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Nach dem Essen verfrachtete ich ihn ins Auto, ignorierte seine neugierigen Fragen, wohin wir fuhren und wohin ich überhaupt mit ihm wollte.

„Warts ab, wir sind gleich da!“, antwortete ich ihm lediglich und hielt im nächsten Moment an.

„Komm schon, steig aus!“, rief ich, sprang aus dem Wagen und lief zur Beifahrerseite, um ihn am Arm hinter mir her zu ziehen. Mitten auf der Straße blieb ich dann stehen.

„William, was soll das? Kann es sein, dass du ein bisschen spinnst?“

„Vertrau mir! Stell deinen rechten Fuß hierhin…“, wies ich ihn an. „Okay und den Linken hierhin!“

„Und jetzt?“

„Jetzt stehst du auf der Staatsgrenze!“

„Ja und?“, fragte er irritiert und sah mich ratlos an.

„Du befindest dich in diesem Augenblick an zwei Orten gleichzeitig!“

Angel brütete einen Moment über die Bedeutung meiner Worte, um mir dann lachend um den Hals zu fallen.

„Hey Großer nicht so stürmisch! Das war doch erst der Anfang…“, antwortete ich und schob ihn grinsend zurück zum Wagen.

~*~

Als wir im Auto saßen, griff ich in das Handschuhfach und zog drei kleine Kärtchen hervor.

Neugierig beobachtete Angel jede meiner Bewegungen.

„Tribal, Schriftzeichen oder dieses… dieses undefinierbare Irgendwas… hat irgendwas von einem Vogel“, erklärte ich und hielt ihm die Abziehtattoos unter die Nase.

„Ich nehm den Vogel, der hat was Verwegenes und erinnert an ein Geschöpf der Nacht…“, erklärte er und zog sich sein T-Shirt über den Kopf. „Auf die Schulter, bitte!“ Angel drehte mir entsprechend den Rücken zu.

Bei dem Anblick seines nackten Oberkörpers brauchte ich einen Moment, um zu realisieren, dass er von dem Tattoo gesprochen hatte. Eine Sekunde später kam ich seiner Aufforderung nur zu gerne nach und nachdem das Motiv auf seiner Schulter war, sah er mich mit seinen wundervollen, braunen Augen an, mit einem Blick den ich nicht zu deuten wusste.

~*~

„Wie kannst du das alles sehen, ohne zu glauben?“, fragte mich Angel, nachdem wir eine Weile durch die Nacht spaziert waren.

„Du hast Glück, dir so sicher zu sein!“

„Es ist wie beim Wind. Ich kann ihn nicht sehen, aber fühlen“, erklärte mir Angel, der für einen Moment genießend seine Augen schloss.

„Und was genau fühlst du?“

„Ich fühle Schönheit, Freude und Liebe. Ich meine, darum dreht sich doch alles…“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, machte ich einen Schritt auf Angel zu und küsste ihn. Diesmal war ich mir sehr sicher, dass er die Berührung erwiderte. Behutsam zog ich mich zurück, sah ihm tief in die Augen und gestand ihm dann, was ich fühlte.

„Angel, ich liebe dich.“

Entsetzt sah er mich an.

„Jetzt wärst du an der Reihe etwas zu sagen!“

„Du solltest dich doch nicht in mich verlieben…“, flüsterte er und zog mich anschließend in seine Arme, um mich dann von sich aus zu küssen.

Ende!