File 1: stories/6/424.txt
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Ziellos tigerte Justin am nächsten Tag durch das Krankenhaus. Die Atmosphäre jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken, er fühlte sich unwohl und versuchte, sich auf seinen eigenen Kampfgeist zu besinnen.

Vic`s Zustand hatte sich nicht gebessert. Er lag immer noch auf der Intensivstation. Die Schwester hatte ihm gesagt, sie müssten weitere vierundzwanzig Stunden abwarten, bis man mehr sagen konnte.

Sein schlechtes Gewissen hatte ihn hergetrieben. In einem Fenster auf dem Flur, in dem er stehen geblieben war, hatte er sein eigenes, verschrecktes Spiegelbild gesehen. Er dachte daran, zu den Schwestern zu gehen und nachzufragen, ob Chris Hobbs eingeliefert worden war. Schon eine geraume Weile. Nicht seine klügste Idee.

Er zuckte zusammen, als sein Handy anfing zu vibrieren.

„Cody", sagte Justin matt in sein Handy.

Statt zu sagen, dass er sich Sorgen gemacht hatte, fragte Cody gerade heraus: „Wo bist du?"

„Im Krankenhaus."

„Oh Mann", stöhnte Cody. „Was machst du da? Hobbs ist tot, finde dich damit ab! Er hat es verdient. Du hast Gerechtigkeit verdient! - Justin?" Es war still am anderen Ende. „Bleib, wo du bist, ich komme", sagte Cody plötzlich kurzentschlossen. „Eigentlich wollte ich dich fragen, ob wir heute Abend zum Schießstand gehen, aber du... so muss der Berg eben zum Propheten kommen."

Cody legte auf, bevor Justin widersprechen konnte. Es wäre sicher nicht schlecht, mit jemandem darüber zu reden, was er getan hatte - allerdings war Cody der denkbar Subjektivste, den er kannte. Von ihm würde er nur zu hören, was er die ganze Zeit von ihm gehört hatte: Rache ist süß.

Doch Justin hatte nur das Gefühl, dass sie bitter schmeckte. Es war keine prompte Rache auf eine schnellzüngige Beleidigung, sondern bloß eine neue Tat, die er auf seine eigenen Schultern geladen hatte. Statt sich mit dem Mord an Chris Hobbs' endgültig der Altlasten zu befreien und Befriedung zu erfahren, weil er die Justiz in seine eigenen Hände genommen hatte, hatte er sich nur noch mehr aufgebürdet. Justin fragte sich, wie Hobbs damit hatte leben könnte.

Er drehte sich um, als zwei Krankenschwestern und ein Arzt an ihm zu einem Patientenzimmer vorbeirannten. Er hörte ihre Rufe und bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung. Nur schnell raus hier.

Draußen angekommen fasste er sich an den Kopf. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Justin merkte, dass sich Kopfschmerzen anbahnten.

Das Lied brummte in seinem Schädel. Brian und er waren nach dem Abschlussballzusammen in die Tiefgarage gegangen. Brian hatte ihm zwei kurze Küsse gegeben, die nicht mehr Liebe innehaben hätten können. Und Sunshine hatte seinem Namen alle Ehre gemacht.

Er erinnerte sich daran. Sein Name hallte lautstark zwischen den Betonwänden und noch im gleichen Moment sauste der Baseballschläger von Hobbs' auf ihn nieder. Justin wusste nicht, wie ihm geschah, so schnell passierte es. Nur ein Wimperschlag und er war niedergestreckt.

Dann nichts mehr.

Paralysiert und apathisch stand Justin vorm Eingang. Ein Zittern ging durch seinen Körper. Ihm war kalt. Sein Atem war weißer Rauch in der Luft. Er musste sich bewegen. Wie ein Tiger im Käfig lief er seine Bahnen ab.

Er hatte sich seine vernarbten Wunden aufgerissen.

Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter. „Justin." Cody ging um ihn und sah ihn sich genau. „Ich dachte, es würde dir besser gehen. Es sollte dir besser gehen." Seine Hand ruhte noch einen Moment an Ort und Stelle, als wolle er damit seine Verbundenheit verdeutlichen.

„Es war ein Fehler." Justin schaute zu Boden. Seine Krüppelhand bebte. Er versuchte sie ruhig zu halten, hatte jedoch keine verfluchte Kontrolle darüber.

Cody zückte sein Handy.

„Wen willst du anrufen?", fragte Justin neugierig.

„Die Pathologie." Er beobachtete ihn, während er in sein Handy sprach. „Einen schönen guten Tag, hier sprich Cody Stoddard. Ein Freund von mir wurde gestern Nacht überfallen. Chris Hobbs heißt er. Mit zwei B. Ich weiß nicht mehr, in welches Krankenhaus er geliefert wurde."

Justin wartete hoffnungsvoll auf die Antwort, während Cody einen eisernen Blick aufsetzte, der sagte, er solle bloß nicht zu viel erwarten.

„Ich danke Ihnen", antwortete Cody liebenswürdig und legte auf. „Er ist hier. Hobbs atmet. Kritischer Zustand, aber er atmet. Zufrieden?"

„Zufrieden?", keuchte Justin. Er schlug nach Cody aus, was nicht viel brachte. Er machte einfach einen Sprung zur Seite. „Ich wollte nie jemanden töten, auch wenn ich es mir tausend Mal, Millionen Mal ausgemalt hat, wie ich ihn mit dem Baseballschläger niedermetzele, dass ihm das Gehirn aus dem Schädel leckt!"

„Der Idiot lebt!", brüllte Cody wütend zurück.

„Ich wollte einfach nur vergessen, was er mir angetan hat. Sechs Monate Reha haben mich tagtäglich daran erinnert. Ein Jahr lang hatte ich regelmäßig Alpträume. Wie lange musste ich die Zähne zusammenbeißen, den Schmerz vertreiben und meine Hand benutzen? Ich dachte, er hätte mir meine Leidenschaft genommen: Ich konnte nichts mehr, keinen Stift halten, nicht mal eine Gabel! - Stell' dir das vor! Mal' es dir aus!"

„Justin." Versöhnlich und mit ausgestreckten Armen machte Cody einen Schritt auf ihn zu und berührte ihn bei den Oberarmen. „Ich verstehe dich."

„Dir ist so was doch nie passiert." Justin war richtig hysterisch, aber vor allem zornig. Er fasste sich. Die Wut und die Angst waren wieder voll da, als wäre von den zwei Jahren zwischen Jetzt und dem Überfall kein Tag vergangenen, aber jetzt arbeiteten sie für ihn. „Ich war vor dir ein Verteidiger der Community und werde es nach dir sein. Dazu muss ich nicht auf dein Niveau oder Hobbs' sinken. Ich brauche keine Waffen, ich habe meine Stimme." Ich habe Rage.

Justin war im Begriff zu gehen, doch auch diesmal hielt Cody ihn zurück.

„Er wird genau das Gleiche durchmachen wie du. Hobbs wird nie wieder jemanden verletzten. Du weißt doch gar, ob es andere wie dich gab. Jemand, der ein Verbrechen begangen hat, den muss man bestrafen!"

„Es gibt zwei Arten von Heteros; die einen zeigen dir ihren Hass direkt von Angesicht zu Angesicht und die anderen hassen dich hinter deinem Rücken. - Ich kann damit leben." Justin hatte Brians Motto verinnerlicht und vielleicht auch im gewissen Sinn hingenommen. „Selbstjustiz ist keine Antwort. Weil es nur noch mehr wehtut."

„Wir müssen kämpfen! Den Abzug drücken, wenn's drauf ankommt!"

„Ich will dich nicht mehr sehen. Meine Rache reicht mir für den Rest meines Lebens."

Diesmal bohrten sich Codys Finger in Justins Oberarm. Justin sah auf die klammernde Hand und dann zu ihm. Wäre Cody ein Hund, hätte er jetzt die Zähne gefletscht und drohend geknurrt. „Ich habe mich von dir mitschleifen lassen, weil ich glaubte, das sei der Weg. In gewisser Hinsicht war er das. Ich konnte einige Dinge loswerden, meine Wut, die ich seit der Nacht mit mir rumschleppe. Das war befreiend. Puschte mich. Du puschtest mich. Jetzt, ich bin mit mir nicht mehr im Reinen, weil... ich die verfickte Waffe in die Hand genommen habe. Aber das verstehst du nicht."

„Ich verstehe sehr wohl!", beschwor Cody.

Die Knarre hatte eine gewisse Magie, die Justin fasziniert hatte. Das würde niemand, der noch nie eine in der Hand gehalten und damit auf etwas gezielt hatte, verstehen. Justin unterbrach ihn: „Wie viele sind von der Pink Posse noch übrig? Überleg mal. Was sagt dir das?"

„Dass ich von feigen Pussies umgeben bin! Ich bin nicht bereit zurückzustecken, nur weil ich keine Mitstreiter habe. Es kommen neue. Ich werde nicht aufhören, zu kämpfen. Soll sich mein Vater mir in den Weg stellen. Meine Freunde mich verlassen, meine sogenannte Karriere den Bach runtergehen, mein Exfreund nicht mehr mit mir reden... ich bleibe hart!"

Cody hatte etwas Verzweifeltes angenommen. Das einzige, was ihn anzutreiben schien, war seine Wut und mit einem Mal tat er ihm leid.

„Du hattest einen...", fragte Justin nach.

„Er hasst mich. Wir hatten eine geheime Beziehung und als es rauskam, hat er sich distanziert. Er hat sich von allem zurückgezogen. Nein, natürlich ist er nicht schwul, nur ein verwirrter Junge. Ist abgehauen und spielt wahrscheinlich jetzt irgendwo anders einen Hetero." Cody kam langsam von seinem Trip herunter. Sein Griff um Justins Arm löste sich. Er konnte Justins Blick nicht standhalten und sah in die Ferne, als hätte er irgendwo hinter dem Horizont jemanden entdeckt.

„Ich werde nicht...", weiter sprach Cody nicht.

„Nein", nickte Justin.

***

Den Arm um Brians Taille, während der seinen Arm um Justins Schulter gelegt hatte, schlenderte das Paar des Nachts durch die Liberty Avenue.

„Zigaretten, Alkohol, Fastfood: Der Staat muss einem immer die besten Dinge streitig machen", meinte Brian und nahm einen entspannten Zug von seiner Zigarette. Seit neustem war das Woodys eine rauchfreie Zone. „Pure Lustfeindlichkeit", trommelte Brian auf seinem Lieblingsthema herum, „Wer will schon in einer Welt leben, in der es nach Sagrotan statt nach Abenteuer riecht?"

Justin machte ein Geräusch als Antwort. Er schien in Gedanken weit fort zu sein.

„Es sind vier", plauderte Brian überlegend.

„Vier was?"

„Mit den ich geschlafen habe und die inzwischen tot sind."

„Kein übler Schnitt, wenn man deinen Verschleiß bedenkt", meinte Justin.

„Den einen, einen Go-Go-Boy, traf ich, als er in einem riesigen Aquarium mit einem Sandhai schwamm. Keine Ahnung, wer er war, aber ich wollte ihn seiner kraftvollen Bewegungen und seines strammen Bodys wegen. Schade um ihn." Brian zuckte mit den Schultern.

Justin dachte, dass das seine Art war, über Vic´s Zustand zu reden. „Wir sollten ein Ritual für Vic abhalten.... Ich weiß nicht. Mit Blutritualen versucht man, Macht über die Sterblichkeit zu gewinnen. Man ritualisiert das Töten und nimmt damit dem Tod... der Tötungslust die Macht."

„Du meinst, vor dem Beerdigungsritual?" Sich immer noch im Arm haltend durch die Straßen spazierend warf Brian ihm einen neugierigen Blick zu.

Er bekam einen Ellbogen als Antwort zwischen die Rippen.

„Ich bin mir nur der Endlichkeit bewusst geworden..."

Brian seufzte theatralisch: „Ja ja, der Tod ist allgegenwärtig. Kaum hat man einen gefickt, ist er auch schon weg vom Fenster."

„Kannst du eigentlich einmal ernst sein?"

„Todernst?"

„Haha."

„Hey, gegen den Ernst des Lebens hast du doch deine Romantik, in der alles paradiesisch und ewig gut ist. Statt Tod gibt es die Wiedergeburt! - Ich erinnere mich, als ich dich das erste Mal in der Liberty Avenue gesehen habe. Du warst ungleich den anderen, süß und ehrlich, und der heißeste Junge, der mir je über den Weg gelaufen ist. Große Augen, blasses Blau. Wir haben geredet.... Worüber, keine Ahnung."

„Der erste Liebeskummer ist immer der Schlimmste", sagte Justin grinsend, „Man glaubt, niemand auf der Welt habe jemals so gelitten wie man selbst. Man kann sich nur durch den nächsten darüber hinwegretten."

„Mit wie vielen hast du dich über mich hinweggetröstet?"

„Wer hat gesagt, dass ich mich trösten musste? Ich war nie ein Kind von Traurigkeit. Wie viele waren es bei dir?"

„Mein Therapeut war gleich der erste, der mir auf dem Leder im Babylon über diesen schweren Schicksalsschlag hinweg geholfen hat. Aber das war ganz zu Anfang in der akuten Phase..."

„Du hattest Zeit genug, ihn nach seinem Beruf zu fragen?", lachte Justin. „Sonst bist du doch kein Mann vieler Worte."

„Ich bin wählerisch."

„Was? Wen hast du je abgelehnt? Kennst du das Wort ‚Nein'?"

Brian war es gelungen, Justin scherzte locker mit ihm. Dass er charmant war und gleichzeitig Paroli bieten konnte, war das ein exzellentes Zeichen. Sie schwiegen zusammen und jetzt war ein angenehmes Schweigen.

„Ich habe Hobbs angeschossen."

„Ah, deshalb bist du so steif." Brian ließ sich nichts anmerken. Sie gingen weiter, als führten sie ihren kleinen harmlosen Plausch fort.

„Er wird mich wahrscheinlich anzeigen."

„Gibt es Zeugen?"

„Cody."

„Daher weht der Wind." Brian versuchte, seine Gefühle zu verstecken, indem er sich wie ein Arschloch verhielt. Die Schuld nach Hobbs' Attacke auf Justin hatte ihn von innen aufgefressen und war wieder ans Tageslicht gekommen. Er fühlte sich so hilflos wie in der Nacht, als er den blutigen Schal in den Fingern gehalten hatte und er nicht wusste, ob Justin überleben würde.

Und später, während Justin in der Reha war, konnte er ihm nicht ins Gesicht sehen. Das war nicht rational. Wenn Menschen sterben, schwer verletzt oder ihnen etwas Schlimmes zu stößt und anderen nicht, fühlen sich die Überlebenden schuldig, verantwortlich irgendwie.

„Cody würde für mich lügen, wenn es darauf ankommt."

„Dann halt ihn dir warm", erwiderte Brian kurz angebunden.

„Er hat geweint", meinte Justin plötzlich.

„Wer?"

„Hobbs. Er hat richtig geflennt, um sein Leben gebettelt. Ich kann mich nicht erinnern, ob er mich verflucht oder beschimpft hat, aber ich habe ihm etwas gegeben, das er nicht vergessen wird. Meine bescheidene Rede, die ich in meinem Langzeitspeicher habe."

Brian war stehen geblieben und betrachtete ihn. Seine Kiefermuskeln zogen an, als er Justins verspanntes Halblachen hörte.

Der Blonde zuckte achtlos mit den Schultern. „War ich zu passiv? Hätte ich irgendetwas tun können? Habe ich ihn provoziert? Wann habe ich den Punkt, der ihn so wütend gemacht hat, erreicht? Welche Grenze habe ich überschritten? Hätte ich es kommen sehen sollen, können? Hätte ich mich wehren müssen? Ich habe nach Erklärungen, nach Antworten gesucht ... und keine gefunden. Keine, die helfen."

„Hobbs ist krank. Kaputt. Schieb's auf Drogen, schlechte Erziehung, Kindheitstrauma..."

Justin schüttelte traurig den Kopf. Er wollte nicht weinen. „Das war richtiger Hass, man hat gemerkt, er wollte mir einfach wehtun, um jeden Preis. Ich kann nicht verstehen, warum Gewalt so fasziniert. Ich... Wieso? - Solche Fragen habe ich mir zu oft gestellt. Sie ist immer gegenwärtig, die Stunde, die alles veränderte; ich rede oder denke nur nicht ständig daran. Es ist nur etwas, dass ich unter Kontrolle habe... und als ich die Waffe auf ihn gerichtet habe, habe ich sie plötzlich verloren."

Brian nahm ihn in die Armen und platzierte Justins Kopf an seiner Brust gegen sein Kinn. Mit seinen langen Pulloverärmel, die aus der Jacke hervorragten, klammerte sich Justin an ihm fest. Die Menschen liefen ungerührt um sie herum, an ihnen vorbei.

Justin kam langsam wieder runter. „Ich gebe mich hilflos und baue auf deinen männlichen Beschützerinstinkt."

„Weißt du, was mein großes Trauma ist? Mh?", lenkte Brian ihn ab. „Dass ich dich liebe! - Und jetzt gehen wir ins Babylon. Du schuldest mir einen Tanz."

---=== ENDE ===---