemals einen Oscar bekommen.

Erst als Lilah ihn anstieß und regelrecht vom Stuhl zog, sickerte das Unglaubliche in seinen Verstand, begann er langsam zu verstehen, was eben geschehen war. Er hatte gewonnen. Es war real, eine Tatsache. Unfassbar, aber wahr. Für die wichtigste und bedeutsamste Sache in seinem Leben hatte er diesen wertvollen Preis gewonnen.

Er lächelte verwirrt, als Lilah ihn umarmte, ihm einen Kuss auf die Wange drückte und ihm gratulierte. Überwältigt von allem reagierte er einfach nur noch. Er hatte keine Ahnung, wie er es schaffte einen Fuß vor den anderen zu setzen oder wie es kam, dass er plötzlich vor Lindsey stand.

Lindsey. Ein neuer Agent in Lilahs Firma. Angel hatte keine Ahnung, ob Lilah ihn wirklich brauchte oder ob sie ihn nur angestellt hatte, weil sie der Meinung war, dass er einen neuen Freund brauchte. Seit Spike gestorben war, hatte er niemanden an sich herangelassen. Zu verletzt war er gewesen. Zu tief saßen die Wunden. Zu stark war diese Liebe gewesen. Doch Lindsey war anders. Er mochte ihn, lachte gern mit ihm und er war dankbar, dass er ihm Zeit ließ, dass er ihm das Tempo überließ. Und vielleicht war er irgendwann so weit. Vielleicht konnte er auch in diesem Punkt in seinem Leben einen Schritt nach vorn gehen.

Angel erwiderte sein Lächeln, drückte ihn kurz und lief noch immer wie in Trance, begleitet von tosendem Applaus, auf das Podium. Dort stand sie, Charlize Theron, lächelte ihn an und wartete nur darauf, ihm endlich den kleinen goldenen Mann zu überreichen.

Er schwebte. Getragen von einer wundervollen Wolke aus purem Glück. Er war wirklich glücklich. Und dann stand er vor dem Mikrofon. Sah auf den Award. Sah ins Publikum. Dann spürte er, wie sich langsam Tränen in seine Augen schlichen. Er würde hier nicht stehen. Er hätte all das niemals erreicht, wenn er, Spike - sein blonder Engel, nicht in sein Leben getreten wäre und wenn er es in dieser einen Nacht nicht schlagartig geändert hätte.

Keinen einzigen Moment hatte er vergessen. Keinen einzigen Augenblick. Er war nach Hause gekommen. Ahnungslos. Erschöpft. Dann hatte er den Whirlpool gehört und er hatte sich auf einen wundervollen Ausklang des harten Tages gefreut. Doch dann war alles über ihm zusammengebrochen. Seine Welt war stehen geblieben. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Sein ganzes Leben war von einer auf die andere Sekunde vorbei gewesen.

Starr. Kalt. Blass. So hatte er in der Wanne gelegen. Leblos. Tod. Verloren. Er hatte versucht, die Wahrheit zu verleugnen. Hatte versucht, alles zu verdrängen. Doch die Realität hatte ihn knallhart getroffen. Nahm ihm die Besinnung. Nahm ihm den Atem. Nahm ihm alles.

Er konnte sich bis heute noch nicht daran erinnern, wie er die Nummer des Notrufes gewählt hatte. Doch irgendwann waren sie da. Standen in seinem Badezimmer. Stellten ihm Fragen, die er nicht beantworten konnte. Er kam sich vor, als wäre er nicht in seinem Körper, als stände er neben sich und beobachtete dies alles. Die nasse, kalte Leiche, die sie aus der Wanne hoben, in den schwarzen Plastiksack. Das Geräusch, als sie den Reisverschluss hochzogen und er nicht mehr auf das starre, bleiche Gesicht seines blonden Engels schauen konnte. Die furchtbare Leere, die er empfand und gleichzeitig diesen tosenden, alles verbrennenden Schmerz, der ihn schier zu zerreißen drohte. Tiefer, grausamer, kalter Schmerz.

Danach brach alles über ihm zusammen. Alles in seinem Leben geriet aus der üblichen Bahn. Noch in der Nacht tauchte die Presse auf, noch während er im Bad stand und auf den schwarzen Leichensack starrte und am liebsten selbst hineingekrochen wäre. Bis heute wusste er nicht, wie die Reporter Wind von der Sache bekommen hatten. Ob sie den Polizeifunk abhörten oder einer der Pfleger sich ein paar Dollar verdient hatte? Tatsache war, dass sie sich auf ihn stürzten wie Hyänen. Er war ein gefundenes Fressen, die brandheißeste Story aus Hollywoods Traumfabrik und das schwarze Loch, in dem er sich bereits befunden hatte, wurde größer und dunkler, tiefer und verschlang alles, was sein bisheriges Leben ausgemacht hatte.

Plötzlich war er nicht mehr der Casanova, dessen Karriere gerade im Aufwind war. Er war einfach nur noch der Schwule, der einen drogenabhängigen Stricher zum Freund gehabt hatte. Alles was die Welt draußen noch interessierte, war seine Homosexualität, Spike und sein Versteckspiel. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer. Er war genau in der Hölle, in die er nie geraten wollte. Und er hatte nicht einmal mehr Spike, der ihm zu Seite hätte stehen können.

Ein leichtes Antippen an seinen Rücken riss ihn aus seinen Gedanken. Charlize lächelte ihn an und verdeutlichte ihm mit kleinen Gesten, dass alle auf seine Dankesrede warteten. Ja, er stand noch hier. Mitten auf dieser großen, strahlenden Bühne und ein voll besetztes Kodak Theatre sah ihm erwartungsvoll entgegen. Er musste etwas sagen. Er räusperte sich, sah noch einmal auf die goldene Statur und begann mit seiner Rede.

"Ja ... wenn man hier oben steht, sollte man etwas sagen." Er machte eine Pause, suchte nach den richtigen Worten und fuhr fort. "Ich komme mir vor, wie in einem dieser Alpträume, in denen man vor der Klasse steht, irgendetwas vortragen muss und wenn ich jetzt an mir hinunter sehe, bin ich wahrscheinlich vollkommen nackt."

Das Publikum lachte und Angel spürte, dass er sich hier wohlfühlen konnte. "Wahrscheinlich würde das manchen Frauen ... oder Männern gefallen." Wieder lachte das Publikum. "Doch das alles hier ist Wirklichkeit. Ein wahr gewordener, wundervoller Traum nach einem langem Alptraum."

Plötzlich legte sich eine fast ehrfürchtige Stille über das Kodak Theatre.

"Es ist kein Geheimnis, was mir passiert ist. Man muss nur ein Klatschblatt aufschlagen. Ich bin noch immer interessant genug für die eine oder andere Schlagzeile. Doch ich glaube daran, dass nach so langer Zeit auch die Presse endlich erkennen wird, dass ich nicht nur ein Homosexueller bin, sondern ein ernstzunehmender Schauspieler, der sich alles hart erarbeitet hat. Und all das habe ich nur geschafft, weil ein Mensch an mich geglaubt hat und ich weiß, dass er es immer noch tut. Ich bin sicher, dass uns das Schicksal zusammengeführt hat, dass er mein Seelenverwandter ist, ohne den mein Leben nicht komplett ist. Doch er ist von mir gegangen, weil ich nicht stärker war, als das, was ihm das Leben genommen hat."

Angel wusste, dass seine Redezeit längst abgelaufen war, doch weder die berüchtigte Musik, noch der Regieassistent des heutigen Abends unterbrach ihn. Jeder hier schien zu wissen, wie wichtig ihm dieser Moment war. Wie wichtig ihm diese Worte waren.

"Ich habe mich oft gefragt, warum er von mir gegangen ist, warum er mich mit all dem Schmerz und all dem Chaos allein gelassen hat. Ich habe das Schicksal verflucht, mir dies anzutun und mich selbst, weil ich nicht gesehen habe, was mit ihm los war. Erst jetzt verstehe ich es. Ich will nicht sagen, dass ich glaube, dass er sterben musste, aber ich habe zumindest einen Sinn dahinter entdeckt. Er hat mir gezeigt, nein, mich gezwungen, mir selbst einzugestehen wer ich wirklich bin, dass ich mich nicht verstecken muss, dass ich der sein kann und muss, der ich bin.“ Ergriffen stockte er einen Moment, hatte für einen Augenblick keine Kontrolle über seine Stimme.

Kurz schloss er die Augen und setzte erneut an: „Ohne ihn würde es diesen Film nicht geben, ohne ihn hätte ich niemals diese Rolle gespielt, ohne ihn stünde ich jetzt nicht hier." Angel machte erneut eine Pause, es fiel ihm immer schwerer zu sprechen. Er sah auf den Oscar in seinen Händen und spürte die Tränen seine Wangen hinunter laufen. Er holte tief Luft und richtete seinen Blick nach oben an die Decke.

"Wo auch immer du bist, Spike? Von wo auch immer du mir zusiehst? Ich liebe dich. Du wirst immer bei mir sein. Du wirst immer in meinem Herzen sein. Du wirst immer ein Teil von mir sein. Ich liebe dich, Spike! Für immer und ewig."

Ende!